Schwarzseherin (Sasha Urban Serie: Buch 2) - Anna Zaires - E-Book
Beschreibung

"Ich bin also eine Seherin. Eine der Cogniti unter dem Mandat. Das Leben sollte jetzt einfach sein, oder? Falsch. Bei all den „Unfällen", die ich gerade dauernd erlebe, habe ich Glück, wenn ich die Woche überstehe. Das heißt, wenn mein verrückter Boss mich nicht vorher zu Tode schuften lässt … "

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Schwarzseherin

Sasha Urban Serie: Buch 2

Dima Zales

Aus dem Amerikanischen vonGrit Schellenberg

♠ Mozaika Publications ♠

Contents

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Auszug aus Oasis – Die Letzte Oase

Über den Schriftsteller

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Geschäftseinrichtungen, Ereignissen oder Schauplätzen wären zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2018 Dima Zales

https://www.dimazales.com/book-series/deutsch/

Alle Rechte vorbehalten.

Kein Teil dieses Buches darf reproduziert, gescannt oder in gedruckter oder elektronischer Form ohne vorherige Erlaubnis verbreitet werden. Ausnahme ist die Benutzung von Auszügen in einer Buchbesprechung.

Veröffentlicht von Mozaika Publications, einer Druckmarke von Mozaika LLC.

www.mozaikallc.com

Lektorat: Fehler-Haft.de

Cover von Orina Kafe

www.orinakafe-art.com

e-ISBN: 978-1-63142-416-8

Print ISBN: 978-1-63142-417-5

Kapitel 1

Ich stöhne – und öffne meine Augen.

Das Schlafzimmer dreht sich, und eine Horde von Schlagzeugern benutzt mein Gehirn, um »Death Metals Greatest Hits« zu üben.

Wie viel habe ich bei der Initiation getrunken?

Alles, woran ich mich erinnere, sind Leute, die mit zwei Gläsern Alkohol, eines für sich, eines für mich, zu mir gekommen sind – und wie ich dem Gruppenzwang nachgegeben habe.

Ich setze mich hin und schiebe meine Füße in meine Hausschuhe. Als ich mich bewege, fühlt sich mein Schädel wie ein weißer Zwergstern an, der kurz davor steht, als eine Supernova zu explodieren.

Mit übermenschlicher Anstrengung schaffe ich es irgendwie, meinen Weg ins Bad zu finden.

Wäre Bewegen mit Kater eine sportliche Disziplin, würde ich eine Goldmedaille bekommen.

Ein blasser Geist meines ohnehin schon pastösen Ichs schaut mir mit riesigen blutunterlaufenen Augen und einem tiefschwarzen Haarschopf aus dem Badezimmerspiegel entgegen.

Der Blick auf die Toilette erzeugt Rückblenden, in denen ich den weißen Marmor umarme, und ich erinnere mich vage an Ariel und Felix, die um die Ehre kämpfen, meine Haare zurückzuhalten.

Nach einer gründlichen Dusche und fünf Minuten Zähneputzen ist mein Kopf klar genug, um zu entscheiden, dass dieser Kater der schlimmste meines bisherigen Lebens ist.

Ich werde nie wieder Alkohol trinken.

Wenigstens hatte ich einen guten Grund, mich so zu betrinken – die Initiation ist eine große Sache. Es war mein Eintritt in die Gesellschaft der Cogniti, der geheimen Rasse, die Seher wie mich, Nachkommen des Herkules wie meine Mitbewohnerin Ariel und was auch immer Felix ist umfasst. Nicht zu vergessen Vampire, Werwölfe, Nekromanten und wer weiß was sonst noch.

Ich stolpere zurück in mein Zimmer und überlege ernsthaft, nicht zur Arbeit zu gehen. Das Problem bei dieser Idee ist, dass mein Chef Nero jetzt mein Mentor in der Welt der Cogniti ist – eine Rolle mit noch unklarer Bedeutung. Gestern Abend, nachdem er mich über eine Gehaltserhöhung informiert hatte, verlangte er, dass ich bis 11.00 Uhr zwei neue Biotech-Aktien für unser Portfolio recherchiere – und es ist bereits 7.45 Uhr, also habe ich nicht viel Zeit.

Ich überlege mir, dass ich das Problem in kleinere Stücke zerlegen sollte, und beschließe, in die Küche zu gehen und Flüssigkeit und Elektrolyte in mich zu pumpen, um zu sehen, ob ich davon wieder menschlicher werde. Auch wenn das jetzt, wo ich Teil der Cogniti bin, wahrscheinlich nicht mehr der richtige Ausdruck ist, da wir nicht menschlich zu sein scheinen.

Ich ziehe meine bequemste Arbeitskleidung an, schleppe mich in die Küche und sehe, dass Felix auch schon da ist.

»Morgen, Partygirl«, sagt er mit einem ekelhaft fröhlichen Lächeln, während er auf den Ofen zeigt. »Möchtest du Eier oder Haferflocken?«

Felix’ Gesicht ist ein Schmelztiegel slawischer, asiatischer und nahöstlicher Züge, und er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der liebenswert aussieht, wenn er mit seiner buschigen, zusammengewachsenen Augenbraue wackelt.

»Was auch immer besser gegen einen Kater hilft«, krächze ich, da der Geruch von Essen mich ausnahmsweise gerade nicht anspricht.

Felix nickt und beschäftigt sich am Herd, während ich der Küche dabei zusehe, wie sie sich dreht.

»Ich habe etwas Salz und Bananen in deine Haferflocken getan«, sagt er einen Moment später, und seine Stimme ist viel zu laut für mich. Er stellt die Schale mit einem für meinen Kopf viel zu lauten Klappern vor mir auf den Tisch. »Ich gebe dir auch etwas Saft und Tee.«

Als er mir die Flüssigkeiten eingeschenkt hat, schütte ich den Saft wie Medizin hinunter und schlürfe danach den Tee, während ich darauf warte, dass der Haferbrei sich abkühlt.

»Hast du Ariel mit diesem Vampir tanzen sehen?«, fragt Felix konspirativ und stellt seinen eigenen Teller mit Eiern wieder mit einem viel zu lauten Knall auf den Tisch. »Was hat sie sich dabei gedacht?«

»Du meinst Gaius?« Ich nehme etwas Banane auf meinem Löffel. »Sie sagt, sie sind nur Freunde.«

»Nur Freunde«, murmelt Felix. »Wir sind nur Freunde, und wenn ich mich so an ihr reiben würde, würde sie mir wahrscheinlich das Genick brechen.«

Er errötet, als ihm bewusst wird, was er gesagt hat, und wird dann so rot wie Rote Bete, als er zur Tür schaut.

Ariel tänzelt fröhlich in den Raum. Obwohl ihr Initiations-Make-up nun fehlt, sieht sie immer noch so aus, als ob sie für ein Maxim-Cover posieren würde. Sie blinzelt mit ihren perfekten Wimpern in Richtung Felix und fragt: »Wer würde dir das Genick brechen, und warum?«

»Niemand. Kein Grund.« Felix stopft sich Essen in den Mund.

»In Ordnung«, sagt Ariel und flitzt durch die Küche wie ein sinnlicher tasmanischer Teufel aus den Cartoons. Schranktüren knallen, Teller klirren auf der Theke und Geschirr klappert im Spülbecken. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich einen Riss in der Tasse sehe, die Ariel gegen den Wasserhahn schlägt, als sie sich Wasser nehmen will. Bevor ich sie bitten kann, mit dem Geschrei aufzuhören, nimmt sie sich einen Teller Eier und eine Tasse Kaffee und geht zum Tisch.

»Würdest du dich bitte hinsetzen?«, sagt Felix zu ihr, als sie eine Sekunde später wieder aufsteht, um auf die gleiche hektische Weise Milch zu holen. »Ist das schon deine zehnte Tasse Kaffee?«

Ariel verhält sich tatsächlich so, als wäre sie auf Amphetaminen, aber ich sage es nicht laut, weil sie das nur verärgern würde. Meine Mitbewohnerin nimmt eine Reihe von legalen und, wie ich vermute, auch nicht-so-legalen Drogen, die ihr helfen, mit der posttraumatischen Belastungsstörung fertigzuwerden, die sie leugnet. Felix und ich sagen normalerweise nichts dazu, weil die Einnahme dieser Pillen ihre Lebensqualität zu verbessern scheint.

»Ich bin nur aufgeregt, nachdem ich gestern Abend so viel Spaß hatte.« Ariels Megawattlächeln blendet meine verkaterten Augen.

»So viel Spaß.« Ich mache Anführungszeichen in der Luft, damit niemandem mein Sarkasmus entgeht. »Ich könnte jetzt eine Guillotine gebrauchen.«

»Ist dein Kater wirklich so schlimm?« Ariels Lächeln schwächt sich leicht ab. »Ich kann dir eine Infusion besorgen, wenn du willst. Man sagt, sie hilft bei Dehydrierungssymptomen.«

»Nein danke«, sage ich und schlürfe meinen Tee. »Aber ich würde so viel Paracetamol nehmen, um einen Elefanten entweder zu heilen oder zu töten.«

Ariel springt auf und läuft zum Medizinschrank. Fast augenblicklich ist sie mit einer Packung Schmerzmittel und einem Glas Wasser zurück.

Ich schiebe mir dankbar einen Haufen Pillen in den Mund und spüle sie mit Wasser runter. Hoffentlich kann meine Leber das verkraften.

»Du erholst dich besser bald. Die Initiation war nur der erste Schritt unserer Feier«, sagt Ariel, während ich weiteresse.

Ich verschlucke mich fast an meinen Haferflocken. »Noch mehr feiern?«

»Natürlich.« Sie strahlt mich wieder an. »Ich nehme dich mit in den Earth Club.«

Ich stelle mir laute Klubbeats vor, und mein linkes Auge zuckt unwillkürlich, während die Kopfschmerzen fröhlich an der Basis meines Schädels pulsieren.

Felix sieht mich an. »Bist du sicher, dass es eine gute Idee ist, sie so früh dorthin zu bringen?«

»Nein. Keine gute Idee«, sage ich, nachdem ich mich geräuspert habe, um den Knoten in meinem Hals zu lösen. »Ich würde lieber zu einem Schießplatz gehen und mir von jemandem in den Kopf schießen lassen.«

»Ich sage nicht, dass wir heute gehen«, sagt Ariel mit ungetrübter überguter Laune. »Wir müssen auch nicht morgen gehen. Wir gehen am Samstag, da gehen sowieso alle.«

»Was meinst du damit, alle?« Ich massiere meine pochenden Schläfen.

»Die Cogniti«, sagt Ariel und spießt ein Stück Ei mit ihrer Gabel auf. »Earth Club ist der Ort, an dem wir unsere Natur nicht verstecken müssen.«

»Das macht es ein wenig interessanter«, sage ich vorsichtig und esse einen halben Löffel Haferflocken. »Vielleicht in ein paar Jahren, wenn diese Kopfschmerzen verschwunden sind …«

»Er liegt in den Otherlands.« Ariels Lächeln wird noch breiter. »Das ist deine Chance, offiziell dorthin zu gehen – ich weiß, dass du das willst.«

»Ich werde darüber nachdenken«, sage ich und schlürfe wieder meinen Tee. »Aber kein Alkohol im Klub, sollte ich gehen. Nie wieder Alkohol für mich.«

»Sicher.« Ariel fährt sich in einer ruckartigen Bewegung mit dem Fingern durch ihr Haar und strahlt dabei immer noch wie eine Irre. »Es gibt dort jede Droge, die die Menschen kennen, und auch einige andere, die sie nicht kennen.«

Meine früheren Bedenken über Ariels Drogenkonsum kehren verstärkt zurück. Ich erwische Felix dabei, wie er mich anstarrt, und seine Gedanken müssen meine widerspiegeln.

»Kommst du auch mit?«, frage ich Felix. Was ich nicht sage, ist: Vielleicht kannst du mir helfen, ein Auge auf sie zu haben?

Felix zögert, dann nickt er. »Ja. In Ordnung. Ich werde mitkommen.«

Ariel springt auf ihrem Stuhl auf und ab. »Das wird so viel Spaß machen, Leute.«

In der darauf folgenden Stille höre ich das Trippeln flauschiger Füße. Eine Welle von Schuldgefühlen überkommt mich, als ich merke, dass ich in meinem Katerelend völlig vergessen habe, Fluffster zu füttern – mein Chinchilla.

Zum Glück sieht Fluffster nicht besonders mürrisch aus, also ist er hoffentlich gerade erst aufgewacht und hat nicht gemerkt, dass ich ihn vergessen habe. Seine Augen sehen heute besonders glänzend aus, sein Schwanz besonders buschig, und seine kleine Nase zwischen seinen majestätisch langen Schnurrhaaren ist gekräuselt, während seine großen Ohren wie Antennen abstehen, die bereit sind, außerirdische Signale zu empfangen.

Meine Mitbewohner tauschen einen seltsamen Blick aus, bevor sie mich anstarren.

Ich schaue sie an, dann zu Fluffster – und dann sehe ich es.

Fluffster hat eine winzige Aura.

Das Leuchten ähnelt dem meiner beiden Mitbewohner – was in ihrem Fall bedeutet, dass sie wie ich unter dem Mandat stehen, mit anderen Worten, Cogniti sind.

»Felix. Ariel.« Ich zeige auf die Aura. »Seht ihr auch das Leuchten, das auf Menschen unter dem Mandat hinweisen soll? Wisst ihr, warum mein süßes Nagetier eins hat?«

»Es ist eine lange Geschichte.« Felix legt sein Buttermesser weg und schaut Ariel an.

»Fluffster ist nicht das, was oder wer du denkst«, sagt Ariel mit einem gleichbleibend strahlenden Lächeln.

Fluffster huscht näher, springt auf mein Knie und dann so geschickt auf den Tisch, wie ich es noch nie von ihm gesehen habe. Dann schaut er mit seinen hübschen schwarzen Augen auf Ariel, und seine Haltung strahlt ungewöhnliche Intensität aus.

»Nein«, sagt Ariel, anscheinend zu Fluffster. »Es ist besser, wenn du es ihr sagst.« Fluffster sieht Felix genauso intensiv an – so, als wolle er ihn hypnotisieren.

»Schau mich nicht so an«, sagt Felix. »Ich denke, sie sollte es aus erster Hand erfahren. Oder in diesem Fall aus dem Mund des Chinchillas.«

»Mir sagen?« Der Raum beginnt sich wieder zu drehen, und das liegt nicht mehr an meinem Kater. »Leute, bitte. Heute ist ein schlechter Tag für Witze.«

Fluffster steht auf seinen Hinterbeinen auf dem Tisch und – vielleicht bilde ich mir das auch nur ein – gestikuliert gerade mit seinen kleinen handähnlichen Pfoten.

»Ich wüsste nicht, wo ich anfangen sollte.« Ariel legt ihre Gabel mit einem lauten Klirren ab, und ihr Lächeln verschwindet, während sie mein Haustier böse anstarrt. »Es ist dein Versteckspiel, also musst du es aufklären.«

Fluffster beginnt, auf dem Tisch hin und her zu gehen und abwechselnd Felix, Ariel oder mich anzuschauen.

»Okay«, sagt Felix endlich zu meinem Haustier. Dann dreht er sich zu mir um. »Hast du schon mal vom Domovoi gehört?«

»Ja«, sage ich, und meine Kopfschmerzen verwandeln sich in einen Migräneschub. »Das ist eine Art russischer Hausgeist oder so was, richtig? Vlad und Pada haben Fluffster so genannt, also habe ich es nachgeschlagen.«

»Richtig«, sagt Felix. »Der Domovoi spielt eine wichtige Rolle in der slawischen Folklore. Und, laut meinem Vater, sind sie eine Gruppe von mächtigen Cogniti in ihrem eigenen Einflussbereich – und er«, Felix zeigt auf Fluffster, »ist einer von ihnen.«

Ich starre das kleine Tier an. »Aber er ist ein Chinchilla. Ein Nagetier aus den Anden in Südamerika – so weit entfernt von Russland wie es nur geht. Ich habe es in der Tierhandlung gekauft. Das ergibt keinen Sinn.«

Sowohl Felix als auch Ariel schauen Fluffster an und weichen meinem Blick aus.

»Das ist nicht lustig«, sage ich. »Wollt ihr mir ernsthaft sagen, dass Fluffster ein Werchinchilla ist? Oder soll er ein Chinchilla sein, der von einem tollwütigen Kerl aus Sibirien gebissen wurde, was ihn zu einem Wermann macht – einer süßen, pelzigen Kreatur, die sich bei Vollmond in einen haarigen russischen Kerl verwandelt?«

»Da ich in den Staaten aufgewachsen bin, weiß ich nicht viel darüber, wie die Domovoi funktionieren«, sagt Felix. »Was ich weiß, basiert auf dem, was mein Vater mir erzählt hat. Die Domovoi bleiben normalerweise in einer substanzlosen Form, aber manchmal nehmen sie die Form eines verstorbenen Haustieres an – normalerweise ein Hund oder eine Katze …«

Ich blicke nacheinander alle an, und meine Nackenhaare stellen sich auf.

Fluffster geht zu meiner Schale mit Haferbrei, stellt sich wieder auf seine Hinterbeine und blickt mir direkt ins Gesicht.

Meine Augen werden größer, und ich blinzele ununterbrochen.

In Fluffsters Blick habe ich schon immer Intelligenz gesehen, aber noch nie so stark. Niemals so intensiv.

»Es tut mir so leid, dass du es so herausfinden musstest«, sagt eine sanfte Stimme in meinem Kopf – und obwohl sie rein mental ist, hat sie den Hauch eines russischen Akzentes.

Kapitel 2

Ich lege meinen Löffel ab. »Ich habe gerade eine Stimme in meinem Kopf gehört.«

»Ja«, sagt Felix.

»Willkommen im Klub.« Ariel strahlt schon wieder.

Mein Magen krampft. »Das ist ein Symptom der Psychose«, sage ich zu niemand Bestimmtem.

»Nicht, wenn deine Mitbewohner sich mit derselben Stimme im Kopf unterhalten haben.« Felix zwinkert mir zu. »Es sei denn, es ist eine Gruppenpsychose …«

»Keine Witze«, sage ich zu Felix und schaue Fluffster aufmerksam an. »Was hast du gesagt?«

»Ich habe versucht zu betonen, wie leid mir dein Verlust tut.« Die Stimme in meinem Kopf ist so beruhigend für mein Gehirn wie das Fell von Fluffster für meine Haut. Sogar der Kater geht leicht zurück, obwohl es auch das Paracetamol sein könnte, das zu wirken beginnt.

Ich starre mein Haustier an, als ob ich es zum ersten Mal sehe.

Es starrt zurück, ohne sich zu bewegen.

»Du fängst besser ganz am Anfang an.« Ich reibe mir die Stirn. »Warum tut es dir leid? Und was habe ich verloren?«

Fluffster starrt nun Felix eindringlich an.

»Gut«, sagt Felix nach einem Moment zum Chinchilla. »Ich werde dir helfen.« Er wendet sich mir zu und sagt: »Er erinnert sich nicht daran, aber als wir zusammengezogen sind, hatte er eine transparente Form, die Ariel und ich manchmal sahen. Wir dachten zuerst, er wäre vielleicht ein Geist …«

»Warte, es gibt auch Geister?« Ich schaue Fluffster an, der mit seinen kleinen pelzigen Schultern zu zucken scheint.

»Es gibt viele Cogniti, die für Menschen, die nicht unter dem Mandat stehen, unsichtbar sein können«, sagt Ariel. »Einige Gruppen haben die Eigenschaften von mythischen Geistern – aber sie sind nie Seelen von verstorbenen Menschen, also gibt es im engeren Sinne keine Geister.«

»Gut«, sage ich, weil mir schon wieder die Worte fehlen. »Aber zurück zum Domovoi. Ihr zwei habt ihn gesehen, und ich konnte das nicht wegen des Mandats.«

»Richtig.« Felix lächelt. »Du begreifst sehr schnell.«

»Und wie sah er aus?« Ich untersuche skeptisch das Eichhörnchen-Hasen-ähnliche Wesen vor mir.

»Etwas beängstigend«, platzt Ariel heraus und wirft Fluffster einen entschuldigenden Blick zu. »Aber Felix’ Vater hat uns erklärt, dass es ein Domovoi ist und dass sie die Wohnung, in der sie wohnen, beschützen.«

Felix nickt und schiebt seinen Teller weg. »Es gilt als großer Segen für einen russischen Haushalt, einen zu haben.«

»Ich verstehe«, sage ich, obwohl ich es nicht wirklich tue. »Was meintest du, als du gesagt hast, dass er sich nicht erinnert? Haben diese Domovoi Gedächtnisprobleme?«

»Na ja.« Felix rutscht auf seinem Sitz hin und her. »Es ist alles in der Nacht passiert, in der du das eigentliche Chinchilla bekommen hast.«

Er schaut Fluffster demonstrativ an, aber der scheint mit dem Kopf zu schütteln.

»Soweit Ariel und ich herausfinden konnten«, fährt Felix fort, »hatte die Kreatur, die du aus dem Zoogeschäft bekommen hast, in der ersten Nacht, in der du sie nach Hause gebracht hast, einen Schlaganfall, also rettete der Domovoi sie, indem er ihren Körper übernahm.«

»Fluffster hatte einen Schlaganfall?« Ich sehe mein Haustier verständnislos an.

»Es tut mir so leid«, sagt die Stimme in meinem Kopf. »Meine allererste Erinnerung ist der Versuch, das Leben der kleinen Kreatur zu retten. Der Schaden an ihrem Gehirn war zu groß, als dass meine Kräfte ihn reparieren konnten, also nahm ich ihren Körper.«

»Du hast seinen Körper genommen«, sage ich dumm. »Also ist es tot?«

»Ich denke, das ist eine philosophische Frage«, sagt Felix. »Wenn dieser Körper getötet werden würde, wäre der Domovoi wieder unkörperlich, also bedeutet das für mich, dass das Tier noch lebt – oder zumindest sein Körper.«

Ich reibe an meinen Schläfen.

»Das Wichtigste, was du nicht vergessen solltest«, sagt Ariel, »ist, dass das Wesen, das du als Fluffster kennst, schon immer der Domovoi war. Und obwohl er dir nicht die Wahrheit über seine Natur sagen konnte, hat er immer versucht, das zu sein, was du eigentlich wolltest – ein Begleiter.«

Ich versuche, das alles zu begreifen, und wünsche mir zum millionsten Mal, dass ich nicht so verkatert wäre. Mit den Kopfschmerzen, die mein Gehirn aus meinem Kopf quetschen, habe ich Probleme, zu entschlüsseln, wie ich mich fühlen sollte. Trauere ich um das Chinchilla, das ich nur einen Abend lang kannte, oder bin ich dem Domovoi dankbar für all die Freude, die er mir bereitet hat?

»Er hat nicht besonders gute Arbeit geleistet, als er so getan hat, als sei er nur ein Tier«, sage ich nach einer Pause. »Ich dachte schon immer, er sei das klügste Haustier, das je gelebt hat.«

Fluffster hebt stolz sein Kinn und zwitschert aufgeregt. In meinem Kopf sagt er: »Danke, Sasha.«

»Gern geschehen«, sage ich und kichere hysterisch, als ich mir vorstelle, dass jemand, der nicht einer meiner Mitbewohner ist, dieses Gespräch miterlebt. »Also, wo kommst du her?«

»Ich erinnere mich nicht«, sagt Fluffster und starrt hungrig auf meine Schale mit dem restlichen Haferbrei.

Ich belade meinen Löffel mit Haferflocken und biete ihn Fluffster an. Mit einem Zwitschern nimmt sich der Chinchilla-Domovoi einen Klumpen und steckt ihn in sein Maul.

»Weiß einer von euch, wo er herkommt?«, frage ich Ariel und Felix, während Fluffster isst.

»Als er noch keinen Körper hatte, hat er nicht mit uns gesprochen«, sagt Felix. »Er hat mir nur einige Male einen Schrecken eingejagt.«

»Zuerst dachten wir, er wäre der Domovoi von Felix’ Familie.« Ariel trinkt einen Schluck Kaffee. »Bis Felix seinen Vater danach gefragt hat.«

»Ja«, sagt Felix, als er aufsteht, wahrscheinlich, um sich eine Tasse Kaffee zu machen. »Mein Vater sagt, unser Domovoi wohnt im Haus meines Großvaters in Jakutsk, Russland. Meine plausibelste Vermutung ist, dass irgendeiner der Cogniti aus Russland vorher in dieser Wohnung gelebt hat und einen Domovoi hatte, der hier zurückgeblieben ist, als er starb. Ich glaube, dass sie in bestimmten Familien den Menschen folgen, aber wenn niemand mehr da ist, bleiben sie einfach im Haus.«

Ariel sieht aus, als sei ihr das sprichwörtliche Licht aufgegangen. »Weißt du«, sagt sie, »damals, als wir über all das nachgedacht haben, wussten wir nicht, dass Sasha zu den Cogniti gehört. Aber da sie das tut, gibt es eine weitere und interessantere Möglichkeit für Fluffsters Herkunft. Er könnte zu ihr gehören.«

»Du hast recht.« Felix stellt seine Kaffeetasse auf den Tisch, und seine Augen leuchten vor Aufregung. »Das würde bedeuten, dass wir den ersten Hinweis auf Sashas Abstammung haben.« Er sieht mich an. »Könntest du aus Russland stammen?«

»Deine Eltern haben immer gesagt, dass Sasha ein slawischer Name ist«, sagt Ariel zu ihm. »Also ist es möglich, dass …«

Mein Mund steht buchstäblich offen, als ihre Worte den Dunst meines Katers durchdringen.

Ein Hinweis auf meine Herkunft.

Der bloße Gedanke löst einen Schwall von schwer zu identifizierenden Gefühlen aus, die ich wahrscheinlich mit Lucretia, der Cogniti-Psychiaterin auf meiner Arbeit, besprechen sollte.

Ich wusste von Anfang an, dass ich adoptiert wurde, also habe ich mich natürlich immer gefragt, wer meine biologischen Eltern sind und was mit ihnen passiert ist. Aber Mama – meine Adoptivmutter – war kein großer Freund solcher Fragen. Sie dachte, dass sie bedeuteten, dass ich nicht glücklich mit ihr und Dad war. Diese Logik ist jedoch falsch, da ich mit meiner neuen Familie glücklich war – ich wollte lediglich wissen, wer meine echten Eltern sind.

Als kleines Mädchen habe ich während des Einschlafens, anstatt Schafe zu zählen, regelmäßig über meine biologischen Eltern nachgedacht. Haben sie mich verloren oder haben sie mich verlassen? Wenn sie mich verlassen haben, war es, weil ich es irgendwie verdient habe? Wer sind sie? Wo sind sie? Was haben sie an diesem schicksalhaften Tag am Flughafen JFK gemacht? Die Liste der Fragen wuchs mit zunehmendem Alter, bis ich lernte, meine Neugier zu unterdrücken – da viele der Möglichkeiten zu schmerzhaft waren, um über sie nachzudenken.

Jetzt, da ich weiß, dass ich zu den Cogniti gehöre, muss ich das Thema noch einmal aufgreifen. Der Rat schien keine Ahnung von meiner Herkunft zu haben, und, um Gaius zu zitieren, nicht aus Mangel an Versuchen. Die gute Nachricht ist, dass die Zahl der potenziellen Kandidaten für meine Eltern drastisch zurückgegangen ist, da die Cogniti nur ein Prozent der gesamten Weltbevölkerung ausmachen.

Außerdem war mindestens einer meiner Elternteile ein Seher, was es noch mehr eingrenzt. Und jetzt gibt es vielleicht noch etwas anderes, an das ich mich klammern kann: den Domovoi, also eine Verbindung nach Russland, vorausgesetzt Fluffster ist wirklich …

»Sasha?«, fragt Felix besorgt. »Bist du noch bei uns?«

»Tut mir leid«, sage ich und schüttele meinen Kopf in der Hoffnung, dass er klarer wird.

»Das muss ein schwieriges Thema für dich sein«, sagt Ariel leise mit mitleidsvoller Stimme. »Es tut mir leid, dass ich damit einfach so herausgeplatzt …«

»Nein«, sage ich. »Das ist wirklich eine interessante Idee. Muss ein Domovoi zu einem Cogniti-Haushalt gehören? Was, wenn er im Haushalt eines meiner Adoptivelternteile gelebt hat?«

»Ich habe keine Ahnung«, sagt Felix.

»Ich muss das herausfinden«, sage ich. »Gibt es eine Möglichkeit, Fluffsters Erinnerungen an das, was passiert ist, bevor er pelzig wurde, zurückzubringen? Einen Weg, um zu bestätigen, dass er wirklich bei meinen biologischen Eltern gelebt hat? Denn wenn ja, würde er sich vielleicht daran erinnern, wer sie waren …«

»Ich würde mich gerne erinnern, aber ich kann es einfach nicht«, sagt Fluffster mental, und seine Worte klingen unheimlich traurig – was weniger seltsam ist als die Tatsache, dass seine mentale Stimme einen Akzent hat.

Ariel schaut Felix an, der mit den Schultern zuckt, und sagt: »Ich denke, du solltest vielleicht besser mit meinem Vater darüber reden. Ich habe vor diesem hier noch nie einen Domovoi gesehen, aber mein Vater kannte den im Haus meines Großvaters.«

»Okay«, sage ich, und mir fällt auf, dass das alles – oder die Tabletten, Flüssigkeiten und Lebensmittel – meinen Kater langsam verschwinden lassen. »Ich würde mich diese Woche gern mit deinem Vater zum Mittagessen verabreden, um zu sehen, ob er vielleicht etwas weiß. Ich will sicher sein, dass Fluffster nicht deiner Familie wegen hier ist. Außerdem kennt dein Vater vielleicht einen Weg, um Fluffsters Gedächtnis anzukurbeln.«

»Er würde sich mit Sicherheit mehr als freuen, mit dir mittagessen zu gehen«, sagt Felix, bevor er eine Grimasse zieht. »Meine Mutter wird wahrscheinlich nicht so begeistert sein. Du weißt ja, wie eifersüchtig sie ist.«

Zur Verteidigung von Felix’ Mutter muss man sagen, dass sein Vater die Gesellschaft von Frauen ein wenig zu sehr zu genießen scheint – und das schließt mich mit ein, obwohl er sich in meiner Gegenwart nicht so seltsam benimmt wie in Ariels. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich gesehen habe, wie er gesabbert hat, als er sie kennengelernte.

»Vielleicht ein Essen mit der ganzen Familie?«, schlage ich vor. »Auf diese Weise wäre deine Mutter dabei, um ihn im Auge zu behalten.«

»Gerne«, sagt Felix. »Aber du wirst es bereuen, dass du meine Mutter eingeladen hast. Trotz allem, was ich ihr andauernd sage, denkt sie immer noch, dass wir zusammen sind.«

Ariel lacht, und ich schüttele nur den Kopf. Eigentlich denkt seine Mutter, dass wir beide, Ariel und ich, mit Felix zusammen sind. Ich bin mir nicht sicher, ob es daran liegt, dass in Usbekistan Polygamie praktiziert wird, oder weil sie überzeugt ist, dass ihr Sohn für Frauen unwiderstehlich ist – oder beides.

»Hervorragend«, sage ich. »Ich werde recherchieren, wem diese Wohnung vor uns gehört hat und ob es Russen waren. Ich werde auch herausfinden, ob meine Adoptiveltern russische Vorfahren haben oder Haustiere hatten und, wo ich schon einmal dabei bin, ob sie Cogniti sind, weil wir uns ja häufig gegenseitig anziehen.«

»Deine Mutter hat keine Mandatsaura«, sagt Felix. »Aber ich habe deinen Adoptivvater noch nie gesehen.«

»Es ist unwahrscheinlich, dass Cogniti Menschen heiraten«, sagt Ariel.

»Aber sie haben sich ja scheiden lassen«, sagt Felix und schreit vor Schmerz auf. Ariel muss ihn unter dem Tisch getreten haben.

Ich atme mit einem erleichterten Seufzer aus. Wenn Mama auch zu den Cogniti gehören würde, wüsste ich nicht, was ich tun sollte.

Ich esse einen Löffel von meinem Frühstück und gebe Fluffster den nächsten. »Ich muss bald zur Arbeit, also müssen wir das Essen per SMS organisieren.«

»Kein Problem«, sagt Felix und holt sein Handy heraus. »Ich werde meine Eltern anrufen.«

»Isst du deine Haferflocken nicht auf?«, fragt Fluffster in meinem Kopf.

»Nein.« Ich schiebe ihm den Teller zu. »Du kannst sie haben.«

»Ich bin eigentlich satt«, sagt Fluffster, geht aber trotzdem zu den Haferflocken und sieht sie bedauernd an. »Ich werde sie trotzdem essen. Es ist eine Schande, Essen wegzuwerfen, das vollkommen in Ordnung ist.«

»Felix hat mir wie immer zu viel aufgetan«, sage ich. »Er denkt, mein Magen ist so groß wie seiner.«

Fluffster blickt missbilligend Felix’ halbleeren Teller an. »Der Junge wird diesen Haushalt in den finanziellen Ruin treiben.«

Felix gibt vor, mit dem Telefon beschäftigt zu sein, aber ich sehe, dass er versucht, ein Grinsen zu unterdrücken, während er lautlos zu mir sagt: »Willkommen in der Diktatur.«

»Das habe ich gehört«, sagt Fluffster in meinem Kopf – und angesichts von Felix’ Reaktion ist es klar, dass er den Gedanken auch gehört hat, was beweist, dass die Domovoi Gedanken an mehrere Menschen gleichzeitig senden können.

»Hallo, Mama«, sagt Felix in das Telefon. Er bedeckt das Mundstück und sagt: »Tut mir leid, Leute, aber ich gehe zum Telefonieren lieber ins Wohnzimmer.«

»Kein Respekt vor Älteren«, murmelt Fluffster in meinem Kopf und wirft einen mürrischen Blick auf Felix’ Rücken.

»Ich gehe dann mal besser«, sage ich und stehe auf. »Ich muss Aktien auswerten.«

»Warte«, sagt Fluffster in meinem Kopf. »Kann ich dich um einen großen Gefallen bitten, bevor du gehst?«

»Natürlich«, sage ich laut, und trotz der anhaltenden Kopfschmerzen kann ich nicht anders, als zu lächeln. Ich führe wirklich gerade eine echte Unterhaltung mit meinem Haustier. »Willst du dein Staubbad?«

»Felix kann mir mit dem Bad helfen«, sagt Fluffster. »Ich hatte gehofft, du könntest mir einen deiner Zaubertricks zeigen. Ariel hat mir so viel über sie erzählt, aber du hast mir nie welche gezeigt.«

»Es tut mir leid«, sage ich und blinzele. Das muss das erste Mal sein, dass mir vorgeworfen wird, jemandem meine Effekte nicht zu zeigen. »Ich wusste nicht, dass du sie verstehen würdest …«

»Kein Problem«, sagt Fluffster, und seine mentale Stimme ist besonders beruhigend. »Es ist nur etwas, was ich unglaublich gern sehen würde.«

Obwohl ich mich wirklich beeilen muss, um zur Arbeit zu kommen, glaube ich nicht, dass ich zu einem so süßen und knuddeligen Zuschauer Nein sagen kann. Außerdem, da es mir jetzt verboten ist, für Leute zu zaubern, die nicht unter dem Mandat stehen – was fast auf alle zutrifft –, muss ich diese Gelegenheit ausnutzen.

»Zeig ihm die Sache, die du mit den Karten machst«, meint Ariel.

»Die Sache mit den Karten.« Ich unterdrücke den Drang, Ariel zurechtzuweisen, weil sie eine ganze Richtung der Magie auf eine solche Trivialität reduziert hat. Ich lasse beiläufig meine Hände fallen, damit sie sich parallel zu meinen Taschen befinden, und sage: »Okay. Schade, dass ich keine Karten bei mir habe. Aber hey, kannst du mir ein Feuerzeug geben?«

»Hier.« Ariel geht zur Küchentheke und schnappt sich das Feuerzeug, das wir dort aufbewahren, um bei Bedarf die Flammen des Gasherdes anzuzünden.

Als sie ihre eigene und Fluffsters Aufmerksamkeit so liebenswert auf etwas anderes lenkt, greife ich in meine Taschen, um sicherzustellen, dass ich die benötigten Requisiten zu Hand habe.

Ich habe natürlich ein Kartenspiel in einer Tasche – wer hat das nicht? – und zufällige Gebrauchsgegenstände in der anderen, einschließlich eines kleinen Feuerzeuges, von dem ich gerade vorgab, es nicht zu haben. Ich atme mit einem erleichterten Seufzer aus, als meine Finger über Pyropapier streichen – etwas, was ich ebenfalls meistens in meinen Taschen habe. Mit der Gewissheit, dass ich noch mehr Pep in meinen Effekt einbauen kann, sage ich: »Bitte knülle auch ein Papiertuch zu einem kleinen Ball für mich zusammen.«

Pyropapier ist Nitrocellulose – ein Sprengstoff, der es irgendwie in die Requisiten der Zauberer geschafft hat. Wenn es angezündet wird, gibt es eine extrem helle Flamme, wie die Blitze von zigtausend Telefonkameras auf einmal. Und wenn das Zeug zu einem Ball geknüllt wird, sieht es aus wie ein zerknittertes Papiertuch.

Ariel tut, was ich ihr gesagt habe, während ich in der Zwischenzeit alles vorbereite, was ich brauche, ohne dass Fluffster oder Ariel es mitbekommen.

»Bitte schön«, sagt sie und gibt mir den Papierball.

Ich nehme das Papiertuch und tue so, als würde ich es zu einer festeren Kugel zusammendrücken, aber in Wirklichkeit lege ich es auf das zerknitterte Pyropapier. Dann tue ich so, als würde ich das Papier noch weiter zerknüllen, und so verstecke ich ganz einfach das echte Papiertuch in der Handfläche und lasse nur das Pyropapier sichtbar.

Weder Fluffster noch Ariel bemerken den Austausch, und ich fühle mich gleich besser bei dem Gedanken an all die Stunden meines Lebens, die ich damit verbracht habe, diesen Schritt zu üben.

»Achtet auf das Papier«, sage ich zu ihnen, vor allem, weil ich es genieße, ihnen meine Täuschung noch einmal extra unterzuschieben, aber auch, weil es ihnen psychologisch sagt, dass ich will, dass sie darauf achten, dass das Papier nicht ausgetauscht wird. Auf diese Weise werden sie später schwören, dass es nicht ausgetauscht werden konnte, weil sie »immer darauf geachtet haben«. Außerdem hilft es mir beim nächsten Teil, weil sie, während sie auf meine Hand starren, den Moment verpassen, in dem ich das Kartenspiel aus meiner Tasche nehme und in meiner Hand verstecke.

»Fluffster, kannst du bitte etwas zurückgehen?«, frage ich, teils, um sie abzulenken, und teils, weil ich wirklich besorgt bin, dass sein wunderschönes Fell Feuer fangen könnte.

Während er zurückhuscht, schiebe ich das Papier in die Hand, in der ich das Kartenspiel so versteckt halte, dass keiner der Zuschauer das Spiel aus seinem Blickwinkel sehen kann. Dann benutze ich meine jetzt freie linke Hand, um das Feuerzeug von Ariel zu nehmen.

Sie fragen mich nicht, warum ich das Papier in die andere Hand genommen habe. Fluffsters Bewegung hat sie abgelenkt, und ich benutzte auch ein Prinzip in der Magie, bekannt als in transit action. Die Papierkugel ist in die Hand gewandert, so als ob sie Platz für das Feuerzeug machen musste. Ganz ehrlich, würde ich wie ein Barbar mit der linken Hand ein Feuerzeug nehmen?

Ich lächele innerlich.

Der erste Teil des Tricks hat für Fluffster und Ariel noch nicht begonnen, aber methodisch gesehen ist er schon vorbei.

»Schaut genau hin.« Ich mache das Feuerzeug an. »Ich werde dieses Papiertuch in ein Kartenspiel verwandeln.«

Ich berühre die Kugel aus Pyropapier mit dem Feuerzeug, und die explosive Substanz entzündet sich – und blendet Ariel und Fluffster genau in dem Moment, in dem ich das Kartenspiel in meiner ausgestreckten Hand offenbare.

Auch meine eigenen Kopfschmerzen entzünden sich dank des ultrahellen Lichts wieder, aber ich sehe den Schmerz als ein würdiges Opfer für meine Kunst.

»Wow«, ruft Ariel.

»Wie?«, fragt Fluffster in meinem Kopf.

Für sie sah es im wahrsten Sinne des Wortes so aus, als hätte sich eine Papierkugel in ein Kartenspiel verwandelt.

»Ich bin noch nicht fertig«, sage ich und starte in meine eigene Version der berühmten Nummer Ehrgeizige Karte – ein Effekt, bei dem eine Karte immer wieder oben auf dem Spiel erscheint, nachdem sie in die Mitte gelegt wurde, und das unter immer unmöglicheren Bedingungen. Die meisten Phasen, die ich ihnen zeige, stammen aus Zauberbüchern, aber ich schließe mit einem Finale, das ich erfunden habe.

Ariel quietscht fröhlich, als die Karte nach oben springt, obwohl das Spiel gerade zurück in die Kartenbox wandert und dabei von Ariels Händen gehalten wird.

»Du bist so viel besser als der Typ auf YouTube«, sagt Fluffster und kräuselt seine Nagernase.

»Du schaust YouTube?« Ich starre ihn verblüfft an. Ich habe immer noch genug Verstand, um Ariel die Hand zu reichen, die das Kartenspiel automatisch darauflegt.

Da alle denken, dass der Trick vorbei ist, nutze ich ihre mangelnde Aufmerksamkeit, um das Kartenspiel gegen das zusammengeknüllte Papiertuch zu tauschen, das ich die ganze Zeit versteckt habe. Dann sage ich: »Oh, eine letzte Sache noch. Ich sollte dir deinen Papierball zurückgeben.«

Ich zeige ihnen, dass das Kartenspiel wieder zu einem Papiertuch geworden ist, und Ariel untersucht es ungläubig, bevor sie es wie ein Schatz in ihre Tasche steckt.

»Fluffster liebt es, YouTube zu sehen«, sagt Felix, als er den Raum wieder betritt. Er sieht mich mit dem sehr gelangweilten Gesichtsausdruck an, den er immer dann aufsetzt, wenn er denkt, dass er weiß, wie ich etwas gemacht habe. Oft weiß er es tatsächlich, weshalb ich froh bin, dass er den Großteil meiner Vorführung verpasst hat. »Ich habe in meinem Zimmer einen Computer für ihn aufgebaut«, fährt er fort. »Wenn man in Katzenvideos promovieren könnte, wäre er jetzt Doktor Fluffster.«

»Ist es nicht beängstigend für dich, Katzen zu beobachten?«, fragt Ariel. »Im Körper eines Nagetiers und so.«

»Nein«, sagt Fluffster, vermutlich in all unseren Köpfen. »Ich mag Katzen. Na ja, die meisten Katzen – die von der Nachbarin nicht. Vielleicht war ich vorher eine Katze?«

Jetzt, da ich gerade nicht zaubere, kehrt mein Zeitgefühl zurück, und ich merke, dass ich so sehr zu spät kommen werde, dass ich keine Zeit für die von Nero angeforderten Nachforschungen haben werde – und ich will unsere Mentor-Mentee-Beziehung nicht so unschön beginnen. »Ich muss mich beeilen«, sage ich und gehe zur Tür.

»Ich organisiere das Mittagessen mit meinen Eltern«, sagt Felix, als ich an ihm vorbeikomme. »Ich werde dir die Einzelheiten per SMS schicken.«

»Hört sich gut an«, sage ich von der Tür aus. »Bis später alle zusammen.«

Im Flur riskiere ich einen Blick auf mein Handy und wünsche mir sofort, ich hätte es nicht getan.

Ich bin nicht nur spät dran, ich habe auch Nachrichten von Nero. Er hat seine morgendliche Aufgabe um einige Aktien erweitert.

Wenn ich jetzt nicht sofort ins Büro komme, dann bin ich erledigt.

Ich eile zum Aufzug, als eine vertraute Stimme vom anderen Ende des Flurs ertönt.

»Sasha«, meint Rose fröhlich. »Ich bin so froh, dass ich dich gerade treffe.«

Ich drehe mich um und sehe, dass sie zu mir kommt.

Mit einem Müllbeutel in der einen Hand und der Katze in der anderen, scheint Rose einen ihrer guten, spritzigen Tage zu haben. Das passiert sporadisch, so als ob Rose ab und zu in dem Jungbrunnen der Außerirdischen aus dem Film Cocoon, den Mama so sehr liebt, schwimmen geht.

Ich bin überhaupt nicht überrascht, als ich Roses Mandatsaura sehe. Ihre Zugehörigkeit zu den Cogniti ist das Einzige, was ihre Beziehung zu dem modellhaften Vlad, der, weil er ein Vampir ist, so aussieht, als sei er ihr Enkel, zumindest teilweise erklären könnte.

Katzenaugen starren mich an, und ich bin erleichtert, dass Roses Katze Luzifer nicht die gleiche Aura hat wie wir anderen.

Wäre diese Kreatur übernatürlich, wäre ich sehr besorgt.

Die Katze bemerkt, dass ich zurückstarre, und – obwohl ich mir das auch nur einbilden könnte – nickt mir erhaben zu. Ihre Augen scheinen zu sagen: »Ach, wenn das nicht der Bauer ist, der unser majestätisches Leben gerettet hat, als die Feinde der Krone sich verschworen hatten, um uns diesen abscheulichen Schlüssel schlucken zu lassen. Wir werden dir gegenüber Gnade walten lassen, Bauer. Wir werden dich dein armseliges Leben behalten lassen. Genieß diese Ehre. Und jetzt geh mir aus den Augen.«

Ich verliere den Starrwettbewerb mit der Katze, und, um es zu vertuschen, sage ich: »Lass mich dir helfen.« Ich gehe zu Rose, schnappe mir den Müllbeutel und bringe ihn zum Müllschacht.

»Vlad hat mir bereits von deinem neuen Status erzählt, aber ich musste es einfach selbst sehen.« Rose nickt anerkennend zu meiner Mandatsaura, als ich ihr wieder gegenüberstehe. »Wie konnte ich nicht erkennen, dass du zu den Cogniti gehörst?«

Ich betrachte sie sorgfältig. Mit ihrem starken, aber stilvoll aufgetragenen Make-up sieht sie mindestens zwanzig Jahre jünger aus als die über achtzig Jahre, für die ich sie immer gehalten habe – aber da sie eine der Cogniti ist, ist sie vielleicht exponentiell älter.

»Also ist Vlad nicht dein Neffe«, sage ich, und meine Neugierde lässt mich fast vergessen, wie spät ich bereits dran bin.

»Nein, ist er nicht«, sagt Rose, und ich sehe einen Hauch von Röte durch das Make-up hindurch. »Ich entschuldige mich für diese Lüge. Ich bin mir nicht mal sicher, warum ich es gesagt habe. Vielleicht, weil unsere Beziehung so sehr mit meiner Macht verbunden ist, dass ich …«

»Und welche Macht ist das?«, frage ich, da meine Neugierde weiter geschürt wurde.

»Die Hexenmacht natürlich«, sagt sie und hebt ihr Kinn an. »Ich hätte gedacht, dass dieser Teil offensichtlich ist.«

»Nicht für mich. Du bist die erste Hexe, die ich bis jetzt getroffen habe.«

»Das ist wahrscheinlich auch das Beste«, sagt Rose und krault Luzifer hinter dem Ohr – und die Kreatur schnurrt sofort erfreut. »Einige von uns können … weniger nett sein.«

Ich kann nicht umhin, mir Roses zerbrechliche Gestalt anzusehen und mich zu fragen, was sie damit meint. Will sie andeuten, dass Hexen normalerweise böse oder gefährlich sind? Da ich sie nicht beleidigen will, lenke ich das Gespräch auf das, worauf ich am neugierigsten bin. »Du und Vlad, wie habt ihr euch kennengelernt?«

Ein leichtes Lächeln erscheint auf Roses Gesicht. »Das war damals in Frankreich«, sagt sie, ihr Blick geht in die Ferne. »Kurz vor dieser schrecklichen Revolution …«

»Warte«, sage ich. »Was meinst du mit ›damals in Frankreich‹? Kommst du ursprünglich von dort?«

»Ich dachte, das wüsstest du«, sagt Rose und blickt wie zur Bestätigung auf ihr stylisches Outfit.

»Du hast keinen Akzent«, sage ich und erkenne, dass Rose mit dem Nachnamen Martin tatsächlich aus Frankreich sein könnte.

»Natürlich nicht«, sagt sie stolz. »Ich lebe seit dem Bürgerkrieg in den Vereinigten Staaten. Aber falls du irgendwelche Zweifel hast …« Sie fährt fort, etwas zu sagen, was sich nach fließendem Französisch anhört.

Mein Kater meldet sich erneut und lässt den Flur um mich drehen. »Also, wenn du sagst, dass ihr euch um die Französische Revolution herum getroffen habt, sprichst du von der mit Louis XVI, Marie-Antoinette, Robespierre und Napoleon?«

»Ja«, sagt Rose. »Und der Bürgerkrieg war derjenige mit Abraham Lincoln, der so ein netter …«

Eine Tür gegenüber öffnet sich, und einer unserer Nachbarn kommt heraus. Er hat keine Mandatsaura, und er scheint in Roses Alter zu sein – aber jetzt weiß ich, dass das nicht der Fall ist. Er könnte leicht Roses Ur-Ur-Ur-Enkel sein.

Rose kräuselt ihre Nase fast unmerklich, so wie sie es immer tut, wenn dieser Nachbar versucht, mit ihr zu flirten. Jetzt, da ich weiß, was ich weiß, nämlich dass sie einen heißen Freund – oder vielleicht Ehemann? – hat, kann ich es ihr nicht verübeln, dass sie kein Interesse an dem älteren Mann zeigt.

»Hi, Rose«, sagt er und lächelt – ein taktischer Fehltritt angesichts seiner verfärbten Zähne.

»Hallo, Mr. Duffertnizer«, sagt Rose, und ihre Stimme ist noch kühler als sonst.

Luzifer zischt den Kerl bösartig an und erinnert mich dabei an ihr Revier verteidigende Löwen in Naturreportagen. Mr. Duffertnizer – der die gleichen Naturreportagen gesehen haben muss – macht einen Schritt zurück zu seiner Wohnung.

»Wir müssen dieses Gespräch später fortsetzen, Rose«, sage ich. »Wenn ich nicht bald zur Arbeit komme, wird Nero …«

»Sag nichts weiter«, sagt Rose mit einem Gesichtsausdruck, der mich an die Mona Lisa erinnert. »Ich füttere am besten Luzie, bevor sie schlechte Laune bekommt.«

Sowohl Mr. Duffertnizer als auch ich schauen auf das kleine Nervenbündel in Roses Händen und fragen uns, wie diese Katze aussehen würde, wenn sie wirklich schlechte Laune hätte. Doch er bleibt tapfer an seinem Platz stehen, und als ich den Aufzug betrete, höre ich, wie er erneut versucht, ein Gespräch mit Rose zu beginnen.

Nachdem ich das Gebäude verlassen habe, nehme ich das erste Taxi, das meinen Weg kreuzt, und beginne, etwas über die Aktien zu lesen, die Nero mir zum Recherchieren gegeben hat.

Um 10.45 Uhr löse ich meine Augen von meinem Arbeitsmonitor. In zehn von den fünfzehn Minuten vor Ablauf der Frist schreibe ich meine Empfehlung in eine E-Mail an Nero. Mein Finger hält jedoch inne, bevor ich Senden drücke.

Das ist nicht meine beste Arbeit. Da meine Zeit begrenzt war, musste ich viele Eckpunkte kürzen, und die daraus resultierende Analyse ist eher instinktiv als datengestützt.

Wenn ich ehrlich bin, ist diese Empfehlung kaum besser als eine fundierte Vermutung.

»Der Großteil des Finanzsektors basiert auf Vermutungen«, sage ich mir und klicke entschieden auf Senden.

Dann starre ich auf meinen Posteingang und warte darauf, dass Nero sofort mit einer Verwarnung wegen meiner mangelnden Sorgfalt bei der Recherche antwortet.

Als ich nicht sofort eine Antwort bekomme, lenke ich mich ab, indem ich meine Mailbox abhöre.

Zwei der Voicemails entpuppen sich als von meinem Vater, und meine Schuldgefühle über die beschissene Analyse verschmelzen mit jenen familiären Natur darüber, keine gute Tochter zu sein. Einschließlich dieser beiden habe ich zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich über ein Dutzend Sprachnachrichten von meinem Vater ignoriert.

Nicht, dass er das nicht verdient hätte. Dem schrecklichsten aller Klischees entsprechend hat er meine Mutter mit seiner Sekretärin betrogen, was zum Bruch in meiner Adoptivfamilie führte. Ich weiß nicht, ob meine heftige Reaktion auf ihre Scheidung normal war oder ob sie schlimmer ausgefallen ist, weil mich schon meine biologischen Eltern im Stich gelassen haben.

Aus irgendeinem Grund konnte ich meinem Vater jahrelang nicht in die Augen sehen.

Nach einer Weile vergab ich ihm genug, um die Verbindung wiederherzustellen. Bis er die Familie zerstört hat, war er ein guter Vater gewesen, und selbst nach der Scheidung hat er alle unsere Rechnungen bezahlt, bis ich aus der Wohnung meiner Mutter ausgezogen bin – obwohl sein teuflischer Anwalt dafür gesorgt hatte, dass er es eigentlich nicht musste. Aber vor kurzem hat er seine Zahlungen an Mama eingestellt, so dass sie jetzt für sich selbst sorgen muss, und das nehme ich ihm übel. Es mag irrational sein, aber es fühlt sich an, als hätte er unsere Familie noch einmal verlassen.

Ich suche Braxton Urban in meinen Kontakten und starre auf die Nummer. Möchte ich das tun? Dann tippt mein Finger auf den Bildschirm, und das Telefon beginnt zu klingeln, bevor ich mich bewusst für einen Rückruf entschieden habe.

Habe ich meinem Vater vergeben, oder tue ich das, weil ich Fragen an ihn habe? Er könnte russische Vorfahren haben, was meinen Domovoi erklären würde.

Er könnte sogar selbst zu den Cogniti gehören.

Natürlich ist es auch möglich, dass meine jüngsten Nahtoderfahrungen meine Wut auf ihn relativiert haben. Hätte mich einer dieser Zombies umgebracht, wäre mein Papa zusätzlich erschüttert gewesen, weil wir uns so lange nicht gesehen haben.

Das Telefon klingelt weiter, und ich merke, dass ich insgeheim hoffe, dass sein Anrufbeantworter anspringt – was völlig unlogisch ist. Ich schätze, ein Teil von mir denkt, dass ich, wenn ich ihm eine Nachricht hinterlassen würde, so tun könnte, als sei meine Abneigung, ihn zurückzurufen, zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass ich immer auf seiner Mailbox lande und nicht …

»Sasha!« Dads schroffe Stimme klingt aufgeregt. »Mein Liebling, ich bin so froh, dich zu hören.«

»Hi, Dad«, sage ich verlegen. Seine Freude verstärkt meine Schuldgefühle mehr als jede Strafe. Wenn meine Mutter an der Stelle meines Vaters wäre, würde sie das Gespräch mit »Also erinnerst du dich doch, dass du eine Mutter hast?« beginnen.

»Ich habe dich im Fernsehen gesehen«, sagt mein Vater. »Du warst unglaublich.«

»Danke, Papa«, sage ich und frage mich, ob er mich aktiv dazu bringen will, dass ich mich schuldig fühle. Jetzt bedauere ich, dass ich die Einladung ins Fernsehstudio an Mama verschwendet habe. Wenn ich ehrlich zu mir selbst gewesen wäre, hätte ich von Anfang an gewusst, dass Mama nicht auftauchen würde, genauso wie ich jetzt davon überzeugt bin, dass Papa aus San Francisco, wo er mittlerweile lebt, eingeflogen wäre, um für mich da zu sein.

Andererseits, wenn er gekommen wäre, hätte er gesehen, wie ein Zombie versuchte, mich zu töten, und wäre dann von Vampiren in die Vergesslichkeit bezirzt worden, also ist es vielleicht das Beste, dass er nicht da war.

»Bitte erzähl mir nicht, wie du das gemacht hast«, sagt Dad und wiederholt das, was er immer zu mir gesagt hat, als ich noch ein Teenager war und ihn einer meiner Effekte wirklich überrascht hat – eine Seltenheit, als ich noch ganz am Anfang stand.

»Sicher«, sage ich genauso sarkastisch wie damals. Ich schätze, Dad hat das entlarvende YouTube-Video nicht gesehen. »Ich wollte es dir eigentlich unbedingt sagen, aber jetzt, wo du es nicht wissen willst …«

Dem alten Drehbuch folgend, lacht Papa sein ausgeprägtes, kehliges Lachen.

Instinktiv schaue ich auf meinen Posteingang. Ich habe eine E-Mail von Nero, die nur eine Zeile enthält.

Komm sofort in mein Büro.

»Papa, ich habe ein Arbeitsmeeting, aber ich würde dich auch gern mal wiedersehen«, sage ich ins Telefon. »Bist du bald wieder in New York?«

Ein paar Sekunden lang ist Ruhe. Er kann vielleicht nicht glauben, dass ich ihn gerade um ein Treffen gebeten habe. »Ich bin bis Dienstag hier«, sagt er schließlich. »Deshalb habe ich angerufen.«

»Fantastisch. Hast du am Montag Zeit zum Mittagessen?«

»Ich habe immer Zeit für dich, mein Liebling. Wie wär’s mit Fuji Emporium? Du magst doch immer noch Sushi, oder nicht?«

»Klingt toll«, antworte ich. »Es tut mir leid, ich muss jetzt wirklich los.«

»Kein Problem«, sagt er. »Wir treffen uns dort um 12.30 Uhr. Am Montag.«

»Wir sehen uns.« Ich lege auf, gerade als ich Dad sagen höre: »Ich liebe dich …«

Ich starre kurz auf das Telefon, dann schenke ich meine Aufmerksamkeit wieder meinem Posteingang.

Aus irgendeinem unbekannten Grund ist meine Herzfrequenz gestiegen, so als ob ich Angst vor dem habe, was passieren wird, wenn ich Nero treffe. Aber das ist absurd. Ja, Meetings mit dem Chef sind wichtig und können Stress verursachen, aber man könnte meinen, dass ich nach den letzten Tagen über solch alltäglichen Sorgen stehen sollte. Es sei denn, dass es die Aufregung ist, meinen neuen Mentor zu treffen.

Ich weiß auf jeden Fall, was es nicht ist – Angst, eine Person zu sehen, von der ich geträumt habe, sie zu küssen … und kurz gedacht habe, ich hätte sie wirklich geküsst.

Das kann es nicht sein, denn es war die ganze Zeit über Kit, ein formwandelndes weibliches Ratsmitglied.

Der echte Nero hat keine Ahnung, dass wir uns geküsst haben, weil es in Wirklichkeit nie geschehen ist.

Als ich durch das Gebäude in Richtung Neros Büro gehe, verschlimmern sich die Angstsymptome, und ich greife im Aufzug auf die entspannende Atemtechnik zurück, um mich zu beruhigen.

Habe ich Angst davor, dass er mich für den beschissenen Job von heute Morgen feuern wird? Und wenn er das tut, würde er dann auch seine Mentorpflichten – was auch immer diese sind – beenden? Würde ich ihn jemals wiedersehen …?

Moment.

Warum interessiert es mich, ob ich ihn wiedersehe?

Wie ferngesteuert sage ich zu Venessa – einem der nervigeren Exemplare in Neros Horde von Assistenten –, dass ich erwartet werde. Sie sieht einen Moment lang ungläubig aus, aber signalisiert mir dann widerwillig, durchzugehen.

Meine Hände zittern verräterisch, als ich nach der Klinke von Neros Bürotür greife.

Auf wackeligen Knien stolpere ich in seinen hell erleuchteten, geräumigen Herrschaftsbereich voller moderner Kunst, als wäre es die dunkle und kalte Höhle eines bösen Schurken.

Kapitel 3

Neros breitschultriger Rücken ist mir zugewandt. Er steht neben einem dieser schicken Steh-sitz-Tische, der sich gerade in einer Stehposition befindet. Sein Hemd umspielt seinen starken Oberkörper, und als seine Finger über die Tastatur springen, tanzen seine schlanken Muskeln unter der Baumwolle.

Ich schlucke laut.

Er versteift sich geringfügig. Ohne sich umzudrehen, sagt er: »Setz dich.«