Schwarzwälder Treibjagd - Sonja Kindler - E-Book

Schwarzwälder Treibjagd E-Book

Sonja Kindler

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Beschreibung

Kriminalhauptkommissarin Ines Sandner und ihre Kollegin Emma sind schockiert, als sie zu der Leiche eines fünfzehnjährigen Mädchens auf der Kuppe des Fürstenbergs gerufen werden. Wer macht so etwas? Und was wollte der Teenager mitten in der Nacht auf diesem unbeleuchteten Berg? Fragen, auf die es im ersten Moment keine Antworten gibt. Während der Ermittlungen wird schnell klar, dass sich die junge Umweltaktivistin mit ihren Aktionen nicht nur Freunde gemacht hat. Andererseits wird sie aber auch als sehr hilfsbereit und empathisch beschrieben. Immer wieder laufen mögliche Spuren ins Leere. Doch dann finden Ines Sandner und ihr Team, dank hartnäckiger Recherchen des jungen Kriminalkommissars Peter Fuhrer, einen Zusammenhang, den niemand für möglich gehalten hätte.

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Seitenzahl: 322

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Die Autorin

Sonja Kindler

wurde 1963 in Recklinghausen geboren, wuchs aber in Blumberg, einem Ort nahe der Schweizer Grenze auf, wo sie mit ihrer Familie lebt. Sie arbeitet als Schadensanalytikerin in einem metallverarbeitenden Betrieb. Das Bücherschreiben ist ein berufsausgleichendes Hobby für sie geworden. Bücher begleiteten sie bereits ihr Leben lang, was lag da näher, als sich die Geschichten selbst auszudenken? In ihren Romanen zeigt sie glaubwürdig auf, welche Motivationen letztendlich zu einem Verbrechen führen können.

Titel

Sonja Kindler

SCHWARZWÄLDER TREIBJAGD

Kriminalroman

Oertel+Spörer

Impressum

Dieser Kriminalroman spielt an realen Schauplätzen. Alle Personen und Handlungen sind frei erfunden. Sollten sich dennoch Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen ergeben, so sind diese rein zufällig und nicht beabsichtigt.

© Oertel + Spörer Verlags-GmbH + Co. KG 2025Postfach 16 42 · 72706 ReutlingenAlle Rechte vorbehaltenTitelbild: AdobeStockGestaltung: PMP Agentur für Kommunikation, ReutlingenLektorat: Bernd WeilerKorrektorat: Sabine TochtermannSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN 978-3-96555-203-6

Besuchen Sie unsere Homepage und informieren Sie sich über unser vielfältiges Verlagsprogramm:www.oertel-spoerer.de

Für Claudia

PROLOG

Verschmolzen mit der Dunkelheit stand sie angespannt neben der Holzwand des Geräteschuppens. Trotz der Minustemperaturen, die jetzt, Ende Dezember und mitten in der Nacht, herrschten, fühlte sie sich dank der dicken Steppjacke und den Moonboots wohlig warm. Kleine Wölkchen entstiegen beim Atmen ihrem Mund, den sie leicht geöffnet hatte.

Bis auf vereinzeltes Grunzen aus dem nahe gelegenen Schweinestall drang kein Geräusch an ihr Ohr. Das Wohnhaus lag im Dunkeln. Aufgrund der heruntergelassenen Rollläden konnte man nicht erkennen, ob hinter den Fenstern Licht schien. Trotzdem war die Wahrscheinlichkeit, dass die Familie rund um Bauer Ulrich Meister friedlich in ihren Betten lag und schlief ziemlich hoch. Zumindest hoffte das Michaela, die von ihren Freunden wegen ihres oft burschikosen Verhaltens nur Michi genannt wurde. Mit leicht zusammengekniffenen Augen ließ sie ihren Blick schweifen. Schwärze und Stille überall. Es schien, als hielte die ganze Welt den Atem an. Kein Tierlaut drang jetzt mehr an ihr Ohr, kein Windhauch streifte ihre Wange oder ließ die in die Stirn hängende, blaue Haarsträhne erzittern. Nicht einmal das Geräusch eines Motors war von der naheliegenden Hauptstraße zu hören. Der ganze Ort lag in tiefem Dornröschenschlaf. Doch die Stille täuschte. Sie wusste, die anderen waren da. Verteilt auf dem Gelände des Bauernhofes lauerten sie hinter Büschen und Gerätschaften des Hofes. Weitere fünf Teenager im Alter zwischen dreizehn und siebzehn Jahren. Alle warteten auf eine günstige Gelegenheit. Genau wie sie. Hoffentlich wurden sie bei dem, was sie vorhatten, nicht erwischt. Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihrer Magengegend breit. Natürlich wollte sie ein Zeichen setzen, auf Missstände aufmerksam machen. Heutzutage gab es so viele Möglichkeiten, sich gesund zu ernähren. Vor allem in einem reichen Land wie Deutschland. Es war einfach nicht nötig, dass Tiere starben, nur um als Mahlzeit auf den Tellern zu landen. Hatte nicht ein Ferkel oder ein kleines Lämmchen genauso ein Recht auf Leben wie sie selbst? Deshalb fand sie die Aktionen der Gruppe auch gerechtfertigt. Sie alle sechs wollten auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, im besten Fall zum Umdenken anregen. Doch heute hatte sich David, der Kopf der Gruppe, den Hof von Bauer Ulrich Meister ausgesucht. Warum nur ausgerechnet dieser Hof am Rand des kleinen Ortes Hondingen? Sie hatte noch versucht, die Gruppe für den Schweinemastbetrieb in Riedböhringen zu begeistern, war jedoch kläglich gescheitert. David hatte auf die sensiblen Bewegungsmelder hingewiesen und gefragt, ob sie vielleicht gerne im Rampenlicht stehen wolle, damit die Bullen auch gleich wüssten, wen sie am nächsten Tag abholen müssten. Also hatte sie wohl oder übel zugestimmt, stattdessen den Hof von Bauer Meister einen Besuch abzustatten. Ihr war klar, dass sich David auch nicht hätte umstimmen lassen, wenn er gewusst hätte, dass sie ihr Taschengeld durch kleine Arbeiten oder Babysitten des achtjährigen Sohnes der Familie Meister aufbesserte. Außerdem wollte die Fünfzehnjährige bei den anderen nicht als Querulant oder Feigling dastehen. Also hatte sie den Mund gehalten. Nun stand sie hier, mit flatternden Knien, frierend und hätte sich ohrfeigen können.

Ein leises Surren über ihrem Kopf riss sie aus den trüben Gedanken. Sie schaute nach oben und sah Davids kleine Drohne, mit der er die Umgebung abcheckte. Anscheinend war weiterhin keine Gefahr zu entdecken, denn kurz darauf vibrierte das Handy in der Jackentasche, ganz wie verabredet. Ein Lichtschein streifte ihr Gesicht, als sie einen Blick auf das Display warf. Showtime. Lautlos verschwand das Handy wieder zurück in die Tasche. Sie ergriff den Henkel des kleinen Farbeimers neben sich und schaute sich um. Schattengleich tauchten nach und nach vier Jungs und ein weiteres Mädchen auf, allen voran David, Anführer der Clique und gleichzeitig der Älteste von ihnen. Vorsichtig, um nur ja kein unnötiges Geräusch zu fabrizieren, schlichen sie Schritt für Schritt in Richtung Stallgebäude: Michi folgte Basti und Alex zum Schweinestall. David eilte mit Tobi und Caro im Schlepptau auf den Kuhstall zu. Jetzt musste es schnell gehen. Zeitgleich tauchten sie die Pinsel in die mitgebrachten Eimer und begannen große Buchstaben auf die Holzwand zu schmieren.

Plötzlich flammten Scheinwerfer auf.

Verdammt. Was ist denn jetzt los? Michaelas Herz raste. Verdammte Scheiße. Ich denke, David hat alles abgecheckt? Bloß weg hier.

Ohne groß nachzudenken ließ sie Pinsel und Eimer einfach fallen und rannte los, achtete nicht einmal darauf, was ihre Freunde taten. Sie bog keuchend um die nächste Scheunenecke und prallte in vollem Lauf mit dem griesgrämigen Helfer der Meisters, Georg Kaltenbach, zusammen. Dabei wirkte Kaltenbachs Bauch wie ein Airbag, sodass Michi beim Zurückfedern beinahe ihr Gleichgewicht verloren hätte. Ihr Gegner jedoch stand wie ein Fels in der Brandung und zuckte nicht einmal mit den Augen. Blitzschnell packte er Michaela im Genick.

»Hab’ ich dich, du verdammtes Luder. Tja, Pech gehabt. Wenn ihr mich austricksen wollt, müsst ihr schon früher aufstehen.« Sein Griff wurde noch etwas heftiger.

»Aua, das tut weh«, schrie sie ihn an, zappelte mit Armen und Beinen und versuchte sich aus dem schraubstockartigen Griff zu lösen. Gleichzeitig trat sie nach seinen Beinen, doch gegen den starken Mann hatte sie keine Chance. Ganz im Gegenteil. Er funkelte sie böse an, schnappte sich ihr Handgelenk und drehte ihr den Arm schmerzhaft auf den Rücken. Michaela hatte das Gefühl, er würde ihr gleich den ganzen Arm auskugeln, genauso wie ihr Vater einem Brathähnchen genüsslich den Schenkel ausriss. Tränen schossen ihr in die Augen, doch Georg Kaltenbach kannte kein Erbarmen.

»Los, vorwärts«, schnauzte er sie an und schob sie vor sich her in Richtung Wohnhaus.

»Lass mich sofort los, oder du bekommst Mordsärger mit meinem Vater«, forderte sie energisch, obwohl ihr eher zum Heulen zumute war. Doch er setzte seinen Weg unbeirrt fort und lachte nur.

Inzwischen stand der Bauer in der Tür. Er erinnerte an eine Slapstickfigur aus den alten Schwarz-Weiß-Filmen, wie er so mitten in der Nacht dastand, eingehüllt in einen Bademantel, unter dem eine karierte Schlafanzughose hervorlugte, und abgewetzten Hausschlappen an den Füßen, angestrahlt von einem diffusen Licht, das aus dem Hausflur drang.

»Hier, Ulrich. Da hast du eine von den Schmierfinken, die keinen Respekt vor fremdem Eigentum besitzen. Am besten, du sperrst sie eine Nacht in den Kartoffelkeller und übergibst sie morgen der Polizei. Die andern haben sich leider vom Acker gemacht.«

Georg versetzte Michaela einen Stoß, sodass sie direkt auf den Körper von Ulrich Meister knallte. Beinahe hätte ihn das seinen Stand gekostet. Er konnte Michaela gerade noch festhalten und gleichzeitig sein Gleichgewicht ausbalancieren. Mit zusammengekniffenen Augen griff er nach Michis Mütze und riss sie ihr vom Kopf.

»Du, Michi?« Enttäuschung lag in seiner Stimme und versetzte Michaela einen Stich ins Herz. »Du weißt sicher, dass ich dir das nicht durchgehen lassen kann. Das wird Konsequenzen haben. Schwere Konsequenzen, so leid es mir tut.« Mit zusammengepresstem Mund ergriff er sie unsanft am Arm und zog sie ins Haus und schloss die Tür, ohne Georg Kaltenbach auch nur eines weiteren Blickes zu würdigen. Dieser zuckte nur mit den Schultern, drehte sich um und schlurfte davon.

ZWEI WOCHEN SPÄTER

»Leute, nun beruhigt euch doch. Wenn alle durcheinanderreden, kommen wir nicht weiter.« Simon Martin, amtierender Ortsvorsteher des ungefähr sechshundert Seelen zählenden Dorfes Hondingen, einem Teilort der Gemeinde Blumberg im Schwarzwald-Baar-Kreis, hielt die Hände in einer Auf- und Abbewegung vor seinen Körper, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. Ein großer Teil der Einwohner war zu dieser Informationsveranstaltung am Abend im Gemeindehaus erschienen. Dass das nicht ganz leise vonstattengehen würde, hatte er im Vorfeld schon geahnt. Oh ja, alles sprach vom Klimawandel, von erneuerbaren Energien. Doch niemand wollte die Alternativen zur bisherigen Energiegewinnung vor der eigenen Haustür haben. Seit Jahren schon wurde versucht, mehrere Windkraftanlagen auf der Länge bei Fürstenberg zu bauen. Bürgerinitiativen gegen Windkraft sammelten aktenordnerweise Unterschriften, riefen zu Online-Petitionen auf. Tierschützer schalteten Anwälte ein und klagten vor Gericht. Trotzdem war inzwischen ein Teil des Waldes gerodet worden um Platz für die Windräder zu schaffen. Im Moment lag das Areal allerdings brach, denn ein Baustopp infolge verschiedener Klagen bremste den Aufbau aus. Bis jetzt. Doch nun waren alle Klagen abgeschmettert worden, sodass der Errichtung eines Windparks nichts entgegenstand. Eigentlich.

Simon Martin hoffte auf die Akzeptanz in der Bevölkerung. Deshalb standen er und Landrat Thorsten Reimann nun hier im Gemeindehaus und versuchten noch einmal, den Dorfbewohnern die letzten Ängste zu nehmen. Doch im Moment brodelte es unter seinen Mitbürgern.

»Bitte, Leute, hört mir doch einen Augenblick zu«, rief er erneut in den Raum, während er gleichzeitig mit zwei Fingern seinen Hemdkragen samt Krawatte etwas lockerte und hinüber zu Landrat Reimann schaute. Ruhig saß dieser auf der Kante eines Tisches an der Seite, die Arme abwartend ganz entspannt vor der Brust gekreuzt.

Toll. Er konnte sich hier einen Wolf reden und der feine Herr Landrat tat so, als gehe ihn das gar nichts an. Typisch Politiker eben. Immer mussten andere den Kopf hinhalten. Simon schnaufte und fuhr sich mit den Fingern durch sein kurz geschnittenes, glattes schwarzes Haar.

»Ich wüsste nicht, was es noch zu reden gebe«, schallte es plötzlich aus der hintersten Stuhlreihe. Ein kleiner, dicklicher Mann mittleren Alters stand auf. »Ihr baut die 245 Meter hohen Dinger doch sowieso, egal was wir wollen.« Das Stimmengewirr im Raum nahm ab. Hier und da sah man zustimmendes Nicken. Gespannt warteten die anderen auf die Antwort des Ortsvorstehers.

»Und warum bist du dann hier?«, fragte Simon. »Weil du dir einfach nur Luft machen willst oder um wenigstens ein paar Antworten zu bekommen?«

»Ich finde es eine Sauerei, dass wir hier so einfach bevormundet werden. Wir wollen den Scheiß nicht haben. Hast du gesehen wie viel Wald abgeholzt wurde? Der reinste Kahlschlag war das. Viel mehr, als für die Windräder gebraucht wird. Der ganze Waldweg wurde verbreitert. Einfach zack und weg. Alter Waldbestand, total gesund. Wenn da der Borkenkäfer dringesteckt hätte, hätte ich das ja noch verstanden. Aber so? Überall schreit ihr nach Naturschutz, doch wenn die in der Regierung was bestimmen, dann ist das plötzlich alles Mumpitz.« Grimmig dreinblickend ließ sich der Mann mit geballten Fäusten auf seinen Stuhl fallen.

»Natürlich ist es schade um den Wald«, versuchte Simon zu erklären. »Darum wurden auch an anderer Stelle neue Bäume gepflanzt. Und zwar mehr, als gefällt werden mussten. Und dann dürft ihr nicht vergessen, dass die Windkraftanlagen nicht an ihren Platz fliegen können. Die Einzelteile kommen auf Schwertransportern. Das muss der Waldweg aushalten. Ganz zu schweigen von den Dimensionen. So ein Rotorblatt ist wahnsinnig lang. Damit kann man nicht so leicht rangieren. Da brauchst du einfach einen gewissen Platz.«

»Und was ist mit den Vögeln, die in die Rotorblätter geraten? Gerade bei uns, wo doch der Rote Milan heimisch ist, sollten besondere Regeln gelten.« Mit roten Backen und einem Blick scharf wie das Wurfmesser eines Zirkusartisten, kamen die Worte aus dem Mund von Sandra Maier, einer ehemaligen Schulkameradin Simons.

Dankbar registrierte Simon Martin, dass sich der Landrat dazu entschloss, sich endlich in die Diskussion einzuklinken. Er rutschte mit seinem eleganten Anzug vom Tisch und stellte sich vor die versammelten Bürger. Keinerlei Nervosität zeigte der Mann, dessen akkurat gestylte Frisur, rehbraun mit ersten silbern schimmernden Strähnen, ihn seriös und geschäftsmannmäßig aussehen ließ.

»Ich kann Ihre Bedenken durchaus verstehen. Und es ist wirklich löblich, wie Sie sich um Ihre Umwelt sorgen.« Freundlich blickte er in die Runde, nickte dabei anerkennend Sandra zu. Er drehte sich um und schaltete einen Computer ein. Gleichzeitig dimmte ein Mann im Hintergrund die Deckenbeleuchtung herunter. Thorsten Reimann betätigte einen Drücker und wie von Zauberhand leuchtete vorne an der Wand eine Statistik auf. Computer und Beamer machten es möglich.

»In dieser Powerpoint-Präsentation können Sie ablesen, wie viele Milane in den letzten Jahren durch Windkraftanlagen zu Schaden kamen. Wie Sie sehen, sind es deutlich weniger als befürchtet. Natürlich ist es um jedes einzelne Tier, das verloren wird, schade. Trotzdem müssen wir Kompromisse eingehen, um dem Klimawandel entgegen wirken zu können. Allzu große Möglichkeiten haben wir nun mal nicht. Ich kann Ihnen aber versichern, dass speziell in diesem Fall darauf geachtet wird, dass die Hauptfluggebiete der Vögel nicht beeinträchtigt sind.«

Er machte eine Pause, doch es blieb ruhig im Saal. Die Menschen hörten ihm weiter zu, wenn auch mit grimmigen Gesichtern. Also klickte er weiter. Eine weitere Zahlenkolonne erschien.

»Hier sehen Sie, was ein Windpark finanziell für eine Gemeinde bedeutet. Windkraftbetreiber zahlen Gewerbesteuern und Pachtgebühren. Und die sind nicht gerade von schlechten Eltern. Das kommt natürlich wieder den Bürgern der entsprechenden Gemeinden zugute. Oft können sich Gemeinden oder Bürger zudem direkt an den Anlagen beteiligen und so am Erfolg teilhaben. Und hat dann nach vielen Jahren so eine Anlage ausgedient, dann wird sie zurückgebaut und recycelt. Die Kosten dafür sind bereits Teil der Baugenehmigung und bei der Finanzierung mit eingeplant.«

Ein Raunen ging durch die Menge.

»Natürlich gibt es Nachteile. Das spreche ich gar nicht ab. Windräder laufen zum Beispiel nicht geräuschlos. Wer Ihnen etwas anderes weiszumachen versucht, der lügt. Auch Infraschall ist ein Thema. Aber hier ist der Abstand zum nächsten Ort so weit entfernt, dass Sie nicht belästigt werden. Das garantiere ich Ihnen. Natürlich ist es ein ungewohnter Anblick, plötzlich Windräder in der Landschaft zu haben. Das gefällt nicht jedem. Viele sprechen da von Verspargelung der Landschaft. Aber ich frage Sie: Ist das nicht ein kleines Manko gegenüber unserer Unabhängigkeit in Sachen Energie? Irgendwo müssen wir schließlich anfangen, etwas zu ändern. Wir können nicht immer nur alles anprangern und Neuerungen verteufeln. Lassen Sie uns diesen Weg gehen. Und wenn nicht alles perfekt wird, lassen Sie uns aus den Fehlern für die Zukunft lernen.«

Simon Martin registrierte, dass die Leute nicht mehr ganz so aufgebracht waren, wie am Anfang der Veranstaltung. Erleichtert atmete er aus. Langsam beruhigte sich sein Puls wieder. In der Regel mochte er seinen hauptsächlich ehrenamtlichen Job als Ortsvorsteher. Es begeisterte ihn, wenn er für seine Bürger etwas bewegen konnte. Bei Sachlagen wie dieser hier, wo andere über Dinge entschieden, die sie betrafen und sie nichts dagegen tun konnten, da fühlte er sich hilflos. Fast schon fehl am Platz. Aber am Ende blieb ihm nichts anderes übrig, als um Zustimmung zu kämpfen.

Die Diskussion zwischen Zuhörern und Landrat ging noch einige Zeit weiter. Teilweise hitzig, teilweise mit Verständnis. Simon war froh, dass er nun außen vor war. Also reden konnte Reimann, ohne Frage. Trotzdem würde bei einigen Bürgern die Skepsis bleiben. Das war normal. Und in einer Demokratie musste das eine Dorfgemeinschaft aushalten.

Zwei Stunden später hatte sich der Saal nahezu geleert. Simon packte seine Unterlagen in die mitgebrachte Aktentasche. Im Hintergrund wurde der Beamer abgebaut.

»Sehen Sie, war doch halb so wild«, vernahm er plötzlich die sonore Stimme von Thorsten Reimann neben sich. Immer noch wirkte er total locker und entspannt. Lässig steckte eine seiner Hände in der Hosentasche. »Die Menschen hier werden schon bald merken, was für ein Glück sie haben, dass gerade dieser Standort ausgewählt wurde.«

Simon, der gerade den metallenen Verschluss seiner Aktentasche ins Schloss schnappen ließ, hielt mitten in der Bewegung inne.

Glaubte der Kerl tatsächlich, was er da faselte? Oder war das einer seiner Standardsätze zur Beruhigung seines Umfelds? Vielleicht musste er sich das auch selbst schönreden. Ach, war doch egal. Am Ende würden sowieso Simon und seine Mitbürger mit dem klarkommen müssen, was andere über ihre Köpfe hinweg entschieden hatten.

»So, meinen Sie?«, fragte der Ortsvorsteher mit hochgezogenen Augenbrauen, während er sich seine Ledermappe unter die Achsel klemmte.

»Ja, selbstverständlich. Fortschritt im ländlichen Raum ist immer eine lohnende Sache.« Reimann blickte auf die Breitling an seinem Handgelenk. »Oh, ist ganz schön spät geworden. Sie müssen mich entschuldigen, aber ich habe meiner Frau eigentlich versprochen, dass es heute nicht so spät wird.« Er drehte sich um und ließ seine Augen durch den Raum wandern. Bei einem dunkel angezogenen Mann mittleren Alters, sportlich gebaut, der sich gerade mit einem anderen unterhielt, blieben sie stehen. Ein Wink und der Mann trabte nach vorne.

»Wolfgang, wir können fahren«, meinte Reimann zu ihm. Der Landrat gab Simon zum Abschied die Hand und strebte mit dem Herrn im Schlepptau dem Ausgang zu.

Der Chauffeur? Den hätte Simon manchmal auch gerne gehabt. Oder handelte es sich eher um einen Security-Mitarbeiter? In der Position eines Landrates gab es sicher auch Spinner, die ihm ab und zu an den Kragen wollten. Das wäre für Simon kein Job. Ihm reichte schon der Ärger mit seiner pubertierenden Tochter. Und das, obwohl sie nur alle zwei Wochen am Wochenende bei ihm übernachtete. Die restliche Zeit wohnte sie nämlich bei seiner Ex. Es wunderte ihn eigentlich, dass sie heute Abend nicht bei der Versammlung gewesen war. Klimakrise, Umweltschutz, Tierschutz, diese Themen hatte sie sich auf die Fahnen geschrieben. Aber anscheinend lag für sie heute etwas Wichtigeres an. Oder hielt sie sich vielleicht ausnahmsweise an dem von ihm verhängten Hausarrest und nutzte die Zeit sinnvoll? Wäre echt schön, wenn sie endlich mal für die Schule lernen würde, dachte er bei sich. Doch Hoffnung darauf hatte er nicht.

Als er ins Freie trat, schlug im kalte aber sauerstoffreiche Luft entgegen, die er tief einsog. Eine Wohltat nach dem abgestandenen Mief im Versammlungsraum. Er schlug den Mantelkragen hoch, zog den Autoschlüssel aus der Hosentasche und drückte auf die Entriegelungstaste. Zwei orangene Lichter blinkten auf, wie ein Kätzchen, das aus dem Schlaf erwacht und die Augen öffnet. Einsam und verlassen stand der in die Jahre gekommene, dunkelblaue Golf auf dem inzwischen menschenleeren Parkplatz. Gedankenverloren schlug Simon den Weg zu seinem Wagen ein. Viele Dinge purzelten kreuz und quer in seinem Kopf herum. Zu viele, wie er fürchtete. Ob er heute Nacht wohl einschlafen konnte? Nun, er war von den Einwohnern zum Ortsvorsteher Hondingens gewählt worden, also war es seine Pflicht, für die Bürger auch das Beste aus der Situation herauszuholen.

»Wie viel haben sie dir bezahlt?«, zischte es plötzlich gefährlich leise neben ihm, sodass er die Hand, die gerade die Autotür öffnen wollte, abrupt zurückzog, als hätte er in heißes Feuer gefasst. Langsam, mit leicht geneigtem Kopf, drehte er sich um. Direkt vor ihm stand Herbert Gleichauf. Mit geballten Fäusten und zusammengezogenen Augenbrauen. Kerzengerade und mit vorgestrecktem Bauch schaute er zu Simon hoch. Er schien auf Hundertachzig zu sein und Simon befürchtete, der Mann in der blauen Latzhose und der gleichfarbigen Arbeitsjacke, würde gleich auf ihn losgehen. Langsam hatte Simon für heute genug. Er wollte nur noch so schnell wie möglich nach Hause, sich in Ruhe ein Fürstenberg Pils gönnen und ein paar Augenblicke vor der Flimmerkiste abhängen. Alles hinter sich lassen. Stattdessen stand nun Herbert vor ihm. Einer der alteingesessenen Bauern, die noch Milchwirtschaft betrieben. Wenn er sich nicht irrte, war Herbert vorhin nicht in der Veranstaltung gesessen. Da wäre genug Zeit und Potenzial für jede Art von Diskussion gewesen. Nein, stattdessen tauchte Herbert hier auf und machte ihn dumm an.

»Was hast du gerade gesagt? Kannst du das noch mal wiederholen? Vielleicht habe ich mich ja eben verhört«, forderte Simon Herbert in scharfen Ton auf.

»Ich will wissen, wie viel sie dir bezahlt haben«, wiederholte Herbert Gleichauf und reckte sein Kinn dabei noch weiter nach vorne. Er wollte wohl zeigen, dass er keine Angst vor Simon hatte, auch wenn dieser einen ganzen Kopf größer war als er selbst.

»Wofür soll ich denn bezahlt worden sein?«

»Na dafür, dass die beschissenen Windräder nun doch bei uns aufgestellt werden.« Herbert überkreuzte die Arme vor der Brust und starrte Simon feindselig an.

»Mensch, Herbert«, entgegnete Simon, »du spinnst doch total. Ganz im Gegenteil. Ich habe gegen den Windpark gekämpft bis zum Schluss. Aber am Ende haben Gerichte entschieden, dass unsere Einsprüche nicht haltbar sind.«

»Nicht haltbar«, äffte Herbert Simon nach. »Du denkst wohl ich bin blöd, oder was? Du hast dich umdrehen lassen. Siehst nur noch, was man als Gemeinde damit verdienen kann. Wenn’s ums Geld geht, seid ihr Sesselfurzer doch alle gleich.« Angewidert spuckte er direkt vor Simon in den Schnee. Doch Simon beschloss, den braunen Klecks nahe seiner Stifelettenspitze einfach zu ignorieren. Stattdessen machte er noch einmal den Versuch, Herbert die Sachlage nüchtern zu erklären.

»Wenn die Gerichte nun einmal so entschieden haben, dann müssen wir eben auch das Beste daraus machen. Und mit dem eingenommenen Geld könnten wir dann auch Fördermaßnahmen für unsere Bauern tatkräftig unterstützen.«

»Ach ja? Und was ist, wenn meine Kühe auf der Weide von dem Krach der Windräder so durch den Wind sind, dass sie keine Milch mehr geben? Oder vielleicht auch ihre Kälbchen verlieren? Oder mir die Ochsen durchdrehen? Kannst du mir garantieren, dass das nicht passiert? Nee, mein Lieber, das kannst du nicht. Nur große Töne spucken von wegen Zukunft, Innovation und so einem Zeugs. Aber eins sage ich dir: Das wird noch Folgen haben. Für dich und deine Familie. Sei dir bloß nicht zu sicher. Herbert Gleichauf vergisst niemals, wer seine Feinde sind.«

Ohne noch weitere Worte zu verlieren drehte sich der Bauer um und stapfte wütend und vor sich hin brummelnd davon. Simon schaute ihm einen Augenblick hinterher, versuchte zu begreifen, wie er Herberts Reaktion einordnen sollte. Schließlich schrieb er sie der Situation zu. Herbert war noch nie durch Gewalt aufgefallen. Aber Simon verstand schon, dass der ein oder andere einfach nicht mehr weiterwusste und irgendwie Dampf ablassen musste. Berufsrisiko für Simon. Damit hatte er rechnen müssen. Also zuckte er resignierend mit den Schultern. Er konnte es nun mal nicht ändern. Herbert würde mit der Zeit schon merken, dass er sich umsonst sorgte. Davon war der Ortsvorsteher überzeugt. Abgekämpft ließ er sich ins Auto plumpsen, um endlich in seine vier Wände zu kommen. Er hoffte nur, dass Michaela nicht auch noch in Kampfstimmung war und ihn mit ihren Argumenten bombardierte. Ihm hatte die gestrige Auseinandersetzung mit ihr schon völlig ausgereicht.

»Oh Mann, mir tut jetzt noch der Bauch vom Lachen weh«, merkte die sechzehnjährige Anna an und wischte sich vorsichtig, um ihre Mascara nicht zu verschmieren, eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann hakte sie sich wieder bei Daniela, die von allen nur Danny gerufen wurde, unter. An Danielas anderem Arm hing Franca, die Dritte im Bunde der Freundinnen.

»Ich hab’s euch doch gesagt. Der Film ist megalustig. Nicht nur was für Kinder«, meinte Franca. »Ich war mit meinem kleinen Bruder letzte Woche drin. Da dachte ich mir, hey, das wär’ doch was für uns drei Grazien.« Sie schlüpfte für einen Moment aus Dannys Armbeuge, um sich ihre Handschuhe anzuziehen. Genau wie ihre Freundinnen, war sie warm eingepackt. Sie zog noch eben den Gürtel ihres Steppmantels enger, drapierte die Bommel am Ende der Bändel ihrer Wollmütze lässig im Brustbereich und kickte mit ihren Boots einen Eisbollen vor ihren Füßen auf die Seite. Schließlich hakte sie sich wieder bei Danny ein. Der Platz vor dem großen Villinger Kino Blue Boxx, über den sie jetzt schlenderten, war gut geräumt und ausgeleuchtet. Nun, direkt nach der Vorstellung des Animationsfilms Raus aus dem Teich, sahen sie noch einige fröhlich schwatzende Familien, die sich auf den Weg zu ihren Autos machten. Andere schlugen die Richtung zur Innenstadt per Fuß ein. Es war erst früher Abend und so bot es sich an, den Familienausflug auf einen Pizzariabesuch zu erweitern. Gleichzeitig strömten neue Besucher in die Hallen des Kinogebäudes. Die Abendvorstellungen für Besucher ab zwölf oder älter lockten mit Action-, Fantasy- oder Horrorgeschichten.

»Und nun, ihr Lieben? Sollen wir noch was trinken gehen? Oder nach Donaueschingen fahren zum Tanzen?«, wollte Anna wissen, während sie auf die Uhr ihres Smartphones schaute. »Ist ja noch früh. Meine Eltern sind heute bei Freunden. Da ist es sogar egal ob ich etwas später dran bin als sonst.«

»Also ich muss pünktlich sein. Meine Erzeuger sind eh schon auf Krawall gebürstet,« meinte Franca. »Ihr wisst schon, wegen den miesen drei Punkten in der Matheklausur. Ab Montag krieg ich Nachhilfe. Ist auch ganz okay. Ich will schließlich das Abi in zwei Jahren schaffen. Aber momentan habe ich den Bonuslevel meiner Eltern vollkommen aufgebraucht. Zwei Stunden habe ich noch. Da ist nichts mit einem Trip nach Donau.«

»Wisst ihr was? Wir holen uns einfach einen Kebab und schauen uns noch die weihnachtlichen Schaufenster in der Fußgängerzone an«, schlug Danny vor. »Bummeln geht immer, oder nicht Mädels?« Lachend zwinkerte sie Anna und Franca zu. Und so schlenderten eine halbe Stunde später drei gutgelaunte Mädels durch die Villinger Fußgängerzone der historischen Altstadt. Warmes Licht drang aus den jetzt, Anfang Januar, immer noch festlich dekorierten Schaufenstern und spiegelte sich in einzelnen kleinen Eisflächen auf dem Kopfsteinpflaster. Wundervolle Fachwerkhäuser säumten die Straße. Gleich neben dem Riettor stand das Franziskaner Konzerthaus. Danny freute sich schon auf das Neujahrskonzert des Villinger Symphonieorchesters. Seit sie von Stuttgart nach Villingen gezogen waren, hatten sie sich angewöhnt, jedes Jahr an diesem besonderen Event teilzunehmen. Es war quasi der krönende Abschluss der Advents- und Weihnachtszeit. Festlich und unglaublich emotional, für Danny und ihre ganze Familie.

»Hey, Danny, schau mal wer da drüben steht.« Fast wäre Daniela vor Schreck eingeknickt, als sie plötzlich und völlig unvorbereitet Francas Ellbogen in der Seite traf.

»Aua!«

»Oh, ’tschuldigung.« Schuldbewusst hatte Franca reflexartig den Kopf eingezogen und die Hand vor den Mund gelegt. Sie schaute ihre Freundin mit großen Augen an.

»Schon gut«, winkte Danny ab. »Wen wolltest du mir zeigen?«

»Ach so, ja. Da drüben, neben dem Maronen-Stand. Ist das nicht der süße Typ aus der Klassenstufe über uns, dem du dauernd hinterherschaust?« Francas behandschuhter Zeigefinger wies in die gegenüberliegende Richtung. Fast gleichzeitig hoben Anna und Daniela ihre Köpfe, um dem Fingerzeig nachzublicken.

»Heißt der nicht Rafael?«, fragte Anna. Sie leckte sich über die Lippen. »Der würde mir mit seinem dunkelblonden Strubbelhaar auch noch gefallen. Hey, Danny, sag, wenn du genug von ihm hast.« Ein theatralisches Seufzen folgte.

Mit hochgezogenen Augenbrauen machte Daniela die typische Scheibenwischerbewegung vor ihrem Gesicht.

»Träum weiter. Ihr findet den Weg allein nach Hause?«, spöttelte sie. »Ich hätte da noch was vor …«

»Klar. Kein Problem. Schwirr ab. Wir sehen uns nächste Woche im Gymi.«

Schnell nahmen sich die Mädels gegenseitig in den Arm und drückten sich. Schließlich lief Danny strahlend über die Straße, direkt auf Rafael zu. Der hatte sie noch gar nicht gesehen. Mit klopfendem Herzen kam sie bei ihm an. Schüchtern berührte sie ihn am Arm, um auf sich aufmerksam zu machen.

»Ja wen haben wir denn da?« Ein schelmischer Blick und ein breites Grinsen überzogen sein Gesicht.

»Hi, Rafael. Ich war gerade mit zwei Freundinnen unterwegs, als wir dich sahen.« Sie zeigte auf die gegenüberliegende Straßenseite, aber Anna und Franca hatten sich bereits diskret aus dem Staub gemacht.

»Sind sie nicht enttäuscht, wenn du die beiden einfach so gegen mich eintauschst?«

»I wo. Ich sagte doch, es sind zwei Freundinnen. Zwei echte Freundinnen.«

»Ja wenn das so ist …« Er legte einen Arm um sie, hob mit der anderen Hand ihr Kinn an und schaute tief in ihre braunen Augen. Dann gab er ihr einen langen zärtlichen Kuss und Daniela hatte das Gefühl zu schweben.

Am nächsten Morgen

Lachend drehte sich Manuela um und schaute, wo denn Björn abgeblieben war. Sie stopfte mit der behandschuhten Hand eine Locke, die vorwitzig unter dem dunkelblauen Stirnband hervorlugte, zurück an ihren Platz. Trotz der frühen Morgenstunde und der leicht schneebedeckten Landschaft, fühlte sie sich in ihrer Outdoorjacke und den knöchelhohen Wanderschuhen pudelwohl. Eine Thermoleggins unter der Wanderhose trug mit dazu bei, dass sie nicht fror.

Schnaufend kam ihr Mann um die Kurve, ebenfalls der Jahreszeit entsprechend angezogen. Durch seinen warmen Atem waren die Gläser seiner Hornbrille leicht beschlagen.

»Hey, alter Mann, wo bleibst du denn?«, zog Manuela ihren Gatten auf. »Ich warte schon eine Ewigkeit.«

»Na warte, wenn ich erst mal oben bin …«, japste er, blieb stehen und zog tief die Luft ein. Gleichzeitig nahm er die Brille von der Nase, rieb mit dem Handschuh über die Gläser, um sie anschließend wieder aufzusetzen.

»Ach ja, was dann?« Schelmisch zwinkerte Manuela ihm zu. Doch dann hatte sie Mitleid mit ihm, ging ihm ein paar Schritte entgegen und hakte sich bei ihm unter. Sie durfte ihn nicht zu sehr aufziehen, schließlich trug er den schweren Rucksack, randvoll mit leckeren Sachen für den Tag, da sie erst seit einer halben Stunde unterwegs waren. Für heute, ihrem zweiten Urlaubstag, hatten sie sich eine Wanderung rund um den Fürstenberg, einem kleinen Berg im Schwarzwald-Baar-Kreis nahe Blumberg, mit bewaldeter Kuppe, 912 Meter über dem Meeresspiegel hoch, vorgenommen. Laut Beschilderung sollte der Rundweg zehn Kilometer lang sein und mit mehreren, fantastischen Aussichtspunkten aufwarten. Doch zuerst wollte Manuela unbedingt auf die Kuppe. Sie hatte gelesen, dass hier 1841 ein kleines Städtchen, ebenfalls namens Fürstenberg, nahezu komplett abgebrannt war. Über vierzig Häuser hatte es dabei erwischt. Bis heute wusste man nicht genau, wie der Brand entstand. Einmal war von Blitzschlag die Rede. Dann wiederum sollte angeblich der Funke eines Weihrauchfasses einen nahestehenden Heuwagen entzündet haben. Und eine dritte Version besagte, dass einfach ein Hausbrand auf die anderen Gebäude übergegriffen hatte. Manuela fand es nicht so wichtig, wie es zu diesem verheerenden Ereignis kam. Aber sie konnte sich vorstellen, wie sehr die Familien damals darunter litten. Irgendwie hatte sie das Bedürfnis, einen Augenblick inne zu halten und an die Verstorbenen zu denken. Sicher gab es irgendwo eine Gedenktafel. Das Dorf war nach dieser furchtbaren Katastrophe am Fuße des Berges wieder aufgebaut worden war. Bis heute lebten dort Menschen. Auch Manuela und Björns Urlaubsunterkunft befand sich dort. Die Namensgebung hatte etwas mit den Fürsten zu Fürstenberg zu tun. Doch das war eine andere Geschichte. Das Fürstenhaus schien auf jeden Fall früher und heute großen Einfluss zu haben. Immer wieder tauchte der Name Fürstenberg auf. In Donaueschingen gab es sogar eine Brauerei mit diesem Namen. Hörte sich alles sehr interessant an. Doch das würde sie später einmal genauer nachlesen.

Björn und Manuela schlenderten Arm in Arm den Berg hinauf. Bei jedem Schritt knirschte der Schnee unter ihren Füßen. Sie ließen rechts und links ein paar kleinere Hügel liegen. Dann flachte der Wanderweg langsam ab. Auf der rechten Seite stand ein großes Kreuz aus dunklem Metall. Wahrscheinlich hatte es diese Farbe durch die Witterung der vergangenen Jahre angenommen, vermutete zumindest Manuela. Ehrfürchtig schaute sie in seine Richtung, machte schon einen Schritt zur Seite. Aber Björn griff nach ihrem Arm und hielt sie zurück.

»Komm, lass doch. Du wolltest auf den Berg und dich kurz umschauen und ich habe mich dazu breitschlagen lassen. Aber nur dir zuliebe. Ich möchte endlich unseren Rundwanderweg laufen. Also bitte jetzt nicht überall stehen bleiben. Wenn du willst, mach ein Foto mit deinem Handy. Und dann lass uns weitergehen.« Deutlich war der Unmut in seiner Stimme zu erkennen. Manuela nahm ihm das nicht übel. Sie wusste, er meinte es nicht böse. Er fand es eben nur langweilig. Mit einem Grinsen im Gesicht stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange.

»Nee, lass mal. Ich brauch jetzt kein Foto. Außerdem sind wir sowieso gleich oben. Da soll eine Kapelle stehen. Vielleicht können wir dort ein Selfie für unseren Status machen. Und anschließend wandern wir unsere Tour, in Ordnung?«

Ein Strahlen ging über Björns Gesicht und Manuela lachte innerlich. Sie kannte ihren Mann einfach zu gut und wusste, wie man ihn bei Laune hielt. Schließlich hatte sie keine Lust darauf, den wohlverdienten Urlaub mit einem Griesgram zu verbringen. Sie würde schon noch auf ihre Kosten kommen, da war sie sich sicher.

Interessiert schaute sie sich um. Sie konnte trotz des Schnees ein paar muldenförmige Vertiefungen erkennen, die teilweise einen Durchmesser von mehreren Metern aufwiesen. Stellenweise wuchsen einzelne Laubbäume darin. Dem leicht silbrig erscheinenden Stamm nach vermutete Manuela, dass es sich um Buchen handelte. Bis auf ein paar wenige, braune, vertrocknete Blätter standen die Bäume der Jahreszeit entsprechend kahl da, mit einer leichte Schneeschicht auf den Ästen.

»Sieht ulkig aus, wie die Bäume darin wachsen«, lachte sie und wies mit dem Finger darauf.

»Jetzt vielleicht schon. Aber als diese Mulden entstanden, hat das sicher niemand lustig gefunden. Das sind nämlich kleine Bombentrichter aus dem Zweiten Weltkrieg«, brummte ihr Mann. »Aber schau mal, da vorne ist so etwas wie eine kleine Kapelle. Meintest du das?«

Richtig. Graue, quaderartige Steine bestimmten das Bild des Bauwerks. Sie standen im Moment vor der Giebelseite. Staunend legte Manuela den Kopf in den Nacken und blickte die Wand hinauf. Auf halber Höhe entdeckte sie eine Kanzel.

Sollte die nicht eher im Gebäude sein, fragte sie sich. Nun, vielleicht wurde hier unter freiem Himmel so eine Art Gedenkgottesdienst abgehalten und der Innenraum war unter Umständen zu klein für all die Besucher.

Ihr Blick wanderte weiter nach oben. Auf dem Dach thronte ein kleines Türmchen mit einer Glocke. Zu gern hätte Manuela gewusst, wie diese sich anhörte.

»Hast du nun endlich genug gesehen? Mir wird langsam kalt«, riss eine nörgelnde Stimme sie aus ihren Gedanken.

»Sei doch nicht immer so ungeduldig. Ich laufe jetzt nur noch schnell in das Kapellchen hinein und schaue mal, ob ich auf die Kanzel komme. Du kannst hier warten und dann ein Foto von mir machen, okay?«

Björn hob resignierend die Schultern.

»Na gut, aber beeil dich. Ich will hier nicht versauern.«

Manuela warf ihm eine Kusshand zu und flitzte um die Ecke, nur um völlig baff stehen zu bleiben.

»Mensch, Björn, schau dir das mal an. Hier ist ja gar keine Wand«, rief sie. Tatsächlich war nur ein Gitter angebracht, dass das Innere vor unbefugtem Betreten schützte. In der Mitte war etwas, was vermutlich einen Altar oder so etwas Ähnliches darstellen sollte. Auch die Schnur für die Glocke war für Manuela unerreichbar dahinter festgezurrt.

»Ach du heilige Scheiße«, entfuhr es Björns Mund, was Manuela dazu veranlasste, sich ihm mit hochgezogenen Augenbrauen zuzuwenden.

»Na ja, so schlimm oder ungewöhnlich finde ich das jetzt aber auch wieder nicht«, ließ sie ihn wissen.

»Nein, ich meine nicht die Kapelle.« Lag es an dem kalten Luftzug, der hier durch das Gemäuer fegte, dass Björns Gesicht blasser geworden zu sein schien, oder täuschte sich Manuela? Nein sie täuschte sich nicht, denn er wies mit der Hand zu den schneebedeckten Stufen einer kleinen Treppe. Der Treppe, die wohl zu der Kanzel führte, die sie vor ein paar Minuten von außen betrachtet hatten. Was jedoch seine Aufmerksamkeit erregt hatte war das blutverschmierte Bündel, das vor der untersten Stufe lag. Und dieses Bündel sah verdammt nach Mensch aus.

Ein gleichmäßiges, stetiges Rauschen ließ Ines erwachen. Sie hob ein Augenlid, das schwer wie Blei zu sein schien. Es war spät geworden, gestern Abend. Oder sollte sie lieber sagen, heute Nacht? Ein Lächeln umspielte ihre Lippen und ein wohliger Schauer lief ihren Rücken hinunter, als sie an die vergangenen Stunden dachte. Dominiks vertrauter Geruch lag in der Luft und ließ ihr Herz höherschlagen. Am liebsten würde sie genau da weitermachen, wo sie heute Nacht aufgehört hatten. Langsam wanderte ihre Hand unter der Daunendecke wie von selbst zur anderen Bettseite. Doch umsonst. Enttäuscht registrierte sie, dass der Platz neben ihr bereits kalt und verwaist war. Schade. Sie kämpfte sich durch die zerwühlte Bettdecke und schnappte sich das Handy auf ihrem Nachttisch. Sieben Uhr dreißig. Sollte sie wirklich schon aufstehen? Wieder drang das Rauschen von Wasser in ihr Bewusstsein. Anscheinend duschte Dominik gerade im Badezimmer nebenan. Das brachte sie auf eine Idee. Sie schlug die Decke zur Seite, manövrierte die nackten Beine schwungvoll über die Bettkante.

»Autsch!« Irgendetwas Kantiges lag unter der Fußsohle. Was war das denn? Die Zeiten, als ihre Tochter Daniela Legosteine oder Holzklötzchen in der Gegend rumliegen ließ waren doch schon seit Jahren vorbei. Vorsichtig, um nicht noch einmal Bekanntschaft mit dubiosen Gegenständen auf dem Laminatboden zu machen, humpelte sie zur Tür und betätigte den Lichtschalter. Als sie den Übeltäter sah, musste sie grinsen. Es war ein Plastikkorken. Die zugehörige Sektflasche stand auf der Kommode. Hatten Dominik und sie tatsächlich die ganze Flasche geleert? Kein Wunder, dass sie geschlafen hatte wie ein Baby. Nur gut, dass sie heute länger liegen bleiben konnte. Im Moment war es auf der Dienststelle ziemlich ruhig, sodass sich Ines lediglich für den Notfall bereithalten musste. Sie hatte gar nichts dagegen, wenn die Bösewichte dieser Welt mal ein bisschen Pause machten. Aber aus Erfahrung wusste sie, dass so eine ruhige Phase nie lange anhielt. Doch im Moment wollte die vierundvierzigjährige Hauptkommissarin einfach nur den freien Tag genießen. Und was lag da näher, als einen Abstecher ins Bad zu machen? Grinsend versuchte sie ihr in alle Richtung abstehendes kurzes Haar mit den Händen ein wenig zu bändigen. Dann strich sie sich das Pyjama-Oberteil glatt und lief barfuß über den Flur. Während sie die Hand auf die Klinke der Badezimmertür legte, horchte sie am Türblatt. Das Wasser lief immer noch. Langsam drückte sie die Klinke hinunter und wollte die Tür öffnen. Doch diese war verschlossen. Sie runzelte die Stirn. Seit wann schloss Dominik denn ab? Und nun? Sie konnte wohl schlecht mit den Fäusten gegen die Tür hämmern. So ausgehungert nach ihm war sie nun auch wieder nicht. Trotzdem musste sie zugeben, ein bisschen enttäuscht war sie schon.

Was solls, dachte sie sich. Gehe ich eben frühstücken.

Schulterzuckend holte sie sich den Bademantel aus dem Schlafzimmer und schlenderte in die Küche. Als sie dort eintraf, blieb sie wie angewurzelt stehen und staunte nicht schlecht. Unsicher rieb sie sich die Augen, ging noch einmal zurück in den Flur und lauschte. Die Dusche lief noch immer. Also wieder zurück. Sie hatte sich nicht getäuscht. Dominik stand in seiner ganzen Pracht vor dem Kaffeevollautomat, in seinem dunkelgrauen Anzug, die dunklen Haare streng nach hinten gekämmt. Ines konnte den Duft seines Haargels riechen. Zwei Jahre älter als sie, war er immer noch in Topform. Das lag vermutlich auch daran, dass beide regelmäßig Sport trieben. Er war gerade dabei, sich einen Milchkaffee herauszulassen. Als er Ines hörte, drehte er sich um.

»Guten Morgen, Liebes. Schon auf? Ich dachte, du bleibst noch etwas länger liegen.«

»Ach, es war so einsam ohne dich. Ich hörte die Dusche und dachte, du wärst da im Bad.« Sie umarmte ihn und er gab ihr einen Kuss auf den Scheitel.

»Tja, tut mir leid. Danny ist gleich nach mir reingeschlüpft. Du weißt doch, die haben zurzeit dieses Umweltprojekt in der Schule. Das läuft auch in den Ferien.«