Schwarze Lügen, rotes Blut - Kjell Eriksson - E-Book
Beschreibung

Ein aufwühlender Fall für Ann Lindell

Kommissarin Ann Lindell ist frisch verliebt in den Journalisten Anders Brant. Umso fassungsloser reagiert sie, als dieser urplötzlich und ohne Erklärungen verschwindet, genau an dem Tag, an dem der Obdachlose Bosse Gränsberg erschlagen aufgefunden wird. Einen regelrechten Schock erleidet sie aber, als sie feststellt, dass die Telefonnummer in der Tasche des Ermordeten die von Anders ist. Während sie vergeblich versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen, wird die Ermittlungsarbeit in Uppsala zusehends komplizierter. Zwei weitere Todesfälle sind aufzuklären, die mit dem Mord an dem Obdachlosen zusammenzuhängen scheinen.

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EPUB

Seitenzahl:503


Kjell Eriksson

Schwarze Lügen, rotes Blut

Ein Fall für Ann Lindell

Kriminalroman

Aus dem Schwedischenvon Gisela Kosubek

Deutscher Taschenbuch Verlag

Deutsche Erstausgabe 2010© Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, MünchenDas Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.eBook ISBN 978-3-423-41117-2 (epub)ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21253-3Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/​ebooks

|5|1

Du bist anders«, sagte Ann Lindell.

Eine banale Redensart, das stimmte schon, aber ihr fiel nichts Besseres ein.

»Ist das nun gut?«

Anders Brant lag mit geschlossenen Augen da, eine Hand auf dem Bauch, die andere unterm Nacken. Sie sah ihn an, das dunkle schweißnasse Haar an den Schläfen, die vibrierenden Lider, die im ersten Morgenlicht rotviolett schimmerten, und die Bartstoppeln, die ihren Körper zerkratzt hatten, meine Marter, hatte er gesagt, ständig muss ich mich rasieren.

Er war kein athletischer Mann, nur wenig größer als sie selbst, sein jungenhafter Körper machte es einem schwer, ihm die vierundvierzig Jahre abzunehmen, die er im August wurde. Wie ein Ausrufezeichen lief ein dunkler, krauser Streifen vom Nabel zum Schamhaar.

Sein Gesicht war schmal und ein wenig konturlos, doch wenn er lächelte, da begann es zu leben. Vielleicht war es seine Unbekümmertheit, die als Erstes ihr Interesse geweckt hatte. Als sie ihn dann besser kennenlernte, gestaltete sich das Bild komplizierter. Genau darin sah sie dieses Anderssein, oft wirkte er sorglos und ein bisschen spitzbübisch, zugleich aber gab es da eine innere Glut, die manchmal in seinem Blick aufflammte und seine Hände zum Gestikulieren brachte. Dann war er alles andere als sorglos. Als sie jetzt seine entspannten Züge betrachtete, |6|kam ihr in den Sinn, dass Brants Naturell sie an Sammy Nilsson erinnerte, der inzwischen zu dem Kollegen für sie geworden war, dem sie sich anvertrauen und mit dem sie auch anderes als die Trivialitäten des Jobs diskutieren konnte.

»Ich weiß nicht«, erwiderte sie etwas zu bedeutungsschwer, wodurch ihr das Gesagte noch banaler vorkam.

Vielleicht aber hatte er ja begriffen: Dass sie sich verliebt hatte. Bisher hatte keiner von ihnen etwas Derartiges angedeutet.

Und war das nun wirklich gut? Von ihren bisherigen Männern unterschied er sich jedenfalls auf jede erdenkliche Weise. Eigentlich waren es nicht sehr viele gewesen, zwei etwas längere Beziehungen, Rolf und Edvard, und dann ein paar kurzzeitige. Die wenigen Wochen mit Anders Brant aber hatten sie gründlich durcheinandergewirbelt.

Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich begehrt. Er machte kein Geheimnis aus seiner Sehnsucht nach ihr, rief sie auf der Arbeit an und flüsterte Dinge in den Hörer, die sie sprachlos machten. Wenn sie sich dann trafen, zog er sie an sich, und trotz seines schmächtigen Körpers wirkten die Hände kraftvoll. Manchmal wehrte sie sich, aus Angst, dass Erik sie überraschen könnte, anfangs auch aus Angst vor dem heftigen Verlangen, das ihren Körper erfasst hatte, so als täten sie etwas Verbotenes.

»Sich in die Arme zu nehmen, ist nicht gefährlich, entspann dich«, sagte er immer.

Er machte ihr den Hof, und er redete, noch nie war Anns Wohnung so voller Worte gewesen. Er sprach, aber nicht von damals oder von später, immer von heute. Nicht bereit, Details aus seinem früheren Leben zu enthüllen, und keine einzige Silbe über Pläne, oder was er erträumte.

Ann wusste so gut wie nichts über seine Familie, nur dass er der Älteste von vier Geschwistern war und seine |7|Mutter irgendwo in Südschweden wohnte. Der Vater war schon frühzeitig verschwunden, ihr war nicht klar, ob er noch lebte. Auf ihre Frage hatte Brant nur gemurmelt: »Der Alte war verdammt unerfreulich.«

Nur wenige Dinge versetzten ihn in Erstaunen, ihre biografischen Auskünfte registrierte er mit Gleichmut, und nie brachte er ihre Erlebnisse mit Szenen aus dem eigenen Leben in Verbindung. Das größte Interesse und Engagement zeigte er, wenn sie gemeinsam die Abendnachrichten anschauten. Dann konnte er sich aufregen oder mit zynischem Spott reagieren. Journalistenkollegen, die nach seinem Dafürhalten ihre Arbeit nicht taten, ernteten höhnische, manchmal auch giftige Kommentare.

Trotz dieser eigenartigen Schlaffheit allem Privaten gegenüber war er einfach da, nie fühlte sie sich gelangweilt oder unbeachtet. Ohne großes Getue glitt er in ihr Leben hinein. Das gefiel ihr, sie glaubte, der Kontrast wäre zu groß gewesen zu ihrer ruhigen, seit Jahren festgefügten Existenz, wenn er in heftige Liebesschwüre ausgebrochen wäre oder romantische Luftschlösser errichtet hätte.

Für ihn schien es vollkommen selbstverständlich zu sein, dass sie zusammen waren.

Manchmal spürte sie eine gewisse Unruhe an ihm. Er verstummte, wurde unkonzentriert und konnte fast abweisend wirken, obwohl seine Worte keine Irritation ausdrückten. Hin und wieder ließ er sie auf dem Sofa oder am Küchentisch zurück und ging auf den Balkon. Das waren die einzigen Male, dass sie ihn rauchen sah, schmale Zigarillos, die er mit geschlossenen Augen genoss, zurückgelehnt in dem Korbstuhl sitzend, den sie von Edvard bekommen hatte. In diesen Momenten wollte er in Frieden gelassen werden, das hatte sie kapiert.

Wenn das Zigarillo aufgeraucht war, putzte er sich stets die Zähne, auch das gefiel ihr.

|8|»Ich muss los«, sagte er, sie in ihren Gedanken abrupt unterbrechend. »Ich bleibe vielleicht eine Woche weg oder zwei.«

Hastig erhob er sich aus dem Bett, zog sich rasch an und war verschwunden.

2

Der Ort war genauso jämmerlich, wie es garantiert auch das Leben des Toten gewesen war. Ein überflüssiger Ort, kalt, zugig und unbequem, ohne Schönheit oder den geringsten Reiz. Die Pflänzchen, die sich durch den Schotter nach oben gedrängt hatten, berichteten von chlorophyllarmer Kärglichkeit und reiner Misere. Es war ein Verbannungsort, ein Guantánamo der Vegetation.

Ola Haver glaubte, dass sogar die Arbeiter, die die Stelle grundiert, armiert, gegossen und darauf Schotter ausgebracht hatten, längst nicht mehr wussten, dass sie hier gewesen waren. Der Örtlichkeit fehlte es an Stolz.

Sein Vater hatte das einmal gesagt, als sie bei einer Unterführung und den Böschungen neben der Landstraße vorbeigekommen waren. Der Vater hatte völlig unmotiviert gebremst und am Straßenrand angehalten.

»Was für ein Scheißort«, stieß er hervor, während er die schotterbedeckten Hänge verächtlich musterte.

Er erklärte, dass er vor vielen Jahren am Bau der Unterführung beteiligt gewesen war, aber diesen Unort völlig vergessen hatte. Es war das erste Mal, dass ihn Ola Haver etwas Negatives über eine Arbeitstätte sagen hörte. Sonst wies er gewöhnlich mit Stolz auf all die Häuser und Anlagen hin, an deren Bau er mitgewirkt hatte.

|9|Ein Unort, an dem man die traurige, schmuddlige Gestalt zu Havers Füßen erschlagen hatte. Der Mann lag auf dem Bauch, mit zertrümmertem Schädel, die Arme ausgestreckt, so als sei er aus einem Flugzeug ins Luftmeer gesprungen und ungebremst auf dem Boden aufgeschlagen. Ein gescheiterter Fallschirmspringer.

Das war es, was Ola Haver sah und dachte. Warum hier? Wann ist das passiert und wie? Er studierte den Toten, dessen im Schotter verkrallte Hände, die Wunden an den Fingerknöcheln, die fettigen Haare, den sauber ausrasierten Nacken, die derben Schuhe, mit farbigen Bändern nachlässig verschnürt, die Flecken auf der Hose und nicht zuletzt die Panik, die in der Gesichtshälfte zu lesen war, die auf eigentümliche Weise nach oben wies. Haver kam auf die Idee, dass der Mann im Augenblick des Todes versucht haben könnte, den Kopf zu drehen, um ein letztes Mal den Himmel zu sehen, was den unnatürlichen Winkel erklären würde. Hatte er an Gott geglaubt? Dieser völlig irrationale Gedanke ging dem Kriminalpolizisten durch den Sinn, und auch wenn es ihm unwahrscheinlich vorkam, wünschte er, dass es so gewesen wäre. Der Tote hatte den Himmel schauen dürfen. Denn selbst wenn er ein unverbesserlicher Sünder war, würde Gott Erbarmen zeigen mit einem Mann, der sein Leben auf so schmähliche Weise verloren hatte, davon war Haver überzeugt.

Wie alt war er wohl geworden? Etwa fünfundvierzig vermutlich. Sie hatten in seinen Taschen weder Portemonnaie noch sonst ein Dokument gefunden, das über sein Alter oder seine Identität berichten konnte.

Und warum gerade hier? Weil sein Leben so ausgesehen hatte wie dieser Ort? Möglicherweise hatte er in der Nähe gewohnt? Etwa hundert Meter weiter stand ein ausrangierter Bauwagen, war das vielleicht seine Unterkunft?

Und wann ist es passiert? Haver ahnte, dass der Mord |10|einige Stunden zurücklag, wahrscheinlich schon einen ganzen Tag. Sie würden es zu gegebener Zeit schriftlich bekommen.

Wie ein Schatten schwebte die Gestalt seines Vaters über dem Ort. Oft, viel zu oft, wie er selbst fand, war er in Gedanken bei seinem Papa und dessen unerwartetem Tod. Er sprach selten oder nie von ihm, aber die Vorstellung, dass er jetzt schon länger lebte als sein Vater gelebt hatte, machte ihm zu schaffen.

Im Hintergrund hörte er die Kriminaltechniker reden. Morgansson palaverte ununterbrochen. Johannesson war wie üblich einsilbig. Haver stand zu weit entfernt, um zu verstehen, worum es ging.

Allan Fredriksson streunte wie immer scheinbar planlos umher. Er sucht wohl nach seltenen Gewächsen, dachte Haver, nicht ohne Verbitterung. Die Begeisterung des Kollegen für die Natur kannte keine Grenzen. Selbst an einem Tatort ließ er sich zu Betrachtungen hinreißen, registrierte und systematisierte und gab für sein Umfeld oft völlig exzentrische Kommentare zur Tier- und Pflanzenwelt ab. Befand er sich in möblierten Zimmern oder öffentlichen Gebäuden, wirkte er desorientiert. Fredriksson gehörte ins Freie, selbst wenn es sich um einen vom Menschen verdammten Ort handelte. Kräutern und Gewürm war der Platz egal. Sie bekamen immer etwas zu fassen, und das galt auch für den Waldfreak Fredriksson.

Ola Haver reagierte mit immer größerem Unwillen auf Fredrikssons Fähigkeit, das zutiefst Unmenschliche der von ihnen aufzuklärenden Gewaltverbrechen beiseitezuschieben zugunsten stiller Naturbetrachtung. So etwas war unwürdig, fand Haver. Für ihn war der Tod eine so unerhörte Begebenheit, dass nichts die Konzentration darauf stören durfte. Jedes Mal, wenn er vor einem leblosen Körper stand, dachte er an seinen Vater. Fredriksson hingegen |11|redete vom Wachsen und Sprießen, von Schwarzspechten, seltsamen Insekten oder was auch immer ihm vor Augen kam. Haver quälten Gedanken an die Sinnlosigkeit, während Fredriksson geradezu stimuliert zu sein schien.

Vielleicht bin ich nur neidisch?, dachte Haver, als er Fredrikssons vorgebeugte Gestalt musterte. Der dünne Mantel des Kollegen war aufgeknöpft, und wenn der Wind zwischen die Betonpfeiler fuhr, flatterte er ihm um den mageren Leib.

Vielleicht war es ja ermutigend, dass Fredriksson selbst im erbärmlichsten Umfeld Leben und Weiterleben entdecken konnte? Haver spürte, wie sich sein schlechtes Gewissen regte. Wie kann ich mir anmaßen, nur mein Herangehen als richtig zu betrachten? Fredriksson ist als Polizist weder schlechter noch besser als jeder andere von uns, weshalb dann also seine Naturschwärmerei verdammen? Möglicherweise war das ja seine Art, mit der Wirklichkeit klarzukommen, sie für sich fassbar und erträglich zu machen.

Aus dem Augenwinkel bemerkte Haver, dass Johannesson näher kam. Der Kriminaltechniker, der erst seit einem halben Jahr zu ihnen gehörte, verhielt den Schritt, so als zögere er. Ola Haver machte eine unbewusste Bewegung, schüttelte heftig die Schultern, so als wolle er etwas Unbehagliches loswerden.

»Wie steht’s?«, fragte Johannesson.

Haver zog es vor, die Frage zu ignorieren.

»Was habt ihr gefunden?«

Der Techniker bewegte unbestimmt die Hand.

»Ich glaube, das hier ist der Tatort«, sagte er. »Zwei Schläge und Schluss. Der Alte fiel direkt nach dem ersten Hieb und bekam einen weiteren auf den Hinterkopf. Dazu kann der Pathologe aber wohl mehr sagen.«

|12|Der Alte, dachte Haver, der Ermordete war vielleicht jünger als er selbst.

»In der Hosentasche steckte ein Zettel«, sagte Johannesson.

»Ein Zettel?«

»Das Einzige, was wir gefunden haben.«

Raus mit der Sprache, dachte Haver. Im Hintergrund hustete Fredriksson. Am Morgen hatte er geklagt, dass er sich nicht wohlfühle.

»Eine Telefonnummer«, sagte Johannesson endlich.

Haver starrte zu den Autos auf der Fahrbahn unterhalb der Stelle, wo sie den Ermordeten gefunden hatten. Der Verkehr war dichter geworden. Die wissen nichts, dachte er. All die Leute, die jetzt zur Arbeit fahren, wissen zum Glück nicht, wie nahe sie dem Tod sind.

»Eine Telefonnummer?«

Der Techniker hielt eine Plastikfolie mit einem Zettel hoch. »Ich glaube jedenfalls, dass es eine Telefonnummer ist. Willst du sie aufschreiben?«

Haver nickte und kramte nach Stift und Papier. Sechs Ziffern, drei davon eine Vier. Immerhin etwas, dachte er, ein Vierer-Drilling, der schlägt zwei Paare. Wen hast du angerufen? Wen wolltest du anrufen?

Fredriksson näherte sich. Johannesson lächelte ihm überraschend zu.

»Ich gehe zum Bauwagen hoch«, sagte Haver und zeigte in die Richtung.

Von der Schnellstraße ertönte die trötende Hupe eines Trucks, Johannesson drehte sich um und studierte den Strom der Fahrzeuge, und falls es seine Absicht gewesen war, etwas zu sagen, überlegte er es sich doch anders und kehrte mit ausdrucksloser Miene zu dem Toten zurück.

Haver machte sich auf den Weg, bevor Fredriksson heran war.

|13|Du bist an einem Ort mit Aussicht gestorben, dachte Haver und betrachtete die Bühne einer Tat, von der man in den Abendblättern bestimmt als »Obdachlosenmord« oder Ähnlichem berichten würde.

Die Reifen des Bauwagens waren ohne Luft, aber sonst war er in passablem Zustand. Die Anhängevorrichtung wirkte neu. Es war ein gelber Valla-Wagen kleineren Modells, mit Sitzplätzen für vier, vermutete Haver. Er stand zwischen ein paar kräftigen Tannen, Vertreter dessen, was vor nicht allzu langer Zeit als ländliches Gebiet bezeichnet werden konnte oder vielleicht als Grenzstreifen zwischen Stadt und Land. Jetzt hatte die expansive Stadt sich in die Natur hineingefressen, hatte den Wald verschlungen und durch Straßen und Verkehrsknotenpunkte ersetzt.

Die Tür war geschlossen. Haver streifte sich einen dünnen Handschuh über, drückte mit einem Finger die Klinke hinunter, und die Tür glitt willig auf. Linker Hand lag das, was einmal der Umkleideraum gewesen war, doch hatte man sämtliche Spinde entfernt. An der einen Wand stand ein Feldbett, am Fußende lag eine zerwühlte graue Decke. Auf der gegenüberliegenden Seite befanden sich ein paar große Plastikkisten mit Deckel und ein gigantischer Werkzeugkasten. An einem Nagel hing ein Helm. Den hätte er gebraucht, dachte Haver.

Er schlüpfte in die Schuhüberzüge und stellte sich direkt in die Tür, um einen Überblick zu gewinnen. Bei einer Bodenfläche von vielleicht zehn Quadratmetern war das rasch erledigt.

Der Wagen war höchstwahrscheinlich die Behausung des Toten gewesen. Falls nicht, gab es eine Verbindung hierher. Er war auf jeden Fall die provisorische Bleibe eines Obdachlosen.

Im Raum zur Rechten standen ein am Boden festgeschraubter Tisch und vier Stühle. Die Tischplatte war |14|mit allem Möglichen übersät, einer Handvoll Werkzeuge, einer Rolle Stahldraht, einer Packung Knäckebrot, einem Stapel schmutziger Pappteller, aber weder Flaschen noch Bierdosen, registrierte Haver leicht verwundert.

Er verließ die Behausung und kehrte zu den Technikern zurück.

»Ihr müsst euch den Bauwagen ebenfalls vornehmen.«

Morgansson nickte.

Fredriksson schlenderte noch immer umher, doch als er sah, dass Haver zurückgekommen war, begab er sich allmählich in dessen Richtung.

Haver warf einen letzten Blick auf den Toten, machte kehrt und ging zu seinem Auto. Er kochte vor Erbitterung. Niemand, schon gar nicht Fredriksson, durfte irgendetwas sagen! Dann würde er explodieren und Dinge von sich geben, die er zeitlebens bereuen würde.

In Gedanken sah er seinen Vater, den kraftstrotzenden Bauarbeiter, der wortlos zusammensackte, sich mit der Hand über die Kehle fuhr und nach einem Wespenstich erstickte.

Am Auto angekommen, bereute Haver, dass er weggegangen war, dennoch startete er den Motor, legte den Gang ein und fuhr los. Seinetwegen sollte Fredriksson machen, was er wollte, er konnte ja mit den Technikern mitfahren, dachte er rücksichtslos.

3

Sie erinnerte sich plötzlich an den Schmerz. Hatte er ihr einen Klaps versetzt? Ungeniert hatte sie ihren Hintern hochgeschoben. Sie meinte seine Hände noch immer schwer auf ihren Hüftknochen zu spüren.

|15|Sie holte tief Luft, atmete aus, senkte den Blick, ließ ihn verharren, drehte vorsichtig den Kopf und schnüffelte. Er hatte ihre Achselhöhle geschleckt. Ihr war das erst merkwürdig vorgekommen, fast unangenehm gewesen, aber schon bald stellte sich Wohlbehagen ein. So hatte es angefangen, mit seiner Zunge.

»…zwei Schläge gegen den Kopf… die Verletzungen…«

Allan Fredrikssons Stimme unterbrach sie einen Augenblick in ihren Gedanken, sie hob den Kopf und sah den Kollegen auf der gegenüberliegenden Tischseite an. Er begegnete ihrem Blick, und einen Moment hielt er in seinem Redefluss inne, dann sprach er weiter.

»…der Fundort ist vermutlich mit dem Tatort identisch.«

Ottosson atmete schniefend ein und zog ein riesiges Taschentuch hervor. Das heftige Schnauben ließ Fredriksson von seinen Notizen aufschauen.

»Versuch es mit Echinacea«, empfahl er.

Ottosson schüttelte den Kopf und faltete das Taschentuch wieder sorgfältig zusammen.

Stertbacken – warum hatte er einen so ungewöhnlichen Ausdruck benutzt? Kam er aus der Provinz Schonen oder so? Vermutlich nicht, sie meinte sich zu erinnern, dass er von den Menschen dort ungeheuer geringschätzig geredet, sie als provinziell und dröge bezeichnet hatte, was man Anders Brant wahrhaftig nicht nachsagen konnte.

Er war gewieft, das hatte sie sehr schnell begriffen, und erfasste Zusammenhänge rasch. Im Moment aber beschäftigte sie sein allerbestes Stück. Gewieft oder nicht, jedenfalls war er der perfekteste Liebhaber, den sie je gehabt hatte. Er hatte es zuwege gebracht, dass sie sich schön und begehrenswert fühlte, wie kein anderer zuvor hatte er die Linien ihres Körpers erkundet. Ich bin über vierzig, hatte |16|sie protestiert, da hatte er nur gelächelt, ihr über den Rücken gestrichen, bis zur Rundung des Pos. »Die Todeskurve« hatte er gesagt und die Hand in Richtung Schoß weiterwandern lassen. Unbekümmert hatte sie die Beine etwas gespreizt, aber seine Hand bewegte sich über den Schenkel zur Kniekehle.

Er ging langsam vor, sprach zuweilen von tantrischem Sex, wovon sie noch nie gehört hatte, dann aber war er plötzlich heftig und leidenschaftlich. Immer auf ihre Stimmung und Wünsche achtend, kurzum ein Kracher, wie Görel es ausdrücken würde.

Drei Wochen lang hatten sie sich getroffen, ausschließlich bei ihr zu Hause. Das wäre am praktischsten, meinte er und behauptete, seine Wohnung sei eng, und er habe es nicht so mit dem Aufräumen. Ihr war es recht, so brauchte sie sich um keinen Babysitter zu kümmern. Erik hatte von dem Mann, der da kam und ging, nicht weiter Notiz genommen. Anders war stets verschwunden, bevor Erik aufwachte, und Ann war sich nicht sicher, ob der Junge begriff, dass er hier übernachtet hatte. Eines Abends hatten die beiden zusammen an einem Computerspiel gesessen, und am nächsten Morgen hatte Erik gefragt, wo der »Alte« abgeblieben war.

Sie hatten sich in den vergangenen zwölf Stunden dreimal geliebt – das war mehr als alles, was Ann in den letzten zwei Jahren vor ihrem Zusammentreffen mit Anders erlebt hatte. Sie schielte zur Uhr, es war erst eine gute Stunde her, dass er aus ihr geglitten war.

Sie fühlte, wie sich ihr Unterleib zusammenzog. Sein Mund hatte sie wie der keines anderen liebkost, war das Rückgrat hinunter bis zum Steiß gewandert und immer weiter, seine Hand hatte ihre Pobacken geöffnet, und die warme Zunge spielte. Vorsichtig hatte seine Zungenspitze Muster gezeichnet.

|17|»…das jedenfalls glaube ich.«

Fredriksson verstummte.

Lindell griff nach dem Stift, der vor ihr auf dem Tisch lag.

»Hast du auch Fieber?«, fragte Fredriksson.

»Nein, nein«, versicherte Lindell.

»Du siehst etwas erhitzt aus.«

Sie lachte. Und hörte selbst, wie gekünstelt das klang, mädchenhaft und nervös. Ihre um den Tisch versammelten Kollegen schauten sie an. Haver mit Erstaunen im Blick, Beatrice mit milder Nachsicht und Ottosson beunruhigt, die Furche zwischen den Brauen. Fredriksson wirkte völlig verständnislos, während Sammy Nilsson grinste und das V-Zeichen machte.

»Ich bin nur ein bisschen…«

»Ein bisschen was?«, fragte Ola Haver.

Er begreift, dachte Lindell. Ihre Blicke hatten sich getroffen, bevor sie wegsah. Mit Willenskraft versuchte sie ihre Gedanken einzufangen.

Erst jetzt fiel ihr ein, dass sie am Abend zuvor eine Einladung zu Ola Haver und seiner Rebecka ausgeschlagen hatte. Sommer für Sommer ließen die beiden ein Grillfest steigen. In den vergangenen Jahren hatte sie grundsätzlich daran teilgenommen, diesmal aber war sie dem Fest ferngeblieben. Ihre Abwesenheit war ganz sicher diskutiert worden.

Ann Lindell schaute zu Fredriksson.

»Was wissen wir über seinen Bekanntenkreis?«

»Hat dein Gehirn ausgesetzt? Allan hat doch gerade berichtet, dass wir die Identität nicht kennen.«

Sammy Nilssons Worte ließen sie auf die Tischplatte blicken.

»Ich war einen Moment abwesend«, sagte sie leise.

»Und wo warst du?«, fragte Beatrice Andersson.

|18|Er hat meine Achselhöhle geschleckt, dachte sie lächelnd und hob den Blick.

»Ich war an einem Ort, wo du noch nie gewesen bist, Beatrice«, erwiderte sie Sekunden später, noch immer lächelnd. »Entschuldigt bitte, aber ich muss dringend telefonieren.«

Sie stand auf, schnappte sich ihr Notizbuch und den Stift. Man sieht es mir an, dachte sie, als sie den Raum verließ, sich der Blicke ihrer Kollegen wohl bewusst.

»Dringend«, murmelte sie draußen auf dem Flur vor sich hin und grinste.

Nach ihrer panikartigen Flucht aus der morgendlichen Besprechung hatte sich Ann Lindell in ihrem Büro verbarrikadiert, hatte den Hörer neben das Telefon gelegt und sich hingesetzt, aber nicht an den Schreibtisch, sondern in den Lehnstuhl, den sie an der Schmalseite des Zimmers zwischen ein paar gigantische Archivschränke geschoben hatte. Das Büro war derart klein, dass der Stuhl vor dem Schreibtisch ständig im Weg gewesen war. Wenn jetzt jemand die Tür öffnete und hereinschaute, würde er denken, sie sei nicht am Platz. Genauso fühlte sie sich auch, als sei sie ganz woanders.

Die Zufriedenheit des frühen Morgens war von einem schleichenden Gefühl der Unruhe abgelöst worden.

Ihr tat alles weh, aber vor allem war sie verwirrt. Sie musste eine Einstellung zu dem Geschehenen finden. Es war so lange her, dass sie mit Gefühlen wie Verliebtheit und Hoffnung hatte klarkommen müssen. Mit Verlust und Sehnsucht war sie leidlich fertiggeworden. Aber mit dem hier? Sollte sie zum Vergleich Rolf oder Edvard heranziehen, zwei Männer aus vergangenen Lebensabschnitten? Kann man von null starten?, fragte sie sich im Stillen und wusste die Antwort sofort.

|19|Sie hatten sich vor ein paar Monaten bei Görel kennengelernt, und freilich hatte er sie schon damals interessiert, vermutlich war es auch Görels Absicht gewesen, sie beide zu verkuppeln. Früher hatte die Freundin bereits Ähnliches versucht, aber ohne Erfolg, scherzhaft hatte sie sich über Anns mangelndes Engagement beschwert.

Anders Brant hatte ein offenes Gesicht, und das gefiel ihr, sie bildete sich ein, dass es seinem Inneren entsprach. Sie brauchte einen solchen Mann, einen, der rückhaltlos sagte, was er meinte und dachte. Sie sehnte sich schmerzlich nach Ehrlichkeit. Nirgendwo Haken, keine unausgesprochenen Vorbehalte, kein Punktesammeln.

Danach hatte sie kein Wort mehr von ihm gehört, obwohl er etwas von einem Anruf gesagt hatte, und nachdem Tage und Wochen vergangen waren, hatte sie resigniert.

Einen Monat später hatte er sich gemeldet. Sie beschlossen, zusammen essen zu gehen, die zivilisierteste Sache, die Menschen miteinander tun können, so hatte er es ausgedrückt. Er schlug ein italienisches Restaurant weit oben auf der St. Olofsgatan vor, und sie war einverstanden. Erik konnte bei einem Freund aus dem Kindergarten übernachten. Anders Brant würde sie abholen, und er kam eine halbe Stunde zu früh. Sie war noch immer in Unterwäsche, schaute durch den Spion und hüllte sich in einen abgetragenen Bademantel, bevor sie die Tür öffnete.

In das Restaurant kamen sie nie. Zehn Minuten, nachdem er ihre Wohnung betreten hatte, lagen sie im Bett.

Das war drei Wochen so weitergegangen. Ein vehementes Ficken, es gab kein anderes Wort dafür. Er war liebevoll. Ihre mangelnde Übung darin, all dieses Werben anzunehmen, diese Hände, diese Zunge und diesen Schwanz, verwirrten sie zunächst, und manchmal fand sie, dass es einfach zu gut war, zu viel des Guten.

Heute Morgen war er aufgestanden, war mit der Hand |20|über sein Glied gefahren, das logischerweise ebenfalls wehtun musste, und hatte gesagt, er müsse eine Woche weg, vielleicht auch zwei. Sie hatte gefragt, wohin er fuhr, aber keine vernünftige Antwort erhalten. War sie nicht eine tolle Ermittlerin? Ich wurde im Bett überrumpelt, dachte sie grimmig, noch immer trunken und matt.

Ein Anflug von Angst streifte sie. Würde er zurückkommen? Sie versuchte sich mit der Frage zu beruhigen, warum er das nicht tun sollte. Er schien doch glücklich mit ihr zu sein. War freiwillig, anscheinend auch gern und oft in ihre Wohnung und in ihr Bett gekommen.

Nach einer Stunde war ein vorsichtiges Klopfen zu hören. Ihr war klar, dass es Ottosson war. Der Kommissariatsleiter öffnete langsam die Tür und steckte den Kopf herein, dann entdeckte er Lindell zwischen den Schränken.

»Wie steht’s? Du siehst etwas mitgenommen aus«, sagte er ungewöhnlich direkt, ohne ihren Platz im Büro zu kommentieren.

Sie hörte, wie sehr er sich anstrengte, um trotz der gerunzelten Brauen locker zu klingen.

Lindell zog den Stuhl ins Zimmer, tätschelte Ottosson den Arm und setzte sich hinter den Schreibtisch. Ihr Chef nahm im Besucherstuhl Platz.

»Schön warm«, sagte er, und Lindell brauchte eine Sekunde, bevor sie verstand, dass er den Stuhl meinte.

»Ich habe über etwas nachgedacht«, sagte sie. »Sprecht mal mit der Grotte, die haben bestimmt eine Ahnung, wer er ist.«

»Ola und Beatrice sind schon unterwegs dorthin«, erwiderte er lächelnd.

Für viele Obdachlose war die »Grotte« ihr fester Punkt im Dasein. Das Haus wurde ehrenamtlich von ein paar Enthusiasten geführt, teils mit Unterstützung der Stadt, |21|teils mit der privater Sponsoren. Dort konnten die traurigen Gestalten, für die niemand richtig Verantwortung übernehmen oder überhaupt Interesse aufbringen wollte, eine warme Mahlzeit, ein paar Kleidungsstücke und etwas Fürsorge erhalten.

Lindell nickte und gab das Lächeln zurück. Ottossons Furche zwischen den Brauen glättete sich ein wenig.

»Ist gestern was aus dem Grillen geworden?«

»Ola hat es auf später verschoben, also hast du noch eine Chance.«

Ihr war klar, dass er sich fragte, was sie am Abend zuvor gemacht hatte, was denn so wichtig war, dass sie dem traditionellen Grillfest fernblieb. Er glaubte vielleicht, sie wolle damit Abstand zu den anderen im Kommissariat demonstrieren.

»Wie gut«, gab sie ohne größere Begeisterung zur Antwort.

Ottosson trommelte mit den Fingern auf die Armlehne.

»Was hältst du denn von der Sache?«, fragte sie.

Ottosson lehnte sich zurück. Seine Finger beruhigten sich.

»Es ist das Übliche«, sagte er. »Ein Trinker erschlägt im Suff einen anderen.«

»Aber er hatte doch wohl keinen Alkohol im Blut, oder?«

Sie wurde plötzlich rot im Gesicht. Was, wenn sie auch das falsch verstanden hatte?

»Nein, aber der Mörder war vielleicht im Tran.«

»Und die Telefonnummer auf dem Zettel?«

»Da meldet sich keiner. Berglund wird dem nachgehen.«

»Wer ist der Teilnehmer?«

»Er heißt Anders Brant, irgendein Journalist.«

Ann Lindell starrte Ottosson an. Ihr Mund öffnete sich, doch kein Wort kam ihr über die Lippen. Unbewusst hob |22|sie die Hand, als wollte sie sagen: Das ist nicht dein Ernst, wiederhol das!

»Du kennst ihn?«

Verwirrt wie sie war, konnte sie ihren Chef nur bewundern, der sie so leicht durchschaute.

»Erzähl«, fuhr Ottosson fort. »Hat er dich interviewt?«

Lindell schüttelte den Kopf.

»Nein, wir sind uns nur begegnet«, sagte sie.

»Wie ist er?«

»Ich weiß nicht so genau«, erwiderte sie.

Ottosson ließ sie nicht aus den Augen.

»Welche Verbindung könnte deiner Meinung nach zwischen dem Ermordeten und Brant existieren?«

»Keine Ahnung«, sagte Lindell.

»Aber wenn du ihn kennst?«

»Ich kenne ihn nicht.«

»Aber irgendwas…«

»Hörst du nicht, was ich sage? Ich kenne ihn nicht!«

Sie stemmte die Füße auf den Boden, als wollte sie vom Stuhl aufstehen, sank aber mit einem Seufzer wieder zurück.

Ottosson hob abwehrend die Hände. Das hatte es auch früher schon gegeben, diese Augenblicke, in denen ihr ansonsten so vertrautes Verhältnis einen Riss bekam. Dabei ging es nicht um heftige Kollisionen, die Auseinandersetzungen zogen sich nie in die Länge oder vergifteten ihre Zusammenarbeit. Auch diesmal würde es nicht geschehen, dessen war sie sich sicher.

Ottosson lächelte sie an. Seine Sorgenfalte war verschwunden. Es war, als würde er sich bemühen, sie über eine Grenze zu locken, damit sie etwas preisgab, das als Erklärung dienen konnte. Er kannte sie nur zu gut. Ottosson scheute Konflikte, aber er war auch klug genug, um zu verstehen, dass die sonst so reservierte Kollegin sich im |23|Zorn vielleicht offenbaren würde. Der Eisberg Lindell könnte kalben, einen gefrorenen Brocken ins Meer abstoßen, der gemächlich davontreiben und langsam schmelzen würde. Sie kannte seine Taktik und ihre eigene Schwäche für ihn.

Diesmal werde ich dir keine Geheimnisse anvertrauen, dachte sie finster, zuckte aber mit den Schultern und stieß ein kurzes Lachen aus, eine Geste, die man als Resignation auslegen konnte, nicht vor Ottosson, sondern eher als eine Art Entschuldigung, als Beweis von Selbsterkenntnis: So bin ich eben, Otto, damit musst du leben.

»Ich habe ja meinen cold case«, sagte sie, und er nahm ihr Angebot an.

»Okay«, sagte Ottosson »du kennst ihn nicht, aber früh genug werden wir ihn kennenlernen. Sammy wird sich diesen Brant vornehmen. Und wie läuft’s bei dem Mädel?«

»Ich kriege da keinen Grund rein.«

Im April war ein sechzehnjähriges Mädchen im Stadtteil Berthåga verschwunden. Lindell hatte jede Menge Arbeit in die Sache gesteckt, um herauszufinden, was passiert war, aber sie hatte nichts entdeckt, was erklären konnte, warum Klara Lovisa Bolinder wie vom Erdboden verschluckt blieb.

Jedes Jahr verschwand eine Anzahl Schweden von zu Hause, die meisten verdrückten sich freiwillig, wollten weg aus ihrem Alltag, von ihrer Arbeit und ihrer Familie. Aus verständlichen Gründen, fanden die ermittelnden Beamten mitunter.

Klara Lovisas Verschwinden hingegen war ein Mysterium. Lindell hatte die Fotos des jungen Mädchens angestarrt, das beste war gerade eine Woche vor ihrem Verschwinden aufgenommen worden. Es zeigte ein blondes Mädchen: langes, glattes Haar mit Mittelscheitel, blaue Augen und eine klassische Nase, die darauf hinweisen |24|könnte, dass in ihren Adern romanisches Blut floss. Sie lächelte in die Kamera. Ihr Blick war vertrauensvoll, sie verließ sich auf den Fotografen.

Ein Mädchen, das die Blicke auf sich zog, das hatte Lindell vom ersten Augenblick an vermutet. Auch die Familie und Freunde bestätigten das. Desto merkwürdiger war es, dass Klara Lovisa von niemandem gesehen worden war, nachdem sie am 28.April 2007 ihr Elternhaus verlassen hatte, um in der Stadt eine Frühjahrsjacke zu kaufen.

»Ich will sie finden«, sagte Lindell leise.

Ottosson nickte. Er beugte sich vor und legte seine Hand auf die ihre. Sie wussten beide, dass die Aussichten, Klara Lovisa lebendig wiederzufinden, im Prinzip gleich null waren.

4

Der Besuch in der »Grotte« hatte die Identität des Opfers, eine frühere Ehefrau und eine Handvoll Namen ergegeben, die als Freunde oder Bekannte von Bo Gränsberg gelten konnten.

Die Leiterin des Obdachlosenasyls, Camilla Olofsson, hatte das Foto des Toten lange betrachtet. »Bosse war ein umsichtiger Mann«, sagte sie schließlich, aber weder Ola Haver noch Beatrice Andersson nahmen ihre Worte für bare Münze. Es war eine normale Reaktion, über Verstorbene wollten nur sehr wenige Menschen schlecht reden. Stattdessen wurden positive Eigenschaften hervorgehoben.

»Er war umsichtig«, wiederholte die Leiterin, »hat hier immer mit Hand angelegt. Geschickt war er auch. Nie war bei uns irgendwas defekt. Ich weiß noch, als wir… ach, ist nicht so wichtig.«

|25|Ola Haver entfernte sich. Beatrice trat noch einen Schritt näher.

»Niemand verdient es, auf diese Weise zu sterben«, sagte sie.

Camilla Olofsson nickte angestrengt.

»Können Sie uns helfen? Wir benötigen eine Liste mit Namen von Personen, die uns etwas über ihn erzählen können, was er so vorhatte, mit wem er zusammen war, was für Pläne es gab.«

»Pläne«, wiederholte die Leiterin ausdruckslos, und ihr Blick ging in die Ferne. »In letzter Zeit war er besser drauf«, sagte sie schließlich. »Irgendwie schien es positiver zu sein, das Leben, meine ich. Er ist vor ein paar Jahren hier aufgetaucht, da stand es richtig schlecht um ihn. Dann ging es rauf und runter.«

»Aber jetzt war er besser drauf«, konstatierte Beatrice. »Hat er etwas gesagt, was erklären könnte…«

»Nein, nichts. Bosse redete nicht viel. Er machte fast alles mit sich selber aus. Gab sich Mühe, das sah man, aber es fiel ihm schwer. Er hat sich nie von der Scheidung erholt. Und von dieser Verletzung natürlich.«

»Welcher Verletzung?«

»Ich weiß nicht genau, wie es passiert ist, aber er war bei der Arbeit wohl gestürzt, hat irgendwas auf dem Bau gemacht. Arm und Schulter hat er sich zertrümmert. Manchmal habe ich gemerkt, dass er Schmerzen hatte.«

»Wissen Sie, wie seine Ex heißt?«

»Gunilla Lange. Ich glaube, sie wohnt im Stadtteil Svartbäcken. Mein Bruder wohnt dort oben, und ich habe Gunilla ein paar Mal in der Gegend gesehen. Ab und zu war sie übrigens auch hier, hat Kleidung und anderes vorbeigebracht. Ich mochte sie. Ich glaube, sie hat Bosse auch gemocht. Hat gefragt, wie es ihm so ging. Möglicherweise |26|war er zu stolz, von ihr Hilfe anzunehmen, deshalb hat sie die Kleidung wohl unserem Haus vermacht. Vielleicht waren es ja seine alten Sachen, was weiß denn ich.«

»Er hat nichts von einem Job, einer Wohnung oder so erzählt?«

Camilla Olofsson sah die Polizistin an.

»Job und Wohnung«, schnaubte sie. »Sie wissen nicht, wie das Leben dieser Männer und Frauen aussieht.«

»Nein, weiß ich nicht«, antwortete Beatrice, »aber Sie wissen es. Deshalb rede ich ja mit Ihnen.«

»Es ist eine Schande, dass er erst sterben muss, damit Sie an ihm Interesse haben«, konterte Camilla.

Beatrice und Haver bekamen eine Liste mit einer Handvoll Namen, fünf Männer und eine Frau. Camilla Olofsson zufolge würden die Männer auf der Liste wahrscheinlich später am Tag in der »Grotte« auftauchen.

Beatrice Andersson rief Berglund an, und der sicherte ihr zu, am Nachmittag ein paar Stunden in der »Grotte« zu verbringen, um möglichst Kontakt mit Leuten aufzunehmen, die über Bosses Tun und Lassen in letzter Zeit Bescheid wussten.

Trauere ich um ihn? Sie hatte sich die Frage wiederholt gestellt, nachdem die Ermittler gegangen waren. Sie hatten bestimmt ein paar Stunden miteinander geredet, sich dann die Hand gegeben und sich verabschiedet. Die Polizistin war nett gewesen, hatte ihre Gardinen gelobt und gefragt, ob sie die selbst genäht hätte. Nicht jeder sah so etwas. Der Blick des Mannes war hin- und hergewandert, so als schämte er sich oder hätte Angst vor ihr.

Ja, ich trauere, stellte sie fest, ich trauere um das Leben, das wir hätten haben können. Sechzehn Jahre waren sie verheiratet gewesen. Die ersten zwölf Jahre waren gut gewesen. Dann kam der Unfall.

|27|Kinder hatten sie nicht bekommen. Das bedauerte sie. Er vielleicht auch, bestimmt sogar, er hatte Kinder geliebt. All die Jahre hatten sie kaum darüber geredet. An dieser Kinderlosigkeit waren sie beide schuld, also warum sollten sie es ständig bekakeln? Rein vernunftmäßig wusste sie, dass es idiotisch war, aber nach ihrer Abtreibung mit neunzehn, ein Eingriff, den er unterstützt hatte, betrachtete sie die Kinderlosigkeit als Strafe. Sie hatten eine Chance gehabt und sie verspielt.

Wäre es mit Kind anders gelaufen? Wohl kaum. Kinder bedeuteten zwar Liebe, aber nicht das Leben, hatte einmal eine Freundin gesagt, und dieser Satz war in ihrem Bewusstsein hängen geblieben.

Ihrer beider Leben, in erster Linie das von Bosse, hatte sich in eine Richtung entwickelt, die keiner voraussehen konnte. Bosse war immer ein stolzer Mann gewesen, und das wurde ihm zum Verhängnis. Stolz ließ sich leicht verkraften, solange etwas existierte, auf das man stolz sein konnte, aber danach?

Sie hatte den Kriminalbeamten von seiner Arbeit berichtet, von den Jahren, in denen er nüchtern, voller Leben und stolz heimgekommen war. Er hatte schwer gearbeitet und gut verdient. Und dann: Ein einziger Nerv in seinem Körper zerriss, und er war als Gerüstbauer nicht mehr zu gebrauchen. Den Arm nicht heben zu können. Die Schmerzen. Einfach nicht mehr gebraucht zu werden, an den Fassaden hinaufzublicken und das zu wissen.

»Wie war es dazu gekommen?«, hatte der Kriminalpolizist gefragt und zum ersten Mal etwas mehr Interesse an Bosses Schicksal gezeigt.

Sie erzählte von dem Unfall, der Bosses Leben für immer aus den Angeln hob und damit auch ihr gemeinsames Leben. Er konnte niemand anderem die Schuld geben, es war sein eigener Fehler gewesen, sein Eifer, etwas schnell |28|erledigen zu wollen, der ihn zur Untätigkeit verdammt hatten. Er verfluchte seine Tollpatschigkeit, beschimpfte sich selbst als »Amateur«.

Wie so viele andere griff er zum Fusel. Er sagte »Fusel«, nie Schnaps oder spezifischer: Wodka, Gin oder Whisky. Fusel sollte es sein. Sie fand, das klinge brutal, aber genau das war wohl beabsichtigt. Es gab nichts Verfeinertes, nichts Genussvolles an Bosses Trinkgewohnheiten. Fusel war Vergessen. Fusel war Hass. Fusel war die Trennung vom Leben.

Sie stand auf, ging zum Fenster und schaute auf den Hof hinaus. Im Hintergrund erhob sich das neu erbaute Polizeipräsidium. Sie hatten nicht weit zu gehen gehabt, um ihre Nachricht zu überbringen. Wie konnte man nur bei der Polizei arbeiten? Ein ganzes Hochhaus voller Verbrechen, Hass, Lügen, Schuld und Trauer. Sie hätte fragen sollen, wie sie es aushielten, ahnte jedoch, dass es darauf keine gute Antwort gab.

Die Uhr im Wohnzimmer schlug eins. Bald würde Bernt nach Hause kommen, er wollte früher Schluss machen, um am späteren Nachmittag zum Baugesundheitsamt zu gehen. Sie würden Kartoffelauflauf mit gebratenem Kassler essen. Sie würde von Bosses Tod berichten. Bernt würde nicht viele Fragen stellen. Ihr war klar, dass er im Grunde erleichtert sein würde, vielleicht sogar froh. Er war eifersüchtig, weil ein anderer in ihrem Leben eine so wichtige Rolle gespielt hatte, obwohl sie Bernt damals noch gar nicht kannte, es war eine Art rückwärtsgewandte Eifersucht, die sie nie verstanden hatte. Bernt war schließlich auch schon einmal verheiratet gewesen und redete frei und ungezwungen von seiner Verflossenen.

Er würde ihre Tränen nicht sehen, ihre Geschichten nicht hören wollen. Und sie würde sich danach richten. Weine jetzt und nicht später, dachte sie. Und sie weinte, |29|weinte über ein verpfuschtes Leben. Das von Bosse. Und vielleicht auch das ihre, sie war sich nicht sicher. Ihre Ansprüche waren nie besonders groß gewesen, aber sie ahnte, dass es eine andere Art zu leben gab.

Vom Ofen breitete sich der Duft des Auflaufs aus. Sie nahm das Kassler heraus und begann es aufzuschneiden. Er wollte gern dünne, nur kurz gebratene Scheiben. Plötzlich hielt sie mitten in der Bewegung inne. Die Polizisten wollten, dass sie zur Leichenhalle kam und ihren früheren Mann identifizierte.

»Soweit uns bekannt ist, sind Sie die nächste Angehörige«, hatte die Ermittlerin gesagt.

So war es, dachte sie, ich stand und stehe ihm am nächsten. Man würde sie um drei Uhr abholen.

Wie viele Scheiben wollte er wohl haben? Der Anblick des Kasslers ekelte sie. Sie legte das Messer weg. Wie war Bosse gestorben? Sie hatte nicht danach zu fragen vermocht. Was, wenn sie sich geirrt hatten und der Tote ein ganz anderer war?

Nach dem Besuch bei Gunilla Lange beschlossen Ola Haver und Beatrice Andersson mit Ingegerd Melander zu sprechen. Sie war die Einzige auf der Liste, die sie in der »Grotte« erhalten hatten, mit fester Adresse: Sköldungagatan im Stadtteil Tunabackar.

Ingegerd Melander war betrunken, nicht sehr auffällig, aber deutlich genug, um Haver Unbehagen verspüren zu lassen. Schließlich war es erst mitten am Tag. Sofort empfand er Antipathie, studierte die leicht verlebten Züge der Frau, die wie Halbmonde über die Wangen verlaufenden Falten, die sich noch tiefer eingruben, als sie ein Grinsen aufsetzte, um ihren Rausch zu kaschieren. Die Wirkung war genau umgekehrt.

Ihre Haare hatte sie zum Pferdeschwanz hochgebunden, |30|was ihr dennoch ein irgendwie mädchenhaftes Aussehen verlieh. Haver konnte hinter dem verwüsteten Gesicht die ehemals wirklich attraktive Frau erkennen.

»Ich will zum Einkaufen«, sagte sie völlig unmotiviert, als die beiden sich vorgestellt hatten.

»Wir kommen wegen Bosse Gränsberg«, erklärte Ola Haver.

Beatrice schaute ihn flüchtig an.

»Können wir reinkommen und uns ein wenig unterhalten?«

Ingegerd Melander schüttelte sacht den Kopf, und die Verwirrung, die ihr ganzes Wesen ausstrahlte, wurde noch stärker, dennoch trat sie zur Seite, um die Polizisten einzulassen.

Sie nahmen am Küchentisch Platz. Beatrice machte keine Bemerkung über die Gardinen, denn es gab keine. Auch sonst war die Küche klinisch rein. Kein einziger Gegenstand stand auf der Spüle, dem Tisch oder auf anderen Arbeitsflächen, keine Topfblumen schmückten das Fenster. Das Einzige, was auf menschliche Aktivität hinwies, war ein Wandkalender von Kjell Petterssons Klempnerei. Ola Haver registrierte, dass das gestrige Datum rot umrandet war.

»Ich habe eine schlechte Nachricht«, begann Beatrice Andersson.

»So ist es immer, wenn es um Bosse geht«, erwiderte die Frau.

»Aber bisher hatten Sie wegen ihm noch nie Besuch von uns?«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Was hat er gemacht?«

»Nichts, soweit uns bekannt ist«, sagte Ola Haver. »Er ist tot.«

Im selben Moment packte ihn Abscheu vor sich selbst |31|und seiner Arbeit. Der Wunsch aufzustehen und aus der Wohnung zu stürzen, wurde fast übermächtig.

Der Körper der Frau krümmte sich, als hätte man ihr einen elektrischen Schlag versetzt, sie sackte über dem Küchentisch zusammen. Im selben Augenblick wurde die Wohnungstür geöffnet, und sie hörten jemanden rufen: »Hallo dort drinnen!«

Beatrice beugte sich über den Küchentisch und legte der Frau die Hand auf die bebende Schulter. Ola Haver stand auf. Ein Mann kam herein, der Haver bekannt vorkam.

»Verdammt, was machen Sie hier?«, sagte der Mann.

In seinem Blick lagen Verwunderung, Misstrauen und Wut.

»Ich heiße Ola Haver und bin von der Polizei.«

»Das sehe ich ja wohl!«

»Wir haben nicht sehr gute Nachrichten.«

»So ist es bei euch immer«, antwortete der Mann.

Er lugte über Havers Schulter.

»Was haben Sie mit Ingegerd gemacht?«

»Bosse Gränsberg ist tot«, sagte Haver.

»Was?«

Der Mann schluckte.

»Tot?«

Haver nickte.

»Scheiße! Wie denn das? Hat er sich umgebracht?«

»Nein, das hat jemand anderer getan.«

Ingegerd Melander richtete sich plötzlich auf, ihre Hand lag schwer auf dem Küchentisch, die andere wies auf den Mann. Die Hand zitterte. Ihr ganzer Körper zitterte.

Ein Speichelfaden rann aus ihrem Mundwinkel. Sie hatte rote Flecken im Gesicht, und die Wangen waren tränennass. Hass, dachte Ola Haver. So sieht Hass aus. Sie wollte etwas schreien, doch nur ein Gurgeln kam tief aus ihrer Kehle, und sie ließ die Hand sinken.

|32|»Es war deshalb«, murmelte sie.

»Wie deshalb?«

»Ich bin gestern vierzig geworden.«

Ola Haver schielte auf den Kalender. Sie sank auf den Stuhl zurück. Haver bedeutete dem Mann, er möge ihm ins Wohnzimmer folgen.

»Scheiße, was ist das hier?«

»Mord«, sagte Ola Haver. »Bosse ist ermordet worden.«

»Ich kapier überhaupt nichts«, erwiderte der Mann.

»Wie heißen Sie?«

»Johnny Andersson. Wieso?«

Was für ein Idiot, dachte Haver. Der Name war ihm von der Liste bekannt, die sie von Camilla Olofsson in der »Grotte« erhalten hatten.

»Sie haben Bosse ja auch gekannt«, sagte er. »Was glauben Sie, was da passiert ist?«

»Ich? Was soll ich denn glauben?«

»Wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?«

Johnny Andersson wirkte plötzlich ängstlich.

»Sie denken doch wohl nicht…?«

»Beantworten Sie meine Frage«, sagte Haver und konnte nicht verbergen, wie müde und gereizt er war.

Aus der Küche drang lautes Schluchzen.

»Vor ein paar Tagen«, sagte Johnny mürrisch. »Ihr könnt hier doch nicht angestiefelt kommen wie die verdammte Gestapo…«

»Wann und wo?«

»Wir haben uns in der Stadt getroffen. Letzten Sonntag, glaub ich.«

»Um welche Zeit?«

»Vormittags.«

»Was haben Sie beide gemacht?«

»Wir sind uns einfach über den Weg gelaufen. Sie wissen schon, unten am St. Per.«

|33|Haver nickte. Der kleine Platz mitten im Stadtzentrum, wo Rebecka und er sich immer getroffen hatten, wenn sie etwas erledigen wollten. Wir sehen uns an der Fontäne, war ihre stehende Redewendung.

»Wie war er?«

»Tja, wie immer. Wir haben ein bisschen gequasselt. Er war nicht anders als sonst… was soll ich sagen? Ein bisschen krumm.«

»Krumm?«

»Er ging irgendwie geduckt, machte sich kleiner, als er war.«

»Er war einssechsundachtzig«, sagte Haver völlig grundlos.

»Ach, so groß?«

Der Mann schien über die Tatsache nachzudenken, dass zwischen dem Toten und ihm ein Unterschied von mindestens zehn Zentimetern lag.

»Er wirkte nicht beunruhigt, aufgekratzt, traurig oder dergleichen?«

»Was Bosse angeht oder anging, musste man immer alles erraten.«

»Eins noch«, sagte Haver und senkte die Stimme, »hatte Bosse und«, er machte eine Kopfbewegung zur Küche, »hatten die beiden ein Verhältnis?«

Johnny Andersson blickte zur Seite. Jetzt wird er lügen, dachte Haver.

»Ja, früher.«

»Wann früher?«

»Vor gut einem Monat, ungefähr.«

»Dann war Schluss?«

Johnny nickte. Haver war nicht mehr ganz so überzeugt, dass man ihm eine Lüge serviert hatte, vielleicht vor allem deshalb, weil die Lüge schnell platzen würde. Er ahnte, dass Johnny an der Frau in der Küche interessiert |34|war. Das sagte ihm etwas an dessen Haltung, vor allem aber wohl sein fröhliches Rufen, als er, ohne zu klingeln, die Wohnung betreten hatte.

»Wer hat die Beziehung beendet?«

»Ingegerd.«

»Mit anderen Worten, Bosse war unglücklich. Gab es einen Rivalen?«

Johnny schüttelte den Kopf.

»Soweit ich weiß, nicht«, erwiderte er.

Da haben wir die Lüge, dachte Haver.

Als die beiden Kriminalpolizisten in der Sköldungagatan losfuhren, fühlten sie sich niedergeschlagen. Das besserte sich erst etwas, als sie an der Kreuzung Luthagsleden ankamen.

»Manchmal ist es gut, zu zweit zu sein«, sagte Beatrice schließlich.

Haver nickte. Beatrice bog nach rechts ab.

»Bosse und Ingegerd hatten früher ein Verhältnis«, sagte Haver.

»Ja, sie hat es erzählt. Trotzdem dachte sie, er würde sich zu ihrem Geburtstag melden.«

»Warum hat sie Schluss gemacht?«

»Zu viel Herumgefeiere, behauptete sie. Das Merkwürdige war, oder Ingegerd fand es merkwürdig, dass Bosse seit dem Tag, an dem sie die Beziehung aufgekündigt hatte, nüchtern geblieben war. Stocknüchtern.«

»Er wollte sich bessern, damit alles gut wird«, sagte Haver und erwischte sich dabei, einen lässigen, fast höhnischen Ton anzuschlagen.

Beatrice warf ihm einen Blick zu.

»Wie läuft’s zu Hause?«, fragte sie gnadenlos.

»Was meinst du damit?«

»Willst du dich auch bessern, damit alles gut wird?«

|35|Haver sah sie an und ballte die Hände vor Wut.

»Komm schon«, sagte Beatrice. »Ich hab ja wohl Augen im Kopf. Dir geht es dreckig. Bei euch steht’s nicht gut.«

»Was hast du damit zu tun?«

»Es beeinflusst deine Arbeit.«

Als die Ampel an der Sysslogatan auf Grün schaltete, gab sie so viel Gas, dass die Reifen quietschten, und fuhr lange vor den anderen Autos los.

»Und auch meine«, fügte sie hinzu.

»Leck mich«, sagte Ola Haver.

Beatrice bog hastig nach links ab in die Rackarbergsgatan und bremste unvermittelt, so dass Haver nach vorn rutschte und der Sicherheitsgurt ihn auffing.

»Du«, sagte sie und wandte sich ihrem Kollegen zu. »Komm endlich runter! Wir arbeiten zusammen. Wir sind voneinander abhängig. Ich kann eine Menge verkraften, aber wenn ich sehe, dass du es an den Leuten auslässt, die wir bei unserem Job treffen, dann geht es einfach zu weit. Du bist zurzeit kein guter Polizist, begreif das endlich!«

Haver starrte ins Leere. Am liebsten hätte er den Wagen verlassen.

»Wir kennen uns gut, arbeiten seit vielen Jahren zusammen, und deshalb kann ich so offen reden. Du bist kein Polizeianwärter, sondern ein erfahrener, guter Ermittler. Dann benimm dich auch wie so einer.«

Halt’s Maul!, dachte er, sagte jedoch nichts. Sein abweisendes Gesicht brachte sie nicht zum Schweigen.

»Lass dich krankschreiben, wenn du dich beschissen fühlst. Fahrt irgendwohin. Tut was, das euch Spaß macht. Lass dich schlimmstenfalls scheiden!«

Sie schaltete, und der Wagen rollte die Steigung hinauf. Sie hatten vorgehabt, eine Adresse im Stadtteil Stenhagen aufzusuchen, wo ein ehemaliger Arbeitskollege von Bosse |36|Gränsberg wohnte. Ein Mann, der nach Auskunft Gunilla Langes seit Langem krankgeschrieben war und von dem Bosse oft geredet hatte. Bosses Exfrau zufolge hatten die beiden sich in den letzten Monaten wiederholt getroffen.

Aber wie auf eine geheime Abmachung hin kehrten die Ermittler unter eisigem Schweigen zum Polizeipräsidium zurück.

5

Sobald Ottosson gegangen war, holte Lindell das Telefonbuch hervor und suchte nach Anders Brants Nummer.

Mit steigender Erregung gab sie die Ziffern ein. Sie wünschte, dass er den Hörer abnahm und erklärte, wie alles zusammenhing, aber nach einem halben Dutzend Freizeichen schaltete sich der Anrufbeantworter ein: »Hallo, hier ist der Anschluss von Anders Brant. Leider kann ich nicht abnehmen. Hinterlassen Sie gern eine Nachricht.« Anders Brant, der Mann, der ihr Genuss bereitet hatte wie kein anderer zuvor, der Mann, der in ihr neue Hoffnungen geweckt hatte. Als sie seine Stimme vernahm, verspürte sie erneut das kribbelnde Gefühl vom Morgen, Wohlbehagen und Spannung.

Sie hatte ihn noch nie angerufen. Besaß nicht einmal seine Handynummer. Bisher war immer er es gewesen, der Kontakt aufgenommen hatte, und ihr war das nicht merkwürdig erschienen. Jetzt kam es ihr umso eigenartiger vor.

Er ging nicht ans Telefon, und was noch schlimmer war, er war in einen Mordfall verstrickt. Hals über Kopf war er weggefahren. Noch einmal rief sie an, mit demselben |37|Ergebnis, und eine Sekunde überlegte sie, ihm eine Nachricht aufzusprechen, unterließ es dann aber.

Vielleicht würde ja jemand das Band abhören.

Wer war dieser Mann? Journalist hatte er gesagt, inzwischen freiberuflich tätig, nachdem er bei einer Zeitschrift gekündigt hatte, deren Namen sie noch nie gehört, geschweige denn, dass sie das Blatt je gelesen hatte. Eine Kulturzeitschrift, hatte er erklärt, die nach seinem Geschmack inzwischen überkultiviert war. Er hatte von einer »Schachtel« in der Redaktion gesprochen, mit der er nicht klargekommen war.

Was schrieb er? Das wusste sie nicht. Kulturartikel waren wohl das Naheliegendste. Ann fühlte, dass sie sich da auf fremdem Terrain bewegte, und deshalb hatte sie wohl auch keine größere Neugier gezeigt. Sie wollte nicht eingestehen, wie unwissend sie auf diesem Gebiet war.

Eigentlich hatten sie nicht eben viel geredet, meist nur geschäkert und sich geliebt, und Ann hatte nicht protestiert, so ausgehungert nach Haut und Zärtlichkeiten wie sie nun einmal war.

Und jetzt war er weggefahren. Sie wusste nicht, wohin, und hatte keine Ahnung, wie sie es schnell und problemlos erfahren sollte. Eine Woche, vielleicht zwei, hatte er gesagt. Sie vermutete, dass es mit seinem Job zu tun hatte. War er in Schweden oder im Ausland? Vielleicht wusste Görel mehr? Wo und wann die beiden sich kennengelernt hatten, war Ann ebenso wenig bekannt. Görel war keine Frau, die man so ohne Weiteres mit Kulturzeitschriften in Verbindung brachte.

Ann ging auf eniro.se und erhielt seine Handynummer. Das Telefon war ausgeschaltet, und eine Stimme verwies auf die Mailbox.

Alles in allem blieb Anders Brant ein einziges großes Fragezeichen. Dass der Ermordete einen Zettel mit der |38|Telefonnummer des Journalisten in der Tasche gehabt hatte, war wohl rein beruflicher Natur gewesen. Aber was konnte ein Bo Gränsberg einem Kulturjournalisten erzählen? Vielleicht kannten sie sich ja von früher oder waren sogar verwandt?

Es gab viel zu viele Fragen. Sie beschloss, mit Sammy Nilsson zu reden und danach mit Görel, doch das ließ sich nicht vor heute Abend machen. Die Freundin an ihrem Arbeitsplatz zu erreichen, war schwierig und nicht sonderlich erwünscht.

Ann fiel auf, dass von Görel die ganze Zeit über, als Brant sich in Anns Bett gewälzt hatte, kein Anruf gekommen war. Wusste sie nichts von ihren Treffen? Sie musste ja wohl neugierig sein, aber wenn Brant nichts gesagt hatte, ging sie wohl davon aus, dass ihr Kuppelversuch missglückt war. Normalerweise meldete sie sich immer mal wieder, in den letzten Wochen hatte jedoch Funkstille geherrscht, und Ann war überhaupt nicht auf den Gedanken gekommen, sie zu kontaktieren. Ich hatte alle Hände voll zu tun, dachte Lindell, und konnte nicht anders, als über sich selbst zu lächeln, in gewisser Weise äußerst zufrieden mit den Erlebnissen der letzten Zeit. Und sie wollte nicht glauben, dass es vorbei war. Es durfte nicht vorbei sein. Aber weshalb verspürte sie dann dieses unterschwellige böse Gefühl, das sich auch rein körperlich bemerkbar machte und ihr sagte, die ganze Sache wäre vorbei, ein paar Wochen lang habe sie eine Landschaft schauen dürfen, die nicht die ihre sei.

Ann Lindell erhob sich mit einem tiefen Seufzer. Nie, dachte sie, es kann einfach nie richtig gut sein, nie unkompliziert.

Auch Sammy Nilsson nahm nicht ab. Nach Lindells Erfahrung konnte das an zwei Dingen liegen, entweder sprach er mit einem »Kunden«, wie er die entsprechenden |39|Personen beharrlich nannte, oder er trieb Sport. Den Umständen zufolge glaubte sie an die erste Möglichkeit. Sie sprach eine Nachricht auf und bat ihn, möglichst bald zurückzurufen.

Dann setzte sie sich an den Computer und ging auf Google. »Anders Brant« schrieb sie in die Suchzeile, und eine Sekunde später war der Bildschirm voller Informationen. Insgesamt 2522Ergebnisse, obwohl natürlich viele aus der gleichen Quelle stammten.

Punkt eins war ein kurzer Artikel, publiziert in der Zeitung des Naturschutzvereins, es ging um Bio-Brennstoffe, dann folgten ein paar längere Reportagen über Putin und Russland, veröffentlicht in einer Zeitschrift, die ihr nichts sagte, und anschließend ein Diskussionsbeitrag zum selben Thema aus Dagens Nyheter.

Lindell überflog den Text. Ein anderer Anders Brant als der, den sie kennengelernt hatte, offenbarte sich ihr. Sein Ton war polemisch, aber dennoch gelassen. Er drückte sich gut aus, sie empfand einen Anflug von Stolz über seine Fähigkeiten. Genau an diesem Tag haben wir gebumst. Dagens Nyheter hat seinen Artikel auf die Kommentarseite gesetzt, und Anders hat einen anderen Artikel in mich gesetzt, dachte sie und lächelte.

Das Telefon klingelte, und sie sah, dass es Sammy Nilsson war.

»Gut«, erwiderte sie. »Ich denke über diesen Brant nach.«

»Ich auch«, sagte Sammy. »Ich stehe übrigens vor seiner Wohnung.«

Lindell stieg die Röte ins Gesicht.

»Wo wohnt er?«

»In Svartbäcken. Es ist keiner zu Hause. Ich habe mit ein paar Nachbarn geredet, einer hat ihn am Vormittag das Haus verlassen sehen mit einer Reisetasche. Morgens gegen |40|acht war er mit dem Taxi heimgekommen. Gut, dass es Weiber gibt, die ihre Augen aufhalten. Hier war es allerdings ein Mann, ein Herr Nilsson, wie der Affe von Pipi Langstrumpf.«

»Reisetasche«, wiederholte sie töricht und konnte ihre Enttäuschung nicht verbergen, obwohl er doch gesagt hatte, dass er verreisen würde.

Einen Moment dachte sie daran, von Brant und ihrer Beziehung zu ihm zu berichten. Sammy war jemand, der sich die Geschichte ohne Aufregung oder Vorwürfe anhören könnte. Im Gegenteil, er würde das Ganze spannend finden. Er würde ihr gratulieren und erklären, dass bestimmt nichts zu befürchten wäre. Ruhig Blut, würde er sagen, du hast ja mit dem Fall nichts zu tun. Wir finden Brant, hören ihn uns an und streichen ihn von der Liste.

Gerade als sie beginnen wollte zu erzählen, sprach Sammy weiter.

»Ja, so ist es, und das macht alles schwierig. Er hatte auch eine kleinere Tasche bei sich, von der dieser Nachbar glaubte, dass sie einen Laptop enthielt.«

»Er ist Journalist«, warf Lindell ein.

Sammy lachte auf.

»Das wissen wir«, sagte er. »Was ist los?«

»Alles ist bestens!«, erwiderte Lindell.

Brant musste ein Taxi gerufen haben, als er ihre Wohnung verlassen hatte, sagte sie sich. Jetzt war er Brant, nicht mehr Anders.

»Eine halbe Stunde später verschwand er mit einem anderen Taxi«, fuhr Sammy fort.

»Hast du sein Fahrtziel überprüft?«

»Mach ich noch. Er ist mit Uppsala-Taxi gefahren. Das hat dieser Affe registriert.«

Lindell holte tief Luft und bemühte sich, etwas Intelligentes zu erwidern.

|41|»Echt?«, brachte sie heraus.

»Wieso fragst du? Hast du was Neues bezüglich unseres schreibenden Freundes?«

»Nein, nein, ich war nur neugierig, ich wusste ja, dass du ihn überprüfen solltest. Ottosson hat so was erwähnt.«

Sammy Nilsson gab keine Antwort. Vielleicht wartete er auf mehr? Aber warum nannte er den Nachbarn eigentlich einen Affen? Er hieß doch selber Nilsson.

»Also, wir hören voneinander«, sagte Lindell, als das Schweigen zu auffällig wurde.

»Tun wir! Mach’s gut!«

Danach saß sie lange da und grübelte, ob sie zu Ottosson gehen und ihm erzählen sollte, was sie Sammy nicht hatte sagen können. Doch dann entschloss sie sich, erst einmal kurzzutreten. Auf dem Bildschirm leuchtete ihr sein Name entgegen, und sie fuhr den PC runter.

»Verdammter Kerl«, sagte sie.

Lustlos schlug sie eine Akte auf, die das Neueste zum Fall Klara Lovisa enthielt. Zuoberst lag das Foto, und wie üblich studierte Lindell es sorgfältig, bevor sie weiterblätterte und die gestern hastig niedergekritzelten Notizen las.

Ein Mann namens Yngve Sandman aus Skärfälten, knapp zehn Kilometer westlich der Stadt, hatte ein junges Mädchen in Begleitung eines Mannes gesehen. Die Personenbeschreibung stimmte, und obendrein hatte der Zeuge die richtige Farbe für ihre Hose und Jacke angegeben. Die beiden waren gemächlich die Straße nach Uppsala Näs entlangspaziert.

Einen Tag nach dem Verschwinden, als in den Medien von der Sache berichtet worden war, hatte er im Polizeipräsidium angerufen, doch niemand hatte danach Interesse gezeigt, sich näher bei ihm zu erkundigen.

Gestern hatte er erneut angerufen, etwas verbittert, |42|aber vor allem erstaunt über das Ausbleiben jeder Reaktion und war mit Lindell verbunden worden.

»Ich habe selbst eine Tochter«, hatte er gesagt.

Lindell konnte nicht erklären, warum sich keiner ihrer Kollegen bei ihm gemeldet hatte. Schlamperei, dachte sie bei sich, doch das konnte sie natürlich nicht sagen. Bei jedem Verschwinden, hauptsächlich wenn es um junge Frauen ging, überschüttete man die Behörde mit Unmengen von Hinweisen und Beobachtungen. Meist führten sie zu nichts. Der Anruf des Mannes war wohl in der Flut der Telefonate untergegangen.

Ann Lindell hatte seine Angaben erneut aufgenommen und versprach, sich in ein, zwei Tagen zurückzumelden. Jetzt waren fast genau vierundzwanzig Stunden vergangen, und sie rief ihn an. Sie kamen überein, dass sie zu ihm hinauskommen würde.

»Hier war es«, sagte Yngve Sandman und wies auf die Stelle. »Ich bin mit dem Mofa gefahren, und dort sind sie gegangen, auf der anderen Seite der Straße.«

Lindell sah ihn an.

»Die beiden sind also auf der falschen Seite gelaufen«, konstatierte Lindell, als wäre das wesentlich. »Sie sind mit dem Mofa gefahren?«

»Ja, ich sammle Mofa-Oldies und war unterwegs, um ein altes Punch, älter als ich, auszuprobieren. Das fuhr nicht sehr schnell, und ich hatte Zeit, mir die Fußgänger ziemlich genau anzusehen.«

»Erzählen Sie, wie sich die beiden bewegt, wie sie ausgesehen haben und dergleichen.«

»Das Mädchen ging auf der Seite zur Straße. Sie liefen nicht besonders schnell, wirkten nicht gestresst. Aber sie schienen auch nicht miteinander zu reden, jedenfalls nicht in dem Moment, als ich vorbeigekommen bin.«

|43|»Welchen Eindruck hatten Sie von dem Mädchen?«

Yngve Sandman zuckte mit den Schultern.

»Ja, was soll man sagen? Ich fand sie hübsch, wenn Sie verstehen, was ich meine?«

Lindell nickte.

»Sie hatten das Gefühl, dass die beiden sich kannten? Sie sah nicht verängstigt aus oder so?«

»Nein, es schien, als gingen da zwei Freunde. Aber natürlich kann man auch vor einem Freund Angst haben.«

»Was hatten die beiden an?«

»Das habe ich doch schon gesagt, erst im April und gestern auch zu Ihnen.«

»Sagen Sie es noch einmal.«

»Sie trug eine dunkelgrüne Hose, die wirkte fast, als stammte sie aus Armeebeständen, mit ein paar Taschen auf den Oberschenkeln, und dazu eine hellblaue Jacke. Ziemlich kurz, fand ich, an dem Tag war es schließlich kalt. Die Schuhe habe ich nicht beachtet, wenn ich mal raten dürfte, waren sie schwarz, eine Art Stiefel.«

Sandmann hat richtig geraten, dachte Lindell. Klara Lovisa trug an dem Tag, als sie verschwand, ein Paar schwarze Boots.

»Und er?«

»Blaue Jeans und einen Pullover, der war dunkel, blau vielleicht. Mit Kapuze, die er über den Kopf gezogen hatte. Turnschuhe, denke ich.«

»Wie hat er ausgesehen?«

Plötzlich verfinsterte sich der Himmel, und sie blickten nach oben. Eine dunkle Wolke zog rasch vorüber und verdeckte für ein paar Augenblicke die Sonne.

»Um die fünfundzwanzig, vielleicht jünger«, gab Sandman zur Antwort, als die Sonne wieder erschien. »Blond, aber der größte Teil des Kopfes war von der Kapuze verdeckt.«

|44|»Brille?«

Der Mann schüttelte den Kopf. Er schaute die Straße hinunter.

»Mir kam es so vor, als hätte er Probleme beim Laufen, aber vielleicht lag es daran, dass er zur Hälfte fast im Straßengraben ging, wenn Sie verstehen, was ich meine?«

»Hat er gehinkt?«

»Nein, nicht wirklich, aber irgendwie…«

Eine Zeit lang standen sie stumm da.

»Ich habe ja selber eine Tochter«, sagte er. »Also wenn die verschwinden würde, meine ich.«

»Ja«, erwiderte Lindell, »schlimme Sache.«

»Hat sie Geschwister?«

»Nein.«

Er schüttelte den Kopf und schwieg eine Weile.

»Vielleicht kriegen wir Regen«, sagte er, als erneut eine gewitterschwarze Wolke vorüberzog.

»Sind sie denselben Weg zurückgefahren?«

»Ja, ich habe oben an der 72 kehrtgemacht. Allerdings habe ich dort eine Weile gestanden und an dem Mofa rumgebastelt. Es lief ein bisschen holprig, und ich musste die Bremse nachstellen.«

»Wie viel Zeit war vergangen, bevor sie hier wieder vorbeikamen?«

»Zehn Minuten, eine Viertelstunde vielleicht.«

»Und da war das Paar verschwunden?«

»Ja, keine Menschenseele mehr auf der Straße.«

»Um welche Tageszeit haben Sie die beiden gesehen?«

»Gegen halb zwölf.«

Klara Lovisa hatte ihr Elternhaus am Samstag, den 28.April, eine Stunde zuvor verlassen. Lindell schaute sich um. Felder, ein paar Häuser, eine schmale Landstraße, die in das flache Tal hinunterführte. Sie war diese Straße vielleicht schon zehnmal entlanggefahren. Was hatte Klara |45|Lovisa hier gewollt? Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass Yngve Sandman genau dieses Mädchen gesehen hatte? Und wer war der junge Mann?

Klara Lovisa hatte keinen Freund, jedenfalls keinen offiziellen. Ihre Freundinnen hatten von einem Andreas geredet, mit dem sie sich seit der Siebenten getroffen hatte, aber er war seit Langem von der Ermittlungsliste gestrichen. Am Tag ihres Verschwindens war der Junge mit seiner Mutter in Gävle gewesen.