Schwestern des Mondes - Die Vampirin & Hexenküsse - Yasmine Galenorn - E-Book

Schwestern des Mondes - Die Vampirin & Hexenküsse E-Book

Yasmine Galenorn

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12,99 €

Beschreibung

Zwei Fantasy-Kracher von Bestseller-Autorin Yasmine Galenorn in einem Band.
Die D'Artigo-Schwester sind drei sexy Mitglieder des Anderwelt-Nachrichtendienstes. Camille, eine Hexe, Delilah, eine Werkatze, und Menolly, eine Vampirin, wurden auf die Erde strafversetzt. Zusammen mit ihren Liebhabern müssen sie sowohl die Erde als auch die Anderwelt retten.

»Die Vampirin«

Dämonenfürst Schattenschwinge hat einen neuen Verbündeten – er verhilft dem brutalen Vampir Dredge zur Flucht aus seinem Kerker und schickt ihn in die Welt der Menschen. Dort fallen der Blutsauger und seine Schergen über ihre hilflosen Opfer her, die sich wenig später als hungrige Untote selbst auf die Jagd machen. Nur Menolly könnte Dredge aufhalten – doch dazu müsste sie sich dem schlimmsten Albtraum stellen, den es für sie gibt ...

»Hexenküsse«

Im Kampf gegen den Dämon Schattenschwinge bekommen die Schwestern Hilfe: Der Prinz der Einhörner schenkt ihnen ein mächtiges Artefakt. Camille, die Hexe, muss schleunigst lernen, seine Magie in den Griff zu bekommen – nicht ganz einfach, da ihr Liebesleben gerade dank eines Drachens sehr chaotisch ist.

Der dritte und vierte Band der »Schwestern des Mondes«-Reihe von Bestseller-Autorin Yasmine Galenorn.

»Schwestern des Mondes: Die Vampirin & Hexenküsse« von Yasmine Galenorn ist ein eBook von feelings*emotional eBooks. Mehr von uns ausgewählte erotische, romantische, prickelnde, herzbeglückende eBooks findest Du auf unserer Facebook-Seite. Genieße jede Woche eine neue Geschichte - wir freuen uns auf Dich!

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Yasmine Galenorn

Die Vampirin & Hexenküsse

Zwei Romane in einem Band

Aus dem Englischen von Katharina Volk

Knaur e-books

Über dieses Buch

»Die Vampirin« Der dritte Roman über die D'Artigo-Schwestern: voller Leidenschaft, Magie und Spannung. Die D'Artigo-Schwester sind drei sexy Mitglieder des Anderwelt-Nachrichtendienstes. Camille, eine Hexe, Delilah, eine Werkatze, und Menolly, eine Vampirin, wurden auf die Erde strafversetzt. Zusammen mit ihren Liebhabern müssen sie sowohl die Erde als auch die Anderwelt retten. Dämonenfürst Schattenschwinge hat einen neuen Verbündeten – er verhilft dem brutalen Vampir Dredge zur Flucht aus seinem Kerker und schickt ihn in die Welt der Menschen. Dort fallen der Blutsauger und seine Schergen über ihre hilflosen Opfer her, die sich wenig später als hungrige Untote selbst auf die Jagd machen. Nur Menolly könnte Dredge aufhalten – doch dazu müsste sie sich dem schlimmsten Alptraum stellen, den es für sie gibt ...

»Hexenküsse« Der vierte Fantasy-Roman über die gefährlichen Erlebnisse der drei Schwestern des Mondes. Die D'Artigo-Schwester sind drei sexy Mitglieder des Anderwelt-Nachrichtendienstes. Camille, eine Hexe, Delilah, eine Werkatze, und Menolly, eine Vampirin, wurden auf die Erde strafversetzt. Zusammen mit ihren Liebhabern müssen sie sowohl die Erde als auch die Anderwelt retten. Im Kampf gegen den Dämon Schattenschwinge bekommen die Schwestern Hilfe: Der Prinz der Einhörner schenkt ihnen ein mächtiges Artefakt. Camille, die Hexe, muss schleunigst lernen, seine Magie in den Griff zu bekommen – nicht ganz einfach, da ihr Liebesleben gerade dank eines Drachens sehr chaotisch ist.

Inhaltsübersicht

Die VampirinFür all die bösen [...]Das Schwerste an dieser [...]Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20DanksagungHexenküsseWidmung / MottoKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29GlossarDanksagung
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Die Vampirin

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Für all die bösen Weiber da draußen, die sich mit Unrecht nicht abfinden und ihre eigenen Alpträume durchlebt haben.

Gebt nicht auf – kämpft weiter.

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Das Schwerste an dieser Welt ist, darin zu leben.

BUFFY

 

Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehen, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.

FRIEDRICHNIETZSCHE, Jenseits von Gut und Böse, 1886

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Kapitel 1

Magregor, falls du glaubst, du könntest deine letzten Drinks auf meine saubere Theke kotzen, hast du dich geirrt. Geh sofort aufs Klo, sonst versetze ich dir einen Tritt, dass du mitten auf der Straße landest. Dann erfährst du am eigenen Leib, wie man sich als plattgefahrener Igel fühlt.«

Ich wischte mir die Hände an einem der frischen weißen Tücher ab, mit denen wir die Bar des Wayfarer sauber hielten, und hängte es sorgfältig über die Stange hinter dem Tresen, während ich den Goblin im Auge behielt. Ich mochte Goblins nicht.

Sie waren nicht nur hinterlistige kleine Kriecher, sie stellten auch eine potenzielle Bedrohung für meine Schwestern und mich dar. Die Goblinhorden waren Verbündete unseres Miststücks von einer Königin zu Hause in der Anderwelt, die eine Todesdrohung über uns verhängt und uns damit praktisch ins Exil verbannt hatte. Bis der Bürgerkrieg vorüber und die Königin besiegt war, mussten wir entweder Erdseits bleiben oder andere Städte aufsuchen, falls wir heim in die Anderwelt wollten; nach Y’Elestrial konnten wir jedenfalls nicht. Ein falsches Wort – und Goblins waren notorische Petzer – könnte Königin Lethesanar genügen, um herauszufinden, wo wir waren.

Die Elfen hatten uns geholfen, das Portal im Keller des Wayfarer in die dunklen Wälder von Finstrinwyrd umzulenken. Das schützte uns zwar vor der unmittelbaren Gefahr, dass die Wachen der Königin durchkommen könnten, dafür mussten wir uns jetzt damit herumschlagen, dass alle möglichen anderen Geschöpfe durch das Portal herüberschlichen. Aber wir wagten es nicht, das Portal dauerhaft zu schließen. Wir brauchten einen schnellen Zugang zur Anderwelt.

Es hätte mir ja nichts ausgemacht, wenn nur hin und wieder irgendein Schläger zur Tür hereingeschneit wäre, aber die Elfen, die die andere Seite des Portals bewachten, waren faul. Allein in dieser Woche hatte ich mir vier Prügeleien mit Feen geliefert, die hier Unheil stiften wollten, drei Kobolde ausgeschaltet, einem grapschenden Gnomen die Tour vermasselt und mit Müh und Not einen potthässlichen Baby-Troll wieder eingefangen, der sich irgendwie durchgeschmuggelt hatte.

»Versuch doch mal, mich rauszuschmeißen, Püppchen … Dann zeig ich dir, wozu Frauen gut sind.« Der Goblin reckte mir mit einem dreckigen Grinsen das Becken entgegen und fasste sich in den Schritt. Er war wirklich sturzbetrunken. Wenn er nicht so voll gewesen wäre, hätte er sich schleunigst verpisst und noch draußen vor Angst geschlottert. Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen, blieben mir noch etwa fünf Minuten, ehe sein Abendessen wieder an der Luft erschien.

»Nein, lass mich dir zeigen, wozu Frauen gut sind«, sagte ich leise und setzte mit einem Sprung über die Bar. Seine Augen weiteten sich, als ich lautlos neben ihm landete. Ich konnte seinen Puls riechen, und sein Herzschlag hallte in meinem Hinterkopf wider. Obwohl ich nicht mal für viel Geld Goblinblut angerührt hätte, außer ich wäre am Verhungern, fuhr ich die Reißzähne aus und lächelte ihn an.

»Heilige Scheiße.« Er versuchte zurückzuweichen, schaffte es aber nur, sich zwischen seinem und dem nächsten Barhocker einzuklemmen. Ich riss ihn am Kragen heraus und ging hinüber zur Kellertreppe, wobei ich ihn hinter mir herschleifte. Er wehrte sich, aber aus meinem Griff würde er sich nicht herauswinden.

»Chrysandra, pass mal kurz auf die Bar auf.«

»Klar, Boss.« Chrysandra war meine beste Kellnerin. Sie hatte eine Weile als Türsteherin drüben im Jonny Dingo’s gearbeitet, es aber irgendwann sattgehabt, sich für einen Hungerlohn von schmierigen Typen anmachen zu lassen. Ich bezahlte ihr mehr, und meine Gäste wussten, dass es besser für sie war, die Angestellten in Ruhe zu lassen. Zumindest die meisten, dachte ich mit einem Blick auf den Goblin und warf ihn mir über eine Schulter, um ihn die Treppe hinunterzutragen. Der Goblin quiekte und trampelte mir gegen den Bauch.

»Lass das, du Sack. Du kannst deine Kinderschühchen noch ein Jahrhundert lang in meinen Bauch rammen, ohne dass ich eine Delle kriege«, sagte ich, dann fauchte ich ihn an.

Er erbleichte. »O Scheiße.«

»Ja, das trifft’s ganz gut«, sagte ich. Ein Vampir zu sein, hatte auch seine Vorteile.

Als ich den Keller betrat, blickte Tavah von ihrem Posten in der Nähe des Portals auf, das wie ein Nebelfleck zwischen zwei großen Menhiren hing. Sie sah den Goblin an, dann mich. »Dachte ich es mir doch, dass der hier nichts zu suchen hat …« Sie verstummte vage, als ich den Unseligen zu Boden schleuderte.

»Wir können ihn auf keinen Fall durch das Portal zurückgehen lassen. Ich schlage vor, du genehmigst dir einen kleinen Snack«, sagte ich.

Tavah blinzelte, dann lächelte sie, wobei sie reichlich Zähne zeigte. Sie war nicht so mäkelig wie ich, was ihre Mahlzeiten anging. »Danke, Boss«, sagte sie, als ich mich abwandte, um wieder nach oben zu gehen.

Hinter mir stieß der Goblin einen erschrockenen Schrei aus, der abrupt abgeschnitten wurde. Ich hielt einen Augenblick lang inne. Im Keller war es still, bis auf leise, schleckende Geräusche von Tavah. Sacht schloss ich die Tür und kehrte in die Bar zurück. Wir durften nicht riskieren, dass der Goblin zurück in die Anderwelt oder gleich nach Y’Elestrial rannte und dort Sachen herumerzählte. Weder die Königin noch die verstreuten Reste des AND wussten, dass wir noch hier waren. Und ich wollte, dass das so blieb.

 

Im Wayfarer steppte der Bär. Als mir dieser Job an der Bar zugewiesen worden war, hatte ich mich damit abgefunden, einen Haufen betrunkener Penner und trauriger, heimatloser Gestalten zu bedienen. Aber zu meiner Erleichterung und Überraschung tranken die meisten Feen, die in den Wayfarer kamen, zwar genug, um sich zu amüsieren, aber nicht so viel, dass es ständig Ärger gab.

Die Vollblutmenschen unter meinen Gästen waren auch ganz in Ordnung. Sie zahlten gutes Geld dafür, ihre Abende in der Gesellschaft diverser Feen und erdgebundener Übernatürlicher verplempern zu dürfen. Na ja, bis auf die Feenmaiden, und die gingen mir nur auf die Nerven, weil sie knauserig waren. Ich meine, sie kauften sich einen Drink und nuckelten den ganzen Abend daran herum, belegten aber kostbare Plätze in den Sitznischen. Sie waren nur aus einem einzigen Grund hier: um sich von irgendeinem sexgierigen Bewohner der Anderwelt ins Bett zerren zu lassen.

Um ehrlich zu sein, fand ich sie eigentlich eher bemitleidenswert als nervig. Es war ja nicht ihre Schuld, dass sie so empfänglich für Sidhe-Pheromone waren. Wenn sich hier irgendjemand hätte beherrschen müssen, dann die Feen aus dem Volk meines Vaters. Wir Sidhe wussten genau, was passieren konnte, wenn Sex im Spiel war, aber viele Menschen verstanden das nicht. Im Lauf der Monate hatte ich allerdings gelernt, die Klappe zu halten. Wenn ich nämlich doch einmal versucht hatte, eine schwer verknallte Feenmaid von ihrem Vorhaben abzubringen, war ich nur auf Unverständnis gestoßen. Manche waren richtig wütend geworden.

Da das Goblin-Problem nun gelöst war, kehrte ich an meinen Tresen zurück, gerade rechtzeitig, um Camille und Trillian zur Tür hereinspazieren zu sehen. Meine älteste Schwester Camille sah umwerfend aus, mit langem, rabenschwarzem Haar und violetten Augen. Sie war kurvenreich und sinnlich, ihr Kleidungsstil so eine Art Designer-Sado-Maso; heute trug sie ein Lederbustier und einen fließenden Chiffonrock. Trillian sah aus wie eine Figur aus Matrix in seinem langen Mantel aus schwarzem Wildleder, schwarzen Jeans und einem schwarzen Rolli. Er war ein Svartaner – finstere Cousins der Elfen –, und seine Kleidung und sein Teint ergaben eine große pechschwarze Gestalt, eingerahmt von silbernem Haar, das ihm bis zu den Hüften reichte. Es wellte sich und wogte – dieses Haar hatte wahrhaft ein Eigenleben. Die beiden als Paar waren jedenfalls ein echter Hingucker.

Ich wartete, bis sie sich einen Tisch ausgesucht hatten, wischte mir dann die Hände am Bartuch ab und warf es Chrysandra zu. »Ich mache kurz Pause«, sagte ich und ging mit einem Kelch Blütenwein für Camille und einem Scotch on the rocks für Trillian zu den beiden hinüber. Ich musste den Svartaner nicht unbedingt haben, aber ich wollte mit Camille reden. Sie blickte auf, als ich neben ihr auf die Bank glitt, und ich drückte sie kurz an mich.

Trillian ließ ein Lächeln aufblitzen. Wie üblich ignorierte ich ihn. »Was habt ihr herausgefunden?«, fragte ich meine Schwester.

Sie lehnte sich zurück und schüttelte den Kopf. »Sie sind verschwunden. Trillian hat überall gesucht, aber keine Spur von Vater oder Tante Rythwar gefunden. Ihre Häuser waren verlassen, alles war weg.«

»Scheiße.« Ich starrte auf meine Fingernägel hinab. Sie waren perfekt, und das würden sie auch für immer sein. »Hat denn niemand eine Ahnung, wo sie stecken könnten?«

Nun meldete sich Trillian zu Wort. »Nein. Ich habe alle meine üblichen Quellen abgeklappert, ohne Erfolg. Dann habe ich es geschafft, ein paar weitere aufzuspüren, die gar nicht glücklich darüber waren, mich zu sehen – sie schulden mir eine Menge und hatten gehofft, sich noch ein Weilchen vor mir verstecken zu können. Aber offenbar hat wirklich niemand eine Ahnung, wohin euer Vater und eure Tante verschwunden sein könnten.«

»Du glaubst doch nicht, dass Lethesanar sie gefunden und getötet hat, oder?«, fragte Camille.

Ich verzog das Gesicht. »Puh, das ist die Frage, die ich lieber nicht hören wollte.« Doch noch während ich sprach, wurde mir klar, dass es richtig von ihr war, diese Frage zu stellen.

»Nein. Ihre Seelenstatuen sind noch intakt. Ich habe im Ahnenschrein eurer Familie nachgeschaut. Außerdem wisst ihr doch, dass sie nicht widerstehen könnte, solche Gefangenen dem ganzen Hof vorzuführen, und davon hätten wir ganz sicher erfahren. Lethesanar protzt zu gern mit jedem kleinen Sieg über ihre Feinde. Sie würde öffentliche Hinrichtungen ansetzen und sie mit Pauken und Trompeten verkünden. Nein, ich glaube, euer Vater und eure Tante haben einfach ein verdammt gutes Versteck gefunden und warten, bis der Sturm vorüber ist.«

Trillian lehnte sich zurück und drapierte lässig einen Arm um Camilles Schultern. Irgendwann würde ich mich damit abfinden müssen, dass die beiden wieder zusammen waren und sich daran vermutlich nichts ändern würde. Svartaner bedeuteten von Natur aus Ärger, und es gefiel mir nicht, dass meine Schwester sich mit einem von ihnen eingelassen hatte. Tja, das passte mir zwar nicht, aber ich konnte kaum etwas dagegen tun. Und er war uns eine große Hilfe, das musste ich ihm lassen.

Ich dachte einen Moment lang darüber nach und beschloss dann, eine weitere Frage zu stellen. »Was ist mit unserem anderen Problem?«

»Noch nichts gehört«, sagte Trillian.

Camille seufzte tief, und in ihren violetten Augen blitzten silbrige Flecken auf. Sie hatte Magie gewirkt, und das nicht zu knapp. »Königin Asterias Wachen können keine Spur von Wisteria finden, und offenbar ist der Elwing-Blutclan sozusagen vom Radar verschwunden. In der Umgebung ihrer üblichen Schlupfwinkel ist nichts von ihnen zu sehen, und niemand hat etwas darüber gehört, was da vor sich geht. Aber ganz sicher führen sie nichts Gutes im Schilde.« Wisteria, eine fehlgeleitete Floreade, hatte sich mit einem Degath-Kommando von Dämonen – Höllenspähern – zusammengetan und versucht, uns zu ermorden. Sie hatte eine nette kleine Überraschung erlebt, als wir sie stattdessen in den Kerkern der Elfenkönigin deponiert hatten. Bedauerlicherweise war sie entkommen. Gerüchten zufolge hatte sie sich nun mit jemandem verbündet, an den ich gar nicht denken wollte.

»Ich weiß, wozu der Elwing-Clan fähig ist.« Ich schloss einen Moment lang die Augen, um die Erinnerungen zu vertreiben, die mich fertigmachen würden, wenn ich mir erlaubte, ihnen auch nur einen Augenblick lang nachzuhängen. Während der Nacht, wenn ich wach war, konnte ich sie zumindest abschütteln. »Also«, sagte ich und begegnete ihrem Blick. »Was tun wir jetzt?«

Camille zuckte mit den Schultern. »Ich weiß nicht, was wir tun könnten. Ich denke, wir sollten das Portal bewachen, die Nachrichten im Auge behalten und inständig hoffen, dass die Elfen mit ihrer Suche endlich Erfolg haben.«

»Asteria hat uns geraten, Aladril, die Stadt der Seher, zu besuchen und dort mit einem Mann namens Jareth zu sprechen.« Ich wollte etwas unternehmen. Herumzusitzen und darauf zu warten, dass etwas passierte, machte mich furchtbar nervös. Die beste Verteidigung ist immer noch ein guter Angriff – das war meine Meinung. Man musste die Gegner überraschen, ehe sie Gelegenheit bekamen, uns zu überraschen, dann brauchte man nicht ständig zu befürchten, von hinten erstochen zu werden. Oder mit einem Pflock durchstoßen.

»Ich weiß, aber was sollen wir ihm sagen? Wie können wir Antworten von ihm erwarten, wenn wir nicht einmal wissen, was für Fragen wir ihm stellen sollen?« Camille tippte nervös mit dem Fuß auf den Boden. Ich konnte das Wackeln ihres Beins spüren.

»Ich weiß es nicht«, erwiderte ich nach einer kurzen Pause. »Aber wir müssen uns wirklich etwas einfallen lassen. Mit einem Clan abtrünniger Vampire im Rücken könnte Wisteria eine Menge Schaden anrichten, falls es ihr gelingt, wieder in die Erdwelt vorzudringen.«

»Glaubst du wirklich, dass die auf sie hören würden, statt sie einfach leer zu trinken?« Camille runzelte die Stirn und zeichnete mit der Fingerspitze eine Spirale an ihr beschlagenes Glas, von dem Kondenswasser auf den Tisch tropfte.

»Vielleicht schon. Jedenfalls lang genug, um zu erfahren, wie sie hierherkommen können. Irre halten auch zusammen, und der Elwing-Blutclan wird von Dredge geführt, dem größten Irren von allen. Haben wir ein Glück, was?« Ich blickte zur Bar hinüber, wo sich ein neuer Ansturm von Gästen drängte. »Hier ist gleich die Hölle los, ich muss wieder an die Arbeit. Wir treffen uns zu Hause. Passt bloß gut auf euch auf. Irgendetwas geht hier vor – ich kann es fühlen.«

Camille hob das Gesicht, das von der sanften Deckenbeleuchtung in einen goldenen Schimmer getaucht wurde. »Du hast recht, ich rieche es im Wind. Uns stehen böse Zeiten bevor. Ich weiß nur nicht, was genau.« Sie gab Trillian einen Wink. »Gehen wir. Delilah und Iris warten vermutlich schon mit dem Abendessen auf uns.«

Als sie sich aus der Sitznische schoben und zur Tür gingen, ließ Trillian sich ein wenig zurückfallen. »Augen auf«, sagte er zu mir. »Der Elwing-Clan wird Wisteria mit Begeisterung aufnehmen. Achte sehr genau darauf, wer durch das Portal kommt.«

Ich nickte, und er wandte sich ab. Ich mochte ihn nicht besonders, aber dumm war er nicht. Ich wandte mich wieder der Bar zu und ließ den Blick über die weiter anschwellende Menge schweifen. Binnen fünf Minuten war der Laden proppenvoll. Seit etwa einem Monat entdeckten immer mehr Erdwelt-Übernatürliche den Wayfarer, und nun kamen sie in Scharen.

Neben mehreren ganz normalen Feen aus der Anderwelt entdeckte ich zwei Lykanthropen, die an einem Tisch in der Ecke die Köpfe zusammensteckten, eine umwerfend schöne Werpuma-Frau, die ausgerechnet hier Daphne du Mauriers Rebecca las, ein halbes Dutzend Hauselfen, die in eine Art Trinkspiel vertieft waren, und ein paar VBM aus der Neue-Heiden-Szene, die Wahrsage-Unterricht bei einer der Elfen-Seherinnen nahmen, die sich in der Erdwelt niedergelassen hatte. Außerdem waren noch vier Feenmaiden da, sämtlich auf der Suche nach einem guten, harten Fick. Sie waren seit zwei Stunden hier und hatten seither ganze zwei Runden Drinks gekauft.

Ich war gerade auf den Weg dorthin, um ihnen die Meinung zu sagen, als die Tür aufflog und Chase Johnson hereinkam, mit einem hässlichen, riesigen Ketchup-Fleck auf dem Hemd. Mir lag schon ein fieser Kommentar auf den Lippen, doch plötzlich erstarrte ich, als meine Nase meldete, dass das kein Ketchup war. Chase war mit Blut beschmiert. Schwindel überkam mich, und ich zwang mich, die Augen zu schließen und bis zehn zu zählen.

Eins … zwei … Denk nicht einmal daran, ihn anzugreifen. Drei … vier … Du hast schon gegessen, ehe du zur Arbeit gegangen bist. Fünf … sechs … Chase ist Delilahs Freund, und wenn du ihm etwas tust, wird sie stinksauer sein. Sieben … acht … Schieb die Versuchung beiseite. Chase ist ein netter Kerl, das kommt gar nicht in Frage. Neun … Das Blut kommt nicht von Chase, es klebt nur an seinem Hemd und dem Anzug. Zehn … Atme tief durch, obwohl du nicht zu atmen brauchst. Stoße den Atem langsam und laut wieder aus und lass ihn die Anspannung und den Durst mitnehmen, so dass sie gereinigt werden und verfliegen.

Als das letzte bisschen Luft aus meinem Körper geströmt war, öffnete ich die Augen. Jedes Mal fiel es mir ein bisschen leichter. Mit jedem Mal fühlte ich, wie wieder ein bisschen mehr Kontrolle in mein Leben einzog. Wenn ich auf der Jagd war und nicht nach Perversen suchen konnte, sondern mich von irgendjemandem nähren musste – einem Unschuldigen, der nur zufällig gerade da war –, benutzte ich diese Technik ebenfalls. Sie hielt mich davon ab, dauerhaften Schaden anzurichten. Allerdings hatte ich es aufgegeben, meiner Psyche antrainieren zu wollen, diesen Vorgang als Ernährung statt als Genuss anzusehen. Es fühlte sich immer gut an, und daran würde sich auch nichts ändern.

»Chase, was ist los? Bist du verletzt?«

Seine Augen weiteten sich, als er meinem Blick begegnete, doch dann schüttelte er den Kopf und wies mit einem Nicken zur Tür. »Gleich gegenüber, im Kino – wir haben eine Meldung bekommen, da gäbe es irgendwelchen Ärger. Als wir hinkamen, haben wir vier Tote gefunden. Zwei Männer, zwei Frauen.«

»Was ist passiert?« Was auch immer es war, es musste übel gewesen sein. Chase war klug genug, um zu wissen, dass er nicht mit Blut beschmiert in meiner Bar auftauchen sollte. Da hier so viele Erdwelt-ÜW und Feen abhingen, galt die ungeschriebene Regel: Wenn du eine blutende Wunde hast, oder als Frau deine Tage, halt dich vom Wayfarer fern. Der Geruch von Blut war gefährlich, er konnte jederzeit irgendjemanden ausrasten lassen, denn Blut wirkte auf eine ganze Reihe von Übernatürlichen wie ein Aphrodisiakum.

Es musste also ziemlich heftig sein, wenn Chase diese Konvention brach.

»Vampire«, sagte er. »Die Opfer wurden ausgeblutet, haben aber keine offensichtlichen Schnittwunden oder andere Verletzungen. Sharah hat die Leichen untersucht, und tatsächlich – alle hatten zwei kleine Bissmale am Hals. Sie saßen im obersten Rang auf dem Balkon, ganz hinten, allein. Es hat also niemand gesehen, was passiert ist.«

Vampire? Natürlich gab es Vampire in Seattle, aber welche, die sich darauf verlegten, in einem Kino über Menschen herzufallen? Das kam mir merkwürdig vor. Die Anonymen Bluttrinker hatten hart daran gearbeitet, das Trinken von Unschuldigen zurückzudrängen.

Ich schüttelte den Kopf. »Habt ihr sie?«

Chase runzelte die Stirn. »Wir konnten keine Spur von ihnen finden. Wir dachten, du könntest uns vielleicht helfen. Die Wunden sind frisch; die Vampire sind vermutlich noch ganz in der Nähe. Wenn irgendjemand sie aufspüren kann, dann du.«

Ich stöhnte. »Ich soll für euch Buffy spielen? Nenn mir einen guten Grund, weshalb ich meinesgleichen töten sollte.«

Chase lachte heiser. »Weil du zum AND gehörst. Weil du auf der richtigen Seite stehst. Weil du weißt, dass das, was die getan haben, falsch war. Verdammt, von mir aus kannst du dich auch als Mann verkleiden und dich Angel nennen, ist mir völlig egal. Aber hilf uns.«

Toll, ganz toll. Das war also der Preis, den ich dafür bezahlen sollte, dass ich nett zum Freund meiner Schwester war. Aber wenn er mich so anstarrte und mich um Hilfe anbettelte, wie konnte ich da nein sagen? Ich band mir die Schürze ab und warf sie auf den Tresen.

»Chrysandra, ich bin bald wieder da. Übernimm die Bar für mich.« Dann folgte ich Chase, der zur Tür hinaus in die dunkle Januarnacht eilte.

 

Mein Name ist Menolly D’Artigo, und ich war einmal Akrobatin. Mit anderen Worten: Ich war verdammt gut darin, mich irgendwo reinzuschleichen und Leute auszuspionieren. Jedenfalls war ich meistens verdammt gut darin. Zufällig bin ich aber halb menschlich, von der Mutterseite, und halb Fee, von der Vaterseite. Diese genetische Mischung führt zu Problemen, und die Fähigkeiten, mit denen ein solches Halb-Mensch-halb-Fee-Kind auf die Welt kommt, werden von gewissen Unsicherheiten verzerrt. Meine Schwestern – Camille, eine Hexe, und Delilah, eine Werkatze – haben diese Lektion ebenfalls auf die harte Tour gelernt.

Während einer routinemäßigen Erkundungsmission passierte mir ein Schnitzer, dank meiner chaotischen inneren Schaltkreise und eines blöden Zufalls. Das war der letzte Fehler, den ich je gemacht habe. Der Elwing-Blutclan bekam mich zu packen, und die spielen nicht herum. Die Folter schien eine Ewigkeit zu dauern, und – nun ja, »Ewigkeit« gilt jetzt auch für mein Dasein. Nachdem Dredge mich getötet hatte, ließ er mich in der Welt der Untoten wiederauferstehen und verwandelte mich in einen Vampir, damit ich wurde wie er. Aber ich weigerte mich, den Dreckskerl gewinnen zu lassen. Niemand hat bei mir das letzte Wort, schon gar nicht ein Sadist wie Dredge.

Meine Schwestern und ich arbeiten für den Anderwelt-Nachrichtendienst, der vor ein paar Monaten abgeschafft wurde. In Y’Elestrial, unserer Heimatstadt in der Anderwelt, ist ein Bürgerkrieg ausgebrochen. Königin Lethesanar hat alle Agenten zurückbeordert und dem Militär unterstellt. Wir haben uns dafür entschieden, Erdseits zu bleiben, vor allem da sie eine Todesdrohung über uns verhängt hat – wir sollten uns also zu Hause lieber nicht blicken lassen.

Jetzt sind wir in einen Wettlauf gegen die Zeit verstrickt, oder vielmehr gegen einen mächtigen Dämonenfürsten namens Schattenschwinge. Er ist sehr groß und sehr böse und der aktuelle Herrscher über die Unterirdischen Reiche. Zusammen mit seinen Dämonenhorden will Schattenschwinge die Erde wie die Anderwelt überrennen und die Herrschaft übernehmen. Wir haben allerdings noch ein paar Verbündete zu Hause in der Anderwelt. Die Elfenkönigin Asteria hilft uns, so gut sie kann, aber das ist eben nicht viel. Meine Schwestern und ich und unsere bunt zusammengewürfelte Gruppe von Freunden sind die Einzigen, die sich Schattenschwinge in den Weg stellen. Und das ist eine beängstigende Position – bestenfalls.

 

Der Delmonico Cinema Complex war das älteste Kino im Stadtteil Belles-Faire, wo der Wayfarer liegt. Es war original erhalten, mit quietschenden Sesseln und einem Balkon aus den Fünfzigern, auf dem Pärchen sich schon immer zur Zelluloid-Ekstase geknutscht hatten – das Delmonico hatte schon bessere Zeiten gesehen. Aber für diesen Vorort von Seattle hatte es einen nostalgischen Charme, denn es stammte aus einer Zeit, als Platzanweiser tatsächlich genau das taten, als noch echte Butter aufs Popcorn kam und am Samstagnachmittag Monsterfilme gezeigt wurden.

Das Kino war leer. Die Besucher hatten nicht einmal mitbekommen, was passiert war. Ich vermutete, es waren ohnehin nicht allzu viele gewesen. Unter der Woche waren die Spätvorstellungen nicht gut besucht, außer es gab irgendeinen Kultklassiker wie Die Rocky Horror Picture Show oder Plan 9 aus dem Weltall. Eine junge Frau, der Uniform nach vermutlich die Kartenabreißerin, und zwei Snack-Verkäufer saßen auf einer Bank und warteten darauf, dass Chase’ Team sie endlich gehen ließ.

»Sie wissen nicht, warum genau wir hier sind, also sag vor ihnen am besten nichts«, ermahnte Chase mich mit gesenkter Stimme. »Je nachdem, was wir finden, erzählen wir ihnen lieber, es hätte eine Prügelei gegeben und irgendjemandem sei die Nase gebrochen worden.«

Er führte mich über die mit abgewetztem Teppich belegten Stufen nach oben, und ich folgte ihm. Zum Glück hatte ich genug Selbstbeherrschung, um meine Instinkte im Zaum zu halten. Ich verdrängte den Geruch nach frischem Blut aus meinen Gedanken und konzentrierte mich auf das, was Chase mir erzählte.

»Wir haben vor etwa einer Stunde einen anonymen Hinweis erhalten. Der Anrufer hat direkt meine Nummer gewählt, er wusste also, dass das ein Fall für das AETT ist«, sagte er.

Das Anderwelt-Erdwelt-Tatort-Team war Chase’ Baby. Er hatte die Sondereinheit aufgebaut, als der Anderwelt-Nachrichtendienst ihn in die Erdwelt-Division aufgenommen hatte. Seine Modelleinheit wurde zum Standard für alle landesweiten Divisionen, die danach eingerichtet wurden. Das Team war für alle polizeilichen Angelegenheiten und andere Notfälle zuständig, die Feen oder erdgebundene Übernatürliche betrafen.

»Du meinst, er hat direkt deine Abteilung angerufen? Deine Durchwahl ist doch nicht öffentlich, oder?« Aus irgendeinem Grund erschien mir das seltsam.

Chase schüttelte den Kopf. »Nein, aber die wäre nicht allzu schwer herauszufinden, wenn jemand sie wirklich wissen wollte. Na ja, jedenfalls war die Nummer des Anrufers unterdrückt, und er klang so, als sei er ziemlich sicher, dass das AETT gebraucht wird. Aber als wir hier ankamen, haben wir eine Weile benötigt, bis wir feststellen konnten, dass die Opfer von Vampiren angegriffen wurden. Auf den ersten Blick hätte hier gar nichts ungewöhnlich ausgesehen. Sofern man irgendeinen Mord als gewöhnlich bezeichnen kann. Derjenige, der mich angerufen hat, wusste also genau, dass diese Leute nicht von einem VBM ermordet wurden.«

Es war merkwürdig, den Begriff »VBM« aus Chase’ Mund zu hören, weil er selbst einer war, aber eigentlich war es nur logisch. Die Abkürzung war einfacher, als jedes Mal »Vollblutmensch, erdgeboren« zu sagen.

»Hat jemand die Leichen bewegt? Könnte es sein, dass jemand nachsehen wollte, ob sie noch am Leben sind, und dabei die Einstiche bemerkt hat?« Ich starrte auf die Opfer hinab. Die AND-Mediziner untersuchten sie immer noch. Na ja, das waren offizielleAND-Mediziner gewesen, bis vor ein paar Monaten – jetzt war der Anderwelt-Nachrichtendienst praktisch unser eigenes Baby, und wir trafen die Entscheidungen.

»Nein. Das glaube ich nicht. Sharah hat gesagt, sie hätten reichlich Blut gefunden, aber die Verteilung weise darauf hin, dass sie noch genau da liegen, wo sie waren, als sie gestorben sind.«

»Da wir gerade von Blut sprechen …«, sagte ich gedehnt und blickte auf die vier Leichen hinab. Bis heute Abend waren diese Leute lebendig und vermutlich recht glücklich gewesen. Ich war beileibe kein Engel, aber ich suchte mir meine Opfer unter dem Abschaum des Abschaums, was mir ein schlechtes Gewissen ersparte.

»Ja?« Chase tippte mir auf die Schulter. Er sah ein bisschen besorgt aus. »Menolly, alles klar?«

»Ja«, sagte ich und rüttelte mich aus meinen Gedanken auf. »Mir geht’s gut. Ich wollte gerade sagen, dass mir noch etwas an diesem Massaker sehr merkwürdig vorkommt. Es sollte nicht so viel Blut überall sein. Eigentlich dürften wir fast gar kein Blut finden, außer wir hätten es mit einem unglaublich schlampigen Vampir zu tun, und selbst die schmuddeligsten Blutsauger, die ich kenne, trinken normalerweise relativ sauber und ordentlich. Deshalb sind Vampirattacken über die Jahre hinweg so gut wie unbemerkt geblieben. Außer …«

Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf, dem ich lieber nicht nachgehen wollte. Es war reichlich Blut geflossen, als ich verwandelt worden war, und ich trug die Narben zum Beweis.

»Außer was?« Chase klang ungeduldig, und das konnte ich ihm nicht verdenken. Er musste sich immer noch etwas einfallen lassen, was er den Angehörigen der Opfer sagen sollte. Wir gaben an niemanden Informationen über die Dämonen heraus, und wir vermieden es ebenso, Leuten zu sagen, dass ihre Angehörigen von Vampiren oder anderen Erdwelt-Übernatürlichen ermordet worden waren. Es gab genug Irre auf der Welt, die mit Freuden die Jagd auf alles und jeden eröffnen würden, was nach ÜW roch, wenn sie erführen, dass einer von uns für einen solchen Todesfall verantwortlich war.

»Außer sie wollten diesen Menschen Leid zufügen oder eine Visitenkarte hinterlassen. Habt ihr Wunden gefunden? Irgendwelche Hinweise auf Folter …« Als ich den Kopf hob, trafen sich unsere Blicke, und ich schaute rasch wieder weg, als ich das Mitleid in Chase’ Augen sah. Ich wandte mich ab, ging hinüber zu den Leichen und suchte in ihren Gesichtern nach einem Ausdruck von Schmerz oder Wut.

Sharah war gerade mit ihren Notizen fertig geworden. Sie und ihr Assistent – ein Elf, der aussah, als sei er kaum alt genug, um sich zu rasieren – bereiteten die Leichensäcke vor, um die Toten ins Leichenschauhaus zu bringen und dort eingehender zu untersuchen. Sharahs Blick flackerte zu mir hoch, und sie nickte sacht.

»Ich weiß es noch nicht«, sagte Chase. »Oberflächlich betrachtet waren keine gröberen Verletzungen zu erkennen, aber nach der Autopsie wissen wir sicher mehr.«

Ich musterte die Gesichter der Toten, konnte ihnen aber nicht ansehen, ob sie am Ende Schmerzen gelitten hatten. Sie sahen in erster Linie überrascht aus – so als wären sie alle gleichzeitig angegriffen worden. Eine letzte Überraschung für heute Nacht. Fürs ganze Leben.

Seufzend trat ich beiseite und ließ die Mediziner ihre Arbeit tun. In den vergangenen paar Monaten hatte ich eng mit Wade Stevens zusammengearbeitet, dem Gründer der Anonymen Bluttrinker. Wir hatten es geschafft, mindestens fünfzehn Vampiren hier in der Stadt das Versprechen abzunehmen, dass sie sich möglichst nicht mehr von Unschuldigen nähren würden. Jedenfalls hatten sie einen Eid abgelegt, dabei niemanden zu töten oder schwer zu verletzen.

Wir hatten inzwischen ganz schön Zulauf und peilten schon das nächste Ziel an: alle vampirische Aktivität in Seattle unter Kontrolle zu bringen und unsere Gemeinschaft zu einer Art Untergrund-Polizeitruppe zu formen. Wer nicht kooperierte, würde die Stadt verlassen oder damit rechnen müssen, von uns vernichtet zu werden. Kurz gesagt wollten wir die Mafia der Untoten-Welt werden. Wir hofften, damit auch Anregung für ähnliche Gruppen in anderen Städten zu bieten, so lange, bis Vampire unter den Lebenden wandeln konnten, ohne Angst vor spitzen Pflöcken haben zu müssen.

»Wade muss davon erfahren«, sagte ich. »Ich rufe ihn an, mal sehen, was wir auf unserer Seite herausfinden können.«

Chase nickte. »Danke, Menolly. Ich weiß nicht, wie ich eigentlich Vampire verfolgen soll, außer mit einem Haufen Knoblauch und einem Holzpflock. Du hast ja gesagt, dass Kreuze gar nicht funktionieren …«

»Nein, tun sie nicht. Das gilt auch für Pentagramme, Ankhs oder sonstige religiöse Symbole. Alles Geschwafel, um die Landbevölkerung zu beruhigen, die in Angst vor Vampirangriffen lebte. Sonnenlicht ist natürlich eine sichere Sache. Und es gibt Zauber, mit denen man Vampire abwehren kann. Camille kennt ein paar davon, aber ich werde den Teufel tun und sie an mir üben lassen, deshalb wissen allein die Götter, ob sie die richtig hinbekommt.«

Er schnaubte. »Es ist jedes Mal ein Glücksspiel, wenn sie sich in den Kopf setzt, einen Zauber zu sprechen.«

Ich konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. »Nicht unbedingt. In offensiver Magie wird sie langsam besser, obwohl ihre defensiven Fähigkeiten und die Haushaltszauber immer noch viel zu wünschen übriglassen. Aber schreib sie nicht ab, Chase. Sie kann eine Menge Schaden anrichten, wenn sie will.«

Chase entspannte sich und lächelte mich aufrichtig an. »Ja, ich weiß. Delilah auch. Und ich weiß bereits, was du mit mir anstellen könntest. Aber ich vertraue euch Mädels. Euch allen«, fügte er hinzu.

Mir war bewusst, was er damit ausdrücken wollte, und ich nahm das Kompliment gerne an. Noch vor einem Monat war Chase zusammengezuckt, wenn ich den Raum betreten hatte, und ich hatte mir einen Spaß daraus gemacht, seine Angst vor mir zu schüren. Wir mochten einander immer noch nicht. Oder zumindest nicht besonders. Aber ich fing allmählich an, den großen, gutaussehenden Detective zu respektieren, der Delilahs Herz für sich gewonnen hatte. Sie wusste es vielleicht nicht, und ich war mir sicher, dass Chase in diesem Punkt genauso blind war wie eine Fledermaus, aber die beiden waren im Begriff, sich ernsthaft ineinander zu verlieben. Na ja, ich würde jedenfalls nicht diejenige sein, die sie darauf aufmerksam machte. Sie würden noch bald genug von allein dahinterkommen.

Lautlos ging ich zur Treppe, die zum Haupteingang des Delmonico hinabführte. »Ich melde mich bei dir, wenn ich mit Wade gesprochen habe. Bis dahin schlage ich vor, dass du dir eine gute Geschichte ausdenkst, wie diese vier ums Leben gekommen sind. Die Wahrheit darf auf keinen Fall rauskommen. Das könnte einen Aufstand geben. Ruf mich an, wenn du mehr weißt.«

»Klar«, sagte er und wandte sich wieder dem Tatort zu. »Als hätten wir nicht schon genug am Hals.«

Stumm gab ich ihm recht, während ich das Kino verließ und in meine Bar zurückkehrte. Die Nacht war ein in Frost erstarrtes Wunderland, aber ich roch nichts als Blut.

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Kapitel 2

Wieder in der Bar angekommen, stand mir eine weitere Überraschung bevor, diesmal aber eine angenehme. Iris saß am Tresen und nippte an einem Glas Granover Wein aus dem breiten Landstrich voller Weinberge um Y’Elestrial, zu Hause in der Anderwelt. Ihre Miene hellte sich auf, als ich durch die Tür trat, und sie winkte mir zu.

»Ich hatte mich schon gewundert, wohin du verschwunden bist«, sagte sie, leerte ihr Glas und streckte es mir hin. »Noch einen, bitte. Heute ist mein freier Abend, und mir war nicht danach, zu Hause herumzuhocken.«

Iris war eine Talonhaltija, ein finnischer Hausgeist, und sie wohnte bei meinen Schwestern und mir. Sie half uns, indem sie sich um das Haus kümmerte, auf Maggie aufpasste – unsere kleine Schildpatt-Gargoyle – und ab und zu einem bösen Buben ihre fünf Pfund schwere Edelstahlpfanne über den Schädel zog. Sie war so hübsch wie eine norwegische Jungfrau, aber älter als wir alle, und mindestens ebenso gefährlich. Außerdem war sie eine meiner besten Freundinnen.

»Ich bin froh, dass du da bist«, sagte ich und schenkte ihr nach. »Wir haben vielleicht ein Problem.«

Ihre Miene verfinsterte sich. »Na großartig. Was ist es diesmal? Ist ein neues Degath-Kommando in der Stadt? Oder ein Fellgänger, der seinen Bruder rächen will? Randalieren irgendwo betrunkene Trolle?«

Ich schüttelte den Kopf und beugte mich über die Bar, damit niemand sonst hören konnte, was ich zu sagen hatte. »Nichts von alledem. Ich glaube, wir haben es mit abtrünnigen Vampiren zu tun – möglicherweise Neulinge, die sich noch an dieses Dasein gewöhnen müssen und nichts von unseren Bemühungen gehört haben, schlechtes Benehmen einzudämmen.«

Iris blinzelte und nippte an ihrem Wein; ihre Augen glitzerten wie Tau an einem strahlenden Frühlingsmorgen. Ich hatte auch einmal blaue Augen gehabt, aber inzwischen waren sie frostig grau geworden, grauer mit jedem Jahr meines Daseins als Vampir. Sofern sie nicht gerade rot glühten, was normalerweise der Fall war, wenn ich Hunger hatte, auf der Jagd oder sehr mies gelaunt war.

»Keine guten Neuigkeiten«, sagte sie. »Hast du Camille und Delilah schon davon erzählt?«

»Nein. Ich mache heute früher Schluss. Ich muss sie einweihen, ehe Chase noch mehr Opfer findet. Das fällt eigentlich nicht unter unsere Zuständigkeit – na ja, jedenfalls nicht unter ihre –, aber sie sollten Bescheid wissen. Und ich rufe besser Wade an und bitte ihn, auch zu uns nach Hause zu kommen. Soll ich dich mitnehmen, wenn ich hier fertig bin?« Ich griff zum Telefon und wählte Wades Nummer.

Iris nickte. »Warum nicht.« Sie blickte sich um. »Ich hatte gehofft … ach, ist nicht so wichtig«, unterbrach sie sich, den Blick auf die Hausgeister in der Ecke geheftet, die inzwischen so betrunken waren, dass einer von ihnen mit dem Gesicht voran auf den Tisch gekippt war. Er würde morgen scheußliche Rückenschmerzen haben, denn er kniete auf der Sitzbank.

Ich starrte Iris an. »Du hattest gehofft, hier jemanden zu finden, mit dem du öfter ausgehen könntest, nicht wahr?« Ich lächelte, als sie errötend den Kopf einzog.

»Nein … ja … ich meine …«

Ich hatte Erbarmen, streckte den Arm aus und tätschelte ihre Hand. »Schon gut, das braucht dir doch nicht peinlich zu sein. Wie wäre es, wenn du hinübergehst und dich mit dieser Truppe Flegel unterhältst, während ich telefoniere? Nüchtern wären sie vielleicht gar nicht so übel, wie sie jetzt aussehen.« Als ich erneut zum Telefon griff, holte Iris tief Luft und glitt von ihrem Barhocker. Vorsichtig näherte sie sich der Gruppe Hausgeister, und ich behielt sie im Auge, damit ihr auch nichts passierte, während ich darauf wartete, dass Wade ans Telefon ging.

Wade war der erste Vampir, den ich in der Erdwelt kennengelernt hatte, und er führte die hiesige AB-Gruppe. Die Anonymen Bluttrinker waren eine Selbsthilfegruppe für Vampire, die Probleme damit hatten, sich an das Leben als Untote zu gewöhnen. Das klang zwar albern, aber es half wirklich, ein gesellschaftliches Leben zu haben, das mehr bot, als die ganze Nacht lang durch die Blutbars und Übernatürlichen-Clubs zu tingeln. Atmer hatten einfach kein Verständnis für manche der Zwickmühlen und Probleme, mit denen wir konfrontiert waren. Manchmal brauchten wir einen sicheren Ort, an dem wir unserem Kummer Luft machen konnten.

Als ich beigetreten war, hatte Wade mich gleich für sein Lieblingsprojekt angeworben: Vampiren das Töten von Unschuldigen abzugewöhnen und ihnen zu vermitteln, wie man trinken konnte, ohne zu töten. Zunächst hatte ich selbst nicht recht gewusst, was ich von dieser Idee halten sollte, doch je gründlicher ich meine eigenen Reaktionen beobachtete, desto besser gefiel sie mir. Natürlich lief eine solche Selbstbeherrschung unserer Natur zuwider – es gab gewisse Triebe, die mit unserer Lebensform, unserem Dasein, wie auch immer … gewisse Dinge, die ich noch nicht einmal Delilah oder Camille anvertraut hatte. Aber mit der nötigen Achtsamkeit und Sorgfalt konnte man diese Triebe durchaus beherrschen.

Allerdings hatte ich Wade klargemacht, dass ich meinen neuen Enthusiasmus für die Lebenden nicht auf die Irren dieser Welt übertragen würde. Wenn ein Mensch die Grenze zwischen asozialem Spinner und aktiv gemeingefährlichem Soziopathen überschritt, verlor derjenige in meinen Augen sämtliche Rechte und machte sich selbst zu Freiwild. Und nicht selten zu meinem Abendessen.

Als Wade abhob, erklärte ich ihm kurz die Situation und bat ihn, in einer Stunde bei uns zu sein. »Ich habe nur eine Bitte«, sagte ich und starrte auf den Tresen hinab. »Bitte lass deine Mutter zu Hause.«

Wade und ich waren ein paarmal miteinander ausgegangen, wenn man das so nennen wollte, aber ich hatte mich bei seinen Avancen nie ganz wohl gefühlt. Seine Mutter war der Faktor gewesen, der mich schließlich dazu gebracht hatte, unsere erblühende Romanze zu beenden. Jetzt waren wir einfach gute Freunde.

»Kein Problem. Ich habe für sie ein Date mit Graf Knarzula arrangiert«, erklärte er. Der Spitzname bezog sich auf einen Vampir der alten Schule aus unserer Gruppe, der sich meist in seinem Loft aufhielt und in seiner Sammlung muffiger alter Bücher herumkruschte.

Erleichtert legte ich auf. Irgendjemand hatte Belinda Stevens aus Rache zum Vampir gemacht, und diese fette alte Glucke würde ihren kleinen Jungen nun niemals gehen lassen müssen. Niemals, außer irgendjemand löste Wades Problem mit einem Pflock. Ich hatte schon mehr als einmal daran gedacht, aber es geschafft, mich zu beherrschen. Dennoch, früher oder später würde irgendjemand irgendwo endgültig mehr als genug von der Frau haben und sie zu Staub zerblasen.

Als ich auflegte, bemerkte ich, dass Iris schon einen Kerl an Land gezogen hatte. Der Hausgeist, der sie gerade zur Bar geleitete, war annähernd nüchtern. Auf den zweiten Blick war er außerdem richtig süß, mit schwarzen Locken, die ihm bis auf die Schultern fielen, einem Glitzern in den Augen, das einen davor warnte, dass er es faustdick hinter den Ohren hatte, und Oberarmen, die sogar in der trüben Beleuchtung der Bar schimmerten. Wenn man sich die Fahne wegdachte und den Senffleck auf seinem Muskelshirt, wäre er gar nicht so übel.

Iris blickte zu mir auf und deutete auf die Uhr. »Ich muss los, Bruce«, sagte sie zu ihm. »Ich rufe dich morgen an.«

Er nickte begierig. »Sehr gut. Aber nicht vor Mittag. Ehe ich morgens meinen Tee getrunken habe, bringe ich nur einsilbige Wörter heraus.« Er sprach mit einem etwas abgehackten britischen Akzent. Vermutlich hatte er einige Zeit in der High Society verbracht, auch wenn er jetzt mit den Kumpels einen heben ging. Er winkte uns nach, als wir zur Tür gingen.

Die Nacht war untypisch für Januar – viel kälter als gewöhnlich, und der böige Wind frischte weiter auf. Uns stand ein mächtiges Unwetter bevor. Camille hatte die Wettervorhersage auf magischem Wege bestätigt. Die Windelementare arbeiteten sich aus der Arktis zu uns herab und brachten einen Schneesturm mit, der morgen Abend über diese Gegend hereinbrechen würde. Camille und Delilah hatten den ganzen Tag damit verbracht, alles festzuzurren, zu vernageln oder wegzuräumen. Morio hatte ihnen geholfen, und Chase ebenfalls. Ich hatte die ganze Arbeit verschlafen, aber als ich nach Sonnenuntergang aus meinem Keller heraufgekommen war, hatte ich sofort bemerkt, dass die Sturmfenster eingesetzt und die vielen Kleinigkeiten, die sich über die Feiertage auf der Veranda angesammelt hatten, weggeräumt waren.

Iris und ich marschierten flott los. Sie zog den Reißverschluss ihrer Jacke hoch und schob die Hände in die Taschen. Mir war nicht kalt – ich würde nie wieder frieren –, aber es war offensichtlich, dass der pfeifende Wind die Kälte verschärfte. Auf dem Weg zu meinem Auto, das in einem rund um die Uhr geöffneten Parkhaus drei Querstraßen westlich des Wayfarer stand, schwatzte sie vor sich hin.

»Dieser Winter war so seltsam«, sagte sie gerade. »Als Camille das erste Mal erwähnt hat, dass sie das Wetter unnatürlich findet, dachte ich, sie bildet sich das nur ein, aber inzwischen glaube ich, dass sie recht hat. Ich kann es auch spüren – irgendetwas liegt in der Luft. Uns steht ein weiterer Schneesturm bevor. Wir hatten nie mehr als ein oder zwei solche Stürme in einem Winter, aber dieses Jahr schneit es schon seit einem Monat immer wieder.«

Ich nickte und wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Ich war weder eine Wettermagierin noch Meteorologin. Aber wann immer ich innehielt, um die Energie der Stadt zu erspüren, merkte auch ich, dass irgendetwas nicht ganz passte.

Iris wechselte das Thema. »Ich glaube, Maggie wird bald ihre ersten Schritte tun.«

Ich strahlte, und meine Brust glühte vor Stolz. Ich hatte mit ihr gearbeitet und versucht, ihr zu zeigen, wie sie ihr Gewicht ausbalancieren und stehen konnte. »Ich hoffe nur, dass ich wach bin, wenn es so weit ist, damit ich es sehen kann. Wie kommst du darauf, dass es bald sein könnte?«

»Sie hat den Couchtisch dazu benutzt, sich aufzurichten und abzustützen. Der Schwanz macht ihr noch die größten Probleme – und die Flügel. Ich glaube, sie hat noch nicht ganz begriffen, dass sie sich ein bisschen nach vorn lehnen muss, um das Gewicht auszugleichen. Sie hat es einmal versucht, aber da hat sie sich so weit nach vorn gebeugt, dass sie umgefallen ist.« Iris kicherte. »Ich musste mir das Lachen verkneifen. Ihre Gefühle wechseln sehr schnell, ich habe schon erlebt, dass sie in einem Augenblick gelächelt und im nächs-ten geweint hat, weil ich ihr nur einen säuerlichen Blick zugeworfen habe.«

»Das ist mir auch aufgefallen«, sagte ich. Hmm, das Gewicht von Flügeln und Schwanz war es also. Daran hatte ich nicht gedacht. »Ich werde mit ihr daran arbeiten.«

»Schön, aber sei vorsichtig – sie ist in letzter Zeit sehr empfindlich.«

»Das habe ich gemerkt.« Maggie hatte ein sehr feines Gespür für die Stimmungen und das Verhalten anderer, und ich achtete darauf, sie nicht zu sehr zu necken. »Bald hat sie den Dreh raus, und dann wird es lustig. Wir werden das Haus … na ja … Gargoyle-sicher machen müssen. Sie ist noch zu klein, um alle möglichen Gefahren zu verstehen, und wir wollen ja nicht, dass ihr irgendwelche Unfälle passieren.«

Iris nickte energisch. »Allerdings. Denk nur mal daran, was passiert ist, als Delilah sich auf den Julbaum gestürzt hat. Wenn das Maggie gewesen wäre – sie hätte tot sein können. Ich gehe bald einkaufen und besorge alle möglichen Kindersicherungen. Die müssten auch bei kleinen Gargoyles funktionieren.«

Wir waren noch einen Block vom Parkhaus entfernt und überquerten eine schmale Gasse. Ein Geräusch erregte meine Aufmerksamkeit, und ich erstarrte und bedeutete Iris, still zu sein. Gedämpfte Schreie trieben aus der Gasse zu mir, vermengt mit rauhem Gelächter. Zwischen den zwei hohen Backsteingebäuden, die über der Wilshire Avenue aufragten, ging irgendetwas vor sich, und was immer das auch sein mochte, es war nicht gut. Die Geräusche wurden durch den Regen gedämpft, der aufs Pflaster hämmerte, aber ich hörte trotzdem ganz deutlich eine helle Frauenstimme, die schrie: »Nein, bitte nicht!«

Ich warf Iris einen Blick zu, und sie nickte knapp. Wir drückten uns an die feuchte Backsteinmauer und rückten langsam in die finstere Gasse vor. Es war so dunkel hier, dass wir mit dem Schatten des Gebäudes verschmolzen. Ich verursachte überhaupt keine Geräusche, außer ich schüttelte heftig den Kopf – dann klapperten die Perlen, die in mein Haar eingeflochten waren. Iris war beinahe ebenso leise wie ich, und wir schlichen weiter, bis wir tief genug in die Gasse vorgedrungen waren, um zu sehen, was da los war.

Im trüben Lichtschein, der aus einem Apartment in einem der oberen Stockwerke fiel, konnten wir zwei Männer und ein Mädchen sehen, offenbar noch ein Teenager. Einer der Männer hatte der jungen Frau einen Arm um die Taille geschlungen und versuchte, ihr mit der Hand den Mund zuzuhalten. Der andere hatte ihr die Bluse aufgerissen, und blasse junge Brüste schimmerten in der dunklen Nacht. Er befingerte ihre Brustwarzen, und ich erstarrte.

Iris sog scharf den Atem ein. Ich berührte sie am Arm und bedeutete ihr, zu bleiben, wo sie war. Lautlos wie ein Dolch glitt ich durch die Schatten bis auf zwei Meter an sie heran, machte dann einen großen Satz und landete direkt neben dem Mann, der das Mädchen gepackt hielt. Meine Reißzähne fuhren aus, und Adrenalin rauschte durch meinen Körper.

Der Mann war groß und blass und trug einen kurzen Trenchcoat über einer hellbraunen Hose. Er hatte einen Panama-Hut auf, dessen Krempe tief über ein Auge gezogen war. Sein Kumpel war in Jeans und einem dicken Pulli unterwegs.

»Habt wohl nicht damit gerechnet, dass ihr hier Gesellschaft bekommen könntet, was, Jungs?«, sagte ich und packte den geschniegelten Hutträger am Mantelkragen. Er ließ das Mädchen los, und ich schubste die Kleine sacht aus dem Weg.

»Was zum Teufel …«, begann er, doch ich hob ihn hoch und knallte ihn mit einer Hand rücklings gegen die Mauer. Sein Kumpel wollte davonlaufen, aber Iris murmelte etwas, und grelles Licht blitzte direkt vor ihm auf.

»Scheiße, ich kann nichts mehr sehen, Mann!«, rief er und taumelte an mir vorbei. Ich stellte den linken Fuß aus, schob die Stiefelspitze um seinen Knöchel und riss das Bein zurück. Ihm zog es die Füße unter dem Körper weg, und er prallte hart aufs Pflaster.

»Was zum …«, begann er, doch dann stürzte sich Iris auf ihn. Ich war nicht ganz sicher, was sie getan hatte, jedenfalls blieb er bewusstlos liegen. Sie eilte zu dem Mädchen hinüber, das sich an die gegenüberliegende Hauswand drückte und seine zerrissene Bluse über den nackten Brüsten festklammerte.

Ich wandte mich meinem Gefangenen zu und schlug ihm den Hut vom Kopf, damit ich sein Gesicht sehen konnte. Er wehrte sich, aber er hatte keine Chance, mir zu entkommen. Ein Ausdruck des Entsetzens breitete sich über sein Gesicht, als er erkannte, dass er machtlos war, fest im Griff gehalten von einer kaum einen Meter sechzig großen Frau mit glühend roten Augen.

»Wie heißt du, Saftsack?«

Er versuchte sich loszureißen, und ich drückte ihn noch fester an die Wand. »Ich habe dich nach deinem Namen gefragt, Junge!«

»Okay, okay! Robert. Ich heiße Robert. Herrgott, was hast du dir denn reingezogen?« Er wand sich, aber ein wenig Druck auf seine Luftröhre ließ ihn erstarren.

»Nur damit du’s kapierst. Meine Angelegenheiten gehen dich überhaupt nichts an. Alles, was jetzt interessiert, ist, was du mit diesem Mädchen gemacht hast. Sag schon, du Freak, was hattet ihr mit ihr vor? Und behaupte jetzt nicht, dass ihr der Kleinen die Stadt zeigen wolltet. Ich habe keinerlei Geduld mit Idioten.« Aus den Augenwinkeln sah ich nach Iris. Sie tröstete das Mädchen.

Er schnappte würgend nach Luft und sagte: »Geht dich nichts an, Miststück.«

»Zehn, neun, acht …« Ich drückte erneut zu, achtete aber darauf, ihm die Luftröhre nicht zu zerquetschen. »Weißt du, es ist ziemlich kalt hier draußen, und ich habe einen üblen Tag hinter mir. Vielleicht solltest du etwas schneller reden.«

»Herrgott, lass los! Lass mich los!« Er schien endlich zu kapieren, dass ich sämtliche Karten in der Hand hielt, denn er sank an der Mauer zusammen. »Okay, okay! Wir wollten sie auf eine Party mitnehmen.«

Der Junge färbte sich allmählich blau. Ich lockerte meinen Griff um seinen Hals ein wenig.

»Sie wollten mich vergewaltigen«, warf das Mädchen schniefend ein. Die Kleine trat aus dem Schatten, und ich konnte sehen, dass sie hautenge Jeans, eine Bluse und eine Lederjacke trug. Die Arme sah müde und durchgefroren aus. »Sie haben gesagt, sie würden mich auf eine Party mitnehmen, wo ich etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen kriege, aber stattdessen haben sie mich hierhergebracht …«

»Wo hast du sie getroffen?«, fragte ich sie, dann gab ich Iris einen Wink. »Würdest du den Kerl durchsuchen?«

»Am … am Busbahnhof«, flüsterte das Mädchen. »Ich bin gerade erst hier angekommen. Ich hab nichts, wo ich schlafen kann. Ich wollte mir einen Platz am Bahnhof suchen, wo ich mich verstecken und ein bisschen schlafen kann, als diese Kerle mich gefunden haben. Sie hatten ein Mädchen dabei, und sie haben mich gefragt, ob ich mitkommen will zu einer Party. Sie haben gesagt, da würde ich was zu essen bekommen und einen Platz zum Schlafen. Als wir dann draußen vor dem Bahnhof waren, ist das Mädchen verschwunden, und die da … die haben mich hierhergebracht.«

Eine alte Geschichte, sogar zu Hause in der Anderwelt. Ich zeigte auf eine Stufe vor einem Laden im Erdgeschoss des Whitmore Buildings und sagte: »Setz dich einen Moment hierhin. Jetzt kann dir nichts mehr passieren.«

Iris hatte Robert abgetastet und hielt einen hässlich aussehenden Revolver hoch. Ich wusste, dass Eisen ihr nichts ausmachte, aber mir würde es die Hände verbrennen. Nicht alle Feen hatten ein Problem mit diesem Metall, aber einige von uns – sogar ein Halbblut wie ich – konnten das Zeug nicht ertragen, vor allem Gusseisen. Ich ließ los und sah zu, wie Robert zu Boden sackte.

»Rühr dich nicht von der Stelle, oder du bist tot«, sagte ich und nahm Iris die Waffe ab. Meine Hand versprühte Funken, als ich das Metall berührte, aber die Tatsache, dass ich ein Vampir war, kam mir in diesem Fall zu Hilfe. Ich konnte den Schmerz nicht spüren, als das Eisen meine Haut verbrannte. Und seit meiner Verwandlung heilten die meisten Wunden binnen Minuten, höchstens Stunden. Ein Jammer, dass die Wunden, die Dredge mir zugefügt hatte, nicht verheilt waren, bevor ich gestorben war, aber er hatte mich zu bald danach getötet.

Ich richtete den Revolver auf Robert und sagte: »Hübsch, hm? Du spielst gern mit Waffen herum, was?«

Seine Augen weiteten sich, und ich lächelte ihm entspannt zu. O ja, das hier könnte ein richtig lustiges Spielchen werden. Er krabbelte von mir weg, den Rücken an die Mauer gedrückt. »Nicht schießen, bitte tu mir nichts! Es tut mir ja leid. Lass uns einfach gehen, und –«

»Halt’s Maul und bleib still sitzen.« Ich klappte die Trommel heraus und ließ die Kugeln in meine Hand fallen. Dann schloss ich die andere Hand um den langen Lauf der Waffe und hielt sie hoch, so dass Robert sie schön deutlich sehen konnte. Langsam bog ich den Lauf zu einem U. »So, schon viel besser. Jetzt kann dieses Ding wieder tun, was Eisen am besten tut – rosten.«

Robert schlotterte, als ich ihm die Kugeln hinhielt und sie dann in einer Hand zu Schlacke zerquetschte. Ich warf sie in den Gully, neben dem er kauerte. Die Waffe folgte nach, indem ich zwei Stege des Rosts weit genug auseinanderbog, um die Waffe hindurchzuschieben. Dann bog ich sie wieder gerade.

Ich beugte mich über ihn. »Du solltest nicht mit Sachen spielen, die Bumm machen«, sagte ich und strich ihm mit einem Finger über die Wange, wobei ich mit dem Fingernagel ganz leicht seine Haut aufritzte. »Du könntest jemanden verletzen. Du könntest damit sogar jemanden töten.«

Das Grauen in seinen Augen passte zum Geruch von Angst, den seine Haut verströmte, und ich schnappte unwillkürlich nach Luft, als eine Woge von Begehren durch meinen Körper raste.

»Sag schon, Robert, was hattet ihr mit der Kleinen vor? Was für eine Party wolltet ihr genau mit ihr feiern?« Als ich seinen hämmernden Herzschlag spürte, erwachte der Hunger in mir. Wie eine Schlange hob er den Kopf aus dem tiefen, dunklen Grund der Blutlust, die ein Teil von mir war, seit Dredge sein Handgelenk auf meinen Mund gepresst und ich meinen letzten Atemzug getan hatte.

Ich zerrte Robert auf die Füße und schleuderte ihn gegen die Wand. »Und denk nicht mal daran, mich zu belügen. Ich würde es merken. Wenn dir ein einziges falsches Wort über die Lippen kommt, heißt es gute Nacht, Freundchen.« Na gut, das war ein bisschen übertrieben – ich war eigentlich gar kein magischer Lügendetektor –, aber das konnte er ja nicht wissen. Er war jetzt schon so nervös, dass er sich fast in die Hose pisste. Seine Pheromone hüpften wie Popcorn im Topf.

Er räusperte sich. »Also gut, also gut! Du weißt doch, was wir mit ihr machen wollten –«

»Nein. Ich will, dass du es sagst. Ich will, dass du es zugibst.«

»Na gut, Miststück«, fauchte er. »Du willst es wissen? Willst du vielleicht zuschauen? Wir wollten ihr das Gehirn rausficken und sie dann anschaffen lassen.«

»Du bist ein mieser kleiner Zuhälter, nicht?« Ich hatte nichts gegen Nutten, aber Zuhälter hasste ich inbrünstig. Die waren nichts weiter als Ausbeuter. »Ihr wolltet sie also vergewaltigen und sie dann auf der Straße verkaufen. Und damit wäre für sie jede Hoffnung begraben gewesen, ein normales Leben zu führen.«

»Er ist außerdem ein Drogendealer«, bemerkte Iris und hielt ein Tütchen voll Tabletten hoch, die halb schwarz und halb weiß gefärbt waren. »Z-fen. Die neueste Droge in der Stadt. Beliebt bei Ravern, Date-Rape-Gurus und Sexsüchtigen. Wirkt stark enthemmend und verursacht Gedächtnislücken. Viel gefährlicher als Ecstasy. Macht stark abhängig, und die Wahrscheinlichkeit von Überdosen ist enorm.«

Ich verengte die Augen. »Warum um alles in der Welt weißt du so viel darüber?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Kam vor einer Weile in einer dieser Talkshows, die mitten in der Nacht laufen. Offenbar kann man das Zeug einfach kauen, es schmeckt nach Pfefferminz. Macht es den Dealern noch leichter, Jugendliche in die Sucht zu treiben.«

Ich stieß ein heiseres Lachen aus. »Robert, Robert … Was soll ich nur mit dir und deinem Freund hier anstellen? Ich wette, ihr habt eine Masche daraus gemacht, Teenagern, die von zu Hause weggelaufen sind, euren Schutz anzubieten, oder? Ihr bringt eure Opfer dazu, euch zu einer eurer Partys zu begleiten, setzt sie unter Drogen und überlasst sie dann euren Kumpels als Spielzeug.«

Sein Blick sagte mir alles, was ich wissen musste.

»Die Kinder wehren sich nicht, weil sie high sind«, fuhr ich fort. »Dann braucht ihr sie nur noch auf den Strich zu schicken, euch zurückzulehnen, ihnen das Geld abzunehmen und ihnen genug Drogen zu liefern, damit sie süchtig bleiben. Sie arbeiten hübsch weiter. Wenn sie versuchen, euch wegzulaufen, verprügelt ihr sie. Und wenn ihr scharf seid, benutzt ihr sie.« Ich hatte seinesgleichen schon allzu oft gesehen, wenn ich nachts auf der Suche nach einer Mahlzeit durch die Straßen streifte. Die schmierige Rückseite einer schönen Stadt.

Er kniff die Augen zu, und sein Adamsapfel hüpfte, als er gegen seine Angst anschluckte. »Was machst du jetzt mit mir? Bist du ’n Cop?«

Ich warf Iris einen Blick zu, die frierend und mit verschränkten Armen an der Hauswand lehnte. Sie zuckte mit den Schultern. »Was immer du willst«, sagte sie. »Wir müssen bald nach Hause, aber …«

Als ich mich wieder Robert zuwandte, überlegte ich, was ich mit ihm anstellen sollte. Ich vermutete, dass er mit diesem Revolver schon eine Menge mehr getan hatte, als Leute bloß zu bedrohen. »Wie viele Kids hast du auf der Straße laufen? Wie viele Leute hast du schon erschossen?«

Robert wurde kalkweiß. »Herrgott, nimm mich doch einfach fest oder so.«

Plötzlich hatte ich von all dem Schmutz und Elend nur noch die Nase voll. Ich stieß ihn wieder an die Hauswand. »Na los, wie viele Kinder gehen für dich anschaffen?«

Er rieb sich die Kehle und sackte zusammen wie ein angestochener Luftballon. »Vier Jungen und fünfzehn Mädels. Was willst du sonst noch wissen? Und wenn du kein Cop bist, was zum Teufel machst du dann hier? Die Superheldin spielen?«

Sein selbstgerechter Tonfall ging mir auf die Nerven. Ich gab Iris einen Wink. »Gib mir die Pillen, dann bring das Mädchen vor zur Straße. Wartet dort auf mich.« Als die beiden weg waren, wandte ich mich wieder meinem neuen Kumpel zu. »Superheldin? Ich sehe mich lieber als Werkzeug der Gerechtigkeit«, sagte ich und öffnete das Tütchen.

Sein Blick schoss nervös zum Ausgang der Gasse, doch ich hielt den Zeigefinger hoch. »Sieh mich an«, sagte ich und ließ den Glamour hervorblitzen, den ich normalerweise bedeckt hielt. Mit meinem Anteil Feenblut und der speziellen Anziehungskraft der Vampire konnte ich so gut wie jeden in meinen Bann ziehen. Und sie gehorchten mir immer, ob sie wollten oder nicht. Auch Robert konnte nicht widerstehen, gab den Kampf auf und sah mir in die Augen.

»Psst«, flüsterte ich, und er verstummte. Während ich nach irgendwelchen Anzeichen von Reue suchte, flackerte seine Energie spürbar um ihn auf. Wie Ranken einer widerlichen, kranken Pflanze krochen sie aus seinem Körper hervor und suchten nach Frischfleisch.

»Weißt du«, sagte ich leise, »ich bin ein Vampir.« Ich öffnete den Mund, um ihm meine Reißzähne zu zeigen, und er versuchte zurückzuweichen, doch mein Bann erlaubte ihm nicht, sich zu rühren. »Und die Sache ist die«, fuhr ich fort, »du bist auch ein Vampir. Du ernährst dich nicht von Blut, und trotzdem saugst du Jungen und Mädchen das Leben aus und lebst von ihren Körpern, indem du sie an andere verkaufst. Ist es nicht so?«

Er nickte – braver Junge.

»Ja, so ist es recht, es ist immer besser, die Wahrheit zu sagen. Aber, weißt du, es gibt da einen bedeutenden Unterschied zwischen uns. Im Gegensatz zu mir bist du ganz leicht zu töten.«

Robert begann zu zittern und erschauerte dann, als die Lust dick zwischen uns aufstieg, aber ich wollte nicht, dass er das hier genoss. Ich konnte diese Erfahrung für mein Opfer unglaublich sinnlich und genussvoll machen oder außerordentlich schmerzhaft. Für Robert würde es keinen süßen Kuss des Todes geben.

Ich war nicht durstig, aber der hier hatte zum letzten Mal die Straßen unsicher gemacht. Er sollte erfahren, was Angst war, wie es sich anfühlte, ein Opfer zu sein, ehe ich ihn mit einem Tritt aus dem Kreislauf des Lebens beförderte. Wenn ich ihn der Polizei überließe, würde er in null Komma nichts wieder frei sein, weil niemand aus seinem Stall wagen würde, gegen ihn auszusagen. Robert versuchte zu kämpfen, aber ich drückte ihn wieder an die Wand.

»Halt still«, flüsterte ich, und er erstarrte. Ein Schweißtropfen löste sich von seiner Braue und landete auf meiner Stirn, doch ich ignorierte es und drückte die Lippen an seinen Hals. Langsam leckte ich an seiner Haut. Er erschauerte, und ich konnte seine Erektion an mir spüren, doch dann verflog seine Erregung, als ich die Zähne in seinen Hals grub und das hervorschießende Blut zu trinken begann.