Verlag: Books on Demand Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Erhalten Sie Zugriff auf dieses
und über 100.000 weitere Bücher
ab EUR 3,99 pro Monat.

Jetzt testen
7 Tage kostenlos

Sie können das E-Book in Legimi-App für folgende Geräte lesen:

Tablet  
Smartphone  
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Seitenzahl: 610

Das E-Book kann im Abonnement „Legimi ohne Limit+“ in der Legimi-App angehört werden für:

Android
iOS
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Das E-Book lesen Sie auf:

E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Seemannsgarn und Nornengeflecht - Heimo Zinko

Dieses Buch ist für alle diejenigen gedacht, die davon träumen, einmal eine Heldenrolle im Leben spielen zu dürfen. Es beschreibt das höchst gewöhnliche Leben zweier Familien, die unabhängig von einander in verschiedenen Ländern ihr Leben leben, vier Generationen lang. Und immer wieder ist das Leben beider Familien auf eine merkwürdige Art ineinander verwoben. Die hier beschriebene Geschichte belegt, dass die Normalität auch ihre Reize, ja sogar Exzesse haben kann. Man muss sie nur sehen. Zum Beispiel die Geschichte von August. Er hat sich durch das Leben geschlagen, viel gelernt, geheiratet, ausreichend verdient, Nachwuchs gezeugt, um dann in die Zeitlosigkeit abzutreten. Sein Ziel ist nicht, Spuren zu hinterlassen, sondern das Leben, wie es sich bietet, zu leben, zu genießen und weiterzugeben. Wie soll auch einer, dessen Vorliebe das große Wasser ist, Spuren hinterlassen? Das Boot des Lebens erzeugt kleine Wirbel, und die nächste Welle schwemmt diese Wirbel hinweg. Nichts Außergewöhnliches also, jedoch gefärbt von den Zeiten, in denen August lebt, und deren Veränderungen, die von ihm und den in diesen Zeiten lebenden, sehr viel Mut und Ausdauer verlangen. So spurenlos sind die meisten von uns unterwegs. August in Wien, und ein anderer von uns, Leif, im südschwedischen Schonen. Auch Leif liebt das Wasser. Und auch er müht sich durch die Zeiten und hinterlässt keine Spuren. Oder? Kann es sein, dass sich Schicksalsfäden von Menschen doch verwickeln können und es eine Zeit lang dauert, bis die Fäden wieder entwirrt werden? Spinnen die Nornen ihre Fäden auf eine Weise, von der wir nichts wissen und deren Zusammenhänge wir erst aus der Distanz, zeitlich und räumlich, erkennen? - Gehen wir einfach einigen dieser Fäden entlang und schauen wir, wo sie anfangen und wo sie enden. Die Erzählungen und Personen in diesem Buch sind frei erfunden, jedoch von einem äußeren historischen Rahmen umgeben, der sich aus der ablaufenden Zeit ergibt. Die Geschichten sind im Kopf des Verfassers gekeimt und haben Wurzeln geschlagen und sich verzweigt. Deswegen ist es nicht unmöglich, dass der eine oder andere aufmerksame Leser Ähnlichkeiten mit wirklichen Ereignissen findet. Aber aufgepasst: Der Titel sagt es: Das meiste ist Seemannsgarn oder Nornengeflecht oder gar beides!

Meinungen über das E-Book Seemannsgarn und Nornengeflecht - Heimo Zinko

E-Book-Leseprobe Seemannsgarn und Nornengeflecht - Heimo Zinko

DANKE

Ich möchte meinen beiden Lektorinnen für ihre Bemühungen danken, ohne deren Eifer und Enthusiasmus aus dem Manuskript niemals ein Buch entstanden wäre:

Frau Elke Vujica, Graz, die mit professionellem literarischem Spürsinn, sowohl inhaltlich wie textlich, dazu beitrug, die richtigen Worte zu finden.

Meiner lieben Frau Britta, die mit unermüdlichen Lehreraugen die meisten der Druck- und Schreibfehler imstande war aufzuspüren.

Mein Dank gilt auch einem Kollegen, der wesentlich zum Inhalt des Buches beigetragen hat:

Kjell Håkansson, Nyköping, hat in seinen beiden Büchern:

„Med Döden i kölvattnet (2007)” und „Ubåt om styrbord Kapten!” (2010) („Mit dem Tod im Kielwasser” bzw „U-Boot Steuerbord, Kapitän!”), erschienen bei Breakwater Publishing AB, die Situation der schwedischen Schifffahrt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert beschrieben und Bilder einiger Charaktere aus der Schifffahrt gezeichnet, die in meinen Erzählungen zum Leben erwachten.

INHALTSVERZEICHNIS

0. Ein paar Worte zum Buch: Ein ganz normales Leben

1. Wien (1885)

2. Stockholm och Nytorp (2011)

3. Wien (1892 – 1896)

4. Über und unter Wasser in den Schären (1975 – 1985)

5. Pola (1897)

6. Traum oder Alptraum (1970)

7. Unterwegs nach China (1900)

8. Graz - Budapest (1943 -1945)

9. Zurück in Pola (1902)

10. Kapitän in Kriegszeiten (1939-1945)

11. Steiermark (1904 – 1905)

12. Depressionszeiten – die Dreißigerjahre

13. Wien (1906)

14. Nornengeflecht – die Dreißigerjahre

15. Graz (1906-1909)

16. Schonen (1922)

17. Segeljahre (1909 – 1912)

18. Kriegsgeschäfte (1914-1916)

19. Krieg muss sein (1914-1916)

20. Begegnung im Mittelmeer (1916)

21. Epilog

0. EIN PAAR WORTE ZUM BUCH: EIN GANZ NORMALES LEBEN

Wir möchten so gerne Geschichten von Helden hören. Helden des Lebens, des Krieges, des Sportes, der Wissenschaften, des Altertums, der Götter. Wir möchten uns identifizieren mit ihnen, ihnen nacheifern, uns in diese verwandeln. Wir möchten die Sterne vom Himmel holen, die Weiten des Kosmos erforschen, die Tiefen der Meere befahren, die Vielfalt der Länder besuchen, die Geheimnisse des Lebens entdecken, die Weltformel nachvollziehen. Und wir möchten die Helden dieser Ereignisse sein und in die ewige Geschichte eingehen, wie Aristoteles, die schöne Helena, Alexander der Große, Kapitän Nemo, Luke Skywalker oder Einstein. Aber wir sind nur ganz normale Menschen.

Und doch schreibt das gewöhnliche Leben Geschichten von dir und mir, die durchaus erzählenswert sind, die ein Beispiel dafür geben, dass die Normalität auch ihre Reize, ja sogar Exzesse haben kann. Man muss sie nur sehen. Wie hier diese Geschichte von August. Einer, der wie wir alle ein ganz gewöhnliches Leben führte und führen wollte. Er hat sich durch das Leben geschlagen, viel gelernt, geheiratet, ausreichend gut verdient, Nachwuchs gezeugt, um dann in die Zeitlosigkeit abzutreten. Sein Ziel war nicht, Spuren zu hinterlassen, sondern das Leben, wie es sich bot, zu leben, zu genießen und weiterzugeben. Wie soll auch einer, dessen Vorliebe das große Wasser war, Spuren hinterlassen? Das Boot des Lebens erzeugt kleine Wirbel, und die nächste Welle schwemmt diese Wirbel hinweg. Nichts Außergewöhnliches also, jedoch gefärbt von den Zeiten, in denen August lebte, und durch deren Veränderungen, die von ihm und den in diesen Zeiten Lebenden, sehr viel Mut und Ausdauer verlangten.

So spurenlos sind die meisten von uns unterwegs. August in Wien, und ein anderer von uns Milliarden Erdenmenschen, Leif, im südschwedischen Schonen. Auch Leif liebte das Wasser. Und auch er mühte sich durch die Zeiten und hinterließ keine Spuren. Oder? Kann es sein, dass sich Schicksalsfäden von Menschen doch verwickeln können und es eine Zeit lang dauert, bis die Fäden wieder entwirrt werden? Spinnen die Nornen ihre Fäden auf eine Weise, von der wir nichts wissen, und deren Zusammenhänge wir erst aus der Distanz, zeitlich und räumlich, erkennen? - Gehen wir einfach einigen dieser Fäden entlang und schauen wir, wo sie anfangen und wo sie enden.

Die Erzählungen und Personen in diesem Buch sind frei erfunden, jedoch von einem äußeren historischen Rahmen umgeben, der sich aus der ablaufenden Zeit ergibt. Aber diese Geschichten sind nun einmal im Kopf gekeimt und haben Wurzeln geschlagen und sich verzweigt. Deswegen ist es nicht unmöglich, dass der eine oder andere aufmerksame Leser Ähnlichkeiten mit wirklichen Ereignissen findet. Aber aufgepasst: Der Titel sagt es: Das meiste ist Seemannsgarn oder Nornengeflecht oder gar beides!

Zur besseren Übersicht seien hier die Generationsverhältnisse der beiden Familien von August beziehungsweise Leif gelistet und diejenigen Personen genannt, um die es sich in diesem Buch hauptsächlich handelt (Urgroßvater, Großvater, Vater und Sohn):

1. WIEN (1885)

Große Umgestaltungen prägten das Wien dieser Jahre. Kaiser Franz Joseph hat mit seinem Dekret „Es ist mein Wille“ vor 30 Jahren beschlossen, Wien zu modernisieren. Wenn Kaiser Franz Joseph irgendetwas Großartiges geleistet hat, dann war es diese Erweiterung von Wien, über deren Ergebnisse in der Zukunft Millionen von Touristen die Köpfe schütteln werden: Wie ist es möglich, dass dieses kleine Land eine so prächtige Hauptstadt hat? Die alten Stadtbefestigungen wurden abgerissen, und an ihrer Stelle sollten glänzende Bauten entlang des Boulevards der Welt demonstrieren, wo die Macht über Osteuropa ihr Zentrum hat. Durch verschiedene Baustile wurde die Geschichte der Habsburg Monarchie herausgemeisselt, und Wien wurde zu der Stadt, als die sie im 20. Jahrhundert bekannt wurde: Ein Wasserkopf eines Monsterbabys. Diese Bauaktivitäten hatten zur Folge, dass Wien enorm wuchs und dass die Vorstädte mit Alt-Wien zu einer Einheit verschmelzen konnten. Es gab genug Arbeit für die breite Masse, und es entstand edler, neuer Wohnraum an erster Adresse am Ring, in Form von Palais für Adel und gehobenes Bürgertum. Und obwohl es ringsherum in den Kronländern schon kriselte und das Volk unter den ausbeuterischen Bedingungen der Monarchie stöhnte, dachte das Militär nicht an Krieg, sondern imponierte mit schönen Uniformen zu Pferd und zu Fuß in den Promenaden der neu angelegten Parkanlagen. Die Ringstraße war dicht befahren von Fuhrwerken und Fiakern, es schwirrte ein jahrmarktähnliches Gewirr von Rufen, Flüchen und Hufgeklapper in der Luft, das durch den Duft der Linden, dem Geruch von Pferdemist und hier und dort dahinrieselnden Kloaken untermalt wurde. Aber dazu gesellten sich immer wieder Musikfetzen aus irgendeiner Richtung, je nachdem, wie stark und woher der Wind blies.

Denn Musik wurde an allen erdenklichen öffentlichen Plätzen und zu allen Anlässen gespielt. Der Wiener liebte seine Musik euphorisch, die durch die Melodien von Strauß, Ziehrer oder Hellmesberger, um nur einige der gerade populärsten Musiker zu nennen, eine volkstümliche, beinahe hysterische Beliebtheit fand. Jedes Kind und jeder Spatz konnten eine Polka oder einen Walzer dieser großen Tonmeister pfeifen. Öffentliche Konzerte waren das Volksvergnügen jener Zeit, in Kaffeehäusern, beim Heurigen, in den Biergärten, in den vielen Parkanlagen und natürlich auch in den vornehmen Salons. Und die Walzerkönige und sonstigen Musikgrößen musizierten für Arm und Reich gleichermaßen. Musik übertünchte den Gestank der Abwasserkanäle, das Elend des Industriearbeiters und die Gesichter der ausgebeuteten Kinder.

Der Kaiser tat das Seinige dazu, gab er doch jedem Regiment seine gut besoldete Kapelle und dazu den Auftrag, dafür zu sorgen, dass populäre Musik, in erster Linie die der Kronländer, unter das Volk kam. Also wurde paradiert und marschiert, man könnte auch sagen, die Monarchie wurde parodiert. In farbenprächtigen Uniformen, rot und weiß, herrlich waren die Regimentsmusiker anzuschauen, und die Frauenherzen konnten schon ein bisschen extra zucken bei dem Anblick der Herren Musiker: Bei Aloisia, Tonis Frau und Mutter von August, hatte das Herz vor einigen Jahren einige richtige Hüpfer gemacht.

Für den vierjährigen August war es eine herrliche Zeit. Er durfte schon mit dabei sein, wenn der Vater Toni im Volksgarten seine Militärkapelle dirigierte. An diesem Abend sammelten sich Scharen von der Arbeit heimkehrender, abwechslungsbedürftiger, die Sommerluft einsaugender Flanierer um die Kapelle, die im Pavillon spielte. August hüpfte im Schatten eines Baumes im Takt des Marsches von einem Bein aufs andere, klatschte vergnügt im Takt der Trommeln in die Hände und quietschte gleichzeitig mit den Trompeten um die Wette. Aloisia, seine Mutter musste ihn zurückhalten:

„Bub, du darfst nicht so laut sein, sonst störst du ja den Vater, und die ganze Musi kommt aus dem Takt.“

„Aber Mama, der Trompeter tütet so laut, da kann man mich ja gar nicht hören.“

„Aber der Vater hört‘s wohl, und da setzt es ein Himmelsdonnerwetter zu Hause, und das wollen wir doch nicht haben?“

„Mama, warum zeigt der Vater immer wieder auf einen Soldaten?“

„Ja weißt du, die Soldaten sind Musiker und müssen zur rechten Zeit einsetzen und spielen, damit die Musik auch wirklich so klingt, dass sie uns gefällt. Wir sollen uns ja freuen über die Musik, und da muss sie auch stimmen. Und Vater zeigt ihnen, wann und wie‘s richtig ist zu spielen.“

Es war die 28er Regimentsmusik, die da spielte, und Kapellmeister Toni Hofer war mit Begeisterung und Strenge bei der Sache. Hier wurde die Musik ja nicht schöpferisch interpretiert, Musik musste exerziert werden. Genauigkeit und Taktfestigkeit zeichneten den Regimentsmusiker aus.

Beim „Vernügungszug“ vom jüngeren Strauß war es aus mit der Kontrolle von August, und mit lauten „Tsch Tsch Tsch Tsch“ entwich er in Richtung Musikkapelle. Aloisia, heute sehr sommerlich leicht bekleidet und mit fliegenden Rockschößen einer sich im Winde schwingenden Taglilie gleich, rauschte hinterher, was den dirigierenden Toni zu einer dräuenden Grimasse veranlasste, als ob sich das Donnerwetter schon jetzt entladen würde; aber Triangel und Piccolo-Flöte hielten ihre Stellungen, und August wurde wieder eingefangen. Der „Vergnügungszug“ fuhr weiter und tütete ohne größere Verzögerungen zu seinem Bahnhof. August und das Publikum klatschten, was das Zeug hielt, Toni ging eilenden Schrittes auf August zu, versetzte ihm eine Ohrfeige und ging seelenruhig zurück zum Dirigentenpult. Na, beim Militär gibt es Disziplin, August heulte, und die Musik spielte einen Walzer.

Aloisia tröstete August: „Den Vater darf man nicht stören, wenn du so einen Lärm machst, dürfen wir nächstes Mal nicht mitkommen, und dann kannst du auch die Eichkatzerln nicht sehen und die Trompeter nicht hören.“

„Ich will die Eichkatzerln gar nicht sehen, ich will dirigieren wie Vater.“

„Da musst du aber erst einmal noch viel grösser werden, viel Musik hören und still dabei sein, und vor allem musst du dann alles genau so machen, wie Vater es dir sagt.“

Bei diesem Gedanken wurde August auf einmal ganz still. Irgendwas arbeitete in seinem Hirn. Musik hören und Geige oder Trompete spielen, das konnte er sich schon vorstellen, der Musik zuhören, das mochte er auch, aber alles so machen, wie Vater will, o weh. Der wollte ja immer nur Ordnung und Folgen. Und Takt: Eins, zwei, eins, zwei, und manchmal eins, zwei, drei, oder eins, zwei, drei, vier. Aber nie eins, eins, zwei, vier oder eins, fünf, drei. Langsam versank August in das eins, zwei, drei des Walzers und wiegte vor sich hin. Aloisia lächelte und hoffte auf einen ruhigen Abend und einen liebevollen Toni.

„Komm, August, wir nehmen die Pferdetramway, es wird schon bald finster.“

---------------

Die Abendsonne war schon seit einiger Zeit einer arsenblauen Dunkelheit gewichen, die schwüle Stadtluft lag schwer über den Häusern, kein Zweig rührte sich, und die meisten Fenster standen offen. Tonis Wohnung in Ottakring lag im zweiten Stock zum Innenhof hinaus. Das Regiment gab ihm ein sicheres Auskommen, und da konnte er schon auf eine Dreizimmerwohnung mit Küche zugreifen. Durch eiserne Disziplin und viele Proben konnte er seine 28er auf ein Niveau bringen, für das ihn der Kaiser schon ausgezeichnet hatte, das heißt, er hat ihm vor einigen Jahren das Silberne Verdienstkreuz mit den Initialen FJ verliehen. Mit so einem Kreuzl an der Brust hatte man die Pension ja schon so gut wie in der Tasche, auch wenn die Krone über dem Kreuz noch fehlte.

August sollte schon im Bett sein, eigentlich sollte er schon schlafen. Aber die Musik am Abend hatte ihn ganz närrisch werden lassen. Und trotz der Tätschn vom Vater fährt der Vergnügungszug in seinem Kopf herum: Tsch Tsch Tsch Tsch…

„Mama, was war das so eine Pfeifen, die man so laut gehört hat?“

„Das war die Piccolo-Flöte.“

„So eine möchte ich auch spielen.“

„Bub, deine Hände sind ja noch viel zu klein. Die müssen noch viel wachsen, um alle Löcher zu erwischen und fest auf- oder zuzumachen, je nachdem, welcher Ton herauskommen soll. Du musst brav schlafen, denn dann wächst man schnell. Und du musst vor allem auch schlafen, denn bald kommt Vater heim, und der ist vielleicht noch böse auf dich, weil du so laut warst. Da ist es besser, du bist im Bett und schläfst, wenn er kommt.“

Dies Argument hatte auf jeden Fall eine beruhigende Wirkung auf August, und er ließ sich ins Bett bringen. Noch war August das einzige Kind in der jungen Familie, deswegen konnte Aloisia sehr viel Zeit mit ihm verbringen. Und sie konnte ihren Mann bewundern, wie er seine Regimentsmusik bändigte und dirigierte. Fesch war er nämlich schon, der Toni, in seiner Uniform und mit seinen 37 Jahren im besten Mannesalter. Und Aloisia war im Vergleich dazu noch eine junge Apfelblüte, etwa 10 Jahre jünger und eine liebende Frau. Ein Mann mit einer Dirigentenkarriere, vom Militär besoldet, da hat man mehr oder weniger ausgesorgt, falls man mit den Capricen des Herrn Gemahls zurechtkommt und ihm rechtzeitig die Flügel stutzt. Denn er kann schon seinen Schnurrbart beim Flanieren vor anderen Damen so zwirbeln, dass jenen eine gewisse Röte im Gesicht aufsteigt und dass sie sich den Hals verdrehen nach dem Mann in dieser stattlichen Uniform.

Wenn er nur nicht zu Hause so viel herumkommandieren wollte, seufzte Aloisia im Stillen, sehnte sich jedoch nach ihrem Toni, der nach seinem Konzert mit einigen seiner Stimmführer noch eine Nachsitzung beim Heurigen hatte. „Das gehört auch zu den Pflichten eines Dirigenten, sonst spielen sie im nächsten Konzert, wie sie wollen, und es wird ein Verhau“, pflegte er als Entschuldigung anzuführen.

„Mama, sing mir noch einmal den Zug vor.“ Aloisia wollte aber den Kleinen nicht wieder auf Trab bringen, sondern schlug ein anderes Stück vor, das ihn in die Nacht hinein geleiten sollte: „Weißt du wieviel Sternlein stehen, an dem blauen …..“.

August hielt das für ein empörend niedriges Niveau und schlief aus Protest ein. Das ersparte ihm aber ein zorniges Donnerwetter, denn bald schon kam Toni heim.

„Hättest auch besser auf den Fratzen aufpassen sollen“, war das Erste, was er sagte.

„Der freut sich aber so über die Musik, die du so wunderschön hinbringst mit deinen 28ern, du sollst lieber stolz auf ihn sein, er ist hochmusikalisch und kann den ‚Zug‘ jetzt schon nachsingen. Er ist ganz einfach dir nachgeraten. Wir müssen ihm ein Instrument besorgen, dann kann er sein Talent ausleben.“

Toni wäre nicht ein echter Wiener gewesen, hätte er sich nicht durch diese und noch einige Schmeicheleien einfangen lassen. Über einen musikalischen Sprössling musste man sich ja eher freuen. Und bald schon senkte sich nicht nur eine schwarze, schwüle Nacht über Wien, sondern auch über ein sich liebendes Paar in dieser Dreizimmerwohnung, genauso wie in vielen anderen Zimmern, Häusern, Palästen oder Gärten des sommerlichen Wiens.

---------------

Nicht nur am Ring waren gigantische Bauarbeiten im Gange. Das moderne Wien benötigte für die zunehmende Industrialisierung auch moderne Handelswege, die teils das Reich zusammenhielten und teils es mit dem übrigen Europa verbanden und den Handel ermöglichten. Denn nur, wenn es etwas zum Verkaufen gab, kam das Geld herein, das den Fortbestand der Monarchie und damit das prunkende Wien garantieren konnte. Die Regulierung der Donau und die Anlage von modernen Häfen war deswegen eine weitere Herzensangelegenheit des Kaisers. Toni machte gern ausgedehnte Spaziergänge zu diesen Anlagen. Teils der vielen Schiffe wegen, wovon schon die meisten mit Dampf fuhren, teils der vielen Menschen wegen, die sich dort herumtrieben: Seeleute, Kaufleute, Zigeuner, Hafen- und Bauarbeiter, Lebenskünstler, Hafendirnen, Bauernvolk, - es war ein buntes Gemisch von Menschen aus aller Welt, ein Spektakulum, wie er sich ausdrückte. Aloisia war weniger begeistert. Die Donauländen machten sie bange. Das Leben dort war fremd, schmutzig, zwielichtig oder sogar unanständig. Und schon gar nichts für den vierjährigen August. Toni pflegte zu sagen, hier sei das Vergnügen viel billiger als im Prater, und noch viel bunter. Das letztere mochte ja stimmen, jedenfalls gefiel es August.

Der breite Strom mit seinen vielen Inseln und Verzweigungen machte einen gewaltigen Eindruck auf August. Und noch mehr die Schiffe. Mächtige, schwarzen Dampf ausstoßende Kolosse konnten sich auf dem Fluss bewegen, und die Anlegemanöver wurden nicht nur von ihm, sondern auch von den anderen Schaulustigen kommentiert und je nach Gewagtheit und Gelingen des Manövers mit Beifall bedacht. Ganz anders war es noch vor einigen Jahrzehnten, als hauptsächlich pferdegezogene Schleppkähne für die Transporte zuständig waren. Aber am meisten haben es August die kleinen und wendigen Segelboote angetan. Das Gewirr von Tauen, Knapen und Blocken, das Hissen und Einholen der Segel, die Möglichkeit, die Segel nach dem Wind zu stellen und stromaufwärts zu fahren, Fieren und Losmachen, alles das faszinierte August.

„Vater, ich möchte auch mit dem Segelboot fahren.“

Und statt dem Üblichen „Wenn‘st einmal groß bist“, kam eine überraschend positive Antwort:

„Na, dann schau‘n wir einmal, was sich machen lässt.“ Offenbar hat sich in Toni ein ähnlicher Wunsch breit gemacht, der aber erst durch Augusts Mund artikuliert wurde. Dem August kann man einen Kinderwunsch schon einmal erfüllen, da kann Aloisia nicht so hartherzig sein.

Und so schritten Vater und Sohn die Lände entlang, während Aloisia sich nur zögernden Schrittes überwinden konnte, sich an diesem Unternehmen zu beteiligen. Sie sahen Frachtschiffe, Schleppkähne, kleine Fischerboote, Vergnügungsdampfer, und schließlich entdeckte Toni eine Überfuhr. Eigentlich war es ein Fährmann, dessen Boot sowohl Ruder wie Segel hatte, und der meistenteils Bauern, die zum und vom Markt kamen, eventuell mit einem Pferdekarren, von der Lände zu einer Anlegestelle auf der stadtabgelegenen Seite der Donau beförderte.

„Gschamster Diener, Herr General“, ließ sich der Fährmann hören, mit Anspielung auf Tonis schöne Uniform, „wohin soll die Reise gehen?“ Je höher der Rang, desto reichlicher das Fuhrgeld, rechnete sich der Fährmann aus.

„Einmal hin und zurück“, die kurze Antwort.

„Na, der Herr General möchte wohl auch einmal die Marine inspizieren?“ war die lakonische Reaktion des Fährmannes.

„Wenn‘s Spaß macht, fahr ma auch öfter“, fügte August dazu.

„Das macht zwanzig Kreuzer hin und dreißig Kreuzer zurück“, blinzelte der Fährmann. Toni zog nur die Augenbrauen hoch:

“Meinetwegen, aber da ist das Trinkgeld inbegriffen.“

„Wenn‘s nach mir geht, fahr ma gar nicht“, meinte Aloisia.

Ihre Meinung war aber im Zusammenhang nicht relevant. Toni sah ein, dass ein friedlicher Abend größere Vorteile bringen könnte als ein Bestehen auf die Mitfahrt und erlaubte Aloisia, als Landratte am Ufer zu verweilen, sich aber ja hier an der Anlegestelle des Fährbootes aufzuhalten, denn das übrige Treiben sei nichts für ein unbegleitetes Frauenzimmer.

Erleichtert setzte sich Aloisia auf eine Bank. Es war fünf Uhr Nachmittag, es blies ein sanfter nordwestlicher Wind, quer zur Richtung des gemächlich dahinziehenden Stromes. Das Fährschiff hatte ein Großsegel mit einer schrägen Rahe und diagonalem Baum samt einer kleinen Fock, um das Boot besser auf Kurs zu halten. Die beiden Passagiere setzten sich auf die Bänke, August bekam die Anweisung, ja sitzen zu bleiben und sich fest anzuhalten. Toni fragte, ob er behilflich sein könne, aber der Fährmann lehnte ab. Zum Loswerfen hatte er seinen Schiffsjungen, selbst zog er die eingerollten Segel am Mast hoch. Augusts Herz begann zu klopfen. Er sah sich schon im Segelboot auf hoher See, so wie er es auf einem Stich, der im Wohnzimmer hängt, gesehen hatte. Langsam glitten sie hinaus, der Fährmann ließ das Boot im Strom treiben, bis die Segel den Wind voll erfassten und das Boot gegen die Strömung halten konnten. So glitten sie quer stromaufwärts. August fragte den Fährmann, ob das Steuern schwer war, und er durfte es eine Zeitlang unter der Aufsicht des Fährmannes probieren und die Ruderpinne halten. Der Fährmann, der diese Fahrten wohl schon Tausende Male gemacht hat, war darum bemüht, genug Höhe gegen den Strom zu machen, so dass er auf der anderen Stromseite das Boot im langsamen Uferwasser zur Anlegestelle gleiten lassen konnte. Die Aufgabe des Schiffsjungen war normalerweise, auf die Anlegestelle zu springen und das Boot festzumachen. Da es aber keine Passagiere dort gab und die Herrschaft wieder zurück wollte, so ersparte sich der Fährmann dieses Manöver, um durch eine geschickte Wende wieder die Rückfahrt anzutreten. Das wusste jedoch August nicht, und da er dachte, jetzt wird ausgestiegen, machte er sich bereit, um auf den Steg zu hüpfen. Toni schaute gespannt dem Manöver zu, ihn fesselte die Segelfahrt sehr, und er dachte schon darüber nach, noch ein Fünfzigerl zu investieren, da drehte das Boot ab, es gab einen Platsch, gepaart mit einem Schrei, und August zappelte im Wasser. Geistesgegenwärtig streckte der Schiffsjunge ein Ruder, mit welchem er von der Brücke abstoßen und die Drehung des Bootes beschleunigen wollte, zu August hin, der sich instinktiv festhielt. So wurde dieser wieder ins Boot gezogen, patschnass, schreckensbleich, schreiend, aber ansonsten wohlbehalten. Toni hat zunächst von alldem nicht viel mitbekommen, er schaute zurück aufs andere Ufer, von wo sie gekommen waren, und genoss die freie Sicht über den Donaustrom. Er versuchte, den visuellen Eindruck des Stromes und der flatternden Segel mit den Melodien des Donauwalzers in Einklang zu bringen, und dachte darüber nach, wo sich diese Eindrücke am besten im Walzer wiedergeben lassen, als er den Platscher hörte. Er konnte nur noch helfen, August ins Boot zu ziehen um dann zu schimpfen:

„Jetzt bleibst aber sitzen, Bub, bis wir wieder zurück sind und das Boot still liegt.“

August saß und klapperte mit den Zähnen, vor Kälte, Nässe und überstandener Angst. Das Wasser war aber nicht zu kalt, es war noch September. Toni kramte in seiner Börse und holte ein weiteres Fünfzigerl heraus, das nun der Schiffsjunge mit den Worten erhielt: „Bist schon ein tüchtiger Kerl.“ Ansonsten war er eher still, der „Herr General“.

Von der Schiffsfahrt hatte er zunächst genug, und er konnte auch niemandem einen Vorwurf machen, weil er selbst die Aufsichtspflicht hatte. Er konnte innerlich einen Stoßseufzer in den Himmel senden, dass alles so glimpflich ausgegangen war, und hatte jetzt eher Angst vor Aloisia, die schon wusste, warum sie nicht mitfahren wollte. Er hängte August seinen roten Uniformrock um.

Augusts Reaktion war merkwürdig. Abgesehen davon, dass er nass war, kam ihm das Wasser gar nicht so feindlich vor, es trägt und fährt mit einem: „Vater, wohin hätte ich schwimmen können?“

„Ich glaube, du wärest in den Himmel geschwommen, wenn dich der Bub mit dem Ruder nicht erwischt hätte.“

„Dich mag der Herrgott nicht“, sagte der Fährmann, „sonst wärst jetzt schon bei ihm“, fügte er hinzu.

„Aber ich wäre ja gerne mit dem Wasser gegangen. Vielleicht hätte ich dann eine ganz neue Welt gesehen.“

„Ja, aber die Welt schaut man nicht im Wasser an, sondern auf dem Wasser“, ergänzte der Fährmann, „ein echter Seemann scheut das Wasser wie die Pest.“

Dann wurde es still, jeder war während der Rückfahrt mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, über ein Abenteuer, das auch schlecht ausgehen hätte können.

„Mama, Mama, ich bin ins Wasser gefallen“, war das Erste, was Aloisia hören konnte, als das Boot nach diesem Abenteuer am Überfuhrplatz anlegte.

„MairiaundJoseph, Bub was sagst du?“

„Patschnass bin ich, aber es war schön im Wasser, jetzt weiß ich, dass es nicht nur Boote, sondern auch Menschen trägt und dass es mich mag.“

„Jetzt aber nichts wie heim und ins warme Bett mit einer heißen Suppe. Und zur Donau wird nicht mehr gegangen. Euch Männer kann man ja nirgends allein lassen, dann passiert schon ein Unglück. Ich werde morgen früh gleich in die Kirche gehen und zehn Rosenkränze beten, um der Mutter Gottes zu danken, dass sie auf August aufgepasst hat. Und derweil wird August schön still in der Kirchenbank sitzen.“

„Und du, Bub“, sagte sie zum Schiffsjungen, „kriegst von mir auch noch ein Fufzigerl, das hast du dir wirklich verdient. Damit kannst du in den Prater gehen.“

Für den Schiffsjungen war heute ein Glückstag. Einen ganzen Gulden am Tag verdient, nur weil ein dummer Bub ins Wasser gefallen war und er das Ruder rechtzeitig in der Hand gehabt hatte. Von ihm aus könnten jeden Tag solche Kinder mit so splendiden Eltern ins Wasser fallen. Und was er damit machen wollte, wusste er auch schon. Ein Buch über die großen Segelschiffe kaufen, davon hatte er schon lange geträumt. Bald wird das gesparte Trinkgeld dazu reichen.

„Jetzt aber nichts wie heim.“ Aloisia wiederholte diese Worte, Toni wagte nicht zu widersprechen, obwohl er noch etliche Schiffe (und daneben auch die üppigen Hafendirnen) zu bestaunen hätte. August fühlte sich weder mit der Nässe noch mit dem Uniformrock wohl, und so musste Toni schweren Herzens wieder den Geldbeutel zücken, um einen Fiaker zu mieten, der sie auf dem direktesten Wege heim nach Ottakring brachte. Für August wäre dies normalerweise ein weiteres Abenteuer gewesen, aber diesmal wollte er nichts wie heim. Schweigend saßen die drei im Coupé und lauschten dem Hufgeklapper; August, an den Körper von Aloisia gedrückt, um sich warm zu halten, Toni mit schlechtem Gewissen, missgelaunt und die Kosten des Tages überdenkend, Aloisia einen Stoßseufzer nach dem anderen der Heiligen Jungfrau widmend, so fuhren sie durch die Dämmerung dem Abend entgegen.

„Wasser“, dachte Toni, „so anziehend, so trügerisch, so andante.“

-------------

„Wasser, wir brauchen mehr Wasser. Helft Wasser tragen, wo sind die Spritzen? Um Gottes Willen, Wasser, Wasser, es brennt ja schon das ganze Haus.“

Flammen schlugen aus dem Dach und züngelten aus den Fenstern. Rund um das Haus an der Ringstraße scharten sich die Massen, Adabeis und Gaffer. Geschäftige Polizisten versuchten die Leute, auch jene, die helfen wollten, vom Eintritt in das Opernhaus abzuhalten. Die Feuerwehrleute schrien immer wieder: „Wasser, wir brauchen Wasser“, Rettungskutschen mischten sich mit Feuerspritzenwagen, deren kleine Tanks aber schon nach einigen Minuten Löschversuchen leer waren. Toni sah sich gerade mit Mühe den Flammen entronnen, die im Parterre des Opernhauses noch nicht so wüteten, wie in den höheren Rängen und auf der Galerie. Er hatte im Parkett in der fünften Reihe gesessen, dort wo auch die Hellmesberger saßen, deren Familienoberhaupt Joseph an diesem Abend Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ dirigieren sollte. Sie kannten alle den schnellsten Weg über die Bühne ins Freie und gelangten hinaus, bevor die Gasbeleuchtung ausfiel.

Toni sah nun, wie Gruppen von schreienden Menschen aus den Stiegenhäusern kamen und berichteten, dass noch Hunderte drinnen wären in der Finsternis, die nur vom flackernden Feuer erhellt werde, und dass es schaurig zu sehen sei, wie die Leute übereinander kugelten und wie sie eine unüberwindliche Masse bildeten, eine Mauer aus Toten und Lebendigen, die den nachdrängenden, vom Feuer Bedrohten, den weiteren Fluchtweg versperrten. Und Toni sah als einzige Rettung das Donauwasser und träumte sich zu übermenschlicher Größe und fand sich zusammen mit anderen in einer Helferkette, die mit riesigen Eimern Wasser aus einem Fluss schöpften. Er erlebte schweißgebadet, wie es zischte und dampfte, wie die Feuerzungen sich gegen das feindliche Nass wehrten, wie sie flackernd aus Fenstern und Dachgewölben nach Luft schnappten und schließlich in Wasserkaskaden zusammenfielen. Inmitten des Feuertumultes, der sich auf der Ringstraße vor dem Opernhaus abspielte, erwachte er aus seinem Alptraum.

Toni hatte den Ringtheaterbrand im Dezember 1881 selbst miterlebt, bei dem mehr als 500 Menschen ihr Leben einbüßten. Er kannte das Ringtheater von der Bühne her, hat er doch mit seinen 28ern schon zweimal in Matineen konzertieren dürfen. Deswegen hatte er auch die Möglichkeit, für sich günstig gute Karten im Parterre zu erstehen. Auch wenn er sich, wie der Großteil des Parterrepublikums, retten konnte, so war dies natürlich ein Ereignis, das tiefe Spuren im Unterbewusstsein hinterlassen hatte. Vielleicht war das Feuer der Grund, warum er instinktiv das Wasser liebte.

Jetzt lag er wach und schwitzte. In seinem Gehirn lieferten sich Feuer und Wasser noch immer Gefechte, die schaurigen Schreie brennender Körper vermischten sich noch mit dem ängstlichen Schrei Augusts, dessen Ausruf aber allmählich in ein vergnügtes Quietschen überging. Offenbar hat August eher einen positiven Impuls von seinem Wasserplatsch mitbekommen. Er lernte das Wasser als ein freundliches, aufnehmendes Element kennen, dem man sich gerne anvertrauen konnte. Toni beruhigte sich nur langsam, war aber heilfroh, dass das Erlebnis für August eher einen positiven Wert hatte.

Toni versuchte, sich auf Musik zu konzentrieren, der Donauwalzer von gestern war aber weit entfernt. Wo gab es so viel Wasser und Feuer in einem Stück vereint? Naheliegend war ihm die Feuerwerksmusik von Händel eingefallen. Die ist zwar stellenweise schmissig, aber eher pompös als dramatisch. Vor allem aber entbehrt sie der Dramatik, die den geträumten Ereignissen entsprechen würde. Da ist man bei Wagner schon besser dran. Vor einigen Jahren hatte er Teile des „Ringes“ in Prag gesehen. Mit dieser Musik kann man alles beschreiben, dachte er, das Geträumte wie das Erlebte, und in der inneren Wahrnehmung verschmilzt alles zu einer Einheit. Angefangen vom Feuerzauber des Brünnhildefelsens bis zu den Klippen des Rheins mit den im Wasser spielenden Rheintöchtern ergibt sich ein Musikszenario, welches in Brünnhildes Feuertod der „Götterdämmerung“ gipfelt und der gerade geträumten Dramatik nicht nachsteht. So ließ er Musikfetzen des Ringes, so wie sie ihm einfielen, Revue passieren. Langsam beruhigte sich sein Gemüt so sehr, dass der Schlaf ihn überkam. Er schlief fest und gut, wenn auch nicht lange. Um halb sechs Uhr läuteten die Glocken vieler Kirchen zum Morgengebet, und da Aloisia versprochen hatte, schon in der Früh zehn Rosenkränze für die Errettung Augusts aus höchster Gefahr zu beten, so begann der Tag sehr früh, wie es sich für einen Regimentsmusiker schließlich auch gehörte.

„Mama was machst du?“

„Ich geh jetzt in die Kirche und bet‘ für dich.“

„Ich möcht aber noch schlafen, ich hab so schön geträumt, ich bin mit der Donau gefahren und hab gesehen, wo das Wasser aufhört.“

„Und wie sah‘s dort aus?“

„Dort war Feuer.“

„Schlaf weiter, Bub“, meinte Toni, “damit du auf andere Gedanken kommst.“ Toni war verblüfft über die Ähnlichkeiten ihrer Träume. Macht sich der Geist in der Nacht selbständig und trifft sich mit verwandten Seelen, um das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten? Oder sind sie beide, vom selben Erlebnis ausgehend, vom Unterbewusstsein bei der nächtlichen Verarbeitung der Tagesereignisse zu ähnlichen Ergebnissen geleitet worden? August schlief wieder ein, und Toni begann den Tag mit seinen Frühprozeduren, wozu gehörte, das Übungsprogramm des kommenden Tages zusammenzustellen, das vor allem auch das Programm für das Nachmittagskonzert im Ottakringer Brauerei-Biergarten beinhaltete. Dann wurden die Uniform gebügelt und die Stiefel geputzt, und zum Schluss begann die Ankleidungsprozedur. Spätestens danach wird wohl Aloisia aus der Kirche zurückgekommen und ihr Herz erleichtert sein, um ihren hausfraulichen Pflichten nachzukommen, die da sind, das Frühstück vorzubereiten. Spätestens um acht Uhr musste der Herr Kapellmeister aus dem Haus.

2. STOCKHOLM OCH NYTORP (2011)

Fünfzig Jahre sind vergangen, seitdem das große Kriegsschiff Wasa unter dem Jubel des schwedischen Volkes vor dem Königsschloss aus dem Wasser auftauchte, nachdem es über 300 Jahre lang am Meeresboden eine Art Ruhepause verbracht hatte. Das Kronschiff, das aus mehr als 1000 Eichen gezimmert war, war mit seinen zwei Kanonendecks und insgesamt 64 Kanonen dazu ausersehen gewesen, die polnische Flotte in Grund und Meeresboden zu versenken. Aber eine bestürzte Zuschauermasse am Kai vor dem Schloss „Drei Kronen“ und der aufgeregte Hofstaat im Schloss konnten im August 1628 mit eigenen Augen verfolgen, wie das überschwere Schiff während seiner Jungfernfahrt nach der ersten Wende sank, kaum dass es seine Werft verlassen hatte. Der Physiker würde bemerken, dass der Schwerpunkt über dem Meterzentrum lag, aber das konnte den unglücklichen Seeleuten auch nicht das Leben retten. Glück im Unglück war, dass die meisten Kriegsknechte erst weiter draußen an der offenen Küste zusteigen sollten, dafür durften aber die Seeleute ihre Familienmitglieder bis dahin zum Abschied auf dem Schiff mitnehmen. Etwa dreißig Personen kamen dabei ums Leben, die Polen errangen aber einen gewichtigen Vorteil zur See, ohne dass sie einen Finger zu rühren brauchten. Am meisten bestürzt war wohl König Gustav Adolf selbst, der sowohl Prestige und einen Teil seiner Kriegskasse in den Bau investiert hatte, als er einige Wochen nach dem Vorfall an seinem Kriegsschauplatz in Preußen erfahren musste, dass seine Wunderwaffe bei der ersten Brise mit nur vier gesetzten Segeln in der See verschwunden war. Hunderte von vergoldeten Skulpturen an den Bordwänden hätten sowohl den Feind wie auch seine Verbündeten beeindrucken sollen. Und der zum Angriff bereite Löwe als Galionsfigur des Schiffes, so wie das riesige Drei-Kronen-Wappen am Achter hätten die herannahenden feindlichen Schiffe in Angst und Schrecken versetzen sollen. So hatte der schwedische Löwe jedoch gewaltig an Kriegsmacht verloren.

Dank des salzhaltigen Wassers und des konservierenden Schlammes, aber auch dank der Geschicklichkeit von Historikern, Technikern, Konservatoren, Seeleuten und Tauchern steht die Wasa heute in voller Größe und in einem beeindruckendem Zustand im Wasa Museum am Skansen, gerade gegenüber vom Königsschloss. 383 Jahre nach der Jungfernfahrt und 50 Jahre nach der Bergung steht sie als tragikomisches Monument schwedischer Schiffsbaukunst im großen Museumssaal und wird jährlich von Millionen Menschen besucht.

In diesem Jahr, 2011, ging es besonders hoch her. Das ganze Jahr über gab es spezielle Programme zum 50-Jahr Jubiläum der Bergung, und die Museumshalle war gleichzeitig Schauplatz vieler Nebenaktivitäten, wie Musikveranstaltungen, Separatausstellungen oder so wie jetzt: Buchmesse und am späteren Nachmittag ein Konzert. Die Stockholm Sinfonietta spielte Musik mit Meeres- und Schiffsthemen, der Schwedische Autorenverband veranstaltete eine Buchmesse mit dem Thema Schifffahrt, die eine ganze Woche dauerte und verschiedene Autoren samt deren Neuausgaben zusammenbrachte und dem Publikum vorstellte. Es war ein sonniger Augusttag, das Jubiläum auf seinem Höhepunkt, und eine dichte Menschenmenge stand in der Halle und lauschte der Musik, „La Mer“ von Debussy. Da die Sinfonietta ein eher kleineres Orchester ist und auch nicht sehr viel Platz auf dem Balkon, der als Estrade dem Orchester zur Verfügung stand, vorhanden war, lauschten die Zuhörer einem Arrangement, das auf Debussys vierhändiger Version des Orchesterstückes fußte. Dem Publikum war das einerlei, weil auch in dieser Version die Eindrücke von Wind, Wellen und Sturm sich lautmalerisch an dem hochaufragenden Seitenbord des Schiffes brachen und als Schallwellen durch den Saal drangen. Da die Zuhörer gleichzeitig als Museumsbesucher herumspazierten, kam zum Musikgewoge des ersten Satzes auch ein Publikumsgewoge hinzu, mit einem Wort, es herrschte Hochstimmung, wie sie zu einem feierlichen Jubiläum passte.

Auch Hans gehörte zu denjenigen, die, langsam herumgehend, zugleich das Schiff betrachteten und der Musik lauschten. Er wurde von seiner Frau Heidi und einem befreundeten Paar aus Österreich begleitet und hatte schon einen Teil des Standard-Touristprogrammes für Stockholm absolviert. Jetzt waren sie also bei der Wasa angelangt. Da sie alle Musikliebhaber waren, lauschten sie eine Zeitlang unbewegt, drängten sich aber dann doch weiter, um einen neuen Blickwinkel zu bekommen, das Wappen an der Hinterseite und die kleinen Guckläden mit Ausstellungsobjekten zu bewundern. Abweisend und mächtig schienen die Bordwände der Wasa aus der Nähe, die Balken aus mächtigen Eichen waren eine uneinnehmbare Bastei gegen die anlaufenden Wellen und anstürmenden Geschosse. Die Wasa war eine wahre Kriegsmaschine, mehr hoch als lang. Und mit ihren zwei Kanonendecks das Furchterregendste, was Schwedens Kriegsindustrie der Renaissancezeit auf Lager hatte. Ein Sprühregen aus einer Glykolmischung rieselte über alle Holzteile, um das Holz vor Austrocknung und Verfall zu schützen. Jetzt, als die Musik lebhafter wurde und den Tanz der Meereswogen auf eine neue Höhe brachte, könnte man vom bloßen Hinsehen und Hinhören seekrank werden. Jedenfalls konnten viele Besucher eine gewisse Ergriffenheit nicht verleugnen.

Entlang der Wände der Haupthalle waren Tische aufgestellt, an denen verschiedene Autoren ihre Bücher präsentierten. Beim Kauf vor Ort gab es natürlich ein Autogramm des Verfassers. Hans warf kurz einen Blick auf einen der Tische: „Die Kunst des Segelns.“ Naja, was die Wasa betrifft, war sie nicht weit her, und ansonsten genügten die Bücher, die er selber über dieses Thema besitzt. Ein weiteres Buch trug den Titel: „Die Stabilität der Schiffe.“ Dieses Buch passte schon besser zum Thema Wasa, hätte aber viel früher geschrieben werden müssen. Hans konnte damit auch nichts anfangen. „Die Geschichte der Seefahrt auf Åland“, wurde auf einem dritten Tisch präsentiert. Ja, das wäre sicherlich interessant zu lesen, dachte Hans, vor allem über die Zeit der großen Segelschiffe der åländischen Reeder. Aber was wollte man nicht alles gerne lesen, selbst wenn man in Pension ist, reichte die Zeit nicht für all die Bücher, die auf der Lieblingsliste stehen. Immer wieder einmal blieb aber doch ein Besucher stehen, erwarb ein Buch und freute sich über das persönliche Autogramm.

„Hej Hans, willst du nicht mein Buch haben?“ hörte er plötzlich eine Stimme. Hans sah sich erstaunt um. Den Tisch in der Ecke hatte er gar nicht gesehen, oder besser gesagt, er hat sich weiter nicht mehr um die Buchtische gekümmert, ihn interessierte die Wasa viel mehr, und da war noch die phantastische Musik, die gerade einen richtigen Sturm zelebrierte. Die Musik und die aufragende Wasa boten sogar in einem Museumsgebäude und in der Gesellschaft von Hunderten von Menschen eine suggestive Atmosphäre.

„Hallo, Svenn, welche Überraschung! Ja, sag einmal, was machst du denn hier, bist du unter die Schreiberlinge gegangen?“ Hans schüttelte zugleich erstaunt und überrascht den Kopf.

„Das ist eine längere Geschichte“, sagte Svenn, „aber irgendwas muss man ja tun, wenn man in Pension ist. Davon hab ich schon immer geträumt, ein Buch über Seefahrt und Seefahrtsgeschichte zu schreiben, und jetzt ist der Traum endlich wahr geworden. Hier sitze ich und biete mein Buch an. Fünf Stück habe ich schon verkauft. Und du bist sicher der sechste Käufer!“

„Meinetwegen, oder besser gesagt, deinetwegen, gib mir eines, aber mit einer schönen Widmung.“ Und so ward es. Hans erstand das Buch „U-Boote in zwei Weltkriegen“, als gerade Debussy den Sturm am heftigsten wüten ließ. Die Widmung lautet: „Für Hans, meinen Kollegen aus ganz anderen Zeiten.“

„Wohnst du noch in Nytorp?“ fragte Hans.

„Im Winter schon“, lautete die Antwort, „im Sommer wohnen wir aber in unserem Elternhaus auf dem Land, deswegen bin ich in Nytorp nicht so leicht anzutreffen.“

„Dann komm ich dich im Winter besuchen. Da kannst du mir alles erzählen.“

„Ja, gerne. du kennst meine Adresse. Komm vorbei, und wir machen einen gemütlichen Abend. Und dabei können wir La Mer auf richtig hören, mit großem Symphonieorchester. Ich freu mich schon.“

„Lycka till – Viel Glück mit dem weiteren Verkauf!“

Und so zog Hans mit seinem neuerstandenen Buch weiter, und dachte eine kurze Zeit nach, in welchem Regal es zu Hause noch Platz finden könnte. Und unter dem Schlussgewoge von „La Mer“ wühlte er sich vorwärts, um seine Begleitung wieder einzuholen.

„Ein Arbeitskollege von Stormviken“, sagte er halb entschuldigend und deutete auf sein frisch erstandenes Buch. „Schon überraschend, bei welchen Gelegenheiten man Bekannte treffen kann. Er war früher mein Chef, besser gesagt der Direktor unserer Firma. Und ein großer Musikliebhaber. Ich hatte keine Ahnung, dass er sich für Schifffahrt interessiert.“

Die Musik kam zu Ende, ein höflicher, kurzer Applaus klang durch die Hallen, und das Menschengeschiebe wogte weiter. Noch hatten sie lange nicht alles gesehen, aber Hans plante schon den nächsten Schritt.

„Ich weiß ein gutes Restaurant nicht weit von hier am Tiergarten. In einer halben Stunde könnten wir hier wohl fertig sein, und dann nichts wie hin.“ Der Plan fand bei seiner Begleitung, deren müde Beine nach einem Touristik-Tag in der Großstadt auf eine Sitzpause warteten, überaus wohlwollenden Beifall.

-------------

„Nichts als herein“, lautete die sonore Stimme von Svenn am Türtelephon. Hans drückte, bewaffnet mit einer Flasche Blauer Zweigelt aus der Südsteiermark, die schwere eichene Haustüre auf. Naja, früher waren es Schiffe, heutzutage Türen, Fußböden und handgemachte Möbel. Boote werden wohl keine mehr aus Eiche gebaut, eventuell einige Tischplatten im Boot. Früher waren die Eichenwälder unter königlichem Schutz, da sie eigens für die Flotte angelegt worden waren, heute werden sie in Wärmezentralen verheizt. Schnell eilte Hans die zwei Treppenabsätze zu Svenns Wohnung hinauf. Eine gediegene Altbau-Wohnung aus der Gründerzeit, die Raumhöhe sicher dreieinhalb Meter, Parkettböden, fünf Zimmer, Stuck an der Decke, das Wohnzimmer mit einem fünfsitzigen Sofa ausgestattet, ein eichener Esstisch für acht Personen, ein Kaffeetischchen im Erker, die üblichen Ölgemälde an der Wand. Die Wohnung bot der Noblesse eines Industriellen einen stattlichen Rahmen, ließ aber auf keinen Fall die schriftstellerischen Tätigkeiten ihres Bewohners erahnen. Die Abenddämmerung drückte der Einrichtung schon ihren dunklen Stempel auf, den die Frau des Hauses mit gekonnt platzierten Kerzen parierte.

„Nimm doch Platz, einen Schluck Whisky, oder lieber ein Bier?“

„Hier, das kommt von zu Hause, aus der Steiermark“, sagte Hans und überreicht den Zweigelt.

„Ja, bist du dort noch immer zu Hause?“ meinte Svenn. „Wie lange bist du jetzt schon hier in Nytorp?“

Svenn wusste, dass Hans Anfang der 70-Jahre nach Stormviken gekommen war, um dort auf Einladung eines Forschungsleiters seine Karriere als Forscher weiterzuführen. Nach einiger Zeit kam Svenn als Direktor dazu, um den schwierigen Umwandlungsprozess vom staatlich finanzierten Institut zum privatwirtschaftlich geführten Forschungsunternehmen einzuleiten.

„Gerne ein Bier. Heimat ist immer dort, wo man sich unter den Leuten, mit denen man täglich zu tun hat, wohlfühlt“, meinte Hans. „Das gilt für Nytorp genauso wie für die Südsteiermark.“

„Setz dich einmal hin und erzähl, wie es dir geht und was du so machst“, forderte Svenn Hans auf.

Trotz des schwedischen Sprachgebrauchs des Du zwischen zwei Arbeitskollegen, so blieb doch noch ein gewisser Respektabstand zwischen Chef und Angestelltem bestehen, obwohl auch Hans eine Chef-Position innegehabt hatte. Svenn war etwa gut zehn Jahre älter als Hans, was aber im jetzigen Alter keine Rolle mehr spielen sollte. Svenn setzte auf seine Direktorsjovialität, während Hans unbewusst daran denken musste, dass seine Abteilung nicht immer gewinnbringend gewesen war, was natürlich nach all den Jahren keine Rolle mehr spielte, aber doch eine gewisse Art von unreflektierter Unterlegenheit mit sich brachte. Außerdem hatten sich auch andere Dinge in Stormviken abgespielt, die Hans und Svenn auf eine gewisse Distanz brachten. Deswegen ging er auf die Aufforderung schnell ein, und nachdem beide sich ein Bier eingeschenkt hatten, erzählte Hans ausführlich, was er so in den zwanzig Jahren getrieben hatte, die vergangen waren, seit Svenn Stormviken als Pensionist verlassen hatte. Svenn warf manchmal einige Fragen dazwischen, die sich in erster Linie auf Hans‘ Forschung und ihre Resultate bezogen. Er wusste, dass das Spezialgebiet von Hans die Entwicklung von erneuerbaren Energien war, die in Stormviken erfolgreich umgesetzt wurde.

„Es hat sich viel getan“, meinte Hans, „aber die Initiative lag bei den Chinesen; wir haben viel angefangen, aber nichts fertig gebracht. Wir waren immer zu früh dran. Erst als China so weit war, die Produkte weiter zu entwickeln und selbst zu verwenden, hat sich der Markt entwickelt. Das gilt beinahe für alle Gebiete, auf denen wir arbeiteten.“

Nach einiger Zeit, als es draußen schon richtig finster war, kam Svenns Frau Karin mit einigen Brötchen und noch mehr Bier.

„Ich glaube, ihr braucht ein bisschen Stärkung, außerdem hilft das Bier der Erinnerung“, lächelte sie freundlich. Svenn machte sich an den CD-Spieler, um „La Mer“ aufzulegen.

„Ich habe eine Einspielung mit Valery Gergiew“, meinte er schmunzelnd, „der Dirigent, der die Musik mit Händen knetet. Ich habe ihn in St. Petersburg gesehen. Man könnte glauben, er wollte aus jedem einzelnen Orchestermusiker die Töne herauspressen oder diejenigen erwürgen, die sich nicht nach ihm richteten.“

Jetzt war Svenn an der Reihe zu erzählen, und Hans interessierte natürlich, wie es zu dem Buch gekommen war.

„Ja weißt du, das ist eine ganz einfache Geschichte, mein Großvater war Seemann.“

„So wie meiner“, warf Hans dazwischen.

„Na dann haben wir ja schon viel gemeinsam“, lächelte Svenn, „das kann ja noch spannend werden.“

Und so erzählte Svenn von seinem Großvater Leif und dessen langer Karriere als Steuermann und Kapitän auf Segel- und später auf Dampfschiffen. Von dessen ersten Anfängen als Steward auf einer Brigg bis hin zu seinen letzten Fahrten als Kapitän eines Frachters im Kohleimport und Erzexport des Zweiten Weltkrieges.

„Er war selten zu Hause, erst seine letzten fünf Jahre konnte ich mit ihm erleben. Aber ich erinnere mich an viele seiner Garne, die er mir als Bub in der warmen Winterstube vorgesponnen hat.“

„Ja, so ähnlich war es bei uns auch“, warf Hans ein, „nur dass meine Mutter immer warnte, dass das meiste, was mein Großvater erzählte, wohl nicht wahr sei. Aber das ist das Spannende am Seemannsgarn. Die Wahrheit ist ja nicht so wichtig, Hauptsache ist, dass sich die Haare beim Zuhörer aufstellen. Und ist man ein kleiner Junge, so kann das schon schnell passieren.“ Zustimmend nickte Svenn, und unterstreichend malte die Musik Meeresbrandung an die Wohnzimmerwände.

„Und irgendwo und irgendwann, dann, wenn es um‘s Überleben geht, übertrifft die Wirklichkeit die Phantasie. Was sich beim Erzählen so gruselig anhört, konnte für den Betroffen zum Trauma werden. Eigentlich sollten wir jetzt den ‚Fliegenden Holländer‘ auflegen.“ Sie einigten sich jedoch darauf, es bei „La Mer“ zu belassen, damit sie sich besser auf ihre Geschichten konzentrieren konnten. Und danach gab eine Anekdote die andere. Aus der Erinnerung, wie sie zwei älteren Herren gerade einfielen, und nicht unbedingt hochpeinlichst auf ihren Wahrheitsgehalt untersucht.

„Mein Großvater ist beinahe im Mittelmeer versenkt worden, samt dazugehörigem U-Boot.“

„Da schaust her, auf solchen Schiffen ist dein Großvater gefahren, ja das nennt man Seeabenteuer“, lachte Svenn etwas ungläubig. „Mein Großvater überlebte einen Bombenangriff der Alliierten auf sein Kohleboot, auf dem er Kapitän war.“ Mit Selbstbewusstsein kam diese Replik von Svenn.

„Aber mein Großvater fuhr immerhin auch auf den Flying P-Linern der großen Reederei Laeisz, im Salpeterverkehr nach Valparaiso. Du weißt, die Vollschiffe, die damals Kap Horn umsegelten.“

„Schon besser“, antwortete Svenn, „und mein Großvater war Befehlshaber auf der Bark ‚Vanadis‘, als sie im Sturm Leck sprang und die Ladung verloren ging.“ Und so ging es hin und her. Die beiden verstanden sich gut, und nach dem Bier kam der Whisky, und so verging der Abend ohne größere Schwachstellen und mit abenteuerlichen Geschichten aus einer verschwundenen Zeit.

„Du bist Österreicher, hast du auch dort studiert?“ fragte Svenn unvermittelt. Er kannte offenbar den Hintergrund von Hans nicht. Und so erzählte Hans von seiner Kindheit und den schwierigen Nachkriegszeiten und davon, dass seine Eltern ihm und den Geschwistern das Studium ermöglicht hatten, indem sie sich das Geld dazu vom Munde abgespart hatten. Hans promovierte dann als Physiker und arbeitete vor Stormviken in Deutschland.

„In Österreich gab es nicht sehr viele Stellen für Physiker in dieser Zeit.“

„Leben deine Eltern noch?“ wollte Svenn wissen.

„Meine Mutter ist noch am Leben und bezieht eine Pension. Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben. Er war in der Kriegszeit Direktor im Telegraphenamt in meiner Heimatstadt. Es war eigentlich ein guter Posten, aber er wurde 1944 im Krieg verletzt. Nicht an der Front, sondern im Partisanenkrieg. Er hatte Befehl über eine Aufklärungseinheit, sprich Abhorchstation. Danach wurde er pensioniert.“

„Mein Vater war im Krieg als Diplomat in Ungarn. Du wirst sicher schon den Namen Raoul Wallenberg gehört haben. Dieser kam 1944 nach Budapest und half vielen Juden, indem er ihnen schwedische Pässe ausstellte. Insgesamt soll er direkt oder indirekt bis zu 100.000 Juden vor Auschwitz gerettet haben. Mein Vater war Legationsbeamter im Außenministerium und machte unter Wallenberg in Ungarn Dienst, im Prinzip war er es, der zusammen mit einigen anderen Gesandtschaftsangestellten die Pässe ausfertigte.“ Svenn legte eine Denkpause ein und goss noch etwas Whisky nach.

„Es scheint so, dass unsere Väter auf verschiedenen Seiten am Krieg beteiligt waren. Für Wallenberg selbst endete das Ganze im Desaster. Er wurde 1945 nach Russland verschleppt und kam dann dort im Gefängnis um. Mein Vater kam wohlbehalten heim.“

„Ja das Leben ist eine Lotterie, man kann sich die Schicksale nicht aussuchen, aber man müsste sich deswegen nicht bekriegen. Es ist schade, dass wir Menschen glauben, dadurch glücklicher werden zu können, dass wir alle zur Verfügung stehenden Machtmittel einsetzen müssten. Von Auschwitz bis zur Atombombe“, konstatierte Hans.

Svenn nickte und ergänzte lakonisch. „Homo Sapiens.“ Und er berichtete, dass er durch Erzählungen, durch einige hinterlassene Photos, Postkarten und Briefe auf die Idee gekommen war, der Vergangenheit, vor allem seines Großvaters, nachzuspüren und - da dieser eine besondere Erfahrung mit U-Booten des Ersten Weltkrieges hatte -, auch der Geschichte der U-Boote beider Weltkriege nachzugehen. Auf Basis dieser Recherchen schrieb Svenn, der bisher beruflich seine Feder nur zur Abfassung von einigen Rechnungs- und Jahresberichten gebraucht hatte, ein gediegenes Buch über die Entwicklung der U-Boote und ihrer Verwendung in beiden Weltkriegen.

Gegen halb elf Uhr dachte Hans, jetzt sei wohl die Grenze des Anstandes erreicht und verabschiedete sich. Sie bedankten sich gegenseitig für den netten Abend und versprachen einander, sich bald wieder zu treffen.

--------------

Die Gelegenheit dazu ergab sich ein halbes Jahr später bei einem Konzert in Nytorp. Hans spielte im lokalen Amateurorchester Violine. Das Orchester mit seiner mehr als hundertjährigen Geschichte hat sich in letzter Zeit dank eines engagierten Dirigenten zu einer durchaus hörenswerten Mittelklasse emporgeschwungen. Im November hatte das diesjährige Herbstkonzert stattgefunden, eines von vier jährlichen Konzerten, die das begrenzte Budget erlaubten. Am Programm standen Wagners „Siegfried-Idyll“, Mendelssohns Violinkonzert, sowie nach der Pause Schumanns 4. Symphonie. Romantik war also auf dem Programm, als Solist ein schwedischer Spitzengeiger, und entsprechend kostspielig war die Produktion.

In der Pause mischte sich Hans unter das Publikum das im Foyer den üblichen Kaffee trank, um einige Kommentare zu hören. „Das war ganz gut, was ihr hier produziert“, rief eine Stimme aus dem Gedränge in Richtung Hans. Hans drehte sich um und suchte nach dem Besitzer dieser Stimme und erkannte sofort Svenn und Karin im Gedränge. „Alle Achtung“, ging es weiter mit dem Lob, und Hans hatte das Gefühl, dass sie es ernst meinten.

„Dankeschön, wir hatten aber auch einen wunderbaren Geiger“, schwächte Hans ab, „und dass er auf einer Stradivarius spielt, macht ja die Sache nicht schlechter.“

„Nein, definitiv nicht mit Hinsicht auf den Kartenpreis“, relativierte Svenn, der offensichtlich zu viel Lob auch nicht für angemessen hielt. „Aber der Mendelssohn war durchaus gelungen, eine Hymne auf den Frühling und auf die Liebe“, meinte Svenn, das kann man ganz gut brauchen in dieser dunklen Jahreszeit. Der Schumann schlägt ja eigentlich auch diese Richtung ein, etwas Romantik tut der Seele ganz gut, es kommt jetzt schon bald die übliche Weihnachtsdudelei, bei der ihr aber nicht mitmacht?“

„Nein, das ist das letzte Konzert dieses Jahres, und alle unsere Budgetmittel sind ausgeschöpft. Schade, dass du nicht mehr in Stormviken bist, dann könntest du uns ein bisschen sponsern. Oder du spendest uns die Tantiemen deines Buchverkaufs. Wie geht es übrigens mit dem neuen Buch?“ Die Glocke läutete zum ersten Mal und deutete das Ende der Pause an.

„Hast du Zeit, nach dem Konzert zu uns zu kommen auf einen Kaffee, da kann ich mehr erzählen?“

„Heute nicht, wir sind schon eingeladen, aber Montag, würde das passen?“ Nach einem kurzen Blick Svenns auf Karin nickten beide, und Karin sagte: „Nimm Heidi mit, da haben wir Frauen auch was zu quatschen.“

„Wir werden sehen ob es ihr passt, bis Montag also.“

„Toi, toi, toi für Schumann.“

„Dankeschön.“ Hans verabschiedete sich schnell und sah zu, dass er zu seinem Platz im Orchester kam.

---------------

Am Montagabend wurden Heidi und Hans freundlich empfangen, und es dauerte nicht lange, bis eine herzliche Atmosphäre unter den Vieren beim Kaffee entstand. Whisky rundete diesen ab, und für Heidi blieben einige Tropfen Cointreau als Anstandslackerl, da sie sich als Autofahrerin angeboten hatte. Svenn legte als Hintergrund zum Kaffee eine CD mit dem „Siegfried-Idyll“ auf, wahrscheinlich um anzudeuten, dass man es so schön auch spielen könnte. Was ja weiter nicht verwunderlich war, da es eine Einspielung von Karajan mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahr 1988 war. Die Musik ist voll von Zitaten aus dem „Ring“, aber so verinnerlicht, dass man ihr Richards Liebeserklärung an Cosima leicht abnehmen kann. Es gab aber keine weitere Diskussion zum Vergleich der Qualitäten des lokalen Orchesters, das war ganz einfach nicht das Thema des Abends. Stattdessen kam Svenn geradewegs auf das Buch zu sprechen.

„Naja, weißt du, mit solchen Sachbüchern, die nur eine begrenzte Lesergruppe interessieren, kann man keine goldenen Bäume pflanzen, an die 50 hab ich hergeschenkt und circa 150 verkauft, das macht etwa 3000 Kronen an Tantiemen, und insgesamt etwa 30.000 Kronen als Einnahmen beim Verlag. Damit sind die Eigenkosten des Verlages gedeckt und ein Butterbrot dazu verdient. Einige Leute haben damit einen Beitrag zu ihrem Lebensunterhalt bekommen, so läuft eben die Wirtschaft. Wenn es genug solcher Buchautoren gibt, dann kann auch der Verlag davon leben, und alle sind zufrieden. Deswegen hat er auch gegen ein zweites Buch nichts einzuwenden. Außerdem, meine 3000 Kronen können wir durch zwei teilen, und die eine Hälfte möchte ich deinem Orchester spendieren.“

Hans bedankte sich stürmisch. 1500 Kronen als Sponsor Beitrag! Was er vorgestern im Spaß gesagt hatte, war offenbar nicht auf taube Ohren gestoßen. Er musste Svenn doch falsch eingeschätzt haben. „Und wie weit bist du mit diesem zweiten?“

„Eigentlich noch gar nicht angefangen. Sommer über bleibt ja nicht so viel Zeit, Sommerhaus, du weißt, lange Abende, Gras mähen, Häuschen streichen, alles, was halt so zu machen ist. Aber etwas recherchiert habe ich. Mein Großvater war Erster Steuermann auf dem Kohlelaster ‚Vera‘, im Oktober 1916 unterwegs von Newport nach Neapel. Englische Kohle bestimmt für Italien. Im Mittelmeer wurde ‚Vera‘ von einem österreichischen oder deutschen U-Boot aufgebracht, dessen Kapitän die Last als Kriegskonterbande bezeichnete. Nach damaligem Brauch wurde das Schiff versenkt, der Besatzung jedoch erlaubt, vorher in die Boote zu gehen. Die Boote konnten sich nach Sardinien durchschlagen, und die Besatzung kehrte später wohlbehalten heim nach Schweden beziehungsweise in ihre anderen Heimatländer.“

„Aber das Interessante daran“, so setzte er fort, „ist die Frage des feindlichen Gegners. Noch ging es gentlemanmäßig zu zur See, die Besatzung bekam freies Geleit, was sich 1917 änderte. Und mich würde interessieren, wie das zuging, wer der U-Boot Gegner war, und denk, wenn dein Großvater auf dem Boot war? Könnte es sein, dass schon die Wege unserer Vorväter sich einmal gekreuzt haben? Wäre das dann eine Vorbestimmung oder ein Zufall?“

Längeres Schweigen beiderseits. Beide beschäftigten sich mit ihren Gedanken.

„Glaubst du, dass du etwas Licht in diese Ereignisse bringen könntest?“

Hans schwieg eine Zeitlang auf diese Frage. Großvater war wohl um 1900 herum bei der österreichischen Kriegsmarine in Pola stationiert gewesen, aber über die Tätigkeit danach und im Ersten Weltkrieg wusste Hans so gut wie nichts. Gab es einen Grund dazu, gab es ein Geheimnis, das verschwiegen werden sollte? Er wusste es nicht. Und schon war seine Neugierde geweckt.

„Über diese Zeit meines Großvaters weiß ich nichts“, war die einfache Antwort von Hans, „aber ich könnte nachforschen, vielleicht weiß mein älterer Bruder mehr, oder vielleicht andere Verwandte, mit denen ich schon längere Zeit keinen Kontakt mehr hatte.“

„Du könntest damit einen wichtigen Beitrag zu meinem geplanten Buch leisten.“ Svenn versuchte Hans aufzumuntern. Aufmunterung brauchte es gar nicht, Hans war fest entschlossen, nachzuforschen. Es wäre doch an der Zeit, etwas Familienforschung zu betreiben.

Sie unterhielten sich noch eine Weile über den Ersten Weltkrieg, über Deutschland, das Kaiserreich, die Habsburger Monarchie und Schweden, das an jedem Krieg schwer verdient hatte, durch Verkauf von Eisen und Stahl, und zwar an alle kriegsführenden Seiten. Zuvor hatte Schweden nach seiner Großmachtzeit schwer abgewirtschaftet, zweihundert Jahre später traf es Österreich und Deutschland. Der Zweite Weltkrieg war die Folge des Ersten. Und die Wirtschaft beider Länder lag am Boden.

„Das war die indirekte Ursache meiner Emigration“, meinte Hans, „und die mittelbare Ursache, dass ich nach Stormviken kam.“

Das schwedische Atomprogramm war eine Folge des Zweiten Weltkrieges, das kriegsprofitierende Schweden konnte sich ein eigenes Programm leisten. Die Lebensbedingungen und das Land waren ideal für jemanden, der der Not und dem Nachkriegsnazismus entrinnen wollte, und die Arbeitsbedingungen waren generös. Hans dachte an Rolf, der ihn und seine Familie nach Stormviken eingeladen hatte.

Svenn wollte eigentlich nicht an die Anfänge Stormvikens erinnert werden. Nicht, weil sie ihm unangenehm waren, aber vielleicht deswegen, weil er nicht wusste, wieviel er darüber reden durfte, und weil er nicht gerne zugab, dass er jahrzehntelang so tun musste, als hätte es die atomare Vergangenheit von Stormviken nie gegeben. Er fühlte, dass der Abend für heute abzuschließen sei, obwohl die Diskussion über die jüngste Vergangenheit mit einem Vertreter der österreichischen/deutschen Seite noch lange hätte fortgesetzt werden können. Aber auch die Frauen begannen langsam unruhig zu werden.

„Vielen Dank für den schönen Abend!“ Auch Heidi und Karin schlossen sich diesem Fazit an, obwohl sie sich vorher nicht gekannt hatten.

„Wir hören und sehen uns wieder“, versprach Hans.

„Das wäre mir ein Vergnügen“, antwortete Svenn, - „kommt gut heim!“

3. WIEN (1892 – 1896)

Der Lieblingsplatz von August war am Ottakringer Bach. Dort fand er das Wasser, zu dem es ihn immer hinzog, und dort konnte er seinen Phantasien und Sehnsüchten freien Lauf lassen. Ein bisschen außerhalb vom Dorf Ottakring, an den Ausläufern der Wienerwald Hügeln entsprang der Bach und tändelte dem Wiener Graben entgegen, schließlich in die Donau mündend. Nicht weit von zu Hause, und doch außerhalb des verbauten Gebietes, war das Revier des Zehnjährigen, der nur allzu gerne der Wohnung entfloh, in der es jetzt eng wurde, seit noch ein sechsjähriger Bruder und eine dreijährige Schwester Platz finden mussten. Zu dritt in einem Zimmer ist man sich immer im Weg, vor allem, wenn man so viel Bewegung in den Beinen hat, wie sonst nur die Feldhasen und Rehe im Wienerwald.

August wusste schon um die Geheimnisse des Wassers. Toni hat es ihm oft genug erklärt: Der Bach fließt in den Graben, das Wasser des Grabens fließt in die Donau, und die Donau mündet ins Meer. Von den Distanzen, die das Wasser bis zum Meer zurücklegen musste, hatte er zwar keine Ahnung, aber dass es durch viele Länder kam, die dem Kaiser gehörten, davon hatte er schon gehört. Und dass überall in diesen Ländern ähnliche Musik gemacht wird, wie sie sein Vater mit seinen Regimentsmusikern produzierte, wusste er auch. Dorthin schickte August seine Holzschiffchen, die er unermüdlich bastelte. Es waren kleine Flottillen, aus Rinden- oder Holzstücken geschnitzt, und alle bekamen einen Mast mit Segeln aus Zeitungspapier oder aus trockenen Blättern. Meistens hatten die Boote ein oder zwei Masten. August war im Besitz eines zusammenklappbaren Taschenmessers, das ihm Vater Toni zum achten Geburtstag geschenkt hatte, und das er als seinen wertvollsten Schatz hütete. Mit einer dünnen Kette an der Hose befestigt, war es immer griffbereit, und er konnte es nicht verlieren. Viele seiner Mitschüler und Freunde beneideten ihn um dieses Messer, es verlieh August eine Art Sonderstellung unter den Kameraden, denn wer ein solches Messer hat, mit zwei Klingen und einem Griff aus Kuhhorn, der hat Respekt und Einfluss. So vergingen die freien Stunden am Nachmittag - vormittags und mittags war August gewöhnlich in der Schule - mit Herumstreifen am Bach, mit dem Schnitzen von Booten und dem Versenden von Flotten, wobei die Schiffe immer grösser wurden und auch gelegentlich andere Utensilien als Boote benutzt wurden, wie zum Beispiel alte Schuhe, oder manchmal auch nur eine zugestöpselte Flasche, der ein Kiel und ein Mast angebunden wurde. Einmal kam er auf die Idee, einen Frosch als Kapitän mitfahren zu lassen. Er fand einen alten Topf, der im Bach gut schwimmen konnte, fing einen Frosch und steckte ihn hinein. Damit der nicht zu leicht die Flucht ergreifen konnte, klemmte er den Frosch mittels eines Querhölzchens so in den Topf hinein, dass er zwar mit den Beinen strampeln und auch aus vollen Lungen quaken konnte, aber dass es ihm jedenfalls nicht leicht fiel, in das nahe Wasser zu entfliehen. August klatschte in die Hände und rief für sich: „Grüß mir die Donau, grüß mir das Meer, und ich wünsche dir gute Reise!“

Mutter Aloisia wusste wohl Bescheid über Augusts Freizeitaufenthalt, der Bach galt aber als ungefährlich, die Strömung war bei Normalwasser nicht zu stark, und nachdem August schon einmal mit Flusswasser Bekanntschaft gemacht hatte, wurde angenommen, dass er jetzt mit ihm umzugehen wusste, zumal er gezeigt hatte, dass er schon mehrere Meter schwimmen konnte. Und außerdem, wie schon der Fährmann früher gesagt hatte: „Ein Seemann scheut das Wasser wie die Pest.“ Aloisia musste sich um die jüngeren Kinder kümmern, und da konnte man schon erwarten, dass August auf sich selbst aufpasste.