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Der Privatdetektiv Alexander "Sander" Friedmann steht am Abgrund: Schulden erdrücken ihn, ein Kredithai bedroht sein Leben – er sieht keinen Ausweg mehr. Doch ein neuer Fall gibt ihm unerwartet Halt. Der Sohn eines einflussreichen Bankiers, ein renommierter Pathologe, ist spurlos verschwunden. An Sanders Seite steht ausgerechnet Lena Stürmer – eine begabte, doch ebenso geheimnisvolle Auftragsdiebin. Was als Zweckgemeinschaft beginnt, entwickelt sich bald zu einer gefährlichen Nähe. Sander fühlt sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen, und auch Lena kann der Anziehung nicht entkommen. Doch gerade als ihre Gefühle wachsen, stoßen sie in einer Münchener Privatklinik auf ein düsteres Geheimnis: illegale Menschenversuche. Als sie die Wahrheit erkennen, geraten beide selbst in tödliche Gefahr. Gibt es für sie eine gemeinsame Zukunft – oder werden die Mauern der Klinik ihr Schicksal besiegeln? Seelen Ruhe – ein romantischer Thriller über Schuld und Hoffnung, Macht und Abgründe. Und über eine Liebe, die stärker sein könnte als jede Vernunft.
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Seitenzahl: 416
Veröffentlichungsjahr: 2026
Lisa Fink
Seelen Ruhe
Ein romantischer Thriller über Liebe, Gefahr und tödliche Geheimnisse
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Inhalt
Prolog
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Danksagung
Impressum neobooks
SEELEN
RUHE
von
Lisa Fink
SEELEN RUHE
© 12.2025 by Lisa Fink
Covergestaltung: Lisa Fink
Cover Hintergrundbild: kreiert mit stabledifffusion.com
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Nie zuvor hatte er eine vergleichbare Angst verspürt. Sie hämmerte in seiner Brust und schnürte ihm den Hals zu, ließ ihn nur stoßweise atmen. Kalter Schweiß bedeckte seine Haut. Eiskalt kroch es in seine Knochen, seine Wangen brannten.
Er lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. Eine Energiesparbirne verströmte durch das Milchglas einer Wandlampe ihr kaltes Licht.
Sein Blick irrte umher, blieb abwechselnd an dem Leuchtkörper und an dem Ständer mit dem Tropf hängen, der neben dem Bett stand. Da war kein Bild, kein Möbelstück, kein Fenster, das Ablenkung geboten hätte.
Er konzentrierte sich darauf, die im Schein der Lampe tanzenden Staubflusen zu verfolgen, stellte sich vor, wie die Partikel durch seine Nase in seine Luftröhre eindrangen, diese hinabwanderten und sich in seinen Lungenbläschen festsetzten. Sein Atem ging in ein flaches Hecheln über.
Er kniff die Augen zu. Der Geruch von Schweiß und Desinfektionsmitteln drang mit Macht in sein Bewusstsein. Er riss die Augen auf.
Bald holten sie ihn ab für die Operation. Ein Eingriff, der sein Leben verändern würde. Immer wieder zwang er seine Gedanken in die Vergangenheit, um das Bevorstehende wenigstens für einen Augenblick aus seinem Bewusstsein zu verdrängen.
Kurz nach seinem zweiundvierzigsten Geburtstag war sein Schäferhund Tim gestorben. Zusammen mit dem geliebten Tier hatte er in einem Beet hinter dem Haus die Hoffnung begraben, doch noch die Frau fürs Leben zu finden.
Kaum hatte er sich mit einem Leben in Einsamkeit abgefunden, da war sie aufgetaucht. Nicht auf einem Fest, nicht in einem Gourmet-Tempel und auch nicht als Gleichgesinnte bei der Arbeit.
Sie war ihm empfohlen worden, hinter vorgehaltener Hand. Er sah sie wieder vor sich, wie sie ihn beim Kennenlernen angesehen hatte. Spontan hatte sie ihn an eine Katze erinnert, hinter deren Augen sich eine Welt verbarg, die er nur erahnen konnte. Auch nach ihrem zweiten Treffen hatte seine Faszination nicht nachgelassen, ganz im Gegenteil.
Nun würde er nicht mehr erfahren, was sie für ihn empfand. Er hatte sie erobern wollen, sie hatte seinen Jagdinstinkt geweckt. Ein neues Gefühl für ihn.
Sein Blick fiel wieder auf den Infusionsschlauch, der in seiner Armvene endete. Tröpfchen für Tröpfchen sickerte die glasklare Flüssigkeit in sein Blut und lähmte seine Muskeln, betäubte seine Nerven. Wenigstens würde der Eingriff nicht schmerzen.
Was ihn erwartete, war schlimmer als alle Tode, die er in seinem Arbeitsleben jemals gesehen hatte. Der Tod war endgültig, irreversibel, gab keinen Raum für Hoffnungen. Mit dem Tod hatte er sich schon vor langem arrangiert, er fürchtete ihn nicht mehr.
Den Blick über sich gerichtet, fixierte er die feinen Risse im Putz der Decke und versuchte, Muster darin zu erkennen. Das Zittern seiner Glieder ließ nach, auch das Kribbeln der Haut spürte er nicht mehr. Sein Kiefer sank herunter. Seine Zunge lag wie ein Lappen in seinem Mund, er konnte nicht einmal mehr seine Lippen anfeuchten.
Seine Gedanken rasten durch seinen erschlafften Leib. Als Mediziner wusste er nur zu gut, was in seinem Körper vor sich ging: Das Muskelrelaxans lagerte sich an die nikotinischen Acetylcholinrezeptoren der Muskelzellen an. Bei einer Erregung der Nervenzellen wurde der Botenstoff Acetylcholin freigesetzt, aber dieser konnte nun an den Muskelzellen nicht mehr wirken. Die Muskeln wurden somit vorübergehend gelähmt, bewusst gesteuerte Bewegungen unmöglich.
An Herzmuskulatur und glatter Muskulatur hatte der Wirkstoff keinen Effekt, da dort andere Rezeptoren vorherrschten.
Also konnte er nicht einmal mehr blinzeln, aber sein Herz schlug weiter und weiter. Warum nur blieb sein verdammtes Herz nicht einfach stehen und überließ ihn der Ruhe des Todes?
Auch wenn es vollkommen aussichtslos war, versuchte er seine Hand zu heben, um die Infusionsnadel aus seiner Vene zu reißen. Doch selbst wenn das Muskelrelaxans nicht seine Wirkung täte, würden ihn die ledernen Gurte an seinen Handgelenken daran hindern, sich zu befreien.
Sie hatten ihn mit der klassischen Fünf-Punkt-Fixierung an dieses Bett gefesselt. Die Gurte waren ihm um Bauch, beide Fußgelenke, die Armgelenke, beide Oberschenkel und die Schultern geschnallt worden. Er war ihnen ausgeliefert.
Über eine Woche war es her, da hatte man ihn gezwungen, dieses lächerliche Krankenhaushemd anzuziehen. Dann sperrten sie ihn in einen Kriseninterventionsraum. Der Volksmund nannte das eine Gummizelle. Wände und Boden waren mit Schaumstoff verkleidet, eine unzerstörbare Folie spannte sich darüber. Eine nackte Matratze auf dem Boden war das einzige Mobiliar. Kein Fenster, nur eine ebenfalls gepolsterte Tür mit einer kleinen Scheibe, durch die man ihn beobachten konnte. Mit einem leisen Schmatzen schloss sie sich hinter ihm. Er trommelte gegen das Plexiglas der Scheibe, trat gegen den Schaumstoff und schrie, bis er erschöpft und heiser auf den Boden sank. Seine Fingernägel brachen bei dem Versuch, hinter der Folie und dem Schaumstoff ein verstecktes Fenster oder eine Tür zu finden. Die Folie hielt.
Die blutenden Finger unter die Achseln geklemmt, kauerte er sich auf die Matratze, den Blick auf die Tür gerichtet. Die folgenden Minuten, Stunden oder Tage passierte nichts. Er war völlig alleine mit seinen Gedanken. Vollkommene Stille. Die Leuchtstoffröhren drei Meter über ihm brannten durchgehend, so dass er jedes Zeitgefühl verlor.
Irgendwann summte sein Körper vor Müdigkeit, seine Muskeln schmerzten. Erst wehrte er sich gegen den Schlaf, eine kindlich erscheinende Trotzreaktion. Doch dann fielen seine Augen zu. Als er wieder erwachte, wusste er nicht, ob er eine Minute, eine Stunde oder einen Tag geschlafen hatte. Es war alles genauso wie vorher. Nein, nicht ganz. Auf dem Boden vor der Tür stand ein Kunststoff-Tablett. Darauf befand sich eine Wurstsemmel und eine Flasche Wasser. Eine PET-Flasche.
Man wollte ihn also nicht sterben lassen. Auf Händen und Knien kroch er hinüber und schüttete den halben Liter stilles Wasser in sich hinein. Dann griff er nach der Semmel und drehte sie lange in den Händen. Er könnte das Essen verweigern, doch es würde Wochen oder gar Monate dauern. Wenn er das Trinken verweigerte, könnte er in drei Tagen tot sein. Das würden sie nicht zulassen. Also aß er die Semmel. Es hätte genauso gut Pappmaché sein können. Dann kroch er zu der Matratze zurück.
Er wartete auf die nächste Mahlzeit. Mehr konnte er nicht tun.
Nach neunzehn Mahlzeiten holten sie ihn heraus. Die Geräusche, die Gerüche, das Spiel der Farben überforderten seine Sinne nach dieser Zeit der Isolation. Widerstandslos ließ er sich aus der Zelle schleppen. Die zwei kräftigen Helfer führten ihn in eine Art Untersuchungszimmer und drückten ihn auf einen Plastikhocker. Die Kälte des Kunststoffs drang sofort durch seine nackte Haut.
Dann kam er und setzte sich ihm gegenüber. Er richtete seinen stechenden Blick auf ihn und fragte, wer noch darüber Bescheid wisse.
Es war nicht leicht gewesen, ihn zu überzeugen, dass er alleine war. Das Lügen war er nicht gewöhnt.
Vor einer geschätzten halben Stunde hatte man ihm bis in alle Einzelheiten geschildert, wie der Eingriff verlaufen würde und was er bewirkte. Fassungslos hatte er den Erläuterungen gelauscht.
Das Thema Lobotomie hatten sie im Medizin-Studium im zweiten Semester gestreift, erinnerte er sich. Damals hatte es ihn nicht interessiert, war diese Methode der Neurochirurgie doch seit den sechziger Jahren in Deutschland zwar nicht direkt verboten, so doch als inadäquat geächtet worden. Psychopharmaka hatten den irreversiblen Eingriff bereits abgelöst.
Heute war es unvorstellbar, dass diese Operation, die ursprünglich mangels anderer Möglichkeiten psychiatrische Krankheiten wie Psychosen und Depressionen heilen sollte, in den fünfziger Jahren sogar dazu verwendet worden war, um Homosexualität oder eine kommunistische Einstellung zu kurieren.
Das Geräusch einer aufschwingenden Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Am Rande seines Gesichtsfeldes nahm er eine Gestalt im mintgrünen OP-Kittel mit farblich passendem Mundschutz wahr.
Das Bett unter ihm ruckte und setzte sich in Bewegung. Da auch die feinen Muskeln versagten, die seine Augäpfel bewegten, konnte er nur noch senkrecht nach oben starren. Nicht einmal zum Blinzeln war er fähig, um seine brennenden Augen anzufeuchten.
Die Rollen des Krankenbettes quietschten, als er aus dem Raum geschoben wurde. Es erfüllte mit Sicherheit schon seit den siebziger Jahren nicht mehr die Bestimmungen des MPG, des Medizin-Produkte-Gesetzes, und den entsprechenden DI-Normen. Doch das interessierte hier niemanden. Es erfüllte seinen Zweck.
Man schob ihn durch einen schwach beleuchteten Gang. Deckenleuchten blitzten an seinen Augen vorbei, bis er durch eine Schwingtür in einen Raum mit einer hohen Decke kam. Die Bögen der Wände trafen sich in der Mitte der Decke zu einem gotischen Spitz.
Das Quietschen der Räder verstummte. Geschäftige Hände entfernten die nutzlos gewordenen ledernen Gurte von seinem Körper und hievten ihn auf einen OP-Tisch.
Eine Lampe flammte über seinem Gesicht auf. Blitze zuckten durch seinen Kopf, er sah Millionen Sternchen, bis seine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten.
Jemand schob ihm einen Endotrachealtubus in den Hals und schloss ihn an das Beatmungsgerät an. Seine Brust hob und senkte sich, ohne dass er eine Kontrolle darüber hatte.
Ein hellgrünes Tuch landete auf seinem Gesicht. Nur seine beiden Augen ließ es frei.
Dann sah er einen Kopf über sich, die untere Gesichtshälfte bedeckt mit einem Mundschutz, die Haare verborgen unter einer Haube.
Worte wurden gewechselt, doch er nahm ihren Sinn nicht in sich auf.
Er versuchte, die Augen zusammenzukneifen, in dem albernen Impuls, zu verhindern, was nun auf ihn zukam.
Ein mit Latex behandschuhter Finger näherte sich seinem linken Auge, stülpte sein Augenlid nach oben und fixierte es mit einer Metallklammer.
Dann tauchte das Spezialwerkzeug vor ihm auf. Es war aus Edelstahl. Aus der inneren Rundung einer vier Zentimeter langen Sichel entsprang ein etwa zwanzig Zentimeter langer Schaft, der spitz zulief. Inoffiziell nannte man das Instrument Eispickel.
Die Spitze des Werkzeugs näherte sich seinem Auge. Das kalte Metall drang über seinem Augapfel in seinen Schädel ein, bohrte sich durch das Gewebe und stoppte an dem dünnen Knochen, der die Augenhöhle vom Gehirn trennte. Wie eine zähflüssige Träne rann ein Tropfen Blut über seinen Augapfel, sein Unterlid, seine Wange. Er spürte ein Kitzeln. Der Operateur führte ein Hämmerchen in seinen Gesichtsbereich, holte leicht aus und landete einen gezielten Schlag auf dem sichelförmigen Ende des Instruments, so dass die Spitze den Knochen krachend durchschlug.
Dann legte er das Hämmerchen beiseite und führte das Instrument schräg nach oben in das Gehirn ein. Als er sich am Ziel vermutete, ließ er es in seinem Schädel rotieren, rührte in seiner Hirnmasse herum wie in einem zähen Eintopf. Damit wurde die Nervenbahn zwischen Thalamus und dem Stirnlappen sowie Teile der grauen Substanz unwiderruflich durchtrennt.
Als er den Druck hinter seinem Auge spürte und diese schmatzenden Geräusche seinen Schädel erfüllten, erinnerte er sich an die Worte, die der Begründer der sogenannten Transorbitalen Methode der Lobotomie in den fünfziger Jahren verfasst hatte: »Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, dass sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.« Das war es, was ihn nun erwartete. Sie zerstörten ihn, verwandelten ihn in eine seelenlose Hülle.
Ein warmes Rinnsal lief aus seiner Nase.
Offensichtlich zufrieden mit dem ersten Teil des Eingriffs zog der Operateur das Werkzeug nun aus seinem Schädel heraus und entfernte die Klammer, die sein Augenlid fixierte. Jetzt würden sie den Eingriff auch auf der rechten Seite durchführen.
Verzweifelt klammerte er sich an die Vorstellung, dass die Operation misslingen, dass er nach dem Eingriff immer noch er selbst sein würde. Er würde ihnen vorspielen, dass er plemplem sei, um irgendwann einen Ausweg aus dieser Hölle zu finden.
»Hi«, begrüßte Sander Friedmann den alten Mann, der in seinem Sessel lümmelte und auf den Fernseher starrte, in der rechten Hand eine Bierflasche. Die verkrüppelte Linke ruhte wie ein sprungbereites Insekt auf der Armlehne.
Auf dem Couchtisch in Mahagoni-Optik befanden sich in Reichweite eine leere Flasche Bier und die Fernsehzeitung. In dem Glasaschenbecher verglomm eine Zigarette. Die moosgrüne Siebziger-Jahre-Couch wirkte im Gegensatz zur restlichen Einrichtung unbenutzt.
Die Wände zierten vergilbte Kunstdrucke mit Jagdszenen. Die gleichen, die bereits Sanders Kindheit begleitet hatten. Genauso wie die hölzerne Wanduhr, die mit ihrem Ticken den Herzschlag seines jungen Lebens bestimmt hatte.
Selbst der Geruch, der in der Wohnung hing, war der gleiche wie früher. Eine Mischung aus gekochtem Kohl, Zigarettenrauch und den Ausdünstungen des alten Mannes.
Bis zu seinem fünfzehnten Lebensjahr hatte Sander mit ihm alleine in dieser Drei-Zimmer-Wohnung gelebt. Dann war sein Vater ins Gefängnis und er selbst ins Kinderheim gekommen.
Nun lebte der alte Mann alleine hier, seit er vor vier Jahren entlassen worden war. Nichts hatte sich verändert in all den Jahren. Die Mieter, die in der Zwischenzeit hier gelebt hatten, hatten es nicht für nötig befunden, auch nur die Wände zu streichen.
Die gleiche Einrichtung, der gleiche Geruch, die gleiche Tristesse. Als Kind hatte er es nicht anders gekannt, doch nun erdrückte ihn die trostlose Atmosphäre, schnürte ihm geradezu die Luft ab.
Es lag nicht an der Wohnung oder den Möbeln. Oder dem Geruch. Es lag an dem alten Mann. Er hasste ihn. Seit zwanzig Jahren oder auch schon viel länger. Jahrelang hatte er versucht, ihn zu lieben. Man musste seine Eltern doch lieben, so war das Gesetz der Natur. Aber es war ihm nie gelungen.
»Alexander. Da bist du ja endlich«, sagte der alte Mann, ohne den Blick von der Mattscheibe zu wenden. Sander nannte ihn für sich alter Mann, nicht Vater. Auch wenn er noch keine siebzig war, wirkte er alt. Die Jahre im Gefängnis hatten ihn abgestumpft, noch widerlicher gemacht. Dieser Mann war sein Erzeuger, der einzige Verwandte, zu dem er noch Kontakt hatte.
»Wie geht’s?«, erkundigte Sander sich.
»Muss ja«, antwortete der alte Mann wie immer. »Und dir?«
»Alles klar.« Nichts war klar außer dem Schnaps, nach dem er lechzte. Mit einer lauwarmen Flasche Bier in der Hand setzte er sich auf die Couch und starrte auf den abgewandten Schädel des alten Mannes. Die am Oberkopf lichten Haare waren vollständig grau und auf die üblichen sieben Millimeter gestutzt. Eine fleischige Warze prangte inmitten einer kahlen Stelle am Hinterkopf. Angewidert wandte er den Blick ab und sah auf den Fernseher. Es lief eine stumpfsinnige Talkshow auf einem Privatsender, zwei Frauen keiften sich an.
»Gibt’s was Neues?«
Der alte Mann griff zur Fernbedienung und stellte den Ton leiser, aber nicht aus. Dann drehte er sich halb um, musterte Sander kurz mit seinem Raubvogelblick und widmete sich wieder dem Fernsehprogramm. »Die alte Schneider von gegenüber nervt mal wieder. Ich soll gefälligst meinen Müll besser trennen. Dummes Huhn. Was geht die alte Schachtel mein Müll an?« Er hustete rasselnd und schlug sich mit der Faust auf die Brust.
Sander brummte nur und trank einen Schluck Bier. Dann noch einen.
Die beiden streitenden Frauen in der Talkshow ließen sich kaum noch bändigen.
Der alte Mann beobachtete sie. »Hast du die Sachen in die Küche gebracht?«
»Ja«, antwortete Sander. Wohin denn sonst, ins Klo werde ich sie schon nicht kippen, ergänzte er im Geist.
Seit dem Vorfall damals vor vier Jahren ging der alte Mann nicht mehr auf die Straße. Selbstverständlich hatte Sander ihn mit allem Möglichen und Unmöglichen zu versorgen. Zwei bis drei Mal in der Woche nahm er die Bestellungen per Telefon entgegen und kämpfte sich durch diverse Supermärkte, um das Gewünschte zu beschaffen. Oder er kutschierte ihn von Arzt zu Arzt.
Doch Sander war selbst schuld daran. Wäre er damals nicht ausgetickt, hätte ihn der alte Sack jetzt nicht in der Hand.
Die letzten Jahre hatten sie nur sporadisch Kontakt gehabt, und das war gut so gewesen. Als er ihn gebraucht hätte, war sein Vater nicht da gewesen, und nun konnte er Sander auch nicht mehr helfen. Dafür war es zu spät. Oder sollte er es versuchen?
»Kannst du mir Geld leihen?«, fragte er kaum lauter als der leise gestellte Fernseher und bereute es im nächsten Moment schon wieder.
»Was sagst du?«, ruckte der alte Mann auf.
»Ob du mir Geld leihen kannst«, wiederholte er etwas lauter.
Der alte Mann kratzte sich am Hinterkopf, dort, wo die Warze war. Sie wurde rot und schwoll an. »Wie viel brauchst du denn? Einen Zehner kannst du schon haben bis zum nächsten Mal.«
Nicht einmal ein Zehner mit drei Nullen dahinter würde ihm allzu lange den Hals retten. Warum hatte er nur gefragt?
»Passt schon.«
Er trank das mittlerweile auf Körpertemperatur aufgewärmte Bier aus. Es war egal. Er hatte sich bereits entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen.
Sander stand auf und ging mit der leeren Bierflasche Richtung Küche.
»Nimm dir das Geld für die Einkäufe. Mein Geldbeutel liegt auf dem Tisch«, brummte der alte Mann hinter ihm her.
Wie großzügig. Die beiden Einkaufstüten hatte er vorhin auf der Arbeitsplatte abgestellt. Seufzend räumte er sie aus und legte das Kühlgut in den Kühlschrank. Der Rest landete im Vorratsschrank. Dann griff er zu dem labbrigen Geldbeutel und zählte die 38 Euro heraus, die der Kassenzettel auswies, den er danebengelegt hatte. Der alte Mann würde sein Geld bis auf den letzten Euro nachzählen.
Er hatte schon die Klinke der Wohnungstür in der Hand, da hörte er die Stimme aus dem Wohnzimmer. »Wiedersehn.«
Sander wollte den alten Mann nicht anlügen und antwortete entgegen seiner Gewohnheit: »Leb wohl.«
Kurz horchte er in sich hinein, wie es sich anfühlte, zu wissen, dass er seinen Vater nie wiedersehen würde. Da war nichts. Außer einem schlechten Gewissen. Warum nur zum Teufel, fluchte er und verließ die Wohnung.
München ächzte unter dem nächtlichen Sturm, der lose Blätter, Äste und Abfälle aller Art durch die Straßen trieb. Es war frühmorgens, kurz nach zwei Uhr an diesem Dienstag Ende Mai.
Kaum ein Mensch war unterwegs, selbst die üblichen Nachtschwärmer hatten sich in ihre Löcher verkrochen und hofften auf besseres Wetter.
Sander stellte den Kragen seiner Motorradlederjacke hoch und zog den Reißverschluss bis zum Hals zu. Er stemmte sich gegen den Wind und machte sich auf den Weg zu seinem Wagen. Eine Plastiktüte klatschte ihm ins Gesicht. Er packte sie und schleuderte sie davon. Endlich erreichte er den alten Opel Astra, der in einer endlosen Schlange am Rand der Ysenburgstraße geparkt war. Das matte Dunkelblau des Lacks verschmolz mit der Umgebung.
Er stocherte mit dem Autoschlüssel dort herum, wo er das Schlüsselloch erahnte, fand es und sperrte auf. Die Fernbedienung funktionierte schon lange nicht mehr. So wie alles andere in seinem Leben.
Als er die Tür öffnete, riss der Wind sie ihm aus der Hand. Das Scharnier knarzte bedenklich.
Gerade hatte er sich auf dem Fahrersitz niedergelassen, die Tür zugezerrt und den Wagen angelassen, da platschten die ersten Regentropfen auf die Scheibe.
Er blickte in den Rückspiegel und erschrak bei seinem Anblick. In dem dämmrigen Licht der Straßenlaternen wirkten die Schatten unter seinen Augen genauso dunkel wie seine braunen Augen. Eine Falte bildete sich zwischen seinen Brauen. Und er war erst fünfunddreißig.
Resigniert schaltete er den Scheibenwischer an und rangierte vor und zurück, bis er schließlich aus der engen Parklücke herauskam. Die Seite des Astras schrammte an der Stoßstange des BMW vor ihm entlang. Metall knirschte.
Der Regen wurde stärker, dafür ließ der Wind nach. Nur noch vereinzelt knallten nasse Blätter auf die Windschutzscheibe, als er durch die einsamen Straßen fuhr. So dunkel wie in dieser Nacht hatte er die Stadt noch nie gesehen. Ob das an dem Unwetter lag oder an seiner Stimmung, vermochte er nicht zu sagen. Aber das war auch egal.
Unbeirrt steuerte er auf sein Ziel zu, die Fußgängerbrücke über der Bayerstraße. Nach zwanzig Minuten hatte er sie erreicht und parkte den Wagen in der Nähe am Straßenrand. Wie oft hatte er nach der Arbeit dort oben gestanden und gedankenverloren auf den nie abreißenden Verkehr hinabgesehen. Damals hatte ihm dieses ameisenartige Gewusel so etwas wie Trost gespendet. Damals, als er noch eine Arbeit gehabt, als er noch so etwas wie ein normales Leben geführt hatte.
Er ging zum höchsten Punkt und trat an das Stahlgeländer. Bei seiner Größe reichte es nicht einmal bis zu seinem Gürtel. Er schwang seine Beine hinüber und setzte sich darauf. Mit beiden Händen umklammerte er den Handlauf, die Fersen gegen die Glaswand gestemmt, und blickte nach unten. Knapp zehn Meter unter ihm verlief der Fußweg. Das reichte, wenn er mit dem Kopf zuerst aufschlug. Nicht, dass noch jemand auf die Idee kam, ihn ins Leben zurückzuholen, um ihn vom Hals abwärts gelähmt dahinsiechen zu lassen. Ausgeliefert an fremde Menschen und Maschinen, die ihn mit Nahrung versorgten und seine Ausscheidungen beseitigten. Eine hilflose Kreatur, die ihr Leben nicht mehr selbst beenden konnte. Nein, das durfte nicht passieren.
Wie lange würde er fallen? Ein bis zwei Sekunden, dann wäre es vorbei.
Auf der Straße fuhren zu dieser Zeit nur wenige Autos, keiner beachtete ihn. Die Scheinwerfer erreichten ihn hier oben nicht.
Der arme Teufel, der seine Leiche finden würde. Und dann die Leute, die seine zermatschten Reste vom Teer kratzen mussten. Aber der Tod war niemals schön. Oft genug hatte er ihn gesehen, als er noch bei der Kripo gewesen war. Und immer war er hässlich gewesen. Bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Leichen, die zu grinsen schienen, da ihre Haut sich von der Hitze zusammengezogen hatte. Wasserleichen, aufgedunsen, stinkend. Am schlimmsten aber war der Geruch gewesen, wenn eine Leiche bei warmer, feuchter Witterung längere Zeit in offenem Gelände gelegen hatte. Und die Maden.
Ein Windstoß erfasste ihn, er krallte sich an das Geländer. Der Regen prallte ihm in dicken Tropfen ins Gesicht, lief seinen Hals hinunter und unter seine Jacke. Die Motorradlederjacke, die ein Relikt aus einer Zeit war, als er sich wenigstens noch die Ducati leisten konnte.
Seine Jeans war vollkommen durchnässt. Er fröstelte, doch er ignorierte es. Eine Erkältung war jetzt wirklich egal.
Er hatte sich entschieden, endgültig. Schluss zu machen mit der ganzen Scheiße.
Wieder blickte er in den Abgrund und dachte an seine erbärmliche Existenz. Bilder tauchten auf, in Spotlights zog sein Leben an ihm vorbei. Eine traurige Aneinanderreihung von Fehlern und Enttäuschungen. Die Kindheit, alleine mit dem Vater, voller Erniedrigungen. Die Kämpfe im Kinderheim, so viel Angst und Gewalt. Danach einige arbeitsreiche Jahre bei der Polizei. Dies war die schönste Zeit gewesen. Es hatte sich fast normal angefühlt.
Dann der schwere Fehler, der ihn seiner Freiheit beraubt hatte, zumindest seiner persönlichen. Seitdem quälte ihn der alte Mann fast täglich, und er konnte nichts dagegen tun. Der Scheißkerl hatte ihn in der Hand. Und nicht nur er. Auch dieses verdammte Weibsstück Evelyn hatte ihren Teil dazu beigetragen, den kläglichen Rest an Hoffnung auf ein selbstbestimmtes Dasein zu zerstören. Sie hatte ihn an den Eiern, im wahrsten Sinne des Wortes.
Durch den nächsten schweren Fehler hatte er seinen Job bei der Kripo und damit seine finanzielle Sicherheit verloren. Die wenigen Aufträge als Privatermittler reichten kaum zum Überleben, geschweige denn, um die Raten für die Wohnung abzubezahlen. Das Geld von diesem Kredithai hatte ihn eine Zeit lang über Wasser gehalten. Doch nun warteten die Inkassoknechte darauf, ihm endlich die Knochen brechen zu dürfen.
Er suchte nach schönen Momenten in all den Jahren, nach Momenten des Glücks. Doch er fand keine. Ein kurzes Auflachen vielleicht, wenn jemand einen guten Witz erzählt hatte, ein Gefühl der stumpfen Zufriedenheit, wenn er genug getrunken und gekifft hatte. Oder wenn er nach dem Höhepunkt von einer Frau gerollt war. Aber mehr war da nicht.
Nur diese Einsamkeit, die ihn wie ein kalter Strom mit sich fortriss. Er war vollkommen alleine. Da war nicht einmal ein Verwandter oder ein Freund, dem er wichtig war. Der ihm wichtig war.
Eine gescheiterte Existenz nannte man so etwas. Er lachte bitter auf, fuhr sich mit der Zunge über die regennassen Lippen. Es schmeckte salzig. Wenn er nicht gerade Zeuge eines Naturwunders war, bei dem es Meerwasser regnete, dann waren das Tränen. Jammerlappen!, hörte er seinen Vater.
»Hey.« Eine helle Stimme hinter ihm holte ihn in die Gegenwart zurück.
Er drehte sich nicht um, wollte nicht sehen, nicht wissen, wer da war. Wenn er die Stimme ignorierte, verschwand sie hoffentlich wieder. Oder er bildete sich das nur ein.
»Willst du dich umbringen?«, fragte sie jetzt, mit so viel Interesse, als ob sie wissen wollte, was er zu Abend gegessen hatte. Und warum duzte sie ihn? Er kannte sie nicht.
Sein Hirn spielte ihm einen Streich. Kein normaler Mensch würde so fragen. Mit seinem Verstand ging es endgültig den Bach herunter.
Mit dem nassen Handrücken wischte er sich über das Gesicht. Und da er ein höflicher Mensch war, antwortete er der Stimme, woher auch immer sie kam. »Ja.«
Hoffentlich ließ sie ihn jetzt in Ruhe. Eigentlich hatte er sich noch ein letztes Mal so richtig tief in seinem Elend suhlen wollen.
Doch die Stimme ließ nicht locker. »Warum?«
»Das geht dich nichts an«, knurrte er.
»Hast du eine tödliche Krankheit?«, bohrte sie weiter.
An so etwas hatte er noch gar nicht gedacht. Sein Kopf schien mit Watte gefüllt zu sein, sein Magen schmerzte, weil er sich seit Tagen nur noch von Kaffee, Alkohol und Zigaretten ernährt hatte. Die Leber arbeitete noch zuverlässig, jedenfalls spürte er sie nicht, und die anderen Organe beschwerten sich auch nicht allzu sehr.
»Nein«, erwiderte er, als er seine Inspektion beendet hatte. »Nicht, dass ich wüsste.«
Die Stimme schwieg einige Sekunden. Doch sie gab nicht auf. »Warum zum Teufel willst du dir dann das Leben nehmen?«, fauchte sie. »Jeder hat mal Schwierigkeiten. Wenn sich alle gleich umbringen würden, hätten wir eine verdammte Menge Matsch wegzukratzen.«
Was für eine freundliche Art sie hatte. Diese Stimme konnte wirklich nur aus seinem Kopf kommen.
»Lass mich in Ruhe.«
»Werde endlich erwachsen! Denkst du, du bist der einzige Mensch, der Probleme hat? Alle anderen sind wahnsinnig glücklich, sind finanziell abgesichert und üben ihren Traumjob aus, leben in perfekten Beziehungen und taumeln den ganzen Tag von Liebe erfüllt durch die Straßen. Denkst du das?«
Er sah Straßen voller liebestaumelnder Menschen vor sich und spürte mehr Neid als Belustigung. »Für mich gibt es keinen Ausweg.«
»Es geht immer irgendwie weiter, wenn man nur will«, schnauzte sie.
»Hau ab!«, rief er und krallte sich in das Geländer. Seine Finger wurden taub.
Doch die Stimme verschwand einfach nicht. »Lerne endlich, der zu sein, der du bist.«
Das hörte sich nach einem Kalenderspruch an. Wie fantasievoll sein Hinterstübchen doch war. Trotzdem dachte er einen Moment darüber nach. »Ich weiß aber nicht, wer ich bin, verdammt.«
»Dann finde es gefälligst heraus.«
Er blinzelte den Regen aus seinen Augen. Doch eine Antwort fand er auch dann nicht, als er wieder halbwegs scharf sehen konnte. Also zuckte er nur mit den Achseln. Wenn er nicht mehr mit ihr redete, ließ sie ihn bestimmt in Ruhe.
»Also gut. Bring dich doch um, wenn du so feige bist«, forderte die Stimme jetzt.
Überrascht drehte er sich um. Er hatte seine Entscheidung bisher nicht als feige empfunden. Nun wollte er doch wissen, ob er mit sich selbst oder einem Menschen aus Fleisch und Blut sprach.
Zwei Meter entfernt stand eine junge Frau mit verschränkten Armen. Sie trug eine schwarze Jacke und eine schwarze Jeans. Beides glänzte nass vom Regen.
Dunkle Locken umrahmten ihr schmales Gesicht. Der Wind zerrte an den feuchten Strähnen. Ein Paar grüner Augen funkelte ihn an. Wie die einer Katze.
Sekundenlang sahen sie sich schweigend an. Die Welt schmolz auf diese zwei Meter zusammen. Dieses Wesen blickte geradewegs in seinen Kopf, in seine Seele. Es war, als erfasste sie in diesem Moment seine ganze erbärmliche Existenz.
So sehr er es wollte, er konnte nicht wegsehen.
Er hatte keine Ahnung, wie viele Sekunden oder Minuten vergangen waren, seit er sich umgedreht hatte, da hob der Todesengel eine Augenbraue und fragte: »Hast du mich jetzt lange genug angestarrt?«
Er blinzelte, doch sie verschwand immer noch nicht. Am liebsten hätte er seine Hand ausgestreckt, um sie zu berühren. Um zu fühlen, ob sie ein Mensch war, oder eine Ausgeburt seines durchgeknallten Verstandes.
Aber sie stand zu weit weg. Also wandte er sich ab und starrte wieder auf die Straße unter sich. »Sorry.«
»Mach’s wenigstens kurz und schmerzlos«, ermahnte sie ihn. »Und ohne große Sauerei. Denk nur an die Leute, die die Scheiße wegräumen müssen.«
Er riss die Augen auf. Das waren eben seine eigenen Gedanken gewesen. Er drehte sich noch einmal um.
Sie hatte sich abgewandt und ging davon. Er starrte auf ihren Rücken, doch sie drehte sich nicht mehr um. Er öffnete den Mund, um ihr hinterherzurufen. Doch da waren keine Worte.
In diesem Moment erfasste ihn eine Windböe.
Er verlor das Gleichgewicht und fiel. Seine linke Hand rutschte an dem nassen Geländer ab, nur noch an der rechten hängend knallte er mit dem Oberkörper gegen die Glasverkleidung. Nein!, raste es durch seinen Kopf. Sein Herz pumpte mit atemberaubender Geschwindigkeit das Adrenalin durch seine Adern.
Mit der Linken tastete er nach dem Geländer und bekam es zu fassen. Doch er drohte wieder abzurutschen. Die Nässe hatte seine Muskeln ausgekühlt, er hatte kaum Kraft.
Die Wange gegen das kalte, nasse Glas gepresst, hing er über dem Abgrund. Seine Beine baumelten in der Luft. Panik stieg in ihm auf. Nur warum? Gerade eben hatte er die einzige Rettung im Tod gesehen, doch nun wollte er leben. Sein erbärmliches, kleines Leben leben.
Sein Atem ging stoßweise, die Muskeln in seinen Armen schmerzten. Die Kälte des Glases drang durch seine Haut und bohrte sich in seinen Schädel.
Er versuchte, sich hochzuziehen. Was ihm im Krafttraining mühelos gelang, war nun unmöglich. Seine Muskeln versagten ihren Dienst.
Verzweifelt zog er das rechte Knie hoch und zwängte seine Schuhspitze in den Spalt zwischen Glasverkleidung und Boden. Doch der Spalt war zu eng, gerade der erste Zentimeter des Schuhs, vor seinen Zehen, passte hinein. Sein Versuch, sich hochzustemmen, scheiterte. Er rutschte ab.
Er wollte um Hilfe schreien, doch er brachte nur ein Keuchen heraus. Wer sollte ihn auch hören? Er war alleine. Die Schmerzen in Fingern, Händen, Armen wurden unerträglich. Seine linke Hand glitt in der Nässe ab, seine ganzen zweiundachtzig Kilo hingen an einer kraftlosen rechten Hand. Hastig schüttelte er die linke Hand aus und griff wieder nach dem Geländer.
Keuchend versuchte er, seine letzten Kraftreserven zu sammeln und seine Beinmuskulatur, soweit es ging, zu entspannen. Dann zog er das rechte Bein an und stemmte die Fußsohle flach gegen das Glas. Ein heiserer Schrei entfuhr ihm, als er mit letzter Anstrengung das Bein streckte.
Seine Finger glitten ab. Er fasste erst mit der rechten Hand nach, dann mit der linken. Endlich gelang es ihm, das linke Bein über das Geländer zu werfen und zusätzlichen Halt zu finden. Er musste sich zwingen zu atmen, wenn auch nur stoßweise, als er sich mit einem Ruck über das Geländer auf den rettenden Boden zog. Wie eine Schildkröte landete er krachend auf dem Rücken und blieb liegen.
Der Regen prasselte auf ihn herunter, drang in seine Nase, seinen geöffneten Mund.
Hustend drehte er sich auf die Seite, zog seine Beine an und umklammerte sie mit seinen tauben Armen.
Ein Sonnenstrahl kitzelte ihn an der Nase. Mit einem lauten Niesen wachte Sander auf. Alle Muskeln in seinem Körper schmerzten, als er sich in seinem Bett aufrichtete. Irgendwie hatte er es vergangene Nacht nach Hause geschafft. Die tropfnassen Klamotten hatte er achtlos auf den Boden im Schlafzimmer geworfen und sich ins Bett gequält.
Nun war es bereits kurz nach zehn Uhr am Dienstagvormittag. Dieser erste Tag seines zweiten Lebens begann mit Sonnenschein. Vielleicht ein gutes Omen.
Er rieb sich die Augen, die sich erst an die Helligkeit im Zimmer gewöhnen mussten.
Die Erinnerungen strömten auf ihn ein. Die Kälte, die Nässe auf der Fußgängerbrücke. Seine Verzweiflung, sein Versuch, sich umzubringen. Doch er lebte. Dank dieser mysteriösen Frau, die ihn angesprochen hatte. Ob er ihr wirklich dankbar war, wusste er noch nicht.
Als er sich den Wortwechsel, ihr Aussehen wieder ins Gedächtnis rief, kam er zu dem endgültigen Entschluss, dass sie eine Ausgeburt seiner Fantasie gewesen sein musste. Anders konnte es nicht sein. Ein realer Mensch hätte ihn doch nicht in dieser Situation alleine gelassen.
Mühsam hievte er seine Beine aus dem Bett und blieb mit hämmernden Kopfschmerzen auf der Bettkante sitzen. Wenn er sein Leben weiterleben wollte, musste er endlich von der Drogenscheiße wegkommen. Es zermürbte ihn nicht nur, es war auch teuer. Und leisten konnte er sich im Moment gar nichts.
Am Donnerstag war Zahltag. Er hatte noch knapp drei Tage, um das Geld zu beschaffen. Nur wie? Kein Auftrag war in Sicht. Seit er vor drei Jahren den Dienst bei der Kripo quittiert hatte, um sich als Privatermittler selbständig zu machen, war es stetig bergab gegangen.
Schluss mit dem Gejammer, beschloss er und stand auf. Mit wackligen Knien tappte er ins Bad und duschte heiß und lange.
Gerade hatte er eine Jeans angezogen, da drang das Klingeln seines Handys aus dem Flur herüber. Ein möglicher Klient?
Er fand es in der Innentasche der Lederjacke. Zum Glück hatte das Telefon seinen nächtlichen Ausflug überlebt.
Ein Blick auf das Display ließ seinen Mut wieder sinken. Er nahm das Gespräch an und begrüßte den Anrufer mit einem knappen »Ja«.
»Friedmann«, donnerte es aus dem Hörer. »Donnerstagnachmittag um fünf kommen meine Jungs vorbei. Sehen Sie zu, dass Sie zu Hause sind. Mit meinem Geld.«
Sanders Hand zitterte leicht, als er das Handy an sein Ohr drückte und nach Worten suchte. »Können Sie mir nicht noch etwas Zeit geben? Ich werde es bis Donnerstag nicht zusammenbekommen.«
»Das hätten Sie sich früher überlegen müssen!«, bellte die Stimme.
Er seufzte. »Ich werde versuchen, wenigstens einen Teil des Betrages bis dahin zahlen zu können«, versuchte er einen neuen Anlauf.
»Ratenzahlung war nicht ausgemacht«, raunzte es ihm ins Ohr.
»Bitte. Ich werde alles tun, um die gesamte Summe so schnell wie möglich aufzubringen«, flehte er.
Sekundenlang hörte er nur Rauschen. Hatte sein Gesprächspartner aufgelegt? Dann ein abgehacktes Husten. »Gut. Fünftausend am Donnerstag. Die restlichen neuntausend dann nächsten Dienstag plus eintausend Euro Verzugszinsen.«
Sander lehnte sich gegen die Wand neben der Garderobe und ließ sich daran zu Boden gleiten. Sein Herz machte das langsam nicht mehr mit, es pochte schmerzhaft gegen seinen Brustkorb. Noch einmal tausend Euro zusätzlich. Das war Wahnsinn. Und wie sollte er bis Donnerstag auch nur die fünftausend beschaffen? Keine Ahnung. Aber eine andere Wahl hatte er nicht.
»Okay«, willigte er ein.
Es knackte im Hörer, dann tutete es. Der Andere hatte aufgelegt.
Er legte das Telefon neben sich auf den Laminatboden, umschlang seine Knie mit den Armen und bettete seine Stirn darauf. Seine Haut war feucht und kühl, ihn fröstelte. Vermutlich bekam er dank seines nächtlichen Abenteuers eine Erkältung.
Fünftausend, hämmerte es in seinem Kopf. Über die restlichen zehntausend Euro wollte er sich jetzt keine Gedanken machen. Erst einmal den Donnerstag überstehen, ohne gebrochene Knochen.
Er zog sich am Garderobenschrank hoch und legte das Telefon sachte darauf ab.
Der Schwindel kam blitzartig. Ihm wurde schwarz vor Augen, unzählige Sternchen tanzten. Die kraftlosen, schmerzenden Finger um die Platte des Garderobenschrankes geklammert, wartete er ab, bis seine Sicht wieder klar wurde und die Kraft in seine Beine zurückkehrte. Vielleicht sollte er etwas essen.
Nachdem er sich ein ungebügeltes weißes Hemd angezogen hatte, tappte er in die winzige Küche und öffnete den Kühlschrank. Neben ein paar Flaschen Bier und einer halbvollen Flasche Wodka standen dort zwei abgelaufene Becher Joghurt und ein Topf mit undefinierbarem Inhalt, der von weiß-grünem Schimmel überzogen war. Die Reste stammten aus der Zeit, als er noch warmes Essen zu sich genommen hatte.
Er schloss den Kühlschrank wieder und überlegte, wann er zuletzt etwas gegessen hatte. Das musste die Leberkäse-Semmel Sonntagmittag gewesen sein.
Erst essen, dann Geld auftreiben, umriss er seinen Plan für den heutigen Tag. Einen Schritt nach dem anderen, und nur nicht in den Abgrund blicken.
Er verließ seine winzige Wohnung im fünften Stock der Mietskaserne am Rotkreuzplatz und suchte seinen Wagen, den er schließlich in der Volkartstraße fand.
Etwa zwanzig Kilometer waren es zur Wohnung des alten Mannes in Neuperlach. Unterwegs hielt er bei einem Bäcker und kaufte Krapfen.
Gierig verschlang er die ersten zwei während der Fahrt. Der Puderzucker bestäubte sein Hemd, seine Jeans und den Fahrersitz. Er wischte darüber, doch das machte es nur noch schlimmer.
Der Kalorienschock gab seinem Körper wieder Energie und so konnte er wenigstens darüber lachen.
Eine gute halbe Stunde später erreichte er den Wohnblock, in dem sein Erzeuger residierte. Nach fünf Minuten hatte er einen Parkplatz gefunden und nach weiteren sieben Minuten stand er vor der Wohnungstür im dritten Stock.
Er sperrte das Schloss mit seinem Zweitschlüssel auf. »Ich bin’s nur«, rief er, um ihn nicht zu erschrecken. Schließlich kam er heute ohne Bestellung.
Wie immer fand er den alten Mann vor dem Fernseher in seinem abgewetzten Sessel. Das Teil würde eines Tages als Sondermüll entsorgt werden müssen. Was da alles drin lebte, wollte er lieber nicht wissen.
Im Gegensatz zu sonst blickte ihm der alte Mann entgegen, die Augenbrauen trafen sich über seiner Nase. Als sich die Stirnpartie wieder entspannte, wusste Sander, woher er selbst seine Falte über der Nase hatte. Hoffentlich sah er in knapp dreißig Jahren nicht genauso aus.
»Was willst du? Ich hab dich nicht angerufen.« Der alte Mann beobachtete wieder die Frau mit den drei schreienden Kindern, der auch die Super-Nanny nicht helfen konnte.
Die Uhr an der Wand tickte. Genauso wie seine eigene. Donnerstag war Zahltag. Sander zwang sich, den alten Mann nicht am Kragen zu packen und eine Faust in die Visage zu rammen. Auch würde er ihn nicht anschreien, nicht all das sagen, was er ihm schon lange sagen wollte. Und wenn es noch so sehr in seinem Inneren brannte.
Den Blick auf die hässliche Warze auf dem spärlich behaarten Hinterkopf gerichtet, drang eine Idee in sein Bewusstsein. Er konnte den alten Mann umbringen, es wie einen Unfall aussehen lassen. Dann hätte er Zugriff auf sein Konto. Ein fingierter Sturz, den Schädel rein zufällig an der Tischkante gebrochen. Seine Finger krümmten sich zu Fäusten. Nein, das würde er nicht schaffen.
Stattdessen trat er neben den Sessel und reichte dem alten Mann die Tüte mit dem verbliebenen Gebäck.
»Ich war gerade in der Gegend und dachte, ich bring dir Krapfen.«
Die Hand mit den dichten Haarbüscheln auf den Fingerrücken grapschte nach der Tüte. »Danke.«
Der alte Mann zog den Ersten heraus und begann zu essen. Auch er bestäubte sich mit Puderzucker, doch ihn störte es nicht.
Unwillkürlich wischte sich Sander über das Gesicht.
Zwischen zwei Bissen, den Blick starr auf den Fernseher gerichtet, fragte der Alte kauend: »Was ist los? Du kommst doch sonst nicht einfach so.«
Verdammt misstrauisch, der alte Mann. Sander ließ sich schwer auf die Couch fallen. »Ich hab Probleme«, setzte er an und machte eine kleine Pause, um sich die weiteren Worte zurechtzulegen.
Sein Gegenüber reagierte nicht. Heute stellte er nicht einmal den Ton leiser. Lippen und Kinn voller Puderzucker nahm er den zweiten Krapfen in Angriff.
Also kam Sander zur Sache. »Ich brauche bis Donnerstag fünftausend Euro, sonst bin ich ein toter Mann. Zumindest so gut wie tot.«
Der Alte hustete, klopfte sich röchelnd auf die Brust. Als er wieder Luft bekam, aß er weiter. »Und?«
Sander zwang seine ineinander verkrampften Finger auseinander. Wie gerne würde er sie um diesen ungewaschenen Hals legen und zudrücken. »Kannst du mir was leihen?« Der Geizhals musste doch Einiges auf der Bank haben, schließlich hatte er all die Jahre im Gefängnis die Mieteinnahmen für diese Wohnung kassiert.
Der alte Mann zappte weiter, als Werbung kam und fand eine politische Talkshow. »Ich hab mit deinen Problemen nichts zu tun.«
Sanders Hände zitterten, als er aufstand und sich schräg vor den Alten stellte, so dass der Blick auf den Fernseher frei blieb. »Vater«, sagte er zum ersten Mal seit vielen Jahren. »Ich brauche wirklich deine Hilfe. Die brechen mir sonst alle Knochen.«
Doch sein Erzeuger sah ihn nicht einmal an. »Mir hat im Knast auch keiner geholfen«, war die lapidare Antwort.
»Aber ich bin dein Sohn, verdammt noch mal!«
»Habe ich dir beigebracht zu fluchen?«
»Vater, bitte«, flehte er. »Ich habe nie etwas von dir verlangt. Nur dieses eine Mal brauche ich dich.«
»Du bist erwachsen und für dich selbst verantwortlich.« Der Alte wischte sich mit dem Ärmel seines speckigen Pullovers über das Gesicht und verteilte den Puderzucker bis zu seinen Augen. »Lass mich jetzt alleine, ich ruf dich an, wenn ich wieder etwas brauche.«
Die Fäuste in die Hosentaschen gerammt, wandte sich Sander ab. Grußlos verließ er die Wohnung. Wenn er auch nur noch ein Wort gesagt hätte, wären alle Dämme gebrochen.
Kaum saß er im Wagen und hatte die Tür zugezogen, schrie er, so laut er konnte, und schlug auf das Lenkrad ein. Als er endlich zur Besinnung kam, war er froh, dass an der Karre sogar der Airbag kaputt war.
Er startete den Motor und überlegte, ob er Evelyn um Geld bitten sollte. Bei der Vorstellung, vor ihr auf den Knien zu rutschen, kam ihm die Galle hoch.
Das Klingeln seines Handys riss ihn aus seinen Gedanken. Er schaltete den Motor wieder aus und zog das Telefon aus seiner Hemdtasche. Eine unbekannte Nummer. Fast schon hatte er gehofft, dass es der alte Mann war, der einlenken wollte.
Wie konnte er nur so dämlich sein?
Er nahm das Gespräch an und meldete sich mit seinem vollständigen Namen.
Eine sonore Stimme drang an sein Ohr.
»Mein Name ist Heinrich Wertheim. Sie sind Privatermittler?«
»Ja, korrekt.« Sanders Herz klopfte hoffnungsvoll. Vielleicht ein neuer Auftrag.
Eine Stunde später lenkte Sander seinen Astra in die Ungererstraße, wo Heinrich Wertheim die Filiale einer Privatbank leitete. Vorher war er noch nach Hause gefahren, um sich umzuziehen. Mit weiß bepuderter Jeans wollte er sich nicht sehen lassen. Und Sakko und Krawatte waren selbstverständlich.
Er parkte den Wagen in einer Seitenstraße. Sein potenzieller Auftraggeber musste nicht wissen, was für eine Schrottkarre er fuhr.
Der prüfende Blick in den Rückspiegel erschreckte ihn nicht mehr so sehr. Die dunklen Ringe unter seinen Augen waren zwar noch deutlich zu sehen, doch seine Haut war nicht mehr ganz so fahl wie am gestrigen Abend. Das schwarze Sakko zu dem weißen Hemd und der dunklen Jeans unterstrich seine großgewachsene, schlanke Gestalt und drückte einen sportlich-lässigen Schick aus. Das hoffte er zumindest. Er musste Herrn Wertheim von sich überzeugen. Alles hing davon ab.
Mit klopfendem Herzen betrat er die klimatisierte Bank und meldete sich bei einer Dame am Schalter an.
Sie schickte ihn nach hinten zu einem Aufzug. »Herr Wertheim erwartet Sie in seinem Büro im zweiten Stock.«
Sander vertraute sich dem vollverspiegelten Lift an und drückte den Knopf mit der Zwei.
Er spürte kaum die Bewegung, da hielt der Aufzug schon und die Türen glitten nahezu lautlos auf. Von dem breiten, hell erleuchteten Gang gingen mehrere Türen ab. Neben derjenigen am Ende des Ganges hing ein Messingschild mit dem Namen seines hoffentlich künftigen Klienten.
Er atmete tief durch, zupfte an seinen Haaren, zog seinen Kragen und die Krawatte zurecht. Dann klopfte er.
Ein dumpfes »Kommen Sie rein« klang zu ihm nach draußen.
Das Büro des Filialleiters war groß und hell. Die Wände bestanden fast zur Gänze aus leicht getöntem Glas, so dass die Helligkeit des Tages, nicht aber die Hitze hereindrang. Der Boden war aus hell lasierten Holzbohlen. Möbliert war der Raum mit Regalen aus Chrom und Glas. Das Herzstück bildete ein antiker Schreibtisch aus fast schwarzem Holz mit hellen Einlegearbeiten. Sander tippte auf Ebenholz mit Elfenbein.
Was für ein prachtvolles Büro. Besonders, wenn er an sein Eigenes dachte, das sich auf den Couchtisch in seinem Wohnzimmer beschränkte.
Sander trat auf den Mann zu, der sich von dem ledernen Bürosessel hinter dem Tisch erhoben hatte. Heinrich Wertheim sah ganz anders aus, als er sich einen Bankdirektor vorgestellt hatte. Er war sehr groß, fast so groß wie Sander selbst, und geradezu asketisch schlank. Da war nicht einmal der Ansatz eines Bauches. Er mochte Anfang bis Mitte sechzig sein. Der leicht gebräunte Kopf war kahlgeschoren, was das interessante Gesicht noch stärker zu Geltung brachte. Die Wangen waren hager, tiefe Falten zogen sich von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln vorbei zu dem ausgeprägten Kinn. Die Nase war lang und spitz. Sollte er selbst jemals dieses Alter erreichen, wäre er glücklich, noch eine derartige Attraktivität und Energie auszustrahlen.
Wertheim war um den Schreibtisch herum auf ihn zugetreten. »Herr Friedmann. Schön, dass Sie so schnell Zeit gefunden haben.«
Sander ergriff die dargereichte Hand und schüttelte sie. Der Druck war fest und warm. »Ich freue mich, Sie kennenzulernen.«
Heinrich Wertheim ging auf eine Sitzgruppe aus weißem Leder zu und wies auf die Zweisitzer-Couch. »Bitte setzen Sie sich.«
Sander ließ sich auf dem für ihn vorgesehenen Platz nieder.
»Möchten Sie etwas trinken? Einen Kaffee vielleicht? Ich denke, ich brauche jetzt eine Tasse«, nahm Wertheim ihm die Befangenheit.
Der Mann war wirklich perfekt in seinen Umgangsformen, das war wohl die jahrzehntelange Übung. Oder ein angeborenes Talent. Sander fühlte sich nicht lästig, als er erwiderte: »Kaffee wäre klasse.«
»Espresso, Latte macchiato oder Cappuccino?«
»Einen Cappuccino bitte.«
Der Bankleiter ging zu seinem Schreibtisch hinüber, nahm den Telefonhörer und drückte einen Knopf. »Frau Bernlechner, zwei Cappuccino bitte.« Er legte auf und kramte schweigend in den Papieren auf dem Tisch herum.
Sander ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und blieb an einer großen Wanduhr hängen, die einer Bahnhofsuhr nicht unähnlich war. Der Sekundenzeiger ruckte in dem ewigen Rhythmus. Wenigstens tickte sie nicht. Er zwang sich zur Ruhe. Hoffentlich hatte Wertheim einen wirklich guten Job für ihn, nicht nur eine kleine Recherche, für die er kaum Honorar verlangen konnte.
Der Sekundenzeiger hatte exakt zwei Mal seine Runde gedreht, da schwang die Tür auf und eine Frau in den Vierzigern mit Hochsteckfrisur und klassischem Business-Kostüm betrat mit einem Tablett den Raum.
Sie nickte Sander zu und stellte eine Cappuccinotasse vor ihn auf den niedrigen Glastisch, die zweite vor die Couch rechts neben ihm. Die Zuckerdose platzierte sie in der Mitte und verschwand.
Wertheim kam vom Schreibtisch herüber, setzte sich, versenkte einen Zuckerwürfel in seinem Kaffee und rührte um. Dann leckte er den Löffel ab und trank.
Sander nahm zwei Stück Zucker und verteilte die Süße ausgiebig in der hellbraunen Flüssigkeit.
Als er die Tasse wieder abgesetzt hatte, eröffnete sein Gegenüber das Gespräch.
»Herr Friedmann, Sie wurden mir empfohlen von Bernhard Leitner. Sie haben seinerzeit seine Tochter aufgespürt.«
Der Fall war bereits über ein Jahr her. Das verzogene Töchterchen des Anwalts hatte er nach fast drei Wochen intensiver Suche auf La Palma aufgestöbert, zusammen mit ihrem zweifelhaften Liebhaber. Einer seiner wenigen wirklich lukrativen Jobs war das gewesen. Hoffnung keimte in ihm auf. Vielleicht hatte Wertheim etwas Vergleichbares für ihn.
»Es freut mich, wenn Herr Leitner mit meiner Arbeit zufrieden war.«
Der Banker nickte. Dann trank er einen Schluck, setzte die Tasse ab und lehnte sich zurück.
»Das ist er. Ich möchte Sie engagieren, um meinen Sohn zu finden. Er ist nun schon seit über einer Woche verschwunden und die Polizei hält es nicht für nötig, die Sache ernst zu nehmen.« Er schwieg einen Moment und blickte aus dem Fenster auf die Häuserfassade gegenüber. Dann wandte er sich wieder Sander zu. »Mein Sohn, Peter, ist Pathologe, und das mit Leib und Seele. Er würde niemals von seiner Arbeit fernbleiben, ohne jemandem Bescheid zu geben.«
Euphorie wallte durch Sanders Gehirn, seinen ganzen Körper, glühte auf seiner Haut. Ein Auftrag, wie er sich ihn nur wünschen konnte. Langwierige Befragungen von Kollegen und Freunden, Recherchen über persönliche Hintergründe.
»Solange es keine Anzeichen für ein Verbrechen gibt, hat die Polizei leider keine Möglichkeit, intensivere Untersuchungen anzustellen.«
»Sie waren früher bei der Kriminalpolizei.«
Sander nickte wortlos. Das musste sein neuer Auftraggeber von Leitner erfahren haben. Eine gute Referenz.
»Also kennen Sie deren Vorgehensweise. Aber das hilft mir nicht weiter. Mein Sohn ist zweiundvierzig. Er brennt nicht einfach mit einer Frau nach Teneriffa durch oder macht spontan Golfurlaub in Dubai. Es muss ihm etwas passiert sein.« Wertheims Hand zitterte leicht, als er den Schaum vom Tassenrand in den restlichen Kaffee rührte.
»Sie sollten nicht gleich vom Schlimmsten ausgehen. Ich werde gerne alles daransetzen, Ihren Sohn zu finden.« Nicht gleich vom Geld reden, überlass ihm das, zwang er sich zur Zurückhaltung.
Wertheim leerte seine Tasse und setzte sie klirrend ab. Seine perfekte Fassade hatte nun doch einen Riss. In diesem Moment beneidete Sander diesen Peter. Sollte er selbst jemals verschwinden, würde sein eigener Vater es mit einem Achselzucken abtun.
»Finden Sie ihn. Er ist alles, was ich noch habe. Meine Frau, seine Mutter, ist vor drei Jahren gestorben.« Wertheim ließ die Bemerkung für einige Momente in der Luft hängen, dann hatte er sich wieder gefangen. »Wie ist Ihr Honorar?« Er blickte Sander geradezu stechend in die Augen, dann wandte er den Blick ab und schüttelte knapp den Kopf. »Ich zahle Ihnen tausend Euro pro Tag inklusive aller Spesen, wenn Sie diesen Auftrag präferieren.«
Sander blieb die Luft weg. Von so einer exklusiven Sache hatte er bisher nur geträumt. Tausend pro Tag, das waren bis Donnerstag immerhin dreitausend Euro. Nun ja, eher zweitausend. Vielleicht konnte er einen Vorschuss aushandeln. Ruhig bleiben.
»Gut. Dann werde ich alle anderen Aufträge erst einmal zurückstellen und mich ausschließlich auf die Suche nach Ihrem Sohn konzentrieren«, log er.
Erleichterung zeigte sich im Gesicht des Filialleiters. »Das freut mich, dass Sie den Ernst der Lage erkennen.« Er stand auf und ging zu seinem Schreibtisch, um mit einem Scheckheft und einem Kugelschreiber zurückzukehren. Er schrieb etwas auf das oberste Blatt und riss es heraus. Seine Hand verharrte in der Luft. »Ich hoffe, eine Anzahlung von fünftausend Euro ist in Ordnung?«
Sander konnte nur wortlos nicken. Bis nächsten Dienstag war sein Hals aus der Schlinge. Er nahm den Scheck entgegen und verstaute ihn in der Brusttasche seines Sakkos. »Sie erhalten selbstverständlich nach Abschluss eine detaillierte Rechnung. Nun müssen Sie mir noch weitere Einzelheiten zu Ihrem Sohn, seiner Arbeit und seinem sozialen Umfeld geben.« Er zog sein Notizbuch und den Minenbleistift aus der Tasche und blickte seinen Auftraggeber erwartungsvoll an.
