Science Fiction und Fantasy Leseprobenbuch - Carina Zacharias - kostenlos E-Book

Science Fiction und Fantasy Leseprobenbuch E-Book

Carina Zacharias

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Beschreibung

Neue Science Fiction und Fantasy bei Bastei Lübbe und beBEYOND! Jetzt kostenlos reinlesen - im Leseproben-eBook von Bastei Entertainment. Viel Spaß beim Stöbern! Inhaltsverzeichnis: Sinclair Academy Carina Zacharias: Emba J.S. Frank: Smash 99 Andreas Eschbach und Verena Themsen: Perry Rhodan - Die falsche Welt Margaret Fortune: New Sol Katharina Seck: Die silberne Königin Kai Meyer: Die Sturmkönige Wolfgang Hohlbein: Die Töchter des Drachen / Der Thron der Libelle P.E. Jones: Space Troopers A.P. Sterling: Die Bruderschaft der schwarzen Maske Claire North: Das Spielhaus B.C. Dornbusch: Der Ruf der Rache Peter F. Hamilton: Der unsichtbare Killer Larry Correia: Monster sehen und sterben Larry Niven: Ringwelt / Ringwelt Ingenieure Mintie Das: Storm Sisters - Die versunkene Welt David Weber/Timothy Zahn/Thomas Pope: Der Aufstieg Manticores - Ruf zu den Waffen Maja Winter: Träume aus Feuer Paul Tassi: Earthborn - Die brennende Welt Micheal R. Fletcher: Chroniken des Wahns - Blutwerk Kelly McCullough: Der Schwur der Klinge Robert Jackson Bennett: Die Stadt der tausend Treppen P.J. Brackston: Magier-Mord David Weber: Nimue Alban - Der vergessene Orden

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 608

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Editorial

Sinclair Academy

Carina Zacharias: Emba

J.S. Frank: Smash99

Andreas Eschbach und Verena Themsen: Perry Rhodan – Die falsche Welt

Margaret Fortune: New Sol

Katharina Seck: Die silberne Königin

Kai Meyer: Die Sturmkönige

Wolfgang Hohlbein: Die Töchter des Drachen / Der Thron der Libelle

P.E. Jones: Space Troopers

A.P. Sterling: Die Bruderschaft der schwarzen Maske

Claire North: Das Spielhaus

B.C. Dornbusch: Der Ruf der Rache

Peter F. Hamilton: Der unsichtbare Killer

Larry Correia: Monster sehen und sterben

Larry Niven: Ringwelt / Ringwelt Ingenieure

Mintie Das: Storm Sisters – Die versunkene Welt

David Weber/Timothy Zahn/Thomas Pope: Der Aufstieg Manticores – Ruf zu den Waffen

Maja Winter: Träume aus Feuer

Paul Tassi: Earthborn – Die brennende Welt

Micheal R. Fletcher: Chroniken des Wahns – Blutwerk

Kelly McCullough: Der Schwur der Klinge

Robert Jackson Bennett: Die Stadt der tausend Treppen

P.J. Brackston: Magier-Mord

David Weber: Nimue Alban – Der vergessene Orden

SCIENCE FICTIONUNDFANTASYLESEPROBENBUCH

Herbst 2016

BASTEI ENTERTAINMENT

Hinweis:Bitte beachten Sie, dass die Textauszüge teils noch nicht in der vollständig korrigierten Endfassung vorliegen.

Digitales Leseprobenbuch

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Alle Rechte vorbehalten

Projektmanagement: Lukas Weidenbach

Covergestaltung und -motiv: © Arndt Drechsler, Regensburg

eBook-Erstellung: Urban SatzKonzept, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-3355-8

45 Jahre Science Fiction & Fantasy bei Bastei Lübbe

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

Fantasie ist wichtiger als Wissen, hat Albert Einstein gesagt. Sie ist eines der wichtigsten Elemente jeder Literaturgattung, aber selten so ausgeprägt wie in der Fantasy und der Science Fiction.

Insofern stehen die Genres in einer langen literarischen Tradition, zu der Autoren wie E.T.A. Hoffmann, Sir Walter Scott, Robert Louis Stevenson und Edgar Allen Poe ebenso gehören wie Jules Verne, George Orwell und Aldous Huxley – Autoren, die wir längst zu den Klassikern zählen!

Auch der Bastei Lübbe Verlag gehört in gewissem Sinne zu den »Klassikern« der Fantasy und Science Fiction. Seit 1971 veröffentlicht der Verlag als einziger großer deutscher Publikumsverlag ohne eine einzige Unterbrechung Jahr für Jahr hervorragende Science-Fiction- und Fantasy-Romane.

Zahlreiche Namen reihen sich in die Liste der Autoren, von Isaac Asimov und Marion Zimmer Bradley über Peter F. Hamilton, David Weber und Neil Gaiman bis hin zu Wolfgang Hohlbein, Kai Meyer und Andreas Eschbach.

Die Pflege des Genres hat uns stets große Freude gemacht, und sie war uns wichtig. Denn die Leser, für die wir es tun, sind uns wichtig. Sie gehören zu den treusten aller Leser, und sie sind Vielleser, richtige Büchernarren. Und nicht zu vergessen: Es sind viele, wie die riesigen Erfolge von J.R.R. Tolkiens »Herr der Ringe«, George R. Martins »Game of Thrones« oder die Star-Wars-Saga beweisen.

Es gibt also viele gute Gründe, sich für Science Fiction und Fantasy einzusetzen. Nicht zuletzt ist die Fantasie eine Grundvoraussetzung für die Empathie – also das Vermögen, Mitgefühl mit anderen zu empfinden. Heute vielleicht noch wichtiger als vor 45 Jahren. Oder wie Andreas Eschbach es einmal gesagt hat: »Wir werden alle Fantasie brauchen, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern. Und gäbe es einen Fantasiemuskel in unserem Gehirn, Science Fiction wäre die Literatur, ihn zu trainieren.«

Im Folgenden finden Sie eine Auswahl an Leseproben aus unserem Herbstprogramm – spannende Textproben unter anderem aus den STURMKÖNIGEN von Bestsellerautor Kai Meyer, aus der SILBERNEN KÖNIGIN von Katharina Seck und aus TRÄUME AUS FEUER von Maja Winter, zwei vielversprechenden neuen deutschen Autorinnen unseres Programms; aus DER RUF DER RACHE der amerikanischen Schriftstellerin B.C. Dornbusch, die gekonnt persönliche Konflikte mit politischen Interessen zu einer komplexen Geschichte verwebt, und aus den CHRONIKEN DES WAHNS – eines der außergewöhnlichsten Fantasy-Debüts des Jahres.

Andreas Eschbach und Verena Themsen entführen Sie in das Universum von Perry Rhodan. Mit Paul Tassis DIE BRENNENDE WELT starten wir eine actiongeladene SF-Trilogie, und mit NEW SOL von Margaret Fortune bieten wir den Auftakt zu einer mitreißenden neuen Serie, spannend wie ein Thriller, über eine starke Heldin, deren absolutes Ziel es ist, eine Raumstation in die Luft zu jagen – als lebende Bombe.

Neben diesen und weiteren Leseproben aus unserem Print-Programm finden Sie auch Auszüge aus dem digitalen Programm: Für Fans fremder Welten, fantastischer Reisen und futuristischer Geschichten haben wir die Marke beBEYOND unter unserem neuen digitalen Label be gegründet. Eines unserer Highlights ist die SINCLAIR ACADEMY: Vier junge Rekruten treten in dieser neuen eBook-Serie die Nachfolge des erfolgreichsten Geisterjägers aller Zeiten an – John Sinclair. Von der erfolgreichen Military-Science-Fiction-Serie SPACE TROOPERS erscheint bereits die dritte Staffel. Falls Sie Johns Kampf gegen die Aliens noch nicht kennen, können Sie hier lesen, wie alles begann. Und für alle, die es etwas härter mögen, erzählt J.S. Frank in SMASH99 von einer Gesellschaft am Rande des Zusammenbruchs: Ein Toxin verwandelt Menschen in blutrünstige Bestien – doch diese sogenannten Smasher sind nicht das größte Problem.

Und das ist immer noch nicht alles – wir laden Sie herzlich zum Stöbern ein! Jeder Titel aus unserem Herbstprogramm wird kurz vorgestellt, bevor die Leseprobe folgt. Bei einigen eingeführten Serien und Romanen haben wir in diesem eBook allerdings auf eine Leseprobe verzichtet.

Viel Spaß beim Lesen wünscht dasBastei Lübbe SF- und Fantasy-Team

Sinclair Academy

Neue Geisterjäger unterwegs!

Die Urban-Fantasy-Serie führt die Abenteuer der Kult-Serie »Geisterjäger John Sinclair« in die nächste Generation fort

Erscheint monatlich als eBook und inszeniertes Hörbuch

Wer an der SINCLAIR ACADEMY aufgenommen wird, hat bereits schmerzhafte Erfahrungen mit dem Übernatürlichen gemacht. Jack und seine Mitstreiter Staysy, Hassan und Sachiko müssen sich im Kampf gegen Geister und Dämonen als Team bewähren und die Menschheit vor dem Grauen beschützen, das im Dunkeln lauert. Denn: Das Böse ist überall.

Alle Titel auch als inszeniertes Hörbuch zum Download und auf CD

Carson Hammer

Sinclair Academy 1. Belphegor – Fluch des Dämons

eBook

ISBN: 978-3-7325-1873-9

Erscheinungstermin: 10.06.2016

Kostenlos

Weitere Titel der Serie erscheinen monatlich zum Preis von € 2,99.

Jetzt umblättern zum Reinlesen!

LESEPROBE

Sinclair Academy 1

Belphegor – Fluch des Dämons

von Carson Hammer

Prolog

»Acht Tage noch, Archer.« Lieutenant Browne hob beide Hände und zeigte die Zahl mit den Fingern. »Acht Tage, dann sind wir hier raus.«

Jack schaute kurz zu seinem Vorgesetzten auf dem Beifahrersitz, ehe er sich wieder ganz auf die Straße konzentrierte sofern man diese Wüstenpiste im Herzen Afghanistans überhaupt Straße nennen durfte. Eine Geröllpiste war es! Jack prügelte den Land-Rover-Transporter über Kies, Steinbrocken und Schlaglöcher und spürte schmerzhaft, dass Federung und Stoßdämpfer den Kampf gegen die widrigen Verhältnisse längst aufgegeben hatten.

Jack sah in den Rückspiegel: Im Laderaum mussten sich die Privates Doyle und Reid an der Gittertür zur Fahrerkabine festhalten, um nicht von den Mannschaftsbänken zu rutschen.

»Der Ritt hier erinnert mich echt an meine Lady zu Hause«, verkündete Reid grinsend. »Die geht unter mir genauso ab.«

Das leichte Maschinengewehr, das er in den Händen hielt, wippte auf und ab, als er laut über seinen eigenen Witz lachte. Private Doyle, der Reid gegenübersaß, fiel in das Gelächter ein.

Plötzlich sah Jack aus dem Augenwinkel etwas am Straßenrand – einen kleinen kofferartigen Gegenstand, kaum größer als ein Geigenkasten.

»IED! Festhalten!«, brüllte Jack und riss das Steuer nach links.

Unter den Männern waren sie gefürchtet, diese Improvised Explosive Devices, heimtückische Mörder, die schon so viele von Jacks Kameraden das Leben gekostet hatten. Dieses Land war voller Sprengfallen, es schien das gottverdammte Mutterland aller Sprengfallen zu sein, aber so war der Krieg hier nun einmal: Du siehst keine feindlichen Soldaten und keine Panzer, du siehst nur eine Kiste am Straßenrand – und mit etwas Pech ist sie das Letzte, was du in deinem Leben siehst.

Der Geländewagen geriet durch Jacks Ausweichmanöver ins Schleudern; er neigte sich bedrohlich zur Seite, und links vorne brach protestierend Metall unter der Belastung, gefolgt von einem unheilverkündenden Scheppern: Die Aufhängung hatte es endgültig hinter sich.

Damn, schoss es Jack durch den Kopf, doch falscher Alarm? Dann hab ich den Wagen grad grundlos geschrottet.

Sekundenbruchteile später packte eine Druckwelle den Land Rover und hob ihn in die Luft.

Von wegen falscher Alarm.

»Man down! Wir haben einen Verletzten!«

Jack kniete über Lieutenant Browne und versuchte, seine Gedanken zu sortieren. Die Lage war ihm so weit klar, aber er hatte keinen blassen Schimmer, wie er hierhergekommen war. Sein Kopf fühlte sich an wie eine Granate kurz vor der Explosion.

»Man down!«, rief er erneut.

Keine Antwort.

Vorsichtig fasste Jack den Lieutenant an der Schulter und drehte ihn etwas zu sich: »Sir, können Sie mich hören?«

Browne stöhnte leise und versuchte zu nicken. Auf seiner Tarnkleidung wuchs langsam ein Blutfleck.

»Bewegen Sie sich nicht. Wir holen Sie hier raus«, versuchte Jack ihm Mut zu machen.

Er sah sich um. Sie lagen hinter dem Land Rover – beziehungsweise dem, was davon noch übrig war. Der Transporter war ein einziges Wrack. Schnauze samt Motorblock waren einfach weg. Doch im Laderaum bewegte sich noch jemand! Es war Doyle, der sich stöhnend aus dem Wrack herausquälte, während vom Horizont her das Stakkato feindlicher Maschinenpistolen zu hören war.

»Bist du okay, Doyle?«

Der junge Ire starrte Jack an. Alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen. »Ich schon, aber …« Er beendete den Satz nicht, sondern deutete in den zertrümmerten Transporter.

Jack warf einen kurzen Blick hinein: Reid würde seine Lady nie wiedersehen.

Schnell sah er weg und atmete tief durch. Konzentrier dich, Jack, konzentrier dich.

»Der Lieutenant ist verwundet«, klärte er Doyle auf. »Schaff ihn in die Höhle dahinten und gib unsere Position durch. Ich geb euch Feuerschutz.«

Doyle wollte protestieren, doch Jack schnitt ihm das Wort ab: »He, Mann, beim Zielschießen hattest du keine Chance gegen mich. Also beweg deinen Arsch, wenn ich dir das Zeichen gebe.«

Doyle nickte. Jack schlug ihm aufmunternd auf die Schulter, dann beugte er sich wieder in das Autowrack – und griff sich das MG, das Reid aus den leblosen Händen geglitten war.

Gedeckt von den Überresten des Wagens legte sich Jack hin, klappte den Standfuß unter dem Lauf der Waffe herunter und legte den Patronengurt ein – Handgriffe, die ihm dank des scharfen Drills seiner Ausbilder in England in Fleisch und Blut übergegangen waren und jetzt wie von selbst abliefen.

Vorsichtig schob er sich in die Nähe der Heckklappe und sah zu Doyle. »Wenn ich feuere, rennst du los, okay?«

Doyle nickte. Jack sah die Angst in den Augen seines Kameraden.

»Du schaffst das, Junge. Wir kommen hier raus. Alle drei.«

Jack spähte um den Wagen herum: Die Wüstenlandschaft bot keine Deckung bis auf ein paar Felsen, die knapp hundert Meter entfernt lagen. Dort mussten sie sein. Er brachte das MG in Stellung, legte an und drückte ab. Eine kurze Salve als Signal: Wir sind noch hier, und wir sind auf euch vorbereitet.

Hinter Jack packte sich Doyle den Lieutenant auf die Schultern, irgendwo vor ihm rief eine überraschte Stimme Kommandos auf Paschtu. Jack drückte wieder ab – er musste die Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Die Reaktion kam sofort – und so, wie es klang, feuerten da mindestens vier oder fünf Mann gleichzeitig.

Jack widerstand der Versuchung, sich umzudrehen, um zu sehen, wie Doyle und Browne vorankamen. Alles, was zählte, war, den Gegner am Vorrücken zu hindern. Kugeln schlugen ein, keinen Meter entfernt von ihm, doch Jack nahm sie kaum wahr.

Gleich würden die Helis kommen und sie hier rausholen. Er musste nichts weiter tun, als solange die Stellung zu halten. Zielen, Abdrücken, Warten. Zielen, Abdrücken, Warten. Immer und immer wieder.

Nach einer der Salven war ein Schrei aus Richtung des gegnerischen Verstecks zu hören. Hatte Jack getroffen? Tödliche Wunde oder Streifschuss? Er wusste es nicht, machte einfach weiter: Zielen, Abdrücken, Warten. Zielen, Abdrücken, Warten.

Es ging nicht lange gut. Die Typen auf der anderen Seite waren offenkundig auch nicht gerade blöd. Leider. Denn nachdem sie ihn nicht treffen konnten, nahmen sie sich stattdessen seine Deckung vor. Sperrfeuer durchlöcherte das Wrack des Land Rovers, Querschläger wirbelten den Wüstensand auf. Jack wich instinktiv zurück – und das war gut so, denn im selben Moment setzte ein Treffer das auslaufende Benzin in Brand. Nach wenigen Augenblicken stand der ganze Wagen in Flammen. Durch die Heckklappe konnte Jack sehen, wie Reids Haare Feuer fingen und die Haut auf seinem Gesicht Brandblasen schlug.

Auch wenn Reid tot war: Mitanzusehen, wie ein Kamerad verbrannte, war grauenhaft. Dieser Anblick und der unerträgliche Gestank trieben Jack noch weiter zurück. Das kostete ihn jedoch seine Deckung. Sofort konzentrierte sich das gegnerische Feuer auf ihn.

Alternativen gab es keine mehr. Er rannte los, schlug Haken, tat alles, um ein möglichst unvorhersehbares Ziel abzugeben. Ein Blick über die Schulter genügte, und er erkannte, dass der Feind hinter den Felsen hervorgekommen war und die Verfolgung aufnahm. Vier Männer in Tarnkleidung.

Jack zog seine Browning-Dienstpistole und feuerte in Richtung der Verfolger. Eine hilflose Geste – es war unmöglich, jemanden aus vollem Lauf zu treffen.

Er sah wieder nach vorne. Doyle und der Lieutenant mussten in der Höhle sein. Sie hatten auch noch Waffen dabei. Vielleicht hatten sie gemeinsam noch eine Chance.

Jack stolperte. Fast hätte er das Gleichgewicht verloren, während er den Hang hinaufhastete. Er spürte den Luftzug, als eine Kugel nur knapp an seinem Kopf vorbeizischte.

Gleich darauf hörte er es: Ein vertrautes Geräusch, eines, das ihn aufhorchen ließ. Ein dumpfes, weit entferntes Knattern, das er schon Hunderte Male gehört hatte. Doch nie war es so willkommen gewesen wie jetzt.

Mal schön langsam, rief er sich selbst zur Ordnung. Vielleicht bildete er sich das Ganze auch nur ein oder hatte sich verhört.

In vollem Lauf riskierte Jack noch einmal einen Blick nach hinten. Tatsächlich – da näherten sich im Tiefflug zwei Westland-Lynx-Helikopter! Die Luftunterstützung, endlich!

Die Bordschützen machten bestimmt schon ihre MGs klar. Jack musste nur noch ein oder zwei Minuten durchhalten und dann …

Ein glühender Schmerz durchfuhr seinen Körper. Shit! Sie haben mich erwischt! Jack taumelte nach vorn und prallte gegen einen Felsen. Er hörte, wie seine Verfolger etwas riefen, zwang sich, wieder aufzustehen, zu laufen.

Weiter, Jack, weiter! Du bist schon fast da.

Tatsächlich, der Höhleneingang war ganz nah. Aber wo waren Doyle und Lieutenant Browne? Und wieso sah es da drin so scheiß-finster aus? Das war keine normale dunkle Höhle, das war ein pechschwarzes Loch, so abgrundtief schwarz, als wäre die Höhle aus dem Tuch der Wirklichkeit herausgeschnitten und nur gähnende Leere geblieben.

Jack spürte, wie Blut an seiner Seite herabrann. Immer schwerer fiel es ihm, sich auf den Beinen zu halten. Immer näher kamen hinter ihm die Helikopter – und immer lauter hörte er die Rufe der Mudschaheddin.

Er nahm alle Kräfte zusammen und warf sich hinein in die Schwärze.

Jack schrie auf, als er auf seine Wunde fiel. Mühsam hob er den Kopf und suchte nach Doyle und Browne. Doch da war nichts – außer Dunkelheit. Nein, keine Dunkelheit, das stimmte nicht. Es war wie Rauch, der sich um ihn legte.

Noch während Jack sich benommen fragte, woher dieser Rauch kommen mochte, teilte sich die Schwärze vor seinen Augen und enthüllte eine massige Gestalt. Eine Statue, muskulös, überlebensgroß, dabei irgendwie unnatürlich, falsch, auf eine Art, die Jack nicht beschreiben konnte. Sie schimmerte in einer Farbe, die er noch nie zuvor gesehen hatte.

Im schwachen Licht, das von dem unwirklichen Schimmern der Statue ausging, erkannte Jack, dass die Wände der Höhle ausgeschmückt waren, verziert mit kunstvollen Malereien, in denen sich immer wieder dasselbe Symbol wiederholte: zwei Schlangenleiber, die sich im Kampf umeinanderwanden. Die Mäuler weit aufgerissen, die Giftzähne ausgefahren, jederzeit bereit, einander anzugreifen. Jack wollte sich aufrichten, doch im selben Moment durchbohrte ein stechender Schmerz seine Brust, als hätte ihm jemand ein glühendes Eisen mitten ins Herz getrieben. Jack krümmte sich und wollte schreien, aber so sehr er es versuchte, er brachte keinen Ton heraus.

Ihm wurde schwindlig, der Rauch in der Höhle, dick wie Nebelschwaden, wallte auf, als wolle er nach ihm greifen, und da geschah es tatsächlich: Die Rauchwolken verdichteten sich zu einer schattenhaften Gestalt, deren lange Tentakeln auf ihn zuschnellten.

Gleichzeitig formte sich ein Kopf, in dem zwei böse glühende Augen erschienen, und kurz bevor Jack das Bewusstsein verlor, dachte er noch, wie seltsam bekannt ihm die Gesichtszüge der Kreatur doch vorkamen …

Kapitel 1

Die Kirchturmuhr schlug dröhnend sechs. Jack ließ den Hammer sinken und schaute zufrieden auf sein Werk: stabil und so an die Klostermauer angepasst, als hätte es schon immer hier gestanden. Dann hörte er Schritte und sah zum Tor, durch das gerade ein beleibter, grauhaariger Mönch den Garten betrat.

»Der Rahmen für das Gewächshaus ist fertig, Father Murphy«, erklärte Jack dem Neuankömmling. »Morgen beize ich ihn, und dann können wir die Scheiben einsetzen.«

»Schön, schön«, antwortete der alte Mönch abwesend, und Jack bemerkte, dass er ungewöhnlich ernst aussah.

»Ist etwas passiert?«, fragte er besorgt.

Father Murphy wiegte den Kopf hin und her: »Wie man’s nimmt … Es ist Besuch für dich da.«

Jack war überrascht: Wer sollte das sein? Seine Eltern kamen so gut wie nie hierher, und ansonsten kannte er niemanden da draußen, der ihn besuchen würde.

Father Murphy bemerkte Jacks Ratlosigkeit. »Es ist ein alter Freund … sozusagen.« Bevor Jack etwas erwidern konnte, wandte sich der Mönch in Richtung Gartentor.

Kaum dass er verschwunden war, trat ein groß gewachsener, weißhaariger Mann in den Torbogen. Jack schätzte ihn auf Mitte sechzig und wunderte sich darüber, wie gut trainiert der Mann aussah. Sein langer, dunkler Mantel umspielte die Beine, als er mit festen Schritten näher kam.

»Jack Archer«, sagte der Fremde. Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Der bin ich«, erwiderte Jack und wusste, dass sein Argwohn für sein Gegenüber zu spüren war. »Und wer sind Sie?«

»Scotland Yard.« Der Mann hielt Jack eine Dienstmarke hin, der nur einen flüchtigen Blick darauf warf. Er hatte oft genug mit der Polizei zu tun gehabt.

»Was wollen Sie von mir? Ich hab meine Lektion gelernt, sehen Sie das nicht?« Jack fing an, seine Werkzeuge einzusammeln.

»Ihre jüngsten Probleme mit dem Gesetz sind mir egal.« Der Mann strich sich entspannt durchs weiße Haar. »Was mich interessiert, ist vor fünf Jahren passiert. In Afghanistan.«

Jack horchte auf, legte aber Hammer, Nägel und Wasserwaage wie beiläufig beiseite. Er richtete sich auf und sah dem Mann vom Yard direkt in die Augen. Sie waren blau, aufmerksam und durchdringend, doch Jack hielt ihnen stand. »Afghanistan geht Sie nichts an. Dort ist nichts passiert, wofür sich Scotland Yard interessiert.«

Der Mann lächelte: »Das sehe ich anders. Ich habe mir Ihre Entlassungspapiere aus der Army einmal genauer angesehen …«

»Bitte, was?«, unterbrach Jack ihn. »Wie kommen Sie dazu?«

»Sagen wir einmal, es hatte etwas mit einem Fall zu tun, an dem ich gearbeitet habe.« Der Polizist strich gedankenverloren über die Rinde einer Birke. »Und Sie müssen doch zugeben: Es war recht bemerkenswert, was Ihnen da passiert ist.«

Unruhig geworden, trat Jack von einem Fuß auf den anderen. Er ahnte, worauf der Polizist hinauswollte.

»Drei Mann in einer Höhle, zwei davon schwer verletzt, gegen vier bis an die Zähne bewaffnete Mudschaheddin. Aber als die Verstärkung eintrifft, sind die Feinde tot, und die drei Soldaten liegen bewusstlos in der Höhle. Was ist da passiert, Archer?«

»Wenn Sie an meine Akte gekommen sind, wissen Sie doch, was ich ausgesagt habe.« Jetzt vermied es Jack, dem Mann in die Augen zu sehen. »Todesangst verleiht manchmal übermenschliche Kräfte.«

Der Polizist schüttelte den Kopf. »Die Toten hatten keinerlei äußere Verletzungen«, erwiderte er mit ruhiger, fast amüsierter Stimme. »Keine Schusswunden, keine Messer– oder Bajonettstiche, nicht einmal ein blaues Auge.« Er trat ganz nah an Jack heran: »Ich frage Sie noch einmal: Was ist da passiert?«

Jack wich zurück. Der Mann machte ihn nervös. Er wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Polizist die Antworten auf seine Fragen schon längst kannte. »Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht erinnern.«

»Das nehme ich Ihnen nicht ab.« Jetzt wurde der Polizist streng. »Sie haben danach den Dienst quittiert. Und als Sie wieder zu Hause waren, haben Sie fast Ihr Leben gegen die Wand gefahren: Diebstähle, Körperverletzung, das volle Programm. Was immer Ihnen in dieser Höhle in Afghanistan begegnet ist, Sie sind nicht darüber hinweggekommen.«

Jack schwieg ertappt.

Der Polizist sah zum Kirchturm, der sich als Schattenriss gegen den Abendhimmel abhob. »Bis Sie hier im Kloster gelandet sind.« Er dachte einen Moment nach, dann drehte er sich abrupt zu Jack um: »Sind Sie gläubig, Mr. Archer? Möchten Sie als Mönch in den Orden eintreten?«

Jack winkte ab: »Ich weiß es nicht. Für den Moment finde ich hier einfach nur …« Er suchte nach dem richtigen Wort: »Frieden.«

Jetzt lachte der Polizist laut: »Frieden? Dafür sind Sie nicht geschaffen, Jack Archer. Sie sind ein Kämpfer.«

Langsam reichte es Jack. Was nahm sich dieser Typ heraus?! Er kannte ihn doch gar nicht! »Ich will nicht mehr kämpfen. Damit habe ich abgeschlossen.« Jack zögerte. Sollte er mehr sagen? Andererseits ließ der Polizist ihn vielleicht endlich in Ruhe, wenn er ihm die Wahrheit erzählte.

Jack atmete tief durch: »Wenn Sie’s wirklich wissen wollen: Ich bin durchgedreht. Keine Ahnung, was in der Höhle passiert ist – ich kann mich nur an ein paar absurde Halluzinationen erinnern. Hier oben, in meinem Oberstübchen, na ja, da ist wohl ’ne Sicherung durchgebrannt.«

Der Fremde verzog keine Miene.

Jack fuhr fort: »Ich hatte Albträume danach. Das ging nicht wieder weg. Ich dachte, ich werd sie los, wenn ich wieder zu Hause bin, aber von wegen! Hier in England wurde alles nur noch schlimmer!«

Jack stockte. Er war überrascht, wie gut es sich anfühlte, darüber zu reden. Seine Stimme beruhigte sich etwas, als er dem Mann vom Yard den Rest der Geschichte erzählte. Von diesem Drang, der immer wieder über ihn gekommen war, andere zu verletzen. Wie er gar nicht anders konnte, als dem nachzugeben, erst einmal, dann noch einmal – bis man ihn schließlich erwischt hatte.

»Der Richter hat mir Bewährung gegeben«, schloss Jack. »Wegen psychischer Probleme, wie er das nannte. Er attestierte mir eine PTBS, eine posttraumatische Belastungsstörung, wie sie viele Veteranen haben.« Er lachte bitter: »Jetzt wissen Sie, was in Afghanistan passiert ist. Ich hab den Verstand verloren – und jetzt hab ich sogar die höchstrichterliche Bestätigung, dass ich plemplem bin.«

Der Polizist schwieg noch immer.

Jack aber hatte genug geredet und genug von seinem Besucher. Er wollte den Garten verlassen, hinaus zum Tor, und vorbei an dem Mann vom Yard. »Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich will vor dem Abendessen noch aus den Arbeitsklamotten raus.«

Als sie auf einer Höhe waren, griff der Mann plötzlich nach Jacks Arm und hielt ihn mit eisenhartem Griff fest. »Sie sind nicht verrückt. Und Sie hatten auch keine Halluzinationen.«

Plötzlich spürte Jack das Brennen in der Brust, das er sofort wiedererkannte. Das erste Mal hatte er es damals verspürt, in der Höhle in Afghanistan, und seitdem immer wieder – bis er endlich seinen Frieden gefunden hatte, hier im Kloster.

»Verschwinden Sie!«, keuchte Jack. »Lassen Sie mich in Ruhe!«

Der Polizist ließ Jacks Arm los, doch vor Schmerzen war Jack unfähig, sich zu bewegen. Als er den Blick hob, sah er, dass der Fremde etwas über seine linke Hand gezogen hatte – eine Art Handschuh aus Metall, glänzend und mit fein ziselierten orientalischen Mustern.

»Das würde ich ja, Archer, wenn es Ihnen helfen würde. Aber das, was Sie nicht in Ruhe lässt, ist das hier!« Der Mann zog mit der rechten Hand ein seltsam geformtes Holzkreuz aus seinem Mantel, während seine linke Hand vorschoss. Der Metallhandschuh schien direkt in Jacks Brustkorb hineinzufahren. Jack keuchte auf, rang verzweifelt nach Atem und versuchte zu schreien, doch nicht ein Laut entrang sich seiner Kehle.

Der Mann begann, mit aller Kraft an etwas zu ziehen, und Jack war, als versuche jemand, ihm die Luftröhre aus dem Körper zu reißen. Die Schmerzen steigerten sich ins Unerträgliche, und Jack schloss die Augen. Er spürte Hitze auf seinem Gesicht, so als hielte jemand eine brennende Fackel davor.

Jack zwang sich, die Augen wieder zu öffnen, und sah etwas Unglaubliches: Der Mann zog an einem Strang aus Glut und schattenhafter Schwärze, der aus Jacks Brust ragte. Er zerrte an einer widernatürlichen, pulsierenden Masse, die sich hin und her wand und alles versuchte, um dem Griff des Polizisten zu entkommen. Jack würgte beim Anblick des Wesens, doch seine Kehle blieb wie zugeschnürt.

Er hörte, wie der Mann etwas in einer unbekannten, kehligen Sprache murmelte; es klang wie Beschwörungsformeln, so gleichförmig, so drängend. Die Kreatur reagierte, als habe sie jemand mit Säure überschüttet: Jack spürte, wie sich das fremde Wesen, das von ihm Besitz ergriffen hatte, verkrampfte. Es wand sich aggressiv hin und her, als wolle es dem Griff des Fremden entkommen.

Immer intensiver wurde der Schmerz. Aus dem glühenden Eisen in Jacks Brust war längst ein glühender Presslufthammer geworden, der sich unerbittlich voranfraß, und endlich entlud Jacks Qual sich in einem lauten Schrei.

Sofort ließ der Fremde los, und die Kreatur schnellte zurück in Jacks Brust. Jack taumelte rückwärts und ging zu Boden. Beim ersten Atemzug glaubte er, reines Feuer fülle seine Lungen.

Hustend und keuchend lag Jack da, bis er trotz der Schmerzen genug Luft in seine Lungen gepumpt hatte. Langsam richtete er sich auf und sah den Mann entsetzt an: »Wer sind Sie? Und was um Himmels willen wollen Sie von mir?«

Der Mann hielt Jack seine rechte Hand hin, um ihm aufzuhelfen: »Mein Name ist John Sinclair. Und ich habe einen Job für Sie.«

»Hier, das wird dir helfen, dich besser zu fühlen.« Father Murphy kam in sein Arbeitszimmer und stellte eine Tasse dampfenden Tee auf den Beistelltisch vor dem Sofa. Jack richtete sich langsam auf und bemerkte, dass ihn der alte Pater besorgt ansah. John Sinclairs Miene hingegen war durch und durch professionell wie die eines Wissenschaftlers, der einen Wurm analysiert.

»Es geht ihm schon deutlich besser«, konstatierte Sinclair und nickte Murphy zu. Der alte Mönch verstand und schickte sich an, den Raum zu verlassen.

»Warten Sie, Father!« Jack erhob sich schwerfällig. Father Murphy wollte ihm schon zu Hilfe eilen, doch Sinclair hielt ihn zurück.

Es bereitete Jack, wie er feststellen musste, ein wenig Mühe, sich auf den Beinen zu halten – aber es gelang ihm. Vorsichtig, als mache er die ersten Schritte nach langer Krankheit, stakste er mit steifen Beinen auf den Mönch zu. »Kann ich einen Moment allein mit Ihnen sprechen?« Murphy nickte und begleitete Jack hinaus auf den schmalen Flur.

Jack schloss die Tür zum Arbeitszimmer und wandte sich leise an Father Murphy: »Dieser Mann ist Ihr Freund? Was ist das für ein Kerl? Was hat er da eben mit mir gemacht?«

Der Mönch lächelte sanft: »Das kann dir John besser erklären als ich.«

Jack schüttelte den Kopf: »Sorry, der Typ hat eben irgend so ein Alien-Monster aus meiner Brust gezogen. Ich hab keine große Lust darauf, auch nur einen Moment allein mit ihm in einem Raum zu sein!«

Father Murphys Miene wurde ernst: »John und ich, wir kämpfen nicht immer mit denselben Mitteln, aber wir stehen auf derselben Seite. Wenn jemand einer von den Guten ist, dann er.«

Jack sah verunsichert in Richtung Arbeitszimmertür. »Aber das Kreuz … und dieser Handschuh …? Was für eine Art von Polizeibeamter ist der Typ denn überhaupt?«

»Keine Sorge, das wird er dir alles erzählen«, entgegnete der alte Mönch und fügte verschmitzt hinzu: »John spricht gerne über seine Arbeit. Das war schon immer so.« Damit öffnete Father Murphy die Tür zum Arbeitszimmer und schob Jack hinein.

Inzwischen hatte Sinclair seinen Mantel abgelegt und stand vor Father Murphys gut bestücktem Bücherregal. Er hatte eine Bibel zur Hand genommen und begann daraus zu lesen, als er Jack hereinkommen sah: »Ihr seid das Licht der Welt. Man zündet kein Licht an und stülpt ein Gefäß darüber, sondern man stellt es auf den Leuchter; dann leuchtet es allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten.« Er legte die Bibel beiseite und sah Jack an. »Kommt Ihnen das bekannt vor?«

»Die Bergpredigt«, sagte Jack und ließ sich wieder auf das Sofa sinken. »Wollen Sie mit mir jetzt eine Bibelstunde veranstalten?«

»Ich will Ihnen nur erklären, wieso ich Sie brauche.« Sinclair trat einen Schritt an das Sofa heran. »Wieso die Welt Sie braucht, Jack Archer.«

Jack atmete tief durch: »Wenn Sie mir etwas erklären wollen, dann wäre es gut, wenn Sie endlich Klartext reden. Was haben Sie da eben mit mir gemacht? Was war das für eine Kreatur?«

Sinclair zog sich einen Holzstuhl heran und setzte sich. »Können Sie sich das nicht denken? Ich glaube, Sie wissen es schon. Sonst wären Sie nicht ausgerechnet hierhergekommen, um davor zu fliehen.«

Jack seufzte: »Ich weiß immer noch nicht, was Sie meinen.«

Sinclairs Stimme wurde kalt. »Erinnern Sie sich an die Spukgeschichten aus Ihrer Kindheit? Über Geister, Vampire und Dämonen? All diese Geschichten sind wahr. Es stimmt vielleicht nicht jedes Wort, aber viel mehr als die meisten Leute glauben.«

Jack fuhr überrumpelt vor Sinclair zurück: »Sie meinen, das Ding in der Höhle …«

»Haben Sie sich schon einmal gefragt, wieso alle Kinder Angst vor der Dunkelheit haben?«, unterbrach ihn Sinclair. »Weil sie instinktiv das spüren, was wir aufgeklärte Erwachsene nicht mehr wahrhaben wollen: Dort draußen …«, er deutete mit der Hand zum Fenster, hinter dem sich das Abendrot am Himmel ausbreitete, »dort draußen gibt es Wesen jenseits unserer Vorstellungskraft. Sie lauern auf unschuldige Opfer. Und wenn wir sie nicht in Schach halten, schlagen sie zu. Immer und immer wieder.«

John Sinclair zog einen Umschlag aus seiner Manteltasche und entnahm ihm ein vergilbtes Stück Papier: »Das hier sagt Ihnen doch sicher etwas.«

Er hielt Jack das Papier hin. Der sah auf die Zeichnung, und ihm stockte der Atem. Unwillkürlich fuhr seine Hand zur linken Brust, zu dem Brandmal, das seit Afghanistan über seinem Herzen saß, und das genauso aussah wie die Zeichnung, die Sinclair ihm entgegenhielt.

»Das Mal des Iblis«, erklärte Sinclair. »Zwei Schlangen in tödlicher Umarmung – jede kurz davor, ihre Fänge im Leib der anderen zu versenken.«

»Ich weiß«, erwiderte Jack tonlos. »Dieses Zeichen war damals an den Wänden der Höhle – und ich habe es auch oft genug im Spiegel gesehen.«

»Wissen Sie auch, was es bedeutet?«, wollte Sinclair wissen.

Jack schüttelte den Kopf.

»Iblis ist einer der sieben Großdämonen der Hölle«, erklärte der Mann vom Yard. »Luzifers Heerführer, der Herr des Krieges.«

»Stopp, schön langsam!« Jack hob seine Hand. »Reden wir hier von dem Luzifer, ja? Von Satan, dem Höllenfürsten?«

John Sinclair nickte. »Wer das Mal des Iblis trägt, verfällt früher oder später dem Dämon.« Er deutete auf Jacks Brust: »Sie sind nicht durchgedreht, nachdem Sie aus Afghanistan zurück waren. Sie haben weitergekämpft, ohne es zu wissen – gegen Iblis.«

Jack schwirrte der Kopf. »Ähm … Sie meinen also, ich bin besessen? Und das, was Sie da eben gemacht haben, das war so was wie ein … ein Exorzismus?«

»Exorzismen sind eher Father Murphys Spezialität.« Sinclair lächelte. »Ich bevorzuge handfestere Mittel. Aber das Spannende an Ihnen ist eben genau, dass Sie nicht besessen sind.«

Jack verstand nicht: »Aber das Brandmal …«

»Es ist eine Art Tür«, unterbrach Sinclair ihn erneut. »Ein Zugang, durch den Iblis in Ihren Körper kommen kann. Und normalerweise hat er dann auch ganz schnell das Ruder in der Hand.«

Sinclair beugte sich wieder zu Jack. »Aber genau das ist bei Ihnen nicht passiert. Sie sind stärker als Iblis. Und genau darum will ich Sie in meinem Team.«

Jack sah den Mann von Scotland Yard unsicher an. Der stand auf: »Sie haben sich lange genug hier versteckt und den Gärtner gespielt, Archer. Da draußen tobt ein Krieg – und wir brauchen Männer wie Sie, um ihn zu gewinnen.«

Kapitel 2

Die Scheibenwischer von Sinclairs Rover hatten Mühe, gegen den Regen anzukommen, als der Wagen nordöstlich von London vom M1 Motorway abbog und sich auf eine schmale Landstraße einfädelte.

»Ich dachte, Sie arbeiten bei Scotland Yard«, wunderte sich Jack.

»Für Scotland Yard«, korrigierte Sinclair, ohne die Augen von der Straße zu nehmen. »Gut, ich hab auch einen Schreibtisch da, aber der ist eher symbolisch zu verstehen. Ein Job wie unserer ist nichts für Bürohengste.«

Jack kniff die Augen zusammen, als die Scheinwerfer eines entgegenkommenden Autos ihn kurz blendeten: »Ich hab noch nicht zugesagt, dass ich bei Ihnen bleibe.«

Sinclair winkte ab: »Da mache ich mir keine Sorgen, Jack. Sie sind der richtige Mann für die Academy. Und die Academy ist das Richtige für Sie.«

Einen Moment schwiegen beide Männer. Jack lauschte den Regentropfen, die auf das Autodach prasselten.

»Sagen Sie, Sir, diese Academy – Sie haben mir immer noch nicht erklärt, was genau mich dort erwartet. Wie stellen Sie das an, diesen Kampf gegen Dämonen? Und wer sind die anderen Leute in Ihrem Team?«

Sinclair bog in eine Nebenstraße ein, während er antwortete: »Das werden Sie alles gleich selbst sehen, Jack. Wir sind da.«

Das Licht der Scheinwerfer fiel auf ein reich verziertes schmiedeeisernes Tor, das wirkte, als hätte es schon bessere Tage gesehen. Efeu wucherte zwischen den Streben, Scharniere und Schloss waren mit Rost überzogen, und ein halb verwittertes Schild warnte: »KEEP OUT! Private Property«.

Jack sah verwundert zu Sinclair. »Ein großes Budget haben Sie für Ihren Kampf gegen die Mächte der Finsternis wohl nicht gerade bekommen, oder?«

Sinclair lächelte: »Sagen wir mal, es ist ausreichend.«

Er blendete die Scheinwerfer einmal kurz auf, und einen Moment später zog sich das Efeu wie von Geisterhand zurück.

Das war, wie Jack im nächsten Moment auffiel, ein in diesem Fall wohl etwas unpassender Vergleich. Die Flügel des scheinbar so rostigen Tores schwangen lautlos auf und gaben den Blick auf eine lang gezogene Auffahrt frei, deren nasser Asphalt im Licht verborgener Bodenstrahler glitzerte.

John Sinclair bemerkte Jacks überraschtes Schweigen. »Understatement ist in unserem Geschäft meist eine gute Idee«, kommentierte er, während er die Kupplung kommen ließ und anfuhr.

Jack sah über die Schulter zurück: Hinter ihnen schloss sich das Tor und nahm sogleich wieder die vernachlässigte Anmutung an, die ihn zuvor zu seiner Vermutung über fehlende Mittel inspiriert hatte. Selbst die Lichter der Auffahrt erloschen eines nach dem anderen, sobald der Wagen sie passiert hatte.

Jack wandte sich wieder um. Die Scheinwerferkegel strichen über kurz geschnittenen Rasen und streiften die Stämme alter Bäume.

In einiger Entfernung drang ein Lichtschein durch die Zweige, und als Sinclair den Wagen um eine Kurve lenkte, erhob sich vor ihnen, als sei es plötzlich aus dem Boden gewachsen, ein majestätisches Herrenhaus.

Mächtige graue Steinmauern, erleuchtete Fenster bis in den zweiten Stock und ein weitläufiger, kiesbedeckter Vorplatz, auf dem mehrere Autos parkten.

Jack pfiff anerkennend durch die Zähne.

Die beiden Männer stiegen aus und hasteten durch den Regen zur metallbeschlagenen Eingangstür. Jack bemerkte die blinkende LED einer Sicherheitskamera über dem Türsturz. Im selben Moment bewegte sich die Klinke, und die Tür schwang langsam auf.

»Guten Abend, Sir!«

Eine kleine, ältere Frau mit streng gebundenem Dutt begrüßte Sinclair.

»Guten Abend, Miss Julia.«

Die Frau musterte Jack skeptisch: »Ein neuer Rekrut?«

»Ich hoffe doch«, lächelte Sinclair.

»Äh, ich habe mich noch nicht entschieden«, erinnerte Jack ihn zum zweiten Mal.

Obwohl Miss Julia ihm höchstens bis zur Schulter ging, wirkte es auf Jack, als würde sie auf ihn herabblicken. Er kam sich plötzlich vor wie ein Schuljunge, der zu spät zum Unterricht gekommen war.

»Ist Ian schon fertig?«, wollte Sinclair wissen.

Miss Julia schüttelte den Kopf: »Sie kennen doch Mr. Campbell. Der hört erst auf, wenn keiner mehr eine Waffe halten kann.«

Sinclair lachte. »Dann sollten wir die Armen wohl mal vor ihm retten.« Er wandte sich zu Jack. »Kommen Sie, Archer.«

Im Inneren des alten Herrenhauses trafen Vergangenheit und Gegenwart knallhart aufeinander: Eine breite Freitreppe dominierte die Eingangshalle, an beiden Seiten flankiert von neugotischen Sandsteinsäulen. Doch an den Wänden hing nicht etwa die Ahnengalerie eines alten Herrschergeschlechts, sondern eine Reihe von Flatscreens, auf denen Nachrichtenticker, Statusanzeigen und die schwarz-weißen Videofeeds von Sicherheitskameras zu sehen waren.

»Hier entlang.« Sinclair deutete auf die Treppe. »Die Rüstkammer ist im ersten Stock.«

Als Jack über die Schwelle der dicken Schallschutztür trat, fühlte er sich an die Unterrichtsräume in der Kaserne erinnert: Die drei anwesenden Rekruten saßen mit dem Rücken zur Tür an funktionalen, weißen Tischen; der Ausbilder lehnte vorne an einem schnörkellosen Stehpult, an der Wand hing eine Tafel.

Die restliche Einrichtung des Raumes hatte allerdings nichts mit einer Kaserne gemeinsam: Eine Reihe von Vitrinen dominierte die Wände; in ihnen fand sich so gut wie jede Waffe der Menschheitsgeschichte. Jack sah alte Schwerter und Degen, einen Morgenstern, eine ganze Sammlung von Dolchen, daneben aber auch moderne Schnellfeuerwaffen, wie er sie aus seinen eigenen Einsätzen bei der British Army kannte.

Eine der Vitrinen war geöffnet und leer. Die Waffe, die sich normalerweise darin befand, wurde gerade vom Ausbilder demonstriert – einem stiernackigen Hünen um die fünfzig mit raspelkurzem Haar. Der erwähnte Ian Campbell, wie Jack vermutete.

»Eine ziemlich nervöse Lady, so eine Armbrust«, erklärte er den Rekruten gerade. »Wenn ihr sie einmal geladen habt, müsst ihr den Finger am Abzug nur leicht abkrümmen, und schon löst sie aus.«

Der Ausbilder nahm einen Bolzen vom Pult und legte ihn ein. »Es braucht etwas Übung, um sie zu meistern – aber es lohnt sich, sie zu beherrschen. Mit einer Armbrust, der richtigen Munition und ein paar Streichhölzern könnt ihr euch gegen fast alles verteidigen, was euch in den Weg kommt.«

»Pah – nichts geht über meine treue Beretta«, warf Sinclair plötzlich ein. Der Ausbilder hielt inne und wandte sich überrascht zur Tür. Auch die Rekruten drehten sich um, und jetzt sah Jack ihre Gesichter. Alle schienen um die dreißig zu sein, also ungefähr in seinem Alter.

Links an der Wand saß eine zierliche Asiatin mit knallorange gefärbtem Haarschopf und hellrosa Trainingsanzug. Sie schaute leicht amüsiert zu Jack und Sinclair herüber.

Neben ihr rekelte sich ein betont modisch gekleideter Mann auf seinem Stuhl. Bronzefarbene Haut, schwarze Haare und Schnurrbart – Jack vermutete, dass er irgendwo aus dem Nahen Osten stammte. Als der Mann Jack sah, warf er ihm einen abschätzigen Blick zu, lehnte sich zurück und verschränkte demonstrativ die Arme.

Ganz rechts außen stand nun eine drahtige Frau auf, deren leicht exotisches Äußeres Jack nicht einordnen konnte: »Mit Verlaub, Sir, bei Untoten sind Handfeuerwaffen nur begrenzt effektiv.«

Sinclair sah sie gespielt überrascht an. »Ach wirklich, Staysy? Und womit würden Sie dann gegen einen Werwolf vorgehen? Mit einer Steinschleuder?«

Sie senkte überrumpelt den Kopf: »Nein, Sir, richtig: mit Silberkugeln …«

»Aus einer Handfeuerwaffe – wie zum Beispiel meiner Beretta«, vollendete Sinclair den Satz. »Gut, dass wir das geklärt hätten.«

Jack entging nicht, dass die anderen beiden Rekruten leicht grinsten, während Staysy sich wortlos setzte.

Sinclair trat nach vorn neben den Ausbilder: »Meine Damen, meine Herren – darf ich vorstellen: das neueste Mitglied unserer Academy, Jack Archer.«

Niemand applaudierte. Alle sahen Jack schweigend an.

»Wo kommt der denn her?«, knurrte der Stiernacken.

»Army«, erwiderte Sinclair knapp. Er winkte Jack heran: »Archer, das ist Ian Campbell, unser Waffenmeister.«

»Army also«, schnaubte Campbell. »Was haben Sie euch denn da beigebracht?«

Jack stand automatisch stramm, als er antwortete: »Sir, komplette Grundausbildung, plus spezielle Taktiken für den Wüstenkrieg.«

Campbell lachte abfällig: »Sandkastenspiele – na gratuliere! Und? Auch mal selber Action gesehen?«

»Kampfeinsatz in Afghanistan, Sir. Mehrfacher direkter Feindkontakt.«

»Auch mit unserer Art von Feinden«, warf Sinclair ein.

Der bullige Ausbilder rieb sich die Schläfe: »Verstehe. Du hast mal einen Geist gesehen, und deswegen glaubst du jetzt, du wärest der Schrecken aller Dämonen. So in etwa?«

Jack hörte, wie die Rekruten kicherten, und wollte widersprechen, doch Campbell ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Dein Name ist Archer, oder? Also Bogenschütze. Dann solltest du mit der hier ja umgehen können!« Er griff nach der Armbrust und warf sie Jack zu.

Jack gelang es gerade noch, die Waffe aufzufangen. Nervös drehte er sie hin und her, um sie in eine halbwegs vernünftige Haltung zu bringen.

»Sag Bescheid, wenn die Jonglier-Nummer vorbei ist, ja?«, kommentierte Campbell seine Bemühungen.

Jack merkte, wie er rot wurde. Nichts anmerken lassen, dachte er. Der will dich nur aus dem Konzept bringen.

Endlich hatte Jack das Gefühl, die Armbrust unter Kontrolle zu haben: »Bin bereit, Sir!«

»Wunderbar. Dann dreh dich mal Richtung Wand«, befahl Campbell, »nimm das Gerät hoch, und spann es ganz vorsichtig.«

Jack versuchte, den Anweisungen Folge zu leisten, doch das war gar nicht so leicht: Er hatte noch nie in seinem Leben eine Armbrust in der Hand gehalten, darum hatte er auch nicht die geringste Ahnung, wo und wie genau man sie spannte. Doch eines war klar: Das würde er diesem Kerl bestimmt nicht auf die Nase binden.

Jack gab sich alle Mühe, souverän zu wirken, ganz so, als wisse er, was er tue, während er hier ein Rädchen ausprobierte und dort an einem Hebel zog. Und tatsächlich: Es bewegte sich etwas! Der Bolzen ließ sich nach hinten schieben und rastete mit einem beruhigenden Klicken ein.

Geschafft! Jack nahm eine Haltung ein, wie er sie vom Schießstand gewohnt war, legte die Armbrust fachmännisch an und wollte hinüber zu dem Ausbilder blicken.

Jack hatte noch nicht ganz den Kopf gedreht, da hörte er plötzlich ein lautes Schnappen. Der Griff der Armbrust schlug gegen seinen Oberarm, und irgendwo zersplitterte Glas.

Jacks Augen rasten zurück zur Waffe: Der Bolzen lag nicht mehr in der Führung.

Langsam hob Jack den Kopf, um zu sehen, wo das Geschoss eingeschlagen war, doch Campbell kam ihm zuvor. »Gratuliere, Archer. Wenn wir irgendwann mal gegen besessene Glasvitrinen antreten müssen, bist du unser Mann.«

»Guter Schuss«, grinste die Asiatin mit den orange gefärbten Haaren, als alle etwas später auf den Flur hinaustraten. Sie hieß Sachiko und war Japanerin, so viel hatte Jack inzwischen erfahren.

Er bemühte sich, das Grinsen zu erwidern. »Freut mich, dass ich für Unterhaltung sorgen konnte.«

»Unterhaltung ist ja schön und gut«, konterte eine Frauenstimme hinter ihm, »aber ein Profi wär mir lieber als ein Pausenclown.«

Jack drehte sich um. Hinter ihm stand die zweite Frau aus der Truppe, Staysy.

»Bei der Army lernt man eine Menge, aber Armbrustschießen gehört nicht dazu«, meinte Jack mit einem entschuldigenden Lächeln.

»Gegen Dämonen zu kämpfen, das ist ein anderes Kaliber, als ein bisschen in der Wüste zu ballern«, bügelte Staysy ihn ab. »Die Jobs sind gefährlich genug, da will ich nicht auch noch Babysitter für Anfänger spielen müssen.«

Jack sah hilfesuchend zu Sachiko, doch bevor die etwas sagen konnte, kam der dritte Rekrut hinzu: Hassan, ein Ägypter, wie Sachiko Jack erzählt hatte, als sie gemeinsam den Seminarraum verlassen hatten.

»Ganz unrecht hat sie ja nicht«, warf Hassan ein. »Ich meine, wir drei, wir sind ein Superteam. Sachiko macht den Nahkampf, Staysy übernimmt die Artillerie, und ich bin der Mann für die Aufklärung.«

Hassan strich sich über den Schnurrbart und sah Jack ins Gesicht: »Nicht falsch verstehen, aber was haben wir von einem Ex-Army-Typen im Team? Willst du Bombenangriffe auf Dämonen befehlen? Verfluchte Häuser durch Besatzung befrieden?« Er schüttelte den Kopf: »Sorry, aber was kannst du, was wir nicht eh schon können?«

Unwillkürlich fuhr Jacks Hand zu dem Brandmal auf seiner Brust, doch bevor er etwas sagen konnte, trat John Sinclair zu der Gruppe. »Ist das jetzt unsere Art, neue Rekruten zu begrüßen?« Er sah jedem der Reihe nach in die Augen.

Staysy und Hassan senkten den Blick. »Nein, Sir.«

Sinclair legte seine Hand auf Jacks Schulter. »Da es anscheinend so wichtig für Sie alle hier ist: Ich habe Mr. Archer gebeten, sich unserem Team anzuschließen. Ich bin fest davon überzeugt, dass er eine wertvolle Bereicherung für uns ist. Aber falls irgendjemand von Ihnen glaubt, dass ich mich geirrt habe, dann sagen Sie es mir ruhig.«

Sinclair schaute erwartungsvoll in die Runde. Niemand sagte ein Wort.

Er nickte. »Wunderbar, dann wäre das ja geklärt. Wir sehen uns alle morgen nach dem Frühstück.« Sinclair wandte sich an Jack. »Miss Julia zeigt Ihnen dann jetzt Ihr Zimmer.«

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Carina Zacharias: Emba

Ein packender zweiteiliger YA-Fantasyroman voller Spannung, Gefühl und Geheimnissen.

Der Runar kam langsam auf sie zu. Seine roten Augen fixierten sie. Flüssigkeit tropfte aus seinem hundeähnlichen Maul. Sie war wie paralysiert. Die Netzpistole auf den Runar gerichtet, jedoch unfähig, sich zu bewegen. Dann sprang er los.

Ohne Runare könnte Embas Welt nicht existieren. Die bösartigen Wesen aus purer Energie werden gejagt, um die Menschheit vor ihnen zu schützen und die Welt mit Energie zu versorgen. Die 18-jährige Emba träumt davon, einen der heiß begehrten Plätze an der Jägerschule von Pantreás zu ergattern und sich zur Runarjägerin ausbilden zu lassen. Mit Glück besteht sie die harte Aufnahmeprüfung. Doch schon bald wird sie zum Opfer lebensgefährlicher Unfälle und Manipulationen. Wer steckt hinter diesen Intrigen? Und warum kennt sie scheinbar jeder?

Carina Zacharias

Emba – Bittersüße Lüge

Band 1

eBook

ISBN: 978-3-7325-2686-4

Erscheinungstermin: 02.08.2016

€ 4,99

Carina Zacharias

Emba – Magische Wahrheit

Band 2

eBook

ISBN: 978-3-7325-2832-5

Erscheinungstermin: 4.10.2016

€ 4,99

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LESEPROBE

Emba – Bittersüße Lüge

von Carina Zacharias

Gefährliche Spritztour

Abertausend Lichter der Großstadt leuchteten unter und über ihr wie ein falscher Sternenhimmel, während Emba auf ihrem Aeroboard lautlos durch die Nacht glitt. Riesige Reklametafeln, die in schillernd bunten, ständig wechselnden Bildern Fast Food und die neueste Mode anpriesen, Scheinwerfer von Diskotheken, die scheinbar suchend durch die Dunkelheit schnitten, golden erhellte Fenster, hinter denen fremde Menschen ein ihr unbekanntes Leben lebten, sie alle machten die Nacht zum Tag und das wahre Sternenlicht unsichtbar.

Die Energiestraße unter Emba führte mitten durch die Hochhausschluchten von Pantreàs. Sie war nur eines von unzähligen bunten Lichtbändern, in die Luft gewoben, miteinander verflochten und von zahllosen großen und kleinen Aerogleitern befahren. Riesenhafte Lastwagen, kleine Einfamilienfahrzeuge, schnieke Limousinen oder heruntergekommene Schrottkarren, sie alle suchten sich einen Weg durch den Verkehr, steuerten einem Ziel entgegen.

Man sah nicht viele Aeroboardfahrer. Das lag nicht nur an der späten Stunde, sondern vor allem auch daran, dass es nicht gerade ungefährlich war, sie zu fahren. Die bequemeren und sichereren Aerogleiter mussten bloß mit der Energiestraße synchronisiert werden und fuhren dann automatisch. Die Fahrer hatten nur noch ein paar Knöpfe zu drücken, um Ausfahrten zu nehmen oder die Geschwindigkeit zu steigern, wenn sie ein anderes Fahrzeug überholen wollten. Im Gegensatz dazu mussten Aeroboards manuell gesteuert werden, allein durch Verlagerung des Gewichts. Immer wieder kam es vor, dass ein Fahrer das Gleichgewicht verlor, sich in der Geschwindigkeit verschätzte oder eine Kurve zu eng schnitt – und kilometertief in den Tod stürzte. Diese Vorfälle hielten viele Bürger von Pantreàs vom Fahren eines Aeroboards ab. Viele. Nicht alle.

Emba ging leicht in die Knie, um die Geschwindigkeit zu erhöhen, und kippte ihr Board gefühlvoll nach rechts, um eine Abzweigung zu nehmen. Die neue Energiestraße leuchtete in einem dunklen Blau, der Farbe der wenig befahrenen Nebenstraßen. Sie führte Emba in eines der ärmeren Viertel von Pantreàs, wo die Wolkenkratzer zwar nicht weniger hoch, dafür aber älter waren, die Straßen dreckiger und die Gassen verlassener.

Suchend sah sich Emba um. Es war niemand zu sehen. Der Augenblick schien günstig.

Ohne länger zu zögern, zog Emba das Board herum und lehnte sich nach rechts, um ungebremst von der Energiestraße herunterzuschießen.

Wie immer konnte Emba der Versuchung nicht widerstehen, das einzigartige Gefühl des freien Falls ein paar unendliche Herzschläge lang zu genießen. Wie immer konnte sie einen gellenden Freudenschrei einfach nicht unterdrücken. Sollte sie doch jemand hören! Erst dann tippte sie auf ihr PME am Handgelenk. Das portable multifunktionale Energiemedium – oder kurz PME – löste augenblicklich den Energieantrieb ihres Boards aus.

Der Schub kam so plötzlich, dass es sie kurz aus der Bahn warf und herumriss. Asphalt, Hauswände und Himmel drehten sich schwindelerregend schnell um sie, bis sie die Kontrolle über das Board zurückgewann und haarscharf an einer Gebäudekante vorbeiflog.

»Whoo!« Grinsend drehte Emba sich zu dem Hochhaus um, mit dem sie beinahe zusammengestoßen wäre. »Das war knapp.« Ihr Herz schlug noch immer rasend schnell und pumpte das Adrenalin durch ihre Adern. Emba breitete die Arme aus und sog tief die kühle Nachtluft ein. Zu gerne hätte sie den Wind in den Haaren gespürt, doch die schwarze Mütze auf ihrem Kopf abzunehmen wäre zu unvorsichtig, verbarg sie doch ihr auffälliges pinkfarbenes Haar.

Aeroboards oder auch Aerogleiter mit eigenem Energieantrieb auszustatten war strengstens verboten. Allein der Wache, Notärzten und der Feuerwehr war es erlaubt, in Notfällen mit separatem Antrieb die vorgegebenen Energiestraßen zu verlassen. Eigentlich war dies auch so gut wie unmöglich, denn Aerogleiter bezogen ihre Energie normalerweise direkt von den Energiestraßen und waren ohne sie nicht zu bewegen. Nur wenige Menschen besaßen überhaupt die nötigen Kenntnisse und Fähigkeiten, um ihr Fahrzeug illegal mit einem zusätzlichen Energieantrieb zu versorgen. Was das anging, war es praktisch, gute Kontakte zu haben. Embas Grinsen vertiefte sich bei diesem Gedanken. An guten Kontakten mangelte es ihr keineswegs. Doch die technischen Herausforderungen waren das eine, die jahrzehntelangen Gefängnisstrafen etwas ganz anderes. Die Wache war rund um die Uhr auf der Suche nach Gesetzesübertretern jeglicher Art, und wer abseits der Straßen durch die Luft segelte, sollte stets auf der Hut sein.

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, da hörte Emba hinter sich ein wohlbekanntes Geräusch. Die schrille Sirene eines Aerogleiters der Wache durchschnitt die Nacht, noch bevor sie das Fahrzeug im typischen Gelbton ein paar Blocks weiter hinter sich entdeckte.

Emba seufzte. »Na toll! Nicht schon wieder.« Routiniert beschleunigte sie ihr Board und lehnte sich weit zur Seite, um in einer scharfen Kurve um die nächste Ecke zu gleiten. Aus dem Augenwinkel nahm sie noch wahr, wie der Aerogleiter der Wache die grüne Energiestraße verließ, auf der er sich befunden hatte, und mit eigenem Energieantrieb und manueller Steuerung die Verfolgung aufnahm.

Emba kniff die Augen gegen den Fahrtwind zusammen und schmunzelte. »Na dann zeigt mal, was ihr draufhabt.«

Sie hatte bereits aufgehört zu zählen, wie oft sie schon bei ihren nächtlichen Ausflügen von Wächtern verfolgt worden war – und wie oft es ihr gelungen war, sie abzuhängen. Die mangelnde Erfolgsquote ihrer Verfolger hatte nicht gerade dazu beigetragen, ihr Vertrauen in die Gesetzeshüter zu fördern. Andererseits war sie natürlich auch kein Maßstab. Sie wusste, dass kaum jemand sein Aeroboard so gut beherrschte wie sie selbst.

Erneut spürte sie, wie ihr Adrenalinspiegel stieg, während sie schneller und schneller um riesige Glasfassaden schoss, Ecke um Ecke umflog, unter Energiestraßen wegtauchte und Haken schlug, mit einem Ohr immer nach der in der Entfernung leiser werdenden Sirene lauschend. Schließlich drosselte sie ihren Flug und blieb schwebend hoch oben über den Dächern stehen, während sie sich umsah. Unter ihr fuhren lautlos und geschäftig wie Ameisen die Aerogleiter auf einem Kreuz von bunten Energiestraßen. Die Sirene war nicht mehr zu hören, der gelbe Aerogleiter nirgendwo zu sehen. »Ach, kommt schon«, murmelte sie. »Das war jetzt aber zu einfach.«

Wie aus dem Nichts tauchte von oben ein gelber Wächter-Aerogleiter herab und hielt nur wenige Meter vor ihr, die Scheinwerfer blendend hell auf sie gerichtet, während von unten ihr alter Bekannter von vorhin heraufschoss und sich hinter sie stellte. Rechts und links glitten zwei weitere Fahrzeuge heran und keilten sie so komplett ein.

Emba blinzelte. »Ups!« Eine Sekunde später stülpte die Wucht des freien Falls ihren Magen um.

Das Ausschalten des Energieantriebs war die einzige Rettung, der Griff an ihr linkes Handgelenk intuitiv. Dunkelheit und Licht verschwammen vor ihren Augen, während sie schneller und schneller in die Tiefe schoss, die Geschwindigkeit ließ kaum einen klaren Gedanken zu. Der Energieantrieb … sie musste ihn … wie lange fiel sie schon? … das PME …

Emba stöhnte vor Anstrengung, als sie endlich nach einer gefühlten Ewigkeit den Antrieb wieder aktivierte und den Schwung ihres Falls direkt in Beschleunigung nach vorne umsetzte. Am Rande nahm sie wahr, dass sie nur noch wenige Zentimeter von einem Zusammenstoß mit dem Beton des Gehwegs getrennt hatten, während sie zwei übervollen Mülltonnen auswich, eine fauchende Katze aufscheuchte – und direkt auf eine Backsteinmauer zusteuerte.

»Mist!« Erst im letzten Moment entdeckte sie den schmalen Spalt zwischen den zwei Hauswänden, doch zum Bremsen war es längst zu spät, zum Ausweichen mittlerweile auch. Ehe sie sichs versah, hatte sie sich aufgerichtet, die Arme an den Körper gepresst, schoss durch den gerade schulterbreiten Raum hindurch und wieder ins Freie.

Hier zog sie ihr Board steil nach oben, schwer atmend, als hätte ihr nicht ein Aufprall, sondern der Ertrinkungstod gedroht, und verscheuchte mit Mühe das Panikgefühl, das ihr die Brust zuschnürte. »Wow! Meine Fresse!« Irgendetwas fühlte sich allerdings ungewohnt an. Ihr Kopf schien auf einmal seltsam frei und ungeschützt. Ein Griff in ihr Haar bestätigte ihr, dass sie ihre Mütze bei dem freien Fall verloren hatte. Egal, das konnte sie jetzt nicht mehr ändern.

Ohne ihre Fahrt zu bremsen, schoss sie abermals davon. Erst nach zwei Minuten gönnte sie sich eine Verschnaufpause und lauschte in einer verlassenen Gegend hinter einer leuchtenden Litfaßsäule in die Nacht. Keine Sirene, kein gelb lackierter Aerogleiter. Immerhin hatte sie sie mit ihrem waghalsigen Manöver endgültig abgeschüttelt.

Erleichtert lächelte sie und konnte ein kleines befreites Lachen nicht unterdrücken. »Na, wenn das kein Spaß … Was zum?!« Erschrocken verlor sie das Gleichgewicht und schlingerte gefährlich, ehe sie wieder Stabilität fand. Das PME an ihrem Handgelenk hatte plötzlich angefangen zu vibrieren und sie in ihrem kleinen Moment der Entspannung damit beinahe zu Tode erschreckt. Noch immer mit klopfendem Herzen sah sie auf die leuchtende Schaltfläche des Armbands, welches ein Foto ihres Vaters anzeigte, um den Anrufer zu identifizieren.

»Paps«, seufzte Emba. Sie drückte den Anruf weg, ohne ihn entgegenzunehmen. Er würde wissen, dass sie den Hinweis bekommen und verstanden hatte: Es war Zeit, nach Hause zu kommen. Immerhin war morgen ein großer Tag.

In gesittetem Tempo flog Emba auf die nächste blaue Energiestraße zu und bog von dort auf eine der gelb leuchtenden Schnellstraßen ab, um auf direktem Weg nach Hause zu fliegen.

Während sie ihr Board mit den vertrauten Bewegungen auf altbekannten Wegen nach Hause steuerte, überkam sie ein Anflug von Wehmut. Wenn morgen alles glattlief, würde sie auf ihr Aeroboard und diese nächtlichen Ausflüge für lange Zeit verzichten müssen.

Die Jägerschule von Pantreàs

Die Dunkelheit war so undurchdringlich, dass sie die Wände ihres Gefängnisses nicht erkennen konnte. Doch sie wusste, dass sie da waren, höchstens zwei Schritte von ihr entfernt. Sie war sie schon oft genug abgelaufen, unablässig, endlos. Ohne Sinn und Verstand einen Fuß vor den anderen setzend, vergebens nach einem Schlupfwinkel, einem Ausweg suchend.

Immer und immer wieder.

Die Grenzen ihres Verlieses nicht erkennen zu können half nicht gegen das Gefühl der Enge. Gegen die Panik. Gegen die Vorstellung, die Wände würden lautlos und hinterlistig immer weiter auf sie zurücken. Würden mit jedem Mal, das sie an ihnen entlanglief, den Raum noch ein kleines bisschen enger machen. Und noch ein bisschen enger. Bis sie sich nicht mehr würde bewegen können, bis sie erdrückt werden würde, zu Tode gequetscht. Bloß dass sie nicht sterben würde. Der Tod würde sie nicht von ihren Qualen erlösen können.

Atmen. Weiteratmen. Gegen die Panik kämpfen. Ganz ruhig.

Sie hatte längst vergessen, wie es sich anfühlte, frei zu sein. Wie es war, von den Sonnenstrahlen gewärmt zu werden, vom Regen durchnässt, vom Wind umweht. Zu laufen, einfach zu laufen, immer weiter. Auf keinen Fall durfte sie daran denken, dass sie nie wieder etwas anderes sehen würde als diese Schwärze, dass sie nie wieder etwas anderes spüren würde als diese kalten, harten Wände. Denn dann erfüllte die Sinnlosigkeit, die schiere Endlosigkeit ihres Daseins sie mit bodenlosem Grauen.

Ruhig! Atmen. Ein und aus. Doch sie atmete keine Luft, sie atmete nur tiefe, nachtschwarze Dunkelheit. Wie sollte sie noch Platz haben hier drin, wo doch alles voller Dunkelheit war? Mit jedem Atemzug füllte sie ihre Lungen, drang in ihr Blut, flutete sie von innen, zerfaserte ihren Körper, bis sie nicht mehr wusste, wo sie aufhörte und wo die Dunkelheit begann …

»Emba! Emba, Prinzessin! Wach auf!«

Erschrocken nach Luft schnappend fuhr Emba aus dem Schlaf. Wie eine Ertrinkende griff sie um sich und rang nach Atem, völlig panisch und orientierungslos. Wo war sie? Was war passiert? Erst als sich eine vertraute, warme Hand um die ihre schloss, entspannte sie sich.

»Es war nur ein Traum. Alles nur ein Traum.«

Wieder etwas ruhiger atmend sah Emba zu ihrem Vater, der neben ihrem Bett kniete und sie mit besorgter Miene musterte.

»Wieder dieser Albtraum?«

Emba nickte. »Immer der gleiche.«

Elias seufzte und strich ihr liebevoll über das Haar. »Ich wünschte, das würde endlich aufhören.« In solchen Momenten, mit gerunzelter Stirn und tiefen Augenringen vom nächtlichen Arbeiten am Schreibtisch, sah Embas Vater erschreckend alt aus. Vor allem, da sein jugendlicher Enthusiasmus, sein sportlicher Körper und sein noch immer dichtes schwarzes Haar ihn für gewöhnlich um Jahre jünger wirken ließen, als er tatsächlich war.

»Wem sagst du das!« Stöhnend setzte Emba sich auf, schlug die Bettdecke beiseite und rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht in dem Versuch, den letzten Nachhall der Traumbilder und des Schreckens zu verscheuchen. Seitdem sie denken konnte, verfolgte sie in unregelmäßigen Abständen der gleiche Albtraum. Jedes Mal war sie in einem dunklen, engen Raum gefangen, litt Todesqualen, als würden die Wände ihres Gefängnisses ihr körperliche Schmerzen zufügen, und wurde schier wahnsinnig vor Verzweiflung und hilfloser Wut. Unzählige Psychologen und Ärzte hatte ihr Vater schon bemüht, um sie von den Träumen zu heilen. Doch keiner hatte ihr helfen können. Mit zwölf Jahren waren ihr schließlich die ständigen Sitzungen bei irgendwelchen Seelenklempnern und deren bunte Pillen zu viel geworden, und sie hatte sich schlichtweg geweigert, den Zirkus weiter mitzumachen. Seitdem hofften sie darauf, die Träume würden einfach von selbst aufhören. Bisher vergeblich.

Elias fuhr ihr noch einmal über das Haar, stand dann auf und ging zu dem großen Fenster an der Ostseite ihres Zimmers, wo er die Vorhänge weit aufriss und die Morgensonne einließ. Erbarmungslos fluteten ihre Strahlen den Raum, erhellten Schränke, Schreibtisch, Boxsack und die allgemeine Unordnung aus Zeitschriften und Anziehsachen.

Emba kniff die Augen zusammen und hätte sich am liebsten wieder unter der Bettdecke verkrochen. Sie hatte in der letzten Nacht eindeutig zu wenig Stunden Schlaf bekommen. Doch ein Blick auf das Uhrenziffernblatt auf der Schaltfläche ihres PMEs ließ sie dann doch die Beine aus dem Bett schwingen und aufstehen. Wie jeden Morgen hielt sie es kurz vor die quadratische Ladefläche an der Wand neben der Kopfseite ihres Bettes, um den Energiespeicher aufzufüllen. Sowohl die Ladefläche als auch die Schaltfläche ihres PMEs leuchteten erst rot und kurz darauf grün auf, und Emba legte das PME um ihr Handgelenk.

»Emba!« Elias fasste sie sanft an der Schulter, ehe sie das Zimmer verlassen konnte, und drehte sie zu sich herum. »Geht es dir wirklich gut? Du weißt, dass du hierbleiben und dich ausruhen kannst, wenn du möchtest. Keiner zwingt dich …«

Emba grinste und stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihm einen Kuss auf die Wange zu geben. »Netter Versuch, Paps«, flüsterte sie ihm ins Ohr. Dann drehte sie sich auf dem Absatz um und verschwand in Richtung Badezimmer.

Elias und Emba bewohnten eines der größeren Hochhäuser von Pantreàs. Der Architekt behauptete, bei dem Entwurf von Wolken inspiriert worden zu sein. Und tatsächlich waren die Räume so weit und hell, der Ausblick hinter den großen Fensterfronten so atemberaubend, dass man meinen könnte, über der Stadt zu schweben. Sie würde diesen Ausblick vermissen, schoss es Emba durch den Kopf, als sie frisch geduscht und gekämmt aus dem Bad trat. Schnell verscheuchte sie den Gedanken. Sie wollte heute Morgen nicht unglücklich sein.

Auf der Treppe kam ihr ein Dienstmädchen entgegen, dessen Namen zu merken Emba sich noch nie die Mühe gemacht hatte. »Guten Morgen, Fräulein Emba!«, sagte die Angestellte höflich und machte einen kleinen Knicks. Emba sah gedankenverloren von ihrem PME auf und nickte ihr abwesend zu. »’n Morgen!«

Der lange gläserne Tisch in dem sparsam möblierten Speisezimmer war wie gewohnt bereits gedeckt und zum Bersten gefüllt mit frischen Brötchen, Aufschnitt, Obst, Joghurt, Ei und Müsli. Elias saß am Kopfende, trank schwarzen Kaffee und las auf dem von seinem PME auf Augenhöhe projizierten Energiefenster die Tageszeitung, wie Emba spiegelverkehrt von hinten sehen konnte. Etwas abseits, unauffällig und diskret wie immer, stand der Butler Helas, die leicht ergrauten Haare ordentlich gescheitelt, die schwarze Uniform tadellos, und schaute mit ernstem Blick über seine Hakennase ins Leere. Als Emba an den Tisch trat, nickte er ihr höflich zu. »Guten Morgen! Was wünschen Sie zu trinken?«

»Grapefruitsaft, bitte.« Emba seufzte und ließ sich schwer auf einen Stuhl zur Linken ihres Vaters fallen, während Helas in der Küche verschwand.