Schwerter und Rosen - Stolzenburg, Silvia - E-Book

Schwerter und Rosen E-Book

Stolzenburg, Silvia

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Beschreibung

England 1189: Während ganz Europa zum dritten Kreuzzug rüstet, tritt der junge Knappe Harold of Huntingdon in den Dienst des machthungrigen und skrupellosen Earls of Essex. Mehr als einmal muss Harold um sein Leben fürchten. Trost findet er nur in seiner geheimen Leidenschaft für die Hofdame Catherine de Ferrers, die schöne Tochter des Earls of Derby. Doch bevor er ihr seine Liebe gestehen kann, muss er dem englischen König Richard Löwenherz auf den Kreuzzug folgen. Auf dem Weg gen Osten trifft das englische Heer auf deutsche und französische Verbündete. Je näher die Kreuzfahrer der Heiligen Stadt kommen, desto blutiger und aussichtsloser werden die Kämpfe. Ein Wiedersehen mit Catherine scheint daher mehr als ungewiss … Lieben und leiden zu Zeiten von Richard Löwenherz, Barbarossa und Robin Hood: Fakten und Fiktion gekonnt verknüpft!

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Seitenzahl: 669

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Silvia Stolzenburg

Schwerter und Rosen

Für mich.

Liste der agierenden Personen

(historisch belegte Personen in Kursivschrift)

Engländer um Richard Löwenherz:

Harold of Huntingdon

Guillaume of Huntingdon

Sohn des Earls of Huntingdon und Knappe im Dienst des Earls of Essex

Harolds jüngerer Halbbruder

Catherine de Ferrers

Tochter des Earls of Derby und Hofdame der Königin

Richard Löwenherz

1189 zum König von England gekrönt

Blondel

Richards Liebhaber und Barde

Mortimer

Richards Knappe

Richard of Devizes

Richards Liebhaber und Chronist

Aliénor von Aquitanien

Richards Mutter

John Lackland

Richards jüngerer Bruder

Berengaria von Navarra

Richards spanische Braut

Johanna Plantagenet

Richards Schwester

Guy de Brassard

Ein Ritter des Earls of Huntingdon und Vertrauter Harolds

Robin of Loxley

Harold of Huntingdons leichtlebiger Freund, später Robin Hood

Robert de Mandeville

Der Earl of Essex und Harolds Dienstherr

John of Littlebourne

Ein Ritter des Earls of Essex

Henry of Cirencester

Ein Ritter des Earls of Gloucester

Robert de Beaumont

Der Earl of Cornwall

Richard de Reviers

Der Earl of Devon

Gilbert de Clare

Der Earl of Hertford und Gloucester

Die Earls of Pembroke, Salisbury, Arundel und Leicester

Philipp II. von Frankreich

Richards Gegenspieler

Lady Alys

Seine Schwester, seit Jahren in englischer Obhut, Richard als Braut versprochen

Deutsche um Friedrich Barbarossa:

Friedrich Barbarossa

Kaiser des Heiligen Römischen Reiches

Der Herzog von Schwaben

Sein Sohn und nach ihm Anführer der Kreuzfahrer

Der Herzog von Österreich

Erbitterter Feind des englischen Königs

Der Herzog von Franken

Vater Philippas und waffenerprobter Kreuzfahrer

Arnfried von Hilgartsberg

Bayerischer Ritter und Dichter

Ansbert

Mönch und Chronist

Friedrich von Hausen

Ritter und Dichter

Fulko von Filnek

Blanda von Filneks Onkel und Kreuzfahrer

Akteure in Jerusalem:

Salah ad-Din

Sultan von Syrien und Ägypten und Eroberer Jerusalems

Al-Adil

Sein Bruder

Shahzadi

Die Schwester der beiden

Philippa von Franken

Gefangene Christin und Geliebte des Sultans

Nathan

Ein jüdischer Kauffahrer

Rahel/Blanda von Filnek

Seine Ziehtochter

Curd von Stauffen

Ein gefangener Tempelritter

Daja

Rahels Kinderfrau

Weitere Parteien:

Guy de Lusignan

Umstrittener König von Jerusalem

Heraclius von Caesarea

Aus der Stadt geflohener Patriarch von Jerusalem

Konrad von Montferrat

Rivale Guys

Isaak Komnenos

Selbst ernannter Kaiser von Zypern

Die Sekte der Hashshashin

Assassinen im Dienst des Sultans

Kilidsch Arslan II.

Sultan von Ikonion

Prolog

Wir schreiben das Jahr 1189. Vor zwei Jahren hat der kurdischstämmige Sultan Salah ad-Din mit der Schlacht von Hattin das Ende des Königreiches Jerusalem besiegelt und die durch innere Streitigkeiten geschwächten Kreuzfahrerstaaten auf die Gebiete von Tyros, Tripolis und Antiochia zurückgedrängt. Aber nicht nur die vernichtende Niederlage des christlichen Heeres und die feindliche Eroberung Jerusalems veranlassen Papst Gregor VIII. dazu, mit der Bulle audita tremendi zum dritten Kreuzzug aufzurufen. Auch der Verlust des Einzig Wahren Kreuzes, an dem Jesus Christus den Opfertod starb, gibt Anlass zu einem erneuten militärischen Eingreifen der Christen. Sowohl der englische Thronfolger, Richard Löwenherz, als auch der junge König von Frankreich, Philipp II., folgen dem Aufruf des Papstes und nehmen das Kreuz, verpflichten sich also, ins Heilige Land zu ziehen. Doch da sie durch Machtkämpfe um Burgen und Baronien in Frankreich entzweit sind, ist es einzig der Deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa, der am 11. Mai 1189 mit einem über 25 000 Mann starken Heer von Regensburg aus gen Osten zieht. Der Aufbruch der Engländer und Franzosen lässt bis Juli 1190 auf sich warten und wird alles andere als reibungslos verlaufen.

Durch den plötzlichen Tod seines Vaters, König Henry II., sieht sich Richard Löwenherz zunächst gezwungen, von seiner Heimat Frankreich nach England überzusetzen, da die Könige der Insel traditionsgemäß vom Erzbischof von Canterbury gekrönt werden. Er sorgt dafür, dass seine Mutter, Aliénor von Aquitanien, aus dem Hausarrest in Salisbury entlassen wird, da die alte Dame nicht nur eine geschätzte Vertraute, sondern auch eine wertvolle Beraterin ist. Nach der Haft in Salisbury, welche sie der Tatsache zu verdanken hat, dass sie ihre Söhne einige Jahre zuvor gegen den Vater, Henry II., unterstützt hat, läuft Aliénor zu Hochform auf. Sie steht ihrem Sohn nicht nur mit Rat und Tat zur Seite, sie sorgt auch dafür, dass ihm die richtige Braut zugeführt wird – die bildschöne Spanierin Berengaria von Navarra. Als Herzog der Normandie und von Anjou fühlt sich Richard mehr als Franzose denn als Engländer, was schon bald dazu führt, dass er die Insel lediglich als überdimensionale Schatztruhe betrachtet, aus der er sich für das geplante Kreuzzugvorhaben bedienen kann.

Während Richard Löwenherz undiplomatisch Klerus, Adel und den König von Frankreich gegen sich aufbringt, stoßen die deutschen Kreuzfahrer unter Friedrich Barbarossa bereits im heutigen Bulgarien auf unerwarteten Widerstand. Durch eine Weissagung zu der irrigen Annahme verleitet, das eigentliche Ziel des Zuges sei seine Stadt, wirft Kaiser Isaak von Konstantinopel (Byzanz) den christlichen Streitern einen Stein nach dem anderen in den Weg. Dem abergläubischen Kaiser erscheint es weniger risikoreich, einen Pakt mit Sultan Salah ad-Din zu schließen – der versprochen hat, die Grabeskirche in Jerusalem der byzantinischen Kirche zu unterstellen – als den katholischen Christen zu trauen. Schließlich ist ihm Rom zutiefst verhasst. Der ganze Kreuzzug scheint unter dem Einfluss schlechter Sterne zu stehen.

Ein weiterer Schauplatz wird eröffnet, als der entmachtete König von Jerusalem, Guy de Lusignan, die Belagerung der strategisch wichtigen Stadt Akkon beginnt, die schon bald zum Dreh- und Angelpunkt des Machtkampfes zwischen Sarazenen und Christen wird. Zwar hatte der von Salah ad-Din gefangen gesetzte Guy geschworen, im Gegenzug für eine Freilassung, nie mehr die Waffen gegen den Sultan zu erheben. Aber er denkt nicht im Traum daran, diesen Eid zu wahren. Viele der Barone der Kreuzfahrerstaaten lasten Guy allerdings die Niederlage von Hattin an. Und so sieht sich der ehemalige König von Jerusalem nicht nur ohne Reich, er muss sich auch gegen Konrad von Montferrat behaupten, der von einer mächtigen Fraktion – unter anderem von Philipp von Frankreich – unterstützt wird und der ihm Zuflucht in Tyros verweigert. Erst als pisanische und sizilianische Kreuzfahrer im Heiligen Land eintreffen, gelingt es Guy de Lusignan, mit deren Hilfe, die Belagerung der Stadt Akkon in Angriff zu nehmen. Einerseits will er Konrad von Montferrat mit der Eroberung der Stadt zeigen, wer der Mächtigere ist; andererseits hofft er, mit Hilfe von Richard Löwenherz Jerusalem zurückzuerobern – Akkon soll dazu lediglich als Sprungbrett dienen. Während sich die Armeen der Kreuzfahrer aus allen Richtungen dem Heiligen Land nähern, beginnt der Boden unter Sultan Salah ad-Dins Füßen langsam, aber sicher zu brennen.

Teil 1: Juli 1189 – Mai 1190

London, White Tower, Juli 1189

»Nun habt Euch nicht so! Was ist denn schon dabei?!« Catherine de Ferrers meergrüne Augen waren weit vor Furcht. Raubtierartig blitzten die Zähne des hochgewachsenen Mannes, der sie an die Wand drängte, im Dämmerlicht der Fackeln unter der dunklen Kapuze hervor. Der Rest des Gesichtes lag im Schatten des tief in die Stirn gezogenen Überwurfes. Einzig eine sichelförmige Narbe teilte schimmernd die bläulichen Bartstoppeln an seinem Kinn. Sie hatte nicht schlafen können und ein wenig die Düfte des prachtvollen, wenngleich winzigen Gartens des WhiteTowers in der lauen Sommerluft genossen, als sie plötzlich von einer Gruppe vermummter Gestalten aufgeschreckt worden war, die sich – nervös in alle Richtungen blickend – durch einen der niedrigen Torbogen geduckt hatten. Hastig hatte sie sich zwischen die dichten Rosenbüsche gekauert und die Luft angehalten, um nicht entdeckt zu werden. Erst gestern war sie mit der Königin, die bald die Königinmutter sein würde, nach einer ermüdenden dreitägigen Reise von Burg Sarum in Salisbury in London eingetroffen. Und nach der erdrückenden Atmosphäre, die auf der Burg – dem Gefängnis der Königin – geherrscht hatte, genoss das dreizehnjährige Mädchen die Freiheit der weitläufigen Festung. Allerdings schien das normannische Bollwerk nach der Stille des Landes selbst am Abend wie ein Bienenstock zu summen.

Die gierigen Hände des breitschultrigen Ritters, die sich um ihre schlanke Taille schlangen, zerrten ungeduldig an der seitlichen Schnürung ihres mit kostbaren Goldfäden durchwirkten Bliauds. »Bitte Mylord«, flehte sie tonlos, während sie versuchte, sich unter den muskulösen Armen ihres Bedrängers hinwegzuducken. »Lasst mich gehen.« Ein kehliges Lachen war alles, was sie mit ihrer Bitte bewirkte, und er stieß sie hart gegen die weißen Steinquader zurück. »Ihr brennt doch bestimmt genauso darauf wie ich«, höhnte er und drückte ihr brutal die kalten Lippen auf den Mund, sodass sie vermeinte, ersticken zu müssen. »Ich habe die Blicke gesehen, die Ihr den Knappen zuwerft«, keuchte er und ließ die Rechte zu ihrer Brust hinabwandern, die er so hart umfasste, dass sie vor Schmerz aufgeschrien hätte – hätte er sie nicht mit seiner Zunge mundtot gemacht. »Wir werden viel Spaß miteinander haben«, flüsterte er dicht an ihrem Ohr und zupfte mit den Lippen an einer ihrer dunkelblonden Locken, bevor er sie in eine der Nischen zerrte, die den Bogengang in regelmäßigen Abständen säumten.

Grafschaft Huntingdon, Juli 1189

»Harold! Verdammt, Harold, wo steckst du?«, scholl die glockenhelle Stimme des halbwüchsigen Knaben durch das Dickicht am Wegesrand. Sein Vater hatte ihn ausgesandt, den älteren Stiefbruder zu finden, und mit Ausnahme des Waldes, der an den Landsitz grenzte, hatte er schon den gesamten Besitz nach ihm abgesucht. Der milchige Sommerhimmel schien in seinem Wasserblau beinahe durchsichtig, und über den stolz in der Mitte des Forstes aufragenden Buchen kreisten zwei Bussardpaare in immer enger werdenden Spiralen. Wut stieg in ihm auf, als er die missfälligen Blicke des Gesindes auf sich spürte, während er durch das windschiefe Haupttor des Anwesens stob, um den Pfad entlang bis zur Ackergrenze zu jagen. Nicht einmal die Leibeigenen brachten ihm den gebotenen Respekt entgegen! Wie oft hatte er sich schon bei seinem Vater darüber beschwert. Doch der alte Mann schüttelte immer nur den Kopf und vertröstete ihn darauf, dass sich das ändern würde, sobald er älter war.

Hart trafen Guillaumes dünn besohlte Schuhe auf dem staubigen Boden auf, während er – von Zorn angetrieben – über das abgeerntete Feld auf den in der Hitze flimmernden Waldrand zulief. Trockene Büsche schienen den Suchenden halbherzig davor zu warnen, in die zwielichtige Kühle des alten Laubwaldes einzutauchen. Aber Guillaume fürchtete sich weder vor wilden Tieren noch vor den Geächteten, die Sherwood Forest unsicher machten. »Harold!«, rief er ungehalten. »Ich weiß, dass du hier irgendwo steckst!« Doch nichts als dumpfe Stille antwortete ihm – nicht einmal unterbrochen vom Zwitschern eines Vogels. Missmutig und lustlos trabte er noch einige Schritte, bis sich der schmale Trampelpfad zwischen den Eichen verlor. Er wollte gerade umkehren, um seinem Vater mitzuteilen, dass seine Suche erfolglos gewesen war, als er ein leises Kichern vernahm. Neugierig hielt er inne und lauschte in das vom Dämmerlicht nur schwach erhellte Unterholz, zwischen dessen dürren Zweigen soeben die zweifarbige Schnauze eines Dachses verschwand. Einen Augenblick lang wurden die Stimmen durch das Rascheln der Blätter und die aufgeregten Laute des Tieres geschluckt. Aber als das Weibchen in seinem Bau verschwunden war, wiederholte sich das perlende Gelächter, das die Aufmerksamkeit des Knaben erregt hatte.

*******

Keine zehn Steinwürfe von Guillaume entfernt blickte Harold of Huntingdon beklommen auf die bloßen Brüste der Magd hinab, an denen sich sein Freund Robin of Loxley mit Hingabe zu schaffen machte. Das blonde, rotwangige Mädchen, das in der Küche der kleinen Burg arbeitete, legte den Kopf in den Nacken und stieß erneut ein klingendes Lachen aus. Sie leckte sich die sinnlich geschwungenen Lippen und ermutigte Robin mit einer einladenden Handbewegung, auch den Rest des einfachen Kleides, das ihre üppigen Rundungen bedeckte, über ihre Hüfte zu schieben. »Nun komm schon, Harold«, ermunterte ihn der Ältere, dessen dunkler Schopf halb zwischen den prallen Oberschenkeln verborgen war, nuschelnd, bevor er mit glühenden Wangen wieder auftauchte und sich einige verschwitzte Strähnen aus der Stirn strich. »Ja, kommt Mylord«, wiederholte die Magd schelmisch und fuhr sich mit der Hand über die Brust. »Ihr braucht Euch nicht zu fürchten!« An den Innenseiten ihrer Beine glänzte Feuchtigkeit, und auch das ungleichmäßige Dreieck rötlicher Haare war von einem schimmernden Film überzogen.

»Ich fürchte mich nicht!«, versetzte der Jüngling aufbrausend und nestelte an seinem Gürtel, um es dem Freund gleichzutun. Im Gegensatz zu Robin, der mit seinen sechzehn Jahren schon seit zwei Sommern als Knappe im Dienst seines älteren Bruders stand, und diesen schon auf mehrere Reisen an den Hof begleitet hatte, brannte Harold seit seinem vierzehnten Geburtstag mit Ungeduld darauf, endlich nach London geschickt zu werden. Doch so oft er seinen Vater auch bearbeitet hatte – der alte Ritter blieb stur. Erst wenn er die Zeit für gekommen hielt, würde er seinen Erstgeborenen als Knappen in die Obhut eines Ritters oder Earls übergeben. Was zur Folge hatte, dass Harold bis auf einige harmlose Spielereien mit der Tochter des Stallaufsehers noch keinerlei sexuelle Erfahrungen zu verzeichnen hatte. »Ich lasse dir den Vortritt«, feixte Robin und riss sich mit einem wehmütigen Blick von der inzwischen splitternackt im weichen Gras liegenden Magd los. »Ruft mich, wenn ihr fertig seid.« Mit diesen Worten wandte er sich ab und schlenderte auf das entgegengesetzte Ende der kleinen Lichtung zu, die von einem leise murmelnden Bächlein geteilt wurde, über dessen flacher Böschung Hunderte von Stechmücken tanzten.

Harold schluckte trocken. Obschon ihn die milchweiße Blöße des Mädchens zweifellos erregte, scheute er sich doch, das zu tun, was sein Instinkt ihm einflüsterte. Dröhnend hämmerte sein Herz gegen den sich heftig hebenden Brustkorb, und ein prickelnder Schweißfilm legte sich auf Stirn und Oberlippe des jungen Mannes. Fahrig strich er sich mit der leicht zitternden Hand durch den weizenblonden Schopf, den er auf normannische Art und Weise im Nacken kurz trug, und ließ die blauen Augen über die Brüste des Mädchens hinab zu ihrer Scham gleiten. Dort verharrte er ein halbes Dutzend Atemzüge lang, bevor er sich unter Auferbietung aller Kräfte von dem verlockenden Anblick losriss, den Blick ihrer beinahe violetten Augen suchte, um allerdings wenig später wie magisch angezogen zu den Verlockungen ihres Schrittes zurückzukehren. Überlegen lächelnd folgte sie seinem Blick und begann, die Fingerkuppen an den Innenseiten ihrer Schenkel hinauf wandern zu lassen. Das war zu viel! Er konnte sich nicht länger beherrschen, und ohne einen weiteren Gedanken an die eventuellen Folgen seines Tuns zu verschwenden, streifte er die Cotte ab und kniete sich über sie.

*******

Verborgen vom gelblichen Laub eines Haselstrauches kauerte Guillaume am Rand der Lichtung, zu der ihn das Kichern der Magd geführt hatte, und lugte erregt blinzelnd durch die Blätter. Was tat sein Bruder denn da? Wie hypnotisiert folgte er den rhythmischen Bewegungen, während ihm vor Erstaunen der Mund offen stehen blieb. Wie abstoßend und unwürdig!, schoss es ihm durch den Kopf. Nachdem er einige Augenblicke lang fasziniert dem Grunzen und Stöhnen seines Bruders gelauscht hatte, kroch er – sorgsam darauf bedacht, kein verdächtiges Geräusch zu verursachen – behutsam in den Schutz des dichten Waldes zurück. Er hatte genug gesehen! Mit bebenden Gliedern rappelte er sich auf, klopfte Schmutz und trockene Blätter von den bloßen Knien und stolperte von der Lichtung fort. Nach einigen Schritten gehorchten ihm seine Beine wieder und er begann, zügig auf die väterliche Burg zuzulaufen, deren bräunliche Wehrmauer durch das von der sommerlichen Hitze ausgedünnte Laubwerk schimmerte. Er würde seiner Mutter berichten, was er soeben gesehen hatte! Die im Kloster erzogene Normannin – die zweite Frau des königstreuen Ritters – würde bei seinem Vater auf eine strenge Bestrafung des Älteren drängen. Und Guillaume würde wie schon so oft zuvor die innere Befriedigung genießen, die er bei den Schreien des Halbbruders empfand, wenn dieser vom Waffenmeister gezüchtigt wurde.

Mit grimmiger Genugtuung dachte er an den letzten Vorfall zurück, der Harold eine solche Tracht Prügel eingebracht hatte, dass dieser beinahe eine ganze Woche nicht hatte sitzen können. Jemand hatte zu Beginn des Frühlings Vorräte aus der Speisekammer gestohlen. Und wenngleich Guillaume nicht wusste, ob es tatsächlich die Schuld seines stets hungrigen Bruders war, hatte er seine Mutter davon überzeugen können, ihn bestrafen zu lassen. Bei der Erinnerung an Harolds schmerzverzerrtes Gesicht erfüllte ihn immer noch warme Schadenfreude. Ohne Vorwarnung flammte die alte Wut über die Ungerechtigkeit des Geburtsrechtes in dem Jungen auf. Harolds Mutter, eine Angelsächsin, war bei dessen Geburt im Kindbett gestorben, und erst nach langer Trauer hatte sich sein Vater schließlich eine normannische Frau genommen. Guillaumes Brauen schoben sich unwillig zusammen, als er sich zum wohl tausendsten Mal fragte, warum nicht er der Erbe von Gut und Titel sein sollte. Auch wenn Harold der Ältere war. Der wohlbekannte bittere Geschmack stieg in seiner Kehle auf und ließ ihn ausspucken. Immerhin war sein Vater vor der Heirat mit Guillaumes Mutter, die eine beträchtliche Mitgift mit in die Ehe gebracht hatte, ein verarmter Landadeliger gewesen. Er verzog das Gesicht. Wie oft hatte er sich darüber schon mit Harold gestritten, der ihn damit aufzog, dass er ihn als Gutsverwalter einsetzen würde, wenn er einmal Herr von Huntingdon wäre! Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Dazu würde es nicht kommen, dafür würde er sorgen! Vor Vorfreude grinsend schüttelte er die düsteren Gedanken ab, als er über den Hof stürmte und mit fliegenden Schritten die Treppen zu den Gemächern seiner Mutter erklomm.

Serbisches Erzgebirge, Juli 1189

Ansbert tat der Hintern weh. Der junge Mönch hatte den Eindruck, dass seit ihrem Aufbruch aus Regensburg vor neun Wochen die Haut an seinem Gesäß zu einer wunden Vorstufe von Leder geworden war. Bei jedem Schritt, den sein Wallach tat, rutschte er auf dem glatt polierten Sattel hin und her, da ihn schon lange die zu einem ordentlichen Knieschluss erforderliche Kraft in den Beinen verlassen hatte. Das gewaltige Heer von über 20 000 Mann, das ständig anwuchs, kroch wie ein gepanzerter Drache über die schroffen Berge des serbischen Hochlandes. Erschreckend dicht über den zum Teil noch schneebedeckten Gipfeln des verkarsteten Dinarischen Gebirges flimmerte eine beinahe glutrote Sonne, deren Strahlen lediglich hin und wieder von den Schwingen eines jagenden Adlers verdunkelt wurden. Das farblose, vertrocknete Grün des windgepeitschten Grases ging nur wenige hundert Fuß über den Köpfen der Reiter in einen Gürtel aus Krüppelkiefern über, der sich bald in dem dunkelgrauen Fels verlor. Stolpernd und strauchelnd suchten sich die wenig bergerfahrenen Reittiere der Deutschen ihren Weg durch das tückische Geröll, und mehr als einmal wäre Ansberts Wallach um ein Haar in eine der gähnenden Schluchten gestürzt. Mit einem Seufzen wischte sich der blonde Mönch über die Tonsur und fragte sich zum ungezählten Mal, warum er sich von den Verlockungen des Abenteuers hatte ködern lassen – anstatt in den kühlen Tiefen der erzbischöflichen Bibliothek in seiner Heimatstadt Köln den Freuden des Geschichtsstudiums nachzugehen. Bis auf eine kurze Pause, als die Kreuzfahrer Ende Juni vor Belgrad gelagert hatten, war den zukünftigen Befreiern des Heiligen Landes bisher kaum eine Rast vergönnt gewesen. Dort war es zu blutigen Zwischenfällen gekommen, als zwei junge Adelige den Frieden gebrochen und einige Häuser geplündert und niedergebrannt hatten; eine Tat, die der trotz seines hohen Alters manchmal unnachgiebig strenge Barbarossa augenblicklich geahndet und sie vor den Augen aller hatte enthaupten lassen.

Ansberts Magen knurrte, und er warf dem neben ihm reitenden Arnfried von Hilgartsberg, mit dem er sich kurz nach ihrem Aufbruch angefreundet hatte, ein schiefes Grinsen zu, das dieser ohne Zögern erwiderte. Der schlanke, dunkelhaarige Ritter, der mit dem Herzog von Schwaben – einem Freund seines Dienstherrn, des Bischofs von Passau – zu den Kreuzfahrern gestoßen war, hatte ihm vor einigen Tagen bei einem Krug Met sein literarisches Vorhaben anvertraut. Und zwar beabsichtigte er, seine Erfahrungen nach diesem Unterfangen in einem gewaltigen Versepos festzuhalten. Die Nibelungen wollte er das Werk nennen. Und Ansbert, der als Chronist den Zug der Krieger begleitete, war fasziniert von den teilweise gefährlich respektlosen Gedanken des anderen. Die hohe Stirn des bayerischen Ritters war sonnengebräunt, und die schlanke Nase zierte eine flammende Röte, die sich bis über die ausgeprägten Wangenknochen zog. In den dunklen Augen lag ein unternehmungslustiges Funkeln, das die Angespanntheit seines muskulösen Körpers widerspiegelte. »Wollt Ihr einen Schluck?« Mit ausholender Geste machte Arnfried von Hilgartsberg einen ziegenledernen, mit klarem Quellwasser gefüllten Schlauch von seinem Sattelknauf los und bot ihn seinem Begleiter an. »Es hilft, den Hunger zu vertreiben.«

Obwohl nur diejenigen zu dem Feldzug zugelassen worden waren, die über genügend Geldmittel verfügten, um sich zwei Jahre lang versorgen zu können, begannen die Ärmeren unter den Kreuzfahrern bereits zu hungern. Waren die Tage mit ihrer brütenden Hitze schon kaum erträglich, so verwandelten sich die Nächte, in denen sich alle Sinne auf die schmerzhafte Leere konzentrieren konnten, in wahre Höllenqualen. Ansbert schämte sich dafür, dass sie die halb verfallenen Katen der Bauern, die auf ihrem Weg lagen, ausplünderten und die ausgemergelten Unfreien mit bloßer Klinge dazu zwangen, die Verstecke ihrer letzen Vorräte preiszugeben. Aber auch er litt unter den harten Bedingungen dieses Zuges und war sich – gänzlich unchristlich – selbst der Nächste. Der Weg durch das schroffe, felsige Gebirge zehrte weitaus mehr an den Kräften, als er vermutet hatte, und er bemitleidete die Bewaffneten, die der enormen Hitze in voller Rüstung trotzten.

»Gerne.« Dankbar nahm er den prallen Schlauch entgegen und hob ihn an die aufgeplatzten Lippen. Zwar war die abgestandene Brühe, die seine verdorrte Kehle hinabrann, mehr als nur körperwarm. Doch kaum hatte das stark nach Leder schmeckende Wasser seine Zunge benetzt, spürte er, wie seine Lebensgeister zurückkehrten. Nachdem er sich ausgiebig gelabt hatte, setzte er den Trinkschlauch mit einem zufriedenen Seufzen ab und reichte ihn seinem Begleiter zurück. »In ein paar Tagen sind wir in Sofia«, bemerkte er zuversichtlich, nachdem er sich den Mund am Ärmel seiner leichten Cotte abgewischt hatte. »Auf dem Markt dort werden wir alle unsere Vorräte auffrischen können.« Arnfried von Hilgartsberg, der ebenfalls in gierigen Schlucken getrunken hatte, nickte bedächtig. »Ich hoffe, Ihr behaltet recht«, wandte er mit gerunzelter Stirn ein und betastete prüfend den Füllstand des Ziegenleders. »Seit wir Ungarn verlassen haben, werde ich das Gefühl nicht los, dass wir uns bereits jetzt in Feindesland befinden.« Erschrocken blickte Ansbert zu dem Ritter auf, der auf einem prächtigen Schimmel mit silbernem Trensenschmuck neben ihm hertrabte. »Wie meint Ihr das?«, fragte er verwirrt. Hatte Barbarossa nicht eigens Gesandte zu Isaak, dem Kaiser von Konstantinopel, ausgeschickt, damit dieser dem Heer der Kreuzfahrer das Recht garantierte, durch byzantinisches Gebiet zu reisen? Und hatte Isaak nicht auch Lebensmittel und Märkte in allen größeren Städten zugesagt. »Ich traue dem Frieden nicht«, erklärte Arnfried nüchtern. »Die Bevölkerung sieht in uns eine Bedrohung.« Mit einem leisen Fluch zügelte er seinen Hengst, da die Reiter vor ihm ins Stocken geraten waren, und klopfte dem nervös tänzelnden Tier den Hals, als dieses Anstalten machte auszubrechen. »Und außerdem ist der Kaiser in Konstantinopel dem Sultan Salah ad-Din verpflichtet. Er würde also dessen Zorn auf sich ziehen, wenn er uns hilft, das Heilige Land zu erreichen.«

Das leuchtete Ansbert ein. Seit der Schlacht von Hattin im Juli vor zwei Jahren, die das Ende des Königreiches Jerusalem besiegelt hatte, hatte sich der Machtbereich Salah ad-Dins, des Eroberers von Jerusalem, unaufhaltsam ausgebreitet. Die Kreuzfahrerstaaten waren durch innere Ränkespiele und Intrigen zwischen den beiden Thronanwärtern Guy de Lusignan und Konrad von Montferrat derart geschwächt, dass die Christen inzwischen lediglich noch die befestigte Hafenstadt Tyros, die Grafschaft Tripolis und das Fürstentum Antiochia kontrollierten. Nur zäh hatte der Enthusiasmus des Deutschen Kaisers Kreise gezogen, und so waren mehr als vierundzwanzig Monate nach dem Fall der Heiligen Stadt die Deutschen die Ersten, die sich auf den Weg gemacht hatten, Jerusalem zu befreien. Zwar hatten der englische König, Richard Cœur de Lion – Richard Löwenherz – und Philipp II. von Frankreich dem Aufruf des Papstes folgend kurz nach der Niederlage von Hattin das Kreuz genommen. Doch soweit Ansbert wusste, war bisher noch keiner von beiden aufgebrochen. Wie schon seit Jahren stritten sie mal wieder um Burgen und Baronien in Frankreich.

Etwas zittrig trocknete sich der junge Mönch den scheinbar unaufhaltsam rinnenden Schweiß aus den Augen, die von Salz und Wind bereits entzündet waren. Die immer drückender lastende Hitze schien beinahe unerträglich. Als sie in ein von allen Seiten eingeschlossenes Hochgebirgstal einritten, schoss ihm durch den Kopf, dass sich ein Backofen von innen wohl kaum anders anfühlen konnte. Kein Lüftchen regte sich, und über den Berggipfeln wirkte der Himmel seltsam bleiern. »Wisst Ihr«, vorsichtig wandte er sich um, nur um sich zu versichern, dass niemand in Hörweite ritt. »Ich denke, der Kaiser ist ein alter Narr.« Sein koboldhaftes Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, und die blauen Augen verdunkelten sich missfällig. Arnfried von Hilgartsberg, dessen Helm in den Nacken gerutscht war, lachte prustend über die despektierliche Bemerkung und zog grinsend die Brauen in die Höhe. »Er ist alt und dieser ganze Kreuzzug ist heller Wahnsinn!«, setzte Ansbert hitzig hinzu. Seit ihrem Aufbruch von Wien hatte der junge Mönch das Gefühl, dass das Unterfangen der Kontrolle des betagten Kaisers mehr und mehr entglitt. Immerhin war er keine fünfundzwanzig Jahre mehr alt wie bei seiner ersten Kreuzfahrt vor über vierzig Jahren! »Er kann ja nicht einmal mehr alleine pinkeln!«, stieß er hinter vorgehaltener Hand hervor. Das war zu viel für Arnfried. Halb erstickt klammerte er sich an die Mähne seines Reittieres und lachte Tränen, während er sich verzweifelt bemühte, nicht vom Weg abzukommen. Als er sich schließlich mühsam wieder gefangen hatte, wischte er sich die Augen und beschied: »Mag sein, aber Eure Aufgabe ist es, ihn wie einen Helden erscheinen zu lassen – schließlich seid Ihr sein Chronist.« »Ja«, knurrte Ansbert. »Ich werde mir so allerhand einfallen lassen müssen!«

Jerusalem, Jüdisches Viertel, Juli 1189

Nur noch drei Ordensritter knieten vor Curd von Stauffen in der Reihe auf dem inzwischen blutgetränkten Boden. In der Ferne, zwischen den Bergen, konnte er das Blau des Sees Genezareth flimmern sehen, wenn er die müden, schweißverkrusteten Lider hob. Doch die von der Wasseroberfläche zurückgeworfenen Lichtreflexe stachen wie Dolche nach seinem Sehnerv. Der Himmel, dessen bleiches Graublau an die Farbe von Taubeneiern erinnerte, war an diesem Tag vom Staub der Schlacht verdunkelt, und nur mühsam ließen sich am Horizont die Umrisse der Golanhöhen ausmachen. Tosend rauschte das Blut in seinen Ohren, und wie durch einen Schleier vernahm er den dumpfen, Übelkeit erregenden Laut, als der Kopf seines Waffengefährten auf dem festgetrampelten Sand aufschlug. Beinahe endlos schien die Schlange der gefangenen Ritter, die vor den Augen des stolz thronenden Salah ad-Din von Soldaten und Emiren, die in Reih und Glied aufmarschiert waren, mit zurückgestreiften Ärmeln triumphierend enthauptet wurden. Nur wenige lehnten die Ehre dankend ab oder entschuldigten sich mit einer fadenscheinigen Ausrede, da sie die Abschlachtung der Gefangenen mit Abscheu erfüllte. Soeben fuhr erneut ein vor Nässe glänzendes Krummschwert auf den entblößten Hals eines Tempelritters nieder und trennte den Kopf mit einem sauberen Schnitt vom Körper des Gefangenen, der wie ein Sack in sich zusammenfiel und reglos liegen blieb.

»Tritt vor, Heidenschwein!«, brüllte der bereits über und über mit Blut besudelte Schlächter, dessen dunkles Gesicht vor Mordlust verzerrt war, ihn an, und Curd kämpfte sich schwankend auf die Füße, um seinem Schicksal entgegenzutreten. Als er vor dem stiernackigen Mamelucken zum Stehen kam, trat ihm von hinten jemand in die Kniekehlen, sodass er erneut auf die Knie sank. Mit glühendem Nachdruck bohrten sich spitze Sandkristalle in seine bloßen Schienbeine, und aus dem Augenwinkel sah er einen aufgeschreckten Skorpion davonhuschen. Schmerzhaft krallte sich von hinten eine Hand in seine dunklen Locken und riss seinen Kopf zurück, während rechts und links von ihm Templer und Johanniter starben. Breit grinsend schwang der Sarazene das Krummschwert, in dem sich gleißend das Licht der stechenden Sonne fing.

Am ganzen Leib bebend fuhr Curd aus dem Schlaf auf. Seine raue Kehle war staubtrocken, und das dünne Untergewand klebte an seinem heißen Körper, der einem anderen zu gehören schien. Bleierne Schwere lastete auf seinen Gliedern und hätte ihn nicht quälender Durst dazu gezwungen sich aufzusetzen, hätte er sich – wie so viele Nächte zuvor – zurück in die Kissen sinken lassen, um blicklos an die Decke seiner dunklen Kammer zu starren. Wie oft würde er diesen schrecklichen Augenblick noch durchleben müssen? Leise stöhnend richtete er sich auf und griff nach der tönernen Karaffe auf dem Boden, die etwas abgestandenes Wasser und einen Schwarm Mücken enthielt, die er mit einer müden Handbewegung verscheuchte. Gierig trank er einen Schluck und wischte sich den Mund, als ein Teil des kostbaren Nasses an seinem Kinn hinabrann. Über zwei Jahre war es jetzt her, dass Salah ad-Din ihn als einzigen in letzter Sekunde begnadigt hatte. Aber immer noch jagten die grauenhaften Bilder durch seine Albträume. Warum?, fragte er sich zum unzähligsten Mal. Warum hatte der Sultan ihm als einzigem von über dreitausend Ordensrittern das Leben geschenkt? Kurz bevor die tödliche Klinge auf ihn hinabgesaust war, hatte der Sultan die Hand gehoben und etwas auf Arabisch geboten, woraufhin der Mameluck enttäuscht das Schwert hatte sinken lassen und ihn zur Seite gestoßen hatte. Seit diesem Tag war er ein Gefangener des mächtigen Herrschers über Ägypten, Syrien und Jerusalem. Und es war ihm bisher weder gelungen, die Ursachen der rätselhaften Milde zu ergründen, noch in Erfahrung zu bringen, warum er bei der Kapitulation Jerusalems nicht freigelassen worden war wie all die anderen Christen.

»Deine Wege sind unergründlich, Herr«, murmelte er übellaunig und schwang die Beine aus dem viel zu kurzen Bettkasten, der bei der unerwarteten Bewegung knarrend protestierte. Irgendwann würde seine Schlafstatt unter ihm zusammenbrechen, dessen war sich der Ritter sicher. Und es würde ihn ebenso wenig überraschen wie ein Sandsturm in der Wüste. Das Loch, in dem er hauste, war düster, moderig und stank nach Rattenkot, und wenn er es nicht gemietet hätte, dann hätte es mit Sicherheit als Unterkunft für Schafe, Ziegen oder Esel gedient. Allerdings konnte er sich keine bessere Unterkunft leisten, da ihm langsam, aber sicher die Mittel ausgingen. Leise fluchend kramte er in einem ehemals prachtvollen Beutelchen, dessen Purpurrot inzwischen zu einem hellen Rosa verblasst war, und zog einen Siegelring hervor. Auf einem breiten Goldreif prangte das schwarz-rote Wappen seiner Familie. Aber Staub und Schmutz hatten auch diesem Schmuckstück inzwischen so zugesetzt, dass er das Wappentier erst wieder deutlich erkennen konnte, nachdem er mit einem Zipfel seines Untergewandes über die glatte Oberfläche gewischt hatte. Mit einem Seufzen schloss er die Faust um das Kleinod und genoss einige Atemzüge lang das kühle, schwere Gefühl des Edelmetalls auf seiner erhitzten Haut. Schließlich schlug er es in ein winziges Stückchen Pergament ein und platzierte es auf dem kleinen Tischchen, dessen wackelige Beine schon mehrfach mit Schnur repariert worden waren. Er würde wohl auch sein kostbarstes Schmuckstück bei dem ziegenbärtigen Juden zwei Straßen weiter versetzen müssen, wenn er nicht verhungern wollte! Müde raufte er sich die viel zu langen Haare und stützte den Kopf in die Hände. Manchmal wünschte er, ihn hätte das gleiche Schicksal ereilt wie seine Kameraden!

Resigniert streifte er ein abgetragenes Surkot über das ehemals weiße Nachtgewand, warf mehr aus Gewohnheit denn aus Gründen der Angemessenheit seinen ausgefransten Templerumhang um und duckte sich durch die schief in den Angeln hängende, schon lange nicht mehr verschließbare Tür seiner Kammer. Obwohl die Sonne bereits vor einer halben Stunde den Weg über die judäischen Berge gefunden hatte, war die Luft in der übervölkerten Metropole noch erstaunlich kühl. Und wenn er die leichte Note von Kameldung und Pferdemist ignorierte, konnte er die süße Würze der in den Bäckereien und Küchen frisch zubereiteten Bagel erahnen. Diese handtellergroßen, runden Gebäckstücke aus Hefeteig mit einem Loch in der Mitte gehörten zum täglich Brot der jüdischen Bevölkerungsschichten, und da Curd nicht wählerisch sein konnte, hatte er sich schon bald nach seiner Ankunft mit dieser und vielen anderen einfachen Köstlichkeiten angefreundet. Ziellos schlenderte er durch die engen Gässchen der Stadt, in der das Leben bereits pulsierte. Doch als er an die Grenze des im Westen an das Judenviertel anschließenden christlichen Stadtteils gelangte, machte er kehrt und wanderte den von Palmen gesäumten Weg entlang, der in Richtung Felsendom führte.

Einige Häuserecken weiter, im reicheren Teil des von Juden bewohnten Bereiches, drängte sich eine beträchtliche Anzahl von schwer beladenen Kamelen, Eseln und Pferden vor einem Steingebäude, dessen sandsteinfarbene Fassade mit farbenprächtigen Szenen aus dem Alten Testament bemalt war. Inmitten der Männer konnte Curd nur undeutlich die schlanke Gestalt eines jungen Mädchens ausmachen, das soeben den reich verzierten Zaum eines kostbaren grauen Reitkamels ergriff, um einem der Kaufleute beim Aufsteigen behilflich zu sein. Fasziniert verfolgte er das bunte Treiben eine Zeit lang, während ihm beim Anblick der gezuckerten Feigen, die ein etwa achtjähriger Knabe den Versammelten als Erfrischung reichte, das Wasser im Munde zusammenlief. Inzwischen war eine leichte Brise aufgekommen, die immer mehr der verlockenden Düfte zu ihm trug. Und während seine Linke versonnen über den Ring in seiner Tasche strich, überlegte er, ob er sich ein paar der mit Mohn oder Pflaumenmus gefüllten Hamantaschen zum Frühstück leisten sollte. Er spielte noch mit diesem Gedanken, als Bewegung in die Karawane kam und sich der äußere Ring der Reiter zum Aufbruch bereit machte.

*******

»Seid vorsichtig Vater.« Das dunkelhaarige Mädchen mit den wachen, blaugrünen Augen blickte besorgt zu dem bärtigen Mann auf, der sich behände in den Sattel seines prächtigen Kamels geschwungen hatte. Sein mitternachtsblaues Gewand wurde von einer einfachen silbernen Spange an der linken Schulter zusammengehalten, und die Kappe, die seinen dunkelblonden Schopf bedeckte, war von bescheidener Schlichtheit. Die intelligenten Augen blitzten lachend aus dem sonnengebräunten Gesicht hervor. »Sorge dich nicht, Rahel.« Mit dem kurzen Stock in seiner Rechten gab er dem Tier zu verstehen, dass es sich erheben sollte, und schwankend wie ein Betrunkener kam das Kamel auf die Beine. »Ich werde in spätestens einem halben Jahr wieder bei euch sein.« Da auch die letzten Mitglieder der Karawane inzwischen zum Aufbruch bereit waren, beugte sich Nathan ein letztes Mal zu seiner Ziehtochter hinab, um ihre ausgestreckte Hand zu umschließen. »Daja und die Bediensteten werden für deine Sicherheit sorgen«, beruhigte er sie – die Tränen missverstehend, die in ihren Augen schwammen. Mit einem lautlosen Gebet drückte sie seine kräftige Hand an die Lippen, bevor sich die mit Geldtruhen beladene, bis an die Zähne bewaffnete Kolonne in Richtung Damaskustor in Bewegung setzte. Hinter dem trutzigen, zweistöckigen Gebäude, in dem der Kaufherr wohnte, erhob sich in der Sonne funkelnd die goldene Kuppel des qubbat al-sakhra, des Felsendoms, der auf dem Heiligen Felsen des haram esh-sharif – des Tempelbergs – über der Westmauer des jüdischen Viertels prangte.

»Kommt gut zurück«, flüsterte sie erstickt, während sie der farbenprächtigen Prozession mit den Augen folgte. Warum musste ihr Vater ausgerechnet jetzt, da die Kunde von einem heranrückenden Kreuzfahrerheer die Stadt erreicht hatte, auf Kauffahrt nach Babylon gehen?, fragte sie sich bange. Was, wenn ihm etwas zustieß? Mit klammen Fingern zog sie das elfenbeinfarbene Seidentuch, das ihren Kopf bedeckte, enger um die Schultern und wandte sich zu Daja um. Die Christin – Witwe eines fränkischen Ritters, der bei der Belagerung einer Festung ums Leben gekommen war – stand seit über zehn Jahren in Nathans Diensten und war vom ersten Tag an Rahels Vertraute gewesen. Zwar wusste das sechzehnjährige Mädchen, dass Nathan nicht ihr leiblicher Vater war. Doch konnte sie sich an niemand anderen erinnern, da sie ein Säugling von einem halben Jahr gewesen war, als sie der Obhut des Juden übergeben worden war. »Lass uns hineingehen«, schlug sie seufzend vor. »Es gibt noch einiges zu tun. Und bei Sonnenuntergang beginnt der Schabbat.« In seiner Abwesenheit würde Rahel die Geschäfte ihres Vaters weiterführen. Im Gegensatz zu den christlichen Frauen war es für die jüdisch erzogenen Mädchen ein selbstverständlicher Teil der Ausbildung, Lesen, Schreiben und Rechnen zu lernen, sodass sie – wenn sie das heiratsfähige Alter erreicht hatten – selbst einen Beruf ausüben oder ihrem Ehemann zur Hand gehen konnten. Gerade als sie in die Kühle des Wohngebäudes eintauchen wollte, fiel ihr Blick auf eine in schlechte Gewänder gehüllte Männergestalt, die unter den ausladenden Wedeln einer uralten Palme verharrte und ihre Bewegungen zu beobachten schien. Wer der Mann wohl war? Da er sich jedoch keine zwei Wimpernschläge später abwandte und in den Schatten einer Gasse verschwand, wischte sie den Gedanken mit einer ungeduldigen Geste beiseite und folgte Daja in das Kontor des Kaufherrn.

London, White Tower, Juli 1189

»Ihr habt mich sehr wohl verstanden!« Die tiefe, dröhnende Stimme erklang so unvermittelt neben der im Dunkeln liegenden Nische, dass ihr Bedränger einen Moment lang den eisernen Griff um Catherines Oberarm lockerte. Doch dieser Augenblick genügte, um den lähmenden Schleier der Furcht zu zerreißen, der ihren Widerstand erstickt hatte, und ihm geistesgegenwärtig einen Tritt gegen das ungeschützte Schienbein zu versetzen. Mit einem wüsten Fluch ließ er sie fahren. Wie von der Sehne geschnellt duckte sie sich an seinem massigen Körper vorbei, kollidierte um ein Haar mit zwei Vermummten, die ihr neugierige und beunruhigte Blicke nachschickten, und rannte wie von Furien gehetzt auf eine dunkle Eichentür zu, die ins Innere des Towers führte. »Verdammtes Miststück!«, knurrte der hochgewachsene Ritter und rieb sich – weitere Verwünschungen ausstoßend – die brennende Stelle, während sich sein von der Kapuze verdecktes Gesicht zu einer Grimasse der Wut verzerrte. Die grüngesprenkelten Braunaugen blitzen mordlustig im gedämpften Licht einer Pechfackel, als er sich aufrichtete und die Neuankömmlinge mit einem eisigen Blick bedachte. Die laue Luft des Sommerabends schien sich mit einem Mal in einen stinkenden Pesthauch verwandelt zu haben und nur mit Mühe und Not ignorierte der Breitschultrige den schmerzhaften Druck, der ihm die Lendengegend sprengen wollte.

»Was um alles in der Welt war denn das?«, wandte sich die größere der beiden vermummten Gestalten mit herrischer Stimme an Catherines Bedränger, der den Zwischenfall mit einem Schnauben und einer wegwerfenden Geste abtat. An der Linken des Sprechers prangte ein auffälliger Ring mit einem goldenen Kreuz, dessen blutroter Granat das Licht in funkelnden Facetten brach. »Nichts, Mylord«, erwiderte der Ritter, den Catherines Tritt getroffen hatte. Ohne dass es ihm bewusst wurde, legte er die Hand an den Knauf seines Schwertes, das unter dem dicken Stoff seines Umhanges verborgen war, und presste die Kiefer aufeinander. Bevor er nach einem Räuspern heiser fortfuhr, blickte er sich forschend um. »Warum seid Ihr noch hier?«, fragte er. Leichtes Unbehagen schwang in der Frage mit, und mit einer höflichen Geste forderte er die beiden anderen dazu auf, ihm zu der Tür zu folgen, durch die seine bereits im Netz zappelnde Beute vor wenigen Augenblicken entwischt war. Als das gut geölte Schloss hinter ihnen einrastete, wandte er sich an den Mann mit dem Granatring: »Ich dachte, wir hätten alles geklärt.« Die Augen des Angesprochenen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als er mit einem missfälligen Stirnrunzeln zu dem Ritter aufblickte. »Das haben wir auch«, versetzte er verächtlich und wies mit dem Kinn auf die Gestalt, die wie ein geprügelter Hund hinter den beiden herschlich. »Arundel und ich hatten nur noch ein paar unwesentliche Details zu besprechen.« Er zögerte einen kaum merklichen Moment lang, bevor er schroff fortfuhr. »Folgt mir in das Gemach eines meiner Männer. Dort können wir noch einen Krug Wein miteinander teilen.«

Schweigend eilten sie die im Halbdunkel liegenden Gänge der Festung entlang, tief ins Herz des Bollwerkes, bis sie schließlich die Tür einer bescheidenen Kammer erreichten. Nachdem der Anführer des Kleeblattes zwei Mal dröhnend die Faust gegen das trockene Holz hatte donnern lassen, öffnete ein nervöser Bursche in einem einfachen Mönchsgewand, dessen Tonsur im Schein des munter prasselnden Feuers glänzte. »Herr.« Seine Stirn berührte beinahe die kalten Steinquader, als er in eine tiefe Verbeugung sank. »Seid willkommen.« Ohne den jungen Mann einer Antwort zu würdigen, stürmten die drei Vermummten an ihm vorbei in das überheizte Gemach, wo sie sich nach Sitzgelegenheiten umsahen. Die Blicke interpretierend, schaffte der Mönch zwei weitere Schemel aus einer kleinen Nische herbei, stellte drei kostbare Trinkgefäße auf das runde Tischchen in der Mitte des Raumes und eilte zu der Feuerstelle, über der ein Krug Wein ein betörendes Aroma verströmte. Unter unverständlichem Gemurmel füllte er die Kelche, reichte jedem der Männer einen dampfenden Trunk und folgte daraufhin der Aufforderung zu verschwinden.

»Ihr seid ein elender Feigling, William of Arundel!« Die Stimme des untersetzten, grauhaarigen Mannes, der – kaum war die Tür hinter dem katzbuckelnden Diener ins Schloss gefallen – ungeduldig die dunkle Kapuze zurückgeschlagen hatte, triefte vor Verachtung. »Niemand wird sich auch nur einen Dreck darum scheren, woher die Sachen stammen, wenn sie erst einmal in den Krypten unserer Kirchen liegen!« Er setzte einen der edelsteinbesetzten Goldkelche an die Lippen und trank durstig. »Alles, was zählt, ist, dass Ihr nicht mit leeren Händen zurückkommt.« Der kleinere der beiden Männer, der auf den Namen Arundel hörte, spürte den verächtlichen Blick des Dritten auf sich. Nervös fuhr er sich mit der Hand über die hohe Stirn und sah unsicher von dem Grauhaarigen zu dem Hünen, dessen amouröses Abenteuer ein so unverhofftes Ende gefunden hatte. Mit den feingliedrigen Händen wirkte er nicht gerade wie ein Kämpfer, eher wie ein Geistlicher. »Aber es ist nicht rechtens«, hub er an, wurde jedoch barsch von dem Breitschultrigen unterbrochen, in dem immer noch brodelnde Wut über die Unterbrechung seines kleinen Liebesspiels kochte. »Ach, haltet den Mund, William! Ich kann Euer weibisches Geflenne nicht mehr ertragen!«

Mit einer ungehaltenen Geste erstickte er die empörten Widerworte des Gescholtenen im Keim. »Es ist alles besprochen«, fuhr er fort. »Anstatt uns weiter damit aufzuhalten, sollten wir uns lieber auf die Ankunft des neuen Königs vorbereiten.« Richard, dem die Sänger am Hof seiner Mutter in Aquitanien den Beinamen Löwenherz gegeben hatten, war sofort nach dem Tod seines Vaters aufgebrochen, um in London zum König gekrönt zu werden. Er hatte Boten vorausgeschickt, um seine Mutter aus der Haft zu befreien, in die sie vor sechzehn Jahren geraten war, als sie ihre Söhne bei einer Rebellion gegen deren machthungrigen Vater unterstützt hatte. Da sie damals ohnehin nicht gut auf ihren Gemahl zu sprechen war, weil dieser sie mit einer Geliebten betrog, war ihr das Zerwürfnis zwischen dem König und seinen Erben gerade recht gekommen. Die Stimmung unter den Kronvasallen am Hof, die ihren neuen Lehnsherren nur aus der Ferne kannten, war dieser Tage deutlich von Nervosität gekennzeichnet, da das feurige Temperament der Plantagenets im Sohn noch ausgeprägter sein sollte als im Vater. Dem zweiunddreißigjährigen Richard eilte der Ruf voraus, ein zwar tapferer und gnadenloser Krieger zu sein, dessen diplomatisches Geschick allerdings äußerst begrenzt war – was er in der Vergangenheit immer wieder unter Beweis gestellt hatte. »Ach, da gibt es nicht viel vorzubereiten«, schnaubte der Grauhaarige übellaunig, während er den Kelch erneut versonnen an die Lippen hob. »Richard ist das Werkzeug seiner Mutter.« Ohne die erschrocken vor den Mund geschlagene Hand William of Arundels zu beachten, setzte er mürrisch hinzu: »Wenn Ihr ihn kontrollieren wollt, müsst Ihr zuerst einmal ihre Gunst gewinnen!« Einige Augenblicke lang betrachtete er das ölige Funkeln des Weines, der schwer und dunkel in dem Trinkgefäß lag. »Und der alte Drache hat es in sich!«

*******

Während die drei Männer darüber diskutierten, wie man am einfachsten das Vertrauen der Königinmutter erschleichen konnte, warf Catherine de Ferrers nach kopf- und ziellosem Irren durch den riesigen Wohnturm der Burg mit rasendem Herzen die Tür der Kammer hinter sich zu, die sie mit einer anderen jungen Zofe teilte. Zwei kleine Fenster gaben den Blick frei auf den von starken Mauern eingefassten Hof des Towers. In demselben Augenblick, in dem das Mädchen den schweren Riegel in die Halterung fallen ließ, erhob sich krächzend eine hässliche Krähe von einem der Simse – beinahe als spüre der Vogel die Aufregung der jungen Frau. Ihre Zimmergenossin fuhr erschrocken aus dem Schlaf auf und blickte sich verwirrt in dem nur schwach von einer halb heruntergebrannten Kerze erhellten Gemach um. »Catherine«, rief sie bestürzt aus, als sie die bleiche Gestalt der Freundin an der Tür lehnen sah – das Gesicht totenbleich und schweißbedeckt. »Was ist geschehen?« Mit einem besorgten Ausdruck auf dem Gesicht schlang das hochgewachsene Mädchen die dünne Leinendecke um den schlanken Körper und schwang die Beine aus dem Bett, um der schwer atmenden Freundin beruhigend den Arm um die Schultern zu legen. Behutsam schob sie die bebende Gestalt in Richtung einer fensternahen Sitztruhe, doch Catherine versteifte sich unter ihren Händen. Als sie ihre Gefährtin näher in Augenschein nahm, zog sie bestürzt die Luft durch die Zähne ein.

»Du bist verletzt!« Entsetzt ließ sie die Augen von Catherines aufgeplatzter Lippe zu den blutigen Spuren an ihrem Hals hinabwandern, die sich dramatisch von der weißen Haut abhoben. »Catherine!« Sie schüttelte die Freundin sanft. »Was ist dir zugestoßen?« Schaudernd schloss die Jüngere die Augen und fuhr sich mit den Fingerkuppen vorsichtig über die Wunden, welche die gierigen Zähne des Vermummten auf ihrer Haut hinterlassen hatten. Immer noch spürte sie die ekelerregende, schleimige Kälte seiner tastenden Zunge in ihrem Mund; und dort, wo seine groben Hände ihre Brüste begrapscht hatten, brannte ein feuriger Schmerz. Sie würgte. »Mir ist nicht gut«, stammelte sie, riss sich los und stolperte in die angrenzende Kammer, um sich dort in eine der Nachtpfannen zu übergeben. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr, sich vor einem der Töpfe auf die Knie fallen zu lassen, bevor die Übelkeit aus ihr herausbrach. Immer und immer wieder zog sich ihr Magen zusammen und schickte einen bitteren Schwall nach dem anderen an die Oberfläche. Als sich die Krämpfe schließlich legten, wusch sie sich mit zitternden Händen das Gesicht und wandte sich zu Sophie um, die sie mit wachsender Besorgnis beobachtete.

»Ich habe Bekanntschaft mit einem der ehrenhaften Ritter gemacht, von denen uns die Troubadoure immer gesungen haben«, flüsterte Catherine schließlich müde und presste den Handballen gegen die schmerzende Stirn. Selbst in Salisbury, das doch so verschieden war von ihrem kultivierten Hof in Poitiers, hatte die Königin die Dichter und Sänger angezogen wie das Licht die Motten. Und ihr Gemahl, Henry II. von England, der vor zwei Wochen in Chinon sein Leben gelassen hatte, war nicht so grausam gewesen, ihr in ihrem Gefängnis den Umgang mit den farbenprächtigen Kavalieren zu verbieten. Fragend runzelte Sophie die Brauen, wobei sich die Sommersprossen auf ihrer Nase zu einem dunklen Fleck zusammenballten. »Wie meinst du das?«, erkundigte sie sich vorsichtig, während sie der drei Jahre Jüngeren den Arm bot, um sie auf das Bett zuzuführen. Mit einem gequälten Ausdruck auf dem bleichen Gesicht hob Catherine den Kopf und blickte der Freundin in die kornblumenblauen Augen, die fragend auf ihr ruhten.

Nachdem sie ihr den Vorfall in allen schrecklichen Einzelheiten berichtet hatte, sprang Sophie, die sich neben ihr auf der Matratze niedergelassen hatte, empört auf. »Du musst der Königin davon berichten!« Ihr schlanker Körper bebte vor Wut, und die hellblonden, vom Schlaf zerzausten Locken tanzten in alle Richtungen. »Sie muss etwas dagegen unternehmen!« Catherine nickte langsam, bevor sie sich erhob und mit müden Bewegungen Bliaud und Cotte über den Kopf zog. Zwar fürchtete sie die imposante alte Dame ein wenig. Doch hatte diese sicherlich etwas dagegen, dass ihre Hofdamen belästigt wurden. Allerdings gab es eine Schwierigkeit, die ihr mit messerscharfer Klarheit bewusst wurde, als sie – nur mit dem Untergewand bekleidet – zwischen die Laken schlüpfte. »Aber ich habe sein Gesicht unter der Kapuze nicht erkennen können!« In ihren Augen schwammen Tränen. »Ich habe keine Ahnung, wer er war!«

Grafschaft Huntingdon, Juli 1189

Harold wusste kaum, wie ihm geschah, als ihm beim Betreten der angenehm kühlen Halle des Landsitzes zwei der kräftigsten Männer seines Vaters entgegentraten. Beide trugen die Farben des Earls of Huntingdon, und die von Wind und Wetter gegerbten Gesichter waren grimmig und verschlossen. Ohne ein Wort packten sie ihn rüde an den Oberarmen und zerrten ihn auf die alte Holztreppe zu, die ins Obergeschoss führte, in dem die Familienmitglieder ihre Kammern hatten. »Was …?«, stammelte er, kam jedoch nicht dazu, die Frage zu beenden, da sein Blick auf das hämisch grinsende Gesicht seines Bruders fiel, der am Treppenabsatz auf die Gruppe gewartet zu haben schien. Die dunklen Haare und Augen des Knaben hoben sich scharf von der trotz der Sommersonne bleichen Haut ab, und die roten Lippen glänzten feucht im Schein der Fackeln. Zwar war es helllichter Tag, doch die kleinen Fensterschlitze der Festung machten selbst am Nachmittag zusätzliche Beleuchtung nötig. »Du kleine Kröte!«, presste Harold durch die Zähne hervor, da ihm Übles schwante. »Was hast du dir jetzt wieder ausgedacht?« Er wusste sehr wohl, dass er so manche Tracht Prügel der vergangenen Jahre seinem hinterhältigen Bruder zu verdanken hatte, der keine Gelegenheit auszulassen schien, ihn bei seinem Vater in ein schlechtes Licht zu setzen. Er wollte sich aus dem Griff der beiden Krieger befreien, um Guillaume einen Schlag zu versetzen. Aber mit diesem Versuch fing er sich lediglich einen harten Hieb gegen den Hinterkopf ein. Einen Augenblick lang verschleierte ihm der Schmerz die Sicht. Als er wieder voll bei Sinnen war, hatten die Männer ihn bereits die Hälfte der breiten Treppe hinaufgeschleppt.

Kaum hatten sie die kostbar geschnitzte Tür erreicht, die in die Gemächer seiner Stiefmutter führte, hieb einer der Männer mit den Knöcheln gegen das helle Holz. Und nur wenige Lidschläge später – beinahe als hätte sie auf diesen Moment gelauert wie eine Spinne im Netz auf ihre Beute – öffnete die Herrin von Huntingdon mit einem verächtlichen Ausdruck auf den schönen Zügen. »Ah, Harold«, sagte sie schneidend und bedachte ihren Stiefsohn mit demselben Blick, mit dem sie ein ekelhaftes Insekt betrachten würde. »Komm herein.« Mit einem Nicken gab sie den beiden Männern zu verstehen, dass sie sich zurückziehen konnten, und als sie den Knaben rüde in das Gemach gestoßen hatten, polterten die beiden ins Erdgeschoss zurück. Bevor sich die Tür hinter ihnen schloss, bemerkte Harold aus dem Augenwinkel, wie sich Guillaume an ihnen vorbei in die geräumige Kammer quetschte. Seine Mutter quittierte die Anwesenheit ihres Sprösslings mit einer amüsiert hochgezogenen Braue, ließ ihn jedoch gewähren, als er sich mit einem großspurigen Feixen auf einen der niedrigen Schemel fallen ließ, die vor dem trotz der sommerlichen Hitze leise knisternden Kamin standen. Das Innere der geräumigen Kammer wurde bestimmt von einer ausladenden Bettstatt und einem riesigen Webstuhl, in den ein beinahe vollendeter Wandbehang eingespannt war. Umrahmt von unglaublich filigranen Blumenmustern tummelten sich Fabelwesen in einer arkadischen Landschaft, in deren Hintergrund die Heilige Stadt zu sehen war. Wie pompös!, schoss es Harold durch den Kopf. Aber er biss sich auf die Lippen, um seine Gedanken mit keiner Regung zu verraten.

Einige Augenblicke geschah gar nichts, und der verloren im Raum stehende Knabe vermeinte, das Herz gegen seine Rippen hämmern zu hören. Das Zwitschern eines Rotkehlchens drang durch eines der geöffneten Fenster; einen Moment lang wünschte sich der Junge an die Stelle des zierlichen Vogels, der nach einer kurzen Debatte mit seinem Gefährten schimpfend das Weite suchte. Wie üblich genoss sie es, ihn schmoren zu lassen, bevor sie die Strafe über ihn verhängte, dachte er. Was würde es diesmal sein? Leif und seine Ochsenpeitsche oder etwas Ausgefalleneres? Bevor er sich weiter in düsteren Gedanken ergehen konnte, trat sie unvermittelt auf ihn zu und fauchte: »Sieh mich an!« Langsam hob er den Blick. Als seine blauen Augen die ihren trafen, jagte der Hass, den er darin lesen konnte, ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Zu spät gelang es ihm, seine Gefühle zu verbergen. Nachdem zorniges Erkennen in ihren geweiteten Pupillen aufgeflammt war, holte sie aus, um ihm eine gewaltige, schallende Ohrfeige zu versetzen, die ihn um ein Haar zu Boden geschickt hätte. Er taumelte, fing sich jedoch sofort wieder und hielt sich die brennende Wange. »Was bildest du dir eigentlich ein?!«, keifte sie – die ohnehin schon hohe Stimme schrill vor Ärger – und machte einen wütenden Schritt auf Harold zu, der unwillkürlich zurückwich. »Wer gibt dir das Recht, mit jeder dahergelaufenen Dirne Bastarde zu zeugen, die deinem Bruder sein Erbrecht streitig machen können?!« Ihr ovales Gesicht glühte vor Erregung, als sie ihm einen zweiten Schlag – diesmal mit dem Handrücken – versetzte.

Das war es also! Guillaume hatte ihn im Wald beobachtet. Diese kleine Schlange! Harold würde ihm bei nächster Gelegenheit beibringen müssen, dass ihn seine Mutter nicht immer beschützen konnte. Erneut senkte er den Blick, da er genau wusste, dass er seinen Kopf mit keiner Erklärung aus der Schlinge würde ziehen können. Wenn sie sich einmal festgebissen hatte, dann war alles, worauf er hoffen konnte, dass die Bestrafung nicht unnötig lang hinausgezögert wurde. »Antworte!« Ihre Lippen waren dicht an seinem noch immer brennenden rechten Ohr. Heiß und stoßweise kam ihr Atem, und er musste alle Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht vor ihr und dem süßlichen Geruch, den sie verströmte, zurückzuweichen. »Ich«, hub der Knabe hilflos an, wurde jedoch sofort unterbrochen, als sich ihre krallenartige Hand um seine Kehle schloss und ihn zwang, sie anzusehen. »Ich werde dafür sorgen, dass dir die Hurerei ein für alle Mal ausgetrieben wird!«

London, White Tower, Juli 1189

»Ich weiß nicht, Robert ...« Die Stimme des kleineren Mannes erstarb mutlos, als er den drohenden Blick des Breitschultrigen auf sich spürte, auf dessen Zügen immer noch Wut über sein missglücktes Liebesabenteuer zu lesen war. Die beidenVerschwörer hatten die Kapuzen wieder übergeworfen und ihren Auftraggeber, den Mann mit dem Granatring, in der bescheidenen Kammer seines Untergebenen zurückgelassen. »Hört zu, William«, fuhr ihm der Größere aufgebracht über den Mund. Seine wütend zusammengepressten Lippen ließen die harten Züge noch grausamer erscheinen, als er abrupt stehen blieb und seinen Begleiter an der Brust packte. »Niemand hat Euch geheißen, Euch in diese Angelegenheit einzumischen!« Die scharfen Eckzähne des erzürnten Ritters glänzten feucht, als er abfällig die Oberlippe kräuselte. »Wenn Ihr kalte Füße bekommt, dann vergrabt Euch doch wieder in Eurem Kloster!« Die Verachtung, die in diesen Worten lag, war beinahe greifbar. Mit einer heftigen Bewegung stieß er den Kleineren von sich, der mechanisch den Stoff seiner Kutte zurechtzupfte. »Das würde ich auch am liebsten«, seufzte der Gescholtene und fuhr sich nervös über die Stirn. »Ich wünschte, ich hätte diesen verdammten Titel, Earl of Arundel, nie geerbt!« Die Heftigkeit, mit der er die Worte hervorstieß, ließ seinen Begleiter innehalten.

»Wie meint Ihr das?«, fragte er verständnislos. »Seid doch froh, dass Euer Bruder kinderlos gefallen ist! Sonst wärt Ihr bei diesen Pfaffen verrottet!« Einen Augenblick schwieg der andere, bevor er kaum hörbar flüsterte: »Vielleicht wäre das besser gewesen. Was nutzen einem all die Titel, wenn man nicht mehr ruhig schlafen kann.« Erneut zügelte der hochgewachsene Mann seine Schritte und fasste ihn grob an den knochigen Schultern, die er mit unnötiger Kraft drückte, bis sein nervöser Begleiter sich vor Schmerzen wand. »Seid vorsichtig, was Ihr sagt, William! Ich rate Euch gut, Eure unangebrachten Skrupel zu begraben, sonst …« Er ließ die Drohung unausgesprochen in der Luft hängen, während er die Furcht des anderen in sich aufsog. »Geht schlafen!«, befahl er schließlich ruppig und stieß den schmächtigen Mann ein weiteres Mal wie ein ungezogenes Kind von sich. »Im Schlaf findet man manchmal zu den richtigen Einsichten.«

Kaum hatte die Dunkelheit des langen Ganges den so Entlassenen verschluckt, stieß der Hochgewachsene einen derben Fluch aus und eilte in die entgegengesetzte Richtung davon. Was für ein beschissener Abend! Erst war ihm die Kleine entwischt und dann bekam dieser Waschlappen kalte Füße und gefährdete ihr ganzes Vorhaben! Er musste etwas dagegen unternehmen. Nachdem er sich versichert hatte, dass ihm niemand folgte, schlug er einen Gang weiter eine andere Richtung ein, riss sich den dünnen Umhang vom Leib und stürmte die breiten Stufen der Haupttreppe hinauf ins erste Stockwerk. Der warme Schein der Fackeln flackerte im Windzug, als er die hölzerne Balustrade entlangeilte und schließlich die Tür zu einem prunkvollen Gemach aufstieß. Sein Page, der auf dem dünnen Fell vor der ausladenden Bettstatt eingenickt war, fuhr erschrocken auf und sprang auf die Beine. »Mylord«, stammelte er und senkte schuldbewusst den Kopf. Der magere Körper des Burschen bebte vor Furcht, und er wich unvermittelt in eine der dunklen Ecken zurück, als der Hüne auf ihn zutrat.

»Scher dich raus!«, befahl sein Herr schroff und wandte ihm den Rücken zu. »Und sag John of Littlebourne, dass er zu mir kommen soll!«, schickte er dem geduckt an ihm vorbeihuschenden Knaben nach. Als die Tür hinter dem Jungen ins Schloss gefallen war, ließ er sich ergeben seufzend auf einen mit kostbarem Stoff ausgeschlagenen Sessel fallen, dessen Stickerei eine Jagdszene zeigte, und zerrte an den schweren, mit silbernen Sporen geschmückten Stiefeln. Allerdings hatte er für die handwerkliche Schönheit des Möbelstückes heute keine Augen. Grimmig pfefferte er den einfachen dunklen Überwurf in eine Ecke, schnürte sein Surkot ein wenig auf und streifte die weiten Ärmel zurück. Dann ließ er den Kopf in die Hände fallen und versank in dumpfem Brüten. Ein leises Klopfen riss ihn aus den Gedanken. Hastig sprang er auf, um einem vierschrötigen Ritter, der trotz der späten Stunde noch Kettenhemd und Beinlinge trug, die Tür zu öffnen. »Endlich«, kläffte er den Mann an, dessen Nase aussah, als ob sie des Öfteren Bekanntschaft mit einem Kettenhandschuh gemacht hätte, und trat einen Schritt zurück, um ihn einzulassen. »Ich habe einen Auftrag für Euch.« Der Untersetzte musterte ihn ohne Scheu und lächelte wissend. »Ihr wisst, dass Ihr Euch auf mich verlassen könnt.« Das konnte er in der Tat. Wie oft schon hatte ihm dieser ergebenste seiner Männer Dienste erwiesen, vor denen andere zurückgeschreckt wären!

Jerusalem, Die Zitadelle, Juli 1189

»Du konzentrierst dich nicht genug!«, schalt Salah ad-Din seine Schwester, die mit gebeugtem Rücken und angezogenen Beinen über dem Schachbrett kauerte. »Wenn du so weitermachst, werde ich auch dieses Spiel gewinnen!« Schmale Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster der angenehm kühlen Zitadelle und malten Muster auf den einfach gekachelten Boden. Shahzadi, die trotz ihrer zweiunddreißig Jahre immer noch eine außergewöhnlich straffe Haut und rabenschwarzes Haar besaß, hob die Augen mit den schweren Lidern und blickte ihren Bruder über den dünnen Schleier hinweg an. Auf ihrer Stirn lag ein leichtes Runzeln, das sich vertiefte, als sie mit der Rechten einen der goldenen Zierfäden ihrer Kopfbedeckung aus dem Gesicht wischte. Ihre ausgeprägten Augenbrauen wanderten in die Höhe. »Ich muss immerzu an das Frankenheer denken«, sagte sie nachdenklich, und in ihrer angenehm tiefen Stimme schwang Beunruhigung mit. Mit bedächtigen Bewegungen griff sie nach einer der fein ziselierten silbernen Tassen, die starken, mit Honig gesüßten Pfefferminztee enthielten, und hob das Gefäß an die Lippen. Nachdem sie den Trunk bis zur Neige geleert hatte, ließ sie den Schleier geschickt zurück an seinen Platz gleiten und faltete die Hände in ihrem von einem scharlachroten Kaftan bedeckten Schoß.

Die Kunde, dass eine riesige Streitmacht auf dem Weg nach Jerusalem war, hatte bald nach deren Aufbruch im Mai die Heilige Stadt erreicht, und Salah ad-Din hatte Boten ausgesandt, um seine muslimischen Verbündeten zum Kampf aufzurufen. Allerdings hatte sich die Begeisterung der kampfesmüden Sarazenen in Grenzen gehalten. Seit Jerusalem, die Heilige Stadt, wieder in den Händen der Moslems war, schienen die Sultane und Wesire in den angrenzenden Staaten das Interesse an der gemeinsamen Sache verloren zu haben. Und zu allem Überfluss hatte Salah ad-Din in jüngster Zeit zudem noch Schwierigkeiten mit den Tributzahlungen aus Ägypten. Weshalb er seinen jüngeren Bruder, al-Adil, damit beauftragt hatte, in seinem Sultanat nach dem Rechten zu sehen. Beruhigend hob er die vom Kampf schwieligen Hände und blickte seine Schwester nachdenklich an, während er einem kahl geschorenen Sklaven mit einer Geste zu verstehen gab, dass er ihnen eine neue Kanne Tee bringen sollte. Sein dichter Bart war von Silberfäden durchzogen, und um die klugen Augen rankte sich ein Netzwerk aus feinen Fältchen, das sich vertiefte, als er Shahzadi nachsichtig anlächelte. Die schiefergrauen Augen spiegelten Besonnenheit und Beherrschung wider. »Du brauchst dich nicht zu fürchten, Shahzadi«, beruhigte er sie und führte einen Zug mit seinem Turm aus, der ihre Dame in eine prekäre Lage brachte. »Die Stadt ist sicher. Die Befestigungen sind erst verstärkt worden.« Er schmunzelte amüsiert, als sie sich mit einem unorthodoxen Zug aus der Affäre zog. »Und der größte Teil der Kreuzfahrerstaaten ist inzwischen unter unserer Kontrolle.« Erst vor Kurzem hatte er Boten zu Kilidsch Arslan II., dem Sultan von Ikonion, gesandt, um sich seiner Unterstützung zu versichern. Zwar hatte er bis jetzt noch keine Nachricht erhalten. Doch er war sich sicher, dass es der Sultan des im Nordwesten an die Grafschaft Edessa angrenzenden Hoheitsgebietes nicht wagen würde, sich seinen Befehlen zu widersetzen und die Franken durch sein Gebiet ziehen zu lassen.

Als grüble sie über diese Aussage nach, starrte Shahzadi auf das Durcheinander aus schwarzen und weißen Figuren, die nach über einer Stunde Spielzeit beinahe symmetrisch auf dem Brett angeordnet waren. »Schach«, sagte sie schließlich trocken, nachdem sie eine Lücke in seiner Verteidigung entdeckt und ihren Läufer so platziert hatte, dass seinem König nur noch wenige Möglichkeiten zur Flucht blieben. »Du hast dich ablenken lassen«, stellte sie heiter fest und hielt die Hand auf, um ihren Gewinn entgegenzunehmen. »Unterschätze niemals deinen Gegner.«

Grafschaft Huntingdon, August 1189