Seewölfe - Piraten der Weltmeere 12 - William Garnett - E-Book

Seewölfe - Piraten der Weltmeere 12 E-Book

William Garnett

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Beschreibung

Philip Hasard Killigrew, der Seewolf, erwacht aus tiefer Bewußlosigkeit. In der wilden irischen See treibt er auf einem Holzschott - schwer angeschlagen, frierend, hungrig, durstig. Sein Feind ist die See und die Küste. Entweder macht die See in fertig, oder die Iren schlagen ihn tot, bevor er festes Land erreicht. Doch dann landet er auf einer Insel, die unbewohnt zu sein sein. Für den Seewolf beginnt eine Robinsonade voller Gefahren.

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Impressum© 1976/2013 Pabel-Moewig Verlag GmbH,Pabel ebook, Rastatt.ISBN: 978-3-95439-150-9Internet: www.vpm.de und E-Mail: [email protected]

1.

„Ben Brighton!“ Philip Hasard Killigrew starrte seinen Bootsmann ungläubig an. „Und ich hatte im stillen bereits eine Totenmesse für dich gelesen!“

„Mir wäre es lieber, wenn du mir endlich die Fesseln abnehmen würdest. Irgendein Idiot hat mich heute nacht zusammengeschlagen.“ Er blickte Hasard mißtrauisch an. „Warst du das etwa?“

Hasard war schon dabei, den Riemen zu lösen, mit dem er Ben Brighton die Hände auf den Rücken gefesselt hatte. Tut mir leid, Ben. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Ich hörte dich schnarchen und ...“

„Ich schnarche nicht, Sir“, sagte Ben Brighton empört.

Hasard schenkte es sich, darüber zu diskutieren. Sie hatten jetzt andere Sorgen.

„Aber man schlägt doch einen Menschen nicht einfach zusammen, nur weil er friedlich in einer Höhle schläft.“

„Ich war überzeugt, daß du ein Ire seist.“

„Sehe ich etwa wie ein Ire aus?“ Ben Brighton fuhr mit der Hand vorsichtig über seinen schmerzenden Schädel. „Eine Beule wie ein Entenei“, murmelte er und blickte seinen Kapitän vorwurfsvoll an. „Zumindest hättest du dich ein bißchen zurückhalten können.“

„Entschuldige, Ben. Aber du wirst nicht daran sterben. Zumindest dein harter Schädel könnte sehr gut irisch sein.“

Ben Brighton murmelte etwas vor sich hin, was Hasard glücklicherweise nicht verstand, und stand stöhnend auf.

Philip Hasard Killigrew trat zum Eingang der Höhle und blickte nach draußen. Der Sturm hatte nicht nachgelassen. Im Gegenteil, es erschien Hasard, als sei er noch stärker geworden. Dicke, dunkelgraue Wolkenfelder wurden von ihm westwärts gepeitscht, und eine wilde Brandung krachte gegen die dunklen Uferklippen. Hasard starrte hinunter in die schäumende und kochende Gischt. Es war unfaßbar, daß er es in der Nacht geschafft hatte, diese mörderische Brandung lebend zu überstehen.

Er ging in die Höhle zurück.

Ben Brighton hatte sich auf einen Steinbrocken gesetzt und versuchte, seine verfilzten Haare mit den Fingern in gleichmäßige Strähnen zu harken.

„Wie bist du eigentlich davongekommen, als die Pulverladung hochging?“ fragte Hasard, als er sich neben ihn hockte.

Ben Brighton zuckte mit den breiten Schultern. „Das war gar nicht so schlimm. Du weißt doch, die Iren hatten das Floß mit den Pulverfässern mit dem Ebbstrom auf unsere Schiffe zutreiben lassen und wollten sie durch Schüsse zünden. Du hast dann selbst vorgeschlagen, das schöne Pulver nicht sinnlos hochzujagen, sondern es für uns zu nutzen.“

„Ich weiß. Das war vielleicht etwas riskant. Und ich habe mir auch stundenlang vorgeworfen, daß du durch meine Schuld gestorben seist.“

„Aber ich bin ja nicht abgekratzt. Und du konntest schließlich nicht voraussehen, daß die Strömung genau zu dem Zeitpunkt kippen würde, als das Floß mit dem Pulver an der Bordwand der ‚Isabella‘ entlangschrammte.“

„Schon gut, das wissen wir ja alles“, sagte Hasard etwas ungeduldig. „Also du bist ins Wasser gesprungen, hast das Floß von unseren Schiffen weg zum linken Flußufer geschoben, und als du unter der überhängenden Klippe warst ...“

„Ja, da wurde es dann etwas haarig“, unterbrach Ben Brighton. „Ich hatte das Floß gerade zwischen zwei Steinen verankert, damit es nicht weggespült wurde. Wäre doch schade gewesen, wenn ich die ganze Arbeit umsonst getan hätte, nicht?“

„Verdammt, kannst du nicht beim Thema bleiben?“ sagte Hasard. „Ich will endlich wissen, was du getan hast. Was du dir dabei gedacht hast, interessiert mich jetzt nicht.“

„Aye, aye, Sir“, brummte Brighton etwas verstimmt. „Wie du willst.“ Er fuhr mit der Hand über sein bärtiges Kinn. „Also, da, wo ich das Floß ans Ufer geschoben hatte, wareine Art Nische. Zwei große, starke Felspfeiler, verstehst du? Ich habe das Floß dazwischengeschoben, weil ich mir dachte ...“ Er unterbrach sich und grinste Hasard an. „Verzeihung, aber ich darf ja nicht denken.“

Hasard ballte seine mächtige Hand. „Wenn du so weiter herumschwafelst, fängst du dir noch eine zweite Beule.“

Ben Brighton grinste noch breiter. „Also, ich schob das Floß mit den Pulverfässern zwischen diese Pfeiler, damit die Explosion schön nach oben losgeht, wo die vielen Iren hockten. Und als ich zur ‚Isabella‘ zurückschwimmen wollte, haben mich wohl ein paar von den Brüdern entdeckt.“

Hasard nickte. Er konnte sich noch sehr genau an die vier oder fünf Musketenschüsse erinnern, die Sekunden vor/der Explosion fielen.

„Ich bin schnell wieder ans Ufer zurück und habe mich in den Klippen versteckt. Ein Stück außerhalb der Nische natürlich.“

„Ich verstehe“, sagte Hasard.

Die Explosion war von den Randfelsen der Nische wie in einem Kamin festgehalten worden, und die ganze Wucht hatte sich nach oben entladen. Ben Brighton hatte, obgleich er nur wenige Yards vom Detonationszentrum entfernt gewesen war, nichts davon abgekriegt.

„Und wie bist du dann auf diese Insel gekommen?“

„Och, das war ganz einfach“, erklärte Ben Brighton in seiner etwas schwerfälligen Art. „Weil nun die Iren ja vom Ufer weg waren, dachte ich mir, wozu soll ich schwimmen? Bestimmt haben sie irgendwo einen Kahn oder so was, und wenn man fahren kann, ist es besser als schwimmen.“

„Und? Hast du einen Kahn gefunden?“

„Ja, schon. Aber erst ein ganzes Stück von der Stelle entfernt. Ein paar Iren waren auch dabei, deshalb dauerte es etwas länger. Ich mußte den Kerlen doch erst mal klarmachen, daß ich den Kahn nötiger hätte als sie. Und als ich endlich das Segel hoch hatte, wart ihr bereits ankerauf gegangen und segeltet durch die Sperre. Ich habe geschrien und gewinkt, daß ihr auf mich warten solltet, aber ihr habt mich wohl nicht gesehen.“

Doch, fiel Hasard ein. Er hatte ihn gesehen. Deutlich erinnerte er sich an das kleine Boot, das vom Ufer auf die „Isabella“ zugehalten hatte, als sie gerade hinter der Sperre war, und an den Mann, der beide Arme wie Windmühlenflügel geschwenkt hatte. Aber er hatte angenommen, daß es ein Ire wäre, der ihnen Verwünschungen nachbrüllte.

„Ja, als die ‚Isabella‘ und die ‚Marygold‘ draußen waren, hatten die Iren Zeit, sich ganz mir zu widmen. Und da dachte ich, es ist vielleicht gesünder, wenn ich möglichst rasch aus der Gegend verschwinde.“

„Und da bist du zu dieser Insel gesegelt?“ fragte Hasard.

„Nicht direkt. Als ich ein Stückchen draußen war, ging doch die Ballerei los. Ich meine, da hattet ihr euch diese drei Spanier vorgenommen.“

„Du meinst, die hatten sich uns vorgenommen“, korrigierte Hasard.

Drake und seine Männer hatten dieses eine Mal kein übertriebenes Bedürfnis verspürt, sich mit den drei spanischen Galeonen anzulegen.

Ben Brighton nickte. „Ist ja auch egal, wer sich wen vorgenommen hat, jedenfalls sah ich wieder eine Chance, an Bord zurückzukehren, als die ‚Isabella‘ angeschossen liegenblieb. Aber dann rückte mir einer von den drei Spaniern unangenehm auf die Pelle, und ich hielt es für besser, abzudrehen und zur Capel-Insel zu laufen. Das war alles.“ Er grinste Hasard an. „Jedenfalls bin ich froh, daß du auch hier gelandet bist. Da hat man doch einen, mit dem man reden kann, und überhaupt ...“

Hasard wußte, daß diese etwas unbeholfene Formulierung für den ver schlossenen Ben Brighton eine maximale Äußerung von Loyalität und Freundschaft war. Aber er hatte jetzt keine Zeit, darüber froh zu sein. Seine Gedanken waren schon weiter geeilt.

„Das Boot“, sagte er und packte Ben Brighton an der Schulter. „Wo ist das Boot, Ben?“

Ben Brighton zuckte mit den Schultern. „Das ist hin. Ich bin zwar von Lee an die Insel herangelaufen, aber die Brandung war da auch ganz schön hoch, und so ...“

Hasard winkte ungeduldig ab. Es interessierte ihn nicht, wie das Boot zum Teufel gegangen war. Er hatte gehofft, sofort nach dem Abflauen des Sturms hier weg zu können, vielleicht schon in der Nacht oder am nächsten Morgen.

„Also gut“, sagte er entschlossen und stand auf. „Dann müssen wir uns für einige Zeit hier einrichten. Über das Wegkommen können wir uns später unterhalten. Vor allem brauchen wir Wasser und etwas zu essen. Und ein Feuer. Noch eine solche Nacht ohne jede Wärme halten wir beide nicht mehr durch.“

„Feuer kann ich hinkriegen“, sagte Ben Brighton.

„Und wie?“

„Wie unsere Altvorderen, durch Reibung.“ Er erhob sich ebenfalls. „Es gibt zwar nicht viel Brennbares auf diesem verdammten Felsen, aber ich habe gestern ein paar Sträucher und Krüppelkiefern gesehen.“

„Das wird fürs erste reichen. Später können wir nachsehen, ob irgendwo Treibholz angeschwemmt worden ist. Du wirst dich um das Feuer kümmern. Ich sehe mich inzwischen um, was uns die Insel sonst noch bietet.“

Es war nicht sehr viel, wie er eine gute Viertelstunde später feststellte. Die Capel-Insel war ein dunkler, kahler Felsen, den eine Laune der Natur etwa eine Meile vor der Küste Irlands geschaffen hatte. Mit ihren hoch aufragenden Türmen an ihren Nord- und Südenden und dem flacheren Mittelteil erinnerte ihre Silhouette an einen spanischen Sattel.

Ein eisiger Sturm peitschte die Wellen gegen die Randfelsen, aber es war nicht mehr ganz so kalt wie in der letzten Nacht. Jedenfalls erschien es Hasard so, als er über Felstrümmer und Erosionsgestein kletterte, um sich ein Bild von ihrer derzeitigen Umgebung zu machen.

Umkommen würden sie jedenfalls nicht, stellte er nach einer Weile fest. In Höhlungen und Felsnischen hatte sich Regenwasserwie in winzigen Zisternen gesammelt. Nahrung würden ihnen die Tausende von Seevögeln liefern, die bei jedem Schritt, den er tat, krächzend aufflogen und lautstark ihren Besitzanspruch auf die Insel und ihre Brutplätze verkündeten.

„Tur mir leid, ihr Schreihälse, aber es wird eben nächstes Jahr ein paar junge Möwen weniger geben“, sagte Hasard, als er von einem Gelege zum anderen stieg und sich die Jackentaschen mit Möweneiern vollstopfte.

Wenn das Wetter sich etwas beruhigt hatte, konnten sie ihre Eiernahrung mit Fischen und Muscheln anreichern, überlegte er. Die Vegetation war mehr als dürftig. Es war überhaupt ein Wunder, daß sich ein paar dürftige Büsche und windzerzauste Krüppelkiefern hierher verirrt und auch gehalten hatten. Für ein paar Tage würde es schon reichen.

Als er in die Höhle zurückkam, war Ben Brighton noch immer dabei, nach der Methode der Altvorderen, wie er es nannte, Feuer zu entfachen.

Er hockte auf dem unebenen Boden, vor sich einen sorgfältig aufgeschichteten Haufen von Reisig und größeren Ästen, davor ein paar Hände voll trokkenem Gras oder Kraut – das war bei dem schwachen Licht nicht genau zu erkennen –, das er zum Entzünden benutzen wollte.

Aber bis jetzt war noch nichts zum Entzünden da. Trotz der Kälte standen Schweißperlen auf Bens Stirn, als er verbissen zwei trockene Hölzer aneinanderrieb.

„Die Altvorderen haben ein Weichholz und einen harten Quirl dazugenommen“, sagte Hasard und hockte sich neben ihn. „Laß mich mal.“

Er preßte eines der Aststücke fest auf einen Stein, um einen größeren Druck ausüben zu können, und begann, das andere. Holz rasch darauf zu reiben. Wenig später brach auch ihm der Schweiß aus, aber die Flächen der beiden Hölzer färbten sich allmählich dunkel, wurden schwarz, und ein dünner Qualmfaden stieg auf.

„Du hast es gleich geschafft!“ schrie Ben begeistert.

Gleich waren mindestens noch fünf Minuten, und Hasard war ziemlich ausgepumpt, als endlich Glut auf dem unteren Holz erschien.

„Hier.“ Aufatmend drückte er das glimmende Holz in Bens Hand. Der schob es unter das trockene Gras und begann vorsichtig zu blasen, bis eine schwache Flamme aufloderte.

„Es brennt!“ rief er und grinste dabei wie ein Kind, das sein erstes Weihnachten erlebt.

„Ja, es brennt“, sagte Hasard, als die Flammen aus dem aufgeschichteten Holz schlugen. „Und du wirst dafür sorgen, daß es nicht ausgeht, verstanden?“

Sie zogen ihre klammen Jacken aus und hielten sie an das Feuer.

„Hier können wir es jetzt eine Weile aushalten, findest du nicht auch?“ sagte Ben Brighton und streckte sich zufrieden aus.

Und das war gut so. Denn es dauerte noch über zwei Tage, bis der Sturm nachließ. Am dritten Tag war die See soweit ruhig, daß Hasard auf der Seeseite der Insel ein paar Fische Speeren konnte. Er hatte das Messer mit starken Halmen an einen dünnen Ast gebunden. Rohe Möweneier hatten sie zwar vordem übelsten Hunger bewahrt, aber sie waren doch eine etwas eintönige Kost, stellten beide Männer einmütig fest.

Ben Brighton trug ebenfalls zur Bereicherung der Speisekarte bei, als er den „Muschelfelsen“ entdeckte. Ein paar Möwen erleichterten sich das Knacken erbeuteter Schalentiere, indem sie die Muscheln aus großer Höhe auf einen runden Felsblock an der Ostseite der Insel fallen ließen. Die harte Schale zersprang, und sie konnten das Weichtier in Ruhe verspeisen. Ben betrog sie darum, indem er gut versteckt wartete, bis eine Möwe ihre Muschel auf den Felsen warf, dann stürzte er hinzu und sammelte sie ein. Es dauerte zwar eine Weile, bis er ein paar Dutzend zusammen hatte, aber sie hatten ja Zeit.

Diese kleinen Tricks sicherten ihnen zwar das Überleben, aber sie halfen ihnen nicht, die Insel zu verlassen. Und Hasard hatte nur ein Ziel: seine Männer aus den Händen der Spanier zu befreien.

„Ich glaube, ich weiß, wie wir hier wegkommen“, sagte er am Abend des vierten Tages. „Die Iren werden so freundlich sein, uns von hier herunterzuholen.“

„Und wie?“ Es lag kein Zweifel in Ben Brightons Stimme. Er hatte sich längst daran gewöhnt, daß sein Kapitän auch scheinbar Unmögliches schaffte.

„Wir müssen ein Boot zur Insel locken“, sagte Hasard.

Ben Brighton nickte. „Und womit?“

„Ein starkes Feuer, das man von Land aus sieht.“

Ben Brighton schüttelte zweifelnd den Kopf. Er begriff, was Hasard vorhatte. Es war sicher nicht das erste Mal, daß sich Menschen im Sturm auf die Insel retteten. Wenn jemand das Feuer bemerkte, würde er zur Insel segeln, um die Schiffbrüchigen zu retten. Aber ob selbst ein stark qualmendes Feuer von Land aus zu sehen war?

„Ich schlage vor, wir warten, bis ein Boot in der Nähe ist“, sagte Ben Brighton. „Außerdem können wir uns dann die Leute aussuchen, die uns besuchen. Sonst segeln sie noch mit einer ganzen Flotte an.“

„Du hast recht“, stimmte ihm Hasard zu, und sie begannen sofort mit den Vorbereitungen ihres Rettungsunternehmens.

Hasard fand eine reichliche Menge Treibholz, darunter auch die Reste des Bootes, mit dem Ben die Insel erreicht hatte, und das nasse Holz würde reichlich Qualm entwikkeln. Sie schichteten es auf einem etwas erhöhten Plateau in der Mitte der Insel auf, damit der Rauch von allen Seiten zu sehen war. Vom nächsten Morgen an stand immer einer der beiden auf Posten und achtete auf Boote, die von Youghal her auf die Insel zuliefen.

Die See war wieder ruhiger geworden. Nach der langen Zwangspause liefen Dutzende von Booten zum Fischen aus. Aber keines von ihnen hielt auf die Insel zu.

Erst gegen Mittag sahen sie ein Schiff, das südwärts steuerte. Aber es war kein Fischerboot.

„Eine Galeone!“ rief Ben Brighton, der gerade Wache hatte. „Einer von den verdammten Spaniern!“

Das Schiff lief vor dem Wind und passierte die Insel an der Südspitze. Hasard starrte mit zusammengekniffenen Augen zu dem Spanier hinüber. Deutlich erkannte er das große Holzkreuz unter dem Bugspriet. Er konnte den Namen der Galeone nicht erkennen, aber er war fast sicher, daß es die „Santa Ana“ war. Sie hatte ein paar Tage in Youghal gelegen, um die während des Gefechts erlittenen Schäden auszubessern und Wasser und Proviant für den langen Törn nach Spanien an Bord zu nehmen.

Hasard stieß einen wütenden Fluch aus. Er war sicher, daß sich seine Männer auf dieser Galeone befanden, in ein dunkles, dreckiges Verlies gesperrt, auf dem Weg nach Spanien. Dort würde man die gefangenen Engländer zunächst im Triumphzug durch die Straßen treiben – als Lateiner hatten die Dons es von den Römern gelernt, wie man Triumphe auskostet und besiegte Feinde quält und demütigt – und sie dann als Sklaven für sich schuften lassen.

„Mach das Feuer an, Ben!“ schrie er ungeduldig, sowie die Galeone eine Meile von der Insel abgelaufen war. „Wir müssen hier weg!“

Ben Brighton nickte. Er wußte, es hatte keinen Sinn, den Kapitän daran zu erinnern, daß sie eigentlich auf ein geeignetes Opfer warten wollten. Er holte einen flammenden Ast aus dem Feuer und steckte damit den Scheiterhaufen in der Mitte der Insel in Brand. Das nasse Holz erzeugte wirklich einen schönen, dunklen Rauchpilz, der bestimmt zwei Meilen weit zu sehen war.

Doch niemand schien ihn zu bemerken. Zwei Stunden später war das Feuer fast heruntergebrannt. Hasard kletterte in den Uferklippen herum, um neues Treibholz zu suchen, als Ben Brighton schrie: „Ein Boot! Es hält auf die Insel zu!“

Hasard raffte das Holz zusammen, das er bis jetzt gefunden hatte, und kletterte zu Ben hoch.

Er warf das Holz zu Boden und hockte sich neben Ben Brighton, der hinter ein paar Felsblöcken in Deckung gegangen war, um nicht von den Iren gesehen zu werden, die aufmerksam zur Insel herüberstarrten.

Es war ein kleines Fischerboot, mit gedecktem Vorschiff und einem vierekkigen Gaffelsegel. Etwas primitiv, aber durchaus seetüchtig.

„Genau das, was wir brauchen“, sagte Hasard befriedigt.

„Aber die vier Männer brauchen wir nicht“, stellte Ben Brighton sachlich fest.

„Die werden wir schon irgendwie loswerden“, sagte Hasard, ohne den Blick von dem Boot zu nehmen, das jetzt die Insel fast erreicht hatte.

„Am besten, wir warten, bis sie alle an Land sind. Dann hauen wir einfach ab“, schlug Ben Brighton vor.

„Die werden nicht so dumm sein, ihr Boot unbewacht am Ufer liegenzulassen“, sagte Hasard und dämpfte Bens Optimismus. „Aber wir werden sehen.“

Sie beobachteten, wie die Männer kurz vor Erreichen des Ufers das Segel herunternahmen und kurz vor den ersten Klippen liegenblieben.

„Die erwarten, daß sich jemand zeigt“, sagte Ben Brighton leise.

„Klar“, sagte Hasard und starrte zu den vier Männern hinunter, die jetzt aufrecht im Boot standen und aufmerksam herüberblickten.

Natürlich erwarteten sie, daß Schiffbrüchige sich meldeten, wenn Hilfe nahte. Sie würden keinen Fuß an Land setzen, wenn sich niemand zeigte.

„He!“ schrie einer der vier Männer. „Ist da jemand? Warum kommt ihr nicht herunter?“

„Die hauen wieder ab, wenn wir uns nicht melden“, sagte jetzt auch Ben.

„Genau. Und darum wirst du dich jetzt sehen lassen.“

„Ich?“ fragte Ben verblüfft. „Aber wenn die Iren ...“

„Du sprichst doch spanisch“, unterbrach Hasard ungeduldig. „Du wirst ihnen sagen, du seist hier gestrandet und brauchst Hilfe.“

„So gut ist mein Spanisch nun auch wieder nicht. Die merken doch sofort, daß hier was faul Ist.“

„Kein irischer Fischer versteht so gut spanisch, als daß du ihn nicht ein paar Minuten hinhalten könntest. Du mußt sie nur an Land locken. Ich werde schon etwas unternehmen.“

„Und was?“

„Das weiß ich noch nicht. Nun mach schon!“ Hasard sah, daß die vier Iren miteinander sprachen. Wahrscheinlich berieten sie, ob sie noch warten oder gleich abdrehen sollten.

„Tu so, als ob du verletzt seist“, sagte Hasard und gab Ben einen Stoß.

Ben Brighton packte eine zerbrochene Bootsplanke, die Hasard mit dem anderen Treibholz heraufgebracht hatte, klemmte sie wie eine Krücke in seine rechte Achselhöhle und humpelte hinter den Steinblöcken hervor, als die Iren gerade den Bug seewärts drehten und das Segel wieder aufziehen wollten.

„Hallo, Amigos!“ schrie er ihnen zu und winkte. Dann hinkte er weiter. Er machte es so überzeugend, daß er wirklich wie ein erschöpfter, invalider Schiffbrüchiger wirkte, der seine letzte Chance zur Rettung schwinden sah. „Fahrt nicht weg, Amigos! Nehmt mich mit!“

„Ein Spanier!“ rief einer der vier Iren erstaunt und fierte das Segel wieder weg.

„Und wie kommt der auf die Insel?“ hörte Hasard einen anderen mißtrauisch fragen.

„Das können wir ihn nachher fragen.“ Der Mann stakte das Boot bereits wieder zum Ufer.