Schweigende Sünde - Lieneke Dijkzeul - E-Book
Beschreibung

Er hatte ihr Schreckliches angetanBei einem Klassentreffen wird der Lehrer Eric Janson auf der Schultoilette erschlagen. Nach Befragung der zahlreichen Teilnehmer des Treffens, Ex-Schüler wie Lehrer, können sich Kommissar Vegter und seine Kollegen allmählich ein Bild von dem Toten machen: Er war zwar fachlich kompetent, jedoch anmaßend und eitel, stellte Schüler und Kollegen gern bloß. Grund genug, ihn umzubringen? – Auch Eva Stotijn war bei dem Klassentreffen. Ihr hatte Janson als Schülerin Schreckliches angetan. Als ihr einstiger Mitschüler David, dem Eva auf dem Klassentreffen wiederbegegnet ist, davon Wind bekommt, setzt er sie immer mehr unter Druck und behauptet, er habe gesehen, wie sie Janson erschlug.

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EPUB

Seitenzahl:384


LIENEKE DIJKZEUL

Schweigende Sünde

Kriminalroman

Aus dem Niederländischenvon Christiane Burkhardt

Deutscher Taschenbuch Verlag

Deutsche Erstausgabe 2012© 2012 für die deutschsprachige Ausgabe: Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, MünchenDas Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlags zulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,KN digital– die digitale Verlagsauslieferung, StuttgarteBook ISBN 978-3-423-41035-9 (epub)ISBN der gedruckten Ausgabe 978-3-423-21356-1Ausführliche Informationen über unsere Autoren und Bücher finden Sie auf unserer Website www.dtv.de/​ebooks

1

Der Körper war vollkommen entspannt, so als schliefe er. Er lag mehr oder weniger auf der rechten Seite, das linke Bein halb angezogen und auf das Knie gestützt, das rechte gestreckt. Der Kopf ruhte auf dem leicht angewinkelten rechten Arm, der linke Arm auf der Hüfte, die Hand berührte kurz vor dem Bauch den Boden.

Die ideale Schlafhaltung für eine hochschwangere Frau. Aber hier handelte es sich um den Körper eines Mannes.

Er wirkte gepflegt. Die im Nacken ein wenig zu langen Haare waren dick, leicht gewellt, silbergrau und frisch gewaschen, die Nägel kurz geschnitten und poliert, der Siegelring am linken Ringfinger war von guter Qualität.

Es war kein junger Körper, ja im Grunde nicht einmal mehr der eines Mannes mittleren Alters. Aber er war gut in Form und modisch gekleidet. Er trug einen anthrazitfarbenen Nadelstreifenanzug, ein hellblaues Hemd und eine Krawatte mit silbernen Streifen, die die Haarfarbe noch zusätzlich betonten.

Nur die Schuhe passten nicht: Braun, zu plump und mit sportlichen Nähten. Wanderschuhe. Die Socken dagegen stimmten wieder. Sie waren nicht schwarz– Busfahrer tragen schwarze Socken–, sondern einfarbig dunkelgrau. Das linke Hosenbein war hochgerutscht, sodass ein Teil seiner blassen, dunkel behaarten Wade zu sehen war.

Das nackte Bein bildete einen merkwürdigen Kontrast zu der Kraft und Autorität, die der Körper ausstrahlte. Es ließ ihn verletzlich, ja beinahe obszön wirken. Hätte sich derjenige, dem dieser Körper gehörte, sehen können, hätte er das Hosenbein sicherlich nach unten gezogen, die Krawatte zurechtgerückt und die Hände gewaschen. Er hätte einen prüfenden Blick in den Spiegel geworfen und wäre sich mit einem Kamm durchs Haar gefahren. Doch auch der Kamm hätte weder die Delle in der rechten Schläfe noch die aufgeschürfte Haut verbergen können.

Es hätte ihn geärgert, dass er so unelegant im Weg lag, direkt vor der Tür, sodass niemand hereinkonnte.

Aber das machte nichts. So, wie die Dinge lagen, spielte das keine Rolle mehr. Außerdem gab es niemanden, der hereinwollte. Und bislang auch niemanden, der ihn vermisste.

2

Eva sah Irene, kaum dass sie den Bahnsteig betreten hatte. Sie erkannte sie sofort: Sie hatte die Hände in die Hosen gesteckt und eine vollgestopfte Tasche umgehängt. Ihre Haare waren zu einem lässigen Knoten hochgesteckt, und die Jacke saß vorne schief, als hätte man sie falsch zugeknöpft.

Instinktiv wich Eva einen Schritt zurück. Musste das jetzt schon sein? Wie geht es dir, und was machst du so? Und dann dieses peinliche Schweigen und verzweifelte Suchen nach einem anderen Thema. Sie hätte doch das Auto nehmen, die Fenster schließen, das Radio anmachen und den Gurt anlegen sollen, der sie fest an ihrem Platz hielt. Doch dann gab sie sich einen Ruck. Sie hatte es so gewollt, sie hatte sich darauf vorbereitet. Sie klopfte Irene auf die Schulter.

»Irene Daalhuyzen, richtig?«

Kurzes Staunen, doch dann legten sich zwei Hände auf ihre Schultern. »Eva!«

Drei Küsschen auf die Wangen. »Du hast dich kein bisschen verändert!«

»Du dich auch nicht.« Eva öffnete den obersten Knopf von Irenes Jacke und schob ihn durch das richtige Knopfloch.

Es war die richtige Geste. Irenes Lachen schallte über den ganzen Bahnsteig. Gehorsam knöpfte sie auch die anderen Knöpfe richtig zu.

»Ich sah dich direkt wieder vom Schulhof radeln, mit deiner Tasche, die schon fast vom Gepäckträger fiel«, sagte Eva entschuldigend.

»Und mit Hosenklemmen.« Leicht wehmütig betrachtete Irene die überschlanke Gestalt vor ihr, das dunkle, glatt auf die Schultern fallende Haar, die gut sitzende Hose, den Hauch Lipgloss und das Gesicht, das sonst keine Schminke nötig hatte. »Als ich losging, war ich fest davon überzeugt, gut auszusehen.«

»Das tust du auch.«

Irene strich über ihre Hüften. »Das Gesetz der Schwerkraft hat sich inzwischen bestätigt. Nach drei Kindern bin ich ganz schön aus der Form gegangen.«

»Gleich drei!«

»Und ein Hund. Aber der ist gekauft. Und einen Mann habe ich natürlich auch noch.«

»Ist der auch gekauft?« Eva grinste.

»Im Grunde schon«, sagte Irene frech. »So wie alle Männer. Wie schön, dich zu sehen! Da kommt die U-Bahn.«

»Du siehst glücklich aus.« Eva musterte Irene, die ihr gegenübersaß. »Zufrieden.«

»Du meinst bieder.« Irene nahm die Spange aus ihren Haaren und zog nacheinander einen Duploriegel, eine geschälte Apfelhälfte, eine Packung Taschentücher und eine gestreifte Kindersocke aus ihrer Tasche, bis sie den Kamm fand, den sie suchte. »Diese Tasche ist so etwas wie die Büchse der Pandora. Man dürfte sie eigentlich gar nicht öffnen. Und, was hast du in der Zwischenzeit alles so gemacht?«

»Ich habe Psychologie studiert, aber aus den falschen Motiven heraus– das wäre also abgehakt. Jetzt habe ich einen Job und ein Kind.«

»Aber keinen Mann?«

»Nein. Es hat nicht funktioniert.«

Irenes Blick wurde weich. Das war ein heikles Thema. Sie verstaute den Kamm und zog den Reißverschluss ihrer Tasche zu. »Ich weiß auch nicht, warum es bei uns klappt. Du kennst mich ja: Nach den Gesetzen der Logik hätte sich Joost längst verkrümeln müssen, und zwar mit einer feschen Blondine, die alles vorweisen kann, was ich nicht habe.«

»Mit Gesetzen scheinst du dich ja noch gut auszukennen.«

»Ein ganz oder teilweise in eine Flüssigkeit getauchter Körper…«

Sie lachten.

Eva ließ die Schultern kreisen, und ihre Anspannung ließ etwas nach. Das war eine gute Übung für später. Außerdem lief es besser als erhofft. Andererseits war Irene schon immer sehr umgänglich gewesen.

»Arbeitest du?«

»Meine Kinder sind zwei, vier und fünf«, sagte Irene. »Also nein. Obwohl es gehen würde, wenn ich es unbedingt wollte. Aber komischerweise will ich gar nicht. Ich bin nicht faul, das nicht– mit den drei Nervensägen habe ich alle Hände voll zu tun. Aber im Moment habe ich gar nicht das Bedürfnis, mich da rauszuwagen. Auch wenn ich das auf Joosts Geburtstags- und Personalfeiern niemals zugeben würde. Dort behaupte ich, dass ich meine Kreativität auslebe.«

»Und dann?«

»Dann nicken alle, und jeder denkt sich seinen Teil. Wusstest du, dass Lantingh tot ist?«

Hinter der zynischen Fassade verbarg sich so etwas wie Feingefühl.

»Nein«, sagte Eva, dankbar dafür. »Das ist mir neu. Ich hätte ihm gern erzählt, dass das Einzige, woran ich mich noch erinnern kann…«

»…die Schlacht bei Nieuwpoort ist«, ergänzte Irene. »Er hatte vor wenigen Monaten einen Herzinfarkt. Ich weiß es von Bob. Er war gerade erst in Pension gegangen, hatte sich im Garten ein Gewächshaus gebaut und wollte Fuchsien züchten. Vielleicht waren die sein Untergang.«

Dieser Ton war Eva vertraut. »Wie geht es Bob? Siehst du ihn öfter?«

»Er ist Fotograf geworden, genau wie er es wollte. Ich bin ihm vor ein paar Wochen zufällig begegnet. Er trägt die Haare immer noch lang.«

»Und Springerstiefel?«

»Und Springerstiefel. Der wird noch von sich reden machen, sobald er den richtigen Auftrag bekommt. Er hat nach dir gefragt.«

»Ich werde ihm gleich höchstpersönlich hallo sagen.«

Irene lachte und stand auf. »Wenn du wirklich dorthin willst, musst du jetzt aussteigen.«

Ihre Jacke hatte hinten einen Fleck, genau zwischen den Schulterblättern, und der Saum war an zwei Stellen eingerissen. Wie vertraut sie ihr doch war, dachte Eva. Ihre Stimme, ihre Gestik, der fein gezeichnete Amorbogen ihrer Oberlippe, die Art, wie sie beim Nachdenken den Kopf abwandte. Ganz so, als wären keine dreizehn Jahre vergangen. Vielleicht waren die anderen genauso leicht wiederzuerkennen und ganz sie selbst geblieben. Vielleicht war sie die Einzige, die sich verändert hatte oder sich zumindest hatte verändern wollen.

***

»Ich verstehe nicht, warum ich nicht mitdarf«, sagte Mariëlle. »Und das an einem Samstag! Wir hätten etwas trinken oder shoppen gehen können. Oder erst shoppen und dann was trinken gehen.«

Sie betrachtete ihre Nägel. Am rechten Zeigefinger blätterte der Lack ab. Der neue Oberlack war nicht so gut, wie man es bei dem Preis erwarten durfte. Sie fuhr mit ihrem Daumen über den Nagel. Eingerissen war er außerdem. So viel zum Thema Maniküre.

»Jetzt fang nicht wieder davon an!«, sagte David gereizt. »Was willst du denn dort? Du kennst da doch niemanden. Ich würde dich auch nicht begleiten wollen. Zu einem Klassentreffen geht man allein.«

»Und danach hätten wir noch irgendwo etwas essen gehen können«, sagte Mariëlle. »Aber falls du nicht allzu lange bleibst, klappt es ja vielleicht trotzdem noch. Wir könnten den neuen Thailänder ausprobieren. Laut Cis ist er gut.« Sie schaute zwischen ihren Knien hindurch unters Sofa, zog eine Handtasche hervor und wühlte darin herum auf der Suche nach einer Nagelfeile.

David trank sein Glas aus und knallte es auf den Tisch. »Keine Ahnung, wie lange ich bleibe. Das hängt ganz davon ab, wer alles da ist und ob es gemütlich wird.«

Sie deutete mit der Feile in seine Richtung. »Ich hätte nie gedacht, dass du das Wort ›gemütlich‹ auch nur in den Mund nimmst! Du hasst Gemütlichkeit.«

»Geh doch mit Cis zum Thailänder.« Er stand auf. »Dann kannst du auch endlich den Anzug aus der Reinigung holen. Der hängt schon seit einer Woche dort.«

Damit war das Gespräch beendet. Das Wochenende beendet. Mariëlle warf die Nagelfeile zurück in die Handtasche und schob diese mit dem Fuß wieder unters Sofa. »Ich werde mit Cis shoppen und etwas essen gehen.«

»Tu, was du nicht lassen kannst.« Er stand schon im Flur.

Ein Klassentreffen. Wer um Himmels willen ging noch auf Klassentreffen? Männer mit weißen Socken und Sandalen, die dort Schulfreunde trafen, die noch immer den typischen Studentenzopf hatten, obwohl sie längst zu alt dafür waren.

Sie konnte sich nicht zwischen der engen Hüftjeans und der neuen weißen Leinenhose entscheiden, die angenehm weit war und tiefe Taschen hatte. Auf diese Weise konnte man die Schlüssel nicht verlieren und sie sogar noch finden, wenn man angetrunken vor der Haustür stand.

Sie zwängte sich in die Jeans und betrachtete sich im Spiegel. Er ging doch bloß dorthin, weil es für ihn das erste Mal war. Wenn er zurückkam, würde er sarkastische Anekdoten über seine spießigen Mitschüler erzählen. Er hatte nach wie vor eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe. Als sie ihn kennenlernte, hatte sie ihn für seine gehässigen Imitationen bewundert.

Sie drehte sich und zog den Bauch ein. Konnte sie diese Hose noch anziehen? Natürlich. Sie könnte sogar den schwarzen bauchfreien Pulli dazu tragen. Aber es fühlte sich nicht gut an.

Sie schlüpfte aus der Hose, warf sie aufs Bett und zog die weiße an. Dazu passte der schwarze Pulli ebenfalls. Vielleicht sogar noch besser. Sie zog ihr T-Shirt aus, schob einen BH-Träger nach unten und betrachtete den Einschnitt, den dieser in der Haut hinterlassen hatte. Komisch, dass einem der Büstenhalter zuerst zu eng wurde. Sie hakte ihn auf und fuhr sich über die juckenden Brustwarzen. Das Kind war doch im Bauch, was hatten die Brüste damit zu tun? Und was hieß hier Kind: Noch war es ein undefinierbarer Zellhaufen, der kaum etwas Menschliches hatte. Der aber verdammt schnell wuchs. Jetzt war der Haufen schon um ein Vielfaches größer als noch vor wenigen Wochen.

Sie zog einen neuen BH aus der Schublade. Er war eigentlich ein Fehlkauf gewesen, weil schlichtweg zu groß, aber jetzt saß er wie angegossen. Sie musste es David sagen, hätte es ihm schon längst sagen müssen.

Sie setzte sich auf die Jeans, pulte an ihrem eingerissenen Fingernagel herum und fragte sich, warum sie zig Euro für Nägel ausgab, die ohnehin nie aussehen würden, wie sie es sich vorstellte. Sie könnte ihr Geld sinnvoller ausgeben, Babys waren teuer.

Kurz entschlossen ging sie ins Bad, um die Schere zu holen. Weg mit den Raubtierkrallen! Sie schnitt die Nägel so kurz, dass sich ihre Fingerkuppen merkwürdig nackt anfühlten. Zufrieden betrachtete sie ihre Hände. Krankenschwesterhände. Zupackende Hände.

Im Wohnzimmer klingelte das Telefon. David war das ganz bestimmt nicht. David unternahm nie Versöhnungsversuche, das überließ er ihr. Sie ließ es läuten. Dann stand sie auf, zog den schwarzen Pulli an und griff nach ihrer Handtasche samt dem Hausschlüssel.

***

»Zieh dich um, Robert, es wird langsam Zeit.«

Robert Declèr betrachtete seine sandfarbene Hose und das karierte Hemd. »Eigentlich sehe ich nicht ein, warum ich nicht bleiben kann, wie ich bin. Es ist schließlich kein offizieller Anlass.«

Seine Frau lächelte. »Aber offiziell bist du immer noch Rektor. Außerdem ist da ein Grasfleck auf deinem Knie.«

»Die Pfingstrose kränkelt«, sagte er besorgt. »Vielleicht habe ich sie doch zu tief eingepflanzt. Sie hätte längst Knospen bekommen müssen.«

»Sagtest du nicht, dass sie sich erst an ihren neuen Standort gewöhnen muss?«

»Ja, aber doch keine drei Jahre!« Er erwiderte ihr Lächeln, erfreut über ihr Interesse, wusste er doch, dass sie sich nichts aus Gärtnern machte. »Pfingstrosen sind oberflächliche Geschöpfe, die müssen nicht tief in die Erde gesetzt werden.«

»Womit sie viel mit uns Menschen gemeinsam haben.« Sie berührte ihn an der Schulter. »Ich habe an den grauen Anzug gedacht und dir eine Krawatte rausgelegt.«

Er erhob sich gehorsam. »Und du? Kann ich dir irgendwie behilflich sein? Bei einem sexy Reißverschluss zum Beispiel?«

»Wenn du nicht mal merkst, dass ich bereits umgezogen bin, hätte ich mir die Mühe sparen können.« Sie schob ihn aus dem Zimmer. »Nur bei der Perlenkette. Ich bekomme den Verschluss nicht zu.«

Er ging vor ihr die Treppe hoch ins Bad. Anfangs hatte er noch auf sie gewartet, bis er merkte, dass sie es hasste, sich gezwungen zu fühlen, mit ihm Schritt zu halten.

Während er die Hände wusch, hörte er ihre langsamen Schritte im Flur.

»Ich hätte dir die Perlenkette auch bringen können.«

»Ja.« Sie betrat das Schlafzimmer. Die Schiebetür des Einbauschranks klapperte, als sie sie aufschob. Am Tag nach seiner Pensionierung würde er mit Schraubenzieher und Schmierfett durchs Haus gehen. Dann würde er dafür sorgen, dass alle klemmenden Schubladen wieder leicht auf- und zugingen, quietschende Scharniere geölt würden und man bei dem Sofa endlich wieder die Rückenlehne verstellen könnte.

Er trocknete sich die Hände ab, sah in den Spiegel und betrachtete seine Tränensäcke. Seine Frau würde bald sterben, aber bis es so weit war, suchte sie noch Anzüge für ihn aus und legte ihm Krawatten heraus.

Und was würde er tun, bis es so weit war? Er würde Unkraut jäten, den Rasen abstecken und die Terrasse erhöhen. Aber als Erstes würde er die Wege verbreitern, damit sie rollstuhlgeeignet waren. All das würde er tun, weil sie wusste, dass er Spaß daran hatte, und es nicht so aussähe, als täte er es für sie. Aber das Haus… das Haus würde so lange wie möglich bleiben, wie es war. Ohne Komfort, aber doch komfortabel, weil es genau so war, wie sie es sich vorstellte. Ein Haus mit der Grandezza des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts. Geräumige Zimmer mit hohen Decken, ein eichenvertäfelter Flur mit Marmorboden, ein Buntglasfenster über der breiten Haustür, eine elegante Treppe mit einem kupfernen Handlauf über den gedrechselten Säulen und ein großer Garten. Janna war hier geboren worden und hatte das Haus nach dem Tod ihrer Eltern geerbt. Sie meinte, das Haus müsse eigentlich Sonnenwende heißen, und hatte alle seine Versuche, es zu modernisieren, abgeschmettert. Wenn sie abends ausgingen, ließ sie überall Lichter brennen, damit sie beim Nachhausekommen sagen konnte: »Schau, es strahlt uns an!«

Er spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht und griff erneut zum Handtuch. Seine Wangen fühlten sich schon wieder stoppelig an, und er musterte unentschlossen die Tube Rasierschaum. Immer öfter ertappte er sich dabei, dass ihn die alltäglichen Handgriffe nervten.

»Robert.«

»Ich komme.«

Er ließ den Verschluss der Perlenkette einschnappen und knipste die Sicherheitsöse zu. »Also kein Reißverschluss?«

»Alter Bock.«

Seine Lippen glitten über ihren Hals. »Junges Gemüse.« Sie reichte ihm die Krawatte, die er sich wie ein zum Tode

Verurteilter umhängte, der selbst mit dem Strick hantieren darf. »Du bist in dieser Woche ganz schön braun geworden, Janna.«

»Nur an den Armen.« Sie griff zu ihrer Tasche. »Als du dich heute Mittag mit deinen Pfingstrosen abgemüht hast, fiel mir wieder ein, dass ich früher um diese Zeit immer Angst hatte, nicht gleichmäßig braun zu werden. Nahtlos, meine ich.«

»Ach ja?«, fragte er verblüfft.

»Nach der Geburt der Kinder musste ich mich schwer beherrschen, nicht auf dem Rasen eine Brücke zu machen.« Sie lachte über sein erstauntes Gesicht. »Frauen wollen keinen braunweißgestreiften Bauch.«

»Eine Brücke machen.« Er band einen Krawattenknoten und fühlte sich wie beschenkt. »Das hast du mir gar nie erzählt.«

»Weil es damals mein Geheimnis war.« Sie zog die Krawatte zurecht. »Lass mich kurz schauen, ob sie richtig unterm Kragen sitzt.«

»Sollen wir zu Fuß gehen oder mit dem Auto fahren?«, fragte er, während er ihr in die Jacke half.

»Jetzt würde ich gern zu Fuß gehen. Aber zurück will ich mit dem Auto.« Sie lachte. »Wie lösen wir das Problem?«

»Auf dem Rückweg nehmen wir einfach ein Taxi. Dann kann ich auch ein Glas Wein trinken. Die Organisatoren haben versprochen, dass diesmal was Anständiges ausgeschenkt wird.« Er klopfte sich auf die Taschen.

»Deine Schlüssel liegen auf dem Tisch. Hast du die Gartentüren zugemacht?« Beidhändig zog sie die Haustür auf.

Er machte hier und da eine Lampe an, eilte zurück in den Flur, schloss die Haustür ab und betrat den Gartenweg, auf dem sie stehenblieb, um eine frühe Rose zu bewundern. Auf dass er die klemmende Klinke des Gartentors bediente.

***

»Hast du es ihm schon gesagt?« Cis griff zu ihrem Wodka Lime und drückte gleichzeitig ihre Zigarette in dem vollen Aschenbecher aus. »Ich rauche zu viel.«

Mariëlle musterte sie kritisch. »Du trinkst auch zu viel. Das ist schon dein drittes Glas. Und zum Essen bestellst du Wein. Ich dachte, du wolltest abnehmen. Alkohol macht nämlich dick.«

»Und grobe Poren, geplatzte Äderchen und Leberzirrhose.« Cis saugte genüsslich an dem Zitronenschnitz. »Gleich gehen wir essen, versprochen. Es ist gerade mal halb sieben. Du hast es ihm also noch nicht gebeichtet?«

»Wer sagt das?«

»Du, weil du meine Frage nicht beantwortet hast. Willst du es überhaupt?«

Mariëlle sah sich in der Kneipe um, in der das typische Samstagnachmittagspublikum saß. Frauen, die alle die angesagte Leinenhose und ein kurzes Top anhatten, während der flotte Blazer lässig über der Lehne hing. Die Männer trugen Polohemd und Freizeithose. Der Barmann fing ihren Blick auf und zeigte fragend auf ihre Gläser. Sie schüttelte den Kopf.

»Nicht?«, fragte Cis erstaunt. »Warum bist du dann in Gottes Namen schwanger?«

»Das meinte ich nicht. Und ja, ich will es schon.«

Sie machte sich nicht länger vor, noch keine Entscheidung gefällt zu haben. Die vergessene Pille war ein »Freud’sches Vergessen«.

»Und wenn sich David querstellt?«

»Dann ist es eben aus.« Sie hielt ihre Hand über das Glas, weil der Barmann doch eine Kellnerin an ihren Tisch geschickt hatte. Sie hatte keine Lust, noch einmal alles mit Cis durchzukauen. Die war nur sensationslüstern und suhlte sich gern in Beziehungsproblemen, wenn sie nicht selbst davon betroffen war.

Cis setzte einen skeptischen Blick auf. »Ich kann mir dich gar nicht hinter einem Kinderwagen vorstellen. Und David erst recht nicht.«

Mariëlle schob den stinkenden Aschenbecher beiseite. David hatte nichts gegen Kinder, er stand ihnen völlig gleichgültig gegenüber. Sie hatten mal in einem Straßencafé gesessen, wo ein paar Kleinkinder um ihren Tisch getollt waren. Ohne das Gespräch zu unterbrechen, hatte er sie mit einer knappen Geste verscheucht, so als handelte es sich um Fliegen. Sie hatte ihn anschließend darauf angesprochen, doch er hatte bloß die Stirn gerunzelt: »Sie waren lästig.« Ihr war nur die instinktive Reaktion der Kinder aufgefallen. Sie tollten weiter umher, mieden aber ihren Tisch. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, was ihr in diesem Moment durch den Kopf gegangen war: Wie es wohl war, selbst mit so einem Zwerg hier zu sitzen? Es war das erste Mal gewesen, dass sie so etwas dachte, und der Gedanke hatte eine Unruhe in ihr ausgelöst, die einfach nicht mehr verschwunden war. Sie war einunddreißig, die berühmte biologische Uhr begann zu ticken. Noch nicht laut, aber doch. Erst vor Kurzem hatte ihr Vater scherzhaft erwähnt, dass er bald Zeit hätte, ein Enkelkind zu hüten, woraufhin ihre Mutter süffisant bemerkt hatte: »So weit ist David noch nicht.« Ihre Mutter konnte David nicht leiden, obwohl er all seinen jungenhaften Charme eingesetzt hatte, um sie umzustimmen.

»Im wievielten Monat bist du jetzt?« Cis nahm den letzten Schluck und stellte ihr Glas etwas zu laut ab.

Die muss ich gleich nach Hause fahren, dachte Mariëlle. »Fast im zweiten Monat.«

Es würde ein Winterkind werden. Ein Nikolausgeschenk. Etwas von der ursprünglichen Freude kehrte zurück, vertrieb die nervöse Unsicherheit. Sie trug etwas mit sich herum, sowohl im eigentlichen als auch im übertragenen Sinne. Etwas, worüber sie allein entscheiden konnte. Worüber sie bereits entschieden hatte– eine der wenigen selbstständig getroffenen Entscheidungen des letzten Jahres.

Ein Stuhl wurde grob gegen den ihren geschoben, und sie sah sich um. Ein langer Lulatsch, der seine beginnende Glatze dadurch zu verbergen suchte, dass er das Haar knapp über dem Ohr gescheitelt hatte, grinste entschuldigend und legte eine große, warme Hand auf ihre Schulter. Nicht auf ihren Pulli, sondern auf die nackte Haut.

Auf einmal wollte sie nur noch weg und konnte die Kneipe kaum noch ertragen– die laute Musik, die Stimmen, die versuchten, einander zu übertönen, den Rauch, die Hitze. Sie schüttelte die Hand ab und stand auf.

»Gehen wir essen?«, fragte Cis enttäuscht. Sie griff erneut nach ihrem Glas, drehte sich halb zur Kellnerin um und taxierte dabei den langen Lulatsch, der gerade zur Tür ging. Ihre Kopfhaut schimmerte weiß unter den kurz geschnittenen Haaren hindurch, die nach dem letzten Färben etwas zu rot geworden waren.

Sie muss alles übertreiben, dachte Mariëlle verärgert. Zu viel Schminke, zu viel Nikotin, zu viel Alkohol, zu viele Männer.

»Nein, ich gehe nach Hause.« Sie schlüpfte in ihren Blazer.

»Das sind die Schwangerschaftshormone.« Cis blieb sitzen, mit der typischen Sturheit einer Beschwipsten.

»Wahrscheinlich. Außerdem habe ich Kopfschmerzen. Tut mir leid, Cis.« Sie küsste Cis flüchtig auf die Wange. »Nimm ein Taxi.«

Federwolken standen am violetten Himmel, und über der Gracht hingen Nebelschleier. Die Bäume flirteten mit ihrem Spiegelbild im glatten Wasser.

Mariëlle fröstelte in der kühlen Abendluft. Jetzt schnell nach Hause und in den kuscheligen Jogginganzug schlüpfen, den David so hasste. Nicht nachdenken, nicht nachrechnen, sich einfach mit einer Tiefkühlpizza und der Wochenendzeitung aufs Sofa lümmeln. Sie zog die Autoschlüssel aus der Hosentasche. Kurz glitt ihre Hand über den flachen Bauch. Zwei Gläser Wein. Nichts, weswegen man ein schlechtes Gewissen haben musste.

3

Die Schule sah noch genauso aus wie vor dreizehn Jahren, aber die Ahornsetzlinge davor hatten sich zu riesigen Bäumen entwickelt. Die Doppeltür des Haupteingangs stand einladend offen. Eva warf einen Blick auf den Fahrradschuppen. Irene bemerkte ihren Blick und lachte.

»Dort habe ich meinen ersten Joint geraucht. In der großen Pause, wohl gemerkt.«

»Wie alt warst du da?«

»Vierzehn. Daraufhin wurde mir speiübel, denn ich hatte nichts gefrühstückt. Der Rest des Tages ist wie ausgelöscht.«

Sie liefen durch den vertrauten Vorraum, am Hausmeisterglaskasten und dem Sekretariat vorbei. Dann bogen sie nach links in den Flur und sogen den typischen Schulgeruch in sich ein: nasse Jacken, Kreide und Schweiß. Die Türen der Klassenräume, an denen sie vorbeikamen, waren zu, und als Eva eine Klinke hinunterdrückte, war das Zimmer abgeschlossen.

»Das ist schon in der Vorschule meines Sohnes so«, meinte Irene lakonisch. »An Schulen wird wahnsinnig viel geklaut. Wie abweisend das alles wirkt!«

Durch die Flurfenster sahen sie hochgestellte Stühle und Wischspuren auf dem abgenutzten Linoleum. Das Regal war eingestaubt, der Mopp lag auf dem Boden, und vor einem der Fenster hing windschief eine Jalousie. Das einzig Moderne waren die Computer, die am hinteren Ende des Raumes aufgereiht waren.

»Ganz schön deprimierend«, sagte Irene. »Wenn das die Auswirkungen der neuesten Schulreform sind, kann ich gut verstehen, dass es Beschwerden gibt. Würdest du dich vor so eine Klasse stellen wollen?«

»Nicht um alles Geld der Welt.«

»Ich auch nicht.«

Irene lachte. »Höchstens vor eine Grundschulklasse. Die hat noch was Gemütliches. Hast du die Schule gehasst?«

»Nicht die Grundschule. Und auch nicht die Mittelstufe, zumindest nicht am Anfang. Ehrlich gesagt war ich damals lieber in der Schule als zu Hause.«

Irene nickte, sagte aber nichts darauf.

Jetzt fragt sie sich bestimmt, warum ich das erwähnt habe, dachte Eva. So, wie sie sich bestimmt schon gefragt hat, warum ich nicht mehr von mir erzähle, wo sie doch ihr Innerstes nach außen gekehrt hat. Ich weiß, wo sie wohnt, welchen Beruf ihr Mann hat, welche Probleme es mit den Kindern gibt. Bis auf ihr Liebesleben weiß ich alles über sie. Und das ist auch der einzige Grund, warum alle zum Klassentreffen kommen– pure Neugier: Wir wollen wissen, wer dick, früh alt oder unglücklich geworden ist. Wir wollen unseren sozialen Status miteinander vergleichen und hoffen, mehr erreicht zu haben als die anderen. Aber morgen haben wir uns wieder vergessen, denn ein echtes Interesse besteht nicht mehr füreinander. Ein befreiender Gedanke!

»Meine Eltern haben sich damals scheiden lassen, und meine Mutter hat sehr darunter gelitten. Im Grunde tut sie das immer noch.«

»Ich erinnere mich vage. Aber ich weiß nicht mehr genau…«

»Sie führten keine gute Ehe, aber als mein Vater in Betrügereien verwickelt wurde, war es endgültig aus. Meine Mutter konnte es nicht ertragen, die Frau eines Gefängnisinsassen zu sein.« Sie lachte. »Aber das musste sie auch nicht, denn noch bevor er verurteilt wurde, war sie auch schon von ihm geschieden.«

»Du musst mir das nicht…«, hob Irene an. Sie legte ihre Hand auf Evas Arm. »Jetzt erinnere ich mich wieder, aber wenn du es nicht erwähnt hättest, wäre es mir völlig entfallen. Damals war es das Thema schlechthin, ungefähr eine Woche lang. Danach hat sich kein Schwein mehr daran erinnert, während du… Ich fand es schon immer komisch, dass du dich so von uns distanzierst hast. Du warst beliebt, und das nicht nur bei den Jungs. Aber als wir Abitur gemacht haben, warst du nur noch ein Schatten deiner selbst.« Sie musterte Eva aufmerksam. »Bist du deshalb so nervös? Denn das bist du, das sehe ich.«

Eva zuckte die Achseln. »Es kommt vieles wieder hoch, das ist alles.«

»Lass uns was trinken!«, sagte Irene. Sie schob Eva vor sich her. »Vorausgesetzt, es gibt was. Wenn nicht, hauen wir ab und setzen uns in eine Kneipe.«

Es war überraschend voll. Überall ins Gespräch verwickelte lachende Leute mit einem Glas in der Hand, begeisterte Ausrufe und großes Hallo. Die schweren dunkelroten Vorhänge waren zugezogen, um für etwas Intimität zu sorgen. Schälchen mit Teelichten standen herum, Ballons hingen von der Decke, und es spielte eine Band.

»Im Grunde ist alles beim Alten geblieben«, sagte Irene zynisch. »Die Wünsche sind nach wie vor größer als das Budget.« Sie reckte den Hals. »Cas spielt Schlagzeug, siehst du ihn? Er hat sich kein bisschen verändert.«

Eva nickte. Wie oft sie das heute Nachmittag noch hören würde? Sie sah zu Cas hinüber, der damals Drummer in der Schulband gewesen war. Er saß noch genauso lässig hinter seinem Schlagzeug wie früher, während ihm die Locken an der Stirn klebten und er die Ärmel seines Hemds hochgekrempelt hatte.

Irene deutete auf die improvisierte Bar. »Ich sehe Weinflaschen. Warte, lass mich das machen.« Sie zwängte sich durch die doppelte Reihe der Wartenden. »Bart! Gib mir zwei Gläser Weißwein!«

Der langsam kahl werdende Dreißiger hinter der Bar sah auf. »Irene!« Er breitete theatralisch die Arme aus. »Wo hast du bloß all die Jahre gesteckt? Ich habe die ganze Zeit auf dich gewartet.«

»Dann hast du zu lange gewartet.« Sie zeigte ihm den Ring an ihrer rechten Hand, beugte sich über den Tresen und küsste ihn auf die verschwitzten Wangen. »Wie geht es dir, Bart?«

Er strich über sein gut gepolstertes T-Shirt. »Ausgezeichnet.«

»Was machst du?«

»Gaststättengewerbe.« Er grinste. »Ich habe heute einen ganz normalen Arbeitstag.« Geschickt zapfte er ein paar Biere und schenkte zwei Gläser Wein ein.

»Hast du den Laden von deinem Vater übernommen?«

Er nickte. »Obwohl ich das eigentlich nie gewollt habe. Doch jetzt bin ich doch dort gelandet.«

»Es sieht nicht so aus, als ob du darunter leiden würdest.«

»Nein, das tue ich auch nicht.« Er nahm einen Schluck Cola. »Aber dafür habe ich mit dem Trinken aufgehört.«

»Im Ernst?«

»Im Ernst. Es war einfach zu viel.« In der Zwischenzeit spülte er routiniert mehrere Gläser, wischte über den Tresen und trocknete sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. »Sonst wäre es mir ergangen wie meinem Vater, Gott hab ihn selig.«

»Ist dein Vater… das kann doch nicht sein?« Sie stellte die Gläser wieder ab.

»Doch, leider.« Das Grinsen kehrte sofort zurück.

»Bart!« Jemand winkte mit einem Glas.

»Ich bin mit Eva hier«, sagte Irene. »Wir sprechen uns später.«

Er nickte. »Ich habe sie schon entdeckt. Sie ist immer noch rappeldürr. Hat aber nach wie vor ein schönes Gesicht.«

»Bart!«

Er beugte sich über die Bar. »Ronald, altes Haus, wie geht’s?«

Eva unterhielt sich mit einem hochgewachsenen Mann, den Irene erst erkannte, als er ihr das Gesicht zuwandte.

»Meneer Declèr!« Sie gab Eva ihr Glas.

Er brauchte nur eine Sekunde. »Irene.«

Sie schüttelte seine Hand, betrachtete das erschöpfte Gesicht, die dicken Tränensäcke unter den Augen. »Wie geht es Ihnen?«

»Ausgezeichnet. Und dir?«

»Verheiratet, drei Kinder.« Sie hielt den Kopf schräg. »Ich hoffe, Sie haben nicht allzu große Erwartungen in mich gesetzt.«

»Eine schönere Karriere ist gar nicht vorstellbar«, sagte er galant.

Sie lachte. »Das sollte ich meinen hart arbeitenden Freundinnen erzählen!«

»Du arbeitest nicht nebenher?« Er zupfte an seiner Krawatte. »Ich bin altmodisch genug, um das zu schätzen zu wissen. Auch wenn mir klar ist, dass es oft gar nicht anders geht«, sagte er mit einem Blick auf Eva.

»Und Sie?«

»Das ist mein letztes Schuljahr. Ende Juni gehe ich in Pension.«

»Um das Leben zu genießen.«

Ein Schatten fiel auf sein Gesicht. »Schön wär’s.«

»Aber dem ist nicht so?«

Er lachte herzlich. »Es freut mich, dass du noch immer so direkt bist wie früher.« Er sah über sie hinweg. »Ah, da ist ja meine Frau.«

Irene drehte sich um. Sie hatte die Frau des Rektors als elegante, distinguierte Erscheinung in Erinnerung. Sie besaß jene Aura, die Selbstvertrauen und altem Geld geschuldet ist. Die Frau, die jetzt auf sie zukam, lief mit steifen, weit ausholenden Schritten wie ein Roboter. Sie trug ein Seidenkostüm, dessen Jackett schlecht saß, weil sie einen Buckel hatte.

Irene versuchte, sich ihr Mitleid nicht anmerken zu lassen.

»Janna.« Der Rektor legte kurz den Arm um sie. »Du kannst natürlich nicht mehr alle kennen, aber an Irene und Eva erinnerst du dich bestimmt noch.«

»An Irene, ja.« Sie besaß ein charmantes Lächeln. »Aber nicht an ihren Nachnamen.«

»Daalhuyzen.« Irene lächelte zurück.

»Natürlich. Und Eva ist Eva Stotijn.« Das Lachen bekam etwas Triumphierendes. »Manche Namen bleiben eben hängen.«

Evas Gesicht erstarrte, dann streckte sie die Hand aus. »Mevrouw Declèr.«

»Habe ich etwas Falsches gesagt, mein Kind?« Mevrouw Declèr hielt ihre Hand fest.

»Nein, nein.« Eva entspannte sich. »Ich bin nur über Ihr Gedächtnis erstaunt.«

»Stotijn war doch ein bekannter Name«, sagte Mevrouw Declèr nachdenklich. »Ich weiß nur nicht mehr, warum.«

Irene mischte sich ein. »Ihr Mann hat mir soeben erzählt, dass er Ende nächsten Monats in Ruhestand geht.«

»Dann kann er sich ganz auf seinen Garten konzentrieren.« Mevrouw Declèr zwinkerte. »Und auf mich.«

»Ich weiß nicht, worauf ich mich mehr freue.« Er sah sich um. »Wir müssen noch ein paar Hände schütteln, Janna. Sonst fühlen sich die ehemaligen Schüler vernachlässigt.«

»Das dürfen wir auf keinen Fall zulassen.« Sie nickte zum Abschied. »Wir sehen uns bestimmt noch.«

»Was fehlt ihr?«, fragte Irene.

Sie lehnten an der Wand. Der Raum war proppenvoll, die Band hatte noch einen Zahn zugelegt, und die Gespräche wurden schreiend geführt. Eva hatte sich eine Zeit lang mit Bob unterhalten, während Irene bei ein paar Lehrern die Runde machte. Mevrouw Declèr saß an einem Tischchen ganz in ihrer Nähe und hatte sichtlich Mühe zu lächeln.

»Sie hat MS.« Eva hob den Vorhang und stellte ihr Glas auf die Fensterbank. Sie hätte etwas zu Mittag essen sollen. Zwei Gläser Wein, und schon drehte sich alles. »In einer sehr aggressiven Form. Das hat mir Bob erzählt.«

»Der Typ ist wirklich ein wandelndes Klatschblatt. Deshalb sieht Declèr so mitgenommen aus.«

»Du meinst sie.«

»Ja, sie natürlich auch. Aber ich bin erschrocken, dass er so alt geworden ist. Er wirkt irgendwie mutlos. Jetzt verstehe ich auch, warum. Das ist wirklich traurig.«

Eva nickte. »Bob zufolge sitzt sie in einem halben Jahr im Rollstuhl.«

Sie schwiegen eine Weile.

»Ich habe Lamboo gesehen«, sagte Irene. »Er ist dick geworden und wahnsinnig spießig. Und Etta Aalberg wirkt total langweilig, obwohl sie früher immer so eine geheimnisvolle Aura um sich hatte wie eine französische Chansonsängerin. Und Horsman ist schon Opa. In den war ich mal verknallt, weißt du noch? Er sah aus wie Clint Eastwood. Apropos alte Lieben: David ist auch da.«

»David?«

»David Bomer, er war eine Klasse über uns, erinnerst du dich nicht mehr an ihn?«

Eva überlegte. »Groß und dunkel?«

»Genau der.« Irene lachte. »Wir gingen gerade mal in die achte Klasse, und ich stand noch gar nicht wirklich auf Jungs. Ich konnte mit dem Gefummel hinter dem Fahrradschuppen einfach nichts anfangen.«

»Ich habe Lydia gesehen«, sagte Eva. »Und Trudy und Martine. Aber es sind wahnsinnig viele Leute da, mehr, als ich gedacht hätte. Von den Lehrern habe ich noch niemanden gesprochen. Ach so, doch, Mevrouw Landman. Die ist schon in Pension. Sie trägt immer noch schwungvolle Sommerkleider.«

»Ter Beek kannst du vergessen.« Irene schüttelte den Kopf. »Was für ein Miesepeter der geworden ist! Der kann sich kein einziges Lächeln abringen. Er unterrichtet nicht mehr.«

»Was macht er dann?«

»Er koordiniert«, sagte Irene vage. »Das ist wahrscheinlich besser so. Er konnte schon damals nicht für Ordnung sorgen, und so, wie er sich jetzt benimmt, werden sie ihn in Kürze in Frühpension schicken. Wusstest du eigentlich schon, dass Lisa wegen Drogenschmuggel gesessen hat? Sie ist nicht da, aber ich weiß das von Eddy. Das hätte ich nie von ihr gedacht, aber wenn man ihm Glauben schenkt, ist ein echt wildes Mädchen aus ihr geworden. Und Eddy…« Sie musste lachen. »Er hat angeberisch mit dem Schlüssel eines dicken BMWs aus dem Bestand seines Escortservices gewinkt. Kannst du dir das vorstellen? Ich hätte gern noch ein Glas Wein. Wollen wir danach noch mal eine Runde drehen?«

»Geh ruhig.« Eva griff nach ihrer Tasche. »Ich habe Kopfschmerzen und muss mal kurz vor die Tür. Außerdem habe ich Lust auf eine Zigarette.«

»Davon gehen die Kopfschmerzen bestimmt nicht weg.« Irene winkte erneut einem Bekannten. »Du siehst blass aus. Hast du Aspirin dabei?«

»Ja. Bis gleich.«

»Ich habe dir eine Cola gebracht.«

Alle hatten sich um die Bühne geschart. Die Band spielte den Schulsong, und es wurde lauthals mitgesungen. Neben Irene stand Bart, er hatte den Arm um ihre Schultern gelegt.

Eva nahm ihr das Glas ab. »Danke.«

»Ich dachte, das ist bestimmt besser als noch ein Glas Wein. Geht es wieder?« Irene hatte Mühe, sich verständlich zu machen.

»Nein, eigentlich nicht.« Eva zeigte auf die Bühne. »Ich gehe nach Hause, mir reicht’s.«

»Ich bleibe noch ein bisschen.« Irene war ein wenig angetrunken. Die Haare waren teilweise aus der Spange gerutscht, ihre Augen glänzten.

»Ihr seid mit der U-Bahn da, stimmt’s?«, fragte Bart. Er ließ Irenes Schulter los. »Irene meinte, dass es dir nicht gut geht. Soll ich dich kurz zum Bahnhof bringen?«

Eva schüttelte den Kopf. »Ich habe das öfter. Eine Art Migräne. Die frische Luft wird mir guttun, hier ist es so stickig. Und du musst wieder hinter die Bar.«

Irene gab ihr einen Kuss. »Lass uns mal zusammen mittagessen gehen. Ich rufe dich an.«

Die Band ließ einen dröhnenden Schlussakkord hören, und es wurde wild applaudiert. In die darauffolgende Stille drang helle Aufregung. In der Türöffnung der Aula standen zwei Männer, zwischen sich eine junge Frau, die hysterisch weinte.

»Meine Güte!«, sagte Bart. »Was ist denn da los?«

Die Frau machte ein paar schwankende Schritte in den Saal. »Er ist tot! Ich habe gesehen, dass er tot ist! Warum tut denn niemand was?«

4

Paul Vegter lag in der Badewanne und hörte ein Klavierkonzert. Mozart, KV 467.Er hatte die Wiederholungstaste des CD-Players gedrückt und ließ sich schon zum zweiten Mal von der Wehmut des Andante gefangen nehmen. Er fröstelte trotz des warmen Wassers. Er hätte es eigentlich besser wissen müssen: Diese Art Masochismus konnte er sich noch nicht erlauben. Trotzdem blieb er liegen und betrachtete seine Brustbehaarung, die wie ein graues Vogelnest auf dem Wasser trieb.

Johan kam herein, schnupperte an seinen Pantoffeln und legte sich auf sie. Vegter griff nach der Flasche auf dem Wannenrand und nahm einen Schluck von seinem mexikanischen Bier. Er hatte gedöst, und das Bier war lauwarm und schal. Höchste Zeit, dass er sich um die Zimmerlinde kümmerte, die schon wieder ein gelbes Blatt hatte.

Er setzte sich auf und zog den Stöpsel heraus. Geistesabwesend beobachtete er den Strudel unweit seiner Füße, bis seine Zehen rosig und runzlig aus dem Wasser ragten. Das Blatt würde abfallen, so viel stand fest. Es war schon das fünfte innerhalb weniger Wochen, und so langsam sah die Pflanze aus wie ein aufgespannter Regenschirm. Es musste doch eine Erklärung dafür geben! Er nahm ein Handtuch von der Stange und trocknete sich ab– Brust, Bauch, Po. Es gab deutlich mehr Vegter als noch vor einem Jahr. Vielleicht sollte er kochen lernen. Eine Ernährung, die aus Tiefkühlmahlzeiten und Spiegeleiern mit Speck bestand, hätte Stef einseitig genannt. Auf jeden Fall musste er weniger trinken.

Er kämmte sich durchs Haar, das umgekehrt proportional zu seinem Gewicht weniger wurde, warf das Handtuch in den Wäschekorb, vertrieb Johan von seinen Pantoffeln und schlüpfte in den schweren Baumwollbademantel. Stefs Pflanzenratgeber musste irgendwo im Regal stehen.

Er nahm ein frisches Bier mit ins Wohnzimmer. Johan saß vor der Fensterbank und wartete auf Hilfe, also hob er ihn hoch. Der Kater lag schwer in seinem Arm. Er ist genauso energielos wie ich, dachte Vegter. Wir sind ein Jahr weiter und haben unseren Rhythmus immer noch nicht wiedergefunden. Er setzte Johan auf die Fensterbank und ging das Bücherregal durch, von oben nach unten und von links nach rechts. Er wunderte sich, was er alles mit umgezogen hatte: Vestdijk, Blaman, Kerouac, den er damals für einen arroganten Flegel gehalten hatte, von dem Stef aber schwer beeindruckt war. Sie hatte ihm Spießertum vorgeworfen, und er ihr Pedanterie. Das war damals, als sie noch glaubten, den andern ändern zu können. Sein Blick glitt über die moosgrünen Buchrücken der Gesamtausgaben von Couperus. Kosinski, Koolhaas, Multatuli. Über eine Reihe mit Krimis, deren Protagonisten ausnahmslos zu viel tranken und Beziehungsprobleme hatten. Über Stefs Gedichtbände. Das alles stand wild durcheinander.

Als er das zweite Bier zur Hälfte geleert hatte, verlor er den Mut. Wie sah dieses verdammte Buch bloß aus? Für Stef war es die Pflanzenbibel gewesen, er musste sie Hunderte Male gesehen haben. Vage erinnerte er sich an einen farbigen Umschlag– blau oder orange. Er beschloss, das methodische Vorgehen aufzugeben und den Blick willkürlich über die Regalfächer schweifen zu lassen. Und dann stand es da auf einmal, schwarz, mit orangefarbenem Rücken. Triumphierend setzte er sich damit aufs Sofa.

Johan sprang sofort von der Fensterbank, zog sich an seinem Bademantel hoch und ließ sich auf seiner Schulter nieder.

Vegter schlug das Buch auf. Zettel fielen heraus, Kärtchen mit Pflanzennamen. Dieffenbachia, Rhaphidophora und ein paar handschriftliche Anmerkungen von Stef. Nicht hinschauen, vielleicht später. Er verstaute sie wieder und betrachtete den Einband. G.Kromdijk, Das neue Zimmerpflanzenbuch. Eine junge Frau goss lächelnd mehrere prächtige Pflanzen. Das Buch stammte von 1967.Stef musste es irgendwann auf dem Flohmarkt gekauft haben.

Vegter blätterte so lange, bis er darauf stieß: Sparmannia africana. Er bewunderte die abgebildete Zimmerlinde, die von oben fotografiert worden war, damit die großen Blätter besonders gut zur Geltung kamen, und begann zu lesen.

Für eine Zimmerlinde benötigt man einigen Platz, denn sie kann zu einem riesigen Strauch heranwachsen.

Er betrachtete sein Exemplar, das nicht einmal halb so hoch wie das Regal war. Alle anderen Pflanzen hatte er weggeworfen, aber die hier war die letzte, die Stef gekauft hatte. Die Pflanze gefiel ihm, weil sie so bescheiden wirkte. Sie hatte schlichte, hellgrüne Blätter, die einem klar erkennbaren Stamm entsprossen, und einen Namen, der an Treibhäuser und Butler in Nadelstreifenjacketts erinnerte. Als Stef sie gekauft hatte, war sie ein mickriges Pflänzchen in einem zu kleinen Topf gewesen. »Ich ziehe sie groß«, hatte sie hoffnungsvoll gesagt. Und das hätte sie auch, wenn kein Lieferwagen dazwischengekommen wäre.

Sollte sie tatsächlich zu groß werden…

Das Telefon klingelte. Johan verzog sich gehorsam auf die Rückenlehne des Sofas. Das Telefon klingelte erneut, schrill und fordernd, und Vegter wusste, dass sich sein freies Wochenende damit erledigt hatte. Es war niederschmetternd, dass ihn das eher erleichterte als enttäuschte.

Er ging dran und lauschte. »Sag den anderen Bescheid. Ich bin schon unterwegs.«

Beim Auflegen warf er einen Blick auf die Uhr und anschließend aus dem Fenster. Draußen war die Sonne soeben hinter dem gegenüberliegenden Wohnblock untergegangen. Auf seinem kleinen Balkon betrachtete ein älterer Mann seine Geranien, die vorsichtig Farbe bekannten. Vegter erinnerte sich an den herben Geruch ihrer Blätter und dachte an ihren Garten zurück. Dort hatte zu jeder Jahreszeit etwas geblüht, was er nicht namentlich kannte, und die Terrasse war voller Blumentöpfe gewesen.

Jetzt saß er manchmal auf seinem kahlen Balkon, auf den gerade ein Stuhl und ein Kasten Bier passten, mit dessen Hilfe er die Füße hochlegte. Aber er hätte es nicht ertragen, allein im Garten zu sitzen. Mal ganz abgesehen davon, dass der völlig verwildert wäre.

In der Küche saß Johan neben seinem Fressnapf. Vegter schüttete ein bisschen Trockenfutter aus der Packung, und der Kater kauerte sich nieder und begann gierig zu fressen. Seine Hüftknochen standen hervor wie der Radkasten eines Autos.

Was mache ich bloß falsch?, fragte sich Vegter, während er sich anzog. Ein Kater und eine Topfpflanze. Es sollte nicht weiter schwerfallen, beide am Leben zu erhalten. Der Kater war alt, hatte aber nie gesundheitliche Probleme gehabt und kam jetzt kaum noch nach draußen. Er müsste eigentlich dicker werden statt dünner.

Er griff zu seinem Autoschlüssel und nahm die Jacke von der Garderobe. Vielleicht sollte er einen Termin beim Tierarzt vereinbaren.

Als er auf dem Schulhof parkte, sah er zig Neugierige hinter den Fenstern. Zwischen den Streifenwagen erkannte er den Kombi des Polizeifotografen und den kleinen blauen Peugeot Renées. Er hatte sie von unterwegs aus angerufen und war erstaunt, dass sie bereits da war. Bis ihm wieder einfiel, dass sie ganz in der Nähe wohnte.

Vor dem Haupteingang stand ein Beamter. Vegter nickte ihm zu und betrat die große Halle, in der Renée neben einem großen, gebeugten Mann in einem lose sitzenden anthrazitfarbenen Anzug auf ihn wartete. Der sah aus, als hätte er in letzter Zeit abgenommen. Sie trug eine Jeansjacke und eine tief ausgeschnittene schwarze Bluse zu einer weiten schwarzen Hose. Das kupferrote Haar fiel ihr in einem dicken Zopf über den Rücken. Nase und Dekolleté waren sonnenverbrannt. Bestimmt hatte sie in der Sonne gelegen und war nach Vegters Anruf hastig in ein paar Kleider geschlüpft.

»Inspektor, das ist der Rektor, Meneer Declèr.«

Der Rektor drückte ihm kraftlos die Hand. »Ich zeige Ihnen den Weg.«

Vegter hielt ihn auf. »Erst wüsste ich gern, was passiert ist.«

Der Rektor sah Renée an. »Das habe ich bereits Mevrouw Pettersen erzählt.« Er zupfte an seiner Krawatte, die bereits schief saß und jetzt noch schiefer hing. »Also, in meiner Schule findet gerade ein Klassentreffen statt, weshalb so gut wie alle Lehrer anwesend sind. Einer von ihnen, Eric Janson, wurde von einer ehemaligen Schülerin auf der Toilette gefunden. Er lag auf dem Boden, und die Schülerin dachte zunächst, ihm sei schlecht geworden. Sie ist auf den Flur geeilt, um Hilfe zu holen, und dort auf zwei weitere Schüler gestoßen. Zu dritt haben sie versucht, Janson wiederzubeleben, bis das Mädchen…« Er lächelte entschuldigend. »…die junge Frau, meine ich, Panik bekam und in die Aula rannte. Sie hat dort ziemlichen Aufruhr verursacht. Ich habe zunächst selbst nach Janson gesehen, während einer meiner Lehrer den Arzt und einen Krankenwagen gerufen hat. Der Arzt ist noch hier.« Er zeigte in den Flur. »Er stellte fest, dass Janson… tot war, und hat den Krankenwagen wieder weggeschickt. Er bat mich, die Polizei zu verständigen.« Er schwieg kurz. »Das ist alles«, sagte er unbeholfen.

»Danke.« Vegter setzte sich in Bewegung, und der Rektor lief ihm voraus.

»Sind schon Leute gegangen?«, fragte Vegter im Gehen.

Der Rektor wandte sich halb zu ihm um, lief aber wie im Krebsgang weiter. »Sie meinen, seit…? Soweit ich weiß, nicht. Aber es herrschte natürlich eine ziemliche Aufregung, obwohl wir versucht haben, die Leute in der Aula zu halten. Dort sind sie jetzt alle, auch die Lehrer.«

Im Vorbeigehen warf Vegter einen Blick in die Klassenräume, die wie ausgestorben aussahen. Er versuchte sich zu erinnern, wann er das letzte Mal eine Schule von innen gesehen hatte. Ingrid war jetzt achtundzwanzig, also musste es zehn Jahre her sein. Mit einem schlechten Gewissen dachte er daran, dass meist Stef zu den Elternsprechstunden gegangen war. Er selbst hatte die Schule immer gehasst, die autoritären Lehrer, die Fächer, die ihn nicht interessierten, die er aber trotzdem belegen musste, die Disziplin. Obwohl man bei der Polizei erst recht Wert auf Disziplin legte, dachte er amüsiert.

Der Rektor blieb abrupt stehen. »Hier ist es.«

Vegter sah in das erschöpfte Gesicht. »Sie müssen nicht mit hineinkommen. Vielleicht kann Ihnen jemand eine Tasse Kaffee organisieren.«

Declèr lachte laut auf. »Ich könnte jetzt eher einen Schnaps gebrauchen.«

Die Tür stand einen Spalt offen, und Vegter drückte sie mit seiner Schulter auf.

Die Leiche lag dummerweise direkt hinter der Tür, sodass er über sie hinwegsteigen musste. Sie bot keinen schönen Anblick, aber er hatte schon Schlimmeres gesehen. Er nickte den anderen zu, die sich dicht in der Ecke zusammengedrängt hatten, um den Polizeifotografen in dem relativ kleinen Raum nicht bei der Arbeit zu behindern.

Der Fotograf sah grinsend auf. »Diesmal war ich doch tatsächlich schneller.« Er begann seine Ausrüstung zusammenzupacken.

»Du bist echt flott.«