Schwarzlicht - Camilla Läckberg - E-Book

Schwarzlicht E-Book

Camilla Läckberg

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14,99 €

Beschreibung

Eine düstere Welt von Illusion und Täuschung, rätselhafte Morde und ein faszinierendes Ermittler-Duo: »Schwarzlicht« ist der Auftakt der außergewöhnlichen Krimi-Trilogie von Bestseller-Autorin Camilla Läckberg und Mentalist Henrik Fexeus aus Schweden. Wer ermordet eine Frau, indem er sie in eine Kiste sperrt und mit mehreren Schwertern durchbohrt? Weil der Fall an einen grausam missglückten Zaubertrick erinnert, zieht die Stockholmer Kommissarin Mina Dabiri den Profiler Vincent Walder hinzu, der selbst als Mentalist auftritt. Doch wie Mina kommt auch Vincent mit Menschen nicht sonderlich gut zurecht. Erst als eine weitere Leiche auftaucht und Vincent einen Code entschlüsselt, der auf einen Countdown hindeutet, beginnen Mina und er einander zu vertrauen – und die beiden müssen feststellen, dass ihre eigenen dunklen Geheimnisse im Zentrum des Falls stehen. In der Krimi-Reihe »Die Dabiri-Walder-Trilogie« dreht sich alles um psychologische Untiefen, Rätsel, Codes und Illusionen. Die schwedischen Autoren Camilla Läckberg und Henrik Fexeus garantieren düstere skandinavische Spannung auf höchstem Niveau.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 870

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Camilla Läckberg & Henrik Fexeus

Schwarzlicht

Kriminalroman

Aus dem Schwedischen von Katrin Frey

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Die tiefste Dunkelheit lauert im Menschen selbst.

 

Eine Frau wird tot in einer von Schwertern durchbohrten Kiste gefunden. Missglückter Zaubertrick oder brutaler Mord? Die Stockholmer Kommissarin Mina Dabiri bittet den Mentalisten Vincent Walder um Hilfe. Wie Mina kommt auch Vincent mit Menschen nicht sonderlich gut zurecht, doch er hat ein Talent dafür, aus kleinsten Details erstaunliche Schlüsse über die Psyche eines Täters zu ziehen. Als Mina ein weiteres Opfer ausfindig macht und Vincent einen Countdown entschlüsselt, wird klar, dass die beiden einem Serienmörder auf der Spur sind. Und diese Spur führt an den dunkelsten Ort ...

Düster, fesselnd, außergewöhnlich: Auftakt der neuen schwedischen Krimireihe von Bestsellerautorin Camilla Läckberg & Mentalist Henrik Fexeus

Inhaltsübersicht

Februar

März

April

Mai

Juni

Juli

August

September

Oktober

Dank

Februar

Tuva trommelt nervös mit den Fingern auf den Tresen. Sie ist immer noch im Café am Hornstull, obwohl sie längst Feierabend haben müsste. Ein Kunde, der sich soeben in der Ecke niedergelassen hat, sieht genervt zu ihr herüber, und sie wirft ihm einen Blick zu, der töten könnte. Sie prägt sich sein Aussehen ein und nimmt sich vor, diesem Kunden beim nächsten Mal kein Herz auf den Cappuccino zu streuen. Eher einen Mittelfinger.

Wenn sie unpünktlich ist, bekommt sie schlechte Laune. Und jetzt ist sie richtig spät dran. Ohne nachzudenken, streicht sie sich das lange blonde Haar hinters Ohr. Vor einer halben Stunde hätte sie Linus vom Kindergarten abholen müssen. Gegen die finsteren Mienen des Personals ist sie mittlerweile immun, aber ihr zweijähriger Sohn wird traurig sein. Und Tuva ist nicht jemand, der Kinder traurig macht. Vor allem Linus nicht. Sie weiß nicht, wie oft sie schon gesagt hat, dass sie für ihn sterben würde. In Wirklichkeit ist es nicht ganz so einfach. Die Götter wissen, wie viel Mühe sie sich gibt. Extrem viel. Sie bindet sich die Schürze ab, öffnet den Putzschrank und wirft die Schürze auf den proppenvollen Wäschekorb. Sie kann erst gehen, wenn sie abgelöst wird. Wo um alles in der Welt bleibt er?

Martin, der Vater von Linus, war an dem Tag, als sein Sohn zur Welt kam, verreist. Tuva hat ihm das nicht zum Vorwurf gemacht, schließlich war sie zwei Wochen vor dem errechneten Termin mit dem Krankenwagen in die Klinik gebracht worden. Seltsam fand sie jedoch, dass Martin sie auch in den darauffolgenden Tagen nicht auf der Wochenstation besuchte. Die Entbindung war nicht ohne Komplikationen verlaufen. Sie war zu erschöpft gewesen, um sich alles genau zu merken, und erinnerte sich nur vage an Ärztinnen, die ihr und dem Baby immer wieder Blut abnahmen und schließlich fanden, dass alles gut sei. Genau wie Martin in den kurzen Textnachrichten, die sie während des Krankenhausaufenthalts erhielt. Er würde kommen, schrieb er, müsse nur vorher noch ein paar Dinge erledigen. Im Gegensatz zu den verschwommenen Tagen auf der Wochenstation hatte sich ihr die leere Wohnung, die sie und Linus bei ihrer Rückkehr erwartete, messerscharf ins Gedächtnis gebrannt. Während sie unter Schmerzen ihren gemeinsamen Sohn zur Welt gebracht hatte, hatte Martin seine Sachen gepackt und die Wohnung verlassen. Das hatte er offenbar mit den Dingen gemeint, die er noch »zu erledigen« hatte. Seitdem hatte sich das feige Arschloch weder blicken noch von sich hören lassen. Vielleicht auch besser so, denn sie hätte ihn höchstwahrscheinlich umgebracht, wenn er wieder aufgetaucht wäre.

Stattdessen hatte sie sich ganz auf Linus konzentriert. Sie und Linus gegen den Rest der Welt, wobei diese Welt leider viel zu oft zwischen ihnen steht. Wie zum Beispiel jetzt. Daniel, der für die Nachmittagsschicht eingeteilt war, hätte schon vor einer Stunde hier sein sollen, war aber noch immer nicht da. Sie musste ihn anrufen, um ihn zu wecken. Mittags um halb zwei. War sie mit einundzwanzig auch so verantwortungslos gewesen? Vermutlich. Kein Wunder, dass es mit ihm nicht funktioniert hatte. Sie sieht auf ihre Uhr.

Verfluchte Scheiße!

Sie schlüpft in ihre Daunenjacke und setzt sich die Mütze auf, dann macht sie zwei doppelte Espressos. Einen in einer normalen Tasse und einen im Pappbecher zum Mitnehmen.

Vermutlich hat Matti mal wieder den Schwarzen Peter gezogen und muss im Kindergarten auf sie warten. Matti, der Kindergärtner, den ihr Sohn manchmal Papa nennt. Matti wirft ihr jedes Mal diesen Blick zu, der sagen will, dass sie mehr Zeit mit ihrem Kind verbringen sollte, anstatt so viel zu arbeiten. Tja, vielen Dank für das schlechte Gewissen. Als ob es nicht reichen würde, sich mit Linus’ Tränen auseinandersetzen zu müssen, weil er wieder mal nicht weiß, wann seine Mama endlich kommt.

Der Espresso ist in dem Moment fertig, als Daniel verschlafen hereinspaziert. Mit ihm kommt die bittere Februarkälte, und einige Gäste schlottern demonstrativ, aber Daniel scheint keine Notiz davon zu nehmen. Oder es ist ihm egal. Wie ist sie bloß auf die Idee gekommen, ihn jemals auch nur ansatzweise attraktiv zu finden?

»Hier«, sagt sie so eisig, wie das mit einer einzigen Silbe möglich ist, und schiebt ihm die Espressotasse über die Theke. »Den wirst du brauchen. Ich haue ab.«

Ohne seine Antwort abzuwarten, schnappt sie sich ihren Pappbecher, rast raus in den Schnee, der gar nicht schmelzen will, und prallt, weil sie überhaupt nicht aufpasst, mit einem älteren Paar zusammen.

»Verzeihung, ich bin spät dran, muss mein Kind vom Kindergarten abholen«, murmelt sie, ohne die beiden anzusehen.

»Nun, Kinder versetzen einen ja immer wieder in Erstaunen. Oft können sie sich durchaus selbst helfen.«

Die Stimme klingt freundlich und nicht vorwurfsvoll.

Tuva antwortet nicht, aber sie ist erleichtert, dass ihre Ungeschicklichkeit keinen Ärger provoziert hat. Die Menschen sind so unglaublich empfindlich. Es haben schon mehrere Gäste nicht nur auf einer chemischen Reinigung, sondern auch auf einer ordentlichen Entschädigung bestanden, als sie ihnen versehentlich Kaffee auf die Kleidung geschüttet hatte. Sie lächelt dem Paar entschuldigend zu. Der Espresso in Tuvas Hand schwappt über, und ihr wird auf diese Weise bewusst, dass sie für so was jetzt wirklich keine Zeit hat. Sie murmelt noch eine Entschuldigung und hetzt im Laufschritt weiter zur U-Bahn. Den Espresso trinkt sie unterwegs. Zuerst verbrennt sie sich die Zunge, dann spürt sie die viel zu heiße und bittere Flüssigkeit im Magen. Sie schmeckt nach Chemie, fast wie Medizin. Sie muss dringend die Maschine reinigen. In der kalten Luft wirkt der Kaffee fast noch heißer.

Wenn sie Linus abgeholt hat, will sie mit ihm zusammen ins Café zurückkehren. Dort soll er auf Daniels Rechnung so viele Zimtschnecken essen dürfen, wie er will, das geschieht Daniel recht. Zum Teufel mit Makkaroni und Fleischbällchen. Morgen wird sie verreisen, aber heute Abend geht es nur um Linus und sie.

Als sie den Treppenschacht der U-Bahn erreicht, knicken ihr ohne Vorwarnung die Beine weg. Sie schreit auf und kann sich gerade noch am Geländer festhalten. Zum Glück ist sie nicht gestürzt. Sie muss wohl gestolpert sein. So eilig hat sie es doch nun auch wieder nicht. Sie muss ja nicht grade grün und blau am Kindergarten ankommen.

Sie will sich wieder aufrichten, aber in ihren Beinen scheinen keine Knochen mehr zu sein. Die Füße geben einfach unter ihr nach. Ihr ist schwindelig. Und übel. Fast so, als würde sie gleich ohnmächtig werden. Es ist das gleiche Gefühl wie damals, als sie so viele Medikamente bekommen hat. Bei der Entbindung.

Linus.

Ich komme.

Sie versucht, sich am Geländer hochzuziehen, aber ihre Arme sind ellenlang. Das Treppengeländer schwebt weit über ihrem Kopf, und sie hat sowieso keine Ahnung mehr, wozu es eigentlich da ist. Am Rand ihres Blickfelds tanzen dunkle Flecken. Plötzlich dreht sich ihre Welt mehrmals um sich selbst, und eine leise Stimme in ihrem Innern sagt, dass sie jetzt die Treppe runterfällt. Sie merkt nichts davon.

 

Das Erste, was Tuva bemerkt, als sie wieder aufwacht, sind die Schmerzen in Armen und Beinen. Sie liegt nicht bequem. Sie macht ein schmatzendes Geräusch mit den Lippen und räuspert sich. Ihr Mund ist trocken. Sie hat noch den Rest eines schalen Geschmacks auf der Zunge, den sie nicht einordnen kann. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie wieder vollständig bei Bewusstsein ist, erst dann wird ihr klar, dass sie gar nicht liegt. Sie kniet vielmehr in leicht vornübergebeugter Haltung. Von allen Seiten drücken Wände gegen sie. Auch von oben, gegen ihren Nacken.

Als befände sie sich in einer Kiste.

Für einen bösen Traum tut es zu weh. Aber real kann es auch nicht sein. Ausgeschlossen. Oder? Das Holz riecht echt. Das Licht, das durch die Ritzen dringt, wirft ein Muster auf ihre nackten Arme und Beine. Ihre nackten …? Wo sind ihre Kleider? Nicht nur die Jacke ist weg, sondern auch der Kapuzenpullover. Und die Jeans. Jemand hat sie ihr ausgezogen. Sie hockt in Unterhemd und Slip da, und das darf einfach nicht wahr sein.

Wieder schmatzt sie mit den Lippen. Der chemische Geschmack ist noch da. Es muss etwas im Espresso gewesen sein. Jemand hat unbemerkt etwas reingetan. Und sie war zu gestresst, um stutzig zu werden. Und hat alles ausgetrunken.

Als das Adrenalin durch ihren Körper rauscht, spürt sie ein Brennen auf der Haut. Sie muss hier raus. Sie schreit und drückt mit aller Kraft gegen die Seitenwände der Kiste. Das Holz gibt ein wenig nach, aber nicht genug. Weder schafft sie, die Bretter durchzubrechen, noch, die Kiste zu öffnen. Treten kann sie nicht, weil sie kniet, und daher muss sie sich damit begnügen, mit den Handflächen gegen die Wände zu schlagen, die viel zu nah sind, sodass sie nicht Schwung holen kann. Plötzlich scheint von der einen Seite kein Licht mehr herein. Neben der Kiste steht jemand.

»Lassen Sie mich raus!«, schreit sie. »Was soll das?«

Niemand antwortet. Aber sie spürt, dass da jemand ist. Sie hört Atemzüge. Sie schreit erneut, aber die Stille bleibt undurchdringlich und bedrohlich. Die Haut brennt nun am ganzen Körper. Sie schlägt erneut mit aller Kraft gegen die Wände, aber wegen der Enge kann sie ihre Kraft nicht richtig einsetzen.

»Was wollen Sie von mir?«, schreit sie. Gleichzeitig füllen sich ihre Augen mit Tränen. »Lassen Sie mich raus, bitte, dann können wir reden. Ich muss doch Linus abholen!«

Sie blickt auf ihren Arm. Das Glas ihrer Armbanduhr ist zersplittert, und der Zeiger ist auf Punkt drei stehen geblieben. Matti muss inzwischen versucht haben, sie telefonisch zu erreichen. Vielleicht fragt er sich allmählich, wo sie steckt, vielleicht sucht er schon nach ihr und wird sie jeden Augenblick in dieser Kiste finden, vielleicht … ja, vielleicht holt sie Linus oft noch viel später vom Kindergarten ab.

Niemand sucht nach ihr.

Weil niemand sie vermisst.

Niemand weiß, dass sie entführt worden ist.

Entführt. Als ihr die Bedeutung des Wortes langsam bewusst wird, bekommt sie kaum noch Luft. Ein Klicken in der Nähe lässt sie zusammenzucken.

»Hallo?«, ruft sie.

Durch eine der unteren Ritzen an ihrer linken Seite wird ein spitzer Gegenstand aus silberfarbenem Metall in die Kiste gesteckt. Er sieht aus wie eine Schwertspitze. Langsam dringt die Klinge in die Kiste ein. Sie versucht, mit dem Oberschenkel auszuweichen, aber die Kiste ist zu eng. Die Schwertspitze berührt sie am Bein und drückt fest dagegen. Es tut weh, auch wenn das Schwert nicht ganz so scharf ist, wie es aussieht.

»Aua, was machen Sie da?«, schreit sie. »Hören Sie auf!«

Die Schwertspitze drückt auf ihren Oberschenkel, bis sie die Haut durchdringt und ein Tropfen Blut zum Vorschein kommt. Eine prüfende Bewegung. Als ob die Person da draußen sich langsam herantasten würde. Tuva schreit noch einmal, kann aber ihr eigenes Wort kaum verstehen. Dann lässt der Druck plötzlich nach, und das Schwert wird etwa einen Zentimeter zurückgezogen.

Ein Motor beginnt zu brummen. Die Klinge vibriert und kommt wieder auf ihr Bein zu. Diesmal hält sie nicht an, als sie die Haut berührt. Tuva schreit auf, als sich die Schwertspitze in ihren Oberschenkelmuskel bohrt. Während die Klinge immer tiefer in das Gewebe eindringt, schreit sie so laut, dass sie den Motor übertönt. Der Schmerz ist ungeheuerlich. Vor ihren Augen explodieren Farben, ihre Nervenenden stehen in Flammen. Die Welt löst sich auf, es gibt nur noch Schmerz. Das Schwert hat den Oberschenkelknochen erreicht, und das Vibrieren der Klinge versetzt ihr gesamtes Skelett in Schwingung. Tuva muss sich übergeben, das Erbrochene landet auf ihren Beinen und dem blutigen Schwert. Schließlich ist die Klinge am Knochen vorbeigeglitten und durchtrennt den Muskel dahinter. Der Anblick der Spitze, die auf der anderen Seite herausdringt, ist geradezu obszön. Aus der neuen Wunde sprudelt sofort das Blut. Es läuft über ihre Beine und sammelt sich in einer Lache unter ihr. Und das Schwert steht nicht still. Es bohrt sich weiter durch ihren Oberschenkel, in Richtung des anderen Beins. Sie kann sich noch immer nicht bewegen.

»Aufhören, bitte, aufhören«, jammert sie schluchzend. »Ich muss Linus abholen. Ich bin spät dran. Ich bin allein.«

Als das Schwert das zweite Bein durchbohrt, weiß Tuva zwar, was sie erwartet, aber auf einen solchen Schmerz kann man sich nicht vorbereiten. Sie brüllt aus Leibeskräften und hofft nur noch, bald das Bewusstsein oder gleich den Verstand zu verlieren, ganz egal, Hauptsache, nichts mehr spüren. Es vergehen einige Sekunden. Eine halbe Ewigkeit. Sie kann nichts mehr sehen. Die Klinge hat beide Beine durchbohrt und ragt nun mit der Spitze auf der anderen Seite aus der Kiste heraus. Endlich hört das Schwert auf zu vibrieren.

Aber der Motor verstummt nicht.

Tuva spürt einen Stich hinten an der Schulter, und der Teil von ihr, der noch denken kann, stirbt. Sie spürt körperlich, wie ein Teil ihres Gehirns kollabiert. Denn natürlich sind auch in ihrem Rücken Schlitze in der Kiste. Sie versucht, sich noch weiter nach vorn zu beugen, um dem Schwert an ihrer Schulter auszuweichen, aber das steigert nur den Schmerz in ihren Oberschenkeln. Und Tuva ist nicht mehr da. Sie ist im Kreißsaal und kämpft um das Leben ihres Sohnes, sie ist in dem Café, wo sie nur durch einen glücklichen Zufall den Job bekommen hat, sie knutscht mit Daniel, und sie ist mit Martin zusammen, der ihr gerade sagt, dass er sie liebt. Sie hört, wie an ihrem Rücken Knorpel und Muskelgewebe durchtrennt werden, und denkt daran, dass Linus immer Papa zu Matti sagt.

Dann blickt sie an sich runter und sieht, wie sich die Haut unterhalb ihres Schlüsselbeins wölbt, bevor sie aufreißt und das Schwert vorn an ihrem Körper herauskommt. Es ist wie bei einem Zaubertrick. Sie ist die Assistentin des Zauberers, und gleich kriegt sie Applaus. Das hat sie im Fernsehen gesehen. Während das Schwert sich auf den Schlitz an der gegenüberliegenden Kistenwand zubewegt, färbt sich das Unterhemd auf ihrer Brust rot. Der Eisengeruch ist überwältigend.

Sie sieht Linus’ blaue Augen vor sich.

Verlässt du mich auch noch, Mama?

Als sie etwas sagen will, dringt nur ein Piepsen aus ihrer Kehle.

»Bitte! Ich bin spät dran.«

Draußen tut sich etwas. Einer der Schlitze vor ihrem Gesicht wird dunkel. Ein drittes Schwert. Es ist nur zehn Zentimeter von Tuvas Kopf entfernt. Die beiden Schwerter, die sie bereits durchbohrt haben, fixieren ihren Körper.

»Nicht noch mehr«, flüstert sie.

Das Schwert bewegt sich nur langsam vorwärts, aber die Entfernung ist zu gering. Sie sieht die Spitze kurz aufblitzen, dann ist sie zu nah an ihren Augen, sie kann sie nicht genau erkennen.

Es tut mir leid, Linus. Mama hat dich lieb.

Sie zuckt zusammen, als die Spitze die weiche Haut zwischen dem inneren Augenwinkel und der Nasenwurzel berührt, sich hineinbohrt und ihr Auge punktiert. Eine Flüssigkeit läuft ihr über die Wange, und Tuva ist auf der rechten Seite blind. Aber weh tut es nicht. Wenigstens tut es nicht mehr weh.

Wieso riecht es verbrannt?

Das ist Tuvas letzter Gedanke.

Dann schneidet ihr das Schwert ins Hirn.

März

Vincent knallte mit aller Kraft die flache Hand auf den Tisch. Das Theaterpublikum schnappte hörbar nach Luft. Er zog die Stirn in Falten und sah das Publikum vielsagend an, als er die Hand hob. Darunter lag eine geplatzte weiße Papiertüte. Nervöses Lachen durchzog den Saal, während er die Reste vom Tisch fegte.

»Unter der fünften Tüte auch nicht«, sagte er.

Bis auf einen schmalen Lichtkegel lag die Bühne im Dunkeln. Der einzelne Scheinwerfer war auf ihn, den Tisch und die Frau daneben gerichtet. Die Beleuchtung verstärkte die Dramatik der letzten Nummer. Es herrschte absolute Stille. Nicht einmal Musik lief. So wirkte das Ganze noch beklemmender. Auf dem Tisch hatten anfangs fünf nummerierte Papiertüten gestanden. Zwei davon hatte er bereits platt gehauen.

»Noch drei.« Er sah die Frau an. »Schauen Sie die drei Tüten nicht an, Magdalena, denn sonst kann ich Ihre Augenbewegungen verfolgen. Denken Sie nur an den großen Nagel. Sie sind die Einzige, die weiß, unter welcher Tüte er ist. Das Publikum hat nicht gesehen, wo Sie ihn versteckt haben, und ich habe es auch nicht gesehen. Drei. Erinnern Sie sich, wie spitz sich der Nagel angefühlt hat. Denken Sie an nichts anderes.«

Die Frau schwitzte. Die Scheinwerfer waren heiß, aber vor allem war sie genauso nervös wie das Publikum. Vermutlich noch nervöser. Vincent musterte sie.

»Da Sie nicht reagiert haben, als ich drei sagte, und das, obwohl ich es dreimal gesagt habe«, sagte er mit nachdenklicher Miene, »ist er wahrscheinlich nicht da.«

Bevor das Publikum wusste, wie ihm geschah, schlug er fest auf Tüte Nummer drei. Der ganze Saal schrie vor Schmerz.

Zwei Tüten waren noch übrig. Seine Chancen, sich ordentlich wehzutun, standen fifty-fifty. Er wusste selbst nicht, wieso er diese Nummer immer noch im Repertoire hatte. Alle, die sie aufführten, verletzten sich früher oder später. Nach einer gewissen Zeit war es einfach unvermeidlich. Das Publikum durfte jedoch nicht merken, dass er wirklich Angst hatte. Der Trick bestand zum Großteil darin, den Eindruck zu erwecken, er hätte alles unter Kontrolle.

»Nummer zwei und Nummer vier sind noch übrig«, sagte er zu der Frau. »Stellen Sie sich den Nagel vor. In seiner gesamten, zwanzig Zentimeter langen Pracht.«

Sie schloss die Augen und nickte unglücklich.

»Erinnern Sie sich daran, wie Sie den Nagel aufrecht hingestellt haben. Unter eine dieser beiden Papiertüten. Und zwar unter der, auf die ich besser nicht schlagen sollte. Nicht wahr?«

»Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich es richtig in Erinnerung habe«, jammerte die Frau.

Er zog eine Augenbraue hoch. Die Stimmung im Theatersaal war aufgeladen. Zwei Tüten. Er hielt die Hand über die eine. Dann bewegte er sie zur anderen hinüber. Eine der Tüten würde die Show mit tobendem Applaus beenden. Die andere mit einem durchbohrten Körperteil und einem Krankenwagen.

»Öffnen Sie die Augen«, sagte er.

Die Frau machte widerwillig die Augen auf und sah blinzelnd auf die Tüten. Er warf ihr einen Blick zu. Dann hob er die Hand, um auf eine der beiden Tüten zu schlagen, nahm aber, während er die Handfläche senkte, ihre vor Entsetzen geweiteten Augen wahr. Ohne das Tempo aus der Bewegung zu nehmen, änderte er die Richtung und knallte seine Hand stattdessen auf die andere Tüte. Die Frau schrie laut auf, als er auf den Tisch schlug. Mit gesenktem Kopf wartete er einige Sekunden. Dann fegte er triumphierend die zerfetzte Tüte vom Tisch und hob die letzte noch dastehende an. Der Nagel ragte wie ein aufgerichteter Spieß in die Höhe und blitzte tödlich im kalten Licht. Das Publikum brüllte und sprang zur Musik, die in diesem Moment einsetzte, von den Sitzen. Er signierte den Nagel mit einem wasserfesten Filzstift, legte ihn in die letzte Papiertüte und überreichte ihn der sichtlich erleichterten Frau, die von einem Assistenten von der Bühne geführt wurde.

Vincent stellte sich ganz vorn an den Bühnenrand und breitete die Arme aus. Auch er brauchte seine Erleichterung nicht vorzutäuschen.

Der Applaus war ohrenbetäubend. Die Vorstellung im Theater Gävle war vorbei. Er machte eine formvollendete Verbeugung und blickte anschließend ins Parkett. Die Scheinwerfer, die während des Beifallssturms hin und her geschwenkt wurden, blendeten ihn so stark, dass er sein Publikum nicht erkennen konnte, aber das ließ er sich nicht anmerken. Der Trick bestand darin, einfach starr geradeaus zu gucken und so zu tun, als würde man jemandem in die Augen schauen. Er lachte in die Dunkelheit, in der jetzt 415 Personen stehend Vincent Walder, dem Meistermentalisten, applaudierten.

»Schön, dass Sie alle da waren«, rief er in den stürmischen Beifall.

Der Applaus und die Pfiffe wurden noch lauter. Das Theater war voll besetzt. Es war ein guter Abend gewesen. Ein sehr guter sogar. Sie war nicht da gewesen. Sie, die immer eine kleine Gefahr darstellte. Wie groß seine Erleichterung an den Abenden war, an denen sie nicht kam, gestand er sogar sich selbst nicht ein.

Er widerstand der Versuchung, die Hände schützend vors Gesicht zu halten, um das applaudierende Publikum trotz der blendenden Scheinwerfer zu sehen. Für diesen Moment hatte er hart gearbeitet. Dies war seine Belohnung. Pures Adrenalin war das Einzige, was ihn noch aufrecht hielt. 415 Sitze. Einundvierzig plus fünf ergab sechsundvierzig. Sein Alter. Jedenfalls noch ein paar Wochen.

Hör auf.

Heute war es richtig knapp gewesen. Der verdammte Nagel. Noch dazu die Schlussnummer nach einer zweistündigen Show. Schweiß lief ihm den Rücken runter, und sein Gehirn schien zu schmelzen.

Das Geheimnis bestand, wie gesagt, nicht darin, das Verhalten der Zuschauer vorherzusagen oder den Anschein zu wecken, er könnte ihre Gedanken lesen. Die Illusion bestand in der Leichtigkeit, die er vortäuschte, obwohl sein Gehirn auf Hochtouren arbeitete. Das Plakat im Foyer pries ihn als »The Master Mentalist« an. Er wünschte, er hätte sich nicht zu dieser Bezeichnung überreden lassen. Es klang so … niveaulos. Vulgär. Andererseits ein Deckmantel, hinter dem man sich gut verstecken konnte. Es klang, als wäre er ein fiktiver Charakter, und nicht jemand, der sich am allerliebsten in seiner Garderobe auf den Fußboden gelegt und zehn Minuten lang nur auf seine Atmung konzentriert hätte. Nach der Vorstellung musste er sich wirklich zusammenreißen, dass seine Gedanken nicht mit ihm durchgingen. Heute brauchte er dafür noch länger als sonst.

Kontrolle. Neun Buchstaben. Genau so viele, wie es auf den oberen Rängen Sitzreihen gab.

Hör auf.

Vincent sah hinauf zur oberen Loge, wo er im ersten Akt vier Personen dazu gebracht hatte, den eigenen Namen zu vergessen. Jede Reihe hatte dreiundzwanzig Sitze. Das machte zweihundertsieben Sitze.

Vom oberen Rang pfiff jemand auf zwei Fingern.

Tief Luft holen und den Gedanken nicht zu Ende denken.

207 Plätze. Am zwanzigsten Siebten fand die letzte Show dieser Tournee statt. Dreiundzwanzig Sitze pro Reihe, insgesamt neun Reihen, also drei plus zwei plus neun, das ergab vierzehn, und genau so viele Vorstellungen hatte er noch vor sich.

Hör auf, hör auf, hör auf.

Er biss sich auf die Zunge.

Vincent verbeugte sich zum letzten Mal. Dann ging er von der Bühne ab. Vor dem Samtvorhang, hinter dem der Aufenthaltsraum lag, blieb er stehen und zählte im Kopf. Eins. Wenn er bis zur Zehn kam, ohne dass der Beifall nachließ, würde er für ein letztes Dankeschön ans Publikum auf die Bühne rennen. Aus dem dunklen Nebenraum näherte sich ein Schatten. Eine Frau um die dreißig. Drei. Ihm wurde eiskalt. Sie war doch gekommen. Vier. Diesmal hatte sie nicht gewartet, bis die Vorstellung vorbei war. Fünf. Wie schaffte sie es nur immer wieder bis zur Bühne? Während seiner Auftritte durfte sich dort niemand aufhalten. Derjenige, der sie durchgelassen hatte, würde Ärger kriegen. Er hatte doch alle aufgefordert, nach dieser Frau Ausschau zu halten. Und zwar nicht, um ihr den Weg zu zeigen, sondern um sie ihm gefälligst vom Leib zu halten. Sechs. Wenigstens würde er nun erfahren, wie sie aussah. Dunkler Pferdeschwanz. Rollkragenpullover. Schwarze Jacke. Sieben. Augen, die sich für einen Moment weiteten, bevor sie etwas sagte. Er hatte keine Ahnung, wie gefährlich sie wirklich war. Acht. Er legte den Zeigefinger an die Lippen, damit sie still war, und zeigte mit dem Daumen in Richtung Bühne. Er war noch nicht fertig. Vielleicht hatte die Bühne ja einen zweiten Ausgang, durch den er nach dem Schlussapplaus entwischen konnte. Neun. Jetzt nicht an die Frau denken. Tief Luft holen und lächeln. Zehn. Er rannte wieder ins Scheinwerferlicht.

»Danke, danke, Sie sind einfach zu freundlich!«, rief er. »Ich kann ja verstehen, dass Sie lieber sitzen bleiben würden, aber ich fürchte, die Wirklichkeit erwartet Sie schon sehnsüchtig. Es ist Zeit, sich wieder hineinzustürzen. Und falls Ihnen irgendetwas, das an diesem Abend passiert ist, heute Nacht den Schlaf rauben sollte, dann vergessen Sie nicht: Wahrscheinlich war alles nur ein Scherz.«

Er machte eine Pause.

»Nehme ich an.«

Das Publikum lachte laut. Die Anspannung löste sich. Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es funktionierte jedes Mal. Obwohl er es überhaupt nicht eilig hatte, der Frau zu begegnen, rannte Vincent von der Bühne, bevor sich die Zuschauer zum Gehen wandten. Es machte keinen guten Eindruck, wenn der Künstler noch dastand, während die Leute den Saal verließen. Und wenn sie, so wie heute, ihre Winterjacken von der Garderobe holen mussten, dann standen sie in dem naiven Versuch, den unvermeidlichen Schlangen zuvorzukommen, noch ein bisschen früher auf. Die Frau erwartete ihn im Nebenraum hinter dem Samtvorhang.

»Sie ist hier«, sprach er leise ins Mikrofon. »Der Wachschutz soll sofort kommen.«

Er war nicht sicher, ob es funktionieren würde, aber wenn er Glück hatte, hörten ihn die Tontechniker noch, obwohl der Ton im Saal schon abgeschaltet war. Die meisten Fans, die sich ihm näherten, waren nett, aber während der Vorstellung wollte er nicht überrascht werden. Vor allem nicht von einer Frau, die bekannt dafür war, gleich nach seinem Auftritt die Bühne zu stürmen. Sie konnte doch nicht ganz richtig im Kopf sein. Andererseits war er ihr zum Glück noch nicht persönlich begegnet. Bis jetzt.

Es fiel ihm schwer, klar zu denken. Nach der Show dauerte es immer ein bisschen, bis sich sein Gehirn auf normale Betriebstemperatur abgekühlt hatte. Im Moment war er nicht in der Lage, die Situation nüchtern zu analysieren. Bevor der Wachmann nicht da war, blieb ihm jedoch nichts anderes übrig, als freundlich zu sein. Und Abstand zu halten.

Um Zeit zu gewinnen, zeigte er auf die wenigen Stufen zum Warteraum hinter der Bühne. Sie ging voraus. Die kleine Treppe hatte genau sieben Stufen. Oje. Vincent ging die letzte Stufe zweimal runter, um auf eine gerade Zahl zu kommen. Die Frau schien es nicht zu bemerken.

Vincent und die Frau gelangten in einen Raum, der wie ein gewöhnliches Wohnzimmer eingerichtet war. Wo blieb denn bloß der Wachschutz? Auf dem Tisch standen vier ungeöffnete Flaschen Mineralwasser der Marke Loka. Vincent zog das Jackett aus und warf es auf eins der Sofas. Er drehte eine Flasche um, damit alle Etiketten in dieselbe Richtung zeigten. Die Frau behielt ihre Jacke an. Er wischte sich das Gesicht mit einem Feuchttuch ab, um die Theaterschminke zu entfernen. Die Frau rümpfte fast unmerklich die Nase. Gut. Alles, was dazu führte, dass sie lieber das Weite suchte, war für ihn von Vorteil. Hoffentlich roch er auch nach Schweiß.

»Ich möchte nicht unhöflich sein«, sagte er, »aber eigentlich hat hier niemand Zutritt.«

Er öffnete eine Flasche Mineralwasser und schenkte sich ein Glas ein. Argwöhnisch betrachtete er die Kohlensäurebläschen.

»Sie können das nicht so weitermachen«, sagte er schließlich. »Der Bühnenbereich ist nur dem Team vorbehalten, und …«

Die Frau unterbrach ihn, indem sie sich vorstellte.

»Mina«, sagte sie. »Mina Dabiri. Ich bin von der Polizei.«

Dann richtete sie schnell wieder die Flasche aus, die er versehentlich ein Stück verdreht hatte, als er sich eine nahm, und sorgte auf diese Weise dafür, dass alle Etiketten in genau dieselbe Richtung zeigten, bevor sie ihm die Hand gab. Vincent verstummte und erwiderte den Händedruck. Dem Meistermentalisten fehlten plötzlich die Worte.

 

 

 

Mina betrachtete den Mann, der ihr an dem kleinen dunkelbraunen Tisch gegenübersaß. Vincent Walder. Sie hatte auf ihn gewartet, während er sich umzog. Auf der Bühne hatte er einen eleganten, aber schlichten dunkelblauen Anzug mit schwarzem Hemd getragen. Nun war er in weißem T-Shirt und schwarzer Jeans um einiges lässiger gekleidet. Obwohl in Gävle noch tiefster Winter herrschte, es war schließlich erst März, hatte sich Vincent keine Jacke übergezogen.

Zu ihrem eigenen Erstaunen stellte sie fest, dass sie sein Äußeres attraktiv fand. Das passierte ihr selten. Allerdings kam ihr eher das Wort schick in den Sinn. Selbst in Jeans und T-Shirt strahlte er eine gepflegte, etwas altmodische Eleganz aus, die jedoch im Anzug noch deutlicher zu sehen war.

Mina hätte lieber ungestört mit ihm gesprochen, aber Vincent brauchte dringend etwas zu essen. Planänderungen waren nie gut, aber in diesem Fall musste sie ihm die Entscheidung überlassen. Schließlich war sie zu ihm gekommen. Und deshalb blieb ihr nun nichts anderes übrig, als eine heikle polizeiliche Angelegenheit in Harrys Krug zu besprechen, einem der wenigen Lokale in Gävle, die nach zweiundzwanzig Uhr noch geöffnet waren.

Vincent wirkte nach der Vorstellung erschöpfter, als sie gedacht hatte. Hoffentlich war er wieder fit, wenn er etwas gegessen hatte. Die Kneipengäste, die sich am Tresen in südschwedischem Dialekt unterhielten, lenkten sie schon genug ab. Vermutlich besuchten sie eine Konferenz in einem der umliegenden Hotels. Mit ihren Namensschildern, die sie an Schlüsselbändern um den Hals hängen hatten, sahen sie wie etwas zu groß geratene Schulkinder aus.

Die Luft war so von Bier und erwartungsvollen Pheromonen geschwängert, dass sie am liebsten einen Mundschutz aufgesetzt hätte, sie schob diesen Gedanken jedoch beiseite und konzentrierte sich wieder auf Vincent. Da es im Polizeiregister keine Informationen über ihn gab, hatte sie sich anders behelfen müssen. Dank Wikipedia und Google wusste sie jetzt, dass er in einem Monat siebenundvierzig wurde, den Namen Walder angenommen hatte und seine Berufsbezeichnung »Mentalist« war.

Seine Homepage informierte darüber, dass ein Mentalist jemand war, der Psychologie, Suggestionen und geheime Tricks anwendete, um beispielsweise die Illusion zu erzeugen, er besitze mediale Fähigkeiten oder könne Gedanken lesen. Aus den Interviews, die sie recherchiert hatte, ging hervor, dass er sich auch mit herkömmlicher Zauberkunst auskannte. Sie hatte ihn zwar aufgesucht, weil sie sich seine Menschenkenntnis zunutze machen wollte, aber angesichts des Zustands, in dem sie die Leiche gefunden hatten, waren grundlegende Kenntnisse der Zauberkunst auch nicht zu verachten. Was er früher gemacht hatte oder wo er geboren war, hatte sie nicht ermitteln können. Laut Wikipedia war Vincent schon seit fünfzehn Jahren als Mentalist tätig, war aber einer breiten Öffentlichkeit erst seit Kurzem dank einer Fernsehserie auf TV4 bekannt.

In einer Folge hatte er vor versteckten Kameras ein psychologisches Experiment durchgeführt. Vincent hatte einen zufällig ausgewählten und nichts ahnenden Mann über längere Zeit unmerklich mit Suggestionen und hypnotischen Befehlen bombardiert. Am Ende hatte der arme Mann eines Nachts »VINCENT WALDER« an eine Mauer in einem Industriegebiet gesprüht. Hundertmal. Stunden hatte er dafür gebraucht.

Die Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes vor Ort waren nicht informiert worden. Als sie den Mann fragten, was er da treibe, wusste er gar nicht, wovon sie redeten. Er hatte keine Ahnung, was er in den vergangenen Stunden gemacht hatte, und besah sich ehrlich erstaunt die Farbflecke auf seinen Händen und seiner Kleidung.

Mina hatte die Sendung nicht gesehen, erinnerte sich aber noch, dass alle darüber gesprochen hatten. Das Ganze hatte enorme Wellen geschlagen. Viele fanden die Täuschung unmoralisch. Vincent erklärte, er habe über Fanatismus aufklären wollen, indem er demonstrierte, dass man selbst die absurdesten Ideen in unserem Unterbewusstsein verankern konnte. Das Verhalten von Menschen ließ sich steuern. Die Idee mit der Wand war offenbar eine Hommage an einen Monty-Python-Film, und seinen eigenen Namen hatte er gewählt, weil ihm angeblich nichts Unverfänglicheres eingefallen war. Und außerdem, sagte er, signiere jeder Künstler seine Werke. Dieses Zitat wurde eine Weile auf Instagram verbreitet und verschwand schließlich wieder in der Versenkung.

Eine Sekunde bevor der Kellner einen Hamburger vor Vincent stellte, drangen die Gerüche von Frittierfett und gegrilltem Fleisch in Minas Nase. Neben dem Teller standen Schälchen mit Mayonnaise und Ketchups. Mina zuckte zusammen. Auf dem Weg von der Küche waren die Schälchen für jeden zugänglich gewesen. Unfassbar unhygienisch. Instinktiv nahm sie ein neues Fläschchen Desinfektionsgel aus der Handtasche und rieb sich gründlich die Hände ein.

»Nach der Show brauche ich Kohlehydrate«, sagte der Mentalist entschuldigend. »Sonst kann ich nicht klar denken.«

Er tunkte ein paar Pommes frites in die Mayonnaise und steckte sie sich in den Mund. Mina beobachtete ihn genau. Sollte er die Fritten ein zweites Mal eintunken, würde sie ihn von der Liste der Menschen, mit denen sie näher zu tun haben wollte, streichen müssen. Doch er stippte sie nur einmal ein. Grund zur Hoffnung.

»Und bitte entschuldigen Sie mein Benehmen vorhin«, sagte er. »Ich habe Sie verwechselt. Wir hatten Probleme mit einer etwas … übermotivierten … Bewunderin. Ich wollte nicht unfreundlich sein.«

Sie winkte ab. Der Kellner brachte Vincent ein Bier und ihr eine Cola Zero. Sie nahm einen Wegwerftrinkhalm aus der Tasche, entfernte die Papierhülle und stellte ihn ins Glas. Vincent zog eine Augenbraue hoch, sagte aber nichts.

Als der Kellner außer Hörweite war, begann sie zu reden.

»Sie sind mir empfohlen worden«, sagte sie leise. »Wenn ich es richtig verstanden habe, kennen Sie sich hervorragend mit der menschlichen Psyche und auch mit Zauberei aus. Und wir brauchen jemanden, der auf beiden Gebieten Experte ist.«

Er nickte und trank einen Schluck Bier.

»Als ich jünger war, habe ich viel gezaubert«, sagte er. »Aber mit zwanzig ist mir klar geworden, dass Kartentricks beim anderen Geschlecht nicht gut ankommen. Deshalb habe ich damit aufgehört.«

»Wurde es davon besser?«

»Entscheiden Sie selbst. Einen Monat später lernte ich meine erste Frau kennen. Seitdem ist Zaubern nur noch ein Hobby von mir. Wieso interessiert sich die Polizei dafür?«

Bevor sie die Frage beantwortet hatte, sah Vincent auf die Uhr.

»Oh, ich bitte vielmals um Verzeihung«, sagte er, »apropos Frau. Es ist ja schon Viertel vor. Ich muss zu Hause anrufen. Um diese Zeit telefonieren wir immer. Es dauert nur ein paar Minuten.«

Sie wurde allmählich ungeduldig, weil sie endlich zur Sache kommen wollte. Hatte sie nicht schon lange genug auf ihn gewartet? Ihre Kollegen warfen ihr immer wieder vor, zu viel Druck auf die Leute auszuüben. Wenn sie freundlich behandelt werden wolle, müsse sie umgänglicher werden. Sie selbst bezweifelte das. Sie arbeitete jetzt seit zehn Jahren bei der Polizei, hatte aber noch nie erlebt, dass die Lösung eines Falls von ihrer Nettigkeit abhing. Andererseits hatten sie natürlich recht.

»Kein Problem.« Diskret veränderte sie ihre Sitzhaltung auf dem harten Stuhl.

Sie blickte in ihr Colaglas und blendete Vincents Stimme aus, während er mit seiner Frau sprach. Erinnerte sich stattdessen an die Kiste, die sie vor einer knappen Woche gefunden hatten. Diesen seltsamen Kasten, der so wirkte, als müsste er eigentlich mit glitzernden Zeichen verziert sein und wäre in einem obskuren Zaubershop in Las Vegas gekauft worden. Sie stellte sich vor, wie eine Assistentin in einem eng anliegenden Paillettenanzug – selbstverständlich eine Frau, denn die wurden bei derartigen Vorführungen immer erniedrigt – in eine solche Kiste stieg, und wie ein Zauberer, selbstverständlich ein Mann, längliche Schwerter in die Öffnungen der Kiste steckte, während das Publikum »aaah« und »oooh« machte. Sie hatte sich im Internet kundig gemacht. Der Schwerterkasten oder das Schwerterkabinett hieß die frauenfeindliche Großillusion, im Englischen The Sword Box. Ursprünglich hatte man keinen Kasten, sondern ein Körbchen verwendet. Mit einem Kind darin. Widerlich. Trotzdem war der Trick ein Klassiker. Kinder und Frauen. Immer die gleichen Opfer.

Doch sie saß nicht in Harrys Krug in Gävle und wartete auf Vincent Walder, weil ihre Kollegen ein dilettantisch gezimmertes Zauberrequisit gefunden hatten. Sie war wegen der Leiche hier, die sie in dem Kasten gefunden hatten. Eine Leiche, die sie noch immer nicht identifiziert hatten. Und weil sie in einer Sackgasse steckten. Sie waren allen Anhaltspunkten mit den üblichen Methoden nachgegangen, aber zu keinen Ergebnissen gekommen. Am Ende hatten sie und ihre Chefin Julia beschlossen, es mit ungewöhnlichen Methoden zu versuchen.

Mina saugte einen großen Schluck Cola ein und blickte auf die Konferenzbesucher am Tresen. Hauptsache, sie musste diese Bilder nicht mehr vor sich sehen. Sie wollte wirklich nicht noch einmal an sie erinnert werden. Doch sie waren da, klar und deutlich wie beim ersten Mal. Ihr ging selten etwas an die Nieren, aber das hier war wirklich speziell. Auf beiden Seiten des Kastens schauten die Griffe mehrerer Schwerter heraus. Dazwischen, im Innern des Kastens, hing eine junge Frau an den Klingen. Die Perversion einer Marionette. Mina kniff die Augen zusammen. Zu spät. Immer zu spät.

Wer die Frau war, hatten sie noch nicht ermittelt, und einen Verdächtigen gab es auch noch nicht. Die Kiste hatten sie samt Leiche an Milda Hjort vom Rechtsmedizinischen Institut geschickt, aber Mina glaubte nicht, dass sie das der Lösung des Falls näherbringen würde. Jedenfalls keinen großen Schritt. Bei dieser Tat war die Vorgehensweise entscheidend, da war sie sich ganz sicher.

Mina merkte plötzlich, dass Vincent sie ansah. Offenbar hatte er das Telefonat mit seiner Frau beendet. Mina räusperte sich und versuchte, die Bilder in ihrem Kopf zu verscheuchen.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er. »Ab jetzt bin ich ganz für Sie da. Wie ich höre, sind Sie nicht von hier. Ich nehme an, Sie arbeiten in Stockholm. Und trotzdem sind Sie hier in Gävle. An einem späten Donnerstagabend. Um sich mit einem Mentalisten über Zauberei und die menschliche Psyche zu unterhalten. Irgendjemand hat Ihnen den Tipp gegeben, mich zu kontaktieren, haben Sie gesagt. Das macht mich neugierig.«

Vincent beugte sich interessiert vor. Sie beschloss, ihn noch ein bisschen warten zu lassen. Er musste Feuer und Flamme sein.

»Ich habe Sie beim Signieren beobachtet.« Sie setzte ihr freundlichstes Lächeln auf. »Offenbar signieren Künstler noch immer ihre Werke.«

Er wirkte einen Moment verwirrt und begann dann zu lachen.

»Mit dem Nagel, meinen Sie? Ich weiß, es ist ein totales Klischee, aber was soll ich machen? Seit dieser Fernsehsendung erwarten es die Zuschauer von mir. Und ich will sie nicht enttäuschen. Sie haben schließlich Geld und Zeit in den Abend investiert.«

Vincents Schultern senkten sich, er entspannte sich zusehends. Falls er bisher abweisend gewirkt hatte, wurde er nun offener. Vorläufig jedenfalls.

»Sie haben recht«, sagte sie. »Ich wäre nicht hier, wenn ich kein wichtiges Anliegen hätte. Wir arbeiten an einem Fall, den ich nicht verstehe. Bislang ist es uns gelungen, ihn vor den Medien geheim zu halten, aber es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis Sie etwas darüber in der Zeitung lesen.«

Er schnitt ein Stück vom Hamburger ab. Sie war unsagbar froh, dass er ihn mit Messer und Gabel aß. Hätte er den fettigen Burger in die Hand genommen, wäre sie aufgestanden und gegangen.

»Verzeihung«, Vincent schwenkte die Gabel mit dem Fleischstück hin und her, »aber was hat das mit mir zu tun?«

Wortlos zog Mina einen beigen Umschlag aus einem Ordner und nahm die Fotos heraus. Sie wählte ein Bild aus, auf dem nicht der zerfleischte Körper, sondern nur die Kiste zu sehen war, in der er gefunden worden war. Und die Schwerter. Die anderen Fotos brauchte er sich wirklich nicht anzuschauen. Sie steckte sie mit einer Büroklammer zusammen und legte sie unter das Bild von der Kiste.

»Wissen Sie, was das ist?«

Vincent ließ die Gabel vor dem offenen Mund verharren.

»Das ist ein sword casket«, sagte er. »Auch sword box oder Schwerterkasten genannt. Aber wieso … ich verstehe nicht …«

Das Stück Fleisch verschwand in seinem Mund.

»Ich auch nicht«, sagte sie, »oder, besser gesagt, ich verstehe den Täter nicht, aber Sie vielleicht, da Sie … Nun, sich mit solchen Dingen auskennen. Und daher bitte ich Sie um Ihre Hilfe. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Der Kasten war nicht leer, als wir ihn fanden. Es hat eine Weile gedauert, die Frau von den Schwertern abzulösen.«

Vincent hörte auf zu kauen und wurde blass.

»Mit dem Opfer sind wir auch noch nicht weiter«, fuhr Mina fort. »Ich glaube, wir werden die Person, die das gemacht hat, nur finden, wenn wir wissen, wie sie tickt. Ich wünschte, ich könnte behaupten, dass zerstückelte Leichen eine Seltenheit sind, aber das sind sie leider nicht. Zumindest kommen sie nicht so selten vor, wie man es sich wünschen würde. Aber in einem Schwerterkasten? Das ist neu. Wer kommt überhaupt auf so eine Idee? Und warum? An dieser Stelle kommen Sie ins Spiel. Ich habe Ihre Show gesehen. Sie können sich in Leute hineinversetzen. Und zwar erstaunlich gut. Helfen Sie mir, herauszufinden, wer das getan hat.«

Vincent lehnte sich stirnrunzelnd zurück.

»Für so was müssten Sie doch Kriminalpsychologen haben«, sagte er. »Was für Fähigkeiten sollte ich denn außerdem noch haben? Das Profiling von Verbrechern kommt in meinem Beruf nicht vor.«

Er tunkte ein paar Pommes frites in die Mayonnaise, bevor er sie sich in den Mund steckte.

»Wie gesagt, Sie kennen sich sowohl mit der Psyche als auch mit Zauberei aus. Davon hat unser Kriminalpsychologe keine Ahnung. Und außerdem …«

Sie sah sich um, bevor sie mit leiser Stimme weitersprach.

»Außerdem hat er zuletzt das Täterprofil eines ›Griechen mittleren Alters aus gehobener Gesellschaftsschicht‹ erstellt. Die Täterin erwies sich als junge schwedische Arbeiterin in einem Warenlager.«

Vincent konnte sich gerade noch seine Serviette vor den Mund halten, bevor er die Pommes frites rausprustete.

»Klingt trotzdem nach einem heiklen Auftrag«, sagte er. »Soweit ich weiß, wird zivile Einmischung bei der Polizei nicht gerne gesehen. Und ich bin nicht als Profiler ausgebildet. Ich habe einiges über Menschen gelernt, aber meine Schlussfolgerungen basieren nur auf den Grundlagen der Psychologie, eigenen Beobachtungen und statistischer Wahrscheinlichkeit.«

»Glauben Sie etwa, Kriminalpsychologen gehen anders vor?«

»Ich bin aber Entertainer. Wenn mir auf der Bühne ein Fehler unterläuft, kommt niemand zu Schaden.«

»Außer Ihnen selbst«, sagte sie. »Sie haben genügend Vertrauen in Ihre Fähigkeiten, dass Sie das Risiko eingehen, sich einen dicken Nagel in die Hand zu bohren.«

Er lächelte müde.

»Das sollte ich eigentlich lassen«, sagte er. »Aber von mir aus. Wobei ich wirklich nicht ganz verstehe, wie ich Ihnen helfen kann, und warum Sie ausgerechnet zu mir kommen.«

»Wir …« Mina zögerte. »Unsere Abteilung hat innerhalb der Polizeistruktur einen etwas ungewöhnlichen Status. Oder besser gesagt, wir arbeiten unabhängig von den gängigen Strukturen.«

»Wieso?«

»Tja, Julia, unsere Chefin, ist die Tochter des Polizeichefs und …«

»Genießt bestimmte Privilegien?« Vincent zog eine Augenbraue hoch.

Sie ärgerte sich über seine Frage und merkte sofort, dass ihm ihre Irritation nicht entging.

»Ganz und gar nicht! Julia ist äußerst kompetent und besitzt eine natürliche Autorität. Es würde mich nicht wundern, wenn sie eines Tages auch Polizeichefin werden würde. Sie ist aber genauso frustriert wie wir alle von den trägen und starren Organisationsstrukturen. Und diese eher … unabhängige Gruppe ins Leben zu rufen, in der sie selbst aktiv mitarbeitet, ist ihr nicht gelungen, weil, sondern obwohl sie die Tochter des Polizeichefs ist.«

»Und in dieser Gruppe sind nur die Besten vereint?«

»Na ja«, brummte Mina. »Das wäre übertrieben. Wählerisch durften wir nicht sein.«

»Also eine Spezialgruppe ohne spezielle Kompetenz?«, fragte Vincent verwundert.

Mina konnte seine Skepsis nachvollziehen und überlegte, wie sie es ihm erklären sollte.

»Alle Gruppenmitglieder haben bestimmte Fähigkeiten, aber Menschen sind eben Menschen, und eine Polizeieinheit kann völlig verschiedene Gründe haben, Mitarbeiter zeitweise an andere Einheiten zu entsenden.«

»Und wieso sind Sie versetzt worden?« In Vincents Mundwinkeln regte sich ein Lächeln.

»Ich muss zugeben, das weiß ich nicht. Aber meine Stärken sind mir bewusst. Ich bin stur, durchsetzungsstark und kann unkonventionell denken.«

»Aber?« Vincent nahm sich noch ein paar Pommes frites.

»Die Abteilung, in der ich vorher gearbeitet habe, kam nicht gut mit mir zurecht. Keine Ahnung, warum. Ich hatte kein Problem mit den Leuten. Ich habe kein Problem mit Gruppen. Gruppen haben ein Problem mit mir.«

Sie räusperte sich.

»Jedenfalls hat meine Chefin erlaubt, dass wir einen externen Berater hinzuziehen. Das Honorar ist bescheiden, aber dafür können Sie etwas bewirken.«

»Anstatt nur auf der Bühne zu stehen, meinen Sie?« Er schob ihr den Stapel Fotos zu. »Sie müssen die Realität mit The Master Mentalist verwechselt haben. Tut mir leid, dass Sie den weiten Weg umsonst gemacht haben. Aber offenbar haben Sie eins nicht begriffen: Ich bin Entertainer. Der Meistermentalist ist ein fiktiver Charakter, mehr nicht. Was ich auf der Bühne mache, hat … nichts mit dem Leben zu tun. Es ist nicht real. Es hat vielleicht den Anschein, als würde ich über spezielle oder gar einzigartige Fähigkeiten verfügen, aber in Wahrheit kann das jeder lernen. Ihnen geht es um psychologische Täterprofile. Noch dazu von Mördern. Von Mördern habe ich keine Ahnung. Wie gesagt, auf diesem Gebiet gibt es Experten. Und die können – wie haben Sie sich ausgedrückt? – etwas bewirken.«

Er wich ihrem Blick aus. Diese Antwort hatte sie nicht erwartet. Sie hatte damit gerechnet, dass er Zeitmangel oder wichtigere Verpflichtungen anführen würde. Sie hatte sich darauf eingestellt, seinem Ego schmeicheln zu müssen. Aber auf Lügen war sie nicht gefasst gewesen.

»Verstehe.« Sie stand auf.

Zeit für einen Strategiewechsel.

»Ich habe mich geirrt. Auf der Bühne erscheinen Sie sehr überzeugend. Entschuldigen Sie bitte. Einen Versuch war es wert. Ich zahle an der Theke, und wir reden nicht mehr darüber. Ich muss mich nur an diesen Typen aus Schonen vorbeizwängen.«

»Helsingborg.« Müde stocherte er in den Resten seines Hamburgers. »Sie sind aus Helsingborg und nehmen an einer Konferenz über Stromversorgung teil. Das erkennt man am Logo auf ihren Namensschildern. An Ihrer Stelle würde ich jetzt nicht stören. Die große Frau mit dem Rücken zu uns ist gerade mit einem Mann ins Gespräch gekommen und muss sich zum ersten Mal an diesem Abend nicht kleiner machen, damit er sie nicht stehen lässt. Schade, dass er verheiratet ist. Wie kommen Männer nur auf die Idee, sie würden wie Singles aussehen, nur weil sie ihren Ehering abgenommen haben? Den Ehemann sieht man ihnen trotzdem schon von Weitem an. Wie auch immer. Die beiden wollen wahrscheinlich nicht gestört werden, und sie scheint es dringend nötig zu haben.«

Mina bemühte sich, ein Grinsen zu unterdrücken. Vincent schien gar nicht zu merken, was er eben gesagt hatte.

»Und bezahlt habe ich schon«, schloss er.

»Wie viele Treppenstufen sind es von der Bühne bis zum Aufenthaltsraum im Theater Gävle?«, fragte sie schnell.

Vincent sah verblüfft auf.

»Acht«, sagte er. »Warum fragen Sie?«

»Es sind sieben. Jedenfalls wenn man nicht einmal auf der Stelle tritt, um auf eine gerade Zahl zu kommen.«

Vincent stand der Mund offen. Jetzt hatte sie ihn. Er war es vermutlich nicht gewohnt, dass andere seine Eigenheiten bemerkten. Sie setzte sich wieder und grinste nun unverhohlen.

»Wie gesagt.« Sie schob die Fotos wieder zu ihm zurück. »Fällt Ihnen was ein?«

»Okay«, sagte Vincent. »Sie haben gewonnen. Diesmal.«

Das oberste Bild war zur Seite gerutscht, und ein Teil des Fotos darunter war zu sehen. Bevor sie danach greifen konnte, hatte Vincent das untere Bild aus dem Stapel gezogen.

»Ach du Scheiße.« Er verzog das Gesicht.

»Ja. Das trifft es.«

Vincent kniff die Augen zusammen, als wollte er sich allmählich an das Ungeheuerliche gewöhnen.

»Was ist das da?« Er zeigte auf einen Gegenstand in einem Klarsichtbeutel neben der Leiche.

»Die Armbanduhr des Opfers. Als das Zifferblatt zerstört wurde, standen die Zeiger auf drei Uhr. Anscheinend ist das auch der Todeszeitpunkt.«

»Nein, nicht die Uhr. Das da.«

Er zeigte auf die Linien, die der Frau unterhalb der Eintrittsstelle des Schwerts in den Oberschenkel geritzt worden waren. Zwei relativ lange Linien wurden von drei kürzeren verbunden. Mina erinnerte die Ritzung an eine Leiter.

»Schnittverletzungen«, sagte sie. »Mit einem Messer oder Ähnlichem zugefügt. Wahrscheinlich, um das Opfer zu quälen. Als Vorgeschmack.«

»Die Ritzungen wurden mit großer Sorgfalt ausgeführt«, sagte er. »Ganz im Gegensatz dazu, wie brutal der Körper ansonsten durchbohrt wurde. Ich glaube nicht, dass das Folter war. Meiner Ansicht nach ist diese Leiter ein Symbol.«

»Wofür?«

»Tja, Leitern kommen in mehreren Religionen vor. In der Bibel gibt es die Jakobsleiter, die in den Himmel führt. Freud war der Meinung, die Leiter hätte etwas mit dem Geschlechtsakt zu tun. Fragen Sie mich nicht, wieso. Aber das hier ist simpler, vermute ich.«

Er drehte das Foto um neunzig Grad und tippte noch einmal auf die Leiter, die nun nicht mehr stand, sondern lag.

Mina begriff, dass sie keine Leiter mehr vor sich hatte.

Sie betrachtete die römische Ziffer für die Zahl Drei.

Beide schwiegen lange. Die lauten Schoninger an der Theke übertönten ihre Gedanken.

»Eigentlich will ich Sie das nicht fragen, aber …«, sagte Vincent nach einer Weile.

Mina nickte.

»Ich weiß, was Sie denken«, sagte sie. »Wenn das hier Nummer drei ist, wo sind dann eins und zwei?«

 

 

 

Morgens hatte Vincent schon immer Schwierigkeiten gehabt, sich zu orientieren. In diesen Sekunden zwischen Schlaf und Wachsein, in denen er nur die Bettlaken auf der Haut spürte, ihn ein Sonnenstrahl blendete und sich noch ein fader Nachgeschmack der Schlaftablette im Mund bemerkbar machte. Kein Zimmer, kein Haus und weder ein Platz im Universum noch ein Gefühl für die Zeit. Ein wenige Sekunden anhaltendes Vakuum aus reiner Existenz. Ein Segen.

Dann machte sich die Wirklichkeit bemerkbar. Klirrendes Geschirr. Ein Vogel, der auf Marias selbst gebauter Futterstelle saß und trotz der Kälte tapfer zwitscherte. Sein Sohn Aston, dessen Stimme ständig zwischen Begeisterung und Zorn schwankte.

Vincent setzte sich auf und schlug die Bettdecke zur Seite. Er stellte beide Füße auf den Boden. Den linken zuerst. Er zog die Hose und das Hemd vom Vorabend noch einmal an, weil er es später sowieso in den Wäschekorb werfen würde. Den obersten Hemdknopf beachtete er nicht und knöpfte nur die anderen sechs zu. So musste es sein. Wieso zum Teufel hatten alle Hemden sieben Knöpfe? Die Designer mussten Psychopathen sein.

Als er in die Küche kam, saßen alle schon am Tisch. Außer Rebecka.

»Richte deiner pubertierenden Tochter bitte aus, dass wir jetzt frühstücken«, sagte Maria, ohne ihn anzusehen.

Vincent versuchte, sich an eine Zeit zu erinnern, in der nicht jeder Satz, der zwischen ihnen fiel, von unausgesprochenen Botschaften durchzogen war. Es gelang ihm nicht. Das Leben, der Alltag, die Streitereien und das Misstrauen hatten langsam, aber sicher alles, was mal zwischen ihnen gewesen war, ausgehöhlt. Wann es angefangen hatte, ließ sich nicht mehr genau sagen.

Maria schälte einen Apfel und schnitt ihn für Aston, der energisch in seinem Joghurt rührte, in kleine Stücke. Der grüne Tee in ihrer Tasse war vermutlich längst kalt. Benjamin pellte träge die beiden gekochten Eier auf seinem Teller, legte die Schale umständlich auf einen Extrateller und tat so, als wäre er noch nicht ganz wach. Vincent klopfte an Rebeckas Zimmertür.

»Rebecka? Frühstück!«

Er wusste schon vorher, wie sie reagieren würde.

»Ich habe keinen Hunger!«

»Du musst was essen. Komm jetzt!«

Ohne die Antwort abzuwarten, ging er zurück in die Küche. Als er sich an den Tisch setzte, hörte er hinter sich, wie die Tür aufging. Und wieder zugeknallt wurde. Benjamin warf Rebecka einen verärgerten Blick zu, sagte aber nichts.

»Mamaaa!«, schrie Aston plötzlich. »Die Apfelstücke sind viel zu groß!«

Aston schob Maria sein Schälchen so schwungvoll zu, dass ein bisschen Joghurt auf den Tisch schwappte.

»Das glaube ich nicht, Schätzchen, die Stücke sind genauso groß wie immer. Schau doch mal.«

Mit den Fingerspitzen pickte Maria ein Stückchen Apfel aus dem Joghurt. Sie wirkte genervt, aber Aston lachte laut.

»Mama! Joghurt kann man nicht mit den Fingern essen!«, rief er. »Das dauert hundert Jahre!«

»Sie sind wirklich ziemlich groß.« Vincent griff nach dem Schälchen, nahm ein Obstmesser aus der Schublade und zerteilte die klebrigen Apfelstücke. Er warf seiner Frau einen verstohlenen Blick zu. Sie sah immer noch gereizt aus und leckte sich die Finger ab. Er überlegte hin und her, ob er etwas sagen sollte. Bei Maria wusste man nie, ob sie gerade erreichbar war. Ob sie auf Senden eingestellt war oder auf Empfang. Manchmal schätzte er sie richtig ein. Manchmal nicht.

»Man muss Prioritäten setzen«, sagte er schließlich zu ihr. »Dein Tee wird kalt.«

Sie warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Offenbar hatte er sich getäuscht.

»Mama soll den Apfel schneiden.« Aston schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ihre Stücke sind viel schöner.«

»Du bist alt genug, um deinen Apfel selbst zu schneiden«, sagte er zu Aston. »Dann kannst du es auch genau so machen, wie du es haben willst. Und wenn wir die Stücke schneiden, werden sie so, wie wir sie haben wollen.«

»Für das Frühstück seid aber ihr zuständig«, sagte Aston.

»Was bist du nur für ein Kleinkind.« Rebecka rümpfte die Nase über ihren kleinen Bruder.

Mit demonstrativ vor der Brust verschränkten Armen setzte sie sich an den Küchentisch.

»Selber!«, schrie Aston mit hochrotem Kopf. »Du bist ein Kleinkind!«

»Ich bin fünfzehn, und du bist erst acht, also bin ich fast doppelt so alt wie du. Du bist das Kleinkind.«

»Nein!«

Aston wollte aufspringen, aber Maria legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Rebecka ist tatsächlich älter als du«, sagte sie. »Aber das heißt nur, dass sie sich ihre Äpfel selbst klein schneiden muss. Sie muss sogar alles selbst machen. Und du nicht.«

Aston grinste übers ganze Gesicht, und Maria zwinkerte ihm zu. Vincent wusste, dass Aston seine Mutter anhimmelte und nichts mehr liebte als das Gefühl, sich mit ihr gegen die großen Geschwister zu verschwören.

»Wer isst schon Äpfel zum Frühstück«, sagte Rebecka. »Das ist ja auch völlig gestört.«

Vincent konzentrierte sich auf den Apfel. Neunzehn Stücke, aus denen achtunddreißig wurden, wenn er sie halbierte. So wurde aus ungerade gerade. Innere Ruhe breitete sich in ihm aus. Die Symbolkraft dieser Handlung gefiel ihm. Gleichförmigkeit ließ sich herstellen. Es gab Hoffnung. Er liebte seine Familie, aber mit dem Chaos, das sie erzeugte, konnte er nicht gut umgehen. Er mochte Ordnung. Struktur. Gerade Zahlen.

»Hier, du Rabauke.«

Vincent schob das Schälchen wieder zu Aston hinüber, der kurz zu überlegen schien, ob es nicht doch noch etwas an den Apfelstückchen auszusetzen gab. Anscheinend war er aber so verunsichert, weil er nicht wusste, was das Wort Rabauke bedeutete, dass er mit einem trotzigen Blick in Richtung seines Vaters zu essen anfing.

»Iss wenigstens ein Brot«, flehte Maria Rebecka an. »Oder ein bisschen Joghurt. Irgendwas.«

»Bei Mama brauche ich nicht zu frühstücken«, sagte Rebecka, die noch immer mit verschränkten Armen dasaß. »Sie isst vor zwölf auch nichts. Intervallfasten nennt man das. Es ist gesünder, wenn die Verdauung mal Pause machen kann. Unsere Körper sind nicht dafür gemacht, ständig Nahrung aufzunehmen. Wir essen viel zu oft. In der Steinzeit hat man viel seltener gegessen, manchmal tagelang gar nichts.«

»Du plapperst nur nach, was deine Mutter sagt. Und außerdem leben wir nicht mehr in der Steinzeit. Sag das deiner Tochter, Vincent.«

»Aber sie hat recht.« Vincent schenkte sich Kaffee ein. »Auf moderne Ernährungsgewohnheiten ist unser Organismus nicht eingestellt, und neuesten Studien zufolge …«

Maria stand ruckartig auf und räumte ihren Teller mit dem halb aufgegessenen Roggenbrot mit Avocado vom Tisch. Wie immer hatte sie ein Topping aus Biokokos darübergestreut, das im Kilo so viel wie Gold kostete, aber angeblich eine entzündungshemmende Wirkung hatte, die Maria für die Quelle ewiger Jugend hielt.

»Mein Gott, könntest du mich nicht einmal unterstützen? Natürlich muss Rebecka was essen. Sie ist ein Teenager in der Wachstumsphase, ihr Körper entwickelt sich rasant, und wenn Mädchen in diesem Alter nicht ordentlich essen, bleibt manchmal sogar ihre Menstruation …«

»Igitt«, fiel Benjamin ihr ins Wort. »Müsst ihr jetzt über Menstruation sprechen? Ich esse.«

»Benjamin, du bist neunzehn«, sagte Vincent. »Da darf man nicht mehr so überempfindlich auf Körperflüssigkeiten reagieren.«

Benjamin starrte seinen Vater an. Dann stand er mit dem zweiten Ei in der Hand auf und verschwand kopfschüttelnd in seinem Zimmer.

»Papa, du hast echt Asperger«, stellte Rebecka trocken fest.

»Das sagt man nicht, Rebecka«, ermahnte sie Vincent. »Ich glaube, es heißt jetzt ASS.«

Maria ignorierte den Wortwechsel und setzte ihre eigene Tirade fort.

»Ich will auch nicht ständig hören, was deine Mutter für Vorlieben hat«, sagte sie. »Hier in diesem Haus und in dieser Familie haben wir unsere eigenen Gewohnheiten und Regeln. Was ihr bei Ulrika macht, ist für uns überhaupt nicht relevant.«

»Alles klar, Tante Maria.«

Rebecka stand auf und nahm sich eine Scheibe Brot aus dem Brotkorb. Sie hielt sie Maria triumphierend vors Gesicht, ging damit in ihr Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.

»Fertig! Danke fürs Frühstück, Mama! Ich gehe die Hunde füttern.«

Aston sprang auf und rannte zum Aquarium im Wohnzimmer.

»Hundefische, Aston!«, rief Vincent ihm hinterher. »Es sind Amerikanische Hundefische.«

»Das weiß ich auch«, antwortete Aston und bestreute die Wasseroberfläche mit Fischfutter. »Wuff, wuff.«

Dann kam er wieder in die Küche, holte sein iPad und verschwand damit in seinem Zimmer.

»Fünf Minuten, Aston«, rief Vincent. »Dann müssen wir los.«

Maria lehnte sich an den Kühlschrank und verschränkte die Arme, als würde sie unbewusst Rebecka imitieren.

»Sie sagt nur Tante Maria zu mir, um mich zu ärgern.«

Vincent sah seine Frau verständnislos an.

»Aber du bist doch ihre Tante«, sagte er. »Ihre Mutter ist deine Schwester. Wieso nimmst du es ihr übel, wenn sie dich darauf hinweist? Es stimmt doch.«

Er konnte nicht nachvollziehen, dass sie ihre Energie damit verschwendete, objektive Fakten zu hinterfragen. Er nahm sich eine Scheibe Roggenbrot und bestrich sie sorgfältig mit Butter.

»Darum geht es nicht«, fuhr Maria fort. »Willst du ernsthaft behaupten, du könntest das nicht nachvollziehen? Mein Gott, ich bin wirklich mit einem Roboter verheiratet. Sie sagt so was nur, um mich auf die Palme zu bringen.«

Er runzelte die Stirn. Er gab sich ja Mühe, es zu verstehen. Aber Marias Reaktion war unlogisch. Tatsachen waren Tatsachen. Wie man diese emotional bewertete, stand auf einem anderen Blatt. Aber die Tatsache an sich ließ sich nun mal nicht leugnen.

»Wen hast du eigentlich vorgestern Abend zum Essen eingeladen?«, fragte sie in einer anderen Tonlage. »Ulrika?«

Vincent blickte verwundert auf. Er hatte gerade von seinem Brot abgebissen und musste erst kauen, bevor er runterschlucken und antworten konnte. Zehnmal kauen. Beinahe wären es elf Male geworden, aber er merkte es gerade noch rechtzeitig.

»Wieso sollte ich mit meiner Ex-Frau essen gehen?«, fragte er.

»Ich habe die Abbuchung im Online-Banking gesehen. Und dann habe ich nach der Quittung gesucht, sie war in deinem Portemonnaie. Du hast in Gävle jemanden zum Essen eingeladen. Hat sie auch in deinem Hotelzimmer übernachtet? Habt ihr gefickt?«

Marias Stimme überschlug sich. Vincent verfluchte sich insgeheim. Er hätte sich denken können, dass genau das passieren würde. Marias grundlose Eifersucht konnte aus heiterem Himmel zuschlagen – und tat es in letzter Zeit immer öfter. Die Eifersuchtsdramen waren jedoch nur einer von vielen Faktoren, die ihre sogenannte Ehe allmählich kaputt machten.

»Ich war mit einer Kriminalpolizistin essen, die nach der Vorstellung auf mich zugekommen ist«, sagte er. »Sie wollte einen Mordfall mit mir besprechen.«

»Dass ich nicht lache!« Maria lachte gekünstelt, schrill. »Eine Kriminalpolizistin? Für wie blöd hältst du mich? Fällt dir nichts Besseres ein? Und ausgerechnet mit dir will sie einen Mord besprechen? Wozu sollte das gut sein?«

»Es hat etwas mit …«

Maria hob abwehrend die Hand.

»Beichte mir später, was wirklich passiert ist. Jetzt musst du Aston erst mal zur Schule bringen.«

»Aber …«

Er sprach nicht weiter, weil Maria bereits auf dem Weg zu Astons Zimmertür war.

»Aston!«, rief sie. »Beeil dich! Schluss mit dem iPad! Ihr fahrt in fünf Sekunden los.«

Sie ging zum Schlafzimmer.

Vincent betrachtete sein Brot. Diese Kriminalpolizistin. Mina. Sie ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ein Teil von ihm hoffte, sie würde sich noch mal melden. Rund um die abgebissenen Stellen hatten seine Frontzähne die Butter zu kleinen Wällen zusammengeschoben. Er strich die Butter mit dem Buttermesser glatt und biss genau ein Sechstel des Brotes ab. Sechs Teile waren gut. Andererseits waren jetzt noch fünf übrig. Nicht so gut.

Mina durchschaute ihn auf geradezu gespenstische Weise. Ihn, der immer in die Rolle des Weltgewandten Künstlers geschlüpft war, die ihn nicht nur vor Journalisten schützte. Die meisten Leute gaben sich damit zufrieden. Weil die Maske genau ihren Erwartungen entsprach, stellten sie diese nicht infrage. Mina jedoch hatte gesehen, dass er Treppenstufen zählte. Hatte die Flaschen in der Garderobe wieder richtig herum gedreht. Und ihn dazu gebracht, die Leute am Tresen zu analysieren.

Sie wusste jetzt schon mehr über ihn als Maria und Ulrika, und mit denen hatte er jahrelang zusammengelebt.

Während er das Brot aufaß, zählte er mit. Teil drei und eins aß er besonders schnell.

Mina musste eine extrem gute Polizistin sein. Doch er war nicht nur von ihrer Beobachtungsgabe beeindruckt, obwohl es natürlich ebenso schmeichelhaft wie beunruhigend war, dass sie so mühelos die Eigenheiten bemerkte, die er gut zu verbergen glaubte. Er hatte sich auch in sie hineinversetzen können. Obwohl er damit, wenn man Maria fragte, wirklich nicht punktete. Menschen auf der Bühne zu durchschauen und zu manipulieren, war das eine. Dort hatte er alles unter Kontrolle. Aber im wirklichen Leben waren ihm andere Menschen ein Rätsel. Manchmal hatte er das Gefühl, dass er an dem Tag gefehlt hatte, als in der Schule soziale Kompetenz unterrichtet worden war. Um seine Ahnungslosigkeit zu kaschieren, spielte er meistens den Weltgewandten Künstler,