Schweinetango - Heinrich Thies - E-Book

Schweinetango E-Book

Heinrich Thies

4,9

Beschreibung

Beim Dorftanz im »Wilden Jäger« lassen die Junggesellen gerne mal die Sau raus. So auch Cord Kröger, ein lediger Schweinezüchter in den besten Jahren, der beim »Schweinetango« die hübsche Jelena kennenlernt. Doch der gemeinsame Weg zu ihm wird vom Feuerteufel, der seit Wochen sein Unwesen treibt, jäh unterbrochen. Eine Scheune brennt. Cord Kröger greift beherzt ein. Erst rettet er die Bullen aus den Flammen – dann erobert er Jelenas Herz. Die Liebe zu der Deutsch-Russin trübt sich jedoch ein, als deren Brüder auf seinem Hof mit gestohlenen Luxusautos zu handeln beginnen. Und als sei das nicht schon genug, keimt in Kröger auch noch der Verdacht auf, dass der sechzehnjährige Björn, der bei ihm arbeitet und für den er väterliche Gefühle hegt, der Feuerteufel ist. Eines Nachts brennt Krögers eigene Scheune. In den ver kohlten Trümmern findet man die Leiche der schönen Jelena. Für Cord Kröger bricht eine Welt zusammen. Da läuft ihm sein Ziehsohn Björn über den Weg …

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www.zuklampen.de

Informationen zum Buch

Der Maskentanz in der Dorfkneipe ist derb. Und doch lassen sich beim »Schweinetango« zarte Bande knüpfen. Cord Krögers neue Geliebte aber hat nicht mehr lange zu leben...

Beim Dorftanz im »Wilden Jäger« lassen die Junggesellen gerne mal die Sau raus. So auch Cord Kröger, ein lediger Schweinezüchter in den besten Jahren, der beim »Schweinetango« die hübsche Jelena kennenlernt. Doch der gemeinsame Weg zu ihm wird vom Feuerteufel, der seit Wochen sein Unwesen treibt, jäh unterbrochen. Eine Scheune brennt. Cord Kröger greift beherzt ein. Erst rettet er die Bullen aus den Flammen – dann erobert er Jelenas Herz. Die Liebe zu der Deutsch-Russin trübt sich jedoch ein, als deren Brüder auf seinem Hof mit gestohlenen Luxusautos zu handeln beginnen. Und als sei das nicht schon genug, keimt in Kröger auch noch der Verdacht auf, dass der sechzehnjährige Björn, der bei ihm arbeitet und für den er väterliche Gefühle hegt, der Feuerteufel ist. Eines Nachts brennt Krögers eigene Scheune. In den ver kohlten Trümmern findet man die Leiche der schönen Jelena. Für Cord Kröger bricht eine Welt zusammen. Da läuft ihm sein Ziehsohn Björn über den Weg …

Informationen zum Autor

Heinrich Thies, Jahrgang 1953, studierte Germanistik, Politik, Philosophie und Journalistik. Er ist Reporter bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und Autor der Bücher Geh aus, mein Herz, und suche Freud. Das Leben der Bäuerin Hanna sowie Wenn Hitler tot ist, tanzen wir. Das Leben der Hilde Heart.

Heinrich Thies

Schweinetango

Kriminalroman

Impressum

©2010 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe

[email protected] · www.zuklampen.de

Herausgegeben von Susanne Mischke

Titelgestaltung: Angelika Konietzny (www.izwd.de), Hannover

Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH,

KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart

ISBN 978-3-86674-082-2

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

|5|1.

Düfte ganz unterschiedlicher Art waberten durch den Tanzsaal. Parfüm und Rasierwasser, Moschus und Lavendel mischten sich mit Rauch, Schweiß und Schnapsfahnen, während ein Schlager nach dem andern die zaghaften Gespräche übertönte: »Wenn es dich noch gibt, hüll’ dich nicht in Schweigen, ich lieb’ dich immer noch, willst du mir nicht verzeih’n …«

Single-Tanz im »Wilden Jäger«. Im Halbdunkel des gelblichen Kronleuchterlichts schlurften Paare über das Parkett, die eigentlich gar keine Paare waren – einsame Herzen, die in das Tanzlokal in Verden an der Aller geströmt waren, um gesellige Stunden zu erleben, vielleicht sogar ein kleines Abenteuer.

Rentner mit knallbunten Krawatten und Glitzerwesten krallten ihre Fingernägel in die nackten Oberarme aufgedonnerter Buchhalterinnen und führten in exakter Schrittfolge vor, dass alte Schule nicht gleichbedeutend mit Alteisen ist. Gute-Laune-Damen in Blümchenkleidern mit tiefen Ausschnitten ließen sich von gut situierten Herren in dunklen, engen Anzügen auf ihre Stöckelschuhe trampeln und kicherten dabei. Eine Dicke in weitem Abendkleid schob einen schmächtigen, deutlich kleineren Herrn im Klammergriff durch den Saal, und zwei verblühte Sekretärinnen mit akkurat frisierten Dauerwellen und weißen Rüschenblusen stellten tanzend unter Beweis, dass es auch ohne Männer geht.

Cord Kröger wischte sich den Schweiß von der Stirn, das Hemd klebte ihm am Rücken. Sein Herz tuckerte wie ein |6|Treckermotor. Der letzte Tanz hatte ihn mächtig erhitzt. So schenkte er es sich, seine Partnerin zu einem Glas Sekt einzuladen. Spazierte gleich zurück an seinen Platz, wo seine Kumpel hockten und Ausschau nach Damen hielten, Frischfleisch, wie sie sagten. Alles Berufskollegen – Bauern und Junggesellen wie er, zwischen 36 und 55, und seit ewigen Zeiten auf Brautschau: die »Gummistiefel-Gang«. Wegen ihrer berufsbedingten Frauenprobleme wurden sie im »Wilden Jäger« belächelt. Nicht-Landwirte spöttelten, dass sie nach Kuh- oder schlimmer noch Schweinestall rochen, und manche Frauen rümpften kokett die Nase und wandten sich geruchsärmeren Heiratskandidaten zu.

Dabei hatte Kröger schon seine vierzehn Milchkühe abgeschafft und die Viehhaltung auf computergesteuerte Schweinemast beschränkt, um mehr Zeit für »die schönen Seiten des Lebens« zu gewinnen, wie er zu sagen pflegte. Immer wieder mal hatte er sich auch eine Tanzpartnerin einen Abend lang warm gehalten, manchmal sogar zu sich nach Hause eingeladen. Aber nie war etwas Festes daraus geworden. Schon beim Frühstück war das Feuer meist erloschen. Dabei hatte er Abitur. Und für seine achtundvierzig Jahre hatte er sich gut gehalten: mittelgroß, mittelblond, kräftig gebaut, gut im Gebiss, nicht auf den Mund gefallen und von auffälligen Falten bisher verschont. Nur seine Stirnglatze zeugte vom Nahen des körperlichen Verfalls.

»Ich bin so schön, ich bin so toll, ich bin der Anton von Tirol …« Diskjockey Käpt’n Kuss schob nicht einfach nur CDs ein. Der Bärtige mit dem Bierbauch trällerte mit, feuerte an. »Wer nimmt es mit Anton auf?«, röhrte er wie ein Jahrmarktschreier in den laufenden Schlager hinein. »Na, na, man nicht so drängeln, die Herren. Sind genügend Damen da, aber ohne Fleiß kein Preis, hahaha.«

Tatsächlich saßen an den langen Tischen reihenweise Frauen, die ihre lidschattenschweren Blicke sehnsüchtig durch |7|den Saal schweifen ließen. Immer wieder mal trafen sich auch wirklich zwei Augenpaare, um sich wortlos zum Tanz zu verabreden.

Doch Kröger zog es vor, seine Augen auf das Tanzgetümmel zu richten. Zerstreut nahm er einen Schluck Bier.

»Siehst ja ganz schön ausgelu-lutscht aus, Chef«, stichelte Walter, genannt »Kneifzange«, ein drahtiger Mittvierziger mit einem Hang zum Stottern und einer entstellenden Narbe unterm linken Auge. Bei der Arbeit mit der Kreissäge war ihm ein Holzstück an den Kopf geknallt. Ebenfalls an der Kreissäge waren ihm Daumen und Zeigefinger der rechten Hand abhanden gekommen.

»Von nichts kommt nichts«, sagte Kröger. »Oder denkste, dir steigt die Frau fürs Leben aus’m Bierglas wie ’ne Seejungfrau?«

»Ach hör doch auf, F-frau fürs Le-le-leben.«

Walter ließ sein Feuerzeug aufflammen und zündete sich eine Zigarette an. Er nahm einen tiefen Zug. Man spürte, wie er sich aufblies, um den starken Max zu spielen. Denn im Grunde seines Herzens war er sehr schüchtern. Vor allem, wenn es um Frauen ging. Da es schon öfter vorgekommen war, dass sie wegen seines Sprachfehlers gegrinst hatten, traute er sich gar nicht mehr, eine anzusprechen. Heimlich hoffte er auf die Damenwahl.

»Du willst mir doch wohl nicht weismachen, dass Ro-rosi deine Frau fürs Leben ist, Kollege«, fuhr er keck fort. »Da muss man sich ja wohl nich so für a-abstrampeln. Die haben doch schon ganz a-andere getestet.«

»Du musst es ja wissen, du Walzerkönig. Dein Schwengel is doch längst eingerostet.«

»Sehr w-witzig. Spiel dich man b-bloß nich so auf, du Sch-schweineb-b-baron.«

»Fangt doch nich schon wieder an zu zanken, ihr Zombies«, fuhr Olaf dazwischen, der mit Ende dreißig der Jüngste in der |8|Runde war, wegen seines Übergewichts aber älter wirkte. Trotz Brille schielte er außerdem heftig. »Lasst uns lieber noch mal ’ne Lage Moorhexe bestellen.«

Beleidigt sog Walter mit zusammengekniffenen Augen an seiner Kippe, ließ den Rauch durch die Lungenflügel ziehen und in dünnen Schwaden durch die Nase entweichen.

Ein Handy klingelte. Mechanisch griffen die Landwirte in ihre Jackentaschen, um zu prüfen, ob der Anruf für sie war. Er war für Olaf.

»Hallo Mama. Is’n los?«

Walter zog die Augenbrauen hoch und blickte kopfschüttelnd zu Cord herüber.

»Was? Die Milchkühlung dröhnt?«

(…)

»Das ist normal, Mama, wirklich. Deswegen brauchst du doch hier nich …«

(…)

»Nein, Mama, ich hab noch nicht zu viel getrunken, ich …«

Verschämt wendete sich der dicke Olaf von seinen Berufskollegen ab, die das Gespräch aber trotz der lauten Musik weiter mit anhören konnten.

»Nein, verdammt. Ich pass schon auf, ich lass mir kein Kind andrehen.«

»Je-jetzt geht’s wieder zur Sache«, kommentierte Walter und fiel in den Refrain des gerade laufenden Schlagers ein: »Anita, Anita.«

»Was ist los? Was? Also, ich finde jetzt reicht’s. Also, Mama, Mama …«

(…)

Olaf schrie immer lauter gegen die Musik und seine Mutter an. Doch vergebens. Schließlich legte er das Handy entnervt auf den Tisch. Als es mit dem Geschnatter am anderen Ende der Leitung vorbei war, holte er sich das Telefon zurück.

»Also tschüss denn, bis morgen früh, tschü-hüss.«

|9|Mit dem Ausdruck der Erschöpfung stellte er das Handy ab und wandte sich wieder den Kumpels zu.

»O Mann ey, die Frau nervt.«

»D-das würd ich n-nicht so sehen«, entgegnete Walter. »D-deine M-mutter m-macht sich nur Sorgen um ihren Olaf.«

»Verarschen kann ich mich auch allein«, wehrte Olaf ab. Und dann lenkte er den Blick zurück auf die Tanzfläche.

»Guckt euch mal die beiden an. Die treiben es im Stehen.«

In der Tat hatte sich ein Paar derart ineinander verkeilt, dass von Tanzen nicht mehr die Rede sein konnte.

»Die müssen ja mächtig D-druck d-drauf haben, boh ey«, stotterte Walter Kneifzange und entlockte den Berufskollegen ein verbindendes glucksendes Lachen. Es schloss auch den »treuen Heinrich« ein, einen 55-jährigen Landwirt im grauen Anzug, der es im Allgemeinen vorzog zu schweigen und abzuwarten, was ihm die Damenwahl bescherte. Doch trotz des Frauenüberschusses ging er immer öfter leer aus. Sein Ruf als Schlaftablette hatte sich allmählich verfestigt.

»Wenn du mich noch liebst, hüll’ dich nicht in Schweigen, ich lieb’ dich immer noch, willst du mir nicht verzeih’n« Die Tanzfläche war plötzlich merkwürdig leer. Nur zwei Paare wirbelten durch den Saal. Eine dicke Frau in weitem Kleid tanzte allein, drehte sich um sich selbst.

Eine Parfümwolke streifte Cord Kröger. Der Duft von Vanille und Sandelholz ging von einer Frau aus, die in ihrem hochgeschlossenen dunkelgrünen Seidenkleid merkwürdig bieder wirkte, andererseits aber stark geschminkt war und einen auffallend prallen Busen spazieren führte. Ihr schulterlanges Haar war weißblond – wahrscheinlich gefärbt, ebenso unecht wie das Rouge auf ihren Wangen. Trotzdem: Kröger war wie gebannt. Er behielt die Dame im Blick.

»Die ha-hat es dir wohl angetan, Chef?«, sagte Walter, dem nicht entgangen war, welchen Eindruck die Blonde auf Cord |10|gemacht hatte. »Da-das ist die schöne Russin, ni-nimm dich ja in Acht vor der.«

»Ach, lass mich doch in Ruhe. Du kennst sie ja gar nicht.«

»Und ob ich die ke-kenne, Chef. Das ist Je-Je-lena. Wir haben schon so ma-manches Tä-tänzchen zusammen gemacht. Scharf wie Nachbars Fiffi.«

»Und warum hat sie dich dann abblitzen lassen?«

»Wer erzählt denn so-so-so ’n Scheiß?« Walter mimte Entrüstung. »Ich hab die No-notbremse gezogen, sonst hätt ich gleich die g-ganze Sippschaft auf’m Hof gehabt, mit diesen Ru-russlanddeutschen is nich zu spaßen.«

»Quatschkopp.«

Die drei Bauern setzten ihre Scheingefechte noch eine Weile fort. Danach gingen sie dazu über, die hohe Politik und die niedrigen Schweinepreise zu debattieren. Um sich gegen die Stimmungsmusik zu behaupten, schrien sie sich an. Schließlich bereitete die Damenwahl dem Palaver ein Ende. Cord Kröger war der Erste, der aufgefordert wurde. Die Briefträgerin aus seinem Nachbardorf war es, die ihn per Augenaufschlag zum Tanz bat – eine Frau in seinen Jahren, die immer wieder mal durchblicken ließ, dass ihr keine Arbeit zu schwer sei. Doch bei aller Sympathie war »Jutta von der Post« einfach nicht der Typ Frau, der Cords Fantasie beflügelte.

Während er mit der Briefträgerin tanzte, war er in Gedanken bei einer anderen, bei Jelena. Dummerweise hatte die sich bereits einen Tanzpartner geangelt.

Schon kurze Zeit später, Mitternacht war gerade vorüber, sollte es aber doch noch zu einer unverhofften Begegnung kommen. Es war beim »Schweinetango«, dem Höhepunkt im Single-Programm von Käpt’n Kuss. Schon die Ankündigung wurde mit dem üblichen Gejohle aufgenommen. Alles erhob sich von den Plätzen, scharte sich um die Tanzfläche. Käpt’n |11|Kuss stieg für das Vorspiel in Gummistiefel und verwandelte sich in einen Bauern mit speckigem Lederkäppi. Seine Lebensgefährtin mimte die vornehme Dame:

»Was für ein widerlicher Gestank«, mokierte sich die Lady. »Das riecht ja hier wie im Schweinestall. Ekelhaft.«

Daraufhin der Bauer theatralisch derb: »Verehrte Dame, Sie haben vollkommen recht. Das riecht hier nicht nur wie im Schweinestall, dies hier ist ein Schweinestall, eine einzige Sauerei, wenn Sie verstehen, was ich meine, hö, hö, hö.«

Obwohl der Sketch nicht neu war, sprang das Lachen gleich über. Die Männer schüttelten sich, die Frauen kicherten und kreischten.

Die vornehme Dame geziert: »Das ist ja schröcklich, wo bin ich hier nur hineingeraten.«

Der Bauer: »Ach, ich glaube, Sie passen hier ganz gut rein, Verehrteste.«

Die vornehme Dame entrüstet: »Wie soll ich das verstehen!?«

Der Bauer: »Na, das werden Sie gleich sehen. In unserm Schweinestall geht nämlich die Post ab. Hier tanzt der Eber mit der Sau.« Und zum Publikum gewandt stellte Käpt’n Kuss die Frage, die alle schon erwarteten: »Wollen wir es der Gnädigsten mal zeigen?«

Sofort erhob sich zustimmendes Gejohle, versetzt mit Zurufen wie »Ja, zeig’s ihr« oder »Besorg es der Lady«. Und während Grunzen und Quieken vom Band im Saal widerhallte, trippelte ein Dutzend Frauen mit Schweinemasken auf die Tanzfläche – wieder begrüßt von großem Gejohle. Wie gewohnt, hatten sich die »Freiwilligen« schon Stunden vorher für den Spaß gemeldet.

Der Bauer: »Herzlich willkommen, meine Lieben. Hallo Berta, hallo Paula, hallo Knuffi. Lasst sehen, wie viel Speck ihr in der letzten Woche angesetzt habt, und vor allem: Sucht euch einen starken Eberhard aus, hahaha.«

|12|Applaus und »Yeaah«-Rufe.

»Seid furchtbar und mehret euch.«

Im nächsten Moment stürzten sich die Schweinefrauen mit frivolem Grunzen auch schon auf die bereitstehenden Männer und zerrten sie auf die Tanzfläche. Auch Cord ereilte das Schicksal. Fast wäre er lang hingeschlagen, so eilig hatte es seine Schweinedame. Der legendäre Schweinetango nahm seinen Lauf:

»Der Eber sprach zu seiner Frau, komm her, du süße kleine Sau, wir machen heut ’ne Schweinerei und spielen wieder Nackedei. Ja Nackedei, Nackedei …«

Das war zwar streng genommen kein Tango, aber der Spaß war groß. Die Umstehenden grölten den Text mit und zeigten feixend auf die Tänzer. Da die Masken die Sicht behinderten, geriet manches Paar ins Schlingern und Stolpern. Besonders Cord Kröger hatte Probleme mit seiner Partnerin. Da er es versäumt hatte, die Führung zu übernehmen, zwang sie ihm ein Tempo auf, dem er nicht gewachsen war.

Er war froh, als der Tanz vorbei war. Doch es ging ja weiter. Die Schweinedamen nahmen ihre Masken ab und stülpten sie ihren Partnern über.

»Und jetzt wollen wir doch mal sehen, ob unsere Eber schon ihr Pulver verschossen haben oder noch genügend Power haben, um eine zweite Sau zu beglücken«, rief Käpt’n Kuss. »Auf zur zweiten Runde. Wer sich nicht sofort ein Schweinchen geangelt hat, schmeißt eine Lokalrunde.«

Jetzt war keine Zeit mehr, sich länger nach einer Wunschpartnerin umzusehen. Wahllos streckte Kröger einfach nur die Arme in Richtung einer Frauengruppe aus, die vor ihm stand. Doch sein Herz hüpfte vor Freude und Aufregung, als er unversehens diesen Duft erschnupperte, der ihn schon einmal gefangengenommen hatte. So ähnlich musste es wohl in einem tropischen Gewächshaus riechen, so süß und schwer.

|13|Er hatte sich nicht getäuscht: Es war der Duft der Russin mit den weißblonden Haaren.

»Na, dann, äh, wollen wir mal«, stammelte er, und ehe er es sich versah, hatte Jelena schon ihre Hände auf seine Schulter und Hüfte gelegt. Wie selbstverständlich übernahm sie die Führung, passte sich ihm aber geschmeidig an. Federleicht bewegte sie sich in seinen Armen. Warm und zart fühlte sie sich unter dem grünen Seidenkleid an. Kröger schwitzte unter seiner Schweinemaske.

»Legt der Eber mit der Sau einen Tango aufs Parkett, dauert es nicht lange mehr, bis der süße Bauch wird fett …« Schon lange hatte er einen Tanz nicht mehr so genossen. Am liebsten hätte er mitgesungen: »… mit der Sau ins Kuschelbett, bis der süße Bauch wird fett«.

Obwohl ihm wieder mächtig warm wurde, wünschte er sich, dass dieser Schweinetango nie zu Ende ginge. Aber dann kam der Schlussakkord, und ihm blieb nichts anderes übrig, als die Schweinemaske an seine Partnerin weiterzureichen.

»Hoffentlich wird dir nicht so warm darunter wie mir. Ich schwitze echt wie Sau«, sagte er, indem er Jelena die schweißfeuchte Kunststoffhaube in die Hand drückte. Es war beim »Single-Tanz« ungeschriebenes Gesetz, dass man sich duzte.

»Ich werde es schon überleben«, erwiderte Jelena. Und nachdem sie sich die Maske bereits übergezogen hatte, murmelte sie etwas, das Cord Kröger das Blut gefrieren ließ: »War schön.«

Wie erstarrt beobachtete er dann jedoch, dass Jelena sich einen anderen angelte.

Nachdem Bauer und vornehme Dame den »Schweinetango« mit ihrem üblichen Schlussgeplänkel ausklingen lassen hatten, setzte Kröger sich wieder zu seinen Berufskollegen.

»Na, d-d-da ha-haste ja genau die Sau erwischt, in d-d-die du dich verguckt hast«, sagte Walter.

|14|»Spinner.«

Cord war nun noch weniger in der Laune, sich auf das derbe Sprücheklopfen einzulassen. Er griff verstimmt nach seinem Bier.

»Was is denn los?«, setzte der dicke Olaf nach. »Is dir ’ne Laus über die Leber gelaufen? Als Schweinebaron musst du doch gerade in deinem Element gewesen sein.«

Der Dicke und Kneifzange schüttelten sich vor Lachen.

Doch Cord Kröger blieb ernst. Das Gefrotzel lief ins Leere, die beiden Berufskollegen wandten sich wieder paffend der Tanzfläche zu.

Kurze Zeit später forderte Käpt’n Kuss erneut zur Damenwahl auf. Kröger sah sich im Saal um. Plötzlich entdeckte er Jelena. Einige Tische entfernt saß sie zusammen mit mehreren Frauen. Er glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als sie ihm ermutigend zunickte. Sofort folgte er dem stummen Lockruf.

»Jetzt müssen wir nicht mehr so schwitzen«, begrüßte sie ihn.

»Ja, ganz schön heiß unter der blöden Maske.« Zuerst ärgerte er sich noch über seine einfallslose Antwort, aber dann gab er sich dem Tanz hin. »Spanish Eyes«, ein langsamer Walzer. Es folgten schnellere Stücke.

Nach dem vierten Tanz kämpfte er schon mit dem Atem. »Ich glaube, ich brauch erst mal ’ne kleine Auszeit«, vertraute er seiner Partnerin an. »Wie wär’s mit ’nem Sekt?«

Jelena zuckte lächelnd die Schultern. »Warum nicht?«

Bereitwillig ließ sie sich zur Sektbar ziehen. Nach der körperlichen Nähe beim Tanz war es Kröger nicht schwergefallen, ihre Hand zu ergreifen. Weich und verschwitzt fühlten sich ihre Finger an.

»Na, denn Prost.«

»Prost.«

|15|»Ich hab lange nicht mehr mit ’ner Frau so gut zusammen getanzt wie gerade mit dir«, sagte Kröger, um seine aufkommende Unsicherheit niederzukämpfen.

»Ganz meinerseitig«, antwortete Jelena. »Ihr seid auch kein schlechter Tänzer.«

»Ach, danke für die Blumen. Sehr freundlich. Aber warum siezt du mich eigentlich? Ich heiße Cord.«

»Jelena«, sagte Jelena und nippte an ihrem Sekt. »Wir sind daheim so aufgezogen, dass wir uns den Männern nicht gleich in die Arme werfen.«

Cord lachte auf. »Wie, äh, wie lange bist du denn schon in Deutschland?«

»Wir sind vor vier Jahren herübergekommen, wir haben am Ural gelebt. Meine Brüder sind schon drei Jahre zuvor nach Deutschland gegangen, ich bin mit der Mutter nachgekommen.«

»Und habt ihr schon in Russland Deutsch gesprochen?«

»Na freilich. Man verlernt doch seine Heimatsprache nicht. Das hat schon meine Oma immer gesagt.«

Sie zündete sich eine Zigarette an. »Aber das war gar nicht so einfach. In der Schule mussten wir natürlich Russisch sprechen, und auch sonst durfte man kein Deutsch reden, nur daheim. Trotzdem waren wir für die Russen immer die Deutschen. Und hier in Deutschland sind wir die Russen.«

Kröger spürte, wie er rot wurde. In Gedanken war Jelena ja auch für ihn »die Russin«.

»Und, äh, was machst du so?«, fragte er, um den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen.

»Das ist auch so ein Problem. In Russland habe ich im Forschungslabor geschafft, so Pflanzen und Düngemittel für die Landwirtschaft halt. Zuvor hab ich die Universität geendigt. Aber hier in Deutschland wolltens die Ausbildung nicht anerkennen. Darum schaff ich in einem Supermarkt. Da steh ich hinter der Fleischtheke und verkaufe Wurst und Schinken.« |16|Cord musste lächeln. »Können wir uns ja zusammentun. Ich mäste nämlich Schweine, weißt du. Da können wir Direktvermarktung machen.«

»Direkt …?«

»Direktvermarktung.«

»Direktvermarktung? Was ist Direktvermarktung?«

»Na, dann würde ich meine Schweine selber schlachten und du das Fleisch verkaufen. Aber war bloß ’n Witz.«

Niemand lachte. Jelena durchbrach das peinliche Schweigen.

»Meine Eltern hatten auch Schweine, aber nur drei an der Zahl. Die hat mein Vater auch selbst geschlachtet. Wir hatten auch zwei Kühe, paar Hühner und a bissel Land.«

Da Cord nur interessiert nickte, fragte sie nach: »Und du bist Bauer von Beruf? Reicht das denn zum Leben?«

»Man gibt sich Mühe. Viel Arbeit, wenig Geld, aber ich will nicht klagen.«

Sie nahm einen tiefen Lungenzug und hüstelte. Cord trank den Rest Sekt aus.

»Hab ich dir heute schon gesagt, dass ich dich liebe? Hab ich dir heute schon gesagt, wie schön du bist?«, schnulzte es aus den Lautsprecherboxen.

»Na, wollen wir es noch mal versuchen, was?«, fragte Cord. »Bin wieder einigermaßen bei Kräften.«

Jelena drückte ihre Zigarette aus. »Warum nicht?«

Schon im nächsten Moment schoben sie wieder über die Tanzfläche. Cord Kröger hatte nun keine Hemmungen mehr, ganz eng mit seiner Partnerin zu tanzen. Er spürte ihren Busen.

Als sie nach dem Tanz auf die Sektbar zusteuerten, winkte eine grell geschminkte Frau in schwarzem Ballkleid Jelena zu sich. Es war Natascha, die sie in ihrem Auto mitgenommen hatte. Die Freundin drängte zum Aufbruch. Es ging schließlich schon auf halb zwei zu.

|17|»Das is aber schade«, sagte Cord, als Jelena ihm Bericht erstattet hatte. »Ich kann dich doch auch nach Hause fahren?«

»O nein, das ist viel zu weit.«

»Wo wohnst du denn?«

»Wir wohnen in Kirchboitzen bei Walsrode, mindestens zwanzig Kilometer von hier, mindestens.«

»Kein Thema. Das liegt ja fast auf meiner Strecke, nur ’n kleiner Schlenker, echt. Also? Abgemacht?«

»Na, ich weiß nicht.«

»Keine Bange, ich tu dir schon nix.«

|18|2.

Die Bässe gingen ihm durch und durch. Wie bei Faustschlägen und Peitschenhieben krümmte er sich unter den Technosalven und Lichtblitzen. Warf ergeben den Kopf zurück, um sich ganz diesem Wummern und Stampfen hinzugeben. Mit Leib und Seele.

»Ready to go?

One, two, three, four …«

Bam, bam, ba, ba, bam, bam …

Schneller, immer schneller kamen die Schläge. Der Gesang war so verzerrt wie die Musik. Sphärenklänge, die in ein Geschützfeuer übergingen. So laut, dass ihm das Trommelfell zu platzen drohte; Micky-Maus-Gequäke, Trompetenstoß und Eulenschrei – alles in einem. Er genoss es, sich zu verlieren in diesem Trommelfeuer. Hier war es nicht schlimm, allein zu sein, hier nicht.

»Stand up … Halleluja.«

Gegen zehn Uhr war er mit dem Mofa gestartet, über dunkle Feld- und Wiesenwege zum »Tempel« geknattert, der früheren Molkerei von Schwarmstedt, die nur vier Kilometer von seinem Wohnort Bothmer entfernt lag. Anfangs hatten noch die »Kinder« das Bild beherrscht, die 14- bis 16-Jährigen. Er selbst war immerhin schon siebzehn, sah aber mit seinem nahezu kahl rasierten Schädel und seiner Körpergröße von 1,83 Meter mindestens zwei Jahre älter aus. Bis Mitternacht war die Tanzfläche im Keller leer gewesen. Nur die mollige Bardame hatte hinter ihrem Tresen getänzelt. Ansonsten hatten die Diskobesucher gelangweilt vor ihren Bierflaschen oder Wodkagläsern gehockt, geraucht, Handy-Botschaften |19|ausgetauscht, gekichert und sich gegenseitig begutachtet. Björn hatte wie üblich seine drei Bacardi-Cola getrunken.

Zwischendurch hatte es oben an der Bar mal etwas gekracht. Irgendwelche Typen hatten sich in die Haare gekriegt, nichts Besonderes. Auch Björn war schon mal in eine Schlägerei verstrickt worden, ganz unversehens war er auf dem Weg zum Klo angepöbelt und geschubst worden. Mit seiner Körpergröße, seiner schlaksigen Gestalt und der Baseballmütze, die er meistens verkehrt herum trug, musste er irgendwie provozierend wirken, das war ihm schon seit Längerem klar. Als er sich gewehrt hatte, waren gleich mehrere über ihn hergefallen. Hatte ganz schön wehgetan. Seither ging er nur noch aufs Klo, wenn die Luft rein war. Und er vermied es auch sonst, in die Nähe der diskobekannten Schlägertypen zu kommen.

Nein, ihm stand nicht der Sinn nach Schlägen. Er ging in die Disko zum Abtanzen. Und er fand es toll, wenn sich kurz nach Mitternacht die Szenerie verwandelte und die Tanzfläche sich füllte und die Musik noch lauter und härter wurde. Dann mischte auch er sich unter die zuckenden Gestalten, dann fiel es nicht mehr auf, dass er allein war. Dann verlor er jedes Zeitgefühl, vergaß den ganzen Mist, den er sonst mit sich herumschleppte: den Ärger mit seinem Vater, der ihn aus dem Haus geprügelt hatte; die Enttäuschung über seine Mutter, die sich nur noch um seine jüngeren Geschwister kümmerte; die Schule, die er zum Glück seit einigen Wochen hinter sich hatte; den Stress mit Annika, die sich mir nichts, dir nichts einen andern gesucht hatte, die Clique, die nichts mehr von ihm wissen wollte – den ganzen Mist eben, die ganze Kacke.

»Wumm, wumm, wumm, wumm …

Ay, ay, ay, ay, ay, ay, ay …«

Tanz weg den Scheiß.

|20|Er warf den Kopf zurück, drehte die Handinnenflächen nach oben und genoss es, wie sich die Beats bis in die Gedärme hinein fortsetzten. Cool war das. Saugeil. Es konnte ihm gar nicht laut genug sein.

»Ready to go …«

Er verstand die merkwürdigen Befehle in diesem Gewummer gar nicht. Aber er wusste, was er zu tun hatte: tanzen, tanzen. Dabei spürte er nicht, wie er unter seiner umgedrehten Baseballmütze schwitzte, wie sich sein weißes T-Shirt in einen feuchten Lappen verwandelte, achtete nicht darauf, wer um ihn war.

Leider war es irgendwann vorbei. Musik aus, Schluss. Benommen torkelte er ins Freie. Die frische Luft haute ihn förmlich um. So viel Sauerstoff war er nach den vielen Stunden in dem verqualmten »Tempel« gar nicht mehr gewohnt. Auch ohne Musik pulste sein Blut noch weiter im Technotakt. Er spuckte aus und zündete sich eine Zigarette an, bevor er sein Mofa anwarf. Dankbar vertraute er sich dem Knattern des Zweitakters an. Das war zwar natürlich kein Vergleich mit den Maschinen, die um ihn herum aufbrausten, aber besser als zu Fuß laufen. Beim Wegfahren sah er, wie ein früherer Kumpel Arm in Arm mit einem Mädchen in ein Auto schlüpfte. Scheiß drauf, sagte er sich. So’n verbeulter Ford Escord. ’n Witz. Abfällig spuckte er aus, bevor er von der Hauptstraße abbog.

Der Morgen dämmerte schon. Wolkenfetzen trieben über den grauen Himmel. Er roch die Güllewolken, die von den Feldern aufstiegen. Er mochte diesen Geruch, war stolz darauf, dass er selbst schon zu seiner Verbreitung beigetragen hatte, selbst schon Schweinepisse fahren durfte, seitdem er vor zwei Jahren den Treckerführerschein gemacht hatte. Ja Treckerfahren, das konnte er. Pflügen, eggen, striegeln, drillen, Mist und Gülle fahren. Alles kein Thema. Cord konnte sich auf ihn verlassen, hatte ihn oft schon |21|gelobt und ihm nicht umsonst eine Lehrstelle auf dem Hof versprochen. Er gehörte ja bereits dazu, wohnte schon seit einem Vierteljahr bei Kröger auf dem Hof im alten Dorfkern von Bothmer – seitdem er nach dem großen Knatsch zu Hause ausgezogen war. Wie eine Oma bemutterte ihn die alte Frau Kröger, geizte nie damit, ihm ein paar Euro zuzustecken, wenn er in die Disko wollte. Nein, da konnte er nicht klagen. Das war anders als zu Hause, in diesem weiß geklinkerten Einfamilienhaus im Neuen Dorf, dieser öden Wohnsiedlung Bothmers, wo er ständig Terz mit seinem Vater gehabt hatte. Schön war es natürlich trotzdem nicht, sein Elternhaus zu verlieren. Wenn er ehrlich war, dann hatte er schon oft Heimweh – vor allem nach seiner Mutter, aber auch nach seiner Schwester Mareike, die zwei Jahre jünger war als er. Es stimmte ihn traurig, dass er nicht mehr dazugehörte. Mit seiner Mutter hatte er nie ernstliche Probleme gehabt. Aber es hatte ihn schwer getroffen, dass sie sich nicht auf seine Seite gestellt hatte, wenn sein Vater ihn im Suff mit dem Lederriemen vertrimmte. Natürlich hatte sie versucht, seinen Auszug zu verhindern. Aber da war es schon zu spät gewesen.

Zuweilen fühlte er sich wie ein Ausgestoßener. Das »schwarze Schaf der Familie«, so hatte ihn sein Vater genannt. Nur weil er mal beim Klauen im Supermarkt erwischt worden war. Machten doch alle. Im Gegensatz zu manch anderen hatte er sich aber immer bemüht, sich zusammenzureißen – immer Wert auf ordentliche Klamotten gelegt, nie mitgemacht bei den wüsten Besäufnissen. Und bei der Jugendfeuerwehr war er einer der Eifrigsten, da gab es nichts.

Im Morgengrauen lenkte er sein Mofa über die Landstraße. Er sah, wie auf einem Kornfeld drei Rehe ästen. In Gedanken entsicherte er ein Jagdgewehr, nahm den Bock ins Visier und feuerte einen Schuss ab. »Baff …« Cord hatte versprochen, |22|ihn mal mit zur Jagd zu nehmen. Darauf freute er sich schon. Und so bald wie möglich wollte er auch selbst den Jagdschein machen. Dann würde er allein auf die Pirsch gehen und bei der Treibjagd nicht nur die Hasen aufscheuchen, sondern selbst draufhalten.

Mehrmaliges Hupen riss ihn aus seinen Träumen. Er wurde von einem schwarzen Mercedes überholt, der voll besetzt war mit Jugendlichen, die sich mit lauter Rockmusik bedröhnten. Als sie vor ihm waren, stoppten sie, drehten das Seitenfenster herunter und schrien ihn an: »Bist du besoffen, du Wichser? Denkst du, die Straße gehört dir allein mit deiner lahmen Krücke? Wenn du nicht sofort zur Seite fährst, machen wir dich platt, Alter. Kapiert?«

»Spinner«, fauchte Björn zurück. »Ihr fühlt euch wohl sehr stark, was?«

»Auch noch frech werden?«, schrie einer aus dem Auto zurück. »Erst den ganzen Verkehr hier aufhalten und dann die Klappe aufreißen, was? Das haben wir gern. Ich glaube, wir müssen dir mal ’ne rote Karte verpassen.«

Björn schluckte. Er war sich im Klaren darüber, dass er es mit dem Trupp nicht aufnehmen konnte. Heftiger Zorn überkam ihn, als der Mercedes mit quietschenden Reifen und wummernden Bässen an ihm vorbeiraste und ihm jemand lachend den Stinkefinger aus dem Fenster entgegenstreckte.

»Arschgeigen«, fluchte er. »Verdammte Angeber, fickt euch.«

Er hätte am liebsten aufgeschrien vor Wut. Die Begegnung hatte ihm schlagartig die Laune verdorben. Er fühlte sich verhöhnt, gab Gas, dass das Mofa aufheulte; seine Hände verkrampften sich am Lenker. Aber das nützte nichts. Sein Mofa kroch genauso langsam dahin wie vorher.

|23|3.

Die Nacht war mild – eine Maiennacht wie geschaffen für frisch Verliebte. Am Himmel funkelten die Sterne, Nebelschleier hingen über den Wiesen. Doch Cord Kröger fuhr mit seinem Geländewagen Marke »Nissan« so schnell, dass er seine ganze Aufmerksamkeit auf die Straße zu richten hatte. Jetzt, da Jelena – wahrscheinlich erwartungsfroh – neben ihm saß, war sein Mut gesunken. Er war wie betäubt, wagte es nicht einmal, seine Hände zu seiner Begleiterin hinüberzustrecken. Natürlich wagte er es noch viel weniger, einfach nur den Mund zu halten. Und während Kirchboitzen näher rückte, redete er emsig gegen seine Angst an.

Er berichtete Jelena von seinem neuen Trecker, den er angeblich zu einem Spottpreis bekommen hatte – mit gefederten Vorderachsen, Stereo- und Klimaanlage, Super-Reifen, Vario-Getriebe und allen anderen Schikanen. Während sich Cord immer mehr in einen Begeisterungsschub hineinredete, gähnte Jelena gelangweilt. Sie steckte sich eine Zigarette nach der anderen an, sog daran, dass sie rot aufglühten. Schweigend blies sie den Rauch zur Autodecke.

»An der nächsten Kreuzung links«, sagte sie schließlich, nachdem die beiden das Dorf Südkampen passiert hatten.

»Gut«, bestätigte Cord. Doch schon im nächsten Moment wurde ihm der eisige Ton der Wegbeschreibung bewusst. Er war peinlich berührt und räusperte sich verlegen.

»Tschuldigung, dass ich hier so viel quassel. Das interessiert dich natürlich nicht die Bohne. Aber ich …«

Er brachte den Satz nicht zu Ende. Als er verstohlen zur Seite blickte, sah er, wie sich Jelenas Busen hob und senkte. Fast |24|im gleichen Augenblick schob sie ihre Hand zu seiner Hand herüber, die auf dem Steuerknüppel ruhte.

»Stolzer Bauersmann«, raunte sie ihm unvermittelt zu.

Cord stockte der Atem. Er spürte, wie Jelena ihm über den Handrücken strich. Daraufhin nahm er kurz entschlossen ihre Hand und drückte sie.

»Auuu«, stöhnte sie kokett. »Du zerdrückst mich ja.«

»Pardon, das wollt ich nicht.« Cord ließ sofort locker.

»Nicht so schlimm, besser, als wenn du im Geist auf deinem Traktor sitzt«, tröstete ihn Jelena.

»Tut mir leid.«

Sie antwortete, indem sie seine Hand losließ und mit ihren Fingern sanft über seine Oberschenkel fuhr. Cord Kröger war wie elektrisiert, traute sich aber nicht, seinen Empfindungen Ausdruck zu verleihen. Glücklicherweise ergriff Jelena wieder das Wort.

»Wie viele Pferdestärken hat dein Traktor denn?«

»150, aber davon wollen wir jetzt nicht mehr reden. Ich glaube, ich hab schon viel zu viel gelabert.«

Wonneschauer durchrieselten ihn, während Jelena mit leichtem Druck über seine Lenden streichelte.

»Du hast recht«, sagte sie. »Die Nacht ist nicht zum Reden da.«

»Zum Schlafen aber auch nicht.«

»Zum Schlafen schon«, verbesserte sie ihn. »Ich schlüpfe gleich ins Bett, wenn wir da sind.«

Ihre Hand übermittelte ihm eine andere Botschaft – und ermutigte ihn, die Initiative zu ergreifen.

»Vielleicht können wir ja noch ein Bier bei dir zusammen trinken?«

Sie schüttelte lächelnd den Kopf.

»Was soll denn Mutter sagen, wenn ich des Nachts mit einem fremden Mann ins Haus komme? Nein, leider, das geht nicht.«

|25|»Dann komm doch einfach mit zu mir, meine Mutter freut sich immer über Gäste«, erwiderte Cord in einem Anfall von Übermut. Fast hatte er schon befürchtet, dass sie entrüstet ihre Hand wegziehen würde. Doch im Gegenteil, sie ergriff erneut seine Hand.

»So stürmisch auf einmal, der Bauersmann«, spöttelte sie. »Wir kennen uns doch noch gar nicht.«

»Das kann sich aber ja ändern.«

Mit diesen Worten machte Cord Kröger seine Hand frei und strich seiner Nachbarin über den Schoß.

»Ich glaube, langsam wird’s ’n bisschen gefährlich«, sagte er. »Lass uns lieber mal anhalten.«

Da Jelena keinen Widerspruch erhob, bog Cord gleich in den nächsten Feldweg ein. Alle Schüchternheit war jetzt von ihm abgefallen. Kaum hatte er angehalten, schloss sie ihn auch schon in die Arme. Sie küsste ihm die Stirnglatze, die Wangen, den Mund, saugte sich förmlich an ihm fest. Die Küsse schmeckten nach Rauch und Lippenstift und machten Appetit auf mehr. Doch in dieser Hinsicht erwies sich Jelena als sittenstreng. Als Cord ihr den Busen streichelte, entlockte er ihr noch Laute des Wohlbehagens, als seine Hand dann aber weiter in Richtung Schamgegend wanderte, schob sie sie sanft, aber bestimmt zur Seite.

»Das tut man doch nicht im Auto«, hauchte sie ihm zu. »Ich bin eine anständige Frau.«

»Dann lass uns doch einfach zu mir nach Hause fahren. Ist gar nicht weit.«

Anstelle einer Antwort ließ sie wieder ihre Hände sprechen. Wie während der Fahrt strich sie ihm noch einmal über die Oberschenkel. Zur Bekräftigung gab sie ihm einen Kuss.

»War das die Antwort?«

Jelena blieb stumm und lächelte. Also legte er den Rückwärtsgang ein, wendete und fuhr rumpelnd und viel zu schnell auf die Hauptstraße zurück.

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