Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Schwarzmond - Aikaterini Maria Schlösser

Die ersehnte Fortsetzung des BoD-Bestsellers: "Blut schreit nach Blut" ________________________________________ Dein Blut ist in mir. Mein Gift in dir. Ich höre dich meine Gedanken denken. Fühle dich in meinem Hass brennen. Höre dein Herz für meine Liebe klopfen. Ein Bruchstück in unserem Spiegelbild ist fremd. Gewaltsam wurde es in unsere Seelen gestanzt. Du siehst darin mich und ich sehe darin dich. Gemeinsam baden wir im unschuldigen Blut. Gemeinsam schließen wir die Augen. Gemeinsam tragen wir unseren letzten Gedanken in den Traum. Luna... Luna...

Meinungen über das E-Book Schwarzmond - Aikaterini Maria Schlösser

E-Book-Leseprobe Schwarzmond - Aikaterini Maria Schlösser

Aikaterini Maria Schlösser

Als Tochter von abenteuerlustigen Auswanderern wurde Aikaterini Maria Schlösser 1989 in Athen geboren. Aufgewachsen in Griechenland, dem Land der Mythen, hatte sie das Glück, statt von Zyklopen gefressen zu werden, den Kuss der Muse zu empfangen. Ihre Fantasie nahm aber die falsche Abzweigung – anstelle der griechischen Antike landete sie im Mittelalter.

Im Gegensatz zu Ikarus, der sich zu nah an die Sonne wagte, sucht Aikaterini in den dunklen Abgründen der Seele nach Inspiration.

Ihr Debüt und inzwischen BoD-Bestseller „Blut schreit nach Blut“ wurde auf Lovelybooks auf Platz 11 der schönsten historischen Romane 2017 gekürt.

Stapelweise umgeben von mittelalterlichen Sachbüchern, historischen Karten und mystischen Artefakten schreibt Aikaterini an den Folgebänden. Ihre geheimen Zutaten auf der Zeitreise ins dunkle Zeitalter: Mondschein, Wolfsheulen und eine Prise Wahnsinn.

Ihr neustes Werk und bei Lovelybooks auf Platz 2 der Liste der beliebtesten historischen Romane 2018 die historische Mysterynovelle: Dornengrab.

aikaterini.de

mittelalter-wolf.jimdo.com

Für meine Mutter, Trees.

Alles, was ich heute bin, verdanke ich deiner Liebe.

Inhaltsverzeichnis

Teil I

Kapitel 1: Lauf

Kapitel 2: Schneller

Kapitel 3: Leben und Tod

Kapitel 4: Zurückgelassen

Kapitel 5: Dunkle Seite

Kapitel 6: Ursprung

Kapitel 7: Die Nordsee

Kapitel 8: Vollmond

Kapitel 9: Erwachen

Kapitel 10: Ewiges Band

Kapitel 11: Aufbruch

Kapitel 12: Vergangenheit

Kapitel 13: Töte mich

Teil II

Kapitel 14: Halts Maul

Kapitel 15: Fündig

Kapitel 16: Traum aus Blut

Kapitel 17: Offenbarung

Kapitel 18: Empfängnis

Kapitel 19: Du weißt, wovon ich rede

Kapitel 20: Schlachten

Kapitel 21: Es ist Zeit

Kapitel 22: Zerfleischt

Kapitel 24: Wo ist dein Gott?

Kapitel 25: Eisiges Seufzen

Kapitel 26: Schwach

Kapitel 27: Fährte

Teil III

Kapitel 28: Warten

Kapitel 29: Abkehr

Kapitel 30: Quell des Blutes

Kapitel 31: Die Lykia

Kapitel 32: Wolfskind

Teil I

Luna. Ich will, dass du mir ganz genau zuhörst. Ich gebe nicht auf.

Ganz gleich, was du tust, ich halte dagegen.

Wohin du auch gehen magst, ich werde dich suchen.

Und ich finde dich.

Kapitel 1 Lauf

Schwarzwald, Herzogtum Alammanien, 1274

Ich lebe … Ich lebe …

Luna hatte den Tod gefühlt. Seit langer Zeit spürte sie, wie er immer näher rückte. Sie war sich sicher zu sterben. Doch was sie gefühlt hatte, war der Tod ihres menschlichen Körpers, ihres letzten Gefängnisses.

Mein Herz … Es schlägt noch. Es fühlt noch.

Alles Weitere war anders.

Der Wind wehte ihr zusammen mit einzelnen Schneeflocken entgegen, drückte ihr Fell an ihren frisch verwandelten Wolfskörper. Ihre Beine streckten sich für den nächsten Galoppsprung, einen Lidschlag später landeten ihre weißen Pfoten auf dem Waldboden. Sogleich drückten sie sich vom Laub ab und ließen Luna an drei Stämme vorbeifliegen. Obwohl sie so unglaublich schnell lief, kostete sie diese Geschwindigkeit keine spürbare Anstrengung.

Die Schönheit ringsherum, die sie nie zuvor in dieser Herrlichkeit wahrgenommen hatte, machte sie atemlos. Zusammen mit ihrem ersten Augenaufschlag als Urwölfin hatte die Nacht ihren Schattenschleier gelichtet. Kein Schwarz sog mehr ihren Blick auf. Sie vermochte es, so weit zwischen den vorbeiziehenden Bäumen hindurchzusehen, bis andere Stämme ihr wie eine wandernde Säulenwand die Sicht raubten.

Noch viel mehr Eindrücke nahm sie durch ihre Nase wahr, die unendlich viele Gerüche durchströmten. Mit nur einem Atemzug erkannte sie nicht allein die Arten der Bäume, sondern auch, wie viele Jahre jeder einzelne zählte. Sie roch, welche Pilzsorten sich durch die Stämme fraßen, welches Moos durstig war, wo die einzelnen Schneeflocken zu schmelzen begannen. Ihre Nase spürte sogar die Wärme im Gefieder einer Eule, gleichzeitig die Holzkohle tief unter der Erde.

Immer noch fassungslos über die Fülle des Lebens, die sie von allen Seiten umgab, legte sie den Kopf in den Nacken und ließ ihren Blick durch die Baumkronen gleiten. Jedes Blatt fing den Mondschein ein, leuchtete, als würde es von innen heraus glimmen.

Wie magisch angezogen, richteten sich ihre Augen auf den Vollmond, der hoch über den vorbeihuschenden Ästen am Nachthimmel aufragte. Er war über allem Irdischen erhaben. Selbst die Zeit schien ihren Fluss bei seinem Anblick zu verlangsamen. Von klein auf bannte seine weiße Glut Luna. Aber nun war sie unmittelbar mit ihm verbunden, spürte seine Kraft in sich wie ein Licht.

Neben dem rauschenden Wind vernahm sie das Dröhnen des Rheins, das Rascheln jedes Blatts, selbst die Berührung der Schneeflocken auf den Wasserlachen. Alle Geräusche verebbten, als eine tiefe, weiche Stimme in ihrem Kopf erklang und bis zu ihrem Herzen vorstieß.

»Luna ... Kleine Luna.«

Sie drehte den Kopf zur Seite. Der vertraute Geruch von Regen auf sonnenwarmem Stein durchdrang sie, dann erblickte sie Astrum, der neben ihr herlief. Ihr Blick versank in seinen Wolfsaugen wie in einem goldenen See. Als Mädchen hatte sie sich auf die Zehenspitzen gestellt, damit sie über den Sims ihres Turmfensters seine Augen im Waldschatten beobachten konnte.

Plötzlich erschien ein fremdes Bild in ihrem Kopf. Der Wohnturm der Schwarzburg ragte in den Sternenhimmel auf. Im höchsten Fenster hielten Kinderhände den Steinsims umklammert. Über den Rand blickten Augen, hell und glänzend wie Eis. Das bin ich.

»Wie hast du das gemacht?«, fragte sie in Gedanken. Ihre Stimme hatte sie zusammen mit ihrer Menschlichkeit verloren.

Astrum hob seine Mundwinkel. »Du kannst nicht nur meine Gedanken hören, sondern ebenso die Bilder meiner Vorstellung oder Erinnerung sehen.«

Überwältigt schüttelte sie den Kopf. In ihrer Kindheit hatte Astrum als Sternenpaar im Waldschatten ihre Nächte erhellt. Am Todestag ihrer Eltern vor zwei Jahren war sie ihm zum ersten Mal begegnet. Er rettete ihr das Leben, doch weckte er dadurch den schlummernden Wolf in ihrem Blut. Gleichzeitig rief er die Sehnsucht nach Freiheit und Liebe in ihrem Herzen wach. Sie vermochte nicht, in seiner Welt zu leben, und er nicht in ihrer. Somit stand jeder am Rand des Abgrunds, jeder auf seiner Seite. Nur ein Schritt näher bedeutete den Sturz in die Tiefe. Sein Biss zog sie unverhofft auf seine Seite, obwohl es sie hätte töten müssen. Und nun war sie ihm näher, als sie je gehofft hatte. Sie konnte nicht nur seine Stimme hören, sondern auch fühlen, was er empfand. Sein Herz, das zuvor von einem Silberdolch durchbohrt war, erwärmte jetzt seine Brust.

»Ich dachte, ich hätte dich verloren. Aber hier bist du. Luna, kleine Luna.«

Sie zog die Augen zu Schlitzen. »So klein bin ich nicht mehr«, erwiderte sie, obwohl er sie um einen Kopf überragte und von wesentlich breiterer Statur war.

Sie sprang ihm entgegen und stieß ihn mit den Vorderpfoten zu Boden. Ausgelassen lachten sie in Gedanken, während sie gemeinsam durch das Laub rollten. Wie herrlich, ihn zum ersten Mal Lachen zu hören. Gleichzeitig erinnerte es sie daran, dass auch Astrum einst ein Mensch gewesen war. Immer noch lachend blieben sie auf der Seite liegen. Als sich ihre Blicke begegneten, wurde es ganz still in ihnen. Er hob seine Vorderpfote, legte sie auf ihre Brust.

»Ich will dir etwas zeigen.«

Erneut schlich sich ein fremdes Bild vor ihr inneres Auge. Zu Anfang bestand es aus Schwärze, dann erschien ein heller Spalt, der sich immer mehr verbreitete. Es waren sich öffnende Lider, begriff sie. Gleißendes Licht durchfloss sein Blickfeld. Nach und nach drängten sich Farben und Schatten vor, allein die Mitte blieb von dem mondgleichen Schein eingenommen. Daraus bildeten sich die Umrisse eines Wolfs von schlanker Gestalt. Augen, von einem schwarzen Rand eingefasst, sahen ihm entgegen, so leuchtend blau wie die Eisdecke eines Sees. Diese Augen erkannte Luna als Einzige an sich wieder.

Astrum hatte ihr das Bild gezeigt, als er sie zum ersten Mal nach ihrer Verwandlung gesehen hatte. Nach wie vor empfand sie diese Erscheinung als fremd. Eben noch war sie eine achtzehnjährige Frau gewesen, deren Hoffnung auf Leben in Asche begraben war. Und nun stand und atmete sie als Urwölfin.

»Nicht nur das«, fügte Astrum ihrem Gedanken hinzu. Er senkte die Stimme. »Du bist die erste Urwölfin der Welt. «

Staunend weitete sie die Augen. Der Welt, wiederholte sie ergriffen, ohne das volle Ausmaß erfassen zu können. Was sie aber erfasste, war der kalte Schauer, der immer tiefer in Astrum vorstieß. Sie schmiegte ihre Wange an seine Pfote.

»Somit ist es wahr? Alle anderen Frauen sind an einem Biss gestorben?«

Er senkte die Lider. Mehrere verzerrte Bilder huschten durch seinen Kopf, als versuche er gewaltsam, Erinnerungen zu unterdrücken. »Ja. Sie sind alle tot.«

»Warum lebe ich?«

Er sah sie an und atmete tief durch. »Darüber können wir allein mutmaßen. Ich kann es mir nur erklären, dass es an deinem Wolfsblut liegt, das du von deinem Großvater geerbt hast.«

Großvater, dachte Luna und sah zum Vollmond zwischen dem Kräuseln der Äste. Dem Werwolf. Er hatte es geschafft, es geheim zu halten. Nur der Engelmacherin Gera hatte er sich anvertraut. Doch im Glauben, vom Teufel besessen zu sein, hatte er den Tod gesucht.

»Astrum …« Sie schluckte. Sie musste die Frage stellen, die seit so langer Zeit ihre Seele brannte. »Hast du meinen Großvater gebissen?«

Er sah ihr in die Augen und öffnete seinen Geist für sie, sodass sie jede Regung in ihm spüren konnte. »Nein«, sprach er mit klarer Stimme.

Sie konnte fühlen, dass er die Wahrheit sprach.

»Ich weiß nicht, wer es war, und ich weiß nicht, was einen Urwolf dazu bewegen könnte, es zu tun.«

Nachdenklich ließ sie den Blick umherschweifen. Als sie die Ausbuchtung in einer Weißtanne wiedererkannte, setzte sie die Pfoten auf die Erde und hob den Kopf. In diese Mulde hatte sie sich als Sechzehnjährige hineingedrückt, die Arme um ihren zitternden Körper geschlungen. »Dies ist die Stelle.«

Hier war sie nach dem Angriff auf die Schwarzburg blutend zusammengebrochen und hatte sich zwischen den Nebelschwaden zu einem Bündel gekrümmt. Hier hatte sich Astrum ihr zum ersten Mal gezeigt, ihre Wunden geheilt und sie vor der Kälte geschützt. Irgendetwas an diesem Ort brachte sie immer wieder zurück. Schicksal pochte in der Erde wie ein eigenes Herz.

Aber es gab noch eine andere Gemeinsamkeit zur Vergangenheit. Luna riss den Kopf über die Schulter. Sie sog die Luft ein, roch Asche in der Luft. So wie damals war die Schwarzburg erneut von unschuldigem Blut durchtränkt.

Das Erbe meiner Eltern, dachte sie mit wachsendem Schmerz. Ich war die Letzte unserer Blutlinie. Vater und ihre Großväter hatten ihr Leben dieser Festung gewidmet. Nun würde sie an einen anderen Herrscher übergehen. Tränen drängten sich glühend in ihre Augen, als sie an ihre Eltern dachte. Alle Erinnerungen an sie waren in oder rund um die Burg angesiedelt.

Ich habe euer Erbe verloren. Habe euch verraten.

»Luna.« Astrum drehte mit der Schnauze ihre zu sich und lenkte ihren Blick auf seine Augen. »Du bist das Erbe deiner Eltern. Alles andere ist Holz und Fels. Aber du lebst.«

Das peitschende Feuer in ihr zog sich zurück, doch glomm der Schmerz weiter in ihrem Innern. Ihr Leben lang hatten Mutter und Tante sie darauf vorbereitet, eines Tages über die Schwarzburg zu herrschen. Diese Pflicht hatte jeden Schritt ihres Alltags bestimmt. Burgerbin zu sein war alles, was sie kannte. Ohne diesen Titel wusste sie nicht, wer sie war. Fühlte sich selbst fremd.

Astrum stellte die einzige Verbindung zu ihrem alten Leben dar. Sein Anblick aber wirkte nicht beruhigend. Die Schnauze gesenkt, starrte er sie an.

»Ein Jahr lang warst du hinter den Mauern der Schwarzburg. Gestern bist du das erste Mal wieder durch das Tor getreten. Was ist geschehen?«

Der Atem vereiste in ihrer Kehle. Sie schüttelte den Kopf und wich zurück. Nicht alles war anders, musste sie erkennen. Ihr Herzschmerz und die Angst, deren Klauen tief in ihr steckten, blieben unverändert. Mochte sie nun um so vieles stärker sein als ihr menschliches Ich, sie fühlte sich bei den Erinnerungen wie ein nacktes Bündel in der Dunkelheit, Gewalt an Körper und Seele schutzlos ausgeliefert.

»Ich kann nicht. Ich …« Die Worte erstarrten in ihrem Kopf. Furcht lähmte jeden ihrer Gedanken.

Astrums Blick und Stimme verloren ihre Schärfe. »Du musst nichts sagen. Schließ einfach die Augen – und lass los.«

Bebend schloss sie die Lider. Sie spürte die Flut der Erinnerungen wie einen Fluss, der sich mit immer größerer Wucht gegen einen Damm warf. Obwohl sie es versuchte, schaffte sie es nicht mehr, die schützende Mauer aufrechtzuerhalten, und die Bilderflut riss sie mit sich.

Sie sah das Gesicht ihres Onkels, das eine flackernde Flamme anstrahlte. Den Mann, der seit dem Tod ihres Vaters zu ihrem Vormund zählte. Ein bärtiges Gesicht, in das sich Schatten und Schmerz eingegraben hatten.

Du wolltest uns verlassen. Wolltest uns einfach verlassen. Geh zurück in deine Kammer. Schließ die Luke. Schließ die Augen. Du gehst hier nicht fort.

Luna zuckte zusammen, als sie erneut das Klicken des Schlosses hörte, das von da an jede Nacht ihre Kammerluke versperrt hatte.

Ihre Stimme der Vergangenheit tönte durch die blassen Strahlen der Morgensonne. Ich werde diesen Mann nicht heiraten. Er ist gefährlich.

Ihr Magen ballte sich zusammen bei der Erinnerung an den Hunger, der sich durch ihr Fleisch bis zu den Knochen genagt hatte. Hanco sah sich an den Verlobungsvertrag gebunden, aber willigte ein, auf ihr Jawort zu warten.

Ihr Verlobter hatte nicht warten wollen. Dunkelheit umschloss Luna wie ein stählernes Gefängnis. Lodwig. Ein unerbittlicher Krieger, der sich bis zur Spitze eines Söldnertrupps vorgekämpft hatte. Ein Mann ohne Gnade und einem Willen so eisern wie sein Schwert. Sie sah ihn vor sich, wie einzelne schwarze Locken ihm schweißnass an Gesicht und Hals klebten. Die Härte seiner Züge und der adlerbraunen Augen durchbrach einzig ein sanfter Mund. Luna verkrampfte sich, als seine tiefe, leicht raue Stimme sie umkreiste.

Ich habe erfahren, dass Ihr mich nicht mehr heiraten wollt. Soweit ich mich entsinne, wart Ihr es, die mich gebissen hat, und nicht umgekehrt.

Sie wünschte sich, Hände zu besitzen, um ihr Gesicht darin zu verbergen. Doch auch das hätte die Erinnerung nicht verdeckt, wie sie in Lodwigs Hand biss. Damit hatte sie sich selbst verraten. Denn ihre wölfischen Eigenschaften, wenn auch nur ein winziger Teil davon, gingen auf ihn über.

Erneut fühlte sie den Schmerz, wie Lodwig ihre Wange gegen die Wand presste und sich in ihren Schleier krallte.

Ihr habt mir eine Kostprobe von Eurer Kraft gegeben. Doch ich will alles.

Es war, als legten sich seine Finger ein zweites Mal um ihr Kinn und schoben es zu sich hoch.

Ich habe noch nie eine Frau begehrt. Aber dich will ich. Ich will dich so sehr.

Astrum knurrte im mühsam unterdrückten Zorn.

Luna blieb die Luft weg, als sie noch einmal durchlebte, wie Lodwigs Arme ihren Brustkorb so fest umschlangen, dass ihr kein Raum für einen Atemzug blieb. Du wirst mir jetzt sagen, was du bist. Sag es! Sie hatte es nicht getan. Das Knirschen ihrer brechenden Rippe ließ sie nochmals erbeben. Astrum biss die Zähne aufeinander, dass sie nicht minder knirschten.

Nach einem Jahr hatte Lodwig ihrem Onkel sein wahres Gesicht gezeigt. Mit Absicht, wie sie nun befürchtete. Daraufhin warf Hanco den Vertrag ins Feuer. Sie konnte fast nicht glauben, dass dies erst vor einem Tag geschehen war. Die Bilder, wie Lodwig zusammen mit seinem Söldnertrupp die Schwarzburg stürmte, verschwammen, übrig blieben nur die Schreie. Er bringt sie um! Er bringt sie alle um!

Oh, Luna ... Siehst du das ganze Blut? Und alles deine Schuld!

Selbst unter ihren geschlossenen Lidern brannten ihre Augen. Sie hatte sich ihm ergeben. Er hatte aufhören müssen. Wie ein Kind hatte er sie im Arm durch den Ascheregen getragen.

Erkennst du mich nun endlich wieder?

Ihr Herz blutete bei der Erinnerung.

Du bist es. Du hast meinen Vater getötet. Und Mutter …

Aus aller Leibeskraft hatte sie nach Astrum gerufen. Zwar vermochte er, sie zu retten, doch der Kampf gegen den Söldnertrupp verletzte ihn zu schwer, um mit ihr gemeinsam fliehen zu können. Und auch Lo…

»Wo warst du?«, unterbrach Astrum sie zum ersten Mal.

Ein schmerzhafter Kloß drückte in ihrem Hals. Im Geiste sah sie ihren Onkel wieder die Tür des Verlieses schließen und sie in Dunkelheit einkerkern.

Es ist zu deinem eigenen Schutz.

Tränen flossen über ihr Fell, als sich Hancos letzte Worte in ihre Brust schnitten. Du wirst sie nicht in deine blutigen Fänge bekommen! Lieber sterbe ich!

Dann stirb, folgte Lodwigs Antwort, zusammen mit dem Fauchen seiner Klinge.

Luna schluchzte auf. Was danach geschehen war, durchdrang sie als verzerrte Bilderfetzen. Lodwigs Umriss im Fackelschein. Sein Silberring, den er ihr über den Krallenfinger schob. Seine gierigen Hände, die ihr Kleid hochschoben. Ein gezielter Tritt, im nächsten Moment raste ihre Klauenhand hinab und schlug bis auf Knochen und Zähne zwei Spalten in Lodwigs Wange. Übrig blieb sein wütendes Gebrüll, das sie bis in die Gegenwart verfolgte.

Ich bring dich um! Ich bring dich um!

Luna schlug die Augen auf und kehrte mit einem scharfen Atemzug ins Hier und Jetzt zurück. Astrum hatte die Krallen in die Erde gebohrt. In seinen zu Schlitzen gezogen Augen glomm mühsam beherrschter Zorn. Am liebsten hätte er Lodwig jeden Hautfetzen vom Leib gerissen. Doch er beherrschte sich. Zumindest für den Moment. Seine Rachsucht trug Schuld daran, dass er Luna gebissen und beinahe getötet hatte.

Die Ohren angelegt, drehte sie den Kopf in die Richtung der Schwarzburg, an die sie innerlich immer noch gekettet war. Hanco war tot. Ebenso Siegbert, geköpft vor ihren Augen. Sie wusste nicht, wie viele weitere Opfer der Sturm auf die Burg gekostet hatte. Aber es gab viele, die lebten. Binhildis, Kettlein, Elß, Berchtold, Otto … Ich kann sie nicht im Stich lassen.

»Wäre ich nicht gewesen, wäre es nie zum Überfall gekommen. So viele Tote sind gefallen, damit ich leben kann.«

»Luna …«

Sie riss den Kopf zu ihm herum, die Augen heiß vor Tränen. »Was geschieht jetzt mit ihnen? Sie sind ganz allein.«

»Luna, sieh dich an!«

Sie fuhr zusammen, erschrocken über die Heftigkeit seines Ausrufs. Ein uralter Schmerz schnitt in sein Gesicht und seine Stimme.

»Du kannst nicht mehr zurück. Es gibt kein Zurück für einen Urwolf. Für niemanden von uns.«

Sie senkte den Kopf und schloss die Augen. Wie sollte sie es fertigbringen, alle zurückzulassen? Dem ganzen Blut den Rücken zuzukehren, das in ihrer Asche versickerte.

Er wandte das Gesicht ab. »Es tut mir leid, dass ich dir diese Schuld aufgeladen habe. Eine Schuld, bei der ich dir nicht helfen kann, sie zu tragen. Ich kenne das Gewicht ihrer Last.« Er atmete tief ein. »Aber es gibt eine Schuld, die ich begleichen muss.«

Eine Erschütterung durchzog ihn plötzlich. Er schlug den Kopf hoch und versteinerte am ganzen Leib. Selbst die Spiegelung der Sterne in seinen Augen schien eingemeißelt. Die gleiche Starre erfasste Luna und ließ zum ersten Mal ihren Nackenkamm aufrichten.

»Nein ...« , hauchte er im namenlosen Grauen und wich zurück. »Es ist zu spät ... zu spät.«

Luna legte ebenfalls den Kopf in den Nacken und versuchte zu erkennen, was ihn so ängstigte. Aber dort schien nur der Mond, der den Zenit erreichte und wie ein König in der Mitte des Nachthimmels thronte. Sie suchte Astrums Blick, doch er starrte mit leeren Augen auf den Boden. Als Einziges regten sich seine Ohren, die sich in alle Richtungen drehten.

Selbst in Gedanken wagte sie bloß zu flüstern. »Astrum?«

»Still!«, forderte er sie mit ungewohnt harter Stimme auf.

Sie presste die Ohren an den Kopf. Was geschah hier?

Astrum weitete die Augen und sah zu ihr auf. Entsetzen breitete sich wie Gift in seinem Blut aus, das auch Lunas Adern durchpulste. Er dachte nur ein einziges Wort:

»Lauf.«

Kapitel 2 Schneller

Bevor Luna begreifen konnte, was vor sich ging, brüllte Astrum in Gedanken lauter als jeder Mensch es vermochte, die Stimme zu erheben.

»LAUF!«

Er wirbelte auf der Stelle herum und stemmte die Pfoten so hart in den Boden, dass er Kerben in die Erde riss. Mit nur einem Sprung schoss er davon. Luna schnappte nach Luft und setzte ihm nach. Jäh nahmen nur noch die auf sie zurasende Stämme ihr Blickfeld ein. Allein dank ihrer weit schnelleren Sinneswahrnehmung war sie in der Lage, ihnen auszuweichen. Selbst die Sterne über dem rauschenden Astwerk verschwammen zu hellen Striemen. Obwohl Luna bei jedem Aufschlag ihrer Pfoten eine Erschütterung durchfuhr und sie die Beine immer weiter ausstreckte, entfernte sich Astrum mit erschreckender Geschwindigkeit von ihr.

»Astrum! Bitte, ich kann nicht so schnell!«

»Du kannst! Und du wirst!«

Er sah nicht einmal über die Schulter zu ihr. Sie presste die Zähne zusammen und zwang ihre Pfoten, sich stärker abzustoßen. Immer knapper wich sie den Stämmen aus, ließ die Rinde ihren Pelz streifen. Wurzeln, die sich wie Arme aus der Erde krümmten, zersprengte sie unter ihren Krallen; das Unterholz durchbrach sie trotz der Bisse der Dornen mit der Brust. Dennoch schaffte sie es nur, ihren Abstand nicht weiter zu verringern. Sie streckte den Kopf vor, bis ihre Schnauze eine Linie mit Wirbelsäule und Schweif bildete. Wie eine Kriegstrommel schlug ihr Herz einen stetig schnelleren und härteren Takt an. Erst als der Wind das Wasser aus ihren Augen trieb, gelang es ihr, aufzuholen.

Es erstaunte sie, wie ihr Wolfskörper diese Kraftanstrengung meisterte. Ihr Atem floss tief und rasch, aber nicht keuchend. Auch ihre Beine schmerzten nicht, ihre menschlichen hätten schon feuerheiß gebrannt. Dieser Leib war zum Laufen geschaffen. Sobald sie auf einer Höhe mit Astrum war, wagte sie es, kurz den Blick vom Weg auf ihn zu werfen. Angst grub Furchen in sein Gesicht. Selbst in Gedanken hörte sich ihre Stimme schrill an.

»Wovor laufen wir davon?«

Er stieß die Luft hart durch seine Schnauze aus. »Lodwig.«

Ein Zweig peitschte gegen ihre gerunzelte Stirn. »Was? Wir laufen vor einem Menschen davon? Selbst auf dem schnellsten Pferd könnte er uns nicht einholen!«

Die Augen voller Schuld sah Astrum ihr entgegen. »Lodwig ist kein Mensch mehr. Er ist jetzt eine Halbmondbestie.«

Sie hatte den Ausdruck nie gehört, dennoch ließ es ihr Blickfeld zu einem Tunnel zusammenziehen. »Ein …?«

»Ein Werwolf. Wie einst dein Großvater.«

Die Erinnerung griff in ihr Herz, wie Astrum mit weit aufgerissenem Maul emporsprang und die Zähne in Lodwigs Arm rammte.

»Du hast Lodwig gebissen«, hauchte sie fassungslos. »Einen Tag vor Vollmond.«

Lodwig hatte an dem Tag die Schwarzburg gestürmt und vor ihren Augen den Stallmeister geköpft. Sie hatte erfahren, dass er den tödlichen Klingenstoß gegen ihren Vater gesetzt hatte und unter den Schändern ihrer Mutter gewesen war. Nach einem Jahr Gefangenschaft hinter den Burgmauern begegnete Luna in der Schlacht zum ersten Mal wieder Astrum. Pfeile durchbohrten ihn und zwangen ihn zur Flucht. Gleich darauf sperrte man sie ins Verlies. In dem Wüten ihrer Gedanken hatte sie nicht einmal darüber nachgedacht, was der Biss an Lodwigs Arm bedeutete.

Ein abgesplitterter Ast schabte über Lunas Schulter. Sie spürte kaum den Schmerz. »Aber wir haben ihn bei Vollmond in der Hubertuskirche gesehen! Da war er ein gewöhnlicher Mann!«

Ungebremst raste Astrum eine Böschung hinab. »Die erste Verwandlung einer Halbmondbestie erfolgt erst, wenn der Vollmond im Zenit steht.« Seine Schnauze kräuselte sich. »Ich wollte ihn töten, sobald er sich durch die Schmerzen von seinen Söldnern abgelöst hätte. Doch dann …«

Seine Worte erstickten, dafür durchzuckten Erinnerungen wie Blitze seine Gedanken. Der Silberring an Lunas Finger, der sich in seine Haut fraß. Der Geschmack ihres Blutes auf der Zunge. Ihr regloser Körper von schwarzen Linien durchzogen. Kein Atem. Kein Puls. Der Steinaltar, auf den er sich mit Kettenrasseln niederlegte. Lodwigs triumphales Gesicht, das Aufleuchten des Silberdolchs, dann nur noch Schmerz in seinem Herzen.

Ein Kloß drängte sich in Lunas Kehle, als sie das Erlebte aus seiner Sicht sah. Etwas schwärzte sich in ihr, als sie Astrums Gefühle wahrnahm. Warum war er nach wie vor von der Furcht beherrscht, dass alles jetzt sein Ende finden würde?

Sie kämpfte sich die Böschung hinauf. »Aber wir sind schneller als er, nicht wahr?« Sie hörte selbst, wie flehentlich ihre Stimme klang. »Wir haben einen vollen Wolfskörper, weil wir zu Vollmond gebissen wurden, Lodwig dagegen ist auch verwandelt zur Hälfte Mann! Berchtold sagte, mein Großvater hätte auf zwei Beinen gestanden.«

Eine steile Falte drängte sich zwischen Astrums Augenbrauen. »Er kann auf zwei Beinen stehen wie ein Mann. Doch Halbmondbestien laufen …« Bevor er die Worte auszusprechen vermochte, jagte ein Bild durch seinen Kopf.

Eine menschenähnliche Kreatur, selbst für einen Hünen zu groß und zu stark, dazu ganz mit einem Pelz bedeckt und einem Wolfskopf. Gleich einem Mann rannte das Wesen auf zwei Beinen, dabei drückten sich seine Krallenfüße so kräftig von der vertrockneten Erde ab, dass eine Staubschlange ihn verfolgte. Plötzlich krümmte sich das Biest vor und lief weiter auf Armen und Beinen, wodurch es mit nur einem Galoppsprung zwei Pferdelängen überwand.

Luna stieß ihren angehaltenen Atem aus, als das Bild zerriss. Ihr Mund war trocken wie der aufgewirbelte Staub der Bestie. Astrum sprang um eine sich hervorwölbende Wurzel.

»Zwar ist Lodwigs Leib nicht wie unserer zum Laufen geschaffen, dafür kann er sich kräftiger abstoßen und länger durchhalten. Es ist, als sei seine ganze Mondkraft aufgespart für diese eine Nacht.«

»Aber wir haben einen Vorsprung, richtig?«, fragte sie mit steigerndem Herzklopfen. Mit zwei Sätzen sprang sie um eine uralte Eiche. »Wenn wir die ganze Nacht weiterlaufen – wir müssen nur so lange durchhalten, bis der Mond untergeht! Dann verwandelt er sich zurück, dann ist es vorbei!«

»Luna …«

Sie hörte an seinem Atem, wie er erschauderte.

»Du hast dich heute erst verwandelt. Dazu bist du noch nicht ausgewachsen und deswegen kleiner als wir beide. Du leistest ohnehin Unglaubliches. Doch …«, für einige Galoppsprünge war es unheimlich still in seinem Kopf, »du wirst es nicht schaffen.«

Eine Eiswelle breitete sich in ihr aus, die ihre Glieder zu lähmen drohte. Astrums Pfote landete in einer Pfütze und ließ das Wasser aufspritzen.

»Nach drei Stunden fangen die Schmerzen an. Ab dann wirst du langsamer und Lodwig holt auf. Je näher er deinem Geruch kommt, umso mehr treibt ihn das an.«

Astrums Worte schlichen sich in sie hinein, klammerten sich in ihr fest. Seine Stimme hörte sich mit einem Mal geisterhaft an, als würde er sich bereits von ihr entfernen.

»Sosehr du es auch versuchst, irgendwann wirst du stürzen.«

Nein. Sie presste die Lider zusammen. Nein!

»Luna …«

Zwischen dem verzerrten Schwarz der vorbeirasenden Stämme erfasste sie die Glut seiner Wolfsaugen.

»Wir können ihm nicht davonlaufen. Lodwig holt uns ein.«

Allein die Schwere seiner Worte verlangsamte ihren Lauf. Sie schüttelte den Kopf und schnappte vor Wut in die Luft. Sie hatte Lodwig das Gesicht aufgeschlitzt und dem Söldner Janfried ihre Krallen in die Augen gebohrt. Sie war kein wehrloses Mädchen. Nicht mehr.

»Dann kämpfen wir! Wir sind zu zweit! Er kann sich immer nur auf einen stürzen! Währenddessen greift der andere ihn von hinten an! Zusammen reißen wir ihn in Stücke! «

Astrum schlug mit der Schnauze einen tief hängenden Ast beiseite. »Wir mögen zwei Mäuler haben, doch er hat ein Maul; zwei Hände, die packen können; zwei Arme, die umschlingen und quetschen; und Krallenfüße, mit denen er treten und einen auf den Boden festsetzen kann.«

Ein Rauschen toste durch Astrums Kopf, sie merkte, wie er seine Gedanken auf den Weg zu richten versuchte. Doch dann flutete ihn ein Bilderstrom und überschwemmte auch sie. Eine Halbmondbestie hob sich in die Luft und trat so kraftvoll gegen die Schläfe eines Urwolfs, dass er zu Boden stürzte und mit unnatürlich verrenktem Kopf liegen blieb. Bevor Luna nach dem Schreckensbild Luft holen konnte, packte die nächste Bestie einen Urwolf mit den Krallenhänden an Ober- und Unterkiefer und riss die Knochen auseinander. Luna schaffte es bloß zu blinzeln, als eine weitere Bestie durch eine Rauchwand sprang, die Krallenhand in den Leib eines Urwolfs rammte und sie mitsamt mehreren Wirbelknochen herauszog.

Luna richtete ihr pochendes Blickfeld auf Astrum. Doch sie konnte allein den Schatten der Angst in seinen Augen erkennen. Selbst in Gedanken tönte ihre Stimme nicht stärker als ein Hauch.

»Was sind das für Bilder in deinem Kopf?«

»Erinnerungen.«

»Deine?«

»Nein. Sie wurden von Urwolf zu Urwolf über Jahrhunderte weitergegeben.«

Ein abfallender Bach kreuzte ihren Weg. Sie sprangen von Fels zu Fels und überwanden ihn in drei Sätzen.

»Jene, die sie selbst erlebt haben, konnten nur entkommen, weil sie ihren Gefährten im Stich ließen und unmittelbar flohen.«

Tränen der Verzweiflung drängten sich in Lunas Augen, die sie zornig fortblinzelte. »Ich verstehe es nicht! Warum verfolgt Lodwig uns? Er wollte meine Wolfskraft, nun hat er sie – sogar viel mehr, als er je von mir bekommen könnte!«

»Begreifst du nicht? Er begehrt dich! Seit dem Moment, als du ihn gebissen hast, will er bloß noch dich. Auf seine eigene kranke Art liebt er dich.«

Der Mond huschte in ihr Blickfeld, als sie einen Hang emporrasten. Wie schwarzer Nebel krochen Wolken an ihm vorbei.

»Ich bin nun eine Wölfin. Und Lodwig … er kann mich nicht mehr besitzen.«

»Er verfolgt uns auch nicht, um seine gestohlene Braut zurückzuholen.«

Lodwigs Schreie der Vergangenheit holten sie ein. Ich bring dich um! Ich bring dich um!

Ihr war, als würde das Astwerk ringsumher zu beben anfangen.

»Er wird uns töten.«

Nun ging ihr Atem keuchend trotz ihrer Ausdauer als Wolf. Bereits als Mann war Lodwig ein herausragender Krieger. Welche Zerstörungswut hatte er dann erst als Halbmondbestie? Ihre Stimme überschlug sich vor Angst.

»Was machen wir denn jetzt?«

Er antwortete nicht.

»Astrum.« Warum antwortete er nicht? »Astrum!«

»Ich …« Abwechselnd wischten Schatten und Mondlicht über sein zerfurchtes Gesicht. »Ich weiß es nicht.«

Ein Schauer verzweigte sich über ihren Rücken. Sie konnte spüren, dass Astrum unglaubliche zweihundert Jahre zählte. Mehrmals hatte er ihr das Leben gerettet. Mit eigenen Augen hatte sie gesehen, wie er gleichzeitig gegen ein Dutzend Söldner kämpfte. Wenn er nicht mehr weiterwusste, welche Hoffnung blieb ihnen dann?

Er krümmte den Hals und zog die Augen zu Schlitzen. »Ich stelle mich Lodwig im Kampf. Ich weiß nicht, wie lange ich ihn aufhalten kann. Doch es würde dir zumindest einen größeren Vorsprung geben.«

»Nein!« Luna sprengte durch ein Dornengeflecht. »Nein! Du wirst nicht sterben für mich!«

Astrum knurrte und brüllte gleichzeitig in Gedanken. »Ansonsten sterben wir beide!«

»Dann sterbe ich! Aber es wird an deiner Seite sein!«

Tränen rannen aus ihren Augenwinkeln. Nicht einmal eine Nacht war sie mit Astrum vereint. Es konnte … es durfte jetzt nicht vorbei sein. Hilfe suchend hetzte ihr Blick umher.

Astrums Gedanken rasten wie ein wilder Strom. Sie erschrak über seine Überlegung, einen Waldbrand zu entfachen, um das Feuer als schützende Wand zu benutzen. Doch es würde zu lange dauern, bis bei der Kälte die Bäume ausreichend brannten, Lodwig hätte sie vorher eingeholt. Als Nächstes überlegte Astrum, auf eine Klippe zu steigen und mit gemeinsamer Kraft einen Felsbrocken auf Lodwig stürzen zu lassen, sobald er hochkletterte. Aber seine Krallenhände und -füße machten ihn so wendig, dass er es schaffen würde, auszuweichen. Astrum fluchte. Luna kannte die Ausdrücke nicht einmal, sie mussten aus seiner Zeit als Mensch stammen.

Fieberhaft suchte er nach einer weiteren Möglichkeit. Er zog in Erwägung, einen großen See zu durchschwimmen, damit Lodwig ihre Fährte verlor. Doch Lodwig würde mit seinem menschähnlichen Körper weit schneller im Wasser vorankommen als sie. Wenn er zu rasch aufholte, würde er sie durch die Luft riechen und weiter verfolgen.

Luna spürte, wie Astrums Hoffnung zunehmend schwand, gleich einer Kerzenflamme, deren Docht beinah ausgebrannt war. Sie schüttelte den Kopf, wollte sich diesem Schicksal nicht ergeben.

»Lodwig muss irgendeine Schwäche haben, die wir nutzen können! Etwas! Irgendetwas! «

Astrum sprang auf eine umgestürzte Buche und riss beim Abstoßen die Rinde herunter. »Halbmondbestien besitzen nur eine Schwäche, und das ist ihre eigene Wut. Sie können nicht vernunftmäßig denken, sind allein geleitet von ihrem Blutdurst. Wir …« Er schnappte nach Luft. »Das ist es.«

Ein kaltes Funkeln legte sich über seine Augen. Für einen Moment war es ganz still in seinem Kopf, als würden seine Gedanken Atem schöpfen. Nur mit Mühe gelang es Luna, ihn nicht anzustarren und den Blick auf ihren Weg zu halten.

»Wir stellen ihm eine Falle«, durchbrach er endlich sein Schweigen. »Eine Blutfalle.«

»Werden wir ein Tier reißen?«

Er zog die Brauen hoch. »Es verlangt ihn nicht nach Tierblut.«

Ihr Nacken verhärtete sich. Es musste also ihres sein. Damit es genügte, wahrscheinlich viel davon.

»Holt Lodwig uns nicht innerhalb kürzester Zeit ein, sobald wir anhalten?«

Als Antwort kam nur Zähneknirschen. Unzählige Bilderabfolgen huschten an seinem inneren Auge vorbei. Doch alle endeten damit, dass Lodwig sie einholte.

Eine Böschung baute sich wie ein Erdwall vor ihnen auf, der sich gegen Ende so steigerte, dass sie das letzte Stück emporspringen und sich mit den Krallen hochziehen mussten.

»Weißt du überhaupt, wo wir hinlaufen?«, presste Luna hervor, während die Erde unter ihren Pfoten knarzte. »Wenn sich irgendwo eine Schlucht auftut, verlieren wir wertvolle Zeit!«

Astrums Augen weiteten sich. »Ja … Eine Schlucht. In einer Schlucht könnten wir dein Blut hinunterfließen lassen und uns auf der anderen Seite des Abgrunds verstecken. Mit etwas Glück stürzt er hinein.«

»Eine Schlucht?« Sie ließ den Blick über die gewundenen, uralten Bäume schweifen. »Wir sind mitten im Schwarzwald, wo erwartest du, eine Schlucht zu finden, die gleichzeitig tief genug ist, aber nicht zu breit, damit wir sie überspringen können?«

Er zog die Brauen zusammen. »Wir müssen ins Gebirge.«

»Gebirge? Es ist eine Tagesreise bis zum Feldberg!«

»Der Feldberg ist zu flach. Wir müssen in die Alpen.«

»Die sind zwei Tagesreisen entfernt!«

»Zwei Tage für ein Pferd. Wenige Stunden für uns.«

Eine Lichtung erstreckte sich vor ihnen, die sie innerhalb eines Herzschlags durchliefen. Die Stämme standen weit auseinander und Astrum kam dicht an ihre Seite.

»Wir sind schnell, Luna. Wir könnten es heute bis nach Trier schaffen.«

Trier … Eine solche Geschwindigkeit und Entfernung konnte sie schlichtweg nicht fassen. Reisen war stets mit tagelanger Planung einhergegangen und hatte sich nicht selten durch schlechte Straßen über Wochen hingezogen.

»Komm!«, forderte Astrum sie auf, neigte sich zur Seite und beschrieb einen weiten Bogen. »Wir müssen so viel wie möglich auf freier Ebene galoppieren. So schnell wir auch sein mögen, die Zeit läuft gegen uns.«

Nach und nach wurden die Stämme jünger und schmaler, dafür das Unterholz dichter. Immer wieder schlugen Zweige in ihre Gesichter und kratzen über ihre Lider. Als sie den Waldrand erreichten, meinte Luna, ihre Seele würde sich zusammen mit der Ebene über die Weite ausdehnen. Neben ihr glitt das Mondlicht in silbernen Wellen über das hohe Gras. Die Augen geschlossen, füllte sie ihre Brust mit dem herben Duft.

Obwohl sie es nicht für möglich gehalten hatte, beschleunigten sie nochmals. Luna hütete sich davor, auf ihre rasenden Pfoten hinabzusehen, aus Angst, beim Anblick zu stürzen. Die Schatten der Wolken, die sie lautlos verfolgten, ließen sie keinen Moment lang vergessen, dass irgendwo hinter ihnen in der Schwärze Lodwig ihnen nachjagte.

Sie liefen vorwiegend in Talsenken, um das Heben und Senken der Hügel ringsherum zu umgehen. Dadurch drangen sie in dichter bevölkerte Gebiete vor. In den Kornfeldern verborgen, rasten sie entlang schlummernder Dörfer, von denen Rauchschlangen in den Mondschein stiegen. Lediglich einige Hunde bemerkten sie, doch entfernte sich ihr Bellen bereits im selben Moment, als sie anschlugen, hinter ihnen.

Wie viel Zeit verging, konnte Luna nur am Stand des Mondes abschätzen. Aber sie begann, jeden Galoppsprung an der zunehmenden Schwere in ihren Beinen zu spüren. Auch ihr Atem und ihr Puls beschleunigten sich.

Nachdem sie einen Hügelrücken erklommen hatten, kam im Tal der Vierwaldstättersee in Sicht. In enger Umarmung lag er am Fuße mehrerer steil aufragender Berge. Ab dann wechselte die Hitze in ihren Beinen zu Schmerz. Es fing an mit einem heißen Ziehen, als würden ihre Muskelfasern einzeln zu erglühen beginnen. Wenig später strömte das Brennen wie flüssiges Feuer immer weiter in ihren Gliedern aus. Astrum spürte ihre Not, doch er trieb sie umso gnadenloser an. Entschlossen richtete sie ihren Blick auf die Gipfelkette in der Ferne, die sich in den Sternenhimmel reckte. Im Wind roch sie bereits den Schnee. Als der Schmerz sich bis in ihre Knochen gegraben hatte, erreichten sie den Fuß der Alpen.

Luna blickte die zerklüfteten Hänge empor und stieß den Atem aus. Wie soll ich das schaffen? Sie verengte die Augen zu Schlitzen und krümmte den Hals. Ich muss es schaffen!

Kraftvoll stieß sie sich ab und erfühlte unter ihren Ballen die ersten Gesteinsbrocken. Das Knirschen des Gerölls begleitete sie von nun an mit jedem Galoppsprung. Nachdem der Wind sich im Tal ausgerollt hatte, stieß er gegen die Bergwände und wirbelte die Gipfel hoch. Immerzu wechselte er die Richtung, mal plättete er ihr Fell, mal zerrte er unerbittlich daran.

Längst lief Luna nicht mehr neben, sondern hinter Astrum. Inzwischen auch keuchend rannte er entlang der Steilhänge. Mit emporgereckter Schnauze suchte er nach einem Weg schneller und höher hinauf, ohne in eine Sackgasse zu geraten. Weit über ihnen fiel ein Wasserfall von einer senkrechten Felswand. Der Sprühnebel leuchtete im Mondschein und legte sich mit zartem Hauch über Lunas Gesicht.

Die rasch steigende Höhe drückte zunehmend auf ihre Ohren. Dumpf und seltsam fern drangen das Klappern der Krallen auf Stein zu ihr, das Rollen der fallenden Felsbrocken und die fauchenden Böen. In kurzen abgehackten Zügen schnappte sie nach Luft, doch schien diese mit jedem Höhenzoll dünner zu werden.

Ein Wispern streckte sich ihr entgegen. »Luna.«

Sie wollte aufsehen, aber selbst ihre Augenlider fühlten sich bleischwer an.

»Luna.«

Um die Gipfel heulte der Wind sein einsames Lied.

»Luna! «

Zusammenfahrend erwachte sie aus ihrer Benommenheit. Der Schmerz kehrte mit voller Härte zurück. Astrum funkelte ihr über die Schulter entgegen.

»Du fällst zurück!«

Sie blinzelte einzelne Schneeflocken aus ihren Augen und sprang auf einen Felsvorsprung. Der Aufprall drang ihr bis ins Mark. Mittlerweile war das Gelände so unwegsam, dass sie größtenteils allein mit Sprüngen vorankamen.

Luna richtete ihren Blick fest auf Astrum, damit ihr Blick nicht mehr abtrieb. Die Böen zerzausten sein Nackenfell, während er sich mithilfe der Krallen Stück für Stück ein schneebedecktes Gefälle emporkämpfte. Seine Gedanken flogen so schnell, dass Luna sie lediglich als rauschendes Wispern vernehmen konnte.

Nur einen Satz hörte sie immer wieder klar heraus: Ich kann ihn riechen. Ich kann ihn riechen.

Somit hatte Lodwig aufgeholt. Er kam näher, während sie sich beständig verlangsamte. Mit zusammengebissenen Zähnen ließ sie ihre Pfoten durch den hart gefrorenen Schnee brechen. Es darf nicht an mir scheitern. Wenn sie starb, würde das auch Astrum mit in den Tod ziehen.

»Komm, Luna!«, rief er ihr vom Bergkamm zu. »Nun komm schon!«

Trotz der Steigung zwang sie sich zum Galopp. Im tiefen Schnee kam sie so langsam voran, dass sie sich wie in einem Albtraum fühlte, in dem man nicht von der Stelle kam. Als sie endlich die Krallen in den Bergrücken schlagen und sich hochziehen konnte, drängte sich die Luft brennend wie Rauch durch ihre Kehle.

Ohne ihr einen Augenblick zum Durchatmen zu gönnen, machte sich Astrum an den Abstieg. Ihr Herz stolperte beim Anblick des hinabrutschenden Gerölls, das unter seinen Pfoten zu wandern begann, als wäre es lebendig geworden. Mit jedem Schritt kamen mehr Brocken hinzu und rasten wie eine Welle hinunter.

»Du musst nur in Bewegung bleiben!«, schrie er über das Poltern der Steine hinweg. »Dann behältst du das Gleichgewicht!« Und wahrlich, er schien auf dem rollenden Felsschutt hinwegzugleiten.

Luna blickte auf ihre zitternden Beine. Sie knebelte die Stimme der Angst und tat den ersten Schritt. Im selben Moment rutschte der Stein unter ihr weg und die Brocken ringsherum setzten ebenfalls zur Flucht an.

»Weiter! «, brüllte ihr Astrum zu. Er hatte bereits die Hälfte der Strecke hinter sich.

Atemlos stolperte sie vorwärts. Mehr und mehr Steine wurden mitgerissen, einzelne Kanten rammten ihre Knöchel, während ihre Muskeln sich versteiften. Wie Astrum ihr versichert hatte, behielt sie das Gleichgewicht. Sie wagte, wieder Luft zu schnappen, und beeilte sich, mit der Steinwoge mitzuhalten. Denn ihr Abstand zu Astrum vergrößerte sich. Mit jedem Galoppsprung, den sie sich weiter voneinander entfernten, pochte ihr Herz flehender.

Nur mit aller Willensstärke schaffte sie es, den Blick auf den Weg gerichtet zu halten. Sie senkte die Pfote zu einem Stein, da traf jäh ein anderer diesen und schleuderte ihn fort. Ihre Pfote landete auf der Kante und knickte um. Das restliche Geröll krachte gegen ihr Bein. Sie sah es geschehen und konnte doch nichts mehr tun. Sie kreischte in Gedanken, dann fiel sie auf ihre Schulter und wurde mitgerissen. Sich überschlagend raste sie den Steilhang hinab, während der Felsschutt über sie hinweg rollte und sie wie eine aufbäume Woge vorwärts stieß.

»Luna!«

Kurzzeitig klang Astrums Stimme ganz nah, dann entfernte sich sein Schrei immer weiter von ihr.

»Nein, nein, nein! «

Sie sah die Sterne über sich kreisen, im nächsten Moment schüttete das Geröll ihr Blickfeld mit Schwärze zu. Ohnmacht zerrte an ihr, als die Welle abebbte und schließlich zum Stillstand kam. Sie versuchte Luft zu holen, während sich der Schmerz von allen Seiten in ihr ausstrahlte. Aber das Gewicht ließ sie nicht einmal ihren Brustkorb ausdehnen.

Ein dumpfes Grollen näherte sich, dann das Schaben von Krallen auf Stein. Erst legte Astrum ihr Gesicht frei, gleich darauf die Rippen und den restlichen Körper. Sie versuchte die Augen zu öffnen. Ihre Lider flatterten wie gebrochene Schmetterlingsflügel.

»Oh, Luna …« Seine Stimme klang mit einem Mal schwach, als hätte ihn aller Mut verlassen. »Kleine Luna.«

Er ließ sich hinter ihr nieder und drückte sich an sie. Die Berührung linderte zwar nicht die Schmerzen, dafür ihr Zittern. Er glitt mit der Schnauze unter ihre und hob sie zu ihm hoch. Nur durch einen schmalen Spalt konnte sie zu ihm aufsehen.

»Steh auf, Luna. Steh auf.« Seine Worte waren keine Aufforderung mehr, bloß ein schwaches Flehen.

»Ich kann nicht.« Sie schmiegte ihr Gesicht an seine Brust, lauschte seinem schweren Herzklopfen.

Für einen Moment drohte Verzweiflung Astrum zu übermannen, dann hielt er seinen Schrei wie ein Schild dagegen. »Nein! Wir sind so weit gekommen, ich lasse dich jetzt nicht sterben! Nicht, nachdem du als erste Frau die Verwandlung überlebt hast! Nicht, nachdem wir endlich zusammen sind!«

Mit seiner Schnauze hob er ihre an und stützte ihren Hals mit der Schulter. Ein matter Schein drang durch ihre Lider und ließen sie diese immer weiter öffnen. Mit unerwarteter Heftigkeit drang das Vollmondlicht durch ihre Augen, schoss weiter durch ihre Adern und entfachte die Glut in ihrem Innern. Wie von unsichtbarer Hand geführt, streckte sie die Schnauze und richtete sich auf, ohne den Blick vom Antlitz des Mondes zu lösen. Astrum stützte sie mit der Flanke und drückte seine Wange gegen ihre.

»Du bist seine einzige Tochter. Sein schönstes Kind. Er lässt dich heut Nacht nicht sterben.«

Ein Schmunzeln wollte sich in ihre Mundwinkel schleichen, als er den Kopf zur Seite riss und sich alle Adern in seinem Leib zusammenzogen. Sie sah in seinem Kopf, was er über ihre Schulter erblickte: ein geballter Schatten, der aus dem Tal auf den Fuß des Berges zuraste. Lodwig. Kälte kletterte in ihr hoch, als würde die Luft sie von innen vereisen.

Astrum rannte aus dem Stand los. »Lauf, lauf, lauf!«

Todesangst nahm von ihr Besitz und drängte die Schmerzen an den Rand ihres Bewusstseins. Sie warf sich herum und galoppierte los. Dieses Mal schaffte sie es nicht, sich dem Drang zu widersetzen, und schaute über die Schulter. Sie stand zu weit vom Rand des Gefälles, um ins Tal hinabsehen zu können. Dafür sah sie ihren blutigen Pfotenabdruck auf dem Stein. Der Geruch würde Lodwig wie einen Lockruf antreiben. Mit angelegten Ohren riss sie den Kopf herum und hetzte den Abhang hinunter. Astrum steuerte auf einen Bergpass zwischen zwei Gipfelketten zu.

»Mit seinen Krallenhänden ist Lodwig im Gebirge im Vorteil. Felswände, die wir umgehen mussten, kann er senkrecht emporklimmen.«

Sie erinnerte sich, wie sie selbst mit ihren Krallenhänden aus ihrem Fenster gestiegen und die Turmwand hinabgeklettert war. Astrums Nackenkamm stellte sich bis zwischen seine Schultern auf.

»Er wird unglaublich schnell aufholen.«

Die rasch aufsteigende Höhe ließ etwas in Lunas Ohren platzen. Ihr Körper, den sie nach ihrer Verwandlung als reinen Quell der Kraft wahrgenommen hatte, bestand nur noch aus Schmerz. Sie waren so weit gekommen, so hoch gestiegen. Doch nirgendwo hatte sich eine Schlucht aufgetan. Wie wahrscheinlich war es, in der kurzen Zeit, die ihnen blieb, eine zu finden?

Hilfe suchend blickte sie zum Mond, der sich weit in den Westen neigte und hinter der Gipfelkette vorbeistrich. Bald entscheidet es sich. Dann ist es vorbei. Ob im Triumph oder Tod.

Anstatt den Pass auf der anderen Seite hinunterzulaufen, drehte Astrum zur Seite ab. Mit offener Schnauze schaute sie den zerklüfteten Berghang empor.

»Du willst da hinauf?«

»Ich kann dort Wasser riechen.« Im Zickzack bewältigte er die Steigung. »Wo Wasser ist, besteht die Möglichkeit, dass es sich einen Weg durch die Berge gegraben hat.«

Hoffnung keimte in ihr auf. Somit ließ Astrum nicht den Zufall entscheiden, er suchte gezielt. Deswegen waren sie so oft an Wasserfällen und Bächen vorbeigekommen. Von neuem Mut beflügelt, setzte sie ihm nach. Im Innern aber wusste sie, dass ihre Kraft nur noch für diesen Aufstieg reichte. Gegen Ende wölbte sich die Bergwand fast senkrecht empor. Allein dank der Felsvorsprünge vermochten sie das Gefälle zu erklimmen. Doch die Abstände vergrößerten sich, während sich der Boden von ihnen beständig entfernte.

Jeder Sprung verlangte mehr von ihr ab. Die Angst quetschte ihren Brustkorb immer mehr, nahm ihren Lungen Raum zum Atmen und ihrem Herzen zum Schlagen. Längst hatte Luna das Vertrauen in ihren Körper verloren, bewegte sich scharf an der Grenze ihrer Belastbarkeit. Nur so wenig fehlte und es war zu viel. Sie blickte hoch und erkannte, wie Astrum das Ende des Gefälles erreichte.

Er stemmte sich gegen den Wind, der ihn von der Seite peitschte, und sah zu ihr herab. »Ich glaube an dich.«

Zitternd stand sie auf und setzte zum Sprung an. Astrum wartete, den Blick fest auf sie gerichtet. Allein der Umstand, dass jeder Felsvorsprung sie näher zu ihm brachte, ließ sie durchhalten. Als sie ihn endlich erreichte, nahm er sich die Zeit, kurz mit der Schnauze über ihr Gesicht zu streichen, wenn auch bloß für einen Wimpernschlag.

Seite an Seite liefen sie los und rasten zwischen den spitz herausragenden Gesteinsbrocken hindurch.

Ein schmaler Schatten, der sich quer vor ihnen über die gesamte Länge des Bergrückens ausstreckte, ließ Luna die Stirn runzeln. Mit jedem Galoppsprung wurde er breiter, bis sie eine steil abfallende Felswand darin ausmachen konnte.

Ungläubig weitete sie die Augen. »Siehst du das?«

»Ja, Luna. Es ist unsere Schlucht. Wir haben sie gefunden.«

Je näher sie kamen, umso mehr dehnte sich die Schlucht aus.

»Nein«, stieß sie erschaudernd aus. »Nein, nein!« Kälte krallte sich in ihren Magen, als sie den Rand erreichten und sie den Abstand von fünf Pferdelängen zählte. »Sie ist zu breit. Sie ist zu breit. « Ihre Krallen gruben sich in das Geröll, während heiße Tränen in ihre Augen stiegen.

»Nein«, antwortete Astrum mit dunkler, aber entschiedener Stimme. »Wir können es schaffen.«

Eine Erschütterung durchwanderte sie. Sie konnte es nicht glauben, es erschien ihr schlichtweg unvorstellbar, dass sie so weit zu springen vermochte. Ihr Blick stürzte in die Tiefe, schlitterte entlang des schroffen Felsens zur lauernden Schwärze, wo selbst der Schein der Sterne nicht vordrang. Ihr schien, als würde die Tiefe in einem fort die Luft einsaugen.

Lunas Kehle verengte sich so sehr, dass sie mühsam nach Luft ringen musste. Sie zwang ihre Augen, sich auf die andere Seite der Schlucht zu richten, dort, wo ein Leben der Ewigkeit und Liebe auf sie wartete.

Entschlossen senkte sie den Kopf. Sie würde springen, ganz gleich, ob sie glaubte, die andere Seite zu erreichen. Mit zusammengepressten Kiefern drehte sie die Schnauze zu Astrum.

»Tu es.« Es war Zeit, die Falle für Lodwig zu legen.

Er zog die Brauen schräg hoch. Seine Stimme hatte alle Entschlossenheit verloren. »Nie zuvor hat Blut deinen Pelz befleckt.«

»Tu es!«

Sie sah noch, wie er die Pfote hob und seine Krallen spreizte. Der Schmerz schnitt von ihrem Hals bis zur Brust herab. Sie taumelte zur Seite und Astrum stützte sie mit seiner Flanke. Ihr Sichtfeld schwankte beim Anblick des Blutstroms, der über den Rand in die Tiefe fiel. Das Gefühl von Wind, Sonne und Wasser überströmte ihre Wunde, als Astrum mit der Zunge darüber glitt. Der Schmerz versiegte durch seinen heilsamen Speichel.

Sein Ohr zuckte nach hinten, dann riss er den Kopf zur Seite. »Ich kann Lodwig hören.« Er richtete den Blick auf sie. »Er kommt.«

Für einige schwere Atemzüge sahen sie sich in die Augen. Dann drückte er seine Stirn auf ihre.

»Ich lass dich nicht in den Tod springen, hörst du?«

Sie nickte, doch ihre Beine bebten unvermindert stark. Gleichzeitig machten sie kehrt, um Anlauf zu nehmen. Als sie den Rand des Gefälles erreichten, sah Luna im Herumdrehen einen verzerrten Schatten senkrecht die Felswand hochjagen. Im selben Moment drückten sie die Pfoten gegen den Boden und rannten los. Mit jedem Galoppsprung wurden sie schneller und schneller, erreichten sogar eine noch größere Geschwindigkeit als auf der Ebene. Es hieß nun alles oder nichts. Leben oder sterben.

Astrum lief dicht an ihrer Seite. »Wir springen zusammen.«

Die Schlucht näherte sich erschreckend schnell. Luna konnte nach wie vor nicht begreifen, was sie dabei war zu tun. Weiter und weiter dehnte sich der Abgrund vor ihnen aus, öffnete sich wie das Maul eines Ungeheuers. Mit jedem Zoll wuchs die Todesangst in ihr. Kurz bevor sie die Kluft erreichten, wusste sie tief in ihrem Innern, dass sie es nicht schaffen würde.

Ihre Vorderpfoten traten auf den Rand, nur wenige Fingerbreit dahinter landeten ihre Hinterpfoten, dann stießen sie sich mit ganzer Kraft ab. Sie warf die Vorderpfoten in die Luft und sprang in die Höhe. Von allen Seiten umgab sie gähnende Tiefe. Obwohl sie ihrem Körper alles abverlangte, flog sie niedriger als Astrum neben ihr. Sie streckten sich in der Luft, über ihnen der Mond, unter ihnen Schwärze.

Bevor Luna die Mitte erreichte, begann ihr Oberkörper, sich schon zu neigen, Astrums erst einen Herzschlag später. Sie hielt den Blick auf die andere Seite verankert, weigerte sich, dem Tod unter ihr ins starrende Auge zu sehen.

Gleich … Gleich … Jetzt.

Astrums Vorderpfoten landeten auf dem Rand der Schlucht, sein ganzes Gewicht abfedernd, dicht daneben seine Hinterpfoten. Lunas Vorderpfoten krachten ebenfalls auf den Grund, ihre hinteren schafften es nicht. Ungebremst knallte ihr Leib gegen den Fels und ließ ihre Rippenbögen knirschen. Der Aufprall presste alle Luft aus ihren Lungen, selbst ihr Herz stockte für einen Schlag. Allein mit der Kraft der Verzweiflung gelang es ihr, die Krallen ihrer Vorderpfoten in den Boden zu rammen. Obwohl sie den Stein zum Kreischen brachte und Furchen hineinschlug, vermochte sie es nicht, ihr Gewicht zu halten, und rutschte erschreckend schnell hinab. Ihre Hinterpfoten suchten nach Halt, doch traten sie nur in Leere.

Als ihr Kopf unter dem Rand der Schlucht abtauchte, schrie sie mit aller Gedankengewalt. »Astrum! «

Ihre Krallen lösten sich vom Grund. All ihr Sein war von dem grauenvollen Moment beherrscht, in dem man spürte, wie man begann zu fallen.

Reißender Schmerz schlitzte über ihre Vorderbeine, gleich darauf wurde ihre Schulter zermalmt. Sie kreischte mit zusammengepressten Augen. Ein Ruck ging durch ihren Leib und ihr Fall wurde aufgehalten. Sie schlug die Augen auf und sah Astrums Gesicht neben sich. Er hatte die Zähne in ihre Schulter gegraben, ebenso die Krallen seiner Vorderpfoten in ihre Beine. Sein Auge war ihr so nah, dass es fast ihr ganzes Blickfeld einnahm.

»Ich sagte doch, ich lasse dich nicht in den Tod stürzen.«

Er stemmte die Pfoten gegen das Geröll und wuchtete sie hoch. Steinbrocken fielen neben ihr herab und fütterten die hungrige Schwärze. Lunas Magen rebellierte, als er Krallen und Zähne aus ihrem Fleisch löste und sie die klaffenden Schlitze in ihren Beinen sah. Die Bisswunde an ihrer Schulter wagte sie nicht einmal, anzusehen. Sogleich leckte er darüber, um sie mit seinem heilenden Speichel zu schließen. Der Schmerz zerrann mit dem Blut, das Beben in ihren Gliedern blieb unvermindert. Er stemmte seine Schulter gegen ihre Seite und schob seine Schnauze unter ihre.

»Komm, Luna. Steh auf. Steh auf!«

Zwar hatte er ihre Fleischwunden geschlossen, doch ihre geprellten Rippen raubten ihr fast alle Luft zum Atmen. Sie fühlte seinen inneren Schmerz, als er ihr mit ungehaltener Gewalt gegen die Schulter stieß.

»Steh auf!«

Sie kam auf die Beine, taumelte aber gleich zur Seite. Er stützte sie mit seiner Flanke und schlang seinen Hals um ihren.

»Wir scheitern nicht kurz vor dem Ziel!«

Ihr Blickfeld zog sich abwechselnd zusammen und dehnte sich aus, als würde es geknetet.

»Siehst du den Felsen dort?«, fragte er, während er die ersten Schritte machte und sie stolpernd folgte.

Sie blinzelte mehrfach und machte ein huschendes Grau aus.

»Nur bis dorthin. Dann haben wir es geschafft. Dann ist es vorbei.«

Mit schmerzverzerrtem Gesicht schleppte sie sich vorwärts. Astrums Atem wurde immer keuchender.

»Schneller, Luna. Er kommt. Er ist gleich da. Schneller. Schneller. «

Das letzte Stück sah er sich gezwungen, sie zur Seite zu stoßen. Hart fiel sie mit Wange und Schulter in den Felsschutt.

»Es tut mir leid«, wisperte er und duckte sich dicht über sie.

Sie schmiegte ihre Schnauze gegen sein Bein und merkte, dass auch er bebte. Sie schloss die Lider und ließ seine Gedanken ihre Sinne sein. Das Klacken von Krallen auf Stein kam rasend schnell näher. Ebenso rasch beschleunigte sich ihr Herzschlag. Jäh schoss ein Schatten über den Rand des Berghangs. Trotz ihrer Atemnot stockte ihr die Luft in der Kehle, als sie zum ersten Mal eine Halbmondbestie erblickte.

Einen Herzschlag lang gefroren Astrums Gedanken und ließen es erscheinen, als schwebte Lodwig in der Luft, die Arme zu den Seiten ausgestreckt, den Wolfskopf gesenkt. Sein Fell war so schwarz und glänzend wie heißes Pech und selbst dunkler als der Nachthimmel rings herum. Sie konnte schlichtweg nicht glauben, dass Lodwig dieses Ungetüm war.

Dann sah sie seine Augen. Sie leuchteten im gleichen Adlerbraun wie einst. In diesem Moment erkannte sie ihn. Lodwig.

Sein Aufprall ließ den Stein unter ihm zerbersten und Splitter zu allen Seiten schießen. Während sie noch durch die Luft flogen, preschte er weiter. Wie Astrum gesagt hatte, lief er auf Armen und Beinen, dabei hielt er den Rücken gekrümmt, was seine Schulterblätter und Wirbelsäule hervorwölben ließ. Die langen, spitzzulaufen Ohren an den Kopf gepresst, raste er unmittelbar auf sie zu.

Nun verstand sie, weshalb selbst ein mächtiger Urwolf wie Astrum bei dem Gedanken an eine Halbmondbestie von Entsetzen erfüllt war. Sie hatten keine Chance, gegen diese entfesselte Kraft zu bestehen. Es würde nicht einmal einen Kampf geben, bloß ein Abschlachten. Ihre Eingeweide verkrampften sich. Die ganze Zeit über war sie so versessen darauf gewesen, eine Schlucht zu finden, dass sie nicht darüber nachgedacht hatte, was geschehen würde, wenn ihr Trug aufflog. Dann würde Lodwig über den Abgrund springen, wäre mit wenigen Schritten bei ihnen und …

Lodwig erreichte den Rand der Kluft und sprang empor. Luna erkaltete bis ins Mark, als sie sah, wie er sich fast doppelt so hoch wie sie selbst zuvor in die Luft hievte. Nein … Er war nicht hinabgestürzt von ihrem Blut gelockt.

Er hatte zum Sprung über die Tiefe angesetzt. Wir haben uns geirrt. Flehentlich blickte sie zu Astrum. Er war so starr wie der Fels ringsumher, selbst das Gold seiner geweiteten Augen schien zu erbleichen.

Plötzlich klappten Lodwigs Lider zu und er sog die Luft ein, als würde er das reine Leben einatmen. Im nächsten Moment warf er die Arme nach unten und verschwand kopfüber in die Tiefe.

Lange starrten Luna und Astrum auf die Schlucht, über die als Einziges noch der Wind fegte.

»Er ist gefallen«, stieß sie hervor, um es selbst zu begreifen.

»Was für ein Narr«, knurrte Astrum.

Sie setzte die Pfoten auf den Grund und richtete sich auf. Nur flüsternd wagte sie, es auszusprechen. »Wir haben es geschafft.« Immer näher traute sie sich an den Gedanken heran. »Es ist vorbei. Lodwig – ist tot. «

Astrum kräuselte seine Schnauze. »Nein.«

Kapitel 3 Leben und Tod

Dieses Nein war nur ein Wort und doch traf es Luna wie ein Messer in die Seite. Für einen schrecklichen Moment schwirrte die Vorstellung durch ihren Kopf, wie Lodwig über den Rand der Felswand stieg und brüllend das Maul aufriss.

Astrums Stirn zerfurchte. »Ich kann es riechen. Ich kann es hören. Er lebt noch«, presste er voll Abscheu hervor.

Luna stieß die Luft durch ihre Schnauze aus. »Aber er wird sterben. Es ist bloß eine Frage der Zeit, bis er verblutet und … «

Astrum setzte sich in Bewegung, geradewegs auf den Abgrund zu. Die Zähne zusammengepresst, zog sich Luna auf die Beine und hinkte ihm hinterher. Am Rand des Abgrunds blieb er stehen, während die Böen durch sein Fell wühlten. Luna stellte sich neben ihn und ließ ihren Blick in der Dunkelheit versinken. Doch dort war nichts zu erkennen außer einsaugendem Schwarz. Sie sah zu Astrum, dessen Augen rastlos hin und her huschten. Seine ausgefahrenen Krallen brachten den Stein zum Knirschen.

»Wenn er lange genug bei Bewusstsein bleibt und sich heilt …«

Astrum warf sich herum und begann, am Rand auf und ab zu laufen, den Blick nach wie vor in die Finsternis gebohrt. »Verflucht. Verflucht!«

Sie drehte den Kopf nach Westen. Zwischen den umherstobenden Schneeflocken nahm sie einen rosaroten Schein wahr. »Der Mond verblasst. Lodwig schafft es nicht mehr, sich zu heilen und wieder herauszusteigen!«

Astrum stieß seine Vorderpfote auf den Boden. »Aber er könnte überleben! Dann ist er dort unten und wir hier oben und können nicht zu ihm!«

»Lass ihn dort unten verrotten! Entweder erfriert oder verhungert er! Letzteres hätte er wahrlich verdient, nachdem ich seinetwegen ein Jahr habe hungern müssen.«

Astrum wirbelte herum. »Verstehst du nicht? Wenn er überlebt, kommt er zum nächsten Vollmond wieder heraus! «

Die Vorstellung ließ sie einen Schritt zurückweichen. Dann hob sie den Kopf. »Und wenn schon. So schnell, wie wir laufen können, sind wir in einem Monat in unerreichbarer Ferne. Ihm bleibt immer nur eine Nacht. Er würde niemals aufholen.«

»Du willst ihn leben lassen?« , brüllte Astrum so laut, dass sich ihre Brust zusammenzog. »Nach allem, was er dir angetan hat? Nachdem er deinen Vater tötete? Deine Mutter schändete? Deinen Onkel ermordete?«

Die Ohren an den Kopf gepresst, sah sie zu ihm auf. »Gerade deswegen.« Ihre Stimme war leise, aber fest vor Entschlossenheit. »Sie starben für mich, damit ich lebe. Nicht, damit ich mich räche.« Sie senkte den Blick auf ihre blutverschmierten Pfoten. »Die letzten zwei Jahre habe ich jeden Tag um mein Leben gekämpft. Ich opfere es nicht für Rache.«

Er ruckte die Schnauze zum Tal. »Und was ist mit all den Menschen, die er als Bestie auf seinem Weg töten wird?«

»Sei versichert, er hat auch als Mann gemordet. Ich stehe hier nun vor dir, weil ich das Leben ehre.« Sie kehrte der Schlucht den Rücken zu. »Dem Tod will ich nicht dienen.« Ihr Blick schweifte über die windumtosten Gipfel, von denen der Schnee wie Wolkenschlieren wehte. »Ich bin dir in die Alpen gefolgt, um zu überleben. Nicht, um Lodwig sterben zu sehen. Es wird immer das Böse in der Welt geben. Doch ich habe es nicht hineingebracht.«

Ein scharfes Knurren grollte in Astrums Kehle. »Aber ich tat es! Ich habe Lodwig gebissen! Ich versäumte es, ihn zu töten, als ich die Gelegenheit hatte! Und ich muss es zu Ende bringen!«

Sie drehte den Kopf über die Schulter und sah voller Schrecken, wie er sich über den Rand der Kluft auf einen Felsvorsprung fallen ließ. Jedes Gefühl setzte in ihr aus, ihr Körper wurde einzig von der namenlosen Angst geleitet, Astrum zu verlieren. Er spannte die Muskeln zum Sprung an, als sie vor ihm landete und sich ihm quer in den Weg warf.

»Nein.« Die Schmerzen kehrten mit aller Gewalt zurück und straften sie für ihre Kraftanstrengung. Ihr Sichtfeld kippte nach oben, nur noch Sterne rasten an ihr vorbei.

»Luna!« Er fing ihren Sturz mit seiner Flanke auf und ließ sie sanft zu Boden gleiten. Seine Stimme hingegen war voller Härte. »Bist du wahnsinnig? Du bist nach wie vor verletzt!«

Keuchend grub sie die Krallen ihrer Vorderpfote in sein Fell. »Du bist des Wahnsinns, wenn du glaubst, dass ich dich in diese Schlucht steigen lasse.«

Eine Erschütterung durchfuhr ihn. »Du magst eine Dienerin des Lebens sein! Aber ich war schon als Mann ein Knecht des Todes!«

Langsam sah sie zu ihm auf. Was meinte er damit?

Ein Schatten legte sich über seine Augen, als er den Hals beugte. »Ich war Krieger der Kaiserarmee, einer der fähigsten Kämpfer. Und ein gnadenloser Schlächter. Ich kenne nichts anderes, als meine Feinde zu töten!«