Seelenseher - Cornelia Franke - E-Book
Beschreibung

Ein spannender Jugendroman voll neuer Elemente mit einem vertrauten Funken Magie von Cornelia und Dominik Franke. »In Tougard ist alles möglich! Der reine Herzenswunsch zieht dich nach Tougard. Triff Pyros, Illusionisten, Gedankenleser und andere, die in einer fremdartigen und doch vertrauten Welt leben. Lerne, mit deinen Fähigkeiten umzugehen, und sieh die wirkliche Welt mit anderen Augen. Lass dich nicht von den Gefahren abschrecken. Denn was sollte schon mit grenzenloser Zeit und mit übermenschlichen Fähigkeiten schiefgehen?« Charlie gelangt auf Grund einer besonderen Gabe, von der er bislang noch nichts wusste, in die Welt Tougard. Mit anderen Befähigten lernt er in einer Schule, seine Fähigkeit zu verbessern und damit umzugehen. Als einige Mitschülerinnen verschwinden und er wegen einer Prophezeiung vermutet, ein Seelenseher würde seine beste Freundin Ann töten, scheint ihm die Zeit davonzulaufen. Für Charlie beginnt das Abenteuer seines Lebens, denn in Tougard … in Tougard ist alles möglich!

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Copyright ©2015 by Papierverzierer Verlag

Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Coverbild: Arndt Drechsler

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sindurheberrechtlichgeschützt. Sie dürfen ohne vorherigeGenehmigungweder ganz noch auszugsweise kopiert,verändert, vervielfältigt oderveröffentlichtwerden.

ISBN 978-3-944544-43-4

www.papierverzierer.de

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschenNationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis
Seelenseher - Tougard
Impressum
Prolog
Kapitel 1 - Flupp, weg war er
Kapitel 2 - Willkommen Charlie
Kapitel 3 - Mach's wie Superman
Kapitel 4 - Avid und die Sehnsucht
Kapitel 5 - Ein unerwartetes Geschenk
Kapitel 6 - Peel kurz vorm Platzen
Kapitel 7 - Kann man Premiummitglied werden?
Kapitel 8 - Es gibt nur eine Regel
Kapitel 9 - Prophezeiung
Kapitel 10 - Wenn Begabte Räuber und Gendarm spielen
Kapitel 11 - Ein Date in Taun
Kapitel 12 - Angriff bei Nacht
Kapitel 13 - Wer will noch mitmachen?
Kapitel 14 - Auch Bäume leben
Kapitel 15 - Die richtige Zukunft gibt es nicht
Kapitel 16 - Über die Grenze hinaus
Kapitel 17 - Gar nicht so verschieden
Kapitel 18 - Abgründe
Kapitel 19 - Der Anfang vom Ende
Kapitel 20 - Ein weiterer Plan
Kapitel 21 - Die Suche beginnt - jetzt
Kapitel 22 - Verraten, verkauft, verzweifelt
Kapitel 23 - Alles nach Plan?
Kapitel 24 - Haben wir das wirklich geglaubt?
Kapitel 25 - Die Entscheidungen sind gefallen
Epilog
Cornelia und Dominic Franke

Unsere Sehnsüchte sind unsere Möglichkeiten.

(Robert Browning)

Prolog

Versteckt in Tougards Katakomben standen fünf Statuen. In ihrem Marmor waren Seelenfragmente der herausragendsten Begabten verankert, die ihnen dadurch Leben eingehaucht hatten. Die Statuen sprachen, sie bewegten sich, doch bis auf jene, die Illias genannt wird, konnte keine ihren Sockel verlassen. Einst sollten sie ihr Wissen und ihre Erfahrung mit nachfolgenden Generationen teilen, mittlerweile verirrten sich nur noch selten Besucher in ihre prunkvolle Halle, so dass sie sich eine neue Lieblingsbeschäftigung gesucht hatten: dasNörgeln.

»Wann taucht denn der Junge endlich auf?«, fragte Thybalt und versuchte, den steinernen Faltenwurf seines Schottenrocks glatt zu streichen.

Alle Statuen sahen Perikles, den Ersten, erwartungsvoll an. »Ich habe zwar die Portale erschaffen, sehe aber nicht voraus, wann man sie benutzt.« Perikles rieb sich ächzend den Rücken, da er für gewöhnlich in der Position des Denkers verharren musste. »Oh, mein Kreuz.«

»Wann schmerzt das mal nicht?« Sandrine, einstige Baroness im Mittelalter, lächelte hämisch, während sie sich auf ihrer Chaiselongue räkelte.

Illias setzte sich auf sein Podest und ließ die Beine baumeln. Zu Lebzeiten hätte dergriechischeHauptmanndies nie gewagt. »Der vorletzte Seelenseher ist vor fünfhundert Jahren aufgetaucht. Eine recht lange Zeit, um in eurer Gesellschaft auszuharren.«

»Du kannst frei herumlaufen«, bemerkte Thybalt und spielte an den Amtszeichen seiner Kette. »Niemand zwingt dich, hier unten zu bleiben. Du könntest durchs Schloss streifen oder im Wald leben. Sogar auf dem Meeresgrund. Wenn du nur wolltest. Ich dagegen kann nur meinen Sockel umdrehen lassen, hören müsste ich euch dennoch.«

»Ich könnte all dies.« Illias schenkte ihm einStirnrunzeln. »Jedoch haben wir eine Aufgabe zu erfüllen. Hier an diesem Ort und an keinemanderen.«

»Ihr habt keinen Grund, euch zu beklagen. Ich bin derjenige, der leidet.« Perikles wandte sich um, so weit es ging, veränderte dabei seine Haltung aber nur minimal. »Wäre ich ein Mensch, mein Rücken wäre mein Grab.«

»Du fühlst keinen körperlichen Schmerz mehr«, schnappte Sandrine.

»Das sagst du.« Perikles kniff die Augen zusammen. »Schon mal von Phantomschmerz gehört, meine Liebe?«

»Dreimal die Woche, alte Memme.«

Der Oberste Tougards, einziger Mensch in der Runde, füllte derweil die Öllampen auf. Während im Saal immer Licht brannte, versank der Großteil der Katakomben in tiefer Dunkelheit. Der Gedanke, in einem Kellergewölbe zu verstauben und in Vergessenheit zu geraten, bereitete den Statuen Angst. Und diese Angst wuchs mit jedem Tag, da sich kaum mehr jemand in ihre Halle verirrte.

»Wann kommt denn nun der Junge?«, wiederholte Thybalt.

»Bald«, warf der Oberste ein. »Geben wir ihm noch etwas Zeit, er wird es schwer genug haben, wenn er hier erscheint.«

»Sagt dir das deine Seherin?«, fragte Sandrine und schob sich in eine aufrechte Position.

Der Oberste setzte sich auf einen mitgebrachten Stuhl, verschränkte die Hände hinter den Kopf und schmunzelte. »Ja, aber sie ist nicht so zuverlässig wie Schweiger.« Mit einem Nicken wies er auf eine der Statuen und der Angesprochene ließ die Schultern hängen. Nachdem man seine Zunge abgebrochen hatte, verständigte er sich durch Gesten, was seine Vorhersagen nur bedingt verständlich machte.

»Emrond wird ihm eine schwere Prüfung auferlegen«, bemerkte Perikles. »Wenn er es bis dorthin schafft.«

»Er könnte alles vergessen, das ihn mit seiner Welt verbindet!« Thybalt barg den Kopf zwischen den Händen und schluchzte.

Sandrine verdrehte prompt die Augen. »Du bist viel zu theatralisch.«

»Stellt euch vor, ihr wüsstet nicht mehr, woher ihr stammt! Mir würde das Herz in der Brust zerreißen, wenn …«

»Vielleicht geschehen diese Dinge«, bemerkte der Oberste ruhig. »Vielleicht auch nicht.«

Illias betrachtete sein altes Schwert, das an seinem Podest lehnte. »Wären wir noch Menschen, dann hättet ihr den neuen Seelenseher verhätschelt. Ihr vergesst, dass das Leben ein nie endender Kampf ist, den jeder allein ausfechten muss.«

Die fünf dachten an ihre Zeit in Tougard zurück und sogleich erhob sich nachdenkliches Gemurmel. Tausend Jahre oder länger, sie würden ihre Geschwätzigkeit nie verlieren.

»Wollt ihr nicht wissen, was mit Rufus ist?«, fragte der Oberste. Drei Köpfe schnellten in seineRichtung, während Perikles schmerzhaft aufstöhnte undSchweigerstumm lächelte.

»Gibt es Neuigkeiten? Sind seine Männer bereits auf dem Weg zu uns?«

»Höchstwahrscheinlich.«

»Dann wollen wir nicht länger ausharren!« Thybalt klopfte auf seinen runden Bauch. »In der Stunde der Not kann Tougard sich auf unsere Weisheit verlassen.«

Sandrine fuhr mit den Fingern über ihr makelloses Gesicht. »Wir könnten bei einem Angriff beschädigt werden. Oder zerschlagen.«

»Oh, wir können auch von hier unten aus helfen«, murmelte Thybalt, woraufhin Illias seufzte. Seine großen Erfolge als Krieger gehörten zu einem früheren Leben, in dem Heiler in verarzteten und nicht zusammenkleben mussten.

Eine erdrückende Stille legte sich auf den Saal, lediglich unterbrochen von den Atemzügen des Obersten. Die Statuen hingen ihren Gedanken nach, denn die Zukunft Tougards fächerte sich in einer Vielzahl beunruhigender Möglichkeiten auf, deren Eintreten niemand herbeisehnte.

»Ob der neue Seelenseher etwas gegen Rufus ausrichten kann?«, fragte Perikles schließlich. »Ich habe meine Zweifel.«

Thybalt seufzte. »Er wird viel zu unerfahren sein.«

Schweiger schnippte gelangweilt Staub von den Ärmeln seines Marmorfracks, so als wüsste er genau, was passieren würde.

»Wenn er überhaupt überlebt«, kommentierte Illias und schwang sich von seinem Sockel. »Die Chancen stehen gut, dass seine Gabe ihn in den Wahnsinn treibt.«

»Illias!«, herrschte Sandrine ihn an. »Wir sollten überlegen, wie wir ihm helfen können. Dein Pessimismus bringt uns nicht weiter.«

»Ich habe bereits einen Plan.« Der Oberste schritt zwischen den Statuen umher. »Wir haben noch Zeit.«

»Ja, wir. Du strebst auf dein Ende zu, mein lieber Frederick.«

Plötzlich wedelte Schweiger wild mit den Armen, aber niemand verstand seine Zeichen. Ob Warnung, Protest oder ein Hilferuf‒es hätte alles sein können.

»Die Zukunft ist ein schrecklicher Scherbenhaufen«, sagte Illias. »Bunt und so verlockend glitzernd, dass man sofort nach ihr greifen will. Doch man schneidet sich schnell, wenn man nicht auf die scharfen Kanten achtet.«

»Du vergisst, dass man oft etwas Unerwartetes in diesem Scherbenhaufen entdeckt«, erwiderte der Oberste mit einem Schmunzeln. »Genau das macht das Leben spannend.«

Eine Falte bildete sich auf Perikles’ Stirn. »Ich spüre etwas.«

»Abgesehen von deinen Schmerzen?«, fragte Sandrine.

Perikles verfiel in ein seltenes, fröhliches Grinsen. »Ein neues Portal öffnet sich.«

Der Oberste klatschte freudig in die Hände. »Folglich sollte ich hochgehen und Beitee aufsetzen.«

»Dank der Zeitverschiebung dauert es nochStunden«, warf Illias ein. »Verrate uns lieber, ob es der Junge ist!«

Doch der Oberste wurde bereits von der Dunkelheit verschluckt, so dass die Statuen ihm hilflos nachsahen. Sie konnten nur auf Neuigkeiten warten und auf den Tag hoffen, an den sich der Seelenseher in ihren Saal verirrte.

»Er muss es einfach sein«, murmelte Perikles und konzentrierte sich auf das geöffnete Portal. »Selbst wenn Frederick das Gegenteil behauptet, Tougard läuft die Zeit davon.«

Kapitel 1

Flupp, weg war er

Der größte Wunsch von Charlie Andrews war es, Teil einer Gruppe zu sein. Gleichzeitig konnte er sich nichts Schlimmeres vorstellen.

»Wir spielen heute Basketball«, verkündete der Sportlehrer und riss Charlie aus seinen Gedanken. »Bildet vier Mannschaften.«

Seine Mitschüler jubelten, doch er sackte auf der Holzbank zusammen und betrachte eine Staubfluse am Boden. Er wusste, was gleich passieren würde. Die Beliebtesten seiner Klasse erhoben sich zum Anführer und wählten die Sportler, ihre Freunde, selbst die Mädchen verteilten sich über die Teams. Charlie wartete still, während jeder aus seiner Klasse aufgerufen wurde – jeder, bis auf ihn. Es sollte ihn stören, vielleicht sollte er wütend sein, aber er spürte nichts davon. Er sah die Dinge realistisch. Gruppen bestanden immer aus einem Anführer. Der scharrte Gefolgsleute um sich, die ihm nützlich waren oder blind hinterherliefen. Charlie war weder das eine noch das andere.

»Charlie«, rief sein Sportlehrer, als er zum Schluss übrig blieb. »Da du die Regeln am besten kennst, machst du den Schiedsrichter auf der anderen Seite.« Was auch sonst. Er gehörte wie immer zu denen, die den Spaß nur von der Seitenlinie aus beobachteten.

Der Lehrer überreichte ihm eine Trillerpfeife, bevor er in den hinteren Teil der Halle davonjoggte. Zum Schiedsrichter ernannt zu werden, war noch demütigender, als Ersatzspieler zu sein. Niemand‒wirklich niemand‒mochte Schiedsrichter. Wobei seine Mitschüler ihn so oder so nicht leiden konnten, schon seit dem ersten Tag des Gymnasiums hatten sie ihn zum Außenseiter abgestempelt. Charlie war der Junge gewesen, der flüssiger Englisch als Deutsch sprach, der besser zeichnen konnte als der Kunstlehrer.

Seine Mitschüler zogen sich rote und blaue Leibchen über, bevor sie jedoch ihre Positionen eingenommen hatten, schnappte sich der rote Kapitän den Ball und startete den ersten Angriff. Mit einem Pfiff unterbrach Charlie die Partie.

»Was willst du?«, beschwerte sich Kapitän Rot.

»Der Ball wird eingeworfen, damit beide Seiten eine Chance haben.«

Kapitän Rot verdrehte die Augen. »Lass uns einfach spielen.«

»Wir fangen nicht mit einem Foul an. Der Ball geht an Blau.«

Das Spiel lief keine Minute, als Charlie erneut in die Pfeife blies. »Schrittfehler! Rot hat den Ball.«

Seine Mitschüler schüttelten die Köpfe, einige sahen ihn sogar an, als hätte er einen Fehler begangen. Genervt bauten sich beide Mannschaftskapitäne vor Charlie auf. »Willst du jetzt spielen oder rumpfeifen?«

»Echt mal. Was für‘n Mist pfeifst du überhaupt zusammen?«

Ich halte mich an die Regeln der Liga, dachte Charlie mürrisch. Theoretisch hätte er den Basketball mit einer schnellen Bewegung in seinen Besitz bringen können, um ihnen zu zeigen, wer das Sagen hatte.

»Lass es einfach bleiben und halte dich an unsere Regeln«, stellte Kapitän Rot fest.

»Aber das ist …«

Auf den Versuch einer Erwiderung knallte Kapitän Blau Charlie den Basketball gegen die Stirn und auf die kurze Distanz hatte er keine Chance auszuweichen. Charlie stolperte, stürzte nach hinten und zog sich dabei eine Schürfwunde zu, aber das interessierte keinen. Typisch.

»Gute Leistung. Wenn du es schaffst, den irgendwann zu fangen, kommst du vielleicht ins Team. Bis dahin werden wir hier alleine weiterspielen – ohne dein Gepfeife.« Kapitän Rot warf den Ball einem Mitspieler zu und die beiden setzten die Partie ohne Schiedsrichter fort. Nicht mal den Sportlehrer interessierte das.

»Hoch mit dir, Charlie.« Ein Mädchen ergriff seine Hand und zog ihn auf die Füße. Ann‒eigentlich Annabelle, aber Charlie gefiel der Spitzname‒zählte zu seinen Freunden, solange er zurückdenken konnte. »Wenn du die Jungs nicht unter Kontrolle hast, kann mein Team nicht gewinnen.«

Ein verliebtes Lächeln stahl sich auf seine Züge, was sie wie immer nicht bemerken wollte.

»Probier‘s mit kurzen Schritten. Wie ich es dir gezeigt habe«, riet Charlie ihr, bevor sie wieder auf das Spielfeld rannte und er einen Moment ihrem langen, leuchtend orangefarbenen Haar nachsah, das sie zu einem Zopf geflochten hatte. Bis er sich darauf besann, dass er als Schiedsrichter eingesetzt worden war.

Trotz Anns Bitte bekam Charlie das Spiel nicht in den Griff, dafür hielt ihm sein Sportlehrer am Stundenende eine Predigt, wie er sich in die Klasse einbringen könne. Er hatte auch leicht reden: Mit dem Druckmittel der schlechten Noten wäre selbst Charlie besser behandelt worden. »Du bist heute mit Aufräumen dran«, verkündete sein Lehrer schließlich, bevor er selbst aus der Halle verschwand. »Trödel nicht, ich will rechtzeitig absperren und nach Hause.« Über die Lautsprecheranlage hallte mittlerweile der letzte Schulgong und Charlie stimmte mit einem Seufzen ein. Ein weiterer Tag war ihm wie Sand durch die Finger geglitten.

Obwohl er niemanden hörte, sah Charlie sich nach allen Seiten um. Erst dann griff er nach einem Basketball, dribbelte und landete einen glatten Netzwurf von der Drei-Punkte-Line.

Charlie lächelte zufrieden.

»Ich sag den Leuten immer, dass sie dich ins Team wählen sollen. Mit dir würden wir locker gewinnen«, rief Ann, die in die Halle zurückgekehrt war, um ihm zu helfen. Ihre Mitschüler hatten die Leibchen über die gesamte Halle verteilt und so würde er noch eine Weile brauchen, sie einzusammeln. Charlie konnte sich kaum etwas Ekligeres vorstellen, als verschwitztes Polyester anzufassen, allerdings würde er seine Wut darüber in Anns Anwesenheit unterdrücken.

»Warum lässt du dich so herumschubsen?«, fragte sie und stopfte die Bälle zurück in einen Schrank.

Charlie zuckte mit den Schultern. Rasch versteckte er seinen Arm hinterm Rücken, damit sie die Schürfwunde nicht bemerkte.

»Du bist tausendmal besser als der Rest von uns!«, regte Ann sich auf. »Wenn die Jungs das wüssten, würden sie dich akzeptieren.«

»Das glaube ich kaum«, widersprach er.

Ann funkelte ihn an. »Dein Verein hat letzte Saison den Vizemeister geschafft.«

Daraufhin lächelte Charlie gequält. Kurz vor dem entscheidenden Spiel hatte er sich durch ein Missgeschick den Arm gebrochen. Sein Team hatte es ihm nicht übel genommen, dennoch machte er sich Vorwürfe, dass er sie nur von der Bank aus unterstützt hatte.

»Kommst du nach dem Training zu mir?«, fragte Ann. »Du könntest mir bei Englisch helfen.«

»Ich versuch‘s.«

Vorher war er jedoch zu einer Abschiedsfeier im Basketballverein eingeladen, wobei das nur die halbe Wahrheit war. Schließlich handelte es sich um seine eigene Feier.

Als Charlie die Haustür aufschloss, hatte seine Laune einen erneuten Tiefpunkt erreicht. So schlimm er die Schule auch fand, dass er Ann und die Spieler aus seinem Basketballteam bald verlieren würde, quälte ihn von Tag zu Tag mehr. Aber nicht einmal der Verlust der ihm liebsten Dinge hatte seine Eltern umgestimmt. In zwei Wochen würden sie ihm alles genommen haben.

»Ich bin wieder da«, rief Charlie. »Mum?«

Keine Antwort.

Der Hausflur lag dunkel da. Charlie stellte sein Fahrrad ab und warf seine Sachen zu Boden. Es war so still, sein Herzschlag klang wie eine Trommel in seinen Ohren.

»Dad?«

Irgendwo tickte eine Uhr.

Charlie schlurfte in die Küche, in der er wenigstens eine Notiz seiner Mutter fand.Eine Fertigpackung steht in der Mikrowelle.Er spähte in den Edelstahlkühlschrank und die leeren Einlegebretter starrten kläglich zurück. Mit knurrenden Magen griff er nach einer Wasserflasche. Bevor Charlie Nudeln mit dem sogenannten Fleisch aß, das jahrelang haltbar blieb, hungerte er lieber.

Er stieg über die gläserne Treppe in den ersten Stock hinauf und passierte Bücher- und Kleidungskisten, die demnächst abtransportiert werden sollten. Unmengen von Kisten flankierten seinen Weg. Kisten. Kisten. Kisten. Seine Eltern hatten ihr gesamtes Leben in diesen Pappschachteln verpackt. Der letzte Raum, den die Umzugsvorbereitungen verschont hatten, war Charlies Zimmer. Kisten existierten hier nicht, nur das Flugticket nach London an seiner Pinnwand erinnerte ihn daran.

Charlie setzte sich an seinen ausladenden Schreibtisch und schaltete den Laptop ein, der gehorsam piepste und hochfuhr. Ansonsten blieb es beunruhigend still.

Widerwillig schlug er das letzte Kapitel seiner Englischlektüre auf.Was nützt es, sich um Hausaufgaben zu kümmern, wenn ich im nächsten Herbst nicht mehr auf der Schule sein werde?, fragte er sich und trank einen Schluck aus der Wasserflasche. Sein Blick heftete sich auf die blanke Leinwand, die in einer Ecke verstaubte. Seit Wochen hatte er keinen Pinsel angerührt. Zu sehr beschäftigte ihn die Frage, wie er seiner Freundin die Wahrheit sagen sollte.

»Konzentrier dich«, ermahnte Charlie sich und las ein paar Zeilen, ohne dass ein Wort hängen blieb. Frustriert warf er das Buch von sich.Mir läuft die Zeit davon, ich muss es Ann endlich sagen.

Da vibrierte das Handy in seinem Rucksack. Ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als auf dem Display ihre Nummer blinkte.

»Ja?«

»Dein Training ist seit einer Stunde vorbei«, meldete sich Ann. »Wenn du mir nicht bei Englisch helfen willst, kannst du das auch sagen.«

»Es hat länger gedauert«, wich Charlie aus. Sein Team hatte darauf bestanden, einen letzten Dunking-Contest auszutragen.

»Diese Idioten aus unserer Klasse haben mir die Fahrradreifen aufgeschlitzt. Das war das zweite Mal in diesem Monat«, beschwerte sich Ann. »Da du mich nicht nach Hause fahren konntest, musste ich laufen und meine Ma wollte eine Erklärung.«

»Und was hast du gesagt?«

»Dass ich dir beim Aufräumen der Turnhalle geholfen habe und es länger gedauert hat. Du verrätst mich doch nicht, oder?«

Jedes Mal musste Charlie versprechen, nichts zu sagen. Diese Streiche, wie es die Lehrer nannten, reizten ihn mehr als Ann. Außerdem würde sie nicht zugeben, wie sehr es sie ärgerte. Und er? Er war bald nicht mehr da, um es mitzubekommen.

»Erde ruft Charlie? Bist du noch dran?« Anns Stimme dröhnte in seinem Ohr. »Ich habe für dich ein Stück Lasagne vor meinen gefräßigen Brüdern verteidigt. Diese Schlacht kann nicht umsonst gewesen sein!«

»Schon gut. Bis gleich.«

Der Gedanke an Nudeln, frisches Hackfleisch und zerschmolzenen Käse ließ Charlie wie von selbst seinen Rucksack packen und sich auf sein Fahrrad schwingen. Ehe er sich versah, verschwand das Gebäude, das er Zuhause nannte, am Ende der Straße. Er grüßte im Vorbeifahren einen Nachbarn, der jedoch keine Notiz von Charlie nahm, als wäre er unsichtbar.

Rein äußerlich stach Charlie nicht aus der Masse heraus. Braune Haare, braune Augen, mittelgroß. Obwohl die meisten ihn nicht wahrnahmen, sah er stets die Dinge, die anderen verborgen blieben. Wenn Charlie den Reparaturdienst Kreuz & Kreuz betrat, bestaunte er nicht das zur Werkstatt umfunktionierte Wohnzimmer der Familie oder wie Anns Vater flink an einem Föhn herumschraubte. Zunächst fielen ihm die dunklen Schatten unter seinen Augen auf, doch zog er still seine Schlüsse, warum Herr Kreuz so hart arbeitete. Bevor er Anns Vater noch störte, huschte Charlie durch den halb offenen Vorhang, der den Wohnbereich abtrennte.

»Mama!«

Eine Wolke aus blonden Haaren wirbelte an ihm vorbei. »Claire hat meiner Prinzessinnenpuppe die Haare abgeschnitten!«

Charlie folgte den vorstürmenden Zwillingen, im Flur vermischte sich das Rütteln einer altersschwachen Spülmaschine mit Radiomusik.

»Gar nicht wahr!«, beschwerte sich Claire, den Puppenzopf allerdings in der Hand schwenkend.

»Hatte ich nicht gesagt, ihr sollt mit euren Spielsachen pfleglicher umgehen?«, schalt ihre Mutter prompt.

Frau Kreuz hegte eine Sammelleidenschaft, die ihr eine bunt zusammengewürfelte Küche bescherte und Charlie beim Eintreten jedes Mal in Erstaunen versetzte. Sie besaß Teller in allen erdenklichen Farben und mit Mustern aus bestimmt zehn verschiedenen Geschirrsets.

»Hallo Frau Kreuz«, sagte er leise, während die Zwillinge schmollend aus dem Raum marschierten. »Es hat etwas länger gedauert.«

»Nenn mich doch endlich Julia, Junge. Oder Ma‒von mir aus.« Frau Kreuz schloss ihn in die Arme, so wie jedes ihrer Kinder, das nach Hause kam und hing seinen Rucksack über eine Stuhllehne. »Wir haben auf dich gewartet, aber du weißt ja, wie ungeduldig die Kleinen immer sind.« Das Ereignis, wenn sich neun Personen auf Schüsseln, Schalen und Töpfe stürzten, hatte Charlie oft genug miterlebt. Anfangs hatte es ihm ein wenig Angst gemacht, das Hin- und Herreichen zu beobachten, mittlerweile mochte er das hektische Treiben. Viel mehr als die Stille bei ihm zu Hause, wenn sein Vater am Tisch den Immobilienteil studierte und seine Mutter Fragen stellte, deren Antworten sie nur beiläufig interessierten.

»Lass es dir schmecken.« Anns Mutter servierte eine Portion Lasagne auf einem weißen Teller und ein Glas selbstgemachte Zitronenlimonade.

Charlie setzte sich und griff nach seinem Löffel. »Danke.«

»Mama!« Meg erschien in der Küche. »Kannst du mir bei Mathe helfen?«

»Sofort, Süße. Mama muss nur …«

»Mama!«, rief Claire aus dem Nebenraum. »Caro hat meiner Puppe auch die Haare abgeschnitten!«

Anns Mutter bedachte Charlie mit einem zerknirschten Blick, dann wandte sie sich an Meg: »Setz dich schon mal an den Tisch.«

»Ich gehe nach oben«, meinte Charlie rasch und griff seinen Rucksack. Bevor er mehr von ihrer eh schon wenigen Zeit in Anspruch nahm, würde er seine Lasagne bei Ann verzehren und dem Geruch nach mit Sicherheit genießen.

Schweigend machte er sich an den Aufstieg zu Anns Zimmer unter dem Dach. Das Haus der Kreuzens ging über drei Etagen. Unten im Erdgeschoss befanden sich nur die geräumige Küche, das Geschäft sowie der lang gezogene Flur, in denen sich Jacken, Mäntel und Schuhe wild übereinanderstapelten. Die Teppiche waren von vielen Füßen abgescheuert und die alte Blümchentapete schälte sich an einigen Stellen von den Wänden. Und dennoch Charlie schätzte dieses Haus über alle Maßen.

Du wirst es ihr jetzt sagen, nahm er sich vor, als Anns zerkratzte Zimmertür in Sichtweite kam.Was mache ich, wenn sie weint? Oder mich anschreit, weil ich es ihr verheimlicht habe?

Er atmete tief ein und aus, um sich Mut zuzusprechen.Sie wird mich garantiert anschreien.

Oben angekommen klopfte Charlie vorsichtig und öffnete.

»Hallo Charlie.« Sogleich sah Ann von ihrer Werkbank auf. Außer ihr kannte Charlie niemanden, der so eine Bank in seinem Zimmer aufgestellt hatte oder wie Ann im Blaumann in der Schule auftauchte, weil sie zuvor in der Werkstatt ihres Vaters ausgeholfen hatte. Ihre Besonderheit war ihre Leidenschaft für Mechanik, Elektrotechnik, Mathe‒Naturwissenschaften sowieso. Obwohl die anderen in der Schule hinter ihrem Rücken tuschelten: Ann war stolz darauf, eine Mischung aus MacGyver und verrückter Erfinderin zu sein.

»Was ist das an deinem Arm?«, fragte Ann besorgt.

»Was?« Er hatte den Ärmel seiner Sweatshirt-Jacke hochgeschoben. »Ach das … halb so schlimm.«

Ehe Charlie sich versah, saß er neben Ann auf ihrem struwweligen Teppich. Seine Freundin schubste seinen Rucksack in eine Ecke und holte einen Erste-Hilfe-Koffer unter dem Bett hervor, um seinen Arm mit bunten Pflastern voller Raketen, Monden und Robotern zu bekleben. Sie kam ihm viel zu schnell viel zu nah und Charlie hoffte, dass Ann seinen rasenden Puls nicht bemerkte. Eine Strähne war aus ihrem unordentlichen Zopf gerutscht und er widerstand dem Wunsch, die Haare hinter ihr Ohr zu streichen. Zu dumm, dass er noch den Teller in der anderen Hand hielt.

»Was bastelst du da?«, fragte Charlie, anstatt seinen Umzug anzusprechen. So lange wie möglich wollte er den Verlust seines Alltags hinauszögern. Stattdessen die Lasagne löffeln, das Muster betrachten, das das Sonnenlicht auf Anns Haare warf, und jede Sekunde in ihrer Nähe genießen.

»Keine große Sache. Mein Lichtschalter hat einen Wackelkontakt.« Sie wies auf das Stück freigelegte Tapete und machte sich wieder an ihre Arbeit. »Ich bin gleich fertig.«

»Lass dir Zeit. Nachher steckst du die Tapete in Brand.«

»Das letzte Mal, als ich etwas in Brand gesteckt habe, ist Jahre her. Ich bin wirklich gleich fertig.«

»Soll ich messen, wie lange›gleich‹dieses Mal dauert?«

»Mach doch. Danach gibt’s was zum Nachtisch.« Ann öffnete eine Schublade mit eindrucksvollem Schloss und holte eine Schokoladentafel heraus.

Plötzlich knallte die Zimmertür gegen die Wand. Claire und Caro stürmten hinein.

»Ann, spiel mit uns!«, brüllten sie im Chor.

»Raus!« Ann sprang wütend auf. »Wir lernen! Und klopft gefälligst an!«

»Oh, ihr habt Schokolade?«, fragte Claire erstaunt.

»Raus, sofort!« Ann bekräftigte ihren Befehl mit ausgestrecktem Zeigefinger. Einen Moment versuchten die beiden, ihre Schwester mit mitleiderregenden Blicken zu überzeugen, aber das funktionierte bei Ann nie.

An Geschwistern besaß Ann lärmende sechs Stück und demnächst erwartete ihre Mutter den nächsten Familienzuwachs. Ann hatte nichts erwähnt, aber Charlie hatte es deutlich gesehen.

»Lernen tun wir nicht unbedingt.« Er würde Ann morgen über seinen Umzug einweihen. Oder nächste Woche.

»Das wissen die Kleinen nicht.« Ann nahm ihre Englischlektüre zur Hand. »Wie wäre es mit›About a Boy‹?«

»Was verstehst du denn nicht?« Charlie stand auf, um seine eigene Ausgabe aus seinem Rucksack zu holen, übersah jedoch einen verirrten Schraubenzieher und verdrehte sich den Fuß.

Reflexartig schluckte er den aufbrandenden Schmerz hinunter, sein Knöchel hämmerte und glühte, so dass Charlie zu Boden sackte.

»Das Thema an sich.« Das Buch lag bereits vergessen auf der Werkbank, da Ann weiter an ihrem Schalter schraubte. »Keine Ahnung, was daran so gut sein soll.«

Konzentrier dich auf einen Punkt.Er umklammerte den Teller, der neben ihm auf dem Teppich ruhte, bis die Fingerknöchel so weiß wie das Porzellan hervortraten.Weiteratmen. Ein. Aus. Dann geht es von allein vorbei.

»Außerdem ist es echt unrealistisch, mit einem ganzen Brot eine Ente zu erschlagen. Ich hab’s schon mit der deutschen Fassung probiert, aber die ist nicht viel spannender. Wir könnten uns am Wochenende den Film aus der Videothek leihen?«

»Klar«, schnaufte er. »Können wir.«

Charlie hatte gelernt, mit Schmerz umzugehen, aber der verdrehte Knöchel war wie ein metaphysischer Kinnhaken, der ihn an den Rand der Bewusstlosigkeit schickte. Ein gewaltiger Sog erfasste ihn und riss ihn in die Tiefe, er wirbelte durch einen endlosen Strudel, drehte, überschlug sich, bis Übelkeit ihn ergriff. Im nächsten Moment krachte er bäuchlings gegen ein Hindernis. Etwas klirrte viel zu dicht an seinem Ohr.

Charlie tastete mit den Fingern über eine glatte Oberfläche, deutete sie als festen Boden und stutzte. Wo war der Teppich hin?

Ächzend rollte Charlie sich auf den Rücken. Seine Knochen schmerzten, als wäre er mit Höchstgeschwindigkeit gegen eine Betonwand gerannt. Dann schlug er die Augen auf.

Schatten flackerten über eine hohe, holzvertäfelte Decke, die Charlie alles andere als bekannt vorkam. An diesem Ort war er definitiv noch nie gewesen. Überladene Bücheregale erstreckten sich an den Wänden. Hier und da tauchten Öllampen anstelle von Glühbirnen den Raum in orangerotes Licht. Es wirkte wie das Arbeitszimmer eines Direktors aus der viktorianischen Ära.

Charlie richtete sich vorsichtig auf. Sein Blick fiel auf die Scherben des Tellers, den er noch umklammert hatte. »Meine Lasagne …« Hackfleisch, Soße und schrecklich viel geschmolzener Käse waren auf den Holzboden geklatscht.

»Willkommen in Tougard«, grüßte ihn eine rauchige Stimme. Keine Armlänge entfernt saß ein alter Mann in einem Sessel, bekleidet mit einem moosgrünen Hausmantel. Genüsslich nippte er an einer überdimensionalen Tasse. »Darf ich dir eine Tasse Beitee anbieten?«

»Wo bin ich?« Charlies Verstand hechelte der Situation hinterher. Zuerst war er mit dem Fuß umgeknickt, dann hatte er einen Sturz wie Alice in ihr dämliches Wunderland zurückgelegt, nur um daraufhin wie sie Tee zu trinken? Und das Wort Tougard hatte er auch noch nie gehört. »Und was ist Beitee?«

»Der Tee wird aus den getrockneten Blättern des Beikrauts gewonnen«, dozierte der Alte und beugte sich zu Charlie herunter, als wäre alles in Ordnung. »Die Pflanze wuchert wie verrückt. Durch Zufall hat Perikles, der erste Begabte, die gelben Blätter mit heißem Wasser übergossen. Daraufhin wurde der Tee zu unserem Lieblingsgetränk.« Der Mann genehmigte sich einen weiteren Schluck. Charlies plötzliches Auftauchen schien ihn keineswegs zu stören. Er lächelte sogar vergnügt. »Schmeckt wirklich hervorragend.«

Eisiger Wind pfiff durch eine versteckte Ritze und Charlie unterdrückte ein Niesen. Es war Juni, nicht wahr? Warum kroch ihm eine schleichende Kälte über die Arme?

Auf der Suche nach einem Anhaltspunkt blickte Charlie sich verwirrt um. Das Büro des Alten schien nur aus Regalen und Büchern zu bestehen. Daneben gab es noch eine Holztreppe, die sich in einer Ecke in die Tiefe wand und wahrscheinlich zu weiteren Büchern führte, die in Regalreihen bis unter die Decke gestapelt wären. Innerhalb dieses Traums hatte Charlies Fantasie sich wirklich Mühe gegeben.

»Ich heiße Frederick Trench«, stellte sich der alte Mann vor und reichte ihm die Hand. »Ich bin der Älteste Protektor in Tougard und wahrscheinlich auch der verkalkteste.«

»Charlie Andrews«, ließen ihn seine guten Manieren antworten, während der Rest von ihm noch die Situation zu erfassen versuchte und er daher nur zögerlich die Hand entgegenstreckte. »Äh, die Sache mit dem Teller tut mir leid.«

»Ich habe deutlich schlimmere Ankünfte miterlebt.« Trench ergriff seine Hand und drückte für sein Alter erstaunlich fest zu. »Schön, dich kennenzulernen, Charlie.«

»Wie bin ich überhaupt hergekommen?«

»Ja, diese Frage stellt mir jeder.« Trench lachte. »Es ist so: Ein Portal öffnete sich zwischen deinem Standort und meinem Büro und du wurdest hineingesogen. Die erforderliche Transportenergie lässt allerdings nach, weshalb du so unsanft gelandet bist.« Er runzelte die Stirn und wirkte im schwachen Licht des Kaminfeuers plötzlich uralt. Doch sein unordentliches graues Haar, der im Gegensatz dazu sorgfältig gestutzte Bart und die vielen Lachfalten verliehen ihm das Aussehen eines liebevollen Großvaters. Sein Opa hatte ihn auch immer mit blitzenden Augen über den Rand seiner Brille gemustert, fiel Charlie bei diesem Anblick ein.

»Man kann auch sagen: Du bistgefluppt.« Dabei griff Trench nach einer Teekanne, die auf einem Beistelltisch neben seinem Sessel stand, und goss Tee in eine zweite bereitstehende Tasse ein.

»Gefluppt?« Hatte Charlie sich beim Sturz den Kopf zu heftig angeschlagen? Verrückter Traum! War es das denn‒ein Traum?

»Ja, es gibt keine entsprechende Terminologie für den Vorgang, wenn ein Begabter zum ersten Mal in dieser Dimension erscheint oder seit Neuestem aufschlägt.« Mit einem Schmunzeln reichte Trench Charlie die dampfende Tasse Tee. Sie wärmte seine Fingerspitzen und der süße Duft des Beikrauts stieg ihm in die Nase. »Daher habe ich mir ein eigenes Wort dafür ausgedacht.Fluppen.«

Vor lauter Verwirrung vergaß Charlie sein Misstrauen, setzte sich in den zweiten Sessel und nahm einen Schluck. Zu seinem Erstaunen schmeckte das Getränk wirklich gut.

Da schoss ihm ein Gedanke durch den Kopf. Charlie sprang erschrocken auf und der heiße Tee schwappte ihm auf die Jeans. »Wo ist Ann? Ich war doch noch eben in ihrem Zimmer!«

»Ann ist in der Realität geblieben, aus der du gekommen bist«, erklärte Trench gelassen und füllte seine Tasse erneut.

»Ich träume.« Charlie setzte sich wieder und atmete ruhig ein und aus. Wenn er aufwachte, wäre seine Freundin wieder bei ihm. Ann würde ihn auslachen, weil er sich mit einem Sturz in die Bewusstlosigkeit befördert hatte.

»Du hast jede Menge Fragen«, meinte der Protektor. »Das sehe ich an deinen Augen, Charlie.«

Da all das nur ein Trugbild seines Geistes war, würde er seiner Neugier genauso gut nachgeben können, fand Charlie. Die Details konnten sich noch als brauchbar erweisen, zum Beispiel wenn er wieder mit dem Zeichnen anfangen würde. Außerdem erschien ihm die Situation nicht gefährlich.

Er holte tief Luft und fragte: »Was genau soll ein Begabter sein?«

Trench zeigte auf die Überbleibsel der Lasagne, die sich augenblicklich in Luft auflösten. »Bei Begabten handelt es sich um Menschen mit einzigartigen Fähigkeiten.«

Charlie genehmigte sich einen weiteren Schluck Tee, bevor er den Alten anstarrte. »Und was ist dann dieses Tougard?«

»Eine Gabe kann sich in jedem Alter zeigen und es gibt unzählige Arten. Damit Begabte sich in ihrem alltäglichen Umfeld nicht überfordert vorkommen oder die Öffentlichkeit auf sie aufmerksam wird, lernen sie in Tougard, ihre Fähigkeit zu beherrschen. Danach besteht keine Gefahr mehr, für verrückt erklärt zu werden. Sie können ihr altes Leben ungestört weiterführen.«

Charlie stand auf, wanderte durch den Raum und inspizierte ein riesiges Regal mit handgeschriebenen Büchern. »Illusionen für Fortgeschrittene«, »Geheimnisse der Gedanken«‒er kannte keinen einzigen Titel. »Wieso habe ich noch nie davon gehört?« Seine Augen schweiften über einen mit Papieren beladenen Schreibtisch aus glänzendem Kirschholz. Der Älteste Protektor kam an seine Seite und staunte selbst über das Durcheinander.

»Tougard liegt in einer Paralleldimension.« Trench hielt inne und schmunzelte. »Wenn du ein Jahr in Tougard bleibst, vergeht ungefähr ein Tag in deiner Welt.«

»Schön und gut«, erwiderte Charlie und war insgeheim ein wenig stolz darauf, sich einen so detaillierten Raum ausgedacht zu haben. Hätte er doch nur einen Stift dabei. »Es gibt nur ein Problem. Ich besitze keine besondere Gabe.«

»Oh doch. Sonst wärst du nicht hier.«

»Und was bitte soll das sein?«

Trench maß ihn mit sorgsamem Blick und tippte sich auf die Nase. »Du kannst heilen.«

»Von wegen«, widersprach Charlie. »Das würde ja bedeuten, ich hätte meinen Arm heilen können. Dann hätte ich nicht das wichtigste Basketballspiel meines Lebens verpasst!«

»Damals war deine Gabe noch nicht erwacht«, erklärte Trench. »Was ist passiert, bevor du dich in meinem Büro eingefunden hast?«

»Ich wollte …« Skeptisch hielt Charlie inne. »Ich bin gestolpert und umgeknickt.« Er machte einen Schritt zur Seite, aber sein verletzter Knöchel verursachte keine Schmerzen mehr.

»Überrascht?«, fragte Trench mit einem Lachen.

»Ja …«, rutschte es Charlie heraus und staunte über sich selbst. Sein Unterbewusstsein war phänomenal.

Der Protektor klopfte ihm auf die Schulter. »Vielleicht sollte ich dir eine mitternächtliche Führung angedeihen lassen, damit du dir ein Bild von Tougard machen kannst.«

»Ja, aber wie …« Charlie kämpfte mit den Worten. Einerseits hatte er nicht vor, sein Misstrauen abzulegen. Andererseits schien Trench derjenige zu sein, der alle seine Fragen beantworten konnte.

Trench wickelte seinen Hausmantel enger und schlüpfte in abgewetzte Lederschuhe. Aus einem Schrank zog er ein Paar Pantoffeln und reichte sie Charlie, obwohl sie zu groß für seine Füße sein würden. Ihm dämmerte, dass er auf Socken über den kalten Steinboden unterwegs war. Seine Turnschuhe warteten noch immer bei Ann im Hausflur. Also schlüpfte Charlie in die flauschigen Pantoffeln und startete seine ersten Gehversuche. Er rutschte, stolperte und trat falsch auf, doch dafür, dass es ein Traum war, reichte es aus.

Charlie stellte seine Tasse ab und gelangte zu einer Doppeltür.

»Öffnest du sie, so betrittst du eine völlig neue Welt, mein Junge«, sagte Trench feierlich.

Als er nach einer der beiden Klinken greifen wollte, bemerkte er, dass ihn vom Türrelief ein Auge anstarrte, das zu dem Abbild eines Zwerges gehörte. Abgelenkt von dem sehr echt wirkenden Auge, drückte er die Klinke, zog daraufhin aber gleich wieder die Hand zurück, da sie von einer hölzernen Hand verdeckt wurde. Dann blinzelte das Auge und das Relief zog die Hand zurück.

»Tyram, also wirklich!« Trench lachte herzlich. »Macht es dir immer noch Spaß, Neuankömmlingen einen Streich zu spielen?«

»Oh ja, mein alter Freund«, sagte das Relief und löste sich von der Tür. Es war ein hölzerner Zwerg, der Charlie bis zum Bauchnabel reichte. »Jedes Mal freue ich mich auf ihre erschrockenen Gesichter.«

Trench und Tyram grinsten sich verschwörerisch an.

»Das ist ein Türmännchen«, meinte der Protektor, da Charlie immer noch schwieg.

»Schönen Abend noch, Frederick.« Tyram kam seiner Lebensaufgabe nach, drückte die Klinke herunter und öffnete schwungvoll die Tür.

Türmännchen, erfuhr Charlie vom Ältesten Protektor, bewachten jede Pforte in Tougard. Zum größten Teil bestand ihre Aufgabe darin, diese Pforten zu öffnen und zu schließen. Es war noch nie vorgekommen, dass jemand vor dem Eingang eines Türmännchens warten musste. Die SilbeTyrbeschrieb ihr Alter. Jüngere Generationen begannen ihre Namen mitPortoderDorund waren weitaus stabiler. Denn je mehr Jahre ein Türmännchen zählte, desto brüchiger und morscher wurde auch das Holz seiner Pforte.

Die völlig neue Welt, die Trench angepriesen hatte, entpuppte sich als der lange Korridor eines Fachwerkhauses. Gleichförmige Gänge erstreckten sich in alle Richtungen wie in einem gewaltigen Labyrinth. Der Geruch von Holz und Pergament milderte den beißenden Gestank der Öllampen, die die langen Schatten an die Wände warfen.

»Das ist das Haus der Protektoren, in dem sich auch ihre privaten Bereiche befinden«, eröffnete ihm Trench. »Im Erdgeschoss haben wir Klassenräume, in denen der Einzel- und Gruppenunterricht abgehalten wird.«

»Tougard ist eine Schule?«, rutschte es Charlie heraus.

»Hatte ich das nicht bereits erklärt?« Trench schritt beinahe lautlos über die verzierten Bodenfliesen auf eine Treppe zu. »Begabte lernen mit Hilfe von uns Protektoren, ihre Fähigkeiten zu meistern. Als Lehrer würde ich uns allerdings nicht bezeichnen. Wir wissen nur Antworten auf den Großteil eurer Fragen.«

»Sollten wir nicht leiser sein?« Charlie passierte ein Fenster und blickte in pechschwarze Nacht. »Sonst wecken wir noch jemanden im Haus auf.«

»Eine hervorragende Idee.« Trench setzte seinen Weg auf Zehenspitzen fort, während ihm Charlie folgte und den Blick dabei wandern ließ. Das große Tor zog seine Aufmerksamkeit auf sich, doch anstatt den schnarchenden Wächter des Haupttores zu wecken, wählte Trench einen kaum erkennbaren Seitenausgang. Das dort ausharrende Türmännchen öffnete ihnen voller Eifer seine Pforte. Ein Windstoß pfiff durch den Flur und ließ die Ölmäntel auf den Kleiderständern flattern. Trench reichte ihm einen und warf sich selbst einen über.

Charlie fröstelte und zog sich die Kapuze über den Kopf, als er ins Freie schritt. Sturmböen peitschten schwere Regenwolken über den Nachthimmel und ein Bindfadenregen prasselte auf ihn herab. Jeder Tropfen fühlte sich wie ein eisiger Nadelstich an, so dass Charlie sich ein Handtuch oder einen Rollkragenpullover wünschte. Oder gleich beides.

»Leider regnet es hier sehr oft. Aber bei Tageslicht kann man von den Zinnen die herrliche Aussicht über den See und das Tal genießen«, erzählte Trench fröhlich. Ein schmaler, gepflasterter Weg verband das Haus der Protektoren mit einem weiteren Gebäude. Er rechnete jeden Moment damit, in seinem warmen Bett aufzuwachen. »Bei gutem Wetter kann ich dir einen Ausflug nach Taun sehr empfehlen.«

»Scheint die Sonne denn so selten?« Im Grunde hatte Charlie nichts gegen verregnete Tage. Denn dann konnte er immer viel Zeit mit Ann verbringen.

»Jeder in Tougard hofft auf die Ankunft eines Begabten, der das Wetter beherrscht.« Trench lachte erneut und wurde Charlie irgendwie immer sympathischer. »Den lassen wir nie wieder gehen!«

Im nächsten Gebäude verschachtelten sich auf mehreren Etagen Aufenthaltsräume mit kuscheligen Sesseln, Sofas und kleinen Tischen. Arbeitszimmer mit Schreibtischen zogen wie an einer Schnur aufgereiht an ihnen vorbei. Trench erzählte auch von der unendlichen Bibliothek und dem Sportfeld, das hinter einem Bannkreis versteckt lag. »Wie ich sehe, genießt Mrs. Peel ihr Mitternachtsmahl.« Trench winkte einer fülligen Dame zu. Im leeren Speisesaal goss sie sich ein Glas Rotwein ein und schloss für einen Moment die Augen. Wie aus dem Nichts erschien in diesem Moment ein Stück Schokoladentorte mitsamt Teller auf dem Tisch.

»Du warst soeben Zeuge der Gabe unserer lieben Gladys«, eröffnete ihm Trench.

»Ist es nicht ungesund, so spät zu essen?«, erwiderte Charlie und wandte sich von Mrs. Peel ab. Ihr freundliches Lächeln rief in ihm das Bild von frischgebackenen Keksen und Pfefferminztee mit Milch hervor. Genau wie bei seiner Oma Grace.

»Aber nein. Da Begabte kaum etwas essen müssen, gönnt Mrs. Peel sich nur noch das, worauf sie richtig Heißhunger hat.«

»Wie das?« Hätte er wirklich eine neue Schule besucht, wären Charlie niemals so viele Fragen über die Lippen gekommen.

»Solange du in dieser Dimension weilst, altert dein Körper nur sehr, sehr langsam und verbrennt wenig Energie. Aber weil einige Begabungen wiederum sehr kräftezehrend sind‒wie Pyrokinese zum Beispiel –, müssen einige Begabte trotzdem essen. Übrigens essen auch einige einfach regelmäßig weiter, um einen gewohnten Alltag beizubehalten. Es dauert zwar ein bisschen, aber der Stoffwechsel passt sich der neuen Ernährung an.« Trench musterte ihn eindringlich. »Gewohnheiten sind in Tougard sehr wichtig, Charlie. Auch wenn dein Körper fünf Tage oder noch länger wach sein könnte, braucht dein Geist trotzdem eine Erholungspause.«

Zuallerletzt zeigte Trench Charlie Gebäude, die ein gutes Stück entfernt lagen; abgetrennt von einer Wiese. Dort wohnten und schliefen die Begabten, die noch mitten im Studium ihrer Fähigkeiten steckten. Glücklicherweise hatte der Regen aufgehört, doch im tropfnassen Gras waren Charlies Hausschuhe nach wenigen Metern durchgeweicht.

Ob er schlief oder nicht, Charlie musste weiterhin vorsichtig sein. Der alte Mann war ein Fremder, den er noch keine Stunde kannte. Charlie sollte ihm lieber nicht leichtgläubig vertrauen.

Ein Riss bildete sich in der Wolkendecke und Charlie erkannte im Mondlicht eine massive, mehr als fünf Meter hohe Außenmauer. Hinter ihn entpuppte sich das angebliche Fachwerkhaus, von dem sie ihren Rundgang gestartet hatten, als gotische Burg. Der Mond verschwand erneut, aber Charlie hatte längst alle Details erfasst. Tougards Ausmaße übertrafen die eines Schulinternats bei weitem, so wie er sie aus England in Erinnerung hatte.

Wie viele Begabte leben hier?, wollte Charlie wissen, traute sich aber nicht, es laut auszusprechen.

»Mit dir mitgezählt?«, antwortete Trench dennoch. »Zweihundertvierundzwanzig Begabte.«

Charlie stutzte. Träume waren seltsam. Noch nie hatten sie seine Fragen von alleine beantwortet.

Ob es viele in meinem Alter gibt?, überlegte Charlie als nächstes. Zuhause kam er nicht gut mit seinen Mitschülern aus, aber vielleicht würde sich das in seinen Träumen ändern.

»In der Regel liegt das Alter zwischen zwölf und fünfundzwanzig. Jedoch haben die Protektoren die Vierzig schon lange hinter sich gelassen«, sagte Trench und schmunzelte. »Ich selbst lebe seit über hundert Jahren in Tougard.«

Charlie stoppte erstaunt. »Wie machen Sie das?«

Trench lächelte verschmitzt. »Ich lese deine Gedanken, Junge.«

Unmöglich!

»Doch. In Tougard ist alles möglich.«

Charlie musterte Trench skeptisch durch den wiedereinsetzenden Regen. Eigentlich hätte er sich so lange in den Arm zwicken müssen, bis er aus diesem Rätsel erwachte. Er sollte sich von dem alten Mann hintergangen fühlen, der ohne Erlaubnis in Charlies Kopf stöberte.

Aber er konnte es nicht.

Er wollte Trench gegenüber nicht misstrauisch oder zornig sein. Ein schalkhaftes Lächeln, und alle seine Bedenken lösten sich in Rauch auf. Unheimlich. Aber Charlie kam esrichtigvor.

»Hundert Jahre sagten Sie? Wie alt sind …« Selbst für einen Traum ging diese Frage zu weit. Er verstummte und dachte rasch an etwas Unverfängliches. »Bleibt denn jeder Begabte so lange?«

»Aber nein.« Trench schüttelte den Kopf. »Bis die Ausbildung beendet ist, können Monate, aber auch Jahre vergehen. Das liegt am Eifer jedes Einzelnen.«

Der Älteste Protektor wies auf zwei Gebäude in der Ferne, in dessen Fenstern noch vereinzelt Licht brannte. »Dort sind die Mädchen und Frauen untergebracht. Die Türmännchen Portmal und Tyrgram gewähren keinem Mann Zutritt. Auf der gegenüberliegenden Seite liegen die Wohnhäuser der Jungen und Männer. Dort wirst du einziehen.«

Vorerst jedenfalls, stellte Charlie fest, schalt sich jedoch für seinen Gedanken.

»Das sind die Grundregeln für das Leben in Tougard. Den Rest wirst du von allein herausfinden«, schloss Trench. Der alte Protektor wünschte Charlie noch eine gute Nacht und wies eines der Türmännchen an, ihm den Rest zu zeigen.

»Direkt am Eingang steht ein Kerzenhalter für dich bereit«, brummte Dormat mürrisch, weil es wegen Charlie aufgeweckt worden war. »Nimm die erste Treppe, dann geht‘s rechts in den Gang und dann die dritte Tür links. Kannst es nicht verfehlen.«

Zwar fiel es Charlie leicht, sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden, aber der von Dormat beschriebene Gang nahm kein Ende. Reihen von Postern mit Schauspielerinnen und Sportwagen zogen an ihm vorbei, die nur von schlafenden Türmännchen unterbrochen wurden. Charlie hätte genauso gut den Gang eines Studentenheims entlanglaufen können.

Am Ende rannte er mehrmals an seinem Schlafraum vorbei.

»Ähm … Türmännchen?«, fragte Charlie unbehaglich. »Kannst du mich einlassen?«

Die hölzerne Figur öffnete ein Auge. »Dich hab ich hier noch nie gesehen.«

»Charlie.« Er redete mit einer Holzfigur! »Ich möchte bitte eintreten.«

»Zu spät. Regeln sind Regeln.«

»Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um den richtigen Weg zu finden«, bettelte Charlie.Wann wache ich denn endlich auf?

»Neuer?« Das Türmännchen gähnte knarrend.

»Ja.« Charlie zögerte keinen Moment, als die Tür aufschwang, und trat erleichtert über die Schwelle. In dem Schlafraum waren drei Etagenbetten und ein paar Schränke an den Wänden verteilt. Eine kleine Waschecke versteckte sich hinter einem halb offenen Vorhang.

Ein Junge streckte seinen Kopf unter der Decke hervor und blinzelte verschlafen. »Bist du gerade erst angekommen?«

»Nee. Ich hab mir nur den Kopf gestoßen und bin irgendwie in dieser Traumwelt gelandet«, entgegnete Charlie.

»Ich bin Shikagawa, Daisuke. Vierzehn Jahre. Blutgruppe B.« Daisuke hielt ihm eine Hand hin. »Schön, dich kennen zu lernen.«

Charlie trat wortlos ans Bett unter Daisukes. Als er die Decke zurückschlug, erwartete ihn ein blauer Schlafanzug, der seinem eigenen bis auf die letzte Faser glich.

»Du hast nicht zufällig die neuste Ausgabe derWeekly Shônen Jumpdabei?«, fragte Daisuke. »Ich warte seit drei Monaten auf die nächsten Kapitel.‒Ach, falls du dich wunderst, warum du deine eigenen Sachen vorfindest, das liegt an Trench. Eigentlich ist das irgendwelche Kleidung, aber der Älteste Protektor manipuliert sie entsprechend deiner Erinnerungen, damit du in der ersten Nacht gut schlafen kannst.«

»Er manipuliert … hä?«

Daisuke unterdrückte ein Gähnen. »Das wirst du bald verstehen.«

»Daisuke, sei endlich still!«, sagte jemand irgendwo in der Dunkelheit des Raumes, aus der Richtung, aus der auch ein Bettdeckenrascheln erklang.

»Lass uns morgen weiter reden.« Über ihm rüttelte und quietschte die Matratze. »Sonst weckst du Xiao Bao, Roberto und Sean auf.«

»Wir sind schon wach!«, antwortete eine weitere Stimme.

Charlie sank in die weiche Matratze und löschte die mitgebrachten Kerzen. Ein kleines bisschen Wehmut keimte in ihm auf. Wenn er aufwachte, würde Tougard wie jeder andere Traum verblassen. Eine Erinnerung, die eigentlich viel zu interessant war, als dass man sie vergessen durfte.

Kapitel 2

Willkommen Claire

»Guten Morgen.«

Die halbe Nacht hatte Charlie wach gelegen und darauf gewartet, mit schmerzendem Knöchel im Krankenhaus hochzuschrecken. Stattdessen hatte er ein paar Stunden Schlaf gefunden.

»Ann?«, fragte er in sein Kopfkissen.

»Hier gibt’s keine Ann.« Die Stimme klang ein wenig vertraut. »Weil du mitten in der Nacht aufgetaucht bist, hat Flemyng-san dich ausschlafen lassen. Sie kommt gleich, um dich zu deiner ersten Stunde abzuholen.«

Charlie fühlte sich wie gerädert. »Träume ich immer noch?«

»Tut es weh, wenn du dich kneifst?«

Zur Probe kniff Charlie sich in den Handrücken und zog scharf die Luft ein. Spätestens jetzt musste er die Augen öffnen, ob er wollte oder nicht.

»Willkommen in dieser Realität«, scherzte Daisuke mit breitem Grinsen, das seine mandelförmigen Augen wie Schlitze erscheinen ließ. »Wie heißt du?«

Charlie rührte sich kein Stück. »Charlie Andrews.«

»Darf ich dich Charlie-kun nennen?«, fragte der Japaner. »Oder eher Andrews-kun?«

Charlie dämmerte allmählich, dass Tougard doch kein Traum war. Vielleicht sollte er sich damit abfinden, verrückt geworden zu sein. Zunächst nahm Charlie sich vor, aus dem Bett zu steigen und jene Ms. Flemyng zu treffen. Danach würde er weitersehen. Doch der Morgenmuffel in ihm zog sich die Bettdecke über den Kopf und weigerte sich beharrlich aufzustehen – ganz egal, ob Traum oder Wirklichkeit.

»Warum kann ich dich überhaupt verstehen?«

»Das liegt an Tougard.« Daisuke zuckte mit den Schultern. »Egal, aus welchem Land du stammst, jeder andere Begabte spricht die gleiche Sprache wie du. Für mich beherrschen alle perfekt Japanisch.«

Charlie erinnerte sich, dass vor Jahrhunderten angeblich alle Menschen die gleiche Sprache gesprochen haben sollen. Aber mehr als Sushi, Samurai und Sayonara fiel auch ihm nicht auf Japanisch ein.

»Ninja«, sagte Charlie leise.

»Ninja?«

»Ach nichts. Ich habe nur laut gedacht.«

»Wenn ich du wäre, würde ich deine Uhr neu einstellen. Wir haben halb neun«, riet Daisuke ihm.

»Danke.« Charlie rieb sich über die Augen und versuchte, sich zu orientieren. Gestern Nacht hatte er nicht wahrgenommen, dass er Portemonnaie, MP3-Player und Handy auf den Nachttisch gelegt hatte. Er griff nach seinem Handy und wählte rasch Anns Nummer. Ein ernüchterndes »Kein Verbindungsaufbau möglich« erklang als Antwort und laut Display hatte er auch gar keinen Empfang.

»Wenn mein Traum mich schon nicht telefonieren lässt, warum habe ich überhaupt ein Handy?«, seufzte Charlie.

»Alles, was du direkt am Körper trägst, fluppt mit dir nach Tougard. Aber Handys funktionieren nicht und MP3-Player nur so lange, wie der Akku reicht«, erklärte Daisuke. »Übrigens, in den Schubladen unter deinem Bett findest du Schreibzeug und eine Tasche, falls du eine brauchst.« Daisuke öffnete einen der großen Kleiderschränke. »Der ist noch frei. Du kannst ihn haben.«

Den Schrank inspizierend stöberte Charlie durch warme Kleidungstücke. Ein gefütterter Mantel, Hemden ohne Knöpfe und feste Winterstiefel. Nach Hochsommer wirkte das nicht.

Daisuke stieß mit dem Fuß gegen einen überquellenden Karton. »Den Rest kannst du dir hier raussuchen oder wir besuchen den Beschaffer.«

Wieder ein neues Wort. Beschaffer, Protektoren‒was mochte noch kommen?Ein gutes Anzeichen dafür, dass das kein Traum sein kann.

Charlie öffnete den Karton und ein Sammelsurium aus Hawaiihemden und bunten Shorts quoll ihm entgegen. Nicht gerade unauffällig. Während er den Inhalt durchwühlte, beobachtete ihn Daisuke unschlüssig.

»Woher stammt die Kleidung?«

Der kleine Japaner strahlte, vermutlich, weil er sein Wissen einbringen konnte. »Das sind aussortierte Sachen von anderen Begabten. Oder alte Stücke von denen, die Tougard verlassen haben. Keine Angst, Charlie-kun, ich habe selbst dafür gesorgt, dass sie gewaschen wurden.«

Charlie warf einen mit Rentieren bestickten Rollkragenpullover zur Seite. Nicht einmal in seinem Traum würde erdastragen. »Ich frage lieber nicht weiter nach.« Er hatte zwei ausgewaschene Jeans beiseitegelegt sowie ein, zwei Pullover und Hemden, die einem farblich nicht sofort ins Auge sprangen. Hauptsache, die Ärmel reichten über seine Handgelenke. Sorgfältig verstaute Charlie die Kleidung. Dabei fiel sein Blick auf ein Paar Turnschuhe, die auf dem Boden des Schrankes warteten.

»Das ist meine Größe!«

»So ist Trench-san«, erklärte Daisuke. »Er macht jedem Begabten ein Willkommensgeschenk. Ich bekam meinen Lieblingspulli, aber in neu. Ein paar andere haben Fotos von ihren Familien vorgefunden. Der Älteste Protektor ist sehr einfallsreich.« Daisuke setzte sich auf Charlies Bett. »Sag mal: Welche Gabe besitzt du?«

»Ähm …« Was hatte Trench letzte Nacht noch gesagt? »Ich kann heilen.«

»Sugoi!« Daisuke sah ihn bewundernd an. »Soweit ich weiß, gibt es nur vier Heiler in Tougard. Du bist der Fünfte.«

»Willst du eigentlich zusehen, während ich mich umziehe?«, fragte Charlie abweisend. »Oder warum bist du noch hier?«

»Oh, entschuldige, Charlie-kun.« Daisuke schritt zur Tür. »Wir sehen uns nachher.«

Charlie war Daisuke zwar dankbar für seine Hilfsbereitschaft, aber er wollte sein Vertrauen nicht gedankenlos verschenken. Das tat er nicht mehr. Er griff nach einem frischen Hemd und fuhr mit den Fingern über das Geflecht aus Striemen, das sich über seinen rechten Unterarm wand. Schnell zog er sich seine verwaschene Sweatshirt-Jacke über, die weit über seine Handgelenke reichte. Mit der Zeit waren die dicken, brennenden Wulste zu einem roten Gitternetz verblasst, das sich nur noch wenig von der gesunden Haut abhob. Die Schmerzen waren jedoch nicht das Schlimmste daran gewesen, sondern der Vertrauensbruch, der mit ihnen einher ging, und all die Kinder, die ihn auf seine Narben reduzierten. Als er in England lebte, nannten sie ihn »Scars« oder – später in Deutschland‒»Kraterkind«, da sein Arm wie eine zerfurchte Kraterlandschaft aussah. In der Mittelstufe wurden die Sprüche sogar noch schlimmer‒das erste Mal, als die Jungen seiner Klasse die Narben an seinem Handgelenk entdeckten, hatten sie ihm »Wenn du dich das nächste Mal umbringen willst, gib dir mehr Mühe!« zugerufen und sich köstlich darüber amüsiert.

Nicht der Quallenübergriff hatte Charlie gezeichnet, sondern wie seine Mitmenschen seitdem mit ihm umsprangen.

Ms. Flemyng wartete in der Eingangshalle des Wohnhauses auf ihn. Sie war die einzige Frau zwischen all den Begabten und stach Charlie sofort ins Auge. Das lag aber hauptsächlich daran, dass sie ihre Kleidung so auffällig war. Noch nie hatte Charlie jemanden gesehen, der einen regenbogenfarbenen Pullover mit der Aufschrift »Peace« mit einem Faltenrock kombinierte. Ihre Stiefel mussten in einem früheren Leben einer Sturmtruppe gehört haben. Doch ihr neues Regiment sprach sich offenbar für Blümchen statt Panzer aus.

»Guten Morgen, Charlie.« Ms. Flemyng musterte ihn durch die fingerdicken Gläser ihrer Hornbrille.

»Die Türmännchen haben Sie eingelassen, Ms. Flemyng?«, fragte er.

»Hast dich noch nicht eingewöhnt, was?« Sie lächelte freundlich. »Die meisten sind nach ihrer Ankunft in Tougard ein wenig verwirrt. Aber das legt sich.«

»Nein, ich meine es ernst.« Charlie räusperte sich. »Der Älteste Protektor sagte doch, dass ich nicht ins andere Wohnhaus darf. Wieso dann Sie?«

»Diese Regel gilt nur für unsere Herren. Als Protektorin hat man überall Zutritt«, grinste Ms. Flemyng, warf ihren Paillettenschal über ihre Schulter und stupste Charlie wie ein Kind auf die Nase. »Nenn mich Joy.«

Charlie fühlte sich unsicherer denn je. Ms. Flemyng hatte bereits die Vierzig überschritten und trug mausgraues Haar. Außerdem hatte keiner seiner Lehrer ihm jemals vorgeschlagen, ihn beim Vornamen zu nennen. Sie hätte eine Arbeitskollegin seiner Mutter sein können, aber niemand, den er mit seinem Vornamen ansprach.

»Wir gehen runter zum See«, entschied Ms. Flemyng und setzte sich in Bewegung, bevor Charlie widersprechen konnte. »Man sollte die letzten Sonnenstrahlen so lange wie möglich genießen.«

Sobald sie die Tore Tougards hinter sich gelassen hatten, konnte sich Charlie an der Schönheit der Natur kaum sattsehen. Saftig grüne Hügel durchzogen die Landschaft in gemütlichem Auf und Ab, das nur von einem dichten Wald unterbrochen wurde. Abgesehen vom kräftigen Wind herrschte tatsächlich herrliches Wetter und Ms. Flemyngs Paillettenschal flatterte fröhlich mit. Charlie zog den Kragen seines Mantels höher. Unwillkürlich dachte er an seinen Irlandurlaub ein paar Jahre zuvor.

»Was, ähm«, Charlie suchte nach den richtigen Worten, während Ms. Flemyng wie bei einem Marathonlauf vorausstürmte, »werden Sie mir beibringen?«

Die Protektorin verzog bei seiner höflichen Anrede das Gesicht. »Ich werde dich zu einem ordentlichen Heiler ausbilden. Zwar ist Heilen nur meine zweite Fähigkeit, aber es wird schon gehen. Beim ersten Schüler darf sich ein Protektor Fehler erlauben. Schließlich lernt man nie aus.«

Das Ziel ihrer kleinen Wanderung entdeckte Charlie erst, als er mit einem Fuß in flaches Wasser trat. Der See spannte sich wie eine Plane zwischen die grünen Hügel. Sein sumpfiges Ufer säumten Büsche, so dass man nie wissen konnte, wann man mit dem Fuß im Schlamm steckte. Charlie nahm neben ihr auf einem gefällten Baumstamm Platz und versuchte, unverfänglich zu klingen, auch wenn sein Misstrauen gegenüber Fremden nicht verstummte. Außerdem fragte er sich, was er seinem Unterbewusstsein noch über Tougard entlocken konnte.

»Man kann mehrere Fähigkeiten besitzen?«, fragte Charlie.

»Aber ja doch«, erwiderte Ms. Flemyng. »Protektoren geraten oft an einen Punkt, an dem sie ihre Begabung nicht weiter entwickeln können. Dann versuchen sie, sich eine neue anzueignen.«

Auf der anderen Seite des Sees wanderte ein Junge über das Wasser. Erstaunt sah Charlie genauer hin, aber er hatte sich nicht getäuscht. Der Begabte schwebte eher eine Handbreit über der Oberfläche, anstatt zu laufen.

»Im Levitationskurs wird heute einen Ausdauertest veranstaltet«, erklärte Ms. Flemyng. Kaum hatte sie das ausgesprochen, versank der Begabte auch schon mit einem Platschen im Wasser. Der Rest des Kurses lachte ausgelassen. »Das war gar nicht schlecht.«

»Was beherrschen Sie noch, Ms. Flemyng?«

»Ich bin dank meiner hellseherischen Fähigkeiten hierher gelangt.« Sie sah ihn von der Seite an. Es sollte wohl mysteriös wirken. »Aber meine Vorhersagen waren eher verschwommen und stets voller Leid. Also widme ich mich lieber dem Heilen. Ich habe es mir fest gewünscht, damit ich den Menschen etwas Positives geben kann.« Ms. Flemyng öffnete ihren Schulterbeutel, auf dem »Woodstock 1969« prangte, und reichte Charlie einige Bücher.

»Die Anatomie des Menschen. Erster Band: Knochen und Gelenke«, las Charlie und überflog die restlichen Titel. »Die Haut – unser größtes Organ. Ich dachte, ich soll Heiler werden, kein Medizinstudium beginnen?«

»Grundsätzlich sollst du lernen, deine Gabe zu begreifen und richtig anzuwenden.« Ms. Flemyng rieb sich die scheinbar kalten Hände. »Als Hellseherin musste ich wie alle anderen meine Konzentration schulen. Doch ich durfte auch Traumdeutungen, Psychologie und mystische Symbole pauken.«

»Ich kann also nicht die Hand auflegen und alles ist wieder in Ordnung?«

»Leider nein«, entgegnete Ms. Flemyng. »Du musst genau wissen, was du tust. Allein deine Hand besteht aus über dreißig Knochen. Wusstest du das?«

»Nein.« Biologie war noch nie Charlies Stärke gewesen.

»Wenn du eine gebrochene Hand heilst, musst du jeden Knochen richtig zusammensetzen, Nerven und Sehnen anordnen. Erlaubst du dir einen kleinen Fehler, kann dein Patient keinen Finger mehr bewegen.«

Charlie ließ die Bedeutsamkeit ihrer Worte auf sich wirken. Er hatte sich das sehr viel einfacher vorgestellt.

»Du stellst dir die einzelnen Prozesse vor. Bei einer Schnittwunde konzentrierst du dich darauf, dass die Blutung zum Stillstand kommt. Dann flickst du die betroffene Ader und lässt die Haut zusammenwachsen. Rein theoretisch zumindest.« Sie überlegte einen Moment. »Dafür musst du deine Kenntnisse über den menschlichen Körper erweitern. Knochen, Muskeln, Organe, Blutkreislauf. Am Anfang kann man sich nicht vorstellen, wie viele Verletzungen sich Menschen zufügen.« Ms. Flemyng schüttelte traurig den Kopf. »Oft ist das weitaus schlimmer, als was die meisten Krankheiten können.«

Charlie schluckte. Das klang nicht, als würde er bald nach Hause kommen. »Gibt es Grenzen?«, fragte Charlie.

»Natürlich. Es ist verboten, den Kopf zu heilen‒so etwas wie Schizophrenie oder Vergesslichkeit. Genauso können wir auch nichts gegen physische Krankheiten ausrichten oder Menschen helfen, die sich bereits aufgegeben haben.«

»Was ist mit Krebs?«

»Bei Krebs handelt es sich um eine Mutation der Zellen. Das fällt nicht unter den Begriff›Krankheit‹. Aber ich bin bei den neusten Entwicklungen nicht auf dem aktuellen Stand. Ich werde das noch einmal nachlesen.«

»Und Aids?«

»Diese Frage stellst du am besten Mr. Peel im Basisunterricht.«

Ob er nun an seinen Traum glaubte oder nicht, Charlies Neugier war geweckt.

Der nächste Begabte versuchte, über den See zu laufen, kam jedoch keine zwei Meter weit.

Hoffentlich muss man als Heiler nicht solche Tests ablegen, argwöhnte Charlie in Gedanken. »Und wie kann ich meine Gabe anwenden?«

»Zunächst musst dir klar sein, dass du deine Kraft nicht von heute auf morgen beherrschst. Du wirst dir eine Menge Hintergrundwissen aneignen müssen, bevor ich als dein persönlicher Protektor erlaube, die kleinste Verletzung zu heilen.«

»Was sind diese Protektoren überhaupt?« Dieses Wort war irgendwie verwirrend. Trotzdem spürte er, wie er fortlaufend sein Misstrauen ablegte. Wenn Ann ihn sehen könnte …

»Du kannst uns Protektoren als Beschützer sehen.« Sie schnipste mit dem Zeigefinger ein paar lose Pailletten von ihrem Schal. »Wir achten darauf, dass unsere Schützlinge keinen Unsinn anstellen.«

Charlie beließ es dabei und schwieg. Diese Welt bestand aus so vielen Ungereimtheiten, dass er noch immer rätselte, wie alles zusammenpasste.

»Für heute habe ich dich genug verwirrt.« Ms. Flemyng lächelte munter und erhob sich. »Auf dem Rückweg kannst du mir etwas aus deiner Realität erzählen. Ich bin nicht ganz auf dem Laufenden.«

»Ich dachte, wenn man ein Jahr in Tougard bleibt, vergeht nur ein Tag in der Realität«, erinnerte Charlie sich an die Worte des Ältesten Protektors.

»Nach ungefähr zehn bis zwanzig Jahren verfliegt diese Wirkung. Dein Körper passt sich nach und nach dem Zeitfluss der Realität an und man altert wieder normal.«

»Aha«, meinte Charlie, obwohl er es überhaupt nicht verstand. Dann platzte er heraus: »Wie lange leben Sie schon in Tougard?«

»Seit über vierzig Jahren.« Einen Moment war sie sehr still. »Wie sieht es in deiner Realität aus? Herrscht immer noch Krieg? Gab es Fortschritte in der Medizin?«

Charlie berichtete der Protektorin, was ihm zu ihren Fragen einfiel. Zumindest versuchte er, ihr einen kurzen Abriss der wichtigsten Ereignisse zu geben. Jedoch fühlte er sich dabei seltsam leer.Wow. Er hatte noch keinen Tag in dieser Dimension verbracht und schon überkam ihn heftiges Heimweh. Wie er Wochen oder gar Jahre ohne Ann leben sollte, konnte Charlie sich nicht vorstellen.

»Und – ähm – Sie haben nie darüber nachgedacht, zurückzukehren?«

»Als die erste Vision kam, trampte ich mit Freunden quer durch Amerika. Wer weiß, in welchem Bundesstaat wir uns herumgetrieben haben. Ich war viel zu …«, Ms. Flemyng hielt inne. »Es gibt gewisse Dinge, bei denen ich froh bin, sie hinter mir gelassen zu haben.« Charlie schaute für einen Moment in ihre Augen, in die sich eine tiefe Traurigkeit schlich. »Wahrscheinlich ist das eine gute Lektion für dich, damit du verstehst, wie schwer ein normales Leben für Begabte ist.« Sie versuchte ein zaghaftes Lächeln, das in Schwermut endete. »Ich habe gesehen, wie der Bus, in dem wir saßen, verunglückte.«

Charlie fand keine passende Erwiderung. Ein paar Wolken trieben über ihren Köpfen davon. In der Ferne platschte es erneut, danach erklang ein Lachen.

»Und Musik?« Überstürzt wechselte er das Thema. »Wollen Sie wissen, was es für neue Musik gibt?«

»Oh ja! Wie heißt Santanas aktuelle LP? Was ist mit Janis Joplin?«

»Was sind LPs?«, fragte Charlie. Ausgerechnet Janis Joplin!

»Gibt es denn keine Musik mehr?«

»Doch. Überall. Man kauft CDs oder lädt sich die Musik aus dem Netz auf dem PC oder MP3-Player.«

»Das Netz.« Ms. Flemyng runzelte die Stirn. »Darüber redet ihr jungen Begabten ständig.«

»Ohne das Internet geht eigentlich nichts mehr«, meinte Charlie. »Wir kaufen ein, hören Musik, schicken E-Mails‒alles nur über das Netz. Eigentlich kann man gar nicht mehr ohne.«

»Füllen Computer immer noch ganze Räume?«

Charlie wusste von den Riesenmaschinen, die in den siebziger Jahren genutzt wurden. »Computer passen eigentlich mittlerweile in die Hosentasche.« Charlie holte sein Handy hervor und hielt es der Friedensaktivistin Ms. Flemyng unter die Nase.

»Ernsthaft? Das ist ein Computer?« Voller Zweifel zeigte sie auf das kleine Gerät.

»So etwas in der Art.« Charlie lächelte sanft, als müsse er einem Kind erklären, warum der Himmel blau ist. »Gab es in Ihrer Zeit schon Mobiltelefone oder‒wie hießen die Dinger noch gleich?‒Autotelefone?«