Sechs Horst Bieber Krimis #1 - Horst Bieber - E-Book

Sechs Horst Bieber Krimis #1 E-Book

Horst Bieber

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  • Herausgeber: BookRix
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2019
Beschreibung

Sechs Krimis von Horst Bieber, dem Träger des Deutschen Krimi-Preises.   Der Umfang dieses Buchs entspricht 999 Taschenbuchseiten.   Dieses Buch enthält folgende sechs Krimis: Matus Rache Sein letzter Fehler Sand im Mund Liebe unter Piranhas Ein Schwan stirbt selten allein Anna verschwindet

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Horst Bieber

Sechs Horst Bieber Krimis #1

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Sechs Horst Bieber Krimis #1

von Horst Bieber

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 999 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch enthält folgende sechs Krimis:

Matus Rache

Sein letzter Fehler

Sand im Mund

Liebe unter Piranhas

Ein Schwan stirbt selten allein

Anna verschwindet

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

[email protected]

 

 

MATUS RACHE

von Horst Bieber

Herbert Matuschewski (Matu) beschließt, drei Freunden finanziell zu helfen. Sie sollen gegen Honorar Schmiere stehen, während er den Tresor in der Villa des Juweliers Fleisser ausräumt. So geschieht es. Doch am nächsten Tag findet die Haushälterin ihren Chef Fleisser ermordet in seinem Arbeitszimmer. Drei Tage später behauptet ein anonymer Briefschreiber, Matu sei an dem Abend bei Fleisser eingebrochen. Matu fährt wegen des Einbruchs ein und nimmt sich vor, nach seiner Entlassung den Anonymus zu finden und sich an ihm zu rächen. Und was Matu beginnt, bringt er auch zu Ende, auch wenn es dabei Tote gibt.

Personen

Herbert Matuschewski: allgemein nur Matu genannt, vorbestrafter Einbrecher und Schränker, gelernter Feinmechaniker, heute Verkaufsberater im Baumarkt Schödel am Tellheimer Zentrumsplatz

Annegret Fuhrmann: Matus ledige Kollegin im Baumarkt

Lena Fuhrmann: Annegrets Tochter, besucht die Textilfachschule

(Jo)Hannes Schorbach: Immobilienmakler und Anlageberater

Sina Kerff : Schorbachs Freundin, Geschäftsführerin im Club Royal am Breedener See

Anton Winkler: Kleiner Geschäftsmann mit großen Finanzsorgen

Elvira Winkler: arbeitet in der Nachtbar Orchidee.

Konrad Ellwanger: zockender, verschuldeter Maler und Fliesenleger

Frieda Ellwanger: Konrads Ehefrau, spielt Lotto

Die drei Männer treffen sich sonntags mit Matu zum Boccia-Spielen im Reschenpark und zum Frühschoppen in der Parkklause.

Martin Fleisser: Goldschmied und Juwelier. Sein privater Tresor im Mauerweg 19 wird ausgeräumt

Greta Lissen: Fleissers Haushälterin, hat Nebenverdienste und redet zu viel

Lydia Fleisser: Fleissers Nichte, tut nicht gut

Dr. Thomas Holk: Matus Rechtsanwalt und Verteidiger

Jule Springer: Kriminalhauptkommissarin

Ellen König: Kriminaloberkommissarin

Sigrid Bauer: Kriminalkommissarin

Die drei Frauen bilden das Referat 11, die früher so genannte Mordkommission, sie laufen im Tellheimer Präsidium unter dem Spitznamen das Schwarz-Weiß- oder Schach-Team.

Detlev Külz: Unterweltgröße, zu Recht der dreckige Detel genannt

„Buffalo Bill“: Spitzname für einen Hehler, der Opfer einer Sprengstoff-Falle wird.

Alle Name und Taten, Geschäfte und Lokale sind frei erfunden, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Auch die Stadt Tellheim existiert nur in der Fantasie des Autors.

Erstes Kapitel

Wann immer es das Wetter erlaubte, trafen sich die vier Männer sonntags gegen zehn Uhr im Reschenpark zum Boccia. Das Kugelspiel war ein geeigneter Vorwand, nach dem Spiel oder bei Nieseln, Wind und Kühle statt der Spielanlage die Reschenparkklause zu besuchen und sich in aller Ruhe einen Frühschoppen zu genehmigen. Alle vier tranken nicht viel und brachen meist nach zwei Runden auf. Vor Jahren hatten sie sich durch Zufall an der Boccia-Bahn getroffen und sich von einem älteren Mann überreden lassen, es doch einmal zu versuchen. Zu ihrem Erstaunen fanden die vier sehr unterschiedlichen Männer Gefallen an dem Spiel und verabredeten sich für den nächsten Sonntag. Daraus erwuchs eine mit Bier haltbar gemachte Freundschaft.

Herbert Matuschewski, von den anderen nur Matu genannt, gab den Ton an. Er hatte das gar nicht gewollt, es hatte sich so ergeben, und keiner der drei versuchte, ihm heute diese Position streitig zu machen. Matu war Mitte vierzig, ein gut aussehender sportlich-kräftiger Mann, nicht verheiratet, aber beileibe kein Frauenfeind. Er arbeitete als Verkaufsberater im Baumarkt Schödel am Zentrumsplatz, Abteilung Sicherheit, und verdiente ordentlich. Dass er wegen Einbruchs einmal zweieinhalb Jahre gesessen hatte, wusste keiner, und Matu achtete darauf, dass es auch keiner erfuhr, weder sein Boccia-Quartett noch seine schnell wechselnden Freundinnen, die er meistens im Baumarkt kennenlernte. Matu hatte Glück bei den Frauen und war geschickt und klug genug, sich immer ohne Zank oder wütende Verstimmung von ihnen zu trennen. Mit einer von ihnen, Amelie, blieb er auch nach der Trennung von Tisch und Bett so gut befreundet, dass er ihr von dem Erlös seiner Brüche seinen "Notgroschen" anvertraute, um für den Fall der Fälle nicht ganz ohne Geld zu sein. Matu hatte es nicht mehr nötig einzubrechen, aber er liebte den Kitzel, dem er drei- der viermal im Jahr nachgab, seit der ersten Verurteilung immer sehr vorsichtig und nur nach gründlicher Vorbereitung mit minimalen Risiko.

Seine vorletzte Beziehung, Milva, die ein paar Jahre in Frankreich gelebt hatte, nannte ihn einen "Bel Ami" - nicht schön, doch charmant, nicht klug, doch galant - "Du hast Glück bei den Frau'n." Zum Abschied schenkte sie ihm den Maupassant-Roman; er revanchierte sich mit einem Rubinring, der aus einem lohnenden Einbruch stammte, was Milva nie erfuhr. Amelie hätte er es gestanden, aber sie hätten den Ring dann nicht mehr ange-nommen.

Auch das verheimlicht Matu vor seinen Boccia-Freunden.

In puncto Erfolg beim anderen Geschlecht kam ihm Johannes, "Hannes" Schorbach am nächsten. Hannes, Anfang vierzig, von Beruf Makler und Anlageberater, war auch ledig, lebte aber seit Jahren mit einer auffallenden hellbrünetten Schönen in einer festen Beziehung. Sina Kerff war Geschäftsführerin im Club Royal am Breedener See, sprach neben Englisch und Französisch fließend Russisch und Ungarisch und half ihrem Freund Hannes, an neureiche Oligarchen und Parvenüs aus Russland und den Balkanländern gegen hohe Provision Immobilien, Beteiligungen, Anlagen und Anleihen zu verscherbeln. Matu vermutete nach Andeutungen, dass sie bei besonders schwierigen und zögerlichen Interessenten auch mal gratis eine horizontalen Zugabe lieferte, teils geschäftlich veranlasst, teils aus Gefühlsgründen, was der ins Geld verliebte, ziemlich skrupellose Hannes wusste und akzeptierte, woraufhin sie ihm seine zahlreichen Seitensprünge nicht verargte.

Was Sina partout nicht verstand, war seine Freundschaft mit den drei Sonntags-Bocciaspielern in einem öffentlichen Park. Sina mochte keine Menschen, die auf den Euro sehen und feste Dienstzeiten einhalten mussten.

Anton Winkler, Mitte dreißig, betrieb einen kleinen Laden für elektronische Bau- und Einzelteile am Looserkamp. Das Geschäft lief schlecht, woraus er kein Geheimnis machte. Gegen den Internethandel und die Großen im Gewerbe hatte er auf Dauer keine Chance. Er war kinderlos verheiratet und seine Frau Elvira, Ende zwanzig, blond, kurvenreich und sexy, arbeitete als Schönheitstänzerin, Barfrau und Oben-Ohne-Bedienung in der Orchidee und ging auch schon einmal mit Stammkunden in eines der Apartments, die über der Nachtbar lagen. Anton litt unter diesen Verhältnissen, hatte aber nicht den Mut oder die Kraft, sie zu ändern und bemühte sich, das alles vor seinen Freunden geheim zu halten.

Konrad Ellwanger, Anfang fünfzig, war Maler und Fliesenleger in der Firma Gebrüder Schustereit, die seit Jahren an der Insolvenzgrenze herumkrebste. Sollte sie schließen, würde es für Konrad Ellwanger eng werden. Der schlug sich schon mit allerlei berufsbedingten Zipperlein herum, Rücken- und Knieproblemen, chronische Bronchitis, dazu beginnende Arthrose in den Handgelenken. Sein "einziger Trost", wie er immer sagte, war es, dass seine beiden Kinder das Haus schon verlassen hatten. Moni(ka) Ellwanger arbeitete als Kindergärtnerin in der Kita der Moritzkirchengemeinde und würde wohl bald heiraten. Franz fuhr zur See und kam nur selten nach Tellheim auf Besuch.

Mutter Frieda, gelernte Friseuse, arbeitete nicht mehr regelmäßig, sondern frisierte in Privatwohnungen Bräute vor der Trauung und junge Damen, die sich verloben wollten und den Schwiegereltern vorgestellt werden sollten. Außerdem spielte sie Lotto, worüber sich Konrad bei jeder Gelegenheit lustig machte. Er zockte lieber regelmäßig und genauso regelmäßig ohne Erfolg. Unter seinen Schulden würde er bald ersticken. Üppig ging es bei keinem der vier Spieler zu, am besten schnitten noch Hannes Schorbach und Matu ab. Alle vier wohnten in Straßen nicht weit vom Reschenpark, hier waren die Mieten noch erschwinglich und der Autoverkehr erträglich.

Schorbach hatte angefangen, im Stadtteil Fünfkirchen ein Haus zu bauen, war aber nach einer gigantischen Fehlspekulation in Geldnöte geraten und hatte Grundstück und Fundament verkaufen müssen.

Nach der ersten Runde begann es zu nieseln, und Matu schlug vor, was man von ihm erwartete: "Ich denke, wir brechen ab und genehmigen uns etwas innere Feuchtigkeit."

In der Klause hatten sie eine Art Stammecke, möglichst weit weg vom Tresen und den anderen Gästen. Vier Biere rollten ohne Bestellung an. Nachdem der erste Durst gelöscht war, sagte Winkler leise: "Ich muss Euch was gestehen."

"???"

"Ich bin so absolut pleite, dass ich Euch bitten muss, mir mit ein paar Euros auszuhelfen."

"Was ist passiert, Anton?"

"Ich kann meine Stromrechnung nicht mehr bezahlen und diese Kerle drohen, mir die Leitung abzuklemmen."

"Diese Schweine!" - "Das sieh denen ähnlich. Für sich große Dienstwagen und Boni zum Jahresende, der kleine Mann zahlt es ja."

Den wahren Grund seiner plötzlichen Finanznot verschwieg Winkler. Elvira und er hatten fest damit gerechnet, dass am Samstag wieder Martin der Fummler in der Orchidee erscheinen und mit Elvira in ein Apartment gehen würde. Seine sexuellen Wünsche waren etwas ungewöhnlich, brachten aber in der Regel zwei Hunderter ein. Doch gestern war Martin nicht erschienen und spätestens am Montag musste Winkler die Strom-Rechnung bezahlen.

"Ich brauche unbedingt einen Nebenjob, damit Geld in die Kasse kommt", sagte Winkler kläglich. "Wenn's sein muss, laufe ich auf einem Hochseil ohne Netz quer über den Marktplatz."

"Und ich springe ohne Fallschirm vom Turm der Moritzkirche", schloss sich Ellwanger an.

"Bringt das was?", spottete Matu.

"Auf dem Hof gibt's ein kleines Planschbecken für die Kinder. Das darf ich nicht verfehlen."

"Und Moni muss vorher die Kinder heraus scheuchen."

"Wäre empfehlenswert, ja."

"Und was ist mit dir, Hannes, keine Geldsorgen?"

"Doch, doch, leider auch. Aber bei mir müsste es sich wirklich lohnen."

"Zum Beispiel?"

"Ein Einbruch in ein Juweliergeschäft. Oder eine Bank."

Matu horchte auf: "Hast du denn einen ordentlichen Hehler an der Hand? Ein Bruch, ohne geschnappt zu werden, ist eine Sache, die Sore günstig zu verkaufen und dabei nicht reingelegt zu werden, eine ganz andere."

"Ne", sagte Schorbach bekümmert, "einen Hehler habe ich nicht an der Hand."

Matu hatte seit langem einen, sogar einen zuverlässigen, aber das musste er den Grünlingen ja nicht auf die Nase binden. Aber offenbar waren alle bereit, etwas zu riskieren, um schnell an Geld zu kommen. Das sollte er sich überlegen. Nach der zweiten Runde brachen sie auf. Bei dreien wartete eine Frau mit dem Essen auf sie, Matu musste sich seine Rühreier mit Schnittlauch und Schinkenwürfeln selbst zubereiten, er war ein passabler Hobbykoch. Während er die Rühreier in sich hineinschaufelte, beschloss er, erst noch etwas zu recherchieren, bevor er sich entschied.

Matu hatte Greta Lissen vor einigen Wochen im Baumarkt kennengelernt. Sie kaufte mehrere Zahlenschlösser ein und ließ sich von ihm zeigen, wie man die Öffnungsziffern verändern konnte. Dabei fiel ihm auf, dass sie sich während der Demonstration unnötig dicht an ihn herandrängte. Er hatte nichts dagegen einzuwenden, sie war hübsch, schlank, gut gerundet und roch angenehm frisch nach einem blumigen Parfüm. Als er ihr ein Rendezvous vorschlug, stimmte sie sofort zu, meinte aber, sie könne nur mittwochs, an ihrem freien Nachmittag und Abend.

"Schade, das ist ja noch eine Ewigkeit hin", bedauerte er.

"Oder wir treffen uns sofort, jetzt gleich. Mein Chef ist ausnahmsweise zu Hause."

"Zu Hause? Ihr Chef?"

Greta war, wie sich herausstellte, eine Hausangestellte und hatte eine eigene kleine Wohnung in der Villa ihres Arbeitgebers, der heute wegen eines dicken Schnupfens nicht in sein Geschäft gefahren war. "Frei habe ich nur am Mittwochnachmittag und die Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag."

"Und die verbringt eine so attraktive Frau wie Sie doch bestimmt bei einem festen Freund", schmeichelt er.

Sie schnitt eine Grimasse: "Normalerweise ja, aber der Kerl denkt, er hat mich fest an der Leine und zieht und benimmt sich wie ein schlecht erzogener Ehemann, statt sich um mich zu bemühen. Deswegen habe ich eine längere Beziehungspause eingelegt."

Matu achtete in der Regel darauf, weder Ehemännern noch Freunden in die Quere zu kommen, aber hier war die Aufforderung zu deutlich. "In einer halben Stunde habe ich frei. Treffen wir uns vor dem Haupteingang?"

Schon auf der Fahrt in die Renzelstraße zog sie ihren weiten Rock sehr weit hoch. "Gefallen dir meine Beine", wollte sie wissen. Erstens gefielen sie ihm und zweitens hätte er in dieser Situation wohl kaum "Nein" sagen können. Vorsichtshalber fügte er aber noch an: "Auch alles andere, was daran hängt und darauf läuft." Zum Dank dafür fielen, sobald seine Wohnungstür geschlossen war, alle Hüllen. Es wurde ein wilder, lusterfüllter Abend und wäre wohl eine noch aufregendere Nacht geworden, wenn nicht kurz vor einem Höhepunkt ihr Handy gebimmelt hätte. Wer am Telefon war, musste er erraten, aber sie sagte mehrfach: "Tut mir leid, Chef, ich bin aufgehalten worden, ja, ja, Chef, ich nehme mir gleich ein Taxi und komme sofort."

"Mist", murmelten sie beide gleichzeitig.

Sie legte ihm einen Zettel mit ihrer Handynummer auf den Tisch, sprang in ihre Klamotten und verschwand blitzartig. Der Duft ihre Parfüms hing noch lange in der Luft. In der Rotweinflasche war noch ein großer Schluck zurückgeblieben, den Matu nicht umkommen ließ.

Am nächsten Mittwoch rief er vor seinem Dienstschluss Greta auf dem Handy an. Sie jubelte: "Das ist ja toll! Hast du Lust, zu mir zu kommen. Der Chef kommt erst gegen Mitternacht nach Hause, der hat mittwochs seinen Zunftabend, was immer feucht und spät wird."

"Und wo wohnst du?"

"Mauerweg 19 in Breeden."

"Donnerwetter, das ist doch direkt am Schloss, nicht wahr?"

"Ja und nein, direkt an der Mauer um das Schlossgelände."

An der Haustür staunte Matu noch einmal, als er das Klingelschild las: Martin Fleisser.

"Der Juwelier?", fragte er ungläubig.

Sie nickte nur.

Matu hatte einmal überlegt, das Hauptgeschäft Fleissers in der Langenfelder Allee zu "besuchen", den Plan aber aufgegeben, weil die Sicherheitsvorkehrungen zu massiv waren und er wenig später bei einem vergleichsweise harmlosen Bruch festgenommen wurde, was dann zu seiner ersten und bis jetzt einzigen Haftstrafe führte, von den mehrfachen Wochenendarresten als Jugendlicher zu schweigen. Seine Minusliste bei Polizei und Jugendamt wuchs. Im Knast begegnete ihm dann ein spindeldürrer "Arbeitskollege", Ottokar das Brecheisen, der erzählte, es gebe das Gerücht in ihrer Branche, Fleisser sei ein Hehler in großem Stil, was stimmen konnte, aber nicht zutreffen musste. Im Knast wurde viel erzählt. Als Matu nach der Entlassung aus der Haft seinen Stammabnehmer traf, fragte er, was an dem Gerücht dran sein konnte. Buffalo winkte ab. Fleisser sei bei keinem beliebt, aber bewiesen wäre noch keine dieser Behauptungen.

Greta verschleppte ihn in ihrer kleinen Wohnung sofort in das Schlafzimmer an. Er konnte seine Hosen nicht schnell genug fallen lassen. Hinterher steuerte er vorsichtig seine Interessen an. So ein riesiges Haus für eine Person, das sei doch die reine Verschwendung.

Sie widersprach nicht, sondern bot ihm an, eine "Schlossführung" zu machen. Jetzt lehnte er nicht ab, auch nicht, als sie erklärte, sie laufe gerne nackt durch das Haus, wenn Fleisser nicht da sei. "Und was passiert, wenn er unerwartet nach Hause kommt und dich dann nackt herumturnen sieht?"

"Dann würde er sich direkt über mich hermachen. Für sein Alter ist der Kerl noch erstaunlich geil und verdammt fit." Matu fragte nicht, woher sie das wisse.

"Was dir nicht gefallen würde?"

"Kommt darauf an, womit er es später wieder gutmachen will."

Eine so ehrliche, ungeschminkte Antwort hätte Matu nicht erwartet.

Die Hausführung ließ Fleissers Arbeitszimmer nicht aus, und Matu merkte sich das Fabrikat und den Typ des Tresors und erfüllte ihren Wunsch, als sie sich auf den Schreibtisch legte und die Beine spreizte. Er war kein Psychologe, aber selbst ihm wurde klar, dass zwischen Greta Lissen und Martin Fleisser etwas geschehen war, das sie nicht erklären wollte, was aber weiter schwelte. Ihre Behauptung, es handele sich um ein ganz normales Arbeitsverhältnis zwischen ihnen und sonst gar nichts, hatte Matu ohnehin nicht geglaubt. Aber da er für Greta keinerlei Gefühle aufbrachte, interessierte ihn die Wahrheit auch nicht. Sie bummste gerne und gut und wenn es ihr Spaß machte, vor Matu nackt durch das Haus zu laufen und mit dem wirklich hübschen Po zu wackeln, wollte er sie daran nicht hindern.

Als sie duschte, nahm er ihr Handy und notierte sich die Nummern, die sie in letzter Zeit häufiger angerufen hatte.

Buffalo meinte, wegen alter Tresore und Panzerschränke sollte er sich am besten mit Ottokar, dem Brecheisen, in Verbindung setzen, der in wenigen Tagen entlassen würde. Buffalo stellte eine Verbindung her, Matu traf sich mit dem Hageren und bezahlte ihn großzügig für zwei Lehrstunden "Wie öffne ich einen Schlözer & Tessmann aus den vierziger Jahren des zwanzigsten Jahrhundert, Typ Kyffhäuser?" Ottokar würde ihm auch das nötigen Werkzeug leihen, vielleicht sogar verkaufen. Ihm drohte bei der nächsten Verurteilung Sicherungsverwahrung, und einem lebenslangen Knast fühlte sich das Brecheisen nicht mehr gewachsen. Matu verstaute alles in seinem Keller und legte den "Fall Fleisser" sozusagen vorerst einmal zur Seite, dachte erst wieder daran, als das Boccia-Quartett massiv über akute Geldsorgen zu klagen begann.

"Ich hätte vielleicht etwas", begann er am nächsten Sonntag in der Klause. "Allerdings kann es hinter Gittern enden und ihr müsstet euch mit einem Festhonorar zufrieden geben. Ich weiß nämlich nicht, was sich in der Villa befindet, und habe schon hohe Kosten für die Vorbereitung gehabt."

"Was könntest du uns denn bieten?", erkundigte sich Winkler.

"Zweitausend für jeden, gleich nach dem Job bar auf die Kralle."

"Und was müssten wir dafür tun?"

"Mit Funkgeräten Schmiere stehen und mich unter Umständen warnen, wenn da jemand in die Villa will."

"Du willst also einbrechen?", fragte Schorbach verwundert. "Das hätte ich von dir nicht geglaubt."

Matus harmlose Art und sein offenes Gesicht waren wichtige Bestandteile seines Nebenjobs. Einbrechen um des Geldes willen musste er nicht mehr, aber er liebte den Kitzel und die Gefahr, bereitete allerdings alle Brüche sehr umsichtig vor.

"In der Not frisst der Teufel Fliegen und für Freunde tut man doch auch vieles."

"Wann und wo?"

"Ich zeige euch am nächsten Mittwoch um 21 Uhr, welche Villa ich mir ausgesucht habe."

Eigentlich war es Leichtsinn; er hatte es nicht mehr gewagt, Greta anzurufen oder die Villa gründlich auszubaldowern. Greta kannte ihn und er wollte nicht riskieren, dass sie ihn zufällig sah, wenn er durch den Mauerweg stromerte. Buffalo hatte drei passende Funkgeräte auf Lager, half ihm sogar, sie umzubauen und versprach, in der übernächsten Woche am Mittwoch Werkzeug, Beute und alle Geräte zu übernehmen. Buffalo handelte nicht selbstlos, er würde einen netten Preis für seine Hilfe fordern und sich an Teilen der Beute schadlos halten. Sein Lieblingsspruch lautete: "Auch Hehler wollen leben und nicht nur trocken Brot essen." Das Brot verdiente er mit seinem riesigen Second-Hand-Store, und Leute wie Matu sorgten dafür, dass auch einmal Butter und Aufschnitt oder Käse auf die Scheiben kamen.

Am nächsten Sonntag waren alle gespannt, allein Schorbach murrte: "Nur zwei Riesen für das Risiko?"

"Welches Risiko?"

"Schließlich leisten wir Beihilfe."

"Wer will euch das nachweisen, wenn ihr den Mund haltet. Ihr spaziert abends in der Nähe des Schlossparks herum, wie viele andere harmlose Tellheimer auch."

Alle, auch Schorbach, trafen am Mittwoch pünktlich um 21 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Eingang zum Schlosspark ein, und Matu verteilte die Funkgeräte. "So, jeder muss so einen Knopfhörer im Ohr tragen. Die Geräte sind so programmiert, dass jeder jeden immer hört. Wenn einer Alarm geben will, drückt er diesen roten Knopf. Dann spricht er alleine, alle anderen Sender sind stumm geschaltet. Wenn ich durchgebe "Aktion beendet", kommt ihr zu meinem Auto auf dem Parkplatz zurück. Ich übernehme die Funkgeräte und gebe euch das Honorar. Alles klar?"

Fleissers Villa im Mauerweg 19 konnte auf vier Wegen erreicht werden, über die Grabengasse, die Haraldstraße und über Am Breedenbusch. Bis zum Mauerweg lief man vom Eingang des Parkplatzes knapp zehn Minuten, und unterwegs erprobten sie die Geräte.

"Achtung, scharfe weibliche Mine auf Kollisionskurs", alberte Winkler.

"Ausweichmanöver nach backbord", befahl Ellwanger.

"Gefahr vorbei", schloss Schorbach ab. "Treibmine von männlichem Räumer aufgenommen."

Für die drei Kumpel fanden sich Positionen, von denen aus sie "ihre" Zufahrt zum Mauerweg mühelos beobachten konnten.

An Sonntag waren alle Feuer und Flamme, auch Schorbach, was Matu etwas verwunderte. Aber allen war inzwischen wohl aufgegangen, dass sie für einen kurzen, mühe- und risikolosen Job viel Geld verdienen konnten. Am Mittwoch holte Matu vor der Fahrt in seinen Baumarkt die bestellten Geräte bei Ottokar dem Brecheisen und Buffalo ab: "Danke, Bill, dann bis heute Abend auf dem Parkplatz vor dem Schlosspark. Du kennst ja meinen Wagen, ich denke, du solltest in einigem Abstand parken."

Das verstand Buffalo ohne nachzufragen. Je weniger Leute ihn kannten und von seiner Bekanntschaft mit Matu wussten, desto besser für ihn und Matu, und Buffalo, der nur wenige echte Freunde hatte, verstand sich noch am besten mit dem Brecheisen Ottokar. Was rein geschäftlich begonnen hatte, führte allmählich zu einer Männerfreundschaft. Von Frauen hielt Buffalo ohnehin nicht viel, seine große Liebe hatte ihn im Zorn bei der Polizei verpfiffen und nie im Knast besucht oder mal geschrieben.

Der Tag im Geschäft verlief sehr ruhig, Matu hatte nicht viele Kunden zu beraten und half deshalb freiwillig mit, im Lager aufzuräumen, was seinem Chef Oskar Matzke, analog zur Blechtrommel als Steißtrommler gefürchtet, sehr positiv auffiel. Schließlich hatte er gegen einigen Widerstand durchgesetzt, dass Baumarkt-Schödel einen Vorbestraften einstellte. Auch Matu wusste, wie wichtig ein fester, gut bezahlter Arbeitsplatz für ihn war, sollte er einmal in Verdacht geraten. Denn seit er auf den Erlös seiner Brüche nicht mehr angewiesen war, betrieb er das Geschäft quasi als Hobby und Training, um nicht aus der Übung zu kommen. Weil dieses Motiv nicht auf dem Zettel der Kripo stand, geriet er auch nicht mehr in Verdacht.

Gegen 20 Uhr 30 suchte er sich auf dem Parkplatz vor dem Haupteingang zum Schlosspark einen Platz und machte sich auf die Suche nach Buffalos Kleinwagen.

"Hals- und Beinbruch, Matu."

"Danke Billy. Bis nachher dann."

Die drei Kumpel trafen pünktlich ein, nahmen bei Matu ihre Funkgeräte in Empfang und dann marschierte ein unauffälliges Quartett Richtung Mauerweg. Matu hatte sein Werkzeug in einen Beutel gepackt, den er jetzt über der Schulter trug und später hinter sich her ziehen konnte. Alle versprachen, die Augen offen zu halten und umgehend Alarm zu geben. Matu achtete darauf, dass sie gut sehen konnten, welche Villa er ansteuerte.

Er staunte nicht schlecht. Das Haus schien tatsächlich leer, alle Fenster waren dunkel, ganz, wie diese unvorsichtige Greta ihm unter der Dusche erzählt hatte. Matu hatte sich nichts anmerken lassen, auch nicht, als sie den Namen ihres Arbeitgebers nannte.

Aber er hatte sich gut gemerkt, was die ziemlich schwatzhafte Greta so alles erzählt hatte. Mittwochs, wenn die Hausangestellte Greta Lissen ihren freien Abend hatte und ihr Chef zu seinem "Zunftessen" mit Kollegen ging, stand die Villa des Juweliers und Goldschmieds Martin Fleisser im Stadtteil Breeden leer. Mit aller Vorsicht hatte Matu nach dem ersten Bett-Brause-Vergnügen das Objekt und die Umgebung ausgekundschaftet: Gretas Behauptungen stimmten. Die nächsten Nachbarn wohnten weit genug entfernt, um ihn nicht zufällig zu bemerken. Es gab keinen Hund und auch keinen Wachdienst. Es gab nicht einmal einen Bewegungsmelder, sondern nur metallische Rollläden vor den Fenstern.

Die letzten Meter bis zur Haustür kroch Matu auf dem Bauch dicht an der Hauswand entlang und zog den Beutel mit seinem Werkzeug hinter sich her. Der Rasen war lange nicht mehr gepflegt worden und bestand mehr aus weichem Moos denn Gras. Das Sicherheitsschloss war nicht schlecht, aber er kannte die Marke aus dem Baumarkt und brauchte keine Minute, es mit einem Generaldietrich ohne Beschädigung und Spuren von Gewalt zu öffnen.

Drinnen wagte er es dann, seine Taschenlampe kurz anzuschalten. Fleisser hatte seinen privaten Tresor in seinem Arbeitszimmer aufgestellt. Und das Zimmer fand er ohne langes Suchen im Erdgeschoss wieder, ein großer Raum mit Fenstergittern, ausgestattet mit einem Schreibtisch, Fernseher und Computer. Wegen der herabgelassenen Rollläden war es duster. Matu trug jetzt Plastikfingerhandschuhe und hatte sich eine stramm sitzende Baseballkappe aufgesetzt.

Der Tresor hatte einige Jahrzehnte auf dem Buckel und besaß noch eine altmodische Zahlenkombinationsverriegelung, dazu ein Schloss, für das Matu von Ottokar ein Hilfsgerät mitgebracht hatte, einen flachen Schieber aus Titan, an dem sich die "Schlüsselzähne" beliebig verstellen ließen. Der Rest war Übung und Geduld und Erfahrung mit einem elektronischen Stethoskop, das aus einem akkugespeisten Verstärker für das Mikrofon bestand, das die sonst nicht hörbaren Geräusche aus dem Inneren des Schlosses übertrug. Langsam drehte er den Einstellring, bis er im Kopfhörer das erste Kratzgeräusch vernahm, dass die Ringführung auf einen Schlitz in dem umgebenden Schutzmantel gestoßen war. Jetzt musste er die Schieber an seinem Hilfsgerät so lange verstellen, bis das erste Bartteil durch die Lücke den Schließmechanismus bewegen konnte. Selbst mit viel Übung brauchte Matu für jede Zahl gut drei Minuten, Fleissers Tresor hatte ein Schloss mit fünf Zahlen, die in der richtigen Reihenfolge hintereinander gefunden und dann durch einen richtig einge-stellten Schlüsselbartzacken bewegt werden mussten. Keine Arbeit für einen nervösen, ungeduldigen Menschen oder Anfänger, und keine Arbeit, die sich unter Zeitdruck schnell erledigen ließ. Matu hatte Routine, aber auch er musste sich einmal die Kappe abnehmen und den Schweiß auf seiner Stirn abwischen. Dann war es soweit, er konnte mühelos die Tresortür aufziehen und fluchte ausgiebig. Hinter der großen Tresortür waren im Innenraum mehrere Stahlfächer mit eigenen Schlössern eingerichtet. Die ließen sich nicht mit Bartzackenschieber und Stethoskop öffnen. Da half nur Gewalt und rohe Kraft eines Brecheisens beziehungsweise die akkugespeiste Bohr- und Fräsmaschine, die allerdings beim dritten Fach langsamer und schwächer wurde, so dass er doch eine Steckdose für ein Netzteil suchen musste. Die fand er unter dem Fensterbrett, und als er das Netzteil eingestöpselt hatte, stolperte er auf dem Rückweg über die Fräsmaschine und knallte mit der Brust gegen die raue Kante der offen stehenden Tresortür. Jetzt schwitzte er wie nach einem Marathonlauf, von seiner Stirn tropfte es regelrecht.

Matu war ein gründlicher Schränker und gab erst auf, als er alle sechs Fächer im Tresorinneren geöffnet hatte. Die Beute schaute er sich jetzt nicht an, sondern räumte alles in seinen Beutel, schloss die Tresortür, verstellte den Zahlenring und machte, dass er endlich aus dem Haus kam. Er hatte viel länger gebrauchte als kalkuliert, hauptsächlich wegen der separaten Fächer im Tresor. Und so hatte er gerade die Haustür ins Schloss gezogen, als er ein Auto hörte, das sich eindeutig der Villa näherte. Greta hatte doch behauptet, Fleisser käme von seinen Herrenabenden nie vor Mitternacht nach Hause. Matu legte sich auf den Boden und be-glückwünschte sich, dass er gerade noch rechtzeitig aus dem Haus herausgekommen war; der Wagen blieb vor der Garage stehen, zwei Autotüren klappten und gegen den Sternenhimmel erkannte Matu zwei Personen, die eng nebeneinander auf die Haustür zugingen, beide schienen nicht ganz sicher auf den Beinen. Die Frau kicherte und sagte unnötig laut: "Ist bei dir auch wirklich niemand zu Hause?"

"Nein, mein Schatz, wir sind ungestört."

Matu kannte die Stimme der Frau nicht, der Mann musste Fleisser sein, denn er zog einen Schlüsselbund heraus und begann dann zu fluchen. "Diese dumme Tussi hat schon wieder nicht abgeschlossen."

"Wen meinst du mit 'diese dumme Tussi'?"

"Meine Haushälterin. Sie hat heute ihren freien Abend und bleibt über Nacht bei ihrem Freund."

"...damit du ungestört weiblichen Besuch empfangen kannst, wie?"

Matu fand, dass sich Fleisser eine ziemlich dämliche Person angelacht hatte. Aber das war nicht sein Bier. Er wollte schon weiterkriechen, als zuerst in der Diele und dann in Fleissers Arbeitszimmer Licht anging, nachdem jemand die Rollläden hochgefahren hatte. Ein oder zwei Minuten später schrie die Frau auf. Was der Mann antwortete, konnte Matu nicht verstehen, aber zwanzig oder dreißig Sekunden danach krachte es im Haus so laut und gefährlich, dass Matu erstarrte, nein, er konnte sich nicht getäuscht haben, das war ein Schuss gewesen und nochmal zwanzig Sekunden später kam die Frau aus dem Haus gestürzt. Im Dielenlicht, das nach draußen fiel, konnte er sie zwar einen Moment sehen, aber nicht deutlichen erkennen. Die Frau hatte lange helle Haare und rannte an dem auf den Boden gepressten Matu vorbei, ohne ihn zu bemerken, er sah nichts, aber er roch ein starkes, aufdringliches Parfüm, das ihn an Sandelholz erinnerte. Für seinen Geschmack zu schwer und zu schwül.

Die Unbekannte spurtete auf Fleissers Auto zu, warf sich hinter das Steuer, ließ sofort den Motor an - sie hatte also Schlüssel - und startete wie ein Rennfahrer. Matu wartete einige Minuten, bevor er aufstand und zur Straße ging. Seine Vorsicht war größer als seine Neugier und deswegen ging er nicht mehr in ein Haus, in dem geschossen worden war. Wer zum Teufel war die Frau gewesen und wer zum Teufel hatte ihn nicht über Funk gewarnt, dass ein Auto in die Zufahrt zur Villa einbog?

Der Beutel über seiner Schulter war merklich schwerer als auf dem Hinweg. Er legte ihn in Buffalos Kofferraum und setzte sich dann in seinen Wagen, und drückte, als Buffalo weggefahren war, den roten Knopf an seinem Funkgerät und gab durch: "Aktion beendet."

Zehn Minuten später trudelten Schorbach, Winkler und Ellwanger nacheinander bei ihm ein, gaben das Funkgerät zurück und nahmen den Umschlag mit ihrem Honorar entgegen. Jeder fragte: "Alles glatt gegangen?" und Matu, der sich das reiflich überlegt hatte, antwortete jedem "Alles glatt gelaufen." Mit dem Trio würde er nie wieder ein krummes Ding drehen, aber das musste er ihnen nicht heute und nicht hier eröffnen. Im Moment war wichtiger, dass sie Buffalo nicht gesehen hatten, und der einzige, der seine Neugier nicht zügelte, war Schorbach: "Hat es sich denn für dich gelohnt?"

"Weiß ich noch nicht, ich habe es mir noch nicht angesehen. Besser an einem ruhigen Ort, wo mich keiner überraschen kann."

Schorbach schüttelte verständnislos den Kopf, fuhr aber dann auch los.

Matu schlief besser als befürchtet, träumte aber wild von einer Frau, die in Schuhen mit hohen Absätzen und eisenbeschlagenen Spitzen an ihm, der auf dem Boden lag, erst vorbeilief, dann zurückkam und ihm mehrfach mit aller Kraft in die Rippen trat. Vor Schmerz wachte er sehr früh auf. Matu vermutete, dass der Tresor nicht so viel enthalten hatte, wie er erhofft hatte. Ein Fach schien völlig mit Papieren, Briefen und Akten angefüllt gewesen zu sein, und die brachten erfahrungsgemäß wenig. Die Uhren, Schmuckstücke und die beiden kleinen Edelmetallbarren würde Buffalo schon optimal verticken. Schließlich bezog er einen Anteil vom Erlös.

Die Funkgeräte nahm er mit in seinen Baumarkt und deponierte sie unbemerkt in dem Container für Elektronikschrott. Der würde am kommenden Montag noch vor Mittag abgeholt werden. Kurz vor Mittag wurde Matu eine auffallend hübsche, schwarzhaarige und dunkeläugige Kundin geschickt, die eine Werkzeugmaschine gekauft hatte und hinterher zugab, dass sie noch nie so ein Ding in Händen gehalten hatte.

"Bis jetzt hat das mein Freund erledigt, aber der wildert zur Zeit in einem anderen Revier", erklärte sie offen. "Aber ich brauche die Lampe in der Küche." Zu allem Unglück habe sie auch noch zwei linke Hände mit zehn Daumen. Matu zeigte ihr, wie sie mit der Maschine umgehen müsse, warnte sie aber, als er hörte, was sie so alles reparieren und neu anlegen wollte.

"Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: Verzichten Sie auf den Kauf der Maschine, und geben Sie das Geld besser für einen Handwerker aus. Es wäre doch schade, wenn sich so eine hübsche Frau verletzen und gar entstellen würde."

Sie lachte ihn an: "Der Rat ist gut, Herr...Herr...?"

"Matuschewski, Herbert Matuschewski. Aber alle Kollegen nennen mich nur Matu."

"Herr Matu, Sie sind nicht zufällig ein Handwerker, der mit solchen Maschinen umgehen kann?"

"Nein, Frau... Frau..."

"Minetti, Adina Minetti."

"Frau Minetti, der bin ich leider nicht." Das "leider" gefiel ihr, wie ihr deutlich anzusehen war. Sie versprach, mit einem einfachen Hammer und Nägeln auf einem alten Holzbrett zu üben und vielleicht später noch einmal wiederzukommen, wenn sich einige der Daumen in normale Finger verwandelt hätten. Jetzt lachte Matu: "Viel Glück und auf ein Wiedersehen mit heilen, hübschen Fingern."

Das Tagesjournal des dritten Programms begann mit der Sensationsmeldung, dass der Juwelier Martin Fl. in seiner Villa am Breedener Mauerweg erschossen aufgefunden worden war, und zwar von seiner Haushälterin Greta L., die nach ihrem freien Tag heute gegen zehn Uhr in die Villa am Breedener Schlosspark zurückgekommen war. Die Nacht hatte sie bei ihrem Freund Bodo W. in Lenkersdorf verbracht. Spuren eines Einbruchs gab es nicht, aber der Tresor im Arbeitszimmer des Juweliers war geöffnet und ausgeraubt worden. "Die äußerst fachmännisch ausgeführte Arbeit lässt nach Meinung der Kripo darauf schließen, dass hier ein erfahrener 'Schränker' am Werk war."

Matu nahm es als Kompliment und ärgerte sich nur, dass der Reporter kein Wort über den Inhalt des Tresors verlor. Nach Aussage der Haushälterin sollte der Juwelier Fl. wie fast jeden Mittwochabend bei einem Treffen mit Kollegen gewesen sein, das auch gestern kurz vor Mitternacht endete."

Das war ja nicht viel. Matu schaltete den Fernseher aus und öffnete eine Flasche Rotwein. Als erster rief Buffalo an, sehr beunruhigt und sehr vorsichtig. "Ich habe gerade das Tagesjournal gesehen."

"Ich auch."

"Du hattest mir doch gesagt, keine besonderen Vorkommnisse."

"Die gab es ja auch nicht. Was hinterher passiert ist, als ich weg war, weiß ich natürlich nicht."

Diese spontan erfundene Ausrede benutzt er auch bei Schorbach, Winkler und Ellwanger, die alle das Tagesjournal gesehen hatten und auf deren besorgte Fragen er verklausuliert antwortete, dass in der Villa keine Leiche herumgelegen hatte, als er sich unauffällig verzog. Was anschließend...

Nachts lag er lange wach und grübelte. Wenn er von der unbekannten Frau erzählte, gab er damit zu, dass er an und wahrscheinlich auch in der Villa Fleisser gewesen war, jeder Staatsanwalt würde das bei Matus Vorstrafen annehmen. Deshalb würde er darüber besser kein Wort verlieren.

Am nächsten Morgen zog er noch vor dem Frühstück los, um sich alle drei in Tellheim erscheinenden Tageszeitungen zu besorgen, deren Berichte über den Mord und den Einbruch er sorgfältig studierte. Keines der Blätter brachte neue Einzelheiten, die er noch nicht aus dem Tagesjournal vom Vorabend kannte. Einzig im Tageblatt stand eine hilfreicher Hinweis, der Freund Bodo W., bei dem die Haushälterin Greta L. die Nacht verbracht hatte, lebte in Lenkersdorf, und die Vorwahl des Ortes stimmte mit einer der häufiger gewählten Nummern überein, die sich Matu aus Gretas Telefonverzeichnis abgeschrieben hatte.

Der Samstag war im Baumarkt immer Großkampftag, die Väter erschienen und demonstrieren den Ehefrauen, Kindern und den Verkäufern, wieviel mehr sie von Werkzeug wussten und vom Bauen verstanden. Es kostete Matu immer Kraft, ruhig und höflich zu bleiben. Sie alle waren froh, wenn gegen 15 Uhr dreißig der Ansturm abebbte. Die Kollegin Annegret Fuhrmann hatte es besonders bös erwischt, sie war an ein Paar geraten, das nicht nur alles besser wusste, sondern sich auch darin einig schien, dass das ungeschulte und dämliche Personal von fachkundigen Kunden endlich eine Lektion verdiente. Kurz vor dem Ausbruch von Handgreiflichkeiten griff Matu ein und half der Kollegin Fuhrmann mit der nötigen Grobheit; das Paar verschwand laut zeternd und Annegret ließ sich dankbar von Matu zu einem Eis und einem Kaffee einladen. Sie war den Tränen nahe: "Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalte." Sie hatte Matu schon mehrfach ihr Herz ausgeschüttet, allein erziehende Mutter. Der Vater der Tochter hatte das Weite gesucht, zahlte natürlich keinen Euro Unterhalt und die kapriziöse Lena steckte mitten in der Pubertät, also in jener Phase, in der die Eltern so komisch wurden.

"Soll ich euch zwei Frauen zum Abendessen einladen?", bot Matu an, der nach dem Unfalltod seines Vaters auch in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen war.

"Würdest du das wirklich tun? Ich sage sofort ja, und ein zweites Mal, wenn ich Lena herumgekriegt habe, mitzugehen. Ein Samstagabend ohne Disco, nur mit zwei Altersmumien, das wird Überredung kosten."

Mutter Annegret brachte nicht genug davon auf und rief ihn an: "Sie will ums Verrecken nicht mitgehen."

"Was hältst du dann davon, dass wir beide alleine gemütlich essen?"

"Sehr viel", seufzt sie. "Was sagt denn deine Freundin dazu, dass sie heute Abend allein ist?"

"Gar nichts. Ich hab' nämlich zur Zeit keine Freundin. Halb acht vor dem Roosenturm?"

"Prima, vielen Dank, Matu."

Vom Restaurant Roosen, das dem Turm den Namen gegeben hatte, schaute man über die ganze Altstadt, das Schloss in Breeden bis zum Fluss. Annegret hatte sich in Schale geworfen und war, wenn sie lachte, eine charmante, anziehende Frau. Sie lachte nur zu wenig, aber das lag daran, dass sie wenig zu lachen hatte, wie sie Matu beichtete. Ihr Gehalt im Baumarkt reichte nicht, aber wenn sie mit einem Zweitjob mehr verdiente, setzte sie das Schüler-BaföG für Lena auf's Spiel. Lena wollte nach der Mittleren Reife abgehen und hatte sich bereits um einen Platz an der Textilfachschule, Abteilung Design, beworben.

"Sie ist nicht faul, aber sie hat gewaltige Flausen im Kopf", stöhnte Annegret. Matu hatte, soviel er wusste, keine Kinder und hütete sich deswegen, kluge pädagogische Ratschläge zu erteilen. Hinterher gingen sie noch in die Winzerstube, und gegen Ende der ersten Flasche hatte sie genug Mut angesammelt, um ihn direkt zu fragen: "Geh'n wir noch zu dir?"

"Bist du sicher?"

"Ja." Sie kicherte plötzlich wie ein Backfisch: "Das Geld für die Pille soll sich doch endlich lohnen."

Er sah sie groß an und war, weil er die Stimmung nicht zerstören wollte, nicht ganz ehrlich zu ihr. Denn sonst hätte er gesagt: "Ich möchte schon mit dir schlafen, aber daraus wird keine längere Beziehung, Annegret."

Sie tranken noch einen Wein bei ihm und knutschten und kuschelten, wobei er sie Stück für Stück auszog. Sie war erstaunt, dass er sich so viel Zeit ließ und machte mit, leise und glücklich stöhnend und schwer atmend, bis sie bettelte: "Komm, Matu, ich bin so weit und kann es nicht mehr erwarten." Sie stand auf und zog ihn ins Schlafzimmer. Es wurde eine unruhige, aber eher zärtliche als stürmische Nacht. Viel Schlaf bekamen sie beide nicht. Sie ging nach dem Frühstück und sagte: "Danke, Matu, das war wunderschön. Du hast mir das Gefühl gegeben, dass ich doch noch eine Frau bin, über die sich ein Mann freut. Darf ich wiederkommen?"

Die Frage überraschte ihn so, dass er ohne Nachdenken sagte: "Ja, natürlich."

Während des Frühstücks hatte ihr Handy gebimmelt: "Ja?"

Amüsiert hatte Matu sie beobachtet.

"Okay, ich komme gleich."

Dann sah sie ihn an und begann zu kichern: "Große Katastrophe: 'Mama, wo bleibst du denn. Ist was passiert, ich mache mir Sorgen.'"

An der Boccia-Bahn wurde Matu von allen gespannt erwartet. Er hob beide Hände: "Ich weiß nicht, was da passiert ist. Damit habe ich, damit haben wir nichts zu tun. Für uns bleibt alles so, wie verabredet. Wer spielt mit wem?"

Das Wetter bot keine Ausrede für einen kleinen Frühschoppen. Der einzige, der auf Matus demonstrative Gelassenheit nicht so reagierte wie gewünscht, war Hannes Schorbach. Er wollte unbedingt herausfinden, ob sich der Bruch denn für Matu gelohnt hatte und glaubte ihm nicht, dass der bisher noch keinen Blick in den Beutesack geworfen hatte. "Aber du hast ihn wenigstens gut versteckt?"

Das nahm Matu doch fest an, Buffalo war ein vorsichtiger Mann, der noch nicht als Hehler aufgeflogen war und jetzt, nach Fleissers Tod, noch umsichtiger sein würde. Er hatte immer behauptet, er könne notfalls auch allein mit seinem Second-Hand-Store überleben.

Anton hatte ein angenehmes Gespräch mit seiner Elvira führen können. Obwohl der Fummler nicht mehr in der Orchidee erschienen war und keine hundert Euro abgedrückt hatte, konnten sie alle ausstehenden Rechnungen und Raten bezahlen. Und diese Aussicht war so erfreulich, dass sie beim Frühstück wie früher ihr Shorty auszog und sich auf seinen Schoß setzte.

Auch Konrad Ellwanger hatte ein angenehmes Sonntagsfrühstück mit seiner Frieda gehabt. Sie konnten der Tochter Moni das erbetene Geld für eine komplizierte Zahn-Brücke geben, deren Kosten die Kasse und auch die Zahn-Zusatzversicherung nicht vollständig zahlen würden. Frieda war früh aufgebrochen, weil eine junge Frau für den ersten Besuch bei den kommenden Schwiegereltern frisiert werden wollte.

In einer Spielpause erzählte auch Schorbach, wo er den gestrigen Abend verbracht hatte. Im Club Royal war nach langer Renovierung die Bar wieder eröffnet worden. Sina Kerff trug ein vorne und auf dem Rücken tief ausgeschnittenes Kleid und ließ sich von vielen Männern bewundern. Mit einem führte Hannes anschließend ein ernsthaftes Gespräch, wie man in heutigen Zeiten sein Geld sicher und einigermaßen zinsbringend anlegte. Beide waren sie mit dem Abend sehr zufrieden, als sie gemeinsam nach Hause fuhren.

"Ich habe übrigens einen Interessenten für die Wohnung", sagte sie plötzlich.

"Großartig. Einmal wird das Haus doch fertig werden." An ihrem Bungalow werkelten die Handwerker jetzt schon vier Monate länger als vertraglich vereinbart.

Matu schaute sich die Sportschau an, als sein Handy Laut gab.

Annegret fragte atemlos: "Kann ich kommen oder störe ich?"

"Einmal Ja, einmal Nein."

Zweites Kapitel

Auch das Schwarz-Weiß-Team war sehr pünktlich zum Dienst angetreten.

Sie hießen so, oder auch das Schachteam, weil alle drei Frauen Namen von Schachfiguren trugen. Die Hauptkommissarin Jule Springer leitete das Referat 11, die ständige Mordkommission, ihre Vertreterin war die Oberkommissarin Ellen König und als jüngstes Mitglied hatte vor zwei Monaten die Kommissarin Sigrid Bauer im R-11 angefangen. Sie war als erste gekommen und hatte schon die Post geöffnet, den wichtigsten Brief hatte sie oben auf den kleinen Stapel gelegt.

Jule Springer sah ihn sofort. Anonyme Schreiben waren nicht so selten, dass man sie unbedingt sofort oder gar als erste beachten musste, aber in diesem Fall war eine Ausnahme angesagt. Kein Absender, keine Unterschrift, "An die Mordkommission. Betrifft den Mord an Martin Fleisser im Mauerweg 19."

"Sehr geehrte Damen und Herren, am vergangenen Mittwoch ist Herbert Matuschewski, Renzelstraße 31, abends in die Villa Fleisser im Mauerweg 19 eingebrochen."

Sauber und fehlerfrei ausgedruckt auf einem Tintenstrahl- oder Laserdrucker.

"Tut mir Leid, Chefin, ich habe ihn ohne Handschuhe angefasst und aufgemacht."

Jule telefonierte schon: " Seidel? Jule hier. Wir haben was für euch, leider ohne Handschuhe angefasst."

"Bin schon unterwegs." Alexander Seidel war Leiter der Spurensicherung und ein glühender Verehrer der Hauptkommissarin, die ihn zwar freundlich behandelte, aber privatim mit dem Staatsanwalt Paul Hase fest und glücklich liiert war. Als Seidel mal das Wort " befangen" fallen ließ, hatte sie ihn halb böse, halb strahlend angefunkelt: "Die schönste Befangenheit, die ich mir vorstellen kann, Seidel." Damit war für sie das Thema gegessen und Seidels Hoffnung arg zerstört.

Das K-11 plus Spurensicherung war am vorigen Donnerstag in den Mauerweg gerast, wo sie eine in Tränen aufgelöste junge Frau antrafen, die sich als Greta Lissen vorstellte, Haushälterin bei dem Hauseigentümer Martin Fleisser, und vor einer halben Stunde von ihrem freien Tag in die Villa zurückgekommen. Aufgefallen war ihr zuerst, dass die Haustür nur ins Schloss gezogen und nicht abgeschlossen war. Das taten sie normalerweise automatisch, wenn sie oder Fleisser abends die Haustür verriegelten. Dann fiel ihr auf, dass die Tür zu Fleissers Arbeitszimmer offen stand. Und als sie in das Zimmer schaute, sah sie Fleisser tot auf dem Boden liegen.

Er war, wie der Polizeiarzt Helm nach einer ersten Untersuchung meinte, am Vorabend gegen 22 Uhr durch einen Schuss ins Herz getötet worden und sofort tot gewesen. "Ein Meisterschütze", lobte Helm.

"Oder ein Zufallstreffer", verbesserte Jule sofort. Es gab keine sichtbaren Spuren eines Kampfes. Der anscheinend unbeschädigte Tresor war geschlossen, der Computer auf dem Schreibtisch intakt. Alle Fenster im Erdgeschoss heil. Nur ein einziges Detail deutete darauf hin, dass in diesem Zimmer neben dem tödlichen Schuss noch etwas anderes passiert war: Vor dem Tresor lag ein einzelner, noch nicht zerknitterter Hundert-Euro-Schein auf dem Boden.

Greta Lissen behauptete, Fleisser habe den einzigen Schlüssel zum Tresor immer bei sich getragen, und zwar an dem Ring, an dem sich auch die Schlüssel zum Haus, zur Garage und für das Geschäft in der Langenfelder Allee befanden, außerdem ein separater Ring mit den Autoschlüsseln. Nein, sie wusste nicht, wer noch einen Schlüssel zu diesem Tresor besaß und kannte auch die Zahl für das Schloss nicht. Jule telefonierte vorsichtshalber mit ihrem staatsanwältlichen Hasen, und der setzte einen Technikertrupp in Marsch, um den Tresor gewaltsam zu öffnen. Selbst mit einem modernen Schweißgerät dauerte es noch eine halbe Stunde, bis der Handwerker voller Stolz die Tresortür aufzog. Die aufgebrochenen, aufgefrästen Türen der separaten Fächer verrieten, dass da jemand vor ihnen geschickter das Schloss der Haupttür überlistet hatte, bevor er sich mit Gewalt und roher Kraft über die Einzeltürchen im Inneren hermachte.

"Moment, Frau Springer", mischte sich der Handwerker ein. "Die sind nicht alle gewaltsam aufgebrochen worden. Mindestens diese vier sind fachmännisch aufgefräst worden."

"Von Hand?", wollte Jule wissen.

"Glaube ich nicht. Das wäre eine richtige Plackerei gewesen."

"Also mit einer Maschine?"

"Ja, würde ich denken."

"Für so eine Maschine braucht man doch Strom - oder?"

"Bei dieser Stahldicke kommen Sie mit einer Akkumaschine nicht weit." Der Mann deutete auf eine Steckdose unter dem Fenster hin. "Ich würde die da nehmen."

"Seidel, sei so nett und nimm dir diese Steckdosen genau vor. Und auf dem Hunderter könnte der Schränker auch Spuren hinterlassen haben."

"Geht in Ordnung."

Während die Spusi ihre zeitraubende Arbeit verrichtete, nahm sich Jule die immer noch zitternde und bebende Greta Lissen vor.

"Das Haus hat gestern Abend leergestanden?"

"Ja, ab etwa 18 Uhr. Um diese Zeit bin ich nach Lenkersdorf losgefahren."

"Und wo war zu der Zeit Martin Fleisser?"

"Der war bei einem Zunftessen."

"Zunftessen?"

"So nannte er scherzhaft das wöchentliche Treffen mit Kollegen, die alle Goldschmiedemeister sind und ein eigenes Geschäft in Tellheim haben."

"Und wo findet dieses Zunfttreffen statt?"

"Im Alten Ritter, so ab 19 Uhr 30."

"Und Sie haben mittwochs regelmäßig Ihren freien Abend?"

"Ja."

"Wie heißt und wo wohnt Ihr Freund?"

"Bodo Wertz und wohnt in Lenkersdorf, An der Schule 44."

Ellen König hatte mitgeschrieben und verschwand jetzt wortlos. Sie würde sich im Altern Ritter erkundigen, wann Fleisser gekommen und wann er gegangen war. Und anschließend würde sie in Lenkersdorf das Alibi der Haushälterin und ihres Freundes Bodo überprüfen.

"Frau Lissen, ich finde es nicht sehr klug, dass die Villa regelmäßig an ein und demselben Tag abends leerstand."

"Nein", stimmte Greta kläglich zu. "Aber der Chef konnte sein Zunfttreffen nicht verlegen und Bodo hat nur am Mittwoch Zeit."

"Hätte er nicht zu Ihnen kommen können?"

"Ja und Nein. Sie müssen zu meiner Wohnung oben hier durch die Diele und der Chef hatte mir ausdrücklich verboten, fremde Menschen ins Haus zu lassen. Davon wollte er auch bei meinem Freund keine Ausnahme machen."

"Hm. Wann kam denn Fleisser von seinen Zunfttreffen nach Hause?"

"Eigentlich immer so um Mitternacht."

"Eigentlich?"

"Das hing davon ab, wieviel er getrunken hatte und ob er eine Frau mitbrachte."

"Ihr Chef war nicht verheiratet?"

"Nein. Er liebte die Abwechslung, und schleppte immer wieder neue Frauen an."

"Die durften dann ins Haus?"

"Ja."

"Kennen Sie die Freundinnen Ihres Chefs?"

"Nein. Ich habe auch wenig Wert auf die Bekanntschaft gelegt, besonders nicht bei Frauen, die sich nach der ersten Nacht schon so aufführten, als hätte ich es mit der künftigen Hausherrin zu tun."

Das kam so scharf und so bissig heraus, dass sich Jule in Gedanken einen Knoten ins Taschentuch machte. Ganz spannungsfrei schien das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Haushälterin nicht gewesen zu sein.

"Frau Lissen, Ihr Chef hat doch sicher ein Auto?"

"Natürlich."

"Wissen Sie, wo das jetzt steht?"

"Entweder drüben in der Garage oder noch auf dem Hof des Alten Ritters. Wenn zu viel Alkohol geflossen war, ließ er den Wagen dort lieber über Nacht stehen und nahm sich ein Taxi."

Der Platz in der verschlossenen Garage war leer, und Jule rief Ellen König an, die sich sofort beim Personal des Ritters erkundigte: "Nein, Fleissers Auto steht hier nicht."

Greta Lissen kannte Typ, Farbe und Kennzeichen und Jule gab sofort eine Fahndung heraus.

"Frau Lissen, was ganz anders: Haben Sie eine Ahnung, was Ihr Chef in diesem Tresor aufbewahrte?"

"Nein, tut mir leid, darüber hat er nie gesprochen."

"Wer könnte uns das sagen?"

"Da bin ich überfragt. Daraus hat er immer ein Geheimnis gemacht."

"Besaß Ihr Chef eine Waffe?"

"Glaube ich nicht. Ich habe jedenfalls nie eine bei ihm gesehen."

"Hat Fleisser Verwandte, die Sie kennen? Wer wird das hier alles erben?"

"Das weiß ich nicht, das müssen Sie seinen Anwalt fragen. Dr. Mühlensiepen in der Kurprinzenstraße."

"Vielen Dank, das wäre es erst einmal." Greta Lissen zog sich erleichtert in ihre Wohnung zurück und Jule schaute sich den Rest der Tatortaufnahme an. Viele materielle Indizien nahmen Seidels Leute nicht mit. Einen bunten Faden aus der Diele, den sie vor der Garderobe auf dem Boden gefunden hatten, einen Hundert-Euro-Schein vom Fußboden des Arbeitszimmers, mehrere Baumwollfasern, die sich an einer rauen Innenkante der Tresortür verfangen hatten. Seidel verkündete stolz, dass sie an der Kunststoffeinfassung der Steckdose einen verwischten Fingerabdruck gesichert hatten, den sie vielleicht identifizieren konnten. "Wir schauen uns natürlich den Hunderter noch genau an."

"Zu gütig", murmelte Jule verkniffen. Sie war seltsam unzufrieden mit allem, was sie gesehen und auf ihr kleines Tonband diktiert hatte. Mit der Kollegin Sigrid Bauer zog sie durch das Erdgeschoss der Villa und suchte nach einem Adress- oder Telefonverzeichnis. "Soll ich mich bei den Nachbarn umhören?", fragte Sigrid eifrig.

"Machen Sie das! Ich fürchte nur, Sie werden nichts Nützliches erfahren."

Genau so kam es auch. Einige Nachbarn schienen bereit, über Fleisser zu klatschen und zu tratschen, aber konnten zum vergangenen Mittwoch keine konkreten Angaben machen. Bei der Nachmittags-Pressekonferenz musste sich Jule Springer auf die offenkundigen Tatsachen beschränken, was besonders den Kollegen vom Morgenblick und von BILD nicht ausreichte. Ellen König war aus Lenkersdorf zurückgekommen und bestätigte das Alibi der Greta Lissen. Eine Neuigkeit gab es, die sie bewusst zurückhielten: Martin Fleisser war zwar gegen 19 Uhr 30 im Alten Ritter erschienen, hatte aber während der Vorspeise einen Anruf auf seinem Handy erhalten und war gegen 20 Uhr 15 ziemlich hastig aufgebrochen. Das Personal konnte nicht sagen, wohin er mit seinem Wagen gefahren war und mit den anderen Goldschmiedemeistern und Juwelieren mussten sie noch sprechen. Von Fleissers Auto fehlte jede Spur. Die Leiche war noch am Freitag obduziert worden, und Jule hatte sich das Ergebnis in die Wohnung ihres Staatanwalts mailen lassen. Das Ergebnis überraschte sie nicht, nur ein Schuss aus größter Nähe genau ins Herz, entweder war da ein Könner am Werk gewesen oder es war ein Glücks- respektive Zufallstreffer. Auf der Kleidung des Toten gab es Schmauchspuren und Pulverrückstände. Alles bereits bei der Kriminaltechnik. Das Projektil hatte den Körper durchschlagen und war auf dem Rücken ausgetreten, sie hatten es auf dem Boden gefunden, aus einer 7,65 Millimeter Walther PPK, ebenfalls spurlos verschwunden, wie das Auto, das Handy und alle Schlüssel, die der Juwelier an dem Abend bei sich gehabt haben musste. Ein möglicher Hinweis auf den Schützen - in diesem Fall vielleicht eher eine Schützin -: Vom Hemd des Toten hatten sie zwei lange Haare abgelesen, hellbrünett, fast schon blond. Die DNA-Bestimmung dauerte noch an. Fleisser hatte zum Zeitpunkt seines Todes 0,4 Promille Alkohol im Blut. Obwohl sie auch am Freitag und Samstag das Personal des Geschäftes in der Langenfelder Allee gelöchert hatten: Keiner hatte eine Ahnung oder wollte mit seiner Vermutung herausrücken, was sich in dem Tresor im Mauerweg befunden haben könnte. Die Kriminalhauptkommissarin und der für sie zuständige Staatsanwalt pflegten einen Teil ihrer dienstlichen Besprechungen vorschriftswidrig beim gemeinsamen Frühstück, vor dem großen Spiegel im Bad oder im Bett abzuhalten:

"Mein Eindruck ist, dass Fleisser bei seinen Leuten nicht sehr beliebt war."

"Bin ich auch nicht. Von Ausnahmen natürlich abgesehen", brummte Hase.

"Vor allem konnte keiner eine halbwegs vernünftige Erklärung dafür bieten, warum Fleisser neben seinem Geschäftstresor noch einen privaten Panzerschrank in seiner Villa hatte. Der übrigens nicht versichert ist oder war."

"Ach nee."

Und jetzt stand Alexander Seidel beleidigt vor Jules Schreibtisch, schwenkte eine Prospekthülle mit dem anonymen Brief und dem Umschlag und maulte: "Will denn keiner wissen, was ich in unbezahlter Wochenendarbeit herausgefunden habe?"

"Doch, natürlich", sagte Sigrid Bauer laut, schlug den Stenoblock auf und zückte demonstrativ ihren Kugelschreiber. Natürlich hatte sie längst mitbekommen, dass der ledige Seidel für die Chefin schwärmte, obwohl die in festen Händen war, und Sigrid fand, dass Jule das unfair ausnutzte. Wie weit Sigrid, die Bäuerin, Seidel privatim schätzte, ließ sie nicht erkennen.

"Na also", knurrte Alexander. "Der Fingerabdruck lässt sich nur teilweise rekonstruieren. Für eine gezielte Abfrage in AFIS reicht es nicht. Auf dem Geldschein gibt es Schweißspuren mit Hautschuppen, die sich wohl zu einem DNA-Vergleich benutzen lassen. Der bunte Faden aus der Diele, auf dem Fußboden vor der Garderobe, gehört mit Sicherheit zu einem Aufhänger einer Bluse oder einer sehr leichten Stoffjacke. Die Fasern von der Kante der Tresortür stammen von einem handelsüblichen roten Baumwoll-Shirt.

"Die Stoffjacke hat jemand zu hastig vom Haken gerissen", warf Sigrid ein.

"Gut möglich", sagte Seidel überrascht, dass sich ausgerechnet die nicht unflotte Neue im Elften für die Ergebnisse seiner Arbeit interessierte. "Die Gerichtsmedizin hat uns Stücke aus einem Oberhemd geschickt, die Untersuchung der Schmauchspuren und Pulverrückstände wird noch was dauern."

"Vielen Dank, Herr Seidel." Sie wagte noch nicht, ihn mit "Alex" anzureden,

"Gern geschehen."

Die gelegentlich etwas boshafte Ellen König bemerkte lobend: "Da hast du aber jemanden glücklich gemacht."

"Eine gute Tat pro Tag sollte der Mensch schon begehen."

"Meinst du? Das ist der Fluch der guten Tat, dass sie immer neue soll gebären."

Ellen König hatte nach dem anonymen Brief ihr "Kundenverzeichnis" aufgerufen.

"Da ist er ja. Herbert Matuschewski, Spitznamen Matu, zweieinhalb Jahre wegen Einbruch und schweren Diebstahl, gelernter Feinmechaniker, zur Zeit auf freiem Fuß, gemeldet in der Renzelstraße 31."

"Nichts wie hin", bestimmte Jule.

Als sie auf die Haustür der Nummer 31 zugingen, verließ eine Frau das Gebäude, auf die das Trio nicht achtete.

Matu glaubte, als es bei ihm klingelte, Annegret habe etwas vergessen und drückte den Öffner für die Haustür. Er wartet, bis seine Besucher im Treppenhau in Sicht kamen und verschluckte, was ihm auf der Zunge lag. Die Frauen kannte er nicht, aber diese Gesichtsausdrücke, dieses Auftreten kamen ihm irgendwie vertraut und unangenehm bekannt vor. Er hatte sich nicht getäuscht. Die vordere Frau sagte: "Guten Morgen. Sind Sie Herbert Matuschewski?"

"Ja, bin ich. Guten Morgen."

"Mein Name ist Jule Springer, Kriminalpolizei. Das sind meine Kolleginnen König und Bauer." Alle drei zückten wie auf Befehl ihre Dienstausweise und Matu seufzte.

"Wir würden Ihnen gerne ein paar Fragen stellen. Dürfen wir reinkommen?"

"Bitte sehr." Er trat zur Seite. Wie gut, dass Annegret gerade noch rechtzeitig gegangen war. Auf seinem Esstisch stand noch das gebrauchte Geschirr. Die drei lächelten wissend, sagten aber nichts zu den beiden Gedecken.

"Herr Matuschewski, sagt Ihnen der Name Fleisser etwas?"

Matu konnte sich im letzten Moment zusammenreißen und sein Gesicht beherrschen. Das durfte doch nicht wahr sein. Wie...? Laut antwortete er trocken: "Die Zeitungen waren ja voll davon."

"Kannten Sie Martin Fleisser?"

"Nein."

"Waren Sie mal in seinem Geschäft in der Langenfelder Allee?"

"Nein. Aber wieso fragen Sie mich das alles?"

"Gleich. Wo waren Sie am vergangenen Mittwoch zwischen - sagen wir mal - 19 und 23 Uhr?"

Er überlegte pro forma. Wieso kamen die nach so kurzer Zeit zu ihm? Nur wegen seiner Vorstrafe? Da liefen in Tellheim eine ganze Reihe anderer Typen herum, die einiges mehr auf dem Kerbholz hatten als er. Jule Springer räusperte sich.

"Da bin ich hier gewesen."

"Sie meinen - hier in Ihrer Wohnung?"

"Ja."

"Haben Sie dafür Zeugen, Besucher, Nachbarn? Anrufe auf dem Festnetz?"

"Nein." Matu zuckte die Achseln. "Nur meinen Fernseher. Und nach der Fernsehen ein ziemlich öder Liebesroman. Warum kom-men Sie mit solchen Fragen ausgerechnet zu mir?"

"Herr Matuschewski, Sie haben Ihre Vorstrafe nicht vergessen?"

"Nein. Und in meiner Akte steht, dass ich gelernter Feinmechaniker bin. Und so einer hat laut Morgenblick den Fleisserschen Panzerschrank geknackt. Etwas dünn, finde ich."

"Mag sein. Aber wir haben heute einen anonymen Brief bekommen, dass Sie den Tresor geöffnet haben."

"Das glaube ich nicht."

"Doch, das dürfen Sie ruhig glauben. Haben Sie den Tresor bei Fleisser - übrigens sehr professionell - geöffnet?"

"Nein."

"Herr Matuschewski, wir haben keinen Durchsuchungsbeschluss und außer den genannten Indizien keinen Hinweis auf Ihre Täterschaft. Dürften wir uns trotzdem einmal in Ihrer Wohnung, im Keller und in Ihrem Auto umsehen? Wir suchen - das will ich Ihnen gar nicht verschweigen - nach einem roten Herren-Shirt."

Matu überlegte nicht lange: "Bitte, sehen Sie sich ruhig um. Die Schmutzwäsche liegt in einem Deckelkorb im Bad. Ach so, und hier, das sind der Kellerschlüssel und meine Wagenschlüssel. Das Auto steht auf der Straße. T - HM 987."

Die drei Frauen zogen los und verteilten sich auf die Zimmer. Die Oberkommissarin - wie hieß sie noch? - König kam als erste zurück. "Sie haben die Nacht nicht alleine verbracht?"

"Nein."

"Ich habe kein Recht, Sie nach dem Namen der Frau zu fragen. Aber könnte sie Ihnen vielleicht für den Abend des Mittwochs voriger Woche ein Alibi geben?"

"Nein", sagte Matu fest, aber nicht störrisch. "Erstens war sie nicht hier und zweitens weiß sie noch nichts von meiner Vorstrafe. Das würde ich ihr gerne selber bei passender Gelegenheit gestehen."

"Okay." Ellen König ging wieder und überließ Matu seinen trüben Gedanken. Wer hatte den anonymen Brief geschrieben? In Frage kamen Schorbach, Winkler und Ellwanger und vielleicht noch Buffalo, der sich damit allerdings schwer ins eigene Knie schießen würde. Bei Ottokar, dem Brecheisen, hatte Matu mit keiner Silbe erwähnt, wo der alte Schlözer & Tessmann - Tresor stand, den er gerne öffnen wollte. Und so weit er sich erinnerte, hatte auch keine Zeitung den Hersteller und den Typ des Panzerschranks erwähnt. Greta Lissen. War er bei ihr doch zu neugierig gewesen, so dass sie Verdacht geschöpft hatte?

Nach einer halben Stunde kamen die drei Kriminalbeamtinnen zu ihm in die Essecke: "Ihre Schlüssel. Und vielen Dank für Ihre Hilfsbereitschaft - nein, wir haben nichts gefunden. Allerdings würden wir gerne dieses rote Shirt mitnehmen. Können Sie sich zufällig noch daran erinnern, wann und wo Sie das gekauft haben."

"So ungefähr. Vor zwei oder drei Jahren bei einer Sonderaktion, die man früher Winterschlussverkauf nannte. Bei Lenders am Zentrumsplatz, glaube ich. Da muss ich jetzt übrigens auch hin, mein Dienst beginnt in einer halben Stunde."

"Wo arbeiten Sie, Herr Matuschewski?"

"Im Baumarkt Schödel."

"Könnten Sie morgen Vormittag zu uns ins Präsidium kommen, damit wir ein formelles Protokoll machen können? Referat 11, im zweiten Stock."

"Geht in Ordnung."

Bevor er losfuhr, rief er doch erst noch bei seinem Anwalt an, den er sogar an die Strippe bekam. Dr. Thomas Holk war entsetzt: "Was wollen die Ihnen anhängen. Einen Mord?"

"Davon war keine Rede, nur von dem Einbruch bei Fleisser."

"Moment mal. Wer, sagten Sie, hat Sie heute besucht?"

"Drei Frauen. Springer, König, Bauer."

"Das Schwarz-Weiß-Team. Mord und Totschlag und Freiheitsberaubung. Nee, tut mir leid, Herr Matuschewski, die wollen sicher mehr, als nur einen Schränker überführen."

Das war genau die Auskunft, die einen Menschen auf der Fahrt zur Arbeit beruhigen konnte. Matu grübelte auf der Hinfahrt, während der Arbeit und auf der Rückfahrt, wie weit er Holk die Wahrheit gestehen sollte. Er konnte es mit der Ausrede versuchen, die er mehr spontan gegenüber seinen Helfern benutzt hatte: Als ich ging, lag da noch keine Leiche herum. Aber das hieß: Er musste den Bruch zugeben, und das hieß bei seinen Vorstrafen und seiner Straftatenlatte unvermeidlich auch mehrere Jahre Bau. Er konnte stur leugnen und hoffen, dass die Bullen keine Spuren von ihm am Einbruchsort entdecken würden. Er war sehr vorsichtig gewesen, aber der böse Zufall war ein fleißiges Eichhörnchen. Und wenn er erst nach der entsprechende Zeugenaussage mit der Wahrheit herausrückte, brauchte es mehr Glück, als er üblicherweise hatte, dass ihm der Vorsitzende das späte Geständnis abnahm: Bruch - ja, Mord - nein. Er steckte in einer perfekten Zwickmühle. Dass sich ein Einbrecher und ein Mörder denselben Abend ausgesucht hatten, war so wahrscheinlich wie der Jackpot im Lotto. Der immer wieder einmal geknackt wurde. Unwahrscheinlich hieß eben nicht unmöglich. Was sollte er tun? Er wusste, dass er nicht auf Fleisser geschossen hatte, aber wer war die Frau gewesen? Zu Hause setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb erst mal alles auf, an was er sich noch erinnerte. Lange, helle, glatte Haare, durchschnittlich groß, gute Läuferin, eine helle Stimme ohne Akzent. Ein merkwürdiges Parfüm, schwer und irgendwie schwül. Sie konnte Autofahren, aber wer hatte heute keinen Führerschein? Nach dem kurzen Dialog mit Fleisser steuerten beide das Bett an, und sie wünschte nicht, dass Greta sie sah. Warum nicht? Kannte Greta sie? Was sollte er tun?

Das Schwarz-Weiß-Team war auch nicht siegessicher. Sie hatten nicht ernsthaft damit gerechnet, bei Matu etwas zu finden. Wenn er während des Bruchs von Fleisser überrascht worden war und den Hausherrn erschossen hatte, würde er natürlich als erstes alles beseitigen oder verstecken, was ihn belasten konnte. Und selbst wenn die roten, von der Spusi gesicherten Fasern mit dem Gewebe des in Matus Wohnung gefundenen Shirts übereinstimmten, besagte das nicht viel: Massenware aus einer Schnäppchen-Aktion eines großen Kaufhauses mit Filialen in vielen Großstädten. Genau das bekamen sie von der Kriminaltechnikerin Hansen zu hören und von der KTU auch, dass der verwischte Fingerabdruck auf der Steckdosen-Einfassung für einen Vergleich nicht mehr zu gebrauchen war. Die vom Oberhemd des Toten abgelesenen langen Haare halfen auch nicht weiter. Die DNA-Analyse dauerte noch an. Etwas mehr Hoffnung machte man dem Schachteam bei dem Hunderter, der vor dem Tresor gelegen hatte. Auf der Oberfläche waren Schweißspuren gesichert worden. Für die komplizierte Auswertung mussten sie auf das genetische Labor des Landeskriminalamtes warten.

Fleisser Auto blieb verschwunden, ebenso seine Schlüssel, und die Waffe, aus der der tödliche Schuss abgegeben worden war. Wahrscheinlich lag auch Fleissers Handy, das sie noch vermissten, ebenfalls im Wagen. Das Projektil hatte den Körper durchschlagen und war auf das Metall des Tresors geprallt und dabei so deformiert worden, dass es zu mehr als der Kaliber- und Waffenbestimmung nicht mehr taugte.

Matu nahm sich den nächsten Vormittag frei und wimmelte, was ihm nicht leicht fiel, Annegret ab, die am Abend zu ihm kommen wollte.

"Bist du mich schon leid?"

"Nein, ich habe Ärger mit der Polizei."

"Wie das?"

"Annegret, ich habe wegen Einbruchs zweieinhalb Jahre gesessen, und nun wirft man mir vor, ich hätte bei einem neuen Bruch einen Menschen erschossen."

Sie schlug die Hände vor den Mund, um einen Schreckensschrei zu unterdrücken: "Das glaube ich nicht."

"Das ist leider die Wahrheit, aber es wäre schön, wenn du das vorläufig für dich behalten könntest."

Über ihre Reaktion musste er dann doch grinsen. "Natürlich, Matu, kein Wort. Also keine andere Frau?"

"Nein. Und den Mann habe ich auch nicht umgebracht."

"Das weiß ich doch, Matu, du doch nicht." So viel Vertrauen ehrte ihn. Oder sie? Wenn das Gericht doch auch so denken würde. Aber aus seiner Akte ging hervor, dass er als Jugendlicher und Heranwachsender oft Besserung gelobt und nie eingehalten hatte.

Am Abend schaute er sich einmal seinen Keller an, was seine Besucherinnen dort angestellt hatten. Unter "hinterher aufräumen" verstand er etwas anderes, aber sie hatten wenigstens alles zu kleinen Häufchen gestapelt. So war auch die fast schon vergessene Akte über den Unfalltod seines Vaters wieder zum Vorschein gekommen. Er ließ sie oben auf einem der Stapel liegen; wer wollte, durfte sie lesen; aber auf das Grab seiner Eltern musste er bald wieder einmal gehen. Für die Verlängerung der Liegezeit hatte er vor Jahren den gesamten Ertrag eines Bruches hinblättern müssen. Bufallo hielt ihn für plemmplemm. Er kannte seine Eltern nicht einmal dem Namen nach, sie hatten den Neugeborenen vor einer Kirchentür abgelegt.

Die Nacht wälzte er sich hin und her und kam zu keinem Entschluss. Seinem Anwalt würde er wohl die Wahrheit sagen müssen - sollte der doch entscheiden, ob es vernünftig war, mit der Behauptung, nein, ich war nicht in Fleissers Villa, nein, den Bruch habe ich nicht begangen, bei der Kripo aufzutreten.

Dr. Thomas Holk verdiente seine Brötchen lange genug auch mit Strafverteidigung, um sich auch von den wildesten Geschichten nicht überraschen zu lassen. Matu schaffte es immerhin, ihn zu verblüffen: "Keine Ahnung, wer die Frau gewesen sein könnte?"

"Nicht die geringste. Was soll ich nun bei der Vernehmung sagen?"

"Abwarten. Erstens dürfen Sie, wenn man Sie als Tatverdächtigen vernimmt, lügen, zweitens kann Sie niemand zwingen, sich selbst zu belasten, drittens will ich versuchen, noch vorher mit Jule Springer zu reden und viertens denken Sie daran: Wer lügt, braucht ein gutes Gedächtnis und darf nicht vergessen, was er geflunkert hat. So, und nun will ich mal mein Glück versuchen, bei er schöne Jule eine Audienz zu bekommen."

Er hatte Glück, und weil sie sich aus manchen Verfahren kannten, vertrauten sie einander so weit, dass Holk ziemlich offen reden konnte.

"Matu war bei mir. Er hat natürlich Angst, dass Ihr Freund ihn wegen Raubmords anklagen will."

"Davon ist mein Hase noch weit entfernt. Die Haustür aufbekommen, das könnten viele Einbrecher. Aber den Schlözer & Tessmann ohne Gewalt zu öffnen, das schafft nicht jeder. Matu hat in der Haft mit einem Fachmann für solch alte Panzerschränke in einer JVA gesessen. Und wenn er zu der Zeit schon wusste, was ihn in Fleissers Arbeitszimmer erwartet, konnte er sich bei Ottokar, dem Brecheisen, Rat, Hilfe und Werkzeug besorgen."

"Haben Sie mit diesem Ottokar gesprochen?"

"Er leugnet, Matu überhaupt zu kennen. Das ist so ein alter wie sturer Mann."

"Die Geschichte sähe natürlich ganz anders aus, wenn neben Fleisser und Matu noch eine dritte Person zur Tatzeit am Tatort gewesen wäre."

"Nämlich?"

"Eine Frau zum Beispiel. Auch Frauen können schießen."

Jule überlegte, was sie preisgeben sollte und was ihr der Hase nie verzeihen würde. Holks Frage zeigte, dass er sich ohnehin auf der richtigen Spur bewegte, und wenn alles erst in der Hauptverhandlung herauskommen sollte, wo sie die volle Wahrheit sagen mussten, war der Staatsanwalt Hase mächtig blamiert.

"Sie haben es nicht von mir?"

"Natürlich nicht."

"Fleisser war an dem Mittwochabend zum wöchentlichen Essen mit - wie er sie nannte - Zunftkollegen im Alten Ritter erschienen, ist aber früh am Abend angerufen worden und hat daraufhin fast überstürzt die Gesellschaft verlassen.

"Wer angerufen hat, wissen Sie nicht?"

"Nein. Auto, Handy, Schlüssel - alles ist spurlos verschwunden."

"Hatte er es denn mit Frauen?"

"Und wie. Die Angestellten in seinem Geschäft nennen oder nannten ihn einen Hurenbock." Sie hob die Hand: "Einen Moment noch, Herr Holk. Vom Oberhemd des Toten haben wir zwei lange Haare abgelesen, durchaus möglich, dass es hellbrünette Frauenhaare sind. Und in der Dielengarderobe haben wir abgerissene Teile eines Jackenaufhängers gefunden, der wohl von einer bunten leichten Jacke stammt, wie Männer sie eigentlich selten tragen."

"Denkbar also, dass Fleisser an dem Abend eine Frau zu sich nach Hause geholt hat."

Sie nickte: "Und dabei hat er Matu überrascht, der annahm, auch an diesem Abend würde der Hausherr, wie sonst üblich, erst gegen Mitternacht heimkommen."

"Liebe Frau Springer, ich fürchte, Sie unterschätzen Matu. Ich glaube, der wird, wenn er überhaupt zugibt, in der Villa gewesen zu sein, steif und fest behaupten, als ich dort wegging, lag keine Leiche auf dem Fußboden."

"Ach ja. Das vermuten Sie?"

"Ich kenne ihn schon länger."

Das hässliche Wort "Mandantenverrat" verschloss ihm danach die Lippen. Deutlicher konnte Holk die Strategie der Verteidigung nicht bekannt machen. Jule verstand, auch der Hase hatte sofort verstanden. Und wenn sie nicht noch einen handfesten materiellen oder forensischen Beweis fanden, war an eine erfolgreiche Anklage wegen Raubmord nicht zu denken. Die Vorsitzenden der beiden großen Strafkammern waren bekannt dafür, dass sie bei der Annahme von Anklagen sehr strenge Maßstäbe anlegten. Hase machte seiner Jule keine Vorwürfe, dass sie sich auf das Gespräch mit Holk eingelassen hatte. Erstens war sie eine selbständige, selbstbewusste Frau, der klar war, was sie tat, und zweitens hatte sie der Anklage und dem Ankläger wahrscheinlich eine unangenehme Überraschung im Hauptverfahren erspart.

Matu war nicht so begeistert, als ihm Holk mit der erforderlichen Verschleierung das Ergebnis des Gesprächs berichtete.

"Das heißt doch, ich muss einfahren. Wenn nicht wegen Raubmord, dann wegen Einbruch."

"Ich fürchte - ja."

"Scheißspiel."

"Es kommt wohl noch schlimmer, Herr Matuschewski. Für den Bruch gibt es nur dann eine akzeptable Strafe, wenn Sie die Beute herausrücken."

Matu zog eine Flappe und Holk lachte. "Es hat sich also gelohnt?"

"Weiß ich noch nicht, ich habe mir den Inhalt des Tresors noch nicht angesehen."

"Das heißt, die Beute ist gut versteckt?"

Matu nickte und Holk schnitt eine Grimasse.

"Dann rate ich Ihnen, sie weiterhin nicht zu besichtigen und dem Gericht erst zu offenbaren, wenn wir dafür was bei der Strafzumessung herausschlagen können."

"Glauben Sie, die beobachten mich in Zukunft?"