Verlag: Gmeiner-Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2015

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

E-Reader (w tym Kindle) für EUR 1,- kaufen
Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 320

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Schweres Wasser - Hajo Heider

Kriminaloberkommissar Bramert aus Stuttgart erfährt, dass eine Firma gegen das Export-Kontroll-Gesetz verstößt. Kurz darauf wird eine Angestellte der Firma bei einem Anschlag schwer verletzt. Sylvia Schliemann, die Schwester der Verletzten, mischt sich so lange in den Fall ein, bis sie für die Polizei unentbehrlich wird. Zusammen mit Bramert versucht sie ihre Schwester vor weiteren Anschlägen zu schützen und den Fall zu lösen, der immer stärker auf ein Nuklearverbrechen hinweist.

Meinungen über das E-Book Schweres Wasser - Hajo Heider

E-Book-Leseprobe Schweres Wasser - Hajo Heider

Hajo Heider

Schweres Wasser

Kriminalroman

Impressum

Dieses Buch wurde vermittelt durch die Literaturagentur Bienia

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2015 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Sven Lang

Herstellung7E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © dioxin / photocase.de

ISBN 978-3-8392-4620-7

Danksagung

Der folgende Bericht beschreibt unseren gemeinsamen Fall beim LKA. Ich bedanke mich hiermit bei meinem Ausbilder, Mentor und meiner heimlichen Liebe.

Tanja Zainer

Ein Anruf beim LKA

Wie eine Tuschezeichnung stach das schwarze Schulterhalfter vom hellblauen Hemd ab. Im Fenster reflektierte sein blondes Haar, die dreifarbige Krawatte hing locker am geöffneten Kragen. Kriminaloberkommissar Bramert wartete auf das Schneechaos. Mitte November war zu früh, aber die Warnungen im Fernsehen steigerten sich.

Um 23 Uhr schaukelten Flocken herab. Der Himmel stülpte sich dunkelgrau über die Stadt. Tief unten lag der erstarrte Kinderspielplatz. Bramert sperrte die Pistole in den kleinen Stahlschrank und stellte sich mit schwarzen Retropants auf die Waage.

»93«, sagte er und klang zufrieden.

Anschließend ging er ins Bad, wo er die letzten Handgriffe erledigte. Zum Zähneputzen musste er vor dem Spiegel die Knie beugen, weil andernfalls sein Mund auf Höhe der Leuchte war, sodass er, anstelle seiner Zähne, seinen Bauchnabel betrachten konnte. Einiges an dieser Wohnung wäre für einen Mann seiner Statur verbesserungswürdig. Sein Bett, ehemals das Ehebett seiner Eltern, hatte normale Länge. Bramert war 1,96 Meter groß. Er war ein Baucheinschläfer, der bei jedem Lagewechsel aufwachte, weil er die Beine und die Füße strecken musste und gleichzeitig gegen das Fuß- und Kopfende stieß. Bramert stellte den Wecker auf eine Zeit, die dieser nur widerwillig akzeptierte.

Um Mitternacht stocherte ein Schlüssel an der Wohnungstür. Das Nachbarhaus, ein siebenstöckiger Koloss, versteckte sich hinter einem weißen Vorhang, der im leichten Wind tänzelte. Seine Schwester huschte auf Zehenspitzen ins Bad. Er schlief sofort ein.

Kurz nach sechs Uhr trat er aus dem Haus. Auf dem Gehweg drückte er die erste Spur in den mehligen Staub. Kindlicher Übermut brach durch. Er stapfte, dass seine Schuhe einen Abdruck der Größe 55 hinterließen – welche Körpergröße würde er bei einer Tatortanalyse aus dieser Fährte ableiten? Hinter dem Schwenktor der Tiefgarage stand ein großer Sandcontainer mit einer kleinen Schaufel. Er schleuderte drei Schaufeln Sand, mit weit ausholendem Schwung, auf die Steigung der Ausfahrt. Die Nebenstraße lag wie eine Brautschleppe, längs einer Ehrengarde schwarzer Mülltonnen mit weißen Mützen.

Den jungen Belag der Hauptstraße zerschnitten ein paar Reifenspuren. Die Wischerblätter schaufelten Schnee. Auf der Zollbergsteige vibrierte sein Handy, er stieß eine Verwünschung aus, denn die Rufumschaltung funktionierte überall wunderbar, nur nicht hier. Das Anhalten an der Steigung war gefährlich, er fuhr langsam und aktivierte die Freisprecheinrichtung.

»Bramert, LKA, ich höre.«

»Bia…« Das Wort knackte und zerbrach. Nach dem Aussetzer konnte er das Wort »Verbrechen« ausmachen, dann unterbrach ein tiefes, großes Funkloch die Verbindung endgültig.

Halb sieben Uhr war bei dieser Witterung eine geniale Zeit für die Fahrt zur Arbeit. Sein Kreislauf rebellierte wie gewöhnlich, weil er ohne Frühstück losgefahren war. Auf der B 10 überließ er sich dem Tempomaten und fantasierte von einer heißen Tasse Kaffee, deren Aroma aus einer Winterlandschaft hochdampfte. Als er von der B 14 abbog, zischte eine Straßenbahn wie ein gelber Blitz an seiner Motorhaube vorbei. Die Taubenheimstraße war links nahtlos zugeparkt.

Wie jedes Jahr würde der erbitterte Kampf zwischen Schneepflug und Schneeschaufel folgen. Die Schneemassen auf den Straßen wurden mit Motorkraft auf die Gehwege bis zu den unteren Fenstern geschleudert und eine Stunde später in kräftezehrender Handarbeit zurückbefördert. Der Fahrstreifen verengte sich danach täglich.

Die Wendelfahrt zum Parkdeck war mit Sommerbereifung eine Herausforderung, aber das Glück war ihm hold. In der Auffahrt setzte sich der Schneepflug in Bewegung, der an jedem Neuschneetag das obere Parkdeck freiräumte und unterwegs Sand streute. Bramert folgte dem gemächlichen Fahrzeug und parkte auf dem mittleren Deck. Er notierte das Wort ›Reifenwechsel‹ auf den Notizblock, der am Armaturenbrett klebte.

Auf dem Weg zu seinem Schreibtisch ließ er einen Kaffeebecher aus dem Automaten. Da er kein Freund des Münzkastens war, nannte er das heiße Getränk verächtlich »schwarze Brühe«, aber er brauchte sein Morgenkoffein. Die Kaffeemaschine hinter Tanjas Schreibtisch war ausgeschaltet. Oft stand ein kalter Rest in der Glaskanne, einmal hatte er davon gekostet und sich danach fünf Minuten geschüttelt. Schlimmer war nur die bituminöse Masse, die entstand, wenn die Wärmeplatte bis zum Morgen durchheizte. Meist zog der Nachtdienst den Stecker. – »Bitte die Kaffeemaschine abends ausschalten!«

Das Telefon auf seinem Schreibtisch schellte. Einen Herzschlag später vibrierte das Handy in seiner Sakkotasche. Bramert stellte den heißen Becher auf den nächsten Schreibtisch und rannte die paar Schritte. Bevor er nach dem Hörer griff, schaltete er die Gesprächsaufzeichnung ein.

»Kriminaloberkommissar Bramert, LKA Stuttgart.«

Zweifellos dieselbe Stimme – diesmal atemlos: »Ich habe den Verdacht, dass in meiner Firma ein Verbrechen geplant wird.«

»Sagen Sie bitte Ihren Namen und um welche Firma es sich handelt.«

»Ich kann nicht offen sprechen.«

»Meinen Sie, dass die Angelegenheit unsere Zuständigkeit betrifft? Wir wären zum Beispiel im Bereich der Nuklearkriminalität …«

»Darum handelt es sich.«

Beim Versuch, der Stimme alle Untertöne abzulauschen, hörte er Furcht und etwas wie naive Ehrlichkeit heraus. Er zwang sich, die Botschaft zu erfassen. »Wie kommen Sie zu diesem Verdacht?«

»Weil ich Arabisch kann.«

Bramert spürte die zunehmende Nervosität – Angst verkürzte die Stimmbänder. Bramert fürchtete den Abbruch des Gesprächs. »Können wir uns treffen?«

»Donnerstag, Mannheim, 20 Uhr, Kronenbourg am Wasserturm«, kam kaum verständlich.

»Wie erkenne ich Sie?« War die Stimme bisher klar zu hören, erkannte er jetzt Nebengeräusche.

»Ich muss Sch…«

Bramert erstellte eine Gesprächsnotiz und speicherte die Aufzeichnung auf seiner Festplatte. Danach trat er ans Bürofenster. Beim Blick in seine innere Ferne konnte er besonders gut nachdenken. Er öffnete das Fenster. Auf den Ästen der kahlen Bäume lagen Schneepolster. Die Taubenheimstraße verbarg sich halb hinter gepuderten Bäumen – bunte Autos glitten vorbei und zerdrückten den quakenden Neuschnee. Windstöße wirbelten durchs Geäst und warfen Schneefladen zu Boden. Er schloss das Fenster, als die Kälte seine Nasenlöcher schmerzte. Das arbeitsame Kratzgeräusch des Druckers endete, er ging hinüber und entnahm die Notiz für Tanja.

20 Minuten später erschien sie vor der Glastür, vom Kopf bis zu den Schultern eingeschneit. Mit heftigem Kopfschütteln wirbelte sie Schnee von ihrem haselnussfarbenen Bubikopf, dann klopfte sie ihre Winterjacke aus und betrat schimpfend das Büro. Auch sie war auf das Schneechaos vorbereitet, aber die Mischstrategie aus Straßenbahn und Fußmarsch nannte sie »einen Kalten«, was in diesem Fall ein passender Ausdruck war. Sie wirkte abgekämpft.

Tanja stellte die Handtasche neben ihren Schreibtisch und keuchte: »Kaffee?« Sie wirkte, als sei sie durch den Schnee gehetzt worden.

»Setz dich zuerst. Ich habe einen Anruf erhalten.«

»Geduld!« Tanja ging gemächlich zur Kaffeemaschine und startete sie. Genauso gemächlich kam sie herüber und stellte sich neben Bramert.

Er schaute hoch und fixierte sie. »Wie hättest du reagiert, wenn ich nach Kaffee geschmachtet hätte?«

Sie betrachtete ihn herablassend. »Ich hätte mit ›Macho!‹ gekontert.«

Morgens hörte Bramert eindeutig Tanjas fränkische Herkunft. Da waren alle harten Laute butterweich und die R-Laute rollten wie Güterzüge.

»Was mich gezwungen hätte, dich des Mobbings zu bezichtigen«, erwiderte er scharf. Bevor sie herzhaft lachten, schauten sich beide im leeren Büro um.

Er startete die Aufzeichnung, Tanja lauschte.

»Lass nochmal laufen«, bat sie und setzte den Kopfhörer auf. »Die Übertragungsqualität ist gut. Wahrscheinlich Festnetz. Entweder ein offenes Fenster …«

Bramert unterbrach sie mit dem Hinweis: »Wir haben Winter.«

Tanja, unbeirrt: »… oder ein nach allen Seiten öffentliches Telefon – so ein grauer Starenkasten.« Sie schloss die Augen. »Schritte in einem Flur – eindeutig ein Flur«, deutete sie die Hintergrundgeräusche.

»Du brauchst dir keine weiteren Gedanken machen, es ist ein Handy«, sagte Bramert. »Ich habe die Nummer.« Er schob ihr einen leeren Zettel hin.

Sie lachte kurz.

»Glaubst du der Stimme?«, wollte Bramert wissen.

»Die Beklemmung ist echt – sofern keine deiner Schauspielerinnen angerufen hat.«

»Ich kenne keine Schauspielerin«, antwortete Bramert schnell, um jedem Geplänkel zuvorzukommen. »Übrigens hat sich die Stimme bereits während der Herfahrt gemeldet, was für die Echtheit der Botschaft spricht. Das Gespräch ist in einem Funkloch abgebrochen.«

Er spielte die zwei Gesprächsbrocken ab und kopierte sie auf die Festplatte.

»Bia könnte eine Art Vorsilbe sein, wie bei Biathlet.« Er hob resignierend die Schultern. »Hast du Lust, mit nach Mannheim zu fahren?«

»Wenn ich dabei noch etwas lernen kann.«

»Du schaffst die Prüfung auch ohne Exkurs nach Mannheim – trotzdem …« Er machte eine längere Pause. »… hätte ich jetzt gern einen Kaffee.«

Tanja knurrte »Macho« und floh, als sich Bramert ruckartig aus seinem Bürostuhl erhob. Er folgte ihr mit langen Schritten, sie bog zur Maschine ab und er eilte weiter zu Siebers Schreibtisch, zu dem herrenlosen Becher. Er nahm ihn, bevor Sieber durch die Glastür trat, machte einen Umweg zu den Toiletten, wo er das schale Getränk im Waschbecken entsorgte.

Tanja rührte ein braunes Zuckerstück in Bramerts blaue Tasse mit dem gelben B und goss Milch nach – sie teilten sich eine winzige Milchbox. Dann saßen sie sich gegenüber und leerten wortlos die erste Morgentasse. In seiner Schreibtischschublade fand er eine angebrochene Keksschachtel, deren Restinhalt er mit Tanja verzehrte.

»Wie gehen wir vor?«, fragte sie.

»Mach einen Vorschlag.«

»Ich schlage vor, dass wir den Anruf ernst nehmen, also machst du den Bericht und ich suche den Weg zu dem Lokal, lasse den Anruf überprüfen und bringe die Tonaufzeichnung zur KTU. Vielleicht muss später eine Analyse erstellt werden.«

Bramert stimmte zu, überlegte weiter und gab ihr ohne viel Überzeugung den Rat: »Recherchiere, ob in Mannheim ein Nuklearbetrieb ansässig ist.« Er spann den Gedanken weiter und klang etwas zuversichtlicher. »Könnte auch im medizinischen Bereich sein. – Uni oder so.«

Panik

Ein kalter Windstoß wehte das blonde Haar über ihr Gesicht, als sie das Fenster öffnete. Der Anruf brach ab. Die junge Frau strich mit ihren langen Fingern die flatternden Strähnen hinter die Ohren. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und las den Zettel, der darauf lag. Der Zeigefinger folgte den Zeilen von rechts nach links.

Eine halbe Stunde später wählte sie die Nummer erneut. Diesmal sprach sie über eine stabile Verbindung mit dem Mann, dessen Stimme sie wiedererkannte. Sie notierte seinen Namen und schob den Zettel mit der Telefonnummer in ihre Handtasche.

Schritte näherten sich im Flur. Sie klappte hastig ihr Handy zusammen, dass es wie eine Kastagnette klackte. Das Gespräch war abgeschnitten. Die junge Frau legte die linke Hand auf das Handy und schaute durch halb gesenkte Wimpern zur Tür, die sich geräuschlos öffnete. Doktor Schneemüller stand dort, schaute auf seine Armbanduhr, wobei er ungläubig aber wohlwollend den Kopf schüttelte. Der enge Türrahmen machte ihn kleiner und massiger, als er eigentlich war, 90 Kilo auf eine Länge von 1,74 Metern verteilt. Er nannte es spöttisch sein Privileg, als Erster in die Firma zu kommen, was eindeutiger Tadel für die später Kommenden war.

Er wünschte Frau Rotbeck einen guten Morgen und betrat das Büro des Controllings. Der jungen Frau begegnete er gern allein. Bisher widerstand sie seinen Annäherungsversuchen mit eleganten Abwehrtechniken, was ihn anspornte, in seinem Bemühen fortzufahren. Ihr Gesicht strahlte an diesem Morgen fast transparent.

Er hatte Bianka vor einem halben Jahr von der Einkaufsabteilung abgeworben. Seither beobachtete er sie aufmerksam, dass ihm die kalkige Blässe sofort auffiel.

»Fühlen Sie sich unwohl?«, fragte er besorgt. Er registrierte die aufkommende Nervosität, bemerkte die zitternde Hand, die ein Blatt in einen offenen Ordner legte. Die andere Hand gab ein bisher verborgenes Handy frei. Ein Sekundenblick genügte, dass er den Ordner erkannte. Das zitternde Blatt bedeckten arabische Schriftzeichen.

»Der Wetterumschwung macht mir zu schaffen.«

»Ich dachte, sie hätten die Zwischenkalkulation abgeschlossen.«

»Der Zettel lag heute Morgen auf meinem Schreibtisch. Er könnte zu dem Vorgang gehören.«

Die Stimme kratzte. Er nahm kleinste Kleinigkeiten wahr – er spürte die Anspannung, betrachtete die Mitarbeiterin mitfühlend. Sie wurde verlegen, als er ihre himmelblauen Augen ergründete. Ihre Lippen zitterten leicht, aber dann schien sie sich zu beruhigen, als er mit ihrem Dekolleté sprach.

»Sie müssen sich schonen.«

»Es ist alles in Ordnung.«

Sie schob das Handy in die Schublade, brachte den Ordner ans Regal und schloss auf dem Weg dorthin das Fenster. Er beobachtete, wie sie die Arme hob, dass sich der Busen streckte, vom dünnen Pullover umspielt – zu dünn für die Jahreszeit, dass er den Schatten eines blauen BH erkannte. Sie stand auf Zehenspitzen, um das oberste Regal zu erreichen. Er bewertete die glatt gezogenen Jeans.

»Schlank wie eine Gazelle«, flüsterte er, als wollte er vermeiden, dass sie sein Säuseln hören konnte. Sie ging kommentarlos zu ihrem Schreibtisch zurück. Schneemüller wünschte gutes Schaffen. Sie erwiderte den Gruß und stierte auf die Tischplatte.

Noch fügten sich Schneemüllers Beobachtungen zu keiner stabilen Einheit. Die erste Richtung seiner Gedanken war von der eigenen Natur vorbestimmt. Er hoffte, die junge Frau sei genauso vernarrt wie er selbst. Aber ihre Nervosität hatte vermutlich eine gänzlich unerotische Ursache, aber der nahe liegende Gedanke war noch zu weit entfernt. Für ihn war arabische Schrift unleserlich und er traute keiner schönen Frau des Westens zu, diese Schrift entziffern zu können.

Er rätselte und gab ihrer Nervosität und Blässe eine tiefere Bedeutung, die anscheinend etwas mit dem Blatt zu tun hatte. Dann war noch das Handy, das sie unter ihrer Hand versteckte. Das Klickgeräusch – ein abgeschnittenes Gespräch? Sein Gehirn biss sich an den Einzelheiten fest. Er ging nachdenklich zu seinem Büro und wünschte sich die junge Frau wie einen frischen, klaren Bach, den er mit einem Blick ergründen konnte.

Als wichtiges Dokument der Menschwerdung galt ihm die Personalakte. Er schlenderte durch sein Vorzimmer, setzte sich hinter seinen Schreibtisch, nahm einen Merkzettel und schrieb: ›Rotbeck‹.

Als die Schritte sich am Ende des Flurs auflösten, wählte die junge Frau eine Nummer im Ortsnetz. Der Ruf ging fünfmal durch, bis sich die Sprachbox meldete.

»Mutter, ruf mich schnellstens an.«

Danach zog sie den Ordner, entnahm das Blatt und übersetzte den Text ins Deutsche. Die Übersetzung steckte sie gefaltet in ihre Handtasche. Der Hinweis ›Übernahme der Ware in Kali Limenes‹ – Kali Limenes mit lateinischen Buchstaben geschrieben – war eigentlich unspektakulär, aber ein sonderbares Gefühl hatte sie zurückgehalten, den referenzlosen Zettel in den Papierkorb zu werfen.

Sie sinnierte, weshalb der Zettel auf ihrem Schreibtisch lag. – Die Putzfrau könnte zwischen den Regalen einen eingeklemmten Zettel befreit haben, den sie, mangels einer besseren Ablage, auf ihren Schreibtisch platzierte.

Die Google-Suche führte an die Südküste Kretas, wo eine Umkehrosmose der modernsten Generation aufgebaut werden sollte. Trinkwasser, Kochsalz, Solebadanlage, Energie-Rückgewinnung. Sie durchblätterte die Kreta-Akte. Unter der Rubrik ›Export‹ war eine Einbauerklärung sowie eine Herstellererklärung eingeheftet. Das Material unterlag den Einschränkungen für Dual-Use, wie sie aus der internen Checkliste erkannte. Aber auch hier musste sie zuerst Wikipedia konsultieren, um die Hintergründe zu verstehen. Sie war keine Spezialistin für Materialien oder Exportbestimmungen, dass sie den Ordner ohne schlechtes Gewissen hätte schließen können.

›Übernahme der Ware in Kali Limenes‹ konnte harmlos sein.

»Weshalb ist die Anweisung arabisch geschrieben?«, fragte sie leise.

Die junge Frau hätte, anstelle ihrer Mutter, ihre Schwester Sylvia anrufen sollen, die an der Uni Kaiserslautern im Fachbereich Hydraulik promovierte. Sie war Spezialistin für Materialien und ihre Verwendung im Bereich der Hydraulik.

Doktor Schneemüller schob den Zettel von links nach rechts über seinen lackierten Eichenschreibtisch, überlegte und schob ihn zurück. Er nahm den Telefonhörer, legte auf und verließ sein Büro.

»Ich gehe in die Personalabteilung«, sagte er seiner Sekretärin im Vorbeigehen.

Die rundliche Frau mit den gesunden Wangen schaute ihm irritiert nach. »Das könnte ich doch für Sie machen«, flüsterte sie.

Schneemüller ging über den Hof, an der langen Glaswand der Kantine entlang. Zwei Frauen wischten Tische und rückten Stühle. Sein Ziel war der zweckmäßige Flachbau vor den Wohnhäusern, die sich jenseits des Zauns anschlossen.

Die Schneedecke war dünn. Gegen den schneidenden Wind hüllte er sich in seinen Wintermantel, hielt den hochgestellten Kragen mit einer Hand vor seine Nase. Sein schwarzes Haar federte wie ein Antennenwald. Platanen, die aus der Zeit der ersten Firmengründung stammten, reckten blattloses Geäst in die Kälte. Während die Firma dreimal Namen und Produktion gewechselt hatte, waren sich die Bäume treu geblieben. Jetzt nannte sich der Betrieb ›Wasser Anlagen (WASAN) – Werk Mannheim‹.

Mit dem Betreten des Personalbüros sank der Geräuschpegel auf Flüsterniveau. Zwei Damen schauten hilfsbereit von ihrer Arbeit auf, er wandte sich an die ältere.

»Kann ich einen Blick in die Personalakte von Frau Bianka Rotbeck werfen?« Als Erklärung fügte er hinzu: »Ich glaube, dass die junge Dame viel Potenzial hat.«

Die Mitarbeiterin ging an einen Schrank, in dem, hinter abschließbaren Glastüren, Ordner in alphabetischer Reihe standen. Sie zog den Ordner ›Ri bis Rz‹ und trug ihn an ihren Arbeitsplatz. Sie reichte Schneemüller die entsprechende Akte. »Soll ich eine Kopie machen?«, bot sie an.

Er blätterte die wenigen Seiten um. »Ein Blick genügt.« Als er die Akte schloss, war er unzufrieden. »Lebenslauf, Sprachkenntnisse?«, fragte er mit mürrischem Ton. »Da fehlen wichtige Informationen.«

Die Kollegin schaute flehend zu der Jüngeren, die das Gespräch verfolgte. »Ist da was abgespeichert?«

Die jüngere Kollegin tippte mit flinken Fingern auf ihr Tastenbrett. Schneemüller umrundete den Doppelschreibtisch und betrachtete den Bildschirm.

»Geboren in Tripolis? Das finde ich sehr erstaunlich. Ist Frau Rotbeck Libyerin oder Griechin?«

»Sie ist geschieden«, meinte sie, weil sie keine bessere Erklärung parat hatte.

»Ich sollte sie aus ihrer Depression holen.«

Die beiden Damen waren unsicher, welche Antwort erwartet wurde, deshalb schwiegen sie. Ihren Mädchennamen wollte er nicht wissen.

»Deutsch, Englisch, Französisch, Arabisch – das hört sich doch sehr gut an!« Schneemüller bedankte sich überschwänglich und ging zurück. Unter einem ausladenden Platanenast blieb er stehen und telefonierte mit seiner Sekretärin.

»Verbinden Sie mich bitte mit Frau Rotbeck.«

Er wartete.

»Schneemüller!«, meldete er sich mit einer Stimme, die Hochgefühl ausstrahlte. »Haben Sie Lust mit mir im Casino zu essen?«

Bianka willigte ein, weil sie sein Überschwang irritierte. Sein Auftritt im Büro war nur ein Morgenbesuch gewesen, aber sie war hellhörig geworden. Sie hätte wahrscheinlich lieber in Ruhe nachgedacht, mit ihrer Mutter gesprochen und einen schlichten, mürrischen Rat eingeholt, um ihn letztlich zu ignorieren.

Schneemüller bat seine Sekretärin, im Casino einen Tisch für zwei Personen zu reservieren. Er bog ab zur Montagewerkstatt.

Schneemüller betrat Punkt 12 Uhr das Büro des Controllings. Bianka war allein. Der andere Schreibtisch war aufgeräumt, wie am Morgen. Er zeigte mit dem Kinn in die Richtung dieses Schreibtischs. »Ist Ihr Kollege krank?«

»Urlaub.« Bianka erhob sich und schob den Stuhl an den Schreibtisch.

Schneemüller, im Plauderton: »Es geht das Gerücht um, dass sie Arabisch können.«

»Ist sozusagen meine Zweitsprache.«

»Dieser arabische Zettel«, er wartete bis Bianka fragend schaute. »Sie könnten ihn kurz übersetzen, damit ich weiß, ob der mit dem Osmose-Projekt etwas zu tun hat?«

Biankas Hand zitterte leicht, als sie den Ordner aus der oberen Reihe zog. Sie trug ihn zu ihrem Schreibtisch, suchte der Zettel, den sie unter der Rubrik ›Allgemeiner Schriftverkehr‹ eingeordnet hatte. Sie übersetzte mit ruhiger Stimme. Schneemüller grübelte.

»Sonderbar«, war sein Kommentar.

Bianka betrachtete ihn, in der Hoffnung eine vernünftige Erklärung zu erhalten, aber Schneemüller schien ratlos.

Sie gingen ins Casino. Im Nebenraum befanden sich kleine Nischen, durch verstellbare Wände voneinander abgetrennt. Eine Küchenfrau lugte hinter einer spanischen Wand vor und eilte zum Tisch, als ihre Gäste auf den Stühlen saßen. Sie sprach im Singsang der Vorderpfälzer. »Darf ich Ihnen einen Aperitif bringen?«

»Zwei gerührte Motorfüllwasser«, bestellte Schneemüller.

Die Küchenfrau lachte herzhaft.

Biankas Gesicht spiegelte Verwunderung, dass er erklärte: »Ein hauseigener Aperitif, den unser Prüffeldleiter komponiert hat und dem er gleich den passenden Namen gab.«

Sie sprachen über alle möglichen Themen – Urlaub und Bücher, Biankas Herkunft war ebenfalls ein Thema. Schneemüller brachte sie nach dem Essen in ihr Büro zurück.

Drei Heimfahrten

Die Talstraße war die kürzeste Strecke zu Biankas Wohnung in Wilhelmsfeld – zwar eine Landstraße, aber eigentlich kein echter Fahrweg, manchmal sogar gefährlich. Nach der Scheidung war Bianka unverhofft die Eigentümerin eines kleinen Hauses geworden. Schneewetter zwang sie zum Schritttempo, wenn die Begrenzungen hinter Schneeverwehungen verschwanden. Bei Frost fuhr sie sehr konzentriert, sie fürchtete die glatten Stellen unter Schnee oder Laub. Entweder fuhr sie morgens oder abends durch Finsternis.

Die Heimfahrt am Montag war eine Fahrt für den zweiten Gang. Sie dachte nebenher an das Essen mit Schneemüller. Er war charmant, ein blendender Unterhalter. Die Aufregung, die sie beim Lesen des arabischen Schreibens empfunden hatte, war verflogen. Sie ärgerte sich bereits über ihren Anruf beim LKA und nahm sich vor, ihrer Mutter Entwarnung zu geben. Die Reifen nagten sich durch den gefrorenen Matsch. Solange sie sich übermäßig konzentrierte, schwieg das Radio, aus dem sonst leise Musik rieselte.

An diesem Montag fiel ihr das unruhige Auf und Ab von Licht und Schatten auf. Ihr folgte ein Wagen. Sie hatte auf der L 536 noch nie Scheinwerfer im Rückspiegel gesehen. In zwei Jahren war ihr auf diesem Weg noch kein Auto gefolgt. Der Wagen hielt gleichmäßigen Abstand. Sie erkannte weder Marke noch Typ. Die Scheinwerfer schienen hoch angebracht, dass sie einen Geländewagen vermutete. Die Lichter verschwanden nach der Haarnadelkurve. Die Talstraße schlängelte sich bis nach Wilhelmsfeld. Es gab fast keine Abzweigung. Die einzige Erklärung war, dass sich ein Ortsfremder verfahren hatte und umkehrte.

»Gott sei Dank.«

An den aggressiven Unterton ihre Stimme war sie bei solchen Fahrten gewöhnt – wenn sie in endlosen Staus vor grünen Ampeln gefangen war, stieß sie raumfüllende Flüche aus. Sie war erleichtert, als die Lichter verschwanden, denn auf dieser Strecke mussten sich zwei Wagen regelrecht aneinander vorbeitasten. Sie schaute in den Rückspiegel, ob sie Rücklichter erkennen konnte. Sie sah weder Rücklichter noch Scheinwerferstrahlen, die eigentlich in der Schneelandschaft reflektieren sollten. Nach der Kurve waren die Beobachtung und das zugehörige Staunen vergessen.

In ihrer Wohnung sinnierte Bianka über den arabischen Zettel. Sie nahm die Übersetzung aus ihrer Handtasche, las den Text sehr kritisch und fand ihn – wenn er überhaupt einer Bewertung bedurfte – belanglos. Jetzt ärgerte sie sich über die vorschnelle Reaktion, die sich vermutlich durch ihren hormonalen Zyklus erklären ließ. Sie las ›Bramert‹, betrachtete die Telefonnummer und nahm sich vor, den Mann am Donnerstagmorgen über die Harmlosigkeit ihres Verdachts zu informieren. Bis dahin konnte sie alles gründlich von allen Seiten durchdenken und sich für den Kommissar eine akzeptable Entschuldigung einfallen lassen. Schneemüller war anders, als sie ihn bisher eingeschätzt hatte – er war sympathisch!

Am Dienstag schaute Schneemüller wieder in ihr Büro. Diesmal war sie unverkrampft und schenkte ihm ihr schönstes Morgenlächeln. Er wünschte fröhliches Schaffen. Bei ihrer Mutter meldete sich wieder der Anrufbeantworter, aber das war bedeutungslos. Ihre Furcht war verschwunden. Sie hatte eindeutig überreagiert.

»Dual-Use bedeutet nur, dass ein wirtschaftliches Gut für zwei Verwendungszwecke geeignet ist. Daraus kann kein Missbrauch abgeleitet werden.« Sie flüsterte mit sich selbst, weil gehörte Sprache mehr Überzeugungskraft hatte als zerbrechliche Gedanken.

»Der arabische Zettel ist ein dummer Zufall.«

Schneemüller lud sie zum Mittagessen ein und sie genoss seine Gegenwart. Er schlug ihr einen gemeinsamen Bowlingabend vor, was ihr schmeichelte, dass sie ehrlich erfreut zustimmte.

Am nächsten Abend, auf ihrem Heimweg, verfolgten sie wieder hoch angebrachte Scheinwerfer. Genau wie am Montag verschwanden die Lichter. Diesmal hielt sie an und wartete. Sie drehte den Kopf, damit sie einen größeren Sichtwinkel hatte. An der Haarnadelkurve leuchteten Bremslichter auf, also fuhr der Wagen tatsächlich zurück. Bianka rätselte über dieses sonderbare Verhalten, das sich durch die Wiederholung schwerlich als bloßer Irrtum oder Zufall abtun ließ.

Der Mittwochmittag war mit acht Grad relativ warm, aber als Bianka die Firma verließ, waren null Grad erreicht und für die Nacht war Frost angekündigt. Auf der Heimfahrt lag betonfarbiger Nebel auf der Straße. Es war, als zerschneide der Wagen eine graue Barriere. Bianka fuhr absolut vorsichtig. Sie tastete sich über den Weg. Die Scheinwerfer strahlten gegen eine reflektierende Wand, dass sie mit Abblendlicht weiterfuhr. Als sie in den Rückspiegel schaute, bemerkte sie zwei schwach strahlende Punkte. Sie wusste, dass sie von hoch angebrachten Scheinwerfern erzeugt wurden. Diesmal näherten sie sich. Sie schätzte, dass der Wagen 50 Stundenkilometer fuhr, während sie höchstens 30 zu fahren wagte. Er näherte sich mit unverminderter Geschwindigkeit. Die enge Haarnadelkurve lag vor ihr. Sie musste sich auf den Weg konzentrieren. Gleißendes Licht füllte ihre Rückspiegel und blendete von drei Seiten, dass sie sekundenlang durch pechschwarze Nacht fuhr.

»Der Idiot überholt in der Kurve!«, schrie sie.

Am Scheitelpunkt der Haarnadelkurve spürte Bianka einen harten Stoß.

Eine Fahrt nach Mannheim

Kurz vor Mitternacht fielen die letzten Schneeflocken. Die Temperatur stürzte dem Gefrierpunkt entgegen. Bramert dachte missmutig an die Fahrt nach Mannheim. Streudienste salzten nachts die Autobahnen. Die meisten Autofahrer hatten zur Winterroutine zurückgefunden. Werkstätten verdienten gut an Winterreifen, aber die Vorräte waren erschöpft. Bramert kam für den Reifenwechsel zu spät, der nächstmögliche Termin war in sechs Wochen.

Er fuhr wieder hinter dem Schneepflug die Wendel hoch, Tanja saß an seiner Seite. – Fast zufällig waren sie sich begegneten. Sein Trick bestand in einem kleinen Umweg an die Haltestelle Ebitzweg, wo er auf ihre Straßenbahn wartete. Sie erkannte den roten Mercedes und federte wie ein Reh über die Straße. Aus Dankbarkeit küsste sie seine rechte Wange. Bramert gab sich als Kavalier alter Schule, öffnete ihr im Parkhaus die Wagentür, hielt die Eingangstür auf. Beim Betreten des LKA wurde das Gespräch dienstlich.

»Ich bin gespannt, was da rauskommt.«

Bramert wusste, wovon Tanja sprach, denn er dachte ebenfalls an den Anruf und die Fahrt. »Hast du schon Antworten bekommen?«

»Das Café sieht auf der Webseite gut aus. Ob man dort parken kann, hätte ich noch prüfen können.«

»War’s das?«

»Die Schallanalyse ergab, dass das Gespräch in einem Büro geführt wurde, das Fenster stand offen – wahrscheinlich zum Lüften, woraus geschlossen werden kann, dass die Frau kurz vorher als Erste zur Arbeit kam, oder dass sie ihr eigenes Büro hat.« Nach einer kurzen Denkpause fügte sie hinzu: »Wir können von einem älteren Gebäude ausgehen, weil bei Klimaanlagen die Fenster geschlossen bleiben.«

»Eine schlüssige Deduktion«, lobte Bramert, »aber ich hab dennoch das Gefühl, dass uns das zu wenig ist. – Was ist mit Nuklearbetrieben? Wo ist der Anruf hergekommen?«

»In Mannheim existiert kein Betrieb, der mit einem Nuklear-Vergehen in Beziehung gebracht werden kann.«

Bramert hielt die Tür zum großen Büro auf. Tanja tänzelte vorbei und streifte ihn zufällig. Bramert ignorierte die angenehme Berührung und steuerte sofort dagegen. »Handy?«, bellte er.

»Vermutlich prepaid!«, kläffte sie zurück. Sie stand vor ihrem Schreibtisch, durchwühlte ihre Handtasche, schob ein Päckchen Papiertaschentücher und die Pistole in die Schreibtischschublade, da fragte er schroff: »Krieg ich endlich Kaffee?«

»Macho!«, war ihre Antwort. Sie drehte sich zur Kaffeemaschine. »Das Kaffeepulver reicht für sechs Tassen.«

Bramert war für den Einkauf zuständig. Die Maschine blubberte und füllte die Glaskanne mit dunkelschwarzer Flüssigkeit. Langsam waberte der Duft durchs Büro. Tanja schob ihm einen Zettel mit einer Handynummer über den Schreibtisch. Er wählte, lauschte, bis er das sechste Freizeichen hörte, und legte auf.

»Auch keine Mailbox?«

Bramert schüttelte den Kopf und beobachtete, wie sie die randvoll gefüllten, großen Tassen zu den Schreibtischen schaukelte. Heute früh hatte sie ihren Bubikopf in akkurate Form gebracht. Sie setzte die Tasse mit dem gelben B vor Bramert ab. Die haselnussbraunen Haarfransen pendelten über ihre Stirn. Ihre erhitzte Haut verdampfte das herb-fruchtige Parfüm einen Hauch zu intensiv. Die mit dem Kaffeelöffel kreisende Hand, und die resultierende Schlingerbewegung des Oberkörpers, stiegen ihm ins Gehirn.

»Was guckst du so …« Sie zögerte, ihre Empfindung in Worte zu fassen. »Ich weiß nicht, so …« Nahm sie einen weiteren Anlauf. »Es interessiert mich einfach.«

»Wie lange bürstest du deinen Bubikopf?«

»Zehn Minuten.« Sie ging mit dem umgerührten Kaffee auf ihre Seite.

Bramert nickte anerkennend und sagte: »Wir vergessen das Handy. – Wenn wir die Frau treffen, frage ich nach ihrem Namen und du machst Fotos.«

Unter anderen Umständen hätte Bramert den Anruf anders behandelt, aber er bildete die Kommissaranwärterin Tanja Zainer aus. Er musste sie durch jeden angedeuteten Fall mit aller Sorgfalt und bis zum Ende führen.

Bramert fühlte sich von ihr angezogen, weshalb er bemüht war, die persönliche Distanz groß zu halten, damit das berufliche Verhältnis unbelastet blieb. Sie hatten bei der letzten Abteilungsfeier getanzt, zu sechst waren sie in eine Disco gegangen, hatten weitergetanzt und waren zu zweit in seiner Wohnung gelandet. Tanja hatte im Ehebett geschlafen, während er auf dem Klappsofa seiner Schwester lag, die sich mit ihrem Semester auf einer Exkursion in der Schweiz befand.

Das Ehebett war ein Überbleibsel seiner Eltern. Diese Nacht war eine Tortur gewesen, denn er musste bis zum Morgen an Tanja denken, die sozusagen in Reichweite war. Er war stark geblieben und auch Tanja hatte keinen Versuch gewagt, ihren Ausbilder zu verführen.

Tanja fuhr den Dienst-Mercedes. Bramert hatte den Beifahrersitz flacher gestellt und schlief. Der Feierabendverkehr trieb sie von Stuttgart fort. Es gab kein Entrinnen in dem dickflüssigen Blechstrom. Bramert wurde vom Navi geweckt. »Links einordnen.« Er öffnete die Augen – Heilbronn.

Bramert drehte den Polizeisender lauter, lauschte kurz und reduzierte die Lautstärke wieder. Es war dunkel, als sie den angestrahlten Wasserturm sahen, dessen Spitze die Häuser überragte. Das Navi diktierte unerbittlich. »Bitte rechts einordnen!« Rechts, links, rechts! »Sie befinden sich in der Fressgasse.« Tanja fuhr am Anfang der Fressgasse auf eine Halteverbotsstelle, wo sie etwas Ähnliches wie eine Parklücke erspähte. Sie schob den Wagen zwischen zwei widerrechtlich geparkte Autos, klappte die Sonnenblende auf der Beifahrerseite herab. ›Polizei im Einsatz‹. Sie schlenderten ungefähr 100 Meter auf dem Friedrichsring zurück.

Bramert trug keine Dienstwaffe, dafür war er mit Mikro und Sender ausgestattet. Tanja betrat das Lokal zuerst und suchte einen Platz, von dem sie unbeobachtet Bilder machen konnte. Bramert ging an der Tür vorbei und betrat das Lokal zwei Minuten später. Mit raschen Blicken überschaute er den Raum. Da ihm keine Frauenhand winkte, wählte er den Tisch, der in freier Sichtlinie zu Tanja lag. Als Bramert seine Bestellung machte, steuerte Tanja das Aufzeichnungsgerät aus. Sie trug einen Knopf im Ohr, den ihr glattes Haar verdeckte, das Kabel verschwand hinter dem dicken Schal. Wenn sie entspannt war, frischte sie ihr Haar mit einer kombinierten Bewegung aus Kopfschütteln und einem schnellen Handstreich auf – aber jetzt war ihre gesamte Aufmerksamkeit auf Bramert und die zu erwartenden Ereignisse konzentriert.

Bramert neigte sich leicht nach links, als die Bedienung die Bestellung aufnahm und sich dabei in die Sichtlinie zur Tür stellte. Er hatte eine konkrete Vorstellung, wie die Anruferin auszusehen hatte – hellbraunes Haar, weiche Gesichtszüge, mittelgroß – also zwischen eins sechzig und eins achtzig. Er schob den linken Ärmel hoch und schaute auf seine goldene Uhr, die früher das linke Handgelenk seines Vaters geziert hatte.

»Fünf Minuten vor 20 Uhr.«

Sein Blick schwenkte kurz zu Tanja, sie bestätigte den optimalen Empfang durch leichtes Kopfnicken.

Punkt 20 Uhr öffnete sich die Tür, eine jüngere Frau trat ins Lokal – knöchellanger Wintermantel, den ein Gürtel an der Taille einfasste, eine schiefe, grüne Strickmütze verbarg helles Haar und ein karierter Schal verdeckte den Mund. Sie lockerte den Schal, dass schmale Lippen und ein starkes Kinn sichtbar wurden. Bramert beglückwünschte sich. Sie schaute sich suchend um. Sie gefiel ihm gut. Bramert hob die Hand und hielt sie kurz in der Schwebe. Sein langes Haar rutschte in die Stirn. Er schob die Locke ruhig aus seinem Gesichtsfeld. Die Frau näherte sich erfreut – und ging vorbei. Zwei Tische entfernt klang verliebtes Flüstern und das sanfte Schmatzen eines Begrüßungskusses. Tanja machte ein Zeichen mit den Schultern, das alles bedeuten konnte – inklusive Erleichterung.

Er trank seinen Kaffee mit kleinen Schlucken. Bramert bereitete durch ein unauffälliges Zeichen das Ende vor. Tanja leerte ihre Tasse.

Um Viertel nach acht sagte Bramert: »Abbruch.«

Tanja bezahlte und ging. Ein paar Minuten später erhob sich Bramert, schaute sich um, wie auf der Suche nach einer Verabredung, und verließ gemessen das Café. Selbst als er die Tür zuzog, hoffte er noch – vergebens.

Sie trafen sich beim Wagen. Beide waren enttäuscht. Bramert lud Tanja zu einem Abendessen ein, als Trost für den Fehlschlag. Beim Essen besprachen sie den Anruf zum zehnten Mal. Sie hofften, eine zufriedenstellende Erklärung für einen Abschlussbericht zu finden. Die Informationen der Anruferin waren zu dürftig, um daraus einen Fall fürs LKA zu machen. Bei einem konkreten Verdacht hätten sie vom Netzbetreiber das Bankkonto erfahren können, von dem das Handy-Guthaben aufgefrischt wurde, aber ohne Staatsanwalt und Richter waren ihnen die Hände gebunden.

Das Ende eines Mädchenabends

An jedem zweiten Freitag war Mädchenabend und diese Zeremonie ging reihum. Eine brachte selbst gemachtes Essen. Diesmal schleppte Claudia zwei Salatschalen, selbst gebackenes Brot und eine Kühltasche mit Panna cotta. Babs brachte an diesem Abend vier Weinflaschen verschiedener Provenienz und vier stille Wasser. Gut verpackt waren zwölf entsprechende Gläser, weil Sylvias Kristallwaren bei vier Personen ihre Grenze überschritten. Conny war diesmal die Unterhaltungschefin. Unten in ihrer Tasche lag ein Spiel, das mit langen Gesichtern begrüßt wurde, weil sie bei diesen Abenden keine Verliererin wollten – und darauf lief dieses Spiel hinaus. Conny zog noch eine DVD hervor. Sie las mit theatralischem Schmelz eine Beschreibung, die Abgründe und Höhepunkte versprach. Sylvia war die Gastgeberin und legte fest, dass der Film der letzte Nachtisch sein sollte.

Das Essen war hervorragend und die Weine passten, aber die Gastgeberin nippte nur, damit sie die Situation notfalls über seichte Stellen lenken konnte. Ein angeregtes Gespräch über Jungprofessoren begleitete das erste Dessert.

Conny schob den ausgeliehenen Film in den Laptop. Sie lachten schallend, als der Filmheld mit Bravour am ersten Höhepunkt arbeitete. Die drei Freundinnen hörten nicht, dass Sylvias Handy klingelte. Sie ging ins Bad und schloss die Tür, weil sie bei dem Lachen und Kreischen kein Wort verstanden hätte.

Sylvias Mutter klang atemlos und besorgt. »Bianka hat am Montag auf meinen Anrufbeantworter gesprochen, ich soll sie unbedingt zurückrufen.«

»Das war vor fünf Tagen? – Und jetzt?«

»Ich bin heute von einer Reise zurückgekommen.«

»Du bist noch ganz außer Atem.«

»Treppensteigen mit einem Koffer.«

»Hast du sie erreicht? – Wie oft hast du’s versucht?«, fragte Sylvia hastig.

»Bianka hebt nicht ab. – Ich meine, wo’s angeblich so dringend war.«

»Typisch, dass Bianka nicht mit mir gesprochen hat?«

»Ihr beide seid stur«, klagte Frau Schliemann.

»Ruf bei der Polizei an, wenn du dir Sorgen machst.« Sylvia beendete das Gespräch unzufrieden. Das Verhältnis zu ihrer Mutter war seit acht Jahren gestört. Sie ging ins Wohnzimmer zurück und setzte sich in den Lehnstuhl beim Fenster.

Conny startete wieder die DVD, aber als sie Sylvias geistige Abwesenheit bemerkte stoppte sie und betrachtete die Freundin, die stur auf ihre Knie starrte. Das Gebläse des Laptops wirkte aufdringlich laut, sechs Augen musterten Sylvia.

»Probleme?«, fragte Conny.

»Was gibt’s?«, fragte Sylvia.

»Was gibt’s bei dir?«, wollte Babs wissen.

Sylvia erzählte von dem Anruf. Die Mädchen kannten Bianka von früher und schaukelten unruhig auf den Stühlen. Sylvias gerunzelte Stirn war beunruhigender als die Tatsache, dass Bianka auf einen Anrufbeantworter gesprochen hatte. Auf dem Bildschirm leuchtete eine eingefrorene Bewegung.

»Hoffentlich eine harmlose Geschichte, die sich bald aufklärt«, wünschten alle.

Die Anspannung ließ nach. Sylvia meinte, sie sollten den Film weiterlaufen lassen. Alle erschraken, als das Handy schellte.

»Hallo, Mutter.«

»Bianka liegt in Mannheim auf der Intensivstation.«

Sylvia schrie ins Telefon: »Was ist geschehen?«

»Mittwochnacht, auf der Heimfahrt von der Arbeit, ist sie einem Schaf ausgewichen und den Abhang hinabgestürzt.«

Sylvia erwürgte mit der rechten Hand einen Schreckensruf. »Welche Klinik?« Sie notierte den Namen.

»Ich fahre sofort!«

Die Mädchen verstanden und versuchten zu beruhigen.

Sylvia bot den Freundinnen an, mit dem Abend weiterzumachen, aber sie wollten nicht. Sie verließen die Wohnung. Bevor Sylvia ins Auto stieg, umarmten sie sich. Sie war die Größte und mit 25 auch die Älteste im Kreis ihrer Freundinnen. Barfuß war sie 1,89 Meter groß. Bei der Abiturfeier – in Kairo – wurde zum ersten Mal ihre extrem gute Gewichtsverteilung bewundert. Je nach Lichteinfall wirkte ihr Gesicht asketisch oder sanft, ihre dünne Nase verstärkte den einen oder anderen Eindruck. Dunkelbraune, hüftlange Haare, oft zu einem dicken Zopf geflochten, wehten in der Winterluft.

»Richte Bianka unsere besten Genesungswünsche aus!«, riefen die Mädchen und winkten, als der gelbe Fiat Cinquecento wegfuhr.

Kurz nach Mitternacht stand Sylvia am Empfang des Klinikums. Die riesige Anlage wirkte so verschlafen wie die Empfangsdame. Sie meldete Sylvia in der Abteilung an. Sylvia trabte über das Gelände, folgte den Hinweisschildern, fand den richtigen Bau und fuhr mit dem Aufzug. Den Blick auf Richtungspfeile geheftet, eilte sie durch Flure. Wie ein unzeitiger Weckruf hallten ihre Absätze bis zum Schwesternzimmer.

Eine stattliche Nachtschwester führte sie zu einem großen Fenster. Die weiße Mütze mit dem roten Kreuz blähte ein versteckter Haarwust. Auf dem Weg zur Intensivstation schwiegen sie. Die Rollos waren herabgelassen. Die Nachtschwester kippte die Lamellen, dass Sylvia in den schwach erleuchteten Raum schauen konnte. Bianka war in Verband gewickelt, in Gips gegossen, mit Schläuchen behängt, dass sich Sylvia ihre Schwester darunter nur mit Mühe vorstellen konnte. Schläuche verstopften die Nasenlöcher, ein Teil des Gesichts bedeckten Mullbinden, das lange, blonde Haar, das Bianka nur zaghaft an den Spitzen schnitt, schien durch ärztliche Notmaßnahmen für lange Zeit ruiniert. Bianka starrte mit unbewegten Augen die Decke an, alle Apparate waren eingeschaltet. Nur das gleichmäßige Piepen und Flimmern wirkte beruhigend.

»Wie geht es Bianka?«

»Sie ist stabil.«

»Ein stabiles Gleichgewicht stellt sich immer im Tiefpunkt ein.«

Dies war ein Zynismus aus dem Bereich der Physik, den die Nachtschwester mit Schweigen beantwortete. Ihre Augen spiegelten großes Bedauern. Sylvia schüttelte den Kopf, als sie den Blick bemerkte.

»Es war nicht so gemeint. – Ich bin Ingenieurin.«

»Ich dachte schon, Sie seien Ärztin.«

»Hat meine Schwester etwas gesagt?«

»Ich schaue in der Akte.«

Sylvia folgte der Krankenschwester und ging nach zwei langen Schritten an ihrer Seite.

»Wir notieren solche Sachen, denn vielleicht geben sie später einen wichtigen Hinweis.«

Sylvia bemerkte den dunklen Teint, studierte das Profil, lauschte den Worten. Alles war perfekt. Sie jonglierte mit den Betonungen der Worte, schaltete ohne Vorwarnung auf Arabisch um – eine Bemerkung über das Dreckswetter. Die Nachtschwester stand ruckartig still, betrachtete Sylvia, lachte und antwortete im selben Idiom. Sie redeten auf dem Weg zum Bereitschaftszimmer arabisch.

»Zu Hause spreche ich mit meinem Mann Aramäisch und Deutsch mit den Kindern.«

»Ich bin überrascht, wie akzentfrei Ihr Deutsch ist.«

»Schlechtes Deutsch können sich Ärzte leisten. Bei uns werden andere Anforderungen gestellt.«

Sylvia schaute in die ernsten Augen. Die Nachtschwester blieb vor der Tür zum Schwesternzimmer stehen. »Arabisch habe ich in der Schule gelernt und bei der Arbeit gesprochen.«

Sylvia bemerkte das Kreuz mit dem großen, birnenförmigen Ring, das auf der Wölbung des Pullovers lag. Sylvia lachte leise.

»Weshalb lachen Sie?« Die Schwester klang erschüttert über so viel Kälte.

»Ihr Kreuz«, sagte Sylvia und deutete darauf. »Dürfen Sie damit auch Patienten anderer Religionszugehörigkeit pflegen?«

»Ich mach’s genau wie in Syrien.«

Nach kurzer Reflexion vermutete die Schwester: »Sie sind also doch eine Zynikerin.«