Schwarze Magnolien - Rebeca M. Williams - E-Book

Schwarze Magnolien E-Book

Rebeca M. Williams

0,0
8,99 €

Beschreibung

In der Hitze des Südens erwacht die Gefahr ...

Als Cathleen Bannister zum ersten Mal nach Jahren nach New Orleans zurückkehrt, rechnet sie nicht damit, ausgerechnet Brent LaVerne in die Arme zu laufen – dem Mann, den sie für den größten Fehler ihrer Jugend hält. Die einstige Leidenschaft flammt sofort wieder auf, und obwohl beide dagegen ankämpfen, ist der Sog der Begierde stärker als jede Vernunft. Ihre Affäre gleicht einem Tanz auf dem Vulkan, und bald werden ihre heimlichen Begegnungen zu einem riskanten Katz- und Mausspiel. Cathleen und Brent wissen, dass sie alle Regeln brechen. Denn er ist Polizist und ermittelt in einem Mordfall – und sie ist die Verdächtige Nr. 1 …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 493

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Buch

Nach dem plötzlichen Tod des reichen Bauunternehmers Zachary Bannister gibt es Streit um die Übernahme des alt eingesessenen Unternehmens und die Verteilung des Erbes. Es stellt sich heraus, dass Zachary Bannister kurz vor seinem Tod, ohne dass die Familie davon wusste, sein Testament geändert hat: Seine älteste Tochter Cathleen, die bisher außer Landes war, soll die Firmenleitung übernehmen. Doch sie stößt auf Widerstand. Alle aus der Familie sind dagegen – Zacharys Witwe Opal, sein Sohn Reuben und seine jüngere Tochter May Belle sowie auch deren Mann Maxim und schließlich noch Cathleens Onkel Randolph. Bei der Polizei geht eine anonyme Meldung ein, dass Zacks Tod in Wahrheit ein Mord war. Auf Cathleen fällt automatisch der Verdacht, weil sie sämtliche Firmenanteile geerbt und kein Alibi hat. Und der Ermittler ist Brent LaVerne, den Cathleen bereits von ihrer High-School-Zeit kennt …

Autorin

Rebeca M. Williams ist das Pseudonym einer erfolgreichen Romanautorin, die neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit viele Jahre lang als Juristin gearbeitet hat. Mit ihrem Thriller Schwarze Magnolien erschließt sie eine neue Erzählwelt voller gefährlicher Machenschaften, menschlicher Abgründe und sinnlicher Erotik. Rebeca M. Williams lebt in der Nähe von Frankfurt.

Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvalet und

www.twitter.com/BlanvaletVerlag.

Rebeca M. Williams

Schwarze

Magnolien

Thriller

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

1. Auflage

Copyright © 2016 by Rebeca M. Williams

Copyright © 2016 by Blanvalet in der

Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die

Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

Redaktion: Rainer Schöttle

Umschlaggestaltung und -motiv: © Johannes Wiebel | punchdesign,

unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com

ED · Herstellung: kw

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN 978-3-641-19525-0V001

www.blanvalet.de

Prolog

Die Klimaanlage lief auf Hochtouren, aber gegen die schwüle Hitze in dem Schlafzimmer kam sie nicht richtig an. Zack Bannister stand vor dem Lüftungsgitter und ließ sich den kühlenden Luftzug um die nackten Beine wehen. Die Haare an seinen Schenkeln richteten sich auf, und seine Hoden zogen sich leicht zusammen, doch für ein richtiges Frösteln reichte es nicht, dafür war es viel zu stickig hier drin. Er ging zur Kommode und stürzte den Rest von dem Whiskey hinunter, den Mindy ihm vorhin eingeschenkt hatte. Es war schon das zweite Glas, aber seine Stimmung wurde davon nicht besser.

»Komm endlich wieder ins Bett«, sagte sie hinter ihm.

Er gab keine Antwort, sondern starrte nur auf den laufenden Fernseher in der Ecke, ohne wirklich was von dem Programm zu sehen. Warum zum Teufel war er überhaupt noch hier? Der Geruch von Sex und verschwitzten Laken sättigte die Luft und erschwerte das Atmen. Vor einer Stunde, als er hergekommen war, hatte ihn die Vorstellung von dem, was er mit ihr tun wollte, noch angemacht, aber jetzt war er müde und angewidert und wollte nur noch gehen. Er hatte keine Ahnung, wieso er immer wieder herkam und es mit Mindy trieb. Der Himmel wusste, was er anfangs in ihr gesehen hatte. Natürlich war sie hübsch und jung und heiß, und sie hatte ihn mit diesem speziellen Blick angesehen, mit dem manche jüngere Frauen ältere Männer bedachten. Nicht berechnend, sondern mit hingebungsvoller Bewunderung. Er hatte ihr eine Portion Austern und ein paar Gläser Champagner spendiert, und sie hatte dabei weder auf seine Rolex geschielt noch auf den Luxuswagen, der vor der Bar parkte, sondern mit ihm geredet, als würde sie sich wirklich für ihn interessieren. Nicht für Zachary Bannister, den bekannten Tycoon, sondern für Zack, den ganz normalen Mann, der sie an der Bar angesprochen hatte, weil er sich einfach nur mit einer schönen Frau unterhalten und einen Abend in netter weiblicher Gesellschaft verbringen wollte.

Natürlich war es von Anfang an auf eine Bettgeschichte hinausgelaufen, darauf lief es ja immer hinaus, aber wenn er die Wahrheit über sie gewusst hätte, wäre er höchstwahrscheinlich nicht mit ihr in der Kiste gelandet. Es war nicht seine Art, es mit Huren zu treiben, egal wie teuer sie waren. Mittlerweile fragte er sich mit einem Anflug von Ungläubigkeit, wie er je so dämlich hatte sein können, sie für ein erfrischend normales und nettes Mädchen aus der City zu halten. Vielleicht, weil sie ihn nicht gleich an jenem Abend, sondern erst nach dem dritten Date mit zu sich nach Hause genommen hatte? Oder weil sie so entsetzt ausgesehen hatte, als er ihr eröffnet hatte, dass er ein verheirateter Mann war und deshalb nur eine heimliche Beziehung mit ihr haben konnte? Inzwischen wusste er, dass dieses Entsetzen nur Show gewesen war.

Vor ein paar Tagen hatte er die Wahrheit über sie herausgefunden. Einer seiner Geschäftspartner hatte ihn gefragt, ob sie wirklich so gut sei wie ihr Ruf, und auf diese Weise hatte Zack erfahren, dass sie keine Sekretärin, sondern eine teure Professionelle war, die für Geld so ziemlich alles tat. Als er sie deswegen zur Rede gestellt hatte, war sie in Tränen ausgebrochen und hatte behauptet, sie hätte mit diesem Leben Schluss gemacht, und zwar seinetwegen, denn mit ihm sei es anders – schließlich habe sie kein Geld von ihm verlangt, was ja wohl der Beweis dafür sein müsse, dass es echte Liebe sei.

Das war ein Punkt, den er nicht widerlegen konnte – natürlich nicht ihre absurde Behauptung, es handle sich um Liebe, wohl aber die Tatsache, dass sie kein Geld von ihm wollte. Das war ihm mittlerweile ein echtes Rätsel. Warum ging ein teures Escort-Girl ohne Bezahlung mit ihm ins Bett? An seinen Künsten als Liebhaber lag es ganz sicher nicht, und er war nicht so dumm, sich darüber was vorzumachen. Er war noch ganz gut in Form und hielt sich fit, aber mit achtundfünfzig war er nicht mehr der unermüdliche Hengst wie mit zwanzig. Und Mindy täuschte ihre Begeisterung beim Sex größtenteils nur vor. Jedenfalls hatte er in der letzten Zeit zunehmend diesen Eindruck gewonnen und entsprechend die Lust an der Affäre verloren.

Sie musterte ihn mit einem Blick unter verhangenen Lidern hervor. »Komm wieder ins Bett, ja?« Ihre Stimme hatte einen verführerischen Ton angenommen.

Er drehte sich zu ihr um und betrachtete sie. Sie rekelte sich einladend auf den zerwühlten Laken.

»Ich will dich, Zack.« Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und strich sich das Haar zurück. »Ich brauche dich.« Ihre Hand glitt zwischen ihre geöffneten Schenkel. Sie streichelte sich dort, mit rhythmischer, hypnotischer Langsamkeit. »Besorg es mir.« Mit einer katzenartigen Bewegung rollte sie sich herum auf alle viere, die Hände aufgestützt und die Beine gespreizt. Über die Schulter warf sie ihm einen lockenden Blick zu. »Jetzt komm schon. Du willst es doch. Ich sehe es. Und wie ich es sehe! Worauf wartest du noch?«

Er war gegen seinen Willen hart geworden, gerade so, als hätte er es nicht schon zweimal an diesem Abend mit ihr getrieben, bis zur Erschöpfung und in allen erdenklichen Positionen. Ein Hauch von albernem Stolz erwachte in ihm, als er an sich hinabsah. Anscheinend war doch noch einiges von dem früheren Zack da.

Dennoch mischte sich eine Spur von Selbstekel in die wachsende Lust. Er sollte das nicht tun. Es führte zu nichts. Die Befriedigung, die er daraus zog, dauerte nie länger als bis zum Ende dieser schnellen, brünstigen Akte. Er würde wieder mit einem schalen Gefühl von Versagen und Unzulänglichkeit nach Hause fahren und den Blicken seiner Frau ausweichen, so wie er es immer tat, wenn er von Mindy kam. Nicht dass er Opal gegenüber ein schlechtes Gewissen gehabt hätte – das hätte gerade noch gefehlt. Wenn er ihr aus dem Weg ging, dann nur, weil er den höhnischen Ausdruck in ihren Augen nicht ertrug. Die Ehe mit ihr war nur noch ein Witz, sie ging ihrer eigenen Wege, und es interessierte ihn inzwischen einen Scheißdreck, mit wem sie schlief. Wenn er nur daran dachte, wurde ihm schlecht.

Bei Licht betrachtet, hatte es mit ihr so ähnlich begonnen wie mit Mindy, nur dass Opal tatsächlich ein nettes und normales Mädchen aus der City gewesen war. Oder genauer: Sie hatte es ihm besser und länger verkaufen können, und niemand hatte ihr das Gegenteil unterstellen können. Jung, schön und tüchtig – die perfekte Sekretärin. Seine Sekretärin und ein paar Monate später dann auch seine Frau. Was für ein Narr er doch gewesen war!

Und jetzt benahm er sich auch nicht besser. Nein, sogar schlimmer, denn bei Opal hatte er sich damals immerhin eingebildet, sie würden einander lieben. Er jedenfalls hatte sie geliebt, zumindest die erste Zeit, bis sich herausgestellt hatte, dass sie häufiger mit anderen schlief als mit ihm.

Voller Selbstironie sann Zack darüber nach, dass er offenbar mit zunehmendem Alter einen Hang zu schamlosen, nuttigen Frauen entwickelte, die sich gerade so lange verstellten, bis sie ihn in der Tasche hatten. Wobei sich natürlich wieder die Frage aufdrängte, was Mindy eigentlich davon hatte. Opal hatte er seinen Ring und seinen Namen und seine Kreditkarten gegeben, aber Mindy hatte bisher nichts von ihm gekriegt außer seinem Schwanz.

Und der war im Augenblick schon wieder ganz heiß auf sie. Sein Zögern verflüchtigte sich schneller, als er denken konnte. Als er sich hinter sie aufs Bett kniete, um in sie einzudringen, war ihm alles egal. Seine Frau, seine Familie, die Firma, der ganze Rest. Sogar Cat, obwohl er sich mehr als alles auf der Welt wünschte, dass zwischen ihnen alles wieder in Ordnung kam. Sie hatte nach all den Jahren endlich wieder mit ihm geredet. Ja, mehr noch: Sie hatte versprochen, ihm zu helfen. Er war wild entschlossen, sich dafür erkenntlich zu zeigen, und hatte schon einiges in die Wege geleitet. Morgen würden sie alles besprechen.

Aber im Moment gab es nur noch ihn und die Schlampe, die vor ihm auf dem Bett kniete. Rote Wirbel bildeten sich vor seinen Augen, er verspürte ein ungewohntes Schwindelgefühl. Sein Herz pumpte heftig in seiner Brust, es schien seine Rippen sprengen zu wollen. Er hörte das Rauschen seines eigenen Pulses so laut, dass es sogar den Fernseher und Mindys gespielte Lustschreie übertönte. Doch das war alles nichts gegen die Gier, die ihn bis in die Fingerspitzen hinein ausfüllte. Er konnte nicht aufhören, und wenn dies hier das Letzte sein würde, was er tat.

Die roten Wirbel wurden schwarz, und auf einmal setzte sein Herz einen Schlag lang aus. Danach noch einen. Er konnte es spüren. Bei Gott, es kam ihm gleich, er war nur noch einen Atemzug davon entfernt.

Seine Brust dehnte sich unter seinem hämmernden Herzschlag, als er mit einem ächzenden Aufschrei zum Höhepunkt kam. Aber etwas daran stimmte nicht, es war ganz anders als sonst. Mit seinem Samen schien alle Kraft aus seinem Körper zu strömen. Er glitt aus Mindy heraus, bevor er richtig fertig war. Sein Oberkörper fiel auf ihren schweißnassen Rücken, dann rutschte er von ihr herab. Er sackte aufs Bett und blieb auf der Seite liegen. Keuchend rang er nach Luft, doch eine gewaltige Faust schien ihm die Kehle zuzudrücken. Seine Hand tastete sich mühsam zu seinem Hals. Da war nichts, kein fassbares Hindernis. Aber atmen konnte er trotzdem nicht. Und sehen auch nicht, geschweige denn reden.

»Zack?«, hörte er Mindy ängstlich fragen. »Zack, kannst du mich hören?« Sie gab ein unterdrücktes Schluchzen von sich. »Oh, verdammt, sieh nur, er kriegt keine Luft! Du hast gesagt, es würde ihm nicht wehtun!«

»Er hat keine Schmerzen«, sagte eine Stimme irgendwo schräg hinter Zack. »Er ist bloß ein bisschen außer Puste, weil er gerade gekommen ist, das ist ganz normal.«

»Von wegen normal! Er japst wie ein Fisch, den jemand aus dem Wasser gezogen hat!«

»Das hört gleich auf. Sobald ich ihm die Spritze gegeben habe.«

»Ich will nicht, dass du es machst, wenn ich dabei bin.«

»Du musst hierbleiben. Wir haben ausgemacht, dass du die Cops rufst, sobald er hinüber ist.«

»Ich kann nicht dabei zusehen!«

»Dann geh so lange ins Bad.«

Mindy wälzte sich vom Bett, gleich darauf knallte eine Tür zu.

»Tut mir ehrlich leid«, sagte die Stimme, jetzt ganz dicht neben Zacks Ohr. »Aber es muss sein. Wenigstens hattest du noch deinen Spaß. Einen tollen Abgang – was willst du mehr?«

Etwas Kühles berührte sein Bein, unten in seiner Kniekehle. Dann durchstach eine Nadel seine Haut und drang in die Vene. Er spürte das schwache Brennen der Injektion.

»Lass es einfach zu«, empfahl ihm die Stimme. »Du hast es beinahe geschafft. Nur noch ein paar Sekunden. Es ist gleich vorbei, versprochen.«

Und das war es dann auch. Zack hörte auf, dagegen anzukämpfen. Die Welt um ihn herum löste sich auf und verschwand.

Teil 1

1

Der Lafayette Cemetery quoll über vor Menschen, jedenfalls kam es Brent so vor. Er stand zusammen mit Milo an einer Stelle, von der aus man die Leute gut beobachten konnte, ohne gleich selbst von allen gesehen zu werden. Halb verborgen von einer mächtigen Eiche am Rande einer langen Reihe von Grabmonumenten, ließ er seine Blicke über die Beerdigungsgesellschaft schweifen. Mehrere Dutzend Leute hatten sich versammelt, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Ein ganzes Heer schwarz gekleideter Trauergäste, die sich vor der Familiengruft der Bannisters zusammendrängten. Nicht ganz freiwillig standen die Leute so eng beieinander, aber sie mussten gerade einem zweiten Leichenzug Platz machen, der zu einer anderen Grabstätte unterwegs war und von einer Brass Band begleitet wurde – einem Jazzorchester, das traditionelle Trauerlieder spielte, bis der Tote beigesetzt war. Anschließend wurden flottere Weisen angestimmt, um zu symbolisieren, dass das Leben weiterging.

Brent blendete den Lärm der Musik aus und betrachtete die Schar der Hinterbliebenen an Zack Bannisters Grab, nachdem die Jazzband vorübergezogen war. Er hatte schon die ganze Zeit nach einem bestimmten Gesicht Ausschau gehalten – bisher vergeblich.

»Das ist ja wirklich wie im Kino«, sagte Milo neben ihm. Es klang entnervt.

»Was denn?«

»Die Dixieband.«

»Das ist halt so in New Orleans. Du hast doch bestimmt schon davon gehört.«

»Hab ich. Ich dachte nur nicht, dass diese Bands wirklich mit Trommeln und Trompeten über den Friedhof ziehen. Es kommt mir irgendwie … pietätlos vor.«

»Ist es nicht. Jedenfalls nicht in Louisiana. Die Begräbniskultur ist hier im Süden ein bisschen anders als in Washington.«

»Okay. Du wirst es wissen, schließlich stammst du ja von hier.«

Brent hielt es nicht für nötig, auf diese überflüssige Feststellung zu antworten. Doch für Milo war das Thema damit noch nicht erledigt.

»Wieso hat Bannister keine Jazzcombo bei seinem Leichenzug?«

»Es wird nicht auf allen Beisetzungen gespielt. Nur bei den Leuten, die der Tradition des Jazz verbunden sind. Bei Musikern beispielsweise oder Mitgliedern im Karnevalsverein.«

»Saß Bannister nicht auch im Vorstand von so einem Verein?«

»Stimmt«, räumte Brent ein.

»Er hätte also auch eine Band auf seiner Beerdigung haben können«, stellte Milo fest, pedantisch wie immer.

»Ja, hätte er. Aber vielleicht wollte es die Familie nicht.«

Die Familie. Soweit Brent es von hier aus erkennen konnte, war sie vollzählig versammelt. Bis auf die eine Person, die er bisher nicht gesehen hatte. Er wusste immer noch nicht, ob sie zur Beerdigung gekommen war. Falls ja, musste sie irgendwo mitten zwischen den engsten Angehörigen stehen, nicht beim Rest der Verwandtschaft. Anderenfalls wäre sie ihm sofort aufgefallen.

Ganz vorn in der Reihe der Hinterbliebenen stand Randolph, Zack Bannisters Bruder. Er hatte den Kopf gesenkt und die Hände vor dem mit Orden und Medaillen behängten Jackett gefaltet. Ein Ex-Marine vom Scheitel bis zur Sohle, mit stoppelkurzem Haarschnitt, messerscharfen Bügelfalten und untadelig gerader Haltung. Während seiner Laufbahn war er als Offizier der Defense Intelligence Agency in diversen militärischen Navy-Operationen zum Einsatz gekommen, manche davon so geheim, dass die betreffenden Stellen in seiner Akte geschwärzt waren. Randolph Bannister war zwei Jahre jünger als sein Bruder Zack und galt als designierter Nachfolger in der Firmenleitung von Bannister Enterprises. Eine neue Entwicklung, auf die Brent in der nächsten Zeit noch sein Augenmerk lenken musste.

Neben Randolph Bannister stand seine Schwägerin Opal, Zacks schöne junge Witwe. Brünettes, sorgsam frisiertes Haar unter einem zarten Trauerschleier aus Tüll, dazu ein figurbetontes schwarzes Kostüm, das wahrscheinlich ein Vermögen gekostet hatte.

Dicht hinter Opal stand eine andere junge Frau, ein Taschentuch vorm verheulten Gesicht – May Belle, Zacks jüngere Tochter. Sie war eine schmale, blonde Elfe von fünfundzwanzig. Den Unterlagen zufolge war sie seit fünf Jahren verheiratet, mit einem Banker und Juristen namens Maxim Avery. Brent war ihm bisher noch nicht persönlich begegnet, aber den Fotos nach musste es der geschniegelte Typ an ihrer Seite sein, der mit seinem schmalen Oberlippenbart und den mit reichlich Gel zurückgekämmten Haaren eine frappierende Ähnlichkeit mit Rhett Butler aus Vom Winde verweht aufwies. Er saß als Finanzverwalter und Rechtsberater bei Bannister Enterprises fest im Sattel.

Ebenfalls in der ersten Reihe stand Reuben, Zacks missratener Sohn. Er hatte den Kopf zwischen die Schultern gezogen, aber sein schlaksiger, hoch aufgeschossener Körper überragte die Umstehenden trotzdem ein gutes Stück, sodass er nicht zu übersehen war. Reuben Bannisters Sündenregister war fast so lang wie er selber, aber bis auf ein einziges Mal in seiner Jugend hatte er es immer wieder geschafft, sich um den Knast zu drücken. Mithilfe der besten Anwälte, die New Orleans zu bieten hatte, allesamt bezahlt von seinem Vater, dessen Sarg soeben von einem Trupp weiß behandschuhter Träger in die Familiengruft befördert wurde.

In dem von betenden Marmorengeln umrahmten Mausoleum hatten schon mehrere Generationen der Bannisters ihre letzte Ruhestätte gefunden. Zack Bannisters Großeltern waren hier beigesetzt worden, ebenso seine Eltern und schließlich vor einem Dutzend Jahren seine erste Frau, eine zarte Südstaaten-Lady, die Brent damals hin und wieder aus der Ferne bewundert hatte. Näher als zehn Schritte war er nie an sie herangekommen. Die Bannisters hatten in einer anderen Liga gespielt, mindestens drei Klassen über ihm.

»Weißt du, was ich mich die ganze Zeit frage?«, meldete sich Milo neben ihm. »Ob diese Leute da wohl wirklich um ihn trauern oder ob sie nur so tun. Während sie in Wahrheit tierisch sauer auf ihn sind.«

Brent wusste, was Milo meinte. Die pikanten Umstände von Zack Bannisters Tod waren der Familie mitgeteilt worden. Streng vertraulich und im engsten Kreis, aber sie hatten es erfahren, das hatte sich nicht umgehen lassen. Nicht gerade die beste Voraussetzung für aufrichtige Trauer und liebevolle Erinnerungen.

Brent zuckte mit den Schultern, doch Milo schien das Thema genauer ergründen zu wollen.

»Okay, irgendwie möchte wahrscheinlich jeder Mann gern so abtreten wie Zachary Bannister. Aber das Andenken kriegt eindeutig Flecken durch so was. Ich meine, wenn der eigene Vater abkratzt, während er es gerade einer Nutte besorgt – das muss doch für die Kinder und den Rest der Familie traumatisch sein, oder nicht? Seine Frau ist bestimmt dermaßen sauer auf ihn, dass sie froh ist, ihn los zu sein. Und sein Bruder sieht auch nicht besonders bedrückt aus. Vielleicht baut ihn die Aussicht auf, dass er jetzt die Firma übernehmen kann.« Milo legte nachdenklich den Kopf auf die Seite. »Was er wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass das FBI hinter dem werten Verblichenen her war?«

»Das werden wir bald wissen.« Brent scannte noch einmal flüchtig die Menge, dann trat er einen Schritt von dem Baum zurück. Der Geistliche hatte seine Zeremonie beendet, die Sargträger zogen würdevollen Schrittes ab. Die Trauergesellschaft begann bereits, sich unter allgemeinem Händeschütteln zu zerstreuen.

»Sieh mal. Da kommt noch eine Frau. Wow!« Milo pfiff leise durch die Zähne. »Mann, sieh dir diese Titten an. Und die Beine!« Er verlagerte sein Gewicht und beugte sich vor. »Sie spricht mit den Bannisters.«

Brent hatte sie auch gesehen. Ihr Anblick traf ihn wie ein Keulenschlag. Er hielt unwillkürlich die Luft an und bemühte sich um eine ausdruckslose Miene, obwohl Milo ihn gar nicht ansah, sondern genau wie er selbst voll und ganz darauf konzentriert war, die verspätet eingetroffene Frau anzustarren. Sie war tatsächlich eine spektakuläre Erscheinung, die schon von Weitem auffiel: Ihr langes rotes Haar leuchtete in der Sonne wie kupferfarbene Flammen.

»Anscheinend kennen die sich, was meinst du?« Milo hielt inne. »Sieht aus, als würden sie sich streiten.«

»Scheint so.«

»Wer sie wohl ist? Vielleicht noch eine von Zack Bannisters Nutten?«

Brent widerstand dem Impuls, Milo eine reinzuhauen, und gab sich unbeteiligt. Er sagte kein Wort, während es in ihm brodelte. Dass es ihn so umhauen würde, sie wiederzusehen, traf ihn völlig unerwartet. Er hätte geschworen, seit Jahren über Cathleen Bannister hinweg zu sein. Wenn er sich überhaupt je vorgestellt hatte, ihr noch einmal zu begegnen, dann mit einem Maximum an Gelassenheit und Gleichgültigkeit.

Anscheinend hatte er sich geirrt.

»Wir gehen mal rüber«, sagte er. »Ich möchte wissen, was sie hier will.«

»Was zum Teufel willst du hier?«, erboste sich May Belle. »Glaubst du, dass du jetzt was erben kannst? Dad ist noch nicht richtig unter der Erde, und auf einmal stehst du da und hältst die Hand auf, wie? Hättest du nicht einfach wegbleiben können? Wir brauchen dich hier nicht!«

Cat reagierte nicht auf das Gekeife ihrer Schwester, sondern starrte die Frau an, die Onkel Randolph ihr gerade mit unbewegter Miene als ihre Stiefmutter Opal vorgestellt hatte. Sie hatte gehört, dass Dad vorletztes Jahr wieder geheiratet hatte, irgendwer hatte es ihr gemailt. In der Mail hatte auch gestanden, dass es sich um eine sehr viel jüngere Frau handelte. Cat hatte angenommen, dass besagte Frau vielleicht um die vierzig war. Das war immer noch sehr viel jünger, jedenfalls im Vergleich zu Dad. Aber diese Opal war definitiv kaum älter als sie selbst, daran gab es keinen Zweifel, nachdem sie den dünnen Tüllschleier zurückgeschlagen hatte. Und in ihren Augen stand ein Ausdruck, der alles andere als mütterlich wirkte, geschweige denn liebevoll. Sie erwiderte Cats Blick mit steinerner Abneigung.

Dad, dachte Cat schockiert. Was hast du getan?

Sie riss sich zusammen und nickte der Frau, die jetzt ihre Stiefmutter war, mit erzwungener Höflichkeit zu. »Guten Tag, Ma’am. Mein aufrichtiges Beileid.«

Opal lächelte mit perlweißen Zähnen. »Danke. Bitte nenn mich Opal, denn wir sind ja jetzt eine Familie. Ich möchte dir ebenfalls mein Beileid aussprechen. Es muss ein schwerer Verlust für dich sein. Dein Vater hat dir immer sehr nahegestanden. Sicher hast du ihn über alles geliebt.«

Von Reuben kam ein belustigtes Schnauben. Cat bemühte sich, nicht darauf zu achten.

Keiner aus ihrer Familie hatte sich auch nur im Geringsten geändert, das sah sie auf den ersten Blick. Reuben benahm sich immer noch wie ein arrogantes Arschloch, und May Belle war dieselbe Zicke wie eh und je, nur dass sie jetzt mit einem Typen namens Maxim verheiratet war, der aussah wie ein Double von Clark Gable. Cathleen fand ihn auf Anhieb unsympathisch – nicht wegen seines Äußeren, obwohl das für sich betrachtet schon grenzwertig war, sondern wegen der unverhohlenen Art, mit der er ihr auf den Busen starrte.

Sie hatte für die Beisetzung eines dieser schwarzen Reisekleider übergestreift, die sich im Koffer zu einem platzsparenden, knitterfreien Ball zusammenrollen ließen, kaum größer als eine Faust. Es war dünn und luftig und den mörderischen Temperaturen angemessen, aber trotzdem hatte sie schon nach fünf Minuten angefangen zu schwitzen. Das Kleid klebte an ihrem Körper wie eine zweite Haut, nichts blieb der Fantasie überlassen, zumal sie keinen BH trug. Ihre Brüste drückten sich durch den dünnen Stoff, und sie ahnte, dass auch ihre Hinterbacken sich in aller Deutlichkeit unter dem seidigen Gewebe abzeichneten, das sie ständig zwischen ihren Pobacken hervorziehen musste, weil es in der Hitze die unpraktische Eigenschaft entwickelte, sich dort festzuklemmen.

Außerdem hätte sie besser ihr Haar hochstecken sollen, statt es offen zu tragen. Die schwüle Luft plusterte ihre Locken auf und verwandelte sie in eine feuchte, wilde Masse, die ungezähmt über ihre Schultern und ihren Rücken floss. Ganz zu schweigen von ihrem ruinierten Make-up. Den Lippenstift hatte sie eben im Taxi noch rasch abgewischt, aber gegen die Schweißtropfen, die ihr in die Augen liefen und ihre Mascara verschmierten, konnte sie nicht viel ausrichten. Alles in allem sah sie im Moment vermutlich wie ein Flittchen aus, ein Eindruck, der durch die hochhackigen Manolos an ihren Füßen wohl eher noch verstärkt als abgeschwächt wurde. Die flackernden Augen dieses Clark-Gable-Verschnitts waren wie ein Geilheits-Barometer, das ihr deutlich zeigte, wie sie im Moment auf Männer wirkte. Zu seiner Ehrenrettung musste Cat sich allerdings eingestehen, dass er nicht der Erste und vor allem nicht der Einzige war, der sie seit ihrem Eintreffen auf dem Friedhof so anglotzte. Sie spürte die Blicke von allen Seiten, als würde sie von gierigen Fingern betastet. Kaum ein Mann im näheren Umkreis, dessen Blicke nicht an ihr klebten, abgesehen von Onkel Randolph und Reuben. Für die beiden sah sie nur so aus, wie sie sich selbst fühlte – verschwitzt, erschöpft, unpassend angezogen.

»Hattest du nur diesen durchsichtigen Fummel zum Anziehen?«, fragte Reuben abfällig, als hätte er ihre Gedanken gelesen. »Du läufst hier auf wie die Zweitbesetzung eines drittklassigen Erotikclips.«

Sie wollte ihm wütend über den Mund fahren, doch Randolph glättete die Wogen. Er maß Reuben mit einem missbilligenden Blick, bevor er sich an Cat wandte. »Du musst müde sein nach dem langen Flug. Wir sollten zusehen, dass wir nach Hause kommen, damit du dich ausruhen kannst.«

Dankbar für seine teilnahmsvolle Unterstützung lächelte sie ihn an. »Ich bin wirklich erledigt. Und das Kleid sah im Koffer besser aus als jetzt. Ich hab’s mir extra noch rasch vor der Abreise besorgt. Normalerweise trage ich nie Schwarz.« Ein wenig kläglich sah sie an sich hinab. »Im Verkaufsprospekt stand nicht, dass man darin nicht schwitzen darf.«

»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf. Du siehst sehr gut aus.«

Der Rest der Familie war erkennbar anderer Ansicht. Opal musterte sie mit deutlichem Missfallen, und May Belles Blicke signalisierten unverhohlene Ablehnung. In Reubens Miene war der höhnische Spott nicht zu übersehen, und Maxim zog sie nach wie vor mit den Augen aus.

Und noch jemand sah sie an, sie spürte es mit allen Sinnen. Es lief auf einer unbewussten Ebene ab, sie wusste selbst nicht genau, was sie dazu veranlasste, sich mit einem Ruck umzudrehen. Ihr Herzschlag schien sich zu verlangsamen, um dann umso heftiger wieder einzusetzen.

Brent. Er war es wirklich. Sie starrte ihn an. Ihre Lippen bewegten sich in dem Versuch, irgendwas zu sagen, doch sie brachte nichts heraus.

»Hi, Cat«, sagte Brent. »Du hast dich nicht verändert.«

Er sich auch nicht, jedenfalls nicht sehr. Die Zeit hatte seinen Körper eine Spur drahtiger werden lassen. Ansonsten hatte er noch dieselbe massive Quarterback-Statur wie damals. In den Augenwinkeln nisteten kleine Fältchen, die früher nicht da gewesen waren, und sein Haar war vielleicht eine Idee dunkler. Damals hatte es die Farbe hellen Weizens gehabt, ausgebleicht von unzähligen Footballspielen unter der heißen Sonne Louisianas; jetzt hatte es eher den Farbton von altem Gold. Doch seine Augen waren immer noch so blau wie Indigo, sie stachen in dem sonnenverbrannten Gesicht hervor und zogen den Blick des Betrachters magisch an. Auf Cat hatten sie dieselbe Wirkung wie früher – in ihrem Magen fing es an zu flattern, und ihre Kehle zog sich zusammen. Der einzige Unterschied zu früher bestand darin, dass sie schneller ihre Fassung zurückgewann. Sie war keine sechzehn mehr. Nur ein paar Schrecksekunden, und sie hatte sich gefangen.

»Brent«, sagte sie. »Ich wusste nicht, dass du wieder in New Orleans lebst.«

»Ich lebe nicht hier.«

»Wir kommen aus Washington«, meldete sich der Mann zu Wort, der neben ihm stand, ein schlanker, unauffälliger Typ in Brents Alter.

»Willst du uns nicht bekannt machen, Cathleen?«, fragte Opal. In ihrer Stimme lag ein leicht vibrierendes Timbre. Cat hörte es problemlos heraus, denn es entsprach genau den Reaktionen, die Brent immer schon bei Frauen hervorgerufen hatte. Als er an der Highschool der heiß umschwärmte Footballheld gewesen war, hatten die meisten Mädchen in seiner Gegenwart genauso geredet wie gerade Opal. Besonders tief konnte die Trauer um Dad bei ihr nicht gehen.

»Das ist Brent LaVerne. Wir sind früher auf dieselbe Highschool gegangen. Er war zwei Jahre über mir und Quarterback im Footballteam.«

»Er war nicht einfach nur Quarterback«, korrigierte Reuben. »Er war der Gott des Football an der Lafayette High. Vor ihm und nach ihm gab es da nie einen Besseren.«

»Und Cat war sicher Cheerleaderin«, fügte Maxim launig hinzu.

»Das war sie tatsächlich«, meinte Randolph.

»Brent, was hat dich vom Big Easy ins langweilige Washington verschlagen?«, erkundigte sich Reuben. In seiner Stimme schwang ein ironischer Unterton mit. »Wieso bist du kein Superstar geworden? Du warst fast eine Legende. Es war doch schon an der Schule ausgemacht, dass du zu den Saints gehst und eines Tages in der Hall of Fame endest.«

»Tja, manchmal kommt einem das Leben dazwischen.«

Eine unangenehme Pause entstand, die Cat entschlossen beendete.

»Brent, das ist meine Stiefmutter Opal. Mein Onkel Randolph. Meinen Bruder Reuben kennst du sicher noch, er war ja auch auf der Lafayette High. Und das sind meine Schwester May Belle und ihr Mann Maxim Avery.«

Brent nickte allen höflich zu und drückte sein Beileid aus, dann stellte er Milo vor. »Mein Partner Milo Stone.«

»Partner?« Reuben zog die Brauen hoch.

Um Brents Mundwinkel zuckte es kaum wahrnehmbar. »Man könnte auch Kollege sagen. Wir arbeiten zusammen.«

»Und wo?«

»Beim FBI«, sagte Milo. »Drogendezernat.«

Reuben verengte die Augen und sagte nichts mehr.

»Und was treibt Sie nach New Orleans, Mister LaVerne? Private oder geschäftliche Angelegenheiten?«, erkundigte sich Maxim.

»Wir sollten Mister LaVerne und Mister Stone nicht mit lästigen Fragen aufhalten«, mischte May Belle sich ein. »Sicher haben sie genug zu tun. Lass uns gehen, Maxim. Ich fühle mich nicht gut und will nach Hause.«

Maxim blickte Verständnis heischend in die Runde. »Wenn ihr nichts dagegen habt, gehen wir schon mal vor. Ihr könnt ja mit Randolph zurückfahren.«

»Ich komme mit euch«, erklärte Reuben, die Hände tief in die Taschen seines eleganten Jacketts geschoben. Er hatte schon immer ein Faible für teure Designerklamotten gehabt, schon damals, als er noch zur Schule gegangen war, und sein Taschengeld hatte bei Weitem nicht dafür gereicht. Cat erinnerte sich noch an die Auseinandersetzungen, die es deswegen gegeben hatte. Einmal hatte Reuben behauptet, er hätte als Autowäscher gejobbt und damit Geld verdient, aber dann war herausgekommen, dass er zusammen mit einem dubiosen Typen namens Otis draußen in den Swamps Hahnenkämpfe veranstaltete. Möglicherweise waren diese illegalen Wetten nicht die letzten Gesetzesübertretungen gewesen, mit denen er seine Klamotten und andere Dinge finanzierte. Seit vorhin das Wort Drogendezernat gefallen war, schien sein Bedürfnis nach dem Austausch alter Erinnerungen jäh erloschen zu sein. Ohne ein Wort des Abschieds folgte er May Belle und Maxim in Richtung Ausgang.

Brent blickte ihm mit undeutbarer Miene nach. »Wir müssen dann auch weiter«, erklärte er. »Ich wollte nur rasch Hallo sagen.« Er nickte Randolph und Opal zum Abschied zu, dann fasste er Cat ins Auge. »Man sieht sich. Komm, Milo.«

»Aber … okay. Bye, die Herrschaften.« Milo Stone tippte an eine unsichtbare Hutkrempe, dann marschierte er gemeinsam mit Brent davon.

Randolph wirkte irritiert. »Das war gerade etwas seltsam, oder?«

Cat war absolut seiner Meinung, konnte aber nichts erwidern, weil sie zu sehr damit beschäftigt war, diese unverhoffte Begegnung geistig zu verdauen.

»Wieso war es seltsam?«, wollte Opal wissen. »Er hat nur Cathleen guten Tag gesagt. Wenn ich irgendwo eine alte Bekannte sähe, würde ich auch hingehen und sie begrüßen. Wahrscheinlich war er auf der Bestattung da drüben.« Sie deutete auf die Grabstätte in einiger Entfernung, wo gerade die Jazzkapelle wieder angefangen hatte zu spielen und die Trauergäste auf ihrem Weg zum Ausgang begleitete. »Wenn er aus der Gegend stammt, wird er noch Freunde und Verwandtschaft hier haben. Vermutlich ist einer von denen gestorben.«

Das war natürlich durchaus möglich, überlegte Cat. Doch aus unerfindlichen Gründen glaubte sie nicht daran, dass er deswegen nach New Orleans gekommen war.

Man sieht sich, hatte er gesagt.

Plötzlich wusste sie ohne jeden Zweifel, dass sie ihn wirklich wiedersehen würde, und zwar schon sehr bald.

»Heiße Braut, diese Cat Bannister«, stellte Milo auf dem Weg zum Wagen fest. »Ob wir sie in die Ermittlungen einbeziehen müssen?«

»Ja«, sagte Brent. »Ich glaube nicht, dass sie bloß gekommen ist, um zur Beisetzung ihres Dads zu gehen. Irgendwas stimmt daran nicht.«

»Wie kommst du darauf?«

»Keine Ahnung. Ist nur so ein Bauchgefühl. Wir sollten versuchen, mehr über sie rauszukriegen.«

»Okay.«

Für Milo schien die Sache mit dem Bauchgefühl völlig in Ordnung zu sein. Jedenfalls hinterfragte er es nicht weiter. Das mochte daran liegen, dass Brent mit seinen beruflichen Einschätzungen und Strategien selten falschlag. Genau genommen bisher noch nie, zumindest nicht während der Zeit ihrer Zusammenarbeit, also immerhin schon seit fast vier Jahren. Sie hatten gleichzeitig die Ausbildung in Quantico abgeschlossen und sich später in derselben Abteilung wiedergefunden. Meist waren sie einer Meinung, es gab so gut wie nie Streit. Milo war ein scharfsichtiger Ermittler, und sie hatten eine überdurchschnittliche Aufklärungsquote.

Sie hatten den alten Friedhof mit seinen Grüften und stilisierten Tempeln hinter sich gelassen und tauchten in den noblen, beschaulichen Garden District ein. Ganz in der Nähe wohnten die Bannisters, in einer dieser Stadtvillen aus dem vorletzten Jahrhundert, von denen es hier viele gab – aufwendig sanierte Prachtbauten, malerisch verborgen hinter kunstvollen schmiedeeisernen Zäunen und blühenden Sträuchern.

Einmal war Brent in den Garden District gekommen und hatte ihr Haus gesucht. Er kannte die Adresse in der Magnolia Lane, deshalb hatte es nicht lange gedauert, bis er das Anwesen gefunden hatte. Es hatte alle übrigen Häuser dieser Gegend in den Schatten gestellt. Alles daran stank nur so nach Geld, und Brent hatte sich bei dem Anblick so erbärmlich klein und nutzlos gefühlt wie nie zuvor in seinem Leben. Als er damals vor diesem von schneeweißen Säulen gestützten Palast von Haus gestanden hatte, war ihm klar geworden, wie dumm er gewesen war. Nein, das war der falsche Ausdruck – verrückt passte eher. Verrückt genug, sich einzubilden, es könnte was aus Cat und ihm werden. Das Haus hatte ihm auf schmerzliche Weise begreiflich gemacht, was er vorher nicht verstanden hatte: Er war nichts für sie. Sie passten nicht zusammen. Er war ein Redneck aus den Sümpfen, sie die Prinzessin aus dem Garden District.

Dabei hatten die Beweise dafür schon vorher unübersehbar auf der Hand gelegen, dazu hätte er eigentlich gar nicht erst das Haus besichtigen, sondern einfach nur bei Cat selbst genauer hinschauen müssen. Die Art, wie sie ging, wie sie redete, wie sie sich benahm – sie verkörperte ihre Rolle im Leben mit einem so souveränen Selbstverständnis, wie man es nur selten fand. Dafür war kein einziges Statussymbol nötig – es war ganz einfach ihre Persönlichkeit, die sie zu etwas Besonderem machte und den Leuten zeigte, aus welchem Stall sie kam.

Rein äußerlich unterschied sie nichts von den anderen Mädchen in der Schule. Sie trug keinen teuren Schmuck, hatte keine eigene Kreditkarte, besaß kaum Markenklamotten. Zachary Bannister war einer der erfolgreichsten Unternehmer Louisianas, aber er schickte Cat und Reuben auf eine staatliche Schule statt auf eines dieser elitären Privatinstitute, wo ein einziges Semester so viel kostete, wie Brents Mom in ihrem ganzen Leben nicht verdient hatte. Nur May Belle war später auf eine katholische Mädchenschule gegangen, aber weniger aus Standesdünkel heraus, sondern weil ihre Eltern unbedingt verhindern wollten, dass ihr womöglich beim Besuch der staatlichen Schule dasselbe passierte wie ihrer großen Schwester.

»He, was ist los mit dir?«, rief Milo. »Wo willst du denn hin?«

Brent merkte, dass er im Begriff war, an der Stelle vorbeizulaufen, wo sie geparkt hatten.

»Sorry. Ich war in Gedanken.«

»Ziemlich tief, was?«

Brent schloss kommentarlos den Wagen auf und setzte sich hinters Steuer.

»Woran hast du gedacht?«

»Daran, dass ich heute noch zu den Bayous rausfahren will.« Das war nur halb gelogen. Er wollte tatsächlich heute noch rausfahren.

»Was willst du da?«

»Meinen Grandpa besuchen.«

»Ach, der lebt noch?«

»Sonst würde ich ihn nicht besuchen.«

Milo betrachtete ihn von der Seite. »Du kennst sie näher, oder?«, fragte er unvermittelt.

»Wen?«, fragte Brent zurück, obwohl er genau wusste, wen Milo meinte.

»Diese Cathleen. Ihr wart nicht einfach bloß zusammen auf der Schule. Ich habe gemerkt, wie sie dich angeschaut hat. Hattet ihr mal was laufen?«

Brent kalkulierte blitzschnell alle Optionen durch und kam sofort zu dem Schluss, dass es dämlich wäre, es rundweg abzustreiten. Milo war clever, und er hatte einen Blick fürs Wesentliche. Also würde er das kriegen, was der Wahrheit am nächsten kam, ohne alles zu verkomplizieren.

»Bloß eine harmlose kleine Knutscherei auf dem Schulball«, meinte er gelassen, während er den Wagen startete und sich in den fließenden Verkehr einfädelte. Er fuhr über die St. Charles Avenue in Richtung Lee Circle. Sie hatten ein Hotelzimmer im Central Business District. »Sie war sechzehn, ich achtzehn, und wir hatten beide was getrunken. Es kam danach nicht wieder vor. Ein paar Tage später hab ich schon gar nicht mehr dran gedacht. Ich hatte jede Woche was mit einem anderen Mädchen, wenn du verstehst, was ich meine.«

»Hm, ja, wahrscheinlich standen sie Schlange, denn du warst ja ein echt heißer Quarterback«, konstatierte Milo sarkastisch, doch Brent hörte auch eine Spur Neid heraus. Milo war nicht gerade der athletische Typ. Während der Ausbildung hatte er beim Sport immer die größten Probleme gehabt.

»Bist du sicher, dass es ihretwegen für dich bei den Ermittlungen keinen Interessenkonflikt gibt?«, erkundigte sich Milo.

»Hundertprozentig sicher«, erklärte Brent, und während er das sagte, ahnte er bereits, dass das die erste von vielen Lügen war, die noch folgen sollten.

2

Cat rührte Zucker in ihre Tasse und nahm sich einen Beignet. Nach der Rückkehr vom Friedhof hatte sie die anderen gebeten, im Salon mit ihr Kaffee zu trinken. Für das, was sie ihnen zu sagen hatte, wollte sie einen möglichst vertrauten Rahmen. Sie baute darauf, dass es ihnen dadurch besser gelingen würde, mit der Situation umzugehen.

Natürlich war sie mit ihrer Einladung auf Widerstand gestoßen. Opal wollte das Treffen auf den Abend verlegen, weil sie mit ihrer Freundin verabredet war. Reuben hatte überhaupt keine Lust, und May Belle wollte schlafen. Nur Randolph hatte sofort und ohne nachzufragen zugestimmt.

Cat hätte die Bombe gleich platzen lassen können, doch sie hatte ihre Bitte lediglich um die Erklärung ergänzt, dass sie ihnen allen in Dads Namen etwas Wichtiges zu sagen habe und dafür die komplette Familie an einem Tisch wolle.

May Belle hatte umgehend wissen wollen, was los war, und auch Reuben hatte verlangt, sie solle zum Teufel noch mal sofort damit herausrücken, doch sie hatte auf die Zusammenkunft bestanden. Sie hatte sogar das alte Porzellan und die Silberkanne für den Zichorienkaffee herausgeholt, um die richtige Atmosphäre zu schaffen. Annie hatte auf ihre Bitte hin frische Beignets gebacken und sie fingerdick mit Puderzucker bestreut. Cat fand es seltsam tröstlich, dass sie immer noch als Haushälterin für die Bannisters arbeitete – eine der wenigen vertrauten Konstanten von früher, die die Jahre ihrer Abwesenheit überdauert hatten. Vom Rest der Umgebung konnte man das nicht sagen. Viele Räume im Haus waren kaum wiederzuerkennen. Nur der Salon war unverändert geblieben. Aber auch er sollte bald umgestaltet werden, wie Cat von Annie erfahren hatte.

»Die antiken Möbel gefallen Miss Opal nicht besonders. Sie mag den alten Plantagenstil nicht, sie will was Modernes.«

Cats früheres Zimmer war in die neu eingerichtete Suite integriert worden, die nun von May Belle und Maxim bewohnt wurde. Randolph, der vor fünf Jahren nach seinem Abschied vom Militär wieder ins Haus gezogen war, hatte sich ebenfalls zwei Zimmer im ersten Stock eingerichtet. Reuben hatte noch sein altes Zimmer im Haus, allerdings lebte er überwiegend in einem Apartment im Warehouse District und kam nur noch sporadisch in die Magnolia Lane.

All das erfuhr Cat von Annie, während sie gemeinsam ein Zimmer im Dachgeschoss für die Zeit ihres Aufenthalts herrichteten. Annie hatte sie gefragt, ob sie denn nun endgültig heimgekommen sei, worauf Cat geantwortet hatte, dass sie das jetzt noch nicht sagen könne und zuerst mit den anderen über sehr wichtige Dinge reden müsse.

Cat hatte sich ans Kopfende gesetzt, auf Moms Stuhl. Randolph saß rechts von ihr, dort, wo Dad immer gesessen hatte. Ihre Geschwister hatten ihre früheren Plätze eingenommen, die Macht alter Gewohnheit. Für Maxim und Opal, die neuen Familienmitglieder, waren die freien Stühle am anderen Ende der Tafel geblieben. Opal hatte sich umgezogen und trug jetzt ein schwarzes Designerkleid, das ebenso neu aussah wie das Kostüm, das sie zur Beisetzung angehabt hatte. Anscheinend hatte sie sich passend zum Anlass gleich eine komplette Trauergarderobe zugelegt.

Auch Cat hatte die Kleidung gewechselt, doch sie hatte sich was Legeres rausgesucht – eine helle Cargohose und ein Top mit Spaghettiträgern. Sie mochte keine schwarze Kleidung, und ihr Bedürfnis, aus Gründen der Pietät Zeug anzuziehen, das ihr nicht behagte, tendierte gegen null.

Auch der Rest der Familie trug wieder normale Alltagskleidung. Dass ausgerechnet Opal in Schwarz gekommen war, obwohl sie nicht mal ansatzweise den Eindruck machte, ihren Mann zu betrauern, stellte Cat vor ein Rätsel. Sie konnte es sich nur damit erklären, dass Opal damit ihre Rolle festigen wollte – als Witwe und als erste Anspruchsberechtigte bei der Verteilung des Erbes. Nun, dann würde sie wohl gleich aus allen Wolken fallen.

»Jetzt sag schon, was du zu sagen hast«, maulte May Belle. »Ich bin müde und habe Kopfschmerzen.«

»Ja, spann uns nicht länger auf die Folter, Schwesterherz«, sagte Reuben. Er spielte mit einem Beignet und zupfte es auseinander, bevor er sich die fettigen Stückchen in den Mund steckte.

Opal zog es vor, vornehm schweigend Cats Erklärung abzuwarten, aber ihre gesamte Körperhaltung strahlte Unwillen aus.

Cat holte Luft. Es war an der Zeit, die Katze aus dem Sack zu lassen. Sie hatte sich gut darauf vorbereitet, dennoch war es schwieriger als erwartet. Sie hatte nicht mit so viel geballter Feindseligkeit gerechnet. Einzig Randolph blickte sie mit aufmunternder Freundlichkeit an.

»Die Sache ist die«, begann sie zögernd. »Ich bin nicht einfach nur hier, weil Dad gestorben ist und ich zu seiner Beisetzung kommen wollte. Seine Anwälte haben mich von seinem Tod informiert und mir gleichzeitig eine Nachricht übermittelt, die er für mich hinterlassen hatte.«

»Dad hat dir eine Nachricht hinterlassen?«, vergewisserte sich May Belle konsterniert. »Warum das denn? Er wollte dich nie wiedersehen, nachdem du abgehauen warst! Er hat es selbst gesagt!«

»Na, er hat mich ja auch nie wiedergesehen, oder?«, versetzte Cat mit trügerischer Sanftheit. »Trotzdem hat er für den Fall seines Todes eine Regelung getroffen, die meine Person in das Zentrum der gesamten Nachlassabwicklung stellt.«

»Er hat … Was soll das heißen?«, wollte Reuben wissen. »Was für eine verfickte Regelung soll das sein?«

»Es wird noch eine förmliche Testamentseröffnung stattfinden, aber ich kenne den Inhalt von Dads letztwilliger Verfügung bereits und kann ihn euch daher mitteilen.«

»Ich kenne Dads Testament ebenfalls«, sagte Reuben. »Ich war dabei, als er es voriges Jahr aufgesetzt hat! Er hat verfügt, dass Randolph treuhänderisch für uns alle die Firmenanteile übernimmt und dass das gesamte Fondsvermögen zu gleichen Teilen auf Opal, May Belle und mich aufgeteilt werden soll.«

»So hat er es bestimmt«, bestätigte Opal. »Ich war auch dabei.« In ihren Augen flackerte es. Anscheinend ahnte sie bereits, dass ihre Stieftochter schlechte Nachrichten für sie hatte.

»Dad hat ein neues Testament gemacht«, erklärte Cat. »Er hat mich als Haupterbin eingesetzt.«

Nach dieser Verlautbarung herrschte am Tisch schockiertes Schweigen. Reuben und May Belle sahen einander entsetzt an. Maxim starrte auf einen Punkt an der Zimmerdecke, und Opals Miene war vor ungläubigem Schreck versteinert.

»Das kann nicht sein«, sagte Reuben schließlich fassungslos. »Es war doch alles geregelt!«

»Er hat es neu geregelt und dabei eine andere Verteilung festgelegt.«

»Welche?«, wollte Reuben wissen.

»Für dich und May Belle hat er Vermächtnisse von jeweils fünfzigtausend Dollar ausgesetzt, die sukzessive über einen Zeitraum von zehn Jahren auszuzahlen sind.«

»Was?«, schrie Reuben. »Das kann nicht sein! Das ist ja nur ein verdammtes Taschengeld!«

Cat fuhr unbeirrt fort. »Opal wurde komplett aus der letztwilligen Verfügung gestrichen, sie bekommt nichts. Onkel Randolph erhält dieses Haus hier. Es gilt dafür die Auflage, dass es nur bewohnt, aber nicht veräußert werden darf. Das Fondsvermögen und alle übrigen freien Werte fließen in die Firma.« Sie hielt inne, um sich für die wirkliche Hiobsbotschaft zu sammeln. »Und ich soll Bannister Enterprises übernehmen, mitsamt allen Gesellschaftsanteilen.«

»Aber das ist ja so gut wie alles!«, rief Reuben entgeistert. »Das Unternehmen umfasst praktisch das gesamte Vermögen!« Er war blass geworden, sein Adamsapfel geriet in Bewegung, als er krampfhaft schluckte. »Dad kann unmöglich gewollt haben, dass du es kriegst!«

»Das kann nicht rechtens sein«, sagte May Belle im Brustton der Überzeugung.

»Die Anwälte sagen, es sei absolut wasserdicht«, erwiderte Cat. »Es bleibt euch natürlich unbenommen, dagegen anzugehen, falls ihr das für richtig haltet.«

»Und ob wir es für richtig halten!« May Belle schlug auf den Tisch und stieß dabei ihre Tasse um. Der Zichorienkaffee ergoss sich über das blütenweiße Damasttischtuch.

Nur Opal hatte sich bisher nicht geäußert. Sie warf Cat einen lauernden Blick zu, dann wandte sie sich an Randolph. »Was sagst du dazu?«

Randolph lehnte sich zurück. »Ich würde sagen, wenn Zack ein neues Testament gemacht hat, wird er seine Gründe gehabt haben.«

»Das ist doch absurd«, meinte Reuben. »Warum hätte Dad das tun sollen?«

»Das kann ich dir leider auch nicht sagen«, erwiderte Cat. »Sicher ist nur, er hat es getan.«

»Warum sollte er ausgerechnet dir die Firma überlassen?«, rief May Belle. »Du kannst damit doch gar nichts anfangen!«

»Irrtum«, sagte Reuben. »Sie kann sie verkaufen und steinreich dabei werden.«

»Dad wollte, dass ich das Unternehmen leite, das war sein ausdrücklicher Wunsch.«

Reuben lachte. »Damit ist alles klar. Das neue Testament ist ungültig, denn er war nicht richtig bei Verstand. Wäre er noch klar im Kopf gewesen, hätte er nie gewollt, dass du die Firma übernimmst. Du kannst kein Unternehmen leiten und erst recht keins wie Bannister Enterprises. Das ist nicht einfach irgendein Laden, sondern ein Konzern – einer der größten des Landes.«

»Nun, du kannst es nicht wissen, aber ich habe in London beruflich viel erreicht. Ich bin Projektmanagerin in der Finanzabteilung der englischen Niederlassung von Trispell.«

»Wow«, sagte Maxim.

»Was heißt hier Wow?«, fuhr May Belle ihren Mann an. »Was soll dieses Trispell für eine Firma sein?«

»Eine der größten Baufirmen Europas«, sagte Randolph. Er nickte anerkennend. »Alle Achtung, Cat. Da hast du ja wirklich eine steile Karriere hingelegt!«

»Onkel Randolph!«, rief May Belle. »Willst du sie bei dieser Sache etwa unterstützen? Begreifst du nicht, was sie vorhat? Sie will dir die Firmenleitung wegnehmen! Es war doch immer ausgemachte Sache, dass du Bannister Enterprises weiterführst!«

Randolph schüttelte den Kopf. »Ausgemacht in dem Sinne, dass es schwarz auf weiß feststand, war es nie. Zack wollte es gern und hat oft darüber gesprochen. Das war ja auch der Grund dafür, dass ich vor fünf Jahren wieder nach New Orleans gezogen und mit in die Firma eingestiegen bin.« An Cat gewandt, fügte er erläuternd hinzu: »Es war Zacks Wunsch, dass ich ihm einen Teil der Arbeit abnehme, also habe ich mich unter seiner Anleitung wieder reingebissen. So wie früher.«

Cat nickte, denn sie war darüber im Bilde. Dad und Onkel Randolph hatten schon vor vielen Jahren zusammen in der Firma gearbeitet. Randolph hatte als einer der verantwortlichen Geschäftsführer einige Großbaustellen betreut, Firmenprojekte von Bannister Enterprises. Irgendwann während des ersten Golfkrieges war er wieder zurück zum Marine Corps gegangen und dort bis zum Captain aufgestiegen, ehe er seinen Abschied genommen hatte – hochdekoriert und ehrenvoll, aber immer noch viel zu jung, um zum alten Eisen zu zählen. Er war erst Mitte fünfzig und kerngesund.

»Stand in dem Testament irgendwas darüber, warum Onkel Randolph ihm auf einmal nicht mehr gut genug war?«, fragte Maxim.

»Nein«, sagte Cat. »Dad hat sich nicht sehr ausführlich über die Gründe seiner Entscheidungen ausgelassen. In der Präambel steht nur, er habe meinen weiteren Lebensweg aus der Ferne verfolgt und er habe bei mir was gutzumachen. Und dass es sein innigster Wunsch sei, dass ich Bannister Enterprises übernehme. Der ganze Rest besteht aus juristischen Klauseln, die alles genau regeln. Ihr bekommt alle zur offiziellen Verkündung des Testaments eine Abschrift, dann könnt ihr es euch selbst ansehen.« Sie wandte sich an Randolph. »Tut mir sehr leid, falls das für dich unerwartet kommt.«

Doch Randolph schien die ganze Sache sehr gelassen aufzunehmen. »Bevor hier irgendwelche Missverständnisse aufkommen – ich habe mich nie um die Firmenleitung oder überhaupt um irgendeinen Job in der Firma gerissen. Nach meinem Abschied vom Corps bin ich nur wieder ins Unternehmen gekommen, weil Zack es so wollte und weil ihm die Arbeit über den Kopf wuchs. Cat, was mich angeht, musst du dir keine Gedanken machen, dass du mich verdrängen könntest oder so was in der Art. Ich hab das wirklich nur für deinen Dad gemacht. Ums Geld ging es mir dabei nie. Das Corps zahlt mir eine sehr ordentliche Pension, und wenn meine Arbeit nicht mehr gefragt ist, kann ich genauso gut auch Golf spielen oder segeln gehen.«

May Belle sprang auf. »Ich höre mir diesen Mist nicht länger an!« Mit zornig verzogenem Gesicht rannte sie aus dem Salon und knallte die Tür hinter sich zu.

»Oje. Ich glaube, ich sehe mal nach ihr.« Maxim erhob sich mit einem entschuldigenden Lächeln und folgte seiner Frau.

»Über diesen ganzen Unsinn ist das letzte Wort noch nicht gesprochen«, verkündete Reuben. Er stand ebenfalls auf. An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Du tätest gut daran, über einen Verkauf der Firma nachzudenken, Cat. Ich bin davon überzeugt, dass du keinen Spaß an deiner neuen Aufgabe bei Bannister Enterprises hättest.« Ein unversöhnlicher Ausdruck stand in seinem Gesicht, als er den Raum verließ.

Randolph betrachtete Cat bedauernd. »Tut mir leid, dass du auf so viel Ablehnung stößt, Cat. Das hast du nicht verdient.« Tröstend nahm er ihre Hand und drückte sie kurz. »Wie sieht es aus – soll ich uns einen schönen großen Mint Julep machen?« Als Erklärung für Opal fügte er hinzu: »Das war der Lieblingsdrink von Cats Mom.«

»Ich hasse Mint Julep«, sagte Opal kühl.

Randolph überging die Bemerkung einfach. »Cat?«

»Danke, aber nein.« Cat hatte das Bedürfnis, sich zu verkriechen. Sie entschuldigte sich höflich bei den beiden und ging hoch auf ihr Zimmer. Von ihrer Seite aus war für den Augenblick alles Wesentliche gesagt.

3

Brent stellte den Wagen ab und machte sich auf den Weg. Schon nach wenigen Schritten lockerte er fluchend seinen Schlips und zog das Jackett aus. Die Hitze war auch am späten Nachmittag noch mörderisch, und in den Sümpfen schien sie sich zu einer so stickigen Schwüle zusammenzuballen, dass man das Gefühl hatte, durch Wasser atmen zu müssen. Zur Behausung seines Großvaters kam man nur per Boot oder über einen Trampelpfad, der von einer unbefestigten Straße abzweigte und zwischen Sumpfzypressen und wucherndem Gestrüpp zum Ufer des Bayou hinunterführte. Die nächste menschliche Ansiedlung war knapp zwei Meilen entfernt und gehörte zu einem verschlafenen Nest ein Stück westlich von New Iberia.

Brent war vor vier Jahren das letzte Mal hier gewesen. Seitdem hatte er seinen Großvater nicht mehr gesehen, und er hätte auch diesmal gern darauf verzichtet. Doch aus unerklärlichen Gründen fühlte er sich verpflichtet, während seines Aufenthalts in New Orleans wenigstens einmal bei dem Alten vorbeizuschauen. Da er nicht der Typ war, der unangenehme Vorhaben länger als irgend nötig aufschob, hatte er beschlossen, es gleich zu erledigen, dann hatte er es hinter sich.

Sein Grandpa hauste seit Urzeiten in einer Bruchbude von Hütte, und für Brent, der ihn nur alle Jubeljahre besuchte, war es schwer vorstellbar, dass er selbst hier die ersten drei Jahre seines Lebens verbracht hatte. Den Schilderungen seiner Mutter zufolge war es einstmals sogar sauber und gemütlich in der Hütte gewesen, jedenfalls zu der Zeit, als seine Grandma noch gelebt hatte. Aber die war schon lange tot. Sie war gestorben, als Brents Mutter zwölf Jahre alt gewesen war. Danach hatte der Alte angefangen zu trinken und ein paar Jahre später seine Arbeit verloren – vorher hatte er ab und zu Touristen mit dem Propellerboot durch die Bayous gefahren. Der Typ, dem das Boot gehörte, hatte ihn gefeuert, nachdem Brents Grandpa bei einer dieser Fahrten im Suff das Boot auf Grund gesetzt und dabei eine Gruppe Touristen über Bord befördert hatte. Den Leuten war nicht viel passiert, aber das Boot war Schrott gewesen, und die Versicherung hatte nicht gezahlt, weil Brents Grandpa sturzbetrunken gewesen war.

Ungefähr um die Zeit war Brents Mom schwanger geworden, von einem Jungen aus der Schule. Beide waren sie erst fünfzehn gewesen. Der Junge war von seinem Vater, einem stadtbekannten Raufbold, halb totgeschlagen worden und hatte sich hinterher einen Scheißdreck um Brents Mom und das Baby gekümmert. Irgendwann hatte er sich mit einem geklauten Wagen um einen Baum gewickelt und war dabei draufgegangen.

Die Redneck-Sippschaft, der Brent väterlicherseits entstammte, war inzwischen in alle Winde zerstreut. Brent kannte keinen Einzigen von ihnen und war froh darüber. Seine Mom war seine einzige Familie gewesen. Immerhin hatte sie genug Courage besessen, mit achtzehn aus dem Cajun Country in die Stadt zu ziehen. Sie und Brent hatten in einem winzigen Apartment in der Canal Street gehaust, und er hatte als kleiner Junge die Nachmittage und Abende bei ihren Freundinnen oder Nachbarinnen verbracht, während sie gekellnert und für fremde Leute geputzt hatte. Irgendwann hatten sie in eine bessere Wohnung ziehen können, nachdem seine Mom sich zur Geschäftsführerin einer Kneipe hochgearbeitet hatte. Dort hatte sie immer noch hinterm Tresen gestanden, als sein Abschlussjahr an der Highschool anfing, doch zu der Zeit hatte der Krebs schon begonnen, sie inwendig aufzufressen.

»Du bist auf einem guten Weg«, hatte sie gesagt, kurz bevor sie starb. »Mach das Beste draus.«

Und das hatte er bei Gott versucht. Er hatte sich das letzte halbe Jahr an der Schule allein durchgeschlagen. Er hatte sich mit einem Kumpel ein Zweizimmerapartment über einem Lokal geteilt und jeden Job angenommen, den er kriegen konnte. Die Talent-Scouts hatten ihn schon fest im Visier gehabt und ihn zu Probespielen eingeladen. Doch dann hatte ihm das Leben ein Bein gestellt. Aus der Traum von der NFL-Karriere.

Vor ihm verbreiterte sich der Weg zu einer Lichtung, auf der eine Wolke von Moskitos tanzte. Brent ging ungerührt mitten hindurch. Aus irgendwelchen Gründen mochten die Biester ihn nicht besonders. Vielleicht hatten sie schon genug von ihm gehabt, als er noch klein gewesen war. Wahrscheinlich hatte er das von dem Alten geerbt, den stachen sie auch nicht.

Von der Lichtung aus sah er den Bayou, einen träge dahinfließenden, von Mangroven gesäumten Wasserlauf. Die Hütte stand auf Stelzen direkt am Ufer. Brents Grandpa hatte sie schon vor seiner Geburt gebaut, das Meiste davon selbst gezimmert, im Schweiße seines Angesichts, wie er häufig betont hatte. Falls er seit dem Unfall mit dem Touristenboot noch irgendeiner sinnvollen Arbeit nachgegangen war, musste es Brent entgangen sein. Sein Großvater beschäftigte sich hauptsächlich mit Nichtstun und Saufen. Manchmal hockte er sich auf den morschen Steg, der von seiner Veranda aus ins Wasser führte, und versuchte irgendwas Essbares zu angeln, oder er legte Fallen aus, um Eichhörnchen oder Opossums zu fangen. Ab und zu gelang es ihm sogar, mit seiner Schrotflinte einen Alligator zu schießen. Das Fleisch verkaufte er unter der Hand, genau wie die Haut. Das Geld setzte er überwiegend in Schnaps um.

Brent fand ihn auf der Veranda, wo er in einem Schaukelstuhl hockte und mit offenem Mund schlief. Bis auf seine schmutzigen Shorts war er nackt. Seine magere, von Altersflecken übersäte Brust hob und senkte sich im Rhythmus seines Schnarchens. Zu seinen Füßen döste ein zottiger schwarzer Hund, der blinzelnd ein Auge öffnete, als Brent die Veranda betrat.

Ein rascher Blick in die Runde zeigte ihm, dass alles noch schlimmer verwahrlost war als beim letzten Mal. Überall lag irgendwelches Gerümpel herum – verrostetes Angelzubehör, verfaulte Bretter, dreckige Planen. Inmitten des Durcheinanders sah Brent auch jede Menge leere Schnapsflaschen und Konservendosen, sogar Teller mit vergammelten Essensresten.

Immerhin um den Hund schien der Alte sich regelmäßig zu kümmern, denn den hatte er schon besessen, als Brent vor zwölf Jahren aus New Orleans weggezogen war. Allein die Tatsache, dass der Köter noch lebte, war der Beweis dafür, dass er regelmäßig gefüttert wurde. Mittlerweile war er aber offensichtlich zu alt, um noch viel mitzukriegen. Als Brent das letzte Mal hier gewesen war, hatte er noch genug Energie aufgebracht, um anzuschlagen.

»Grandpa?« Brent beugte sich über den Schaukelstuhl. Der Alte stank durchdringend nach Fusel. »Grandpa! Ich bin’s. Brent.«

Bis auf ein sabberndes Schmatzen kam keinerlei Reaktion, und wie es aussah, konnte Brent auch in der nächsten Zeit nicht damit rechnen.

Er gab seine Weckversuche auf. Stattdessen inspizierte er das Innere der Hütte, wo sich ebenfalls in allen Ecken der Unrat häufte. Es stank nach Fäkalien, Schimmel und Fusel. Seufzend zog er das Hemd aus und hängte es zusammen mit seinem Jackett über das Geländer der Veranda, an einer Stelle, die halbwegs sauber aussah. Dann machte er sich an die Arbeit.

Drei Stunden später schlief der Alte immer noch wie ein Stein, und vermutlich würde er, wenn er aufwachte, überhaupt nicht bemerken, dass sich irgendwas um ihn herum verändert hatte. Trotzdem fühlte Brent sich ein wenig besser.

Zumindest den gröbsten Dreck hatte er beseitigt. Ein halbes Dutzend voller Müllsäcke lag jetzt aufgestapelt neben der Hütte. Er würde dafür sorgen müssen, dass sie per Boot abgeholt wurden, ebenso wie die verrosteten Fässer und einiger anderer nutzloser Kram, in dem sich nur Ungeziefer einnisten konnte.

Er hatte den Gaskocher gereinigt, den Kühlschrank ausgewaschen und dreimal die vorsintflutliche Waschmaschine laufen lassen, um den Berg an Schmutzwäsche zu reduzieren, der sich – vermutlich seit Monaten – daneben auftürmte. Außerdem hatte er den Siphon in der Spüle repariert, weil das Wasser nicht mehr richtig ablief, und zu guter Letzt hatte er noch das stinkende Bett mit frischen Laken bezogen und die Hütte ausgekehrt. Eine gründlichere Reinigung dieses Drecklochs war dringend nötig, aber das würde Tage dauern. Darum konnte er sich unmöglich selbst kümmern.

Milo und er hatten einen engen Zeitplan. Bannister Enterprises war ihr wichtigster Fall, und nachdem ihr Hauptverdächtiger so plötzlich den Löffel abgegeben hatte, war bei den weiteren Untersuchungen Eile geboten, ehe etwaige Komplizen eine Vertuschungsaktion starten konnten.

Brent zog sein Hemd wieder an. »Grandpa, ich geh dann jetzt wieder«, sagte er zu dem immer noch vor sich hin schnarchenden Alten.

Sein Großvater schrak zusammen, der herabhängende Kopf fuhr hoch.

»Was …?«, murmelte er. »Wer zum Henker …?«

»Ich bin’s, Brent.«

»Was willst du hier?«, kam es nuschelnd zurück

»Nichts. Ich hab ein bisschen aufgeräumt.«

»Hab dich nicht drum gebeten.« Der alte Mann starrte ihn aus blutunterlaufenen Augen an. »Verschwinde von meinem Grund und Boden.«

»Ich wollte eh wieder los. Vielleicht schaue ich in den nächsten Tagen noch mal vorbei.«

»Hau ab«, lallte der Alte. »Lass mich in Ruhe.«

Schweigend trat Brent den Rückzug an. Der Hund erhob sich und trottete Brent hinterher. Vor den Stufen der Veranda blieb er stehen und schaute dem Besucher leise winselnd nach.

Auf dem Weg zum Wagen versuchte Brent, die letzten Stunden aus seinem Gedächtnis zu tilgen. Er hatte einen Job, und der war verdammt noch mal wichtig. Wichtiger als ein hoffnungsloser, versoffener alter Mann draußen am Bayou.