SCHWARZER SOMMER - Jack D. Shackleford - E-Book

SCHWARZER SOMMER E-Book

Jack D. Shackleford

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Beschreibung

Auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit taucht das Londoner Model Felicia Graig bei ihrer Freundin Joanna unter. Schon bald bemerkt sie, dass Joannas Mann und dessen Schwester etwas Grauenvolles vor ihr verbergen. Immer tiefer gerät Felicia in den Sog der Schwarzen Magie und einer verzehrenden, obszönen Leidenschaft: Inmitten des modernden England erlebt eine junge Frau die mystischen und blutigen Schrecken eines Schwarzen Sommers... Der Roman SCHWARZER SOMMER von Jack D. Shackleford (erstmals im Jahr 1977 veröffentlicht) gilt als Klassiker des Okkult-Horrors und erscheint als durchgesehene Neuausgabe in der Reihe APEX HORROR.

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JACK D. SHACKLEFORD

Schwarzer Sommer

Roman

Apex Horror, Band 20

Apex-Verlag

Inhaltsverzeichnis

Das Buch

SCHWARZER SOMMER

Erster Teil: FELICIA GRAIG

Zweiter Teil: GIL PITT

Dritter Teil: MITTSOMMERNACHT

Das Buch

Auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit taucht das Londoner Model Felicia Graig bei ihrer Freundin Joanna unter. Schon bald bemerkt sie, dass Joannas Mann und dessen Schwester etwas Grauenvolles vor ihr verbergen.

Immer tiefer gerät Felicia in den Sog der Schwarzen Magie und einer verzehrenden, obszönen Leidenschaft: Inmitten des modernden England erlebt eine junge Frau die mystischen und blutigen Schrecken eines Schwarzen Sommers...

Der Roman Schwarzer Sommer von Jack D. Shackleford (erstmals im Jahr 1977 veröffentlicht) gilt als Klassiker des Okkult-Horrors und erscheint als durchgesehene Neuausgabe in der Reihe APEX HORROR.

SCHWARZER SOMMER

Erster Teil: FELICIA GRAIG

I.

»Sie sind nicht Mrs. Oakes.«

Er stand in der Tür, die er völlig mit seinem massigen, leicht vorgebeugten Körper ausfüllte. Seine großen Hände hatte er gegen den Türrahmen gestemmt. Er streckte seinen riesigen, struppigen Schädel vor und musterte sie - eine grimmige, gewaltige und Furcht einflößende Erscheinung. Mit weit aufgerissenen Augen starrte Felicia ihn sprachlos an.

»Sie sind nicht Mrs. Oakes«, wiederholte er.

Felicia schüttelte den Kopf. Als sie ihre Sprache wiedergefunden hatte, gelang es ihr, einigermaßen ruhig zu sagen: »Nein, die bin ich nicht. Ich glaube, Sie haben sich im Haus geirrt. Hier ist niemand mit diesem Namen. Die Leute, die hier wohnen, heißen Black.«

»Mrs. Oakes wohnt hier.«

»Bedaure«, sagte Felicia vorsichtig. »Ich fürchte, Sie haben sich geirrt.«

Ihre Stimme klang gepresst. Sie schluckte und bekam die Kehle wieder frei. Seine kleinen, tiefliegenden, dreisten Augen, die halb von den buschigen, überhängenden Brauen versteckt waren, ließen von ihrem Gesicht ab. Er musterte sie eingehend von oben bis unten, und sie ging vom Spülstein zum Küchentisch hinüber, so dass zwischen ihnen eine Art Barriere entstand. Sie versuchte es nochmals:

»Ich bin eine Freundin von Mrs. Black, verstehen Sie? Ich bleibe hier für - für ein paar Tage. Wenn Sie also jemanden namens Oakes suchen...«

»Sie wohnt hier«, beharrte er. »Bei ihnen. Bei Mr. und Mrs. Black.«

»Oh?«

»Mrs. Oakes ist Mr. Blacks Schwester.«

»Oh, ich verstehe! Dann ist ja alles in Ordnung.« Unendlich erleichtert lächelte Felicia. »Tut mir leid, davon wusste ich nichts. Es ist niemand hier, wissen Sie. Zumindest habe ich seit meiner Ankunft niemanden gesehen. Die Tür stand offen, so bin ich - hören Sie, ich weiß nicht, wann sie zurückkommen werden. Ich werde ihnen ausrichten, dass Sie hier waren, ja? Was soll ich sagen, wer...?«

»Ich heiße Jesse Pitt«, sagte er. »Ich bin gekommen, um für Mrs. Oakes zu arbeiten.«

»Arbeiten? Sie erwartet Sie also?«

»Ich sollte für sie den Schuppen reparieren.«

»Na gut. Dann fangen Sie wohl besser damit an.«

»Deshalb wollte ich zu Mrs. Oakes«, erklärte er ihr geduldig. »Ich brauche einen Hammer, klar? Ich hab' meinen zu Hause gelassen, deshalb...«

»Ich kenne mich hier nicht aus«, sagte Felicia hilflos. Sie strich ihr Haar zurück, jene langmähnige aschblonde Perücke, die sie über ihrem eigenen jungenhaften Kurzschnitt trug, und sah, wie er überrascht die Stirn runzelte. Ich muss mir merken, dass ich das nicht tun sollte, dachte sie. »Wissen Sie zufällig, wo ein Hammer sein könnte«, fragte sie schnell.

»Ich meine in der Schrankschublade... dort.« Er wies auf den Schrank, ohne ihr Gesicht aus den Augen zu lassen.

»Ich schau mal.«

»Sie sagen, Sie sind eine Freundin von Mrs. Black?«

Während sie das Durcheinander in der oberen Schrankschublade durchwühlte, sagte Felicia: »Das stimmt.«

»Und Sie bleiben hier?«

Zwischen allerlei Krimskrams fand Felicia einen Hammer.

»Ist der richtig? Ja«, fuhr sie lebhaft fort, »wenigstens hoffe ich, dass es geht. Ich habe ein Telegramm geschickt, dass ich komme, aber...«

»Ach.« Er nahm den Hammer, der in seiner gewaltigen braunen Hand lächerlich klein wirkte. »Dann werd' ich mal anfangen.«

Sie beobachtete, wie er den Pfad über den ziemlich verwilderten Rasen entlang auf eine Gruppe kleiner Schuppen zuging, die etwa fünfzig Meter vom Haus entfernt war. Trotz seiner Größe bewegte er sich behende. Er ist in Wirklichkeit gar nicht so schlimm, wie ich gedacht habe, entschied Felicia. Das machen nur diese scheußlichen Kleider, das wirre Haar und diese Augenbrauen...

Sie setzte sich an den Küchentisch, zündete sich eine Zigarette an und überdachte die verschiedenen beunruhigenden Aspekte ihrer Situation. Aus dem Wunsch - dem verzweifelten Wunsch - heraus, fortzugehen, davonzulaufen und sich zu verstecken, hatte sie an Joanna gedacht. Joanna, die seit zwei Jahren verheiratet war und sicherlich in einem hübschen Häuschen auf dem Lande lebte, schien ihr genau die Richtige zu sein, um ihr zu helfen. Sie hatte ein Telegramm aufgegeben, sich in den Trubel des Packens gestürzt und war geflohen.

Joannas Heim hatte sie sich als ein nettes, elegantes Haus oben auf einem Hügel vorgestellt, von dem aus sich der Blick auf ein pittoreskes Dorf aus Spielzeughäuschen böte. Aber Padley Beeches, wie sie es vom Taxi aus gesehen hatte, entpuppte sich als ein hässliches, unscheinbares Nest mit schmutziggrauen kleinen Läden und düsteren, abweisend wirkenden Häusern, die sich zwischen zwei bewaldeten Hügeln längs einer engen Straße aneinanderdrängten.

Das Haus selbst hoch oben im Wald auf dem Kamm des Hügels sah verlassen, böse und abstoßend aus. Es war recht groß, quadratisch und eintönig. Ein mieser grauer Bau ohne irgendwelche Verzierungen und ohne jeden Charme, dessen einziger Vorzug in seiner soliden Bauweise bestand. Ein ungepflegter Vorgarten gehörte ebenso dazu wie der Rasen neben und hinter dem Haus, der einer verwilderten Wiese glich. Dann die schäbigen Geräteschuppen hinten im Garten. Und ringsumher war nichts als Wald. Beim ersten Anblick hatte Felicia überlegt, ob sie sich nicht geirrt hätte. In den ersten Wochen ihrer Ehe hatte Joanna begeistert - geradezu verzückt - von ihrem neuen Heim geschrieben, aber die Wirklichkeit war ganz das Gegenteil dessen, was sich Felicia aufgrund der Briefe vorgestellt hatte.

Es fiel schwer, sich die lebhafte, quirlige Joanna an diesem Ort vorzustellen. Die Joanna, die Felicia in Erinnerung hatte, hätte sich von diesem Haus abgestoßen gefühlt. Es wäre eine Herausforderung für sie, seiner Muffigkeit mit Eimern von Farbe und Tünche zu begegnen. Aber es gab kein Anzeichen dafür, dass irgendein Versuch unternommen worden wäre, sein tristes Äußeres aufzuhellen oder umzugestalten.

»Das ist das einzige Haus am Spender's Lane, Miss«, hatte der Taxifahrer gesagt. »Es muss also das richtige sein, oder?«

Aber ihr Klopfen blieb unbeantwortet, kein Zettel mit Joannas vertrautem, nach links kippendem Gekritzel war an der Tür oder sonstwo für sie zurückgelassen worden.

»Was wollen Sie jetzt machen«, hatte ihr Fahrer gefragt. »Ich kann nicht länger hier rumgammeln. Ich hab' 'ne Fuhre in Stillford um sechs, und jetzt ist es fast halb.«

Die unverschlossene Küchentür hatte den Ausschlag gegeben. Es gab nichts, wo sie sonst hätte hingehen können, machte sich Felicia klar.

»Es gibt Frauen«, hatte der sie behandelnde Arzt in einer unsympathischen Art gesagt, »die viel schlimmere Narben haben. An schlimmeren Stellen. Frauen sind sogar die Brüste entfernt worden, ohne dass deren Leben gleich ruiniert waren.«

»Aber... Ich bin Fotomodell! Ich...«

»So nennen Sie das also?« Da er sie nicht mochte, war er schroff und gefühllos. »Schauspielerin, Modell, was auch immer... Lassen Sie Ihr Haar wachsen. Tragen Sie solange eine Perücke.«

Als er die Fäden zog, tat er ihr weh.

Verletzt und unfähig zu denken, war sie davongerannt. Zu Joanna, mit der sie einst eine Ein-Zimmer-Wohnung in Bayswater geteilt hatte. Ebenso wie die Frustrationen und kleinen Erfolge, als sie versuchten, sich als Modell durchzusetzen. Ehe aus den Modefotos eine andere Sorte Bilder wurde, ehe der von Anfang an falsche Weg unausweichlich zu anderen Dingen führte...

Wie sie so dasaß und rauchte, erinnerte sich Felicia an die Aufregung:

»Nimm einen guten Schluck, Darling, du wirst es brauchen. Fertig? Also, ich werde mich verheiraten! Wie ist das?«

»Du willst mich verladen! Nicht wahr?«

»Nein. Ich werde wirklich, ehrlich und wahrhaftig.«

»Joanna! Um Himmels willen!« Sie ergriff Joannas Hände, lachte mit ihr. »Schluss mit dem Albern! Wen? Wen willst du heiraten? Wann?«

»Sein Name ist - und lach bloß nicht - Adrian. Adrian Black. Erzähle mir nur nicht, du hättest noch nie von ihm gehört, denn du kennst ihn tatsächlich nicht, und es gibt keinen Grund weshalb. Wir werden im tiefsten Hampshire leben - ich glaube wenigstens, dass es Hampshire ist. Jedenfalls, wenn du von deinem Auftrag in Hamburg zurückkommst, bin ich Mrs. Adrian Black.«

Kurz darauf wurde Joanna ernst.

»Ist mit dir alles in Ordnung, Flick? Ich meine, sind diese Aufträge, die du da hast, nun, in Ordnung.«

»Die Bezahlung ist gut, nicht wahr?« Leicht dahergesagt. Lächelnd. »Mach dir um mich keine Sorgen. Ich kann auf mich selbst achten.«

»Sicher kannst du das. Es ist bloß... Na ja, solange du glücklich bist.«

Und dann die Briefe:

»...wenn du mal ein paar Tage Zeit hast, musst du uns unbedingt besuchen. Adrian sagt...«

Immer von Neuigkeiten sprudelnde, glückliche Briefe. Die nach den ersten paar Wochen plötzlich aufhörten.

Und nun dieses Haus. Die düstere Küche mit den unabgewaschenen Tellern und Schüsseln auf dem Abtropfbrett. Die Atmosphäre von - von was? Traurigkeit? Niedergeschlagenheit? Felicia drückte ihre Zigarette aus und suchte nach einem Erkennungszeichen, einem Hinweis, dass dies wirklich Joannas Haus war, dass die lebensfrohe Joanna tatsächlich in diesem Hause wohnte. Ein buntes Poster an der Wand, Blumen in der Vase. Irgendetwas.

Nichts.

Dieses Fehlen jeglicher Gemütlichkeit war so beunruhigend. Keine Farben, nicht ein Tüpfelchen von dekorativer Nutzlosigkeit...

Felicia fragte sich, wie das übrige Haus aussah, die Bäume und Korridore, die hinter der verschlossenen, braungestrichenen Zwischentür lagen. Bestimmt waren die ihr noch unbekannten Räumlichkeiten bunt und voller Leben.

»Was macht eigentlich dein Adrian?«

»Er ist Anthropologe«, hatte Joanna geantwortet. »Er schreibt Bücher und - und so'n Kram. Du weißt schon, so gebildete Sachen. Aber er ist kein bisschen langweilig oder verkalkt. Er weiß alles Mögliche über Voodoo und Medizinmänner.« Kichern. »Wusstest du, dass es ein Voodoo-Ritual gibt, wo eine Schlange sich in eine Priesterin hineinwindet? Sie tanzt eine Weile vor sich hin, bis sie in Fahrt ist, und dann bringen sie ihr die Schlange in einer Art Korb, und sie steht mit gespreizten Beinen darüber, und...«

»Wie ist er?« hatte Felicia eine Freundin gefragt, die auf der Hochzeit gewesen war. »Ich habe ihn mir als gelehrten Robert Redford vorgestellt.«

»Wohl eher Yul Brynner...«

»Er hat eine Glatze?«

»Wie ein Ei, meine Liebe. Aber es steht ihm. Dazu hat er solche geschwungenen Augenbrauen und einen süßen Gauner-Schnurrbart. Und der attraktive Mund... Ich weiß nicht, wo Joanna ihn gefunden hat, aber ich wünschte, ich wäre ihr zuvorgekommen.«

Felicia dachte: Und wenn sie heute Abend nicht zurückkommen?

Sie zündete sich eine neue Zigarette an und hockte vor sich hinstarrend auf ihren beiden Koffern. Es musste eine Meile bis ins Dorf sein, überlegte sie, wenn man den düsteren Weg entlanggeht.

»Entschuldigung...«

Verschreckt fuhr sie herum. Eine kleine, ziemlich plumpe junge Frau mit langen, strähnigen blonden Haaren stand draußen. Sie trug ein sehr kurzes blaues Kleid sowie weiße, staubige Sandalen und lächelte. »Tut mir leid, wenn ich sie erschreckt habe«, sagte sie. »Ich komm', um mich für Jesse zu entschuldigen - er glaubt, dass Sie ziemlich erschrocken waren. Ich bin Mrs. Pitt - Barbara. Ich hoff', er war nicht grob zu Ihnen, Liebchen?«

Sie war höchstens Anfang Zwanzig und einige Jahre jünger als Felicia, aber die Art, wie sie sich älter machte..., wie sie das affektierte »Liebchen« gebrauchte, erinnerte sie an eine gesetzte Matrone.

»Er hat mich ein bisschen überrumpelt«, gestand Felicia.

»Ah. Er erwartete niemanden, verstehen Sie? Er hat diese Vereinbarungen mit ihr getroffen. Einfach so hierherzukommen und nach ein, zwei Sachen zu schauen, die erledigt werden sollen.«

»Ja. Das sagte er mir.« Barbara Pitt musterte sie abschätzend, registrierte ihre leuchtendgelben, engen Jeans und ihr hauchdünnes Seidenhemd. Felicia fühlte sich unbehaglich. Schroff fügte sie hinzu: »Kein Grund, sich zu entschuldigen.«

»Er kann schon ungeschickt sein, der Jesse«, sagte Barbara mit einem Anklang von Genugtuung in ihrer Stimme. »Doch es is' ja nichts passiert, nich' wahr? Ich bin nur wegen des Werkzeugs gekommen. Jesse vergisst immer alles. Man stelle sich vor. Hat alles bei Goodens gelassen, wo er heute Nachmittag gearbeitet hat. Bin gleich wieder weg.«

»Nein, warten Sie. Mrs. Pitt, wissen Sie zufällig, wo sie alle sind? Vor allem Mr. und Mrs. Black? Hier ist nämlich keiner, und ich frage mich...«

Barbara Pitt runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf.

»Kann ich Ihnen nich' sagen«, erklärte sie. »Also hat man Sie nich' erwartet?«

»Ich schickte ein Telegramm.«

»Ich würd' mich nich' wundem, wenn sie bald zurück wären. Warten Sie noch'n bisschen, dann tauchen die schon auf.« Sie grinste vertraulich. Felicia versuchte sie sich als die Frau dieses zottigen Riesen Jesse vorzustellen, vergeblich. »So, ich muss mich sputen. Jesse will sein Abendessen, wenn er hier fertig is', und ich hab' noch nich' mal angefangen. War den ganzen Nachmittag Schwimmen«, vertraute sie Felicia an. Jetzt wirkte sie gar nicht mehr matronenhaft, sondern schelmisch und ausgelassen. »Tut mir leid, wenn mein Jesse sie so erschreckt hat.«

»Es macht nichts, ich...« Unbewusst hatte sie sich das Haar rechts aus dem Gesicht gestrichen. Barbara fragte:

»Wie sind Sie daran gekommen? Oh...« Eine Hand vor dem Mund, verlegen. »...ich hätte nich', ich hab' nich' überlegt. Tschuldigung.«

»Ist schon gut.« Zögernd berührte Felicia die gezackte Narbe. »Ich bin noch nicht daran gewöhnt. Aber ich muss mich daran gewöhnen, nicht wahr? Es war ein Unfall.«

»Ja?«

»Ein Autounfall. Zersplitterte Scheibe.«

Barbara Pitt glaubte ihr offensichtlich nicht.

»Tut mir leid«, sagte sie unbestimmt. »Ich muss gehen.«

Allein gelassen setzte sich Felicia wieder an den Tisch. Ihr war miserabel zumute. Sie begann zu weinen.

Oh, verdammt...

Draußen erklangen Stimmen. Felicia suchte nach dem Päckchen Taschentücher in ihrer Anorak-Tasche.

»Es ist das Beste, Adrian.«

Eine weibliche Stimme, tief und etwas heiser, der sich eine männliche anschloss:

»Natürlich hast du Recht. Es macht die Angelegenheit nur so scheußlich, das ist alles.«

»Wir haben noch genug Zeit.«

Sie betraten die Küche, wobei der Mann der Frau den Vortritt ließ. Sie war hochgewachsen, schlank, aber vollbusig und dunkelhaarig. Das lange, glänzende schwarze Haar fiel in großen Wellen über ihre Schultern. Sie trug einen hellblauen Safari-Anzug aus Drillichstoff. Ihr Begleiter konnte nur Adrian Black sein.

Der völlig kahle Schädel; der dichte, leicht herunterhängende Schnurrbart; der sinnliche, fast feminine Mund... Seine lachenden, lebhaften braunen Augen ruhten forschend auf Felicia.

»Sie müssen von der Avon-Beratung sein.«

»Ich schickte ein Telegramm«, erklärte Felicia. »Ich bin Joannas Freundin. Felicia Graig. Ist sie...?«

»Sie muss vergessen haben, uns davon zu erzählen.« Die Frau mischte sich ein. »Wie geht's? Ich bin Jessica Oakes.«

»Ich fürchte, Joanna...«

»...ist für einen Tag oder so fort«, beendete Jessica den Satz für ihn. »Das ist natürlich sehr unangenehm, nicht wahr? Wollten Sie nur kurz vorbeischauen oder hatten Sie vor...«

»Ich hoffte, für ein paar Tage bleiben zu können.«

»Wie schade.« Das war nicht ernstgemeint. Jessica Oakes hatte zwar den gleichen sinnlichen Mund wie ihr Bruder, aber ihrer hatte einen grausamen, raubtierhaften Zug.

»Sie haben geweint«, sagte Adrian Black plötzlich. »Das können wir nicht zulassen. Jessica, wir können Miss Graig nicht hinauswerfen, nur weil Joanna nicht hier ist. Warum genehmigen wir uns nicht alle einen Drink.« Er ging zu einem Schrank und zauberte eine Flasche Whisky hervor.

»Ich bezweifle, dass Miss Graig hierbleiben möchte, Adrian. Sie ist Joannas Freundin, und da diese nicht da ist...«

»Nun, sie kommt ja bald. Morgen oder übermorgen, stimmt's? Und wir haben oben ein nettes unbenutztes Schlafzimmer.« Er hatte drei Gläser gefunden und schenkte großzügig Whisky ein. Als er aufblickte, zwinkerte er Felicia zu. »Es wird schon nicht gefährlich werden. Du gibst eine ausgezeichnete Anstandsdame ab, Jessica. Ich kann nicht einsehen, warum Miss Graig nicht wie geplant hierbleiben sollte. Es sei denn, sie will nicht.«

»Nun, wenn Joanna bald nach Hause kommt.«

»In ein paar Tagen.«

»Wenn das so ist, sind Sie ganz sicher?«

Er reichte Felicia ihr Glas.

»Also abgemacht«, sagte Adrian. »Dann wollen wir einander doch mal richtig vorstellen. Ich bin Adrian, wie Sie wissen, und das ist Jessica. Meine Schwester. Und Sie sind - Felicia, richtig?«

»Felicia.«

»Auch Felicia genannt?«

»Flick«, antwortete Felicia.

»Ich glaube, ich erinnere mich, dass Joanna von Ihnen gesprochen hat. Ja, bei Flick fällt der Groschen. Wohnten Sie nicht mit Joanna zusammen?«

»Ja.«

»Und Sie stehen Modell, richtig?«

»Ich war Fotomodell«, erwiderte Felicia. »Jetzt nicht mehr.«

»Sie haben geweint«, sagte Jessica. »Sind Sie in irgendwelchen Schwierigkeiten?«

»Oh, nein. Es war dumm von mir. Ich saß hier so ganz allein und wusste nicht, was ich tun sollte. Das ist alles.«

»Jetzt haben Sie ein Dach über dem Kopf. Wir werden es Ihnen schon gemütlich machen. Jessica, würdest du das unbenutzte Schlafzimmer herrichten?«

»Bei Jessica muss alles seine Ordnung haben«, sagte Adrian, nachdem seine Schwester hinausgegangen war. »Leute sollten nicht einfach alles hinschmeißen und Telegramme schicken. Ginge es nach ihr, müssten Besuche sorgfältig geplant werden - mit vielen Briefen und zu guter Letzt einem Telefonanruf. Was mich betrifft, so verabscheue ich Briefe und hasse es, an Leute zu denken und damit Scherereien zu verbinden. Ich bin lieber einfach da und nehme mir meinen Fingerhut voll Glück. Aber Jessica findet das rücksichtslos.«

Adrian saß Felicia gegenüber und lächelte sie an. Ertrug ein am Hals offenes rotes Hemd, das den Blick auf eine schwere Kette mit einem Medaillon freigab, und hellgraue Hosen. Er sah kräftig und gesund aus. Felicia fragte: »Wie geht es Joanna?«

»Sehr gut.« Beiläufig bemerkte sie, dass seine Fingernägel ein bisschen eingerissen waren. »Aber Sie, Sie sind sehr blass. Waren Sie krank?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Wahrscheinlich zu beschäftigt, um auf sich zu achten, was? Zuwenig Sonne und frische Luft. Wo Sie jetzt hier sind, sollten Sie das nachholen, solange das Wetter sich hält. Viel mehr kann man hier auch nicht unternehmen, als in der Sonne zu sitzen und still vor sich hin zu rösten. Ich versuche, soviel wie möglich rauszukommen, aber meine Arbeit lässt mich nicht los. Und ich fürchte, ich gehöre nicht zu den glücklichen Naturen, die im Freien arbeiten können - die Papiere fliegen absichtlich davon, und sämtliche Wespen der Nachbarschaft haben es auf mich abgesehen...« Trotz seines munteren Plaudertons hatte Felicia den Eindruck, dass seine Gedanken woanders waren. Er wirkte angespannt - seine kräftigen Finger trommelten rastlos auf der Tischplatte, spielten mit einem Hemdknopf oder zwirbelten seinen dichten Schnurrbart.

»Macht es Ihnen auch wirklich nichts aus, dass ich hierbleibe?«, fragte sie. »Ich meine, Sie wussten ja nicht, dass ich komme, nicht? Ich verstehe nicht, wieso Joanna vergessen konnte, es Ihnen zu sagen. Ich habe ein Telegramm geschickt.«

»Gewiss haben Sie das«, sagte er lächelnd. »Und machen Sie sich keine Gedanken über Ihren Aufenthalt hier. Wir sind nur zu glücklich, dass Sie hierbleiben. Wenn Jessica nicht gerade erfreut zu sein schien... Das ist bloß ihr Sinn für ordentliches Benehmen. Sie ist im Grunde eine warmherzige Person. Freundlich. Also, kleine Freundin von Joanna, Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, klar?«

Sein Lächeln wirkte ansteckend.

»Das ist sehr nett von Ihnen«, sagte Felicia. »Ich weiß nicht, was ich sonst gemacht hätte. Das Haus liegt sehr abgelegen, nicht wahr?«

»Richtig ländlich«, stimmte er zu. »Was seine eigenen Reize hat. Durch das Auto sind wir natürlich nicht so abgeschnitten. Können Sie fahren?«

»Nein. Allerdings habe ich mal angefangen, es zu lernen, aber...«

Jessica kam zurück.

»Alles erledigt«, sagte sie. »Vielleicht trinken wir noch ein Glas, und dann sollte ich mich ums Abendessen kümmern.«

»Unsere Essenszeiten«, sagte Adrian, während er neue Drinks einschenkte, »sind recht unregelmäßig. Sie werden merken, dass wir kein besonders gut organisierter Haushalt sind.«

In einem anderen Zimmer schrillte das Telefon, und er ging hinaus, wobei er die Tür offenließ, so dass Felicia den gefliesten, düsteren Flur sehen konnte.

»Besucht Joanna Freunde?«, fragte Felicia.

»Nur für ein paar Tage«, antwortete Jessica. »Verdammt, ich habe nicht abgewaschen.«

»Ich helfe Ihnen.«

»Nein, nein. Wir haben noch mehr Teller. Das kann warten.«

Von irgendwoher aus dem Flur drang Adrians Stimme: »...muss wirklich sein. Bis Donnerstag. Das ist nicht so schlimm, nicht wahr? Du wirst nicht wie ein Kind behandelt. Natürlich nicht. Sei vernünftig.«

»Vielleicht sollte ich doch abwaschen«, sagte Jessica und ließ Wasser in eine Schüssel im Spülbecken laufen. »Ich darf nicht so faul sein.«

Das fließende Wasser übertönte Adrians Gespräch. Als sie aufstand, um Jessica zu helfen, hörte Felicia:

»Es war albern von dir.« Und: »Ja, hier im Haus...«

»Machen Sie sich keine Umstände«, sagte Jessica. »Ich mach' das schon. Wenn ich erst angefangen habe, dauert es höchstens eine Minute.«

»Es sieht Joanna gar nicht ähnlich, das Telegramm zu vergessen.« Felicia ging zu ihrem Stuhl zurück. Die Spüle war in einer ziemlich engen Ecke der Küche, so dass für zwei dort kein Platz war. »Ich hätte gedacht, sie würde es Ihnen sofort erzählen.«

»Vorausgesetzt, sie hat es tatsächlich erhalten«, warf Jessica ein. »Die Postzustellung hier ist ziemlich unterentwickelt, gelinde gesagt. Adrian verschickt oft Manuskripte«, fuhr sie fort. »Noch vor kurzem ging eines verloren. Glücklicherweise hatte er eine Kopie. Die Post von Padley untersteht einem schwachsinnigen alten Mann, der sich längst hätte zur Ruhe setzen sollen, und sämtliche Angestellte dort sind Idioten. Wie es eben in Padley so ist. Aber unsere kleine Zweigstelle hier in Padley Beeches ist genauso schlimm. Wenn nicht schlimmer. Kennen Sie diesen Teil der Welt?«

»Nein. Es ist bezaubernd.«

Jessica wandte sich von ihrer Arbeit ab und zog die Augenbrauen belustigt hoch.

»Mein Gott«, sagte sie. »Ich finde es total beschissen. Keine Postkarten-Gegend. Eher zweckmäßig. Kleine Farmen, schäbige kleine Baumschulen, gelegentlich eine Kiesgrube. Aber es ist die Heimat... Die Wälder sind jedenfalls schön, besonders im Herbst. Und Stillford ist nicht weit.«

»Leben Sie schon lange hier, Jessica?«

»Es ist mein Haus.« Wenn sie noch etwas sagen wollte, so wurden ihre weiteren Bemerkungen durch Adrians Rückkehr unterbunden. Er hat sich mit jemandem gestritten, dachte Felicia. Seine Mundwinkel waren nach unten gezogen, und ein harter, zorniger Zug spielte um seinen Mund.

»Probleme?«, fragte Jessica leichthin.

»Nein, eigentlich nicht. Die Arbeit«, sagte er zu Felicia. »Ärger. Manchmal wünschte ich, ich wäre ein Bauer oder ein Gärtner. Irgendetwas relativ Unkompliziertes.« Er leerte sein Glas und schüttelte sich theatralisch. »Kommen Sie, Felicia, oder ich sollte besser Flick sagen, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer.«

Ohne jede Anstrengung trug er ihren Koffer den Flur entlang und die enge, mit dünnem Teppich bespannte Treppe hinauf. Ihr Zimmer lag nach hinten hinaus, und von seinem kleinen Fenster aus konnte man den ungepflegten Rasen und die Geräteschuppen sehen. Ein kleiner, spärlich möblierter Raum.

Jesse Pitt lag auf dem Dach eines Schuppens, dessen wackliger Bau durch seine Masse zusammenzustürzen drohte. Es sah ziemlich gefährlich aus. Felicia sagte:

»Oh, ich vergaß, Ihnen von ihm zu erzählen. Ihre Schwester hat anscheinend mit ihm vereinbart, dass er einige Reparaturen vornehmen soll. Glauben Sie, dass er da oben sicher ist?«

»Ich bezweifle es... Sie haben also unseren Jesse getroffen? Überwältigend, nicht?«

»Ja, schon.«

»Wie der Dinosaurier«, sagte er. »Es wäre interessant, die Größe seines Gehirns mit dem eines kleinen Affen zu vergleichen. Nicht dass er dämlich wäre, er ist nur langsam. Aber er ist ganz schön gewitzt. Das sind Zigeuner, er und sein Bruder. Wenigstens waren sie es, und sein Bruder Gil ist es noch, was auf dasselbe rauskommt. Er ist ein bisschen größer als Jesse und hat bei der Verteilung des Verstandes besser zugelangt. Wie auch immer, ich lasse Sie jetzt allein, damit Sie sich einrichten können. Das Bad ist am Ende des Flurs. Ich rufe Sie, wenn das Abendessen fertig ist.«

Als sie sich selbst überlassen war, packte Felicia ihre Sachen aus. Das Badezimmer, wo sie sich wusch, war so aufgeräumt, als würde es nicht benutzt. Sie öffnete den großen Medizinschrank an der Wand über dem Waschbecken und fand ihn zu ihrer Überraschung leer. Beunruhigt durchsuchte sie alles nach einem Hinweis auf Joannas Anwesenheit, aber es blieb das Haus eines Fremden, das Heim eines unpersönlichen und unnahbaren Menschen, dessen Spuren hinter den Türen der anderen Räume versteckt sein mussten.

Das Abendessen bestand aus kaltem Brathuhn mit Salat und Pickles. Gedeckt war in der Küche. Zum Essen trank Jessica Apfelwein und überließ Felicia und Adrian die Flasche trockenen Rotwein. Während des Essens erschien Jesses bedrohliche Gestalt in der Tür.

»Ich hab' für heute alles erledigt«, erklärte er. »Morgen komm' ich wieder und mach' weiter.«

»In Ordnung, Jesse«, sagte Jessica. »Ich möchte, dass Sie die Dachziegel ausbessern, wenn Sie mit dem Schuppen fertig sind. Sie haben doch eine lange Leiter, nicht wahr?«

»Hm. Ich bring' sie morgen mit, ja?«

»Tun Sie das. Gute Nacht, Jesse.«

»Sie spricht zu ihm wie eine Lehrerin«, sage Adrian, nachdem Jesse davongeschlendert war. »Die eiserne Faust im Samthandschuh.«

»Nur so arbeitet er ordentlich«, bemerkte seine Schwester ernst. »Jesse braucht Druck, das ist alles. Seine Frau denkt meistens für ihn mit.«

»Das ist eine Geschichte aus dem Landleben, Flick.« Adrian lehnte sich in seinem Stuhl zurück und lächelte breit. »Wie Jesse eine Frau fand... Er kam und kaufte sich ein Häuschen. Wahrscheinlich dachte er, dass seiner Wohnung eine weibliche Hand fehlte. Wie auch immer, eines Samstag morgens verschwand er mit seinem alten Auto, und am Sonntagnachmittag war er wieder da, komplett mit Frau und allem Drum und Dran. Sechzehn war sie, doch etliche Leute im Dorf halten das für großzügig geschätzt. Sie behaupten, er habe sie gekauft. Ein stilles, schüchternes kleines Ding war sie damals.«

»Nicht wie heute«, sagte Jessica säuerlich. »Jesse muss ganz schön dumm sein, dass er nicht merkt, was sie treibt.«

»Vielleicht weiß er's«, sagte Adrian. »Wer weiß, ob sie Jesse nicht alles erzählt, wenn sie im Bett liegen. Oder klingt das zu modern? Barbara Pitt«, erklärte er Felicia, »ist das, was man hier so den Dorfsattel nennt. Ein schneller, stürmischer, aber unterhaltsamer Ritt...«

Felicia wurde sich seines gleichgültigen, abschätzenden Blickes bewusst und wünschte, sie trüge einen BH unter ihrem dünnen, fast durchsichtigen Hemd. Sie sagte:

»Darf ich Sie etwas fragen? Ist Joanna krank?«

Adrian nahm die Flasche und schenkte sich das vierte Glas ein. »Wie kommen Sie darauf?«, fragte er.

»Du kannst es ihr doch sagen«, meinte Jessica ruhig. »Es hat keinen Sinn, es hinauszuzögern. Bis Donnerstag würde sie es ohnehin wissen. Wenn Joanna nach Hause kommt. Adrian?«

Langsam sagte er:

»Du hast selbstverständlich Recht. Ich dachte, wir müssten Felicia Zeit lassen, sich einzuleben, das ist alles. Joanna ist krank. Nicht physisch, aber...«

»Geistig, meinen Sie?«