Seelenfänger - Marcus Haas - E-Book

Seelenfänger E-Book

Marcus Haas

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Beschreibung

Das Vereinigte Königreich 1856, Daniel der Junge vom Lande kommt in die große Stadt London um Geld für die Familie daheim zu verdienen. Aber ganz schnell wird deutlich, dass etwas im Herrschaftshaus nicht mit rechten Dingen zugeht. Die stumme Dienstmagd Neha aus Indien und die seltsamen van-der-Luugs verbergen die Geheimnisse, die sie aus Indien mitgebracht haben. Schon bald kommt Daniel dahinter, dass Neha an Neumondnächten zu einem blutrünstigen Monster wird. Aber ihr Blut hat heilende Wirkung und wird von den Herrschaften genutzt um die Cholera in London in Schach zu halten. Doch das Blut macht auch abhängig. Auf der Flucht vor Misshandlung und als Mörder verfolgt fliehen Neha und Daniel. Einziger Ausweg erscheint den beiden die Fluch nach Indien. Sie heuern auf einer Kriegsschaluppe der East India Corporation an und es geht auf die Reise nach Calcutta. Wird es ihnen gelingen, das Geheimnis um Nehas Herkunft zu lüften?

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Seitenzahl: 387

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Marcus Haas

Seelenfänger

Cover

 

 

 

 

 

 

 

Seelenfänger

 

 

 

 

 

 

 

Marcus Haas

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Impressum

 

Copyright: vss-verlag, Frankfurt am Main

Jahr: 2021

 

 

Lektorat/ Korrektorat: Chris Schilling

Covergestaltung: Sabrina Gleichmann

 

Verlagsportal: www.vss-verlag.de

Gedruckt in Deutschland

 

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publi-kation in der Deutschen Nationalbibliografie

 

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheber-rechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verfassers unzulässig

 

 

 

Teil 1 - Belgravia

 

 

Regeln

 

Daniel sah dem Omnibus nach, wie er die Straße hinunter holperte. Die Pferde schnaubten und der Kutscher ließ die Peitschen knallen. Das Pflaster am Lowndes Square war noch warm von der Hitze des Sommertages, und der Dunst der Stadt lag über den Häusern. Sein Blick wanderte die lange Häuserfront entlang, jedes Einzelne war wie ein kleiner Palast, hoch und weiß getüncht, mit dunklen Fenstern, die so hoch waren wie ein erwachsener Mann. Er war auf dem Land aufgewachsen, eine Stadt wie London hatte er noch nicht gesehen. Die Gaslichter flackerten in ihren gläsernen Käfigen. Menschen eilten umher, obwohl die Sonne bereits untergegangen war und Kutscher trieben ihre Gespanne durch die Menge.

Daniel war gerade 15 geworden und alt genug, um zu arbeiten, so sein Vater. Als Page Boy würde er 8 Pfund im Jahr verdienen. Er bückte sich und warf den Seesack über die Schulter, der Sack, der mal seinem Großvater gehört hatte, war halb leer. Ein paar Sachen zum Wechseln waren alles, was Daniel besaß.

Der Junge warf den Kopf zurück und schaute zu dem Gebäude hinauf, das größer war als die Kirche in seinem Dorf. Sein Ziel war das letzte Haus in der Reihe.

Das Herz schlug dem Jungen bis zum Hals, als er die Treppe hinaufging. Ein Flügel des Tores öffnete sich noch bevor Daniel anklopfen konnte. Eine Dienstmagd stand in der Tür und starrte ihn mit großen Augen an, ihre Haut war dunkel, aber nicht so sehr, wie die des Afrikaners, den Daniel einmal im Zirkus gesehen hatte. Ganz langsam bewegte sie den Kopf hin und her. Sie konnte nicht viel älter sein, als er selbst

Daniel stockte, dann fiel ihm ein, was sein Vater im eingebläut hatte.

„Der Dienstboteneingang, natürlich. Bitte entschuldigen Sie“ und er schlug sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und die Magd nickte halb, indem sie den Kopf ein wenig neigte und auf die Seite legte. Und sie zog die Mundwinkel etwas nach oben. Auch wenn das Lächeln nicht bis an die Augen reichte, es genügte Daniel, das ihm das Mädchen nicht mehr aus dem Kopf wollte. Er sprang die Treppe wieder hinunter und klopfte am zweiten Eingang an der Seite des Gebäudes.

Eine alte Frau öffnete ihm, jedenfalls sah sie alt aus. Tiefe Furchen zogen sich durch ihr Gesicht und es glänzte von Schweiß. „Daniel Barrows?“, fragte sie. Daniel nickte und nahm schnell die Mütze vom Kopf. „Komm herein.“ Er folgte ihr in die Küche. Der Ofen knackte und der Dampf einer heißen Zwiebelsuppe lag in der Luft. „Ich bin Elsa. Du hast sicher Hunger.“

Daniel nickte.

„Dann iss erst mal.“ Sie stellte ihm eine Schale auf den Tisch und brach etwas Brot dazu. Der Junge löffelte gierig und wischte die letzten Tropfen mit dem Brot aus.

„Lange nix gegessen was?“

„Seit gestern. Seit die Kutsche abgefahren ist.“

Die Frau nickte und Daniel schaute dem Teller nach, währen sie ihn beiseite stellte.

„Die Herrschaften wollen Dich sehen. Neha wird Dir Dein Zimmer zeigen.“

Daniel nickte eingeschüchtert und knetete seine Mütze zwischen den Fingern. „Wer ist Neha?“

„Das Dienstmädchen.“ Sie deutete in Richtung Flur.

Neha, das Dienstmädchen, welches er gerade schon am Haupteingang gesehen hatte, stand dort, sie betrat die Küche nicht, sondern öffnet nur die Tür und nickte der Küchenmagd zu. Dann zog sie den Kopf wieder zurück.

„Die van-der-Luugs mögen den Geruch der Küche nicht“, erklärte die Alte und schob Daniel hinter dem Mädchen hinterher. „Los. Folge ihr.“

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und nur die Kerze, die Neha in der Hand hielt erhellte den schmalen Flur. Sie musterte ihn mit schief gelegtem Kopf und Daniel kam sich auf einmal sehr schmutzig vor. Das Mädchen hingegen war makellos in ihrem grauen Kleid. Sie trug eine Schürze und eine Haube, beide mit feiner Spitze besetzt. Daniel erkannte die gute Qualität, seine Mutter hatte auch geklöppelt, bis ihre Finger nicht mehr wollten. Die Gelenke waren dick geworden, taten ihr weh und sie konnte die feinen Bewegungen nicht mehr ausüben.

„Wo geht’s lang?“, fragte Daniel, er wollte arbeiten und seinen Eltern helfen, sie würden das Geld gut brauchen können, um seine drei Schwestern zu ernähren und den kleinen Hof halten zu können,der nicht mehr genug abwarf, für die Familie.

Statt zu antworten, drehte sich das Mädchen um und ging mit schnellen Schritten voraus zu einer schmalen Wendeltreppe, die sie vier Etagen nach oben führte, aber das bemerkte Daniel erst als sie ganz oben angekommen waren und er aus einem kleinen Fenster sah. Er schaute über den Hof und die Stallungen des Anwesens und konnte die anderen Häuser Londons dahinter sehen. Daniel vermochte sich nicht vorzustellen, wie eine Stadt so reich sein konnte, dass sie mehr als ein so reiches Haus enthalten konnte. Neha zog ihn am Ärmel und aus seinen Gedanken.

„Kannst Du nicht reden?“, wollte Daniel wissen. Aber Neha zeigte nur auf eine Tür und wartete stumm, bis er das Zimmer betrat.

Daniels Raum war winzig, ein Bett eine kleine Kommode und ein kleines Fenster, das im Wind klapperte. Eine Schüssel mit Seife und eine Wasserkaraffe standen auf dem einzigen Stuhl und für mehr wäre in dem niedrigen Zimmer auch kein Platz gewesen. Er hörte Nehas Füße einen Rhythmus auf den Bohlen klopfen, während sich der Junge den Dreck der Reise aus Gesicht und Haaren wusch. Er nahm das saubere Hemd aus seinem Seesack.

 

Er war nervös, als er endlich vor der Tür der Bibliothek stand und trat von einem Fuß auf den anderen. Neha ließ ihn nicht aus den Augen, während die mit Zeige- und Mittelfinger sachte an die Tür klopfte.

„Herein“, tönte ihnen die Stimme des Hausherren entgegen.

Das Dienstmädchen öffnete die Tür, dann nickte sie ihm zu hineinzugehen. Daniel war im erstem Moment überwältigt von der Pracht des Raumes, vom Leuchter an der Decke, von den vielen Büchern in den Regalen an den Wänden und den Tischen aus schwarzem Holz. Erst dann fiel sein Blick auf die van-der-Luugs. Der Mann stand hinter dem Divan, während die Frau darauf saß. Ein paar Schritte zurück stand der Butler und durchbohrte Daniel mit seinen Blicken, die Brauen skeptisch zusammengezogen.

Die van-der-Luugs kamen aus Holland und hatten ihr Vermögen in Indien gemacht bevor sie sich in London niederließen. Soweit kannte Daniel sie von dem Bericht seines Vaters, aber die Worte seines Alten wurden dem eigenen Augenschein nicht gerecht. So feine Anzüge und Kleider hatte der Junge noch nicht gesehen. Welcher Stoff es war, den die Frau trug, konnte Daniel nicht sagen, aber er schien im Licht der Leuchter zu glänzen, er war von roter Farbe und mit gelben Spitzen besetzt. Sie saß ganz gerade und aufrecht, wegen dem eng geschnürten Korsett, dass ihre Taille unmöglich schmal erschienen ließ. Der Mann war in einen schwarzen Gehrock gekleidet und trug einen Zylinder in der Hand. Es machte den Eindruck, als wollte sie gleich noch ausgehen.

Daniel verneigte sich tief und folgte dem Wink des Mannes näherzutreten.

„Daniel Barrows“, sagte der Mann, es war eine Feststellung, keine Frage. Die Herrschaften, Daniel übernahm in Gedanken schon die Ausdrucksweise der Küchenmagd – es erschien ihm passend.

„Sir. Madam.“ Daniel verbeugte sich tief und versuchte den Rücken gerade zu halten. Sein Vater hatte das mit ihm geübt und er hatte sich einige Ohrfeigen eingefangen, wenn die Bewegungen nicht exakt genug waren.

Als Daniel sich wieder aufrichtete, nickte die Frau wohlwollend. Daniel lief ein Schauer über den Rücken. Sie sahen nicht wie Eheleute aus, eher wie Geschwister. Beide waren groß gewachsen, mehr hager als schlank und ihre Haut war fast grau. Ihre Haare waren schwarz, seine glatt und ihre in Locken hoch frisiert. Es hätten Zwillinge sein können.

„Dein Vater hat sich für Dich eingesetzt, bei unserem Stallmeister“, erklärte der Mann.

„Ja Sir. Henry ist der Neffe eines Freundes.“

Die Frau nickte. „Gut. Wir wollen es mit Dir versuchen.“ Noch nicht mal ihre Stimme unterschied sich sehr von der Ihres Mannes. „In diesem Hause gibt es ein paar Regeln. Wir erwarten, dass sie eingehalten werden.“

„Madam. Natürlich“, bemühte sich Daniel schnell zu versichern.

„Du folgst den Anweisungen des Personals. Du stiehlst nicht, Du lügst nicht.“

Daniel nickte eifrig.

„Einmal im Monat hast Du einen Tag zur freien Verfügung. Ebenso wenn ein Angehöriger stirbt. Für den freien Tag gibst Du dem Butler wenigstens eine Woche vorher Bescheid.“

Der Mann legte seiner Frau die Hand auf die Schulter und schaute sie an.

„Gutes Personal sieht und hört man nicht. Des Nachts bleibst Du auf Deinem Zimmer. Die Treppe zu den Quartieren wird nachts abgeschlossen,“ fuhr sie fort.

Daniel starrte auf ihren Mund und die Zähne, sie waren ganz weiß und gerade, nicht krumm und braun, wie die anderer Menschen.

„Du kannst gehen.“ Sie musste es schon das zweite mal gesagt haben, denn sie sah ungeduldig aus. Daniel reagierte, als der Butler eine scheuchende Bewegung mit der Hand machte.

„Danke Sir. Danke Madam“, erinnerte er sich gerade noch und verbeugte sich noch einmal, bevor er schnell den Raum verließ. Er sah, wie seine Hand zitterte, als er in der Eingangshalle des Hauses wieder zur Ruhe kam und daran dachte, dass sein Herz doch langsamer schlagen sollte.

Neha schaute ihn an und Daniel meinte eine Traurigkeit in ihren Augen zu sehen, die er vorher nicht bemerkt hatte.

„Wie lange arbeitest Du schon für die van-der-Luugs?“, fragte er.

Sie legte erst den Finger auf den Mund und zog ihn zur Seite, wo es zu den Personalräumen ging. Aber dann hielt sie sechs Finger hoch.

„Sind sie gute Herren?“

Neha drehte sich um und führte ihn zurück zum Dienstbotenraum. Ein langer Tisch stand unter dem großen Fenster. Ein Diener polierte gerade das Silber und zwei Mägde besserten Kleidung aus, sie lachten und unterhielten sich über den vergangenen Markttag während sie arbeiteten.

„Ist das Normal, dass Neha nicht mit mir spricht?“ wandte er sich an die Bediensteten, nachdem er sich kurz vorgestellt hatte.

„Neha haben sie aus Indien mitgebracht. Sie spricht nicht. Ich vermute, deshalb steht sie in der Gunst der Herrschaften. Mein Name ist John, bin der Footman,“ antwortete ihm der Diener.

Der Butler kam herein und das Gespräch verstummte. Er nickte dem Jungen zu. „Willkommen bei den van-der-Luugs“, sagte er und erklärte dann seine eigenen Regeln für den reibungslosen Ablauf in dem Anwesen.

 

 

Botengänge

 

Das kleine Fenster schepperte, als eine Windböe den Regen dagegen schlagen ließ. Es klopfte an der Tür. Seit einer Woche war es jeden Morgen das Gleiche. Früh aufstehen, lange arbeiten und abends müde ins Bett kriechen. Das Stroh stach durch das Laken der Matratze, aber Daniel war immer so erschöpft, dass es ihm noch nicht einmal etwas ausmachte.

„Aufstehen,“ rief die Stimme des Butlers und das Klopfen wurde lauter.

„Ich bin ja wach“, antwortete Daniel und rieb sich den Schlaf aus den Augen und gähnte. Er hörte, wie sich die Schritte entfernten und an die nächste Tür gehämmert wurde. Am liebsten hätte er wieder umgedreht, es war nicht später als fünf. Das Licht der Morgendämmerung kämpfte sich nur mühsam durch die Wolken.

Es hatte sichüber Nacht nur wenig abgekühlt, es war stickig in der Kammer und bis zum Abend würde es in dem kleinen Raum kaum noch auszuhalten sein. Daniel schlug die Decke zurück und kämpfte sich in Hemd und Hose. Einen kurzen Moment saß er auf der Bettkante und schaute hinaus aus dem Fenster. Zuhause hätte seine Mutter ihn geweckt, indem sie die Hand über seinen Kopf strich und es hätte schon nach der Suppe gerochen, die sie morgens immer kochte.

Als Daniel in den Gemeinschaftsraum kam, erwartete ihn kein Frühstück. Statt dessen drückte der Butler ihm ein Couvert in die Hand. „Bring den Brief zu Lord John Russel und warte auf Antwort.“ Damit dreht sich der Mann um und ließ Daniel mit der Nachricht stehen.

„Wo finde ich Lord John Russel?“ wandte er sich an Elsa, die Magd, die einfache Holzteller für die Angestellten auf den Tisch stellte.

„Ich bring Dich hin.“ Schrie der Stiefeljunge und sprang von seinem Platz auf. „Ich bin Wallis“, er streckte die dreckige Hand aus und Daniel schlug ein. „Halt Dich an mich, dann geht’s Dir hier gut in London.“

Daniel schaute zur Küchenmagd, aber die nickte schnell. „Geht, bevor jemandem einfällt, dass Wallis woanders gebraucht wird. Aber Wallis. Du kommst sofort zurück.“

„Klar“, rief der Junge

„Ohne Umwege!“

„Selbstverständlich!“

Die Küchenmagd scheuchte die Jungs aus dem Haus. Sie waren kaum auf der Lowndes Street angekommen, als der Regen sie schon bis auf die Haut durchgeweicht hatte. Gegenüber von der Häuserzeile befand sich ein grünes Rechteck, umgeben von einem eisernen Zaun. Ein Gärtner war dabei, die Büsche in Form zu schneiden.

Personal war schon unterwegs, um Besorgungen für die Herrschaften zu machen. Kutschen holperten über das Pflaster, spritzten Wasser und Pferdekot im Vorbeifahren über die Gehwege.

Wallis sprang vor einem Hansom über die Straße und zog Daniel hinter sich her. Der Kutscher fluchte und ließ die Peitsche knallen, Daniel zuckte zusammen, als er den Luftzug an seiner Wange spürte aber dann fuhr die zweirädrige Kutsche weiter.

„Noch nich’ inner großen Stadt gewesen was?“

„Bayfield ist die nächste Stadt zum Hof meiner Eltern.“

„Kenn’ ich nich. Nur’n Kaff was?“ Wallis lachte. „Das hier is’ ne Stadt.

Sie kamen auf einem kleinen Platz, hier verkauften Bauern ihre Waren an die Küchenmägde und Bedienstete. Äpfel, Kartoffeln und Rüben waren in Körben aufgeschichtet. An einem Stand hing das Fleisch eines halben Schweines und Teile vom Rind lagen auf der Holzplatte.

Es stank in Daniels Nase. Wenn sein Vater ein Tier geschlachtet hatte, roch es nach Blut, aber nicht nach Verwesung. Dieses Fleisch war nicht gut, er schüttelte den Kopf, während Wallis ihn weiterzog. Planen über Holzgestellen sollten Verkäufer und Waren vor dem Regen schützen. Dieser Platz war nicht gepflastert und Daniels Stiefel sanken in den Schlamm.

Wallis schnappte einen Apfel von einem Marktstand und biss hinein, dass der Saft nach allen Seiten spritzte, dann bot er ihn Daniel an. Ein Schrei ertönte hinter ihnen und Daniel musste plötzlich laufen, um mit dem Burschen schritt zu halten. Sie bogen in Seitenstraßen und Gassen bis Daniel völlig den Überblick verloren hatte, er schaute weder nach rechts noch links, als sie über das Kopfsteinpflaster hetzten.

Daniel packte Wallis am Arm, als dieser sich lachend in eine Türnische drückte. „Bring mich zu diesem Lord.“ Wallis kaute nachdenklich auf dem Apfel herum und starrte ihn an.

„Das ist mein erster Tag“, fügte Daniel hinzu und versuchte, nicht verzweifelt zu klingen.

„Klar. Willst n’ guten Eindruck machen. Is ganz leicht. Da vorn is die Upper Belgrave, die bis zur St. Peters Kirche und Deinen Lord findest Du am Eaton Square Nummer 44.“ Er klopfte Daniel auf die Schulter. „Du schaffst das schon.“ Und dann sprang er durch den Regen davon.

Daniel schlug den Kragen seiner Jacke hoch, nicht das es noch einen Unterschied machte, und wanderte weiter. Zwei Mal fragte er nach dem Weg. Das erste Mal ignorierte ihn der Passant einfach und lief mit schnellem Schritt weiter. Ein Kutscher, der mit tief ins Gesicht gezogenem Hut auf seinem Bock saß und auf Kundschaft wartete, aber gab Auskunft. Endlich stand Daniel vor dem Anwesen des Lords. Am Dienstboteneingang öffnete man ihm die Tür.

Daniel zog den Brief aus der Tasche. Das gewachste Papier hatte die Reise unbeschadet überstanden. „Für den Lord John Russel. Ich soll auf Antwort warten.“

Ein Diener nahm ihm den Brief mit spitzen Fingern aus den Händen und legte ihn auf ein silbernes Tablett, mit dem er dann verschwand.

„Setz Dich an den Ofen, Du zitterst ja.“ Das Küchenmädchen führte den Jungen zum Herd. Sie roch nach Seife und Zwiebeln. Auf dem Herd stand ein Topf mit Gemüsesuppe.

„Du bist der neue Junge bei den van-der-Luugs?“

Daniel nickte.

„Die sind ein bisschen seltsam, oder?“

„Mary! Hör auf zu quatschen und fang an die Kartoffeln zu schälen“, schalt eine dicke Frau, die den Raum betrat, sie beugte sich über den Kochtopf, rührte einmal, probierte von dem Holzlöffel und drehte sich dann wieder um.

„Husch. Die pellen sich nicht selbst.“

Das Mädchen nickte hastig und machte einen Knicks. „Ja Miss Ruby.“

„Ah. Klatsch und Tratsch. Was anderes hat das Personal nicht im Kopf.“

Daniel schaute auf seine Mütze und wusste nicht,was er antworten sollte.

„Dann erzähl mal“, forderte Ruby nach einer kurzen Pause und ließ sich neben ihm auf die Bank fallen, die sich knarrend unter ihrem Gewicht bog. „Man hört ja so gut wie nix, von diesen Holländern. Nur dass das Personal ständig wechselt.“ Sie wischte ihre Hände an der speckigen Schürze ab.

Daniel zuckte mit den Schultern. „Ich bin ja erst seit kurzem da.“

„Man sagt komische Dinge über die Leute“, kam die Stimme des Küchenmädchens aus dem Nebenraum.

Daniel legte den Kopf auf die Seite, um durch den Türspalt sehen zu können. Das Mädchen saß auf einem Hocker bei einem Berg Kartoffeln mit einem Messer in der Hand, das sie mit schnellen Bewegungen über eine Knolle gleiten ließ. Sie sah den Jungen nicht an, sondern achtete auf ihre Bewegungen, während sie mit gedämpfter Stimme sprach.

„Sie kamen 1837 aus Bengalen wieder.“

Die dicke Köchin schüttelte den Kopf. „Glaub ihr bloß nicht diese Gruselgeschichten“, aber sie sagte es mit leiser Stimme und hatte bereits selbst den Kopf geneigt, um zuzuhören.

„Weißt Du, wie lange die Pest in Indien gewütet hat?“, flüsterte Mary und deutete mit dem Messer auf den Jungen. Daniel schüttelte den Kopf.

„Von 1835 bis 1837.“ Sie machte eine Pause. Daniel schaute sie mit großen Augen an.

„Und seit 1840 waren die Herrschaften schon wieder zwei mal in Bengalen. Jedes Mal gab es auch einen Cholera-Ausbruch.“

Daniel lief ein Schauer über den Rücken, aber er schüttelte den Kopf.

Die Magd wandte sich wieder ihren Kartoffeln zu. „Glaub, was Du willst“ sagte sie, „aber diese Leute bringen den Tod nach London.“ Sie verzog das Gesicht zu einer Fratze, die unheimlich aussehen sollte. „Import von Musselin und Jute. Das ist doch nur ein Vorwand. Und diese unheimliche Zimmermagd aus Indien, die sie sich halten …“ Sie machte eine kunstvolle Pause.

Daniel zuckte zusammen, als die Köchin ihm die Hand auf die Schulter legte.

„Genug Gruselgeschichten. Deine Antwort ist da. Ich bin sicher, der Lord hat zugesagt zum Empfang der van-der-Luugs zu kommen. Is’ schon ein paar Jahre her, dass er Bürgermeister war, aber sein Wort hat noch Gewicht,“ fügte sie hinzu. Daniel war tief beeindruckt davon, in welchen Kreisen seine Arbeitgeber verkehrten, womöglich hätte er es schlimmer treffen können.

Der Diener hatte ein neues Couvert zurückgelassen. Daniel hatte nicht einmal bemerkt, wie er gekommen und gegangen war.

„Damit sie auch ihn verfluchen können“, kam das Flüstern der Magd aus dem Nebenraum.

Der Regen hatte nachgelassen, als Daniel wieder vor die Tür trat, nur noch leichter Niesel fiel beständig aus den lichter werdenden Wolken. Wallis hatte ihn ganz schön herumgeführt. Es waren nur drei Straßen bis zurück zum Lowndes Square, wie die Köchin ihm erklärt hatte.

Aber den ganzen Weg zurück dachte Daniel nur an die Geschichte, welche die Magd erzählt hatte.

Am Abend fühlte Daniel sich wie erschlagen, den ganzen Tag hatte er Botengänge erledigt, bei Aufgaben im Haus geholfen und dann musste er helfen, die Ställe auszumisten. Wo immer eine Hand gebraucht, wurde zog man Daniel zur Arbeit ran. Und man fluchte auf Wallis, der nie zu finden war. Aber er war der Sohn des Butlers, wie Henry, der Stallmeister erklärte.

„Wer ist denn die Mutter?“, wollte Daniel wissen.

„Ein Zimmermädchen, aber sie ist im Kindbett gestorben.“

„Man sollte den Lustmolch rausschmeißen“, sagte Henry, als Daniel die letzten Eimer mit Pferdemist auf den Haufen kippte. „Er ist ja nicht einmal verheiratet. Aber die Herrschaften wollen das nicht sehen.“ Er schlug die Zähne aufeinander.

Daniel stellte den Eimer in die Ecke und wischte sich die Hände an der Hose ab. „Wieso nicht?“

„Woher soll ich das wissen. Er bewegt sich ja nie auch nur einen Yard von den Herrschaften fort.“ Henry beugte sich zu Daniel hinunter, er war ein Riese von einem Menschen und fasste den Jungen am Kinn. „Du bist groß geworden, seit wir uns das letzte mal gesehen haben.“ Er fuhr fort, nachdem er den Jungen von oben bis unten gemustert hatte. „Ich glaube der Butler weiß etwas über die beiden, dass er sich so was erlauben kann.“ Wieder das klacken mit den Zähnen.

„Du meinst er erpresst sie?“

„Nee, das würden die Luugs nicht erlauben. Aber ich glaube, sie behalten ihn lieber in der Nähe, wo er keinen Schaden anrichten kann.“

Daniel schaute sich im Stall um, aber es gab nichts mehr zu tun.

„Gute Arbeit Junge. Du kannst jetzt gehen,“ bestätigte Henry.

Am Fuß der Treppe zu den Quartieren des Personals saß Neha auf der untersten Stufe und wippte langsam mit dem Oberkörper vor und zurück. Beinahe wäre Daniel über das Mädchen gestolpert, denn sein Kerzenstumpf glomm nur noch fahl und er musste die winzige Flamme mit der Hand schützen, damit sie nicht verlosch. Man hatte ihm gesagt, dass er seine Kerzen selbst bezahlen musste, deshalb versuchte er, sparsam mit ihnen zu sein.

„Neha. Was sitzt Du hier rum?“, wandte er sich an das Mädchen.

Aber sie sah nicht auf und reagierte nicht auf seine Worte.

„Neha?“ Er berührte sie vorsichtig an der Schulter aber sie schlug seine Hand fort und presste ihren Körper gegen die kalte Wand, weg von dem Jungen.

Daniel blieb unschlüssig neben ihr stehen, aber sie bewegte sich nicht. Als er noch einmal die Hand ausstreckte, zischte sie und ihre Augen funkelten kurz zu ihm hinauf. Daniel wich einen Schritt zurück, dann drückte er sich an der anderen Wand an ihr vorbei und ging langsam die Treppe hinauf. Das Mädchen ließ er unten sitzen.

 

 

Nachtwache

 

Daniel schlug die Augen auf und brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Es war noch dunkel draußen, der Mond nur noch ein ganz schmaler Strich. Dann hörte er wieder das Kratzen an der Tür. Und Wallis Stimme.

„Wach endlich auf Du Schlafmütze.“

„Was willst Du. Es ist mitten in der Nacht“, gähnte Daniel, aber er setzte sich trotzdem im Bett auf und blinzelte. Wallis hatte den Kopf durch die Tür gesteckt, die Kerze in seiner Hand flackerte, und beleuchtete sein Gesicht in unruhigem Licht.

Wallis ließ einen Schlüsselbund klirren. „Was hältst Du von einem Besuch im Pub? Peter und Jones kommen auch mit.“

Peter war der Unterkoch und Jones der Stalljunge erinnerte Daniel sich. Sie waren etwas älter als Wallis und Daniel.

„Aber?“, Daniel zögerte.

„Bist’n Angsthase wie? Uh-hu-hu. Die Herrschaften haben’s verboten. Uh-huhu“, höhnte Wallis leise.

Daniel kniff die Augen zusammen, der Tag war lang gewesen, aber auf der anderen Seite hatte Daniel auf die Einladung gewartet, er war jetzt zwei Wochen im Hause der van-der-Luugs und wusste, dass die anderen Jungs hin und wieder nachts loszogen, wenn es den Lohn gegeben hatte. Wallis stahl dann den Schlüssel seines Vaters für den Ausflug.

„Ich komme“, sagte er deshalb.

Daniel gähnte noch einmal herzhaft und schwang sich aus dem Bett. Die Dielen waren Kalt und ein Schauer lief ihm über den Rücken.

„Wie viel Geld hast Du?“, wollte Wallis wissen.

Daniel kramte in der Tasche und fand ein paar Pennys. Er ließ die Münzen im Licht der Kerze aufblitzen. Wallis war nicht sehr beeindruckt.

„Wird schon reichen, wenn wa' zusammenlegen“, murmelte Wallis und schlich voran und öffnete die Tür zu den Quartieren. Die Scharniere quietschten, aber nur leise. Jones und Peter folgten. Die Stufen knarrten unter ihren Schritten, aber niemand versuchte sie aufzuhalten. Wallis öffnete die Tür der Waschküche mit seinem Schlüssel und schob den Holzbolzen beiseite.

„Freiheit,“ lachte er.

Einen Moment dachte Daniel daran seinen Freund darauf aufmerksam zu machen, dass sie die Tür nicht wieder verschlossen hatten, aber das hätte kleinlich und feige ausgesehen. Also ließ er es.

Sie kletterten über die Mauer im Hof bei den Ställen, während Jones die Hände so hielt, dass Daniel sie als Tritt nutzen konnte, um an die Mauerkrone zu kommen.

Die Gaslaternen warfen zuckende Schatten über das nasse Kopfsteinpflaster der Straßen. Ein paar Gestalten waren unterwegs, mit langen Mänteln und Hüten tief ins Gesicht gezogen. Daniel spürte die Anspannung seiner Begleiter und war froh, dass er nicht allein unterwegs war. Sie überquerten die Vauxhall-Bridge und folgten ein Stück der Kennsington Road, aber die Straße war den Jungs zu öffentlich und so nahmen sie die Seitenstraßen und Gassen bis zur New London Bridge. Selbst zu dieser späten Stunde waren hier noch Kutschen und Fußgänger unterwegs. Auf dem Wasser lagen Kähne und Dampfboote, eines neben dem anderen. Je näher sie den Docks kamen, desto finsterer sahen die wenigen Leute aus, denen sie begegneten und um so unerträglicher wurde der Gestank vom Fluss, der herüberwehte.

„Peeler!“, flüsterte Jones aufgeregt und sie drückten sich in eine Seitengasse, um den Polizisten vorbeiziehen zu lassen, der das Revier durchstreifte. Daniel kauerte sich in die Schatten und beobachtete den Mann, wie er vorbei schritt. Der Peeler trug einen hohen Helm und einen langen Mantel. Im Licht der Laterne wirkte das dunkle Blau fast schwarz. Ein Schlagstock steckte in seinem Gürtel. Die Wache ging nur zwei oder drei Armlängen entfernt an ihnen vorbei und warf einen flüchtigen Blick in die Gasse. Daniel blieb fast das Herz stehen, aber der Peeler bemerkte die Figuren in der düsteren Ecke nicht und ging weiter. Sie warteten einige Zeit, bevor sie weiterzogen.

Der Club, wie Peter den Pub nannte, war ein mehrgeschossiges Haus, alle Fenster waren mit Brettern vernagelt, zwischen denen nur wenig Licht nach draußen fiel. Als Jones die Tür öffnete, kam ihnen eine Wolke von Gerüchen und Geräuschen entgegen, die Daniel zurück stolpern ließ. Abgestandenes Bier, Erbrochenes. Lachen und Grölen. Wallis schob ihn durch die Öffnung und zwischen den dicht stehenden Menschen hindurch. Es waren nicht nur Männer in dem Raum, auch ein paar Frauen mit tief ausgeschnittenem Dekolleté, die sich an den einen oder anderen Mann gehängt hatten. Ein solches Paar sah Daniel durch eine Tür im hinteren Teil der Bar verschwinden. An einem anderen Tisch rollten Würfel durch die Bierpfützen.

„Gib mir das Geld“, forderte Wallis auf und Daniel gehorchte. Peter und Jones drückten ebenfalls ein paar Münzen in seine Hand. Sie zählten das Geld, dann wanderte es zu Peter, der sich mit dem Schatz zur Bar kämpfte.

Jones und Walis trieben irgendwo ein paar Hocker auf und drängelten sich durch die Leiber der Trinkenden zurück an den Tisch, den sie sich ausgesucht hatten. Daniel versuchte flach zu atmen. Es war laut, irgendwo sang jemand. Peter brachte einen Krug und das dunkle Bier darin schwappte über seine Hände, als er von einem betrunkenen angerempelt wurde. Die Gläser, die er in der andern Hand hielt, knallte er auf den Tisch und stellte den Pitcher in die Mitte. Mit erhobenen Fäusten dreht er sich um, aber der Rempler übergab sich gerade auf den mit Stroh bedeckten Boden des Pubs. Peter zuckte mit den Schultern und wandte sich zu seinen Kumpels um.

„Trinkt“, schrie er und verteilte das Bier in die Gläser. Ein paar Pence, die noch übrig waren, knallte er auf den Tisch.

Daniel nippte an dem Bier, es war bitter und stark. Er hustete, was ihm einen Schlag auf den Rücken von Jones einbrachte.

„Gutes Zeug“, schrie ihm der Unterkoch ins Ohr und Daniel nickte, während er den nächsten Schluck nahm. Auf einmal hielt er es nicht mehr für so eine gute Idee, mit den Jungs loszuziehen, er fühlte sich unwohl in der Bar. Jedes Mal wenn jemand hinter ihm vorbeiging, spürte er die Ellenbogen in seinem Rücken.

Er nippte an seinem Bier wären Wallis mit Jones und Peter lachte und scherzte, aber Daniel mochte diese Scherze nicht. Sein Glas war noch halb voll, als er sich vom Hocker gleiten ließ und zur Tür kämpfte. Die anderen schienen nicht einmal zu merken, dass er ging. Daniel drehte sich um, aber sie hatten nur Augen für eine Dirne, die Peter große Augen machte.

Nebel war aufgezogen und die Gaslampen trugen ein leuchtendes Halo, als Daniel die Brücke überquerte. Wie einen Heiligenschein dachte Daniel und erinnerte sich an die Bilder in der Kirche von Bayfield. Die kühle Luft tat ihm wohl nach der stickigen Atmosphäre im Pub. Er machte sich auf den Weg nach Belgravia. Daniel war sich über den Weg nicht ganz sicher, aber wenn er in der Nähe der Themse blieb, würde er sicher zurückfinden.

Daniel verschränkte die Arme vor der Brust und stapfte die Straße mit gesenktem Kopf hinunter.

„Hey Junge!“, hörte er eine Stimme hinter sich. Als Daniel sich umdrehte, sah er den Peeler, dem sie vor nicht viel mehr als einer Stunde erfolgreich ausgewichen waren auf sich zukommen.

Daniel lief so schnell er konnte, bog in eine Seitengasse, dann in eine andere. Er hörte die Klapper des Polizisten und dessen schwere Stiefel hinter sich. Der Junge stolperte durch eine Pfütze, kam wieder auf die Beine und rannte weiter. Irgendwann war er wieder ganz allein und hatte nicht den leisesten Schimmer, wo in der Stadt er sich befand. Daniel versuchte zu Atem zu kommen und stützten die Arme auf die Oberschenkel. Die kalte Luft brannte in seinen Lungen. Langsam beruhigte sich sein Herzschlag wieder.

Kam er nicht rechtzeitig ins Haus, würde es richtig Ärger bekommen, er könnte seinen Job verlieren. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen und stapfte weiter. Wie sollte er das seinem Vater erklären, der sich auf ihn verließ.

Erst war es nur ein Plätschern in der Ferne, aber als Daniel dem Geräusch nachging, war es die Themse, deren Wellen gegen die Uferbefestigung schlugen. Er atmete erleichtert auf und bereute dies sogleich denn der Fluss stank nach Abfall und Exkrementen. Fische gab es in dieser Kloake schon lange nicht mehr. Er folgte dem Weg entlang des Flusses bis zur Vauxhall Bridge. Hier in der Gegend kannte er sich inzwischen einigermaßen aus.

Daniel hatte keine Ahnung, wie spät es war, aber es musste schon eine ganze Zeit nach Mitternacht sein, als Daniel endlich über die Mauer des Anwesens der van-der-Luugs kletterte. Eine Kiste half beim Hinaufklettern, aber auf der anderen Seite blieb dem Jungen nur der Sprung in die Tiefe. Er landete auf Händen und Füßen im Matsch und war froh, dass es nicht die Sickergrube war. Er schüttelte den Dreck von den Händen und versuchte kein Geräusch zu machen, als er sich dem Haus näherte. Ein Pferd wieherte im Stall, als er vorbeiging, aber niemand reagierte darauf.

Die Tür zur Waschküche war noch offen und Daniel wusch sich die Hände in dem kalten Wasser eines Eimers, der neben der Tür stand. Er wäre im Dunklen beinahe darüber gestolpert, aber er hatte keine Kerze, die ihm Licht spenden könnte. Er tastete sich langsam mit den Händen voran.

Ein Geräusch ließ ihn aufschrecken. Er hielt inne und rührte sich nicht. Alles was er hörte waren einige Wassertropfen, die von seinen Fingern auf den gestampften Lehm der Waschküche fielen. Dann ein Kratzen nur ganz leise aus dem Kohlenkeller gefolgt von einem feuchten Knirschen.

Daniel kannte das Geräusch. So ähnlich hatte es sich auch angehört, wenn sein Vater den Hühnern, die an Festtagen in die Suppe sollten, den Hals umdrehte. Vielleicht war es eine Katze gewesen, welche eine Ratte erwischt hatte.

Daniel machte einen vorsichtigen Schritt in Richtung Kellertür und hörte die Stufen dahinter knacken – etwas kam die Treppe hinauf und es musste schwerer sein, als eine Katze, die gerade Beute gemacht hatte.

Ein Schauer lief über Daniels Rücken. Er lief den Gang hinunter zu den Quartieren. Schnell die Treppe hinauf. Er stieß sich den Fuß am Absatz und schürfte sich die linke Hand auf, als er den Sturz abfing.

Aber das spürte er erst, als er die Tür zu seinem Zimmer hinter sich schloss. Daniel lehnte sich gegen das Holz und wünschte, die Tür ließe sich abschließen. Er wartete, bis die Gänsehaut wieder verschwunden war, bevor er ins Bett kroch, um wenigstens noch ein oder zwei Stunden Schlaf, zu bekommen. Und er versuchte zu lachen, weil er sich vor einer jagenden Katze erschreckt hatte.

 

Am folgenden Morgen brauchte Daniel zum ersten Mal niemanden, der ihn weckte. Er hatte schlecht geschlafen. Die Angst davor, dass der nächtliche Ausbruch entdeckt wurde und an die Gedanken an den Kohlenkeller hatten ihn wach gehalten. Er versuchte sich einzureden, dass es das Bier war und das Umherirren in der nächtlichen Stadt, aber so viel hatte er nicht getrunken.

„Hey.“ Wallis schlug ihm mit der flachen Hand auf den Rücken. „Hast was verpasst gestern. Die Toffer wollte erst nur mit Peter, aber dann hat das Geld für uns alle gereicht.“ Er lachte und Daniel zog sich der Magen zusammen.

„Dicker Schädel? Kenn ich. Dat wird schon wieder.“

Daniel folgte ihm langsam nach unten, aber er sagte nichts.

Der Steward erwartete die Bediensteten schon im Arbeitsraum und teilte beim Frühstück mit, dass mit den Vorbereitungen für den Empfang für den nächsten Tag begonnen werden musste.

„Wo ist Neha?“, wollte Daniel von der Küchenmagd wissen. Nachdem Frühstück musste er helfen, das Silber zu putzen. Durch das große Fenster fiel das Licht ins Zimmer, der Nebel hatte sich verzogen und der Himmel war bewölkt, aber zur Abwechslung regnete es nicht.

„Heute ist Neumond. Da hat sie immer ihren freien Tag“, erklärte Elsa.

Daniel fuhr fort, den Silberlöffel zu polieren. Er dachte an seinen eigenen Ausflug und gähnte. „Was macht sie an ihrem freien Tag?“

Er fragte sich, was Wallis nun wohl von ihm hielt, nachdem er davongelaufen war. Er schaute aus dem Fenster, wo der Stiefeljunge die Schuhe der Herrschaften putze. Wallis ertappte Daniel, wie er ihn beobachte. Er grinste und zwinkerte Daniel zu.

Elsa zuckte mit den Schultern, legte eine Gabel beiseite und nahm die nächste. „Ich glaube, sie bleibt auf ihrem Zimmer.“ Sie zögerte einen Moment, um zu überlegen „Ich habe Neha noch nie an einem ihrer freien Tage gesehen.“

 

 

Der Empfang

 

Neha und Daniel standen in der Eingangshalle und warteten auf den letzten Gast, der zum Empfang geladen war.

Der gestärkte Kragen stach mit seinen Spitzen in Daniels Kinn und die Hose kratzte. Man hatte ihn befördert, vom Page Boy zum zweiten Footman. Die Angst, die Herrschaften zu enttäuschen, nagte an ihm, aber das zusätzliche Geld war sehr willkommen. Daniel hatte nicht gefragt, warum John, sein Vorgänger, den Haushalt verlassen hatte. Vielleicht gab es woanders eine bessere Stellung. Trotzdem kam Daniel sich komisch vor, wie ein kleiner Herr. So gute Kleidung hatte er in seinem ganzen Leben nicht getragen. Er hatte Bedenken den Stoff irgendwo zu zerreißen.

Ihm war kalt, und gleichzeitig spürte er den Schweiß, der auf seiner Stirn stand, aber das lag nicht an der zusätzlichen Verantwortung. Er wischte sich mit dem Ärmel über das Gesicht, aber er wollte sich nicht anmerken lassen, dass er sich nicht wohlfühlte. Er schaute zu Neha hinüber. Statt des üblichen grauen Kleides hatte man sie in ein schwarzes gesteckt, die weiße Schürze leuchtete durch den Kontrast. Das Mädchen schaute ihn an und er bemühte sich, zu lächeln.

Die Türglocke schellte.

„Guten Abend Sir. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen?“ sagte Daniel automatisch zu einem Mann, dem Neha die Tür öffnete. Es war der letzte Gast, den sie erwarteten. Er gab Gehrock und Zylinder an Neha weiter, die beides in die Garderobe brachte, und wandte sich wieder an den Mann. „Bitte folgen Sie mir.“

Er ging voran durch die Eingangshalle und die Lobby in den Speisesaal, wo die anderen Männer und Frau van-der-Luug schon warteten.

„Dr. Snow,“ begrüßte der Hausherr den Neuankömmling. „Es freut mich, dass Sie es einrichten konnten.“

Der Doktor nickte zur Begrüßung und der Daniel rückte ihm den Stuhl zurecht. Als der Mann saß, gab der Butler Daniel einen Wink und warf ihmeinen ungeduldigen Blick zu. Daniel nickte kurz und ging schnell, um den Wein zu holen, wie es abgesprochen war.

„Sie kennen Mr. Chadwick? Doktor“, hörte Daniel noch, bevor er des Raum verließ, wobei er versuchte ein Husten zu unterdrücken. Die Treppe hinunter kann er in die Küche, wo die Speisen zubereitet wurden. An jedem anderen Tag wäre ihm sicher das Wasser im Munde zusammen gelaufen, aber heute knurrte sein Magen nur unwillig und schmerzte.

„Wo ist der verdammte Unterkoch?“, schimpfte die Küchenmagd. Daniel zuckte mit den Schultern. Wallis und den Stalljungen hatte er auch den ganzen Tag nicht gesehen. Wenn es das Bier in der Bar war, von dem er sich so schlecht fühlte, dann mussten die anderen richtig krank davon sein. Aber Daniel sagte nichts, er nahm das Tablett mit der Weinflasche und kletterte die schmale Stiege wieder nach oben.

„Es leben inzwischen über 2 Millionen Menschen in London,“ hörte er den Hausherren sagen. „Wir werden nicht mehr lange so weitermachen können.“

„Aber bisher hatten Sie doch alles ganz gut unter Kontrolle“, warf Sir Francis Graham Moon ein. Der Bürgermeister, erinnerte Daniel sich. Als Footman musste er die Gäste und die jeweilige Position kennen, die Bilder tanzten noch vor seinen Augen, er war sich fast sicher irgendeinen Fehler zu machen und dann würde man ihn sicher zum Stiefeljungen degradieren. Der Butler hatte dem Personal Illustrationen aus der Zeitung gezeigt und erklärt, wie die hohen Herren zu behandeln waren.

Der Bürgermeister hob das Glas, dass der Butler gerade gefüllt hatte. Die anderen taten ihm nach. „Auf die van-der-Luugs, die so viel für diese Stadt getan haben.“ Die Männer stimmten in seinen Toast ein. Frau van-derLuug nickte langsam, zog die Mundwinkel hoch und sah zu ihrem Mann hinüber.

„Unsere Ressourcen sind begrenzt“, erklärte der.

„Gibt es keine Weiteren?“, wollte Mr. Chadwick wissen.

„Es war schwierig genug, dieses eine Exemplar zu finden.“

„Dann werden Sie die Luft nicht länger von den Miasmen frei halten können?“ fuhr Chadwick fort.

„Miasmen? Ich glaube nicht an diese Hypothese,“ murmelte Dr. Snow leise zu Lord Russel, aber der beachtete ihn nicht.

Daniel stand hinter den beiden an der Tür und wartete auf das Zeichen des Butlers, den ersten Gang heraufzuholen. Er hörte zu, aber er Verstand nicht, wovon die Männer redeten. Sein Blick strich über die dunkle Wandvertäfelung und blieb am Fenster hängen, das zum Hof ging.

Neha hatte sich neben Ihn an die Tür gestellt und schaute nur geradeaus. Daniel warf einen kurzen Seitenblick zu ihr, aber sie beachtete ihn nicht.

Daniels Gedanken schweiften ab, was die Männer beredeten interessierte den Jungen nicht. Er dachte an seinen Vater, der sich bestimmt über den zusätzlichen Schilling jede Woche freuen würde. Aber wie gern wäre er auf dem Hof, um mit den Brüdern über die Felder zu laufen. Es gab immer viel zu viel zu tun, aber Zeit für Heimweh blieb trotzdem noch genug. Außerdem hatte er schon den ganzen Tag Magenschmerzen und ganz bestimmt auch Fieber, aber wollte ich nichts anmerken lassen.

Als er die Vorsuppe holte, wäre er fast mit der Terrine gestolpert, aber es ging gerade noch gut. Er folgte dem Butler mit dem schweren Tablett um den Tisch, während dieser die Teller füllte.

Bei den Herrschaften angekommen drehte sich Ms. van-der-Luug plötzlich zu ihm um und sog die Luft ruckartig durch Nase ein.

„Robert. Nehmen Sie dem Jungen doch bitte die Suppe ab.“

Der Butler zog die Augenbrauen hoch, aber er tat wie befohlen. Die Hausherrin legte ihren Finger unter das Kinn des Jungen und bewegte seinen Kopf nach oben, bis er ihr in die Augen blicken musste.

„Oh?“, flüsterte sie und dann wandte sie sich an die Gäste. „Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment. Doktor, möchten Sie mich begleiten, ich denke, Sie hatten noch nicht das Vergnügen.“

Die Männer standen alle auf, als sie sich erhob, aber nur Dr. Snow ergriff das Wort. „Madam van-der-Luug. Die Ehre dabei zu sein würde mich außerordentlich erfreuen.“

Die Hausherrin nickte. „Kommen Sie.“

Sie zog den Jungen hinter sich her und der Doktor folgte ihnen. Neha sah ihnen mit verkniffen Augen nach, ihr Mund war nur eine schmale harte Linie.

In der Bibliothek stellte sich die Herrin gegenüber von den Jungen auf.

„So viel gibt es wirklich nicht zu sehen,“ sagte sie und legte Daniel die Hand auf den Kopf. Der Doktor beobachtete sie genau.

Am Anfang spürte Daniel nur ein Kribbeln, das seinen Rücken hinunterlief, und erfragte sich, ob das nur Einbildung war. Dann fühlte es sich an, als würde ihm jeder einzelne Knochen durch die Schädeldecke aus dem Körper gesaugt, aber es tat nicht weh. Es war nur ein ziemlich unangenehmes Gefühl. Aber Daniel hatte nicht die Zeit, diese Empfindungen zu erforschen. Genauso schnell, wie sie gekommen waren, so schnell waren sie auch schon wieder vorüber. Daniel schaute an sich herunter und wunderte sich, dass er noch auf den eigenen Beinen stand. Offensichtlich hatte er seine Knochen noch, aber seine Knie zitterten.

„Das war’s schon?“, der Doktor klang etwas enttäuscht.

Und Daniel spürte, dass das Fieber fort war. Sein Magen rebellierte nicht mehr und der Schwindel war ebenfalls gewichen. Er starrte die Lady ungläubig an.

„Ja, das war’s schon. Später im Zyklus ist es schwieriger. Ich hoffe Sie fanden die Demonstration lehrreich.“ Sie wandte sich an den Jungen. „Geh jetzt.“ Und dann wieder an den Doktor, während Daniel unsicher den Raum verließ.

„In höchstem Maße, Mylady. Was hat es mit diesem Zyklus auf sich?“ wollte Mr. Snow wissen.

„Sie können sich dieses Talent wie einen Sinsteden-Akkumulator vorstellen …“, antwortete die Lady.

Daniel lief fast als er die Bibliothek verließ und erinnerte sich im letzten Moment, die Tür leise zu schließen. Er schlich in die Garderobe und lehnte sich mit zitternden Beinen gegen die Wand. Der Junge hatte nicht den leisesten Schimmer, was da gerade vorgefallen war. Nur krank fühlte er sich nicht mehr.

Plötzlich war Neha neben Ihm und fauchte. Sie starrte ihn an und ihre Augen waren voller Hass.

„Neha? Was ist los?“ Er wäre zurückgewichen, aber sein Rücken war schon gegen die Holvertäfelung gepresst. Angst hatte Daniel keine, aber was er getan hatte um das Mädchen so aufzubringen war ihm schleierhaft.

Ihre Finger krallten sich in seine Schultern und sie öffnete den Mund. Daniel wurde fast ohnmächtig, als er die Zähne sah, zwei waren besonders lang und dünn und eine klare Flüssigkeit glitzerte an ihren Enden. Plötzlich raste Daniels Herz, als wolle es zerspringen. Die anderen Zähne waren kürzer und leicht nach hinten gebogen. Eine gespaltene Zunge zischte kurz hervor.

Der Junge hatte seine Hände gehoben und versuchte das Mädchen fernzuhalten, aber ihre schrecklichen Zähne kamen ganz langsam näher. Daniels Arme zitterten, aber das Monster war stärker. Seine Finger gruben sich in die Ärmel ihres Kleides und er hörte die Nähte reißen, während sie gegen ihn ankämpfte. Daniel wollte schreien, aber die Angst schnürte ihm die Kehle zu. Langsam rutschte er die Wand hinab.

Mit einer Kraftanstrengung schaffte Daniel es Neha etwas auf Abstand zu bringen, als sie schon fast über im ihm war. Er brachte sein Bein nach oben, setze ihr den Fuß auf die Brust und schleuderte sie mit aller Kraft, die er hatte von sich fort. Neha taumelte durch die Tür des angrenzenden Toilettenraumes und schlug gegen das Waschbecken. Daniel starrte auf den abgerissenen Ärmel und das Mädchen, das noch benommen auf dem gefliesten Boden lag.

Ihr Arm war vom Ellenbogen aufwärts bis hinauf zu den Fransen des Kleids mit Narben überseht. Jede war so lang wie ein Finger des Jungen, einige waren frisch, gerade verschorft, andere älter, schon verwachsen. Kreuz und quer zogen sie sich über die entblößte Haut und auch übereinander hinweg, ganz sicher noch weiter, als nur bis zu ihrer Schulter. Daniel glitt der Ärmel aus der Hand und er taumelte gegen die Wand.

„Hier steckt ihr!“, dröhnte eine Stimme in die kleine Garderobe, der Butler, Robert, klingelte es in Daniels Geist, als müsste er sich daran erinnern, um nicht den Verstand zu verlieren.

„Was ist hier los?“, meldete sich die Stimme der Hausherrin, die zur Tür hereinschaute.

„Gar nichts,“ antwortete der Butler. „Wir haben alles unter Kontrolle.“

Daniel sah Ms. van-der-Luug nicken, dann verschwand sie ohne ein weiteres Wort. Sein Blick wanderte wieder zu Neha hinüber.

„Was ist das?“, flüsterte Daniel, er zitterte am ganzen Körper und es fiel im schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

Der Butler nickte abfällig in Richtung Dienstmädchen. „Unser Hausmonster?“, sagte der Butler. Nehas Augen wanderten hin und her und sie versuchte auf die Beine zu kommen, aber ihre Bewegungen waren noch unkoordiniert und sie schaffte es nicht.

Daniel wäre am liebsten davongelaufen, aber der Butler versperrte ihm den Weg.

„Die Hausherren halten das Ding für ihre Experimente. Halt Dich von ihr fern. Und jetzt komm. Du musst den zweiten Gang holen.“

„Und,“ er zögerte „Sie? Es?“ Daniel wagte nicht, Nehas Namen auszusprechen. Namen gehörten zu Menschen, nicht zu Ungeheuern.

„Das Monster wird sich wieder beruhigen. Wer kann schon wissen, was im Kopf eines Tieres vorgeht.“

Daniel wollte ihm zustimmen und wieder seinen Pflichten nachgehen, aber als er sich noch einmal nach ihr umsah, entdeckte er die Tränen, die ihre Augen glitzern ließen und sein Magen krampfte sich zusammen.

Er wusste, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte, aber wer war das Monster. Das Wesen mit den Schlangenzähnen oder diejenigen, welche ihre Haut aufritzten, bis sie aussah, wie eine Flickendecke. Es machte ihm Angst.

„Was Du gerade gesehen hast,“ fügte der Butler hinzu, bevor sie wieder in den Speisesaal traten, „wirst Du nicht ausplaudern.“ Er beugte sich zu de Jungen hinunter. „London ist eine gefährliche Stadt für Jungen, die ihre Klappe nicht halten können.“

Daniel schluckte und nickte, das hatte er verstanden.

 

 

 

Nacht

 

„Footman“, grinste Wallis, er war wieder auf den Beinen, wenn auch noch etwas blass.

Daniel tunkte ein Stück Brot in die Kohlsuppe, die es zum Abendessen gab. Es war ein langer Tag gewesen, und obwohl er jetzt befördert worden war, hatte er dennoch helfen müssen das Speisezimmer aufzuräumen. Es gehörte zu seinen neuen Aufgaben, die Spiegel im Haus zu putzen und die Öfen der Herrschaften mit Kohle zu versorgen. Er dachte daran, dass sein neuer Posten mit dem Vorfall in der Garderobe zu tun haben musste, aber wem hätte er davon erzählen können.

„Haste John dafür umgebracht?“, grinste Wallis.