Sehnsucht nach Sansibar - Micaela Jary - E-Book

Sehnsucht nach Sansibar E-Book

Micaela Jary

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Beschreibung

Der Duft exotischer Gewürze, Farben wie aus 1001 Nacht, eine Insel voller Sehnsucht: Sansibar

1888 an Bord eines Dampfers auf dem Weg nach Ostafrika: Die unkonventionelle Reederstochter Viktoria Wesermann, die junge Forschungsreisende Antonia Geisenfelder und die verwöhnte Juliane von Braun schließen Freundschaft. Jede sucht ihr Glück auf der duftenden, exotischen Gewürzinsel Sansibar, doch schon bald geraten die drei in ein Wechselbad aus leidenschaftlichen, verstörenden und berauschenden Gefühlen, in einen schmerzhaften Zwiespalt zwischen orientalischem Traum und den Schatten von Sklavenhandel, blutigen Aufständen und Cholera ...

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Micaela Jary

Sehnsuchtnach Sansibar

Roman

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Was Paris für Frankreich,das ist Sansibar für Ostafrika.

Paul Reichard (1854–1938),Deutsch-Ostafrika. Das Land und seine Bewohner,verfasst 1891 in Berlin

PROLOG

Alle Sünden in eine münden.

Deutsches Sprichwort

1

Hamburg,Mittwoch, 2. Mai 1888

Viktorias Herz raste. Es hämmerte so schnell und heftig gegen die Brust, dass sie fürchtete, keine Luft mehr zu bekommen. Doch wahrscheinlich war es weniger die Aufregung als vielmehr das Korsett, das ihr den Atem raubte. Die Fischbeinverstrebung scheuerte ihren Oberkörper wund, da spielte es keine Rolle, ob der Schnürleib aus zartem Satin oder hartem Leinen gefertigt war.

Wenigstens war sie so schlank, dass sie fast eine Idealtaille besaß und das Einschnüren keine allzu arge Tortur bedeutete. Dennoch wünschte sie verzweifelt, sie müsste das Mieder nicht tragen. Ihre Lungen benötigten dringend ein wenig mehr Sauerstoff, sonst lief sie Gefahr, in Ohnmacht zu fallen. Im Theater oder auf einer Tanzveranstaltung mochte das kein Problem und zuweilen sogar dekorativ für eine junge Frau sein – bei einer Schiffstaufe hingegen brachte ein Zusammenbruch der Patin nichts als Unglück.

Ein Tusch. Der wichtigste Moment dieses Tages war gekommen. Die letzten Töne der Hymne verklangen, die Musiker legten ihre Blechinstrumente zur Seite und sahen erwartungsvoll zu ihr auf. Viele Dutzend Augenpaare waren auf Viktoria gerichtet, die Zuschauer starrten zu ihr hin auf das Podium, sahen eine hochgewachsene Zwanzigjährige mit ausdrucksvollem blassem Gesicht, einem ungewöhnlich großen Mund mit verheißungsvoll geschwungenen Lippen und blendend weißen, geraden Zahnreihen. Viktoria wusste, dass sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprach, aber sie ahnte auch, dass ihre Erscheinung nicht zuletzt wegen ihrer tiefblauen Augen und des vollen braunen Haares in gewisser Weise spektakulär war; jedenfalls, wenn Persönlichkeit bei der unverheirateten Tochter eines Hamburger Reeders als positives Attribut gelten durfte.

Unter all den fremden Blicken spürte Viktoria den ihres Vaters mit durchbohrender Intensität auf sich ruhen. »Ich habe Großes mit dir vor«, hatte er ihr vorhin zugeflüstert, als er ihr die Hand reichte und auf das Podium half.

Was meinte er nur? Die Schiffstaufe? Die Zukunft des Dampfers, den Viktoria auf ihren Namen taufen würde, nicht auf den der neuen Kaiserin, die sich mit c schrieb? Sie stellte sich weder das eine noch das andere als so bedeutsam vor, dass ihr Vater daraus eine Art Kanone machen wollte, die abzufeuern ihm allergrößtes Vergnügen bereitete.

Die der Marschmusik folgende Stille dauerte eine gefühlte Ewigkeit. Viktoria durfte nicht länger grübeln. Wenn sie doch nur ein wenig mehr Luft bekäme. Dabei war das Wetter angenehm frisch: Ein leichter Frühlingswind strich über den Hafen, kräuselte die Wellen der Elbe, ließ die Fahne am Mast flattern, blähte die Segel der wenigen nicht mittels Dampfmaschine betriebenen Schiffe, die an der Werft vorbeifuhren, und zerrte an der kecken Feder von Viktorias Tellerhütchen. Sie sollte zur Tat schreiten, bevor Unruhe die vielen Zuschauer umtrieb – Werftarbeiter, Mitglieder des Kontors, geladene Gäste, Schaulustige.

»Viktoria, bitte!«, zischte ihr Vater prompt neben ihr.

Wenn sie die Flasche Sekt nicht kraftvoll genug gegen den Schiffsrumpf schleuderte, sodass diese zerschlagen würde, galt das ebenso als Zeichen künftigen Pechs wie eine unpässliche Patin. Letztlich war es gleichgültig, wie sie die Taufe anging, die Gefahr, dem Schiff kein Glück zu bringen, blieb so oder so bestehen. Genau genommen war es überhaupt einerlei, was sie tat oder nicht tat – ihre Eltern waren seit geraumer Zeit stets unzufrieden mit ihr. Eine Peinlichkeit mehr würde das Fass schon nicht zum Überlaufen bringen. Andererseits galt es als böses Omen, den Stapellauf nur halbherzig durchzuführen. Und Viktoria wollte gewiss nicht schuld daran sein, wenn dem nach ihr benannten Dampfer der Untergang drohte.

Entschlossen griff sie nach der Flasche Kupferberg Gold mit dem Bindfaden darum, den ein Palstek mit einer Art Galgen über dem Podium verband, auf dem die Ehrengäste saßen.

Und wenn die Seidenbänder in meinem Rücken reißen – auch egal, fuhr es Viktoria durch den Kopf, als sie die Lungen mit Luft füllte und ihre Brust sich weitete, bis ihr die Verstrebungen des Korsetts noch tiefer in die Seite stachen.

»Ich taufe dich auf den Namen Viktoria, wünsche allzeit gute Fahrt und eine Handbreit Wasser unter dem Kiel«, rief sie in einer Lautstärke, die anderen Damen zweifellos die Schamesröte ins Gesicht getrieben hätte.

Sie holte aus und schleuderte die Flasche mit Wucht gegen den Schiffsrumpf. Das Glas zerbrach, und schäumend sprühte der Sekt über die Planken. Applaus brandete auf.

Es hatte geklappt.

Erleichtert stieß Viktoria den Atem aus. Ihr war gar nicht aufgefallen, dass sie die Luft angehalten hatte. Warum war sie eigentlich so aufgeregt? Eine Schiffstaufe war doch nicht annähernd mit dem Verteilen von Flugblättern des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins zu vergleichen.

Als sie gestern am Jungfernstieg einen Stapel mit Nachdrucken der sogenannten Gelben Broschüre unter die Leute gebracht hatte, war sie nicht halb so beunruhigt gewesen. Natürlich wusste sie, dass sie sich damit den Unmut ihrer Eltern zuziehen würde. Doch zufällig einer Freundin ihrer Mutter zu begegnen, die Einkäufe erledigte, beschwor höchstens einen kleinen Skandal herauf; ihren Vater aber bei einem so wichtigen Anlass wie einem Stapellauf zu enttäuschen brächte Schande über sie, daran war nicht zu rütteln.

Sehnsüchtig auf ein Lob hoffend oder zumindest Zustimmung heischend, drehte sie sich nach Albert Wesermann um. Ihr Vater hatte sich zwei Schritte neben ihr in Positur gestellt, auch er klatschte und sah sie wohlwollend an.

Ihr kam es vor, als würden Steine von ihrem Herzen fallen. Selbst das Korsett wirkte plötzlich nicht mehr so beengend. Endlich hatte sie einmal etwas richtig gemacht. Dankbar lächelte sie zu ihm auf.

Eine Gestalt löste sich aus der Gruppe hinter Viktorias Vater. Es waren allesamt Herren in dunklem Gehrock und mit Zylinder, die sie überwiegend zumindest vom Sehen kannte: Mitarbeiter aus dem väterlichen Kontor, wichtige Geschäftsfreunde, weitläufige Bekannte, die in irgendeiner Verbindung zur Schifffahrt standen. Der Mann, der vortrat, war jünger als die meisten anderen und von kleiner Statur, höchstens als mittelgroß zu bezeichnen, blond und farblos. Er trug dieselbe Garderobe wie die Älteren, seine Gestik wirkte jedoch aufgesetzt, weniger selbstverständlich und deshalb unelegant, als müsste er noch ein wenig an seinen Umgangsformen als Gentleman arbeiten. Viktoria vermutete allerdings, dass Hartwig Stahnke seinen Lernprozess auf dem Weg zum vornehmen Herrn für abgeschlossen hielt. Eine selbstbewusste Haltung, sicher gefördert durch das riesige Erbe, das er bei seiner Volljährigkeit kürzlich angetreten hatte.

»Das haben Sie ganz hervorragend gemacht«, lobte er und verbeugte sich vor Viktoria. »Ich bin sehr stolz auf Sie.«

»Ach, wirklich?!«

»Dass eine Frau so viel Kraft aufwenden kann«, fuhr er fort, »ist mehr als beeindruckend. Eine ebenso ungewöhnliche wie enorme Anstrengung für ein so zartes Wesen.«

»Es sind immer Frauen, die Schiffe taufen. Es heißt, ein Mann als Pate bringe Unglück.«

Hartwig Stahnke kicherte albern. »Das haben Sie jetzt erfunden, nicht wahr? Ich hörte schon, dass Sie Interesse an der Frauenbewegung zeigen. Aber diese exquisite Beschäftigung werde ich Ihnen schon austreiben«, in gespielter Manier wedelte er drohend mit dem Zeigefinger vor ihrem Gesicht herum.

Einen Moment lang kapitulierte Viktoria vor so viel Impertinenz. Sie war sprachlos. Was bildete sich dieser kleine Wicht ein? Er benahm sich, als hätte er einen Anspruch auf sie.

Hilfesuchend sah sie sich nach ihrem Vater um, doch der diskutierte gerade mit einigen seiner Mitarbeiter. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, dass der Stapellauf vorbereitet wurde: Kräftige Männer hantierten an den Seilen, die das Schiff auf einer Art Schlitten hielten, über den es zu Wasser gelassen wurde. Die Patin wusste, dass die Viktoria für den Überseeverkehr vorgesehen war. Ein imposanter weißer Dampfer, der in naher Zukunft einen Linienverkehr zwischen der Alten und der Neuen Welt aufnahm und Passagiere in drei Klassen von Hamburg nach New York und zurück beförderte. Es wäre wundervoll, mit auf die Reise zu gehen. Den Zwängen in Hamburg entfliehen, Atem holen. Aber wahrscheinlich dürfte sie an der Jungfernfahrt höchstens bis nach Cuxhaven teilnehmen, Übersee blieb ein unbekanntes, wenn auch extrem verlockendes Ziel.

Ob sie am anderen Ende der Welt wohl den verhassten Schnürleib ablegen könnte? Nie wieder ein Sportkorsett unter Badekleidung zu tragen, das Morgenkorsett und das Sommerkorsett ebenso wie das Mieder für ihre Gesellschaftskleidung im Kamin zu verbrennen – das musste Freiheit sein!

Als habe er einen Teil ihrer Sehnsüchte erkannt, sagte Hartwig Stahnke in ihre Gedanken: »Wir werden auf Reisen gehen, das verspreche ich Ihnen. So bald wie möglich werde ich für uns eine Passage buchen.«

Viktoria starrte ihn an. »Wir werden ganz gewiss nicht auf Reisen gehen«, widersprach sie barsch.

»Aber, Fräulein Viktoria, so zieren Sie sich doch nicht«, säuselte er und griff mit feuchten Fingern nach ihrer Hand.

Er wagte tatsächlich, in aller Öffentlichkeit nach ihrer Hand zu greifen! Eine vertrauliche Geste, die höchstens Verlobten erlaubt war.

Viktoria schnappte nach Luft. Einen Atemzug lang war sie baff, dann wallte in ihrem Innersten der Widerwille gegen diesen Mann auf. Mit einem Rest an Geduld und guter Erziehung meinte sie, die Peinlichkeit überspielen zu können, indem sie ihm die Hand entzog. Doch er hielt ihre Linke eisern umklammert und wie eine Trophäe auf Brusthöhe.

Noch einmal flogen ihre Augen zu ihrem Vater.

Albert Wesermann hatte seine Unterhaltung beendet, stand im Hintergrund und beobachtete sie und den jungen Stahnke. In seinem Blick leuchtete Zustimmung auf, ihr Vater wirkte selbstgefällig und zufrieden, gewiss nicht aufgebracht wie ein Mann, dessen Tochter gerade belästigt wurde.

Er will es so, fuhr es Viktoria jäh durch den Kopf. Er will mich mit diesem Widerling verkuppeln.

Ohne sonderlich über ihr Tun nachzudenken, holte sie mit der freien Hand aus. Es war eine automatische Bewegung, eine Reaktion auf ihren Ärger über Stahnkes Aufdringlichkeit, aber auch die einzige Antwort, die ihr auf das Verhalten ihres Vaters einfiel. Ihre Rechte traf mit ähnlicher Wucht Stahnkes Wange wie die Sektflasche eben den Rumpf des Schiffes.

Doch diesmal folgte kein Applaus.

Stille senkte sich über die Menge. Das Stimmengewirr verwandelte sich in erschrockenes Flüstern, in ein leises, aufgebrachtes Summen. Jedermann konnte die Szene beobachten, es musste kein Hals gereckt werden, denn Hartwig Stahnke hatte für seinen Annäherungsversuch ausgerechnet das hohe Podest gewählt, auf dem Viktoria als Patin fungierte. Öffentlicher hätte er kaum vorgehen können – peinlicher konnte ihre Abfuhr nicht sein.

»Viktoria!« Ihr Vater fand als Erster seine Stimme wieder.

Staunend über ihren Mut zur Selbstverteidigung rieb sie sich die Hände. Vor Schreck hatte Stahnke sie losgelassen. Auf seiner Wange zeichneten sich als rote Striemen ihre Finger ab, die nun höllisch schmerzten.

Albert Wesermann wandte sich mit beeindruckender Grandezza zu dem Publikum, das sensationslüstern auf die nächste Szene in diesem Skandal wartete: »Keine Aufregung, meine Damen und Herren, eine kleine Streitigkeit unter Verlobten. Was sich liebt, das neckt sich eben auch«, er machte dem Kapellmeister ein Zeichen. »Musik, bitte, Musik. So spielen Sie doch endlich etwas.«

Schwankte das Podest, als die Blasinstrumente mit Donnerschall einen Marsch der Kriegsmarine anstimmten? Oder wurde Viktoria tatsächlich in den Sog einer Ohnmacht gezogen? Ihre Knie zitterten, ihre Füße schienen die Bodenhaftung zu verlieren. Nicht umfallen!, warnte eine Stimme in ihrem Innersten. Nur nicht bewusstlos werden und dem Widerling die Gelegenheit geben, sich als Samariter aufzuspielen. Sie versuchte, Luft zu holen, und scheiterte wieder an ihrem Korsett. Ungeachtet der Tatsache, dass sie sich selbst wehtat, schlug sie sich mit der Faust gegen die Brust. Die Benommenheit verflog.

Hartwig Stahnke rieb sich derweil die Wange. Er starrte Viktoria wütend an. »So etwas wird sich hoffentlich nicht wiederholen«, brachte er in eisigem Ton hervor.

»Natürlich nicht«, versprach Wesermann eilfertig. »Meine Tochter ist nur ein wenig echauffiert. Die Schiffstaufe hat sie aufgeregt und …«

»Ich bin nicht aufgeregt!«, protestierte Viktoria.

»Eine Braut, die ihren künftigen Gemahl schlägt, ist meine Sache nicht«, fuhr der junge Mann weinerlich fort, ihren Einwand ignorierend. »Ich bitte Sie, Herr Wesermann, dafür zu sorgen, dass sich Ihre Tochter in Zukunft ein wenig zärtlicher benimmt.«

»Ich denke nicht daran«, fuhr sie auf.

»Wie ich Ihnen bereits sagte, wird sich diese Szene nicht wiederholen«, erklärte ihr Vater freundlich. »Und nun kommen Sie. Wir sollten uns zum Essen setzen und dann die Verlobung offiziell verkünden. Das wird alle Gemüter beruhigen.«

Da sie sich offenbar kein Gehör hatte verschaffen können, hob Viktoria in einer Lautstärke zu sprechen an, die ihren Taufspruch fast noch übertraf: »Ich denke nicht daran, diesen Menschen zu heiraten. Was habe ich dir getan, Papa, dass du mich hier vor vollendete Tatsachen stellst? Ich will mit diesem Mann nichts zu tun haben! Eher gehe ich in die Hölle, als dass ich ein Bett mit Hartwig Stahnke teile.«

Sie redete sich in Rage, sie sagte verletzende Worte, die sie unter anderen Umständen niemals in den Mund genommen hätte. Sie benahm sich nicht minder peinlich als die beiden Männer, denen sie genau das vorwarf. Von Panik und Zorn erfasst, ließ sie die Beleidigungen nur so heraussprudeln.

Wahrscheinlich hätten allein die Umstehenden auf dem Podest erfahren, was ihr auf der Seele brannte, doch just beim Höhepunkt ihres Geschreis war der Marsch verklungen, und die Musiker setzten ihre Instrumente ab. Viktorias energische Stimme wehte durchdringend wie das Nebelhorn eines Lotsenschiffs über den Hafen.

Ihre Weigerung, Hartwig Stahnke zu heiraten, hörte man bis an die Landungsbrücken.

2

»Dein Benehmen ist unentschuldbar«, Albert Wesermanns Stimme klang wie Donnerhall, die Tränen seiner Frau begleiteten das Gewitter wie ein Regenschauer. Er wanderte auf dem Teppich in der Bibliothek seines imposanten Bürgerhauses am Rothenbaum auf und ab, seine Gesichtsfarbe wechselte ständig von einem hellen Rosa zu einem dunklen Blaurot. »Herr Stahnke hat sein Eheversprechen selbstverständlich zurückgenommen.« Nach diesen Worten wurde das Schluchzen im Ledersessel noch ein wenig dramatischer.

Viktoria saß regungslos auf einem Lehnstuhl neben den Erkerfenstern, hinter denen die Dämmerung aufgezogen war. Sie hatte versucht, alles richtig zu machen, doch dann war alles anders gekommen, und sie hatte Schande über ihre Eltern gebracht. Ihr Vater war im Recht, daran gab es keinen Zweifel.

Natürlich hätte sie erwidern können, dass eigentlich Hartwig Stahnke an allem die Schuld trug. Er wäre besser ein wenig zurückhaltender gewesen – gleichgültig, ob Albert Wesermann ihm die Hand seiner Tochter versprochen hatte oder nicht. Auch hätte ihr Vater sie in seine Absicht einweihen können, die Schiffstaufe mit der Bekanntgabe ihrer Verlobung zu verbinden. Das alles wäre ihren Eltern vorzuhalten gewesen, doch sie schwieg. Sie hatte genug gesagt an diesem Tag, und nichts davon hatte die Mühe gelohnt.

Jedenfalls bist du den widerlichen Stahnke los, fuhr es ihr durch den Kopf. Das war zwar ein Glück, doch Freude über das Wie empfand sie nicht.

»Er ist die beste Partie in Hamburg«, schluchzte Viktorias Mutter und tränkte ihr Spitzentaschentuch mit dem Strom aus ihren Augen. »Dass er sich bereiterklärt hatte, dich zu heiraten, war wie ein Wunder, denn als wirklich schön kann man dich leider nicht bezeichnen. Und für deinen Vater wäre die Verbindung geschäftlich von Vorteil gewesen. Aber du hast alle Pläne zunichtegemacht.«

»Um deine Zukunft ist es in der Tat nicht sonderlich gut bestellt, junge Dame«, stimmte Albert Wesermann zu. Seine Stimme klang wie das Knurren eines großen, bösen Hundes.

Was habe ich denn deiner Ansicht nach für eine Zukunft?,hätte Viktoria gerne gefragt, doch wieder schwieg sie, denn sie kannte die Antwort und wusste, dass die Meinung ihrer Eltern keineswegs ihren eigenen Vorstellungen entsprach.

Ihre Rebellion ging trotz ihrer Abneigung gegen das Korsett nicht so weit, dass sie sich für sogenannte Reformkleidung entschied oder sich die Haare abschnitt. Aber sie setzte sich über das Verbot ihrer Mutter hinweg, moderne Literatur zu lesen, die sich mit gesellschaftlicher Moral befasste, und verschlang Romane wie Madame Bovary, Anna Karenina oder Bel Ami. Sie hatte sich heimlich der Frauenbewegung angeschlossen, weil sie beim besten Willen nicht verstand, wieso Mädchen nicht lernen durften wie Jungen.

Genau genommen wollte Viktoria eine Ausbildung zur Lehrerin machen, statt zu heiraten. Sie wollte an einer höheren Bildungseinrichtung Mädchen unterrichten. Deshalb hatte sie neulich auf Hamburgs Prachtstraße die Gelbe Broschüre verteilt, eine Petition, die eine mutige Frau namens Helene Lange gemeinsam mit anderen Frauenrechtlerinnen Anfang des Jahres im Preußischen Abgeordnetenhaus eingereicht hatte. Das Anliegen wurde zwar von den Parlamentariern in Berlin nicht ernst genommen. Aber eine breite Öffentlichkeit begann darüber zu diskutieren, ob mehr Lehrerinnen an staatlichen Schulen notwendig wären und Mädchen eine weiterführende Bildung genießen oder sogar zur Reifeprüfung zugelassen werden sollten. Für Viktoria war die Debatte der Schlüssel zu ihren Zukunftsträumen. Diese schlossen ein Verlöbnis aus, denn das Lehrerinnenseminar durften nur ungebundene Frauen besuchen. Wer unterrichten wollte, unterlag einer Zölibatsregel.

»Über dich wird geredet, Viktoria!«, bellte ihr Vater mit hochrotem Kopf. An seiner Schläfe trat eine Ader blau hervor und pochte wild.

»Amelie von Bols hat dich gesehen«, klagte Gustava Frahnert, verehelichte Wesermann, »als du vor Sillem’s Bazar Flugblätter verteilt hast. Sie erzählte es mir im Vertrauen, aber natürlich wird dein unbotmäßiges Verhalten nun das Thema eines jeden Damenkränzchens sein. Musstest du ausgerechnet auf dem Jungfernstieg mit Pamphleten aufwarten?«

Viktoria schluckte. Vielleicht sollte sie jetzt doch etwas zu ihrer Verteidigung vorbringen.

»Ich habe nichts Schlechtes getan«, sagte sie ruhig. Ihre Stimme klang so rein wie Glas. »Die Gelbe Broschüre ist eine Petition. Sie hat zwar bei den Abgeordneten in Berlin kein Interesse hervorgerufen, wurde aber nicht verboten. Eine höhere Schulbildung für Mädchen zu fordern ist nicht falsch.«

»Irrtum, Viktoria«, behauptete ihr Vater brüsk. »Jeder Pfennig, den es mich gekostet hat, dir Fremdsprachen, Geografie und die Werke Goethes nahezubringen, war eine Fehlinvestition. Du bist das lebende Beispiel dafür, was eine höhere Schulbildung aus einer jungen Frau macht – eine Schande für ihre Eltern. Jawohl!«

»Die Sache muss so schnell wie möglich aus der Welt geschafft werden, bevor wir alle noch unser Gesicht verlieren. Dein Bruder kommt im Sommer von der Kadettenanstalt nach Hause. Was soll er denken, wenn er seine Schwester als gefallenes Mädchen vorfindet?«

»Nun, nun«, machte Albert Wesermann begütigend, trat neben seine Frau und legte ihr die Hand auf die bebende Schulter, »so schlimm ist es mit Viktoria doch noch nicht gekommen. Sie hat sich geweigert, das Bett mit Hartwig Stahnke zu teilen, und nicht vorgeschlagen, sich ihm ohne Trauschein hinzugeben.«

»Albert, bitte sprich nicht so gewöhnlich!«, empörte sich Viktorias Mutter, ergab sich aber rasch der Zärtlichkeit ihres Gemahls. Ein weiterer Tränenstrom ergoss sich aus ihren Augen in das inzwischen komplett durchnässte Spitzentüchlein.

Der Reeder räusperte sich. Sein Tonfall wurde etwas sanfter, als er Viktoria seinen Entschluss mitteilte, den er großzügig auf seine Frau übertrug: »Wir haben entschieden, dass es am besten für uns alle ist, wenn du uns verlässt, bis Gras über die Sache gewachsen ist. In etwa einem Jahr dürfte das der Fall sein, schätze ich.«

In Gedanken ging Viktoria eilig alle Verwandten durch, die für einen längeren Aufenthalt infrage kamen. Die meisten Mitglieder der Familie Wesermann lebten in Hamburg, es gab allerdings einen als verschroben geltenden Onkel, der sein angeblich mittelloses Dasein als Künstler irgendwo auf einem Bauernhof in der Nähe von Bremen fristete. Er würde einen Logiergast aufnehmen und konnte das Geld sicher gut gebrauchen. Wenn Viktoria sich recht erinnerte, wurde die Gegend um den Hof Teufelsmoor genannt. Das schien ein passender Ort für eine missratene Tochter zu sein. Unwillkürlich schmunzelte sie. Gar nicht so schlecht …

»Du wirst nach Sansibar reisen«, unterbrach Albert Wesermann ihre Hoffnungen.

Ihr Lächeln erstarb. »Wohin?«

»Nach Ostafrika«, erwiderte er unwillig, löste sich von seiner Frau und nahm seine Wanderung durch den Raum wieder auf. »Ein mir gut bekannter Kaufmann besitzt auf Sansibar eine Niederlassung. Ich werde ihn bitten, dich als Gast aufzunehmen. Er wird keine Einwände haben. Sansibar ist weit genug entfernt, um die Gemüter hierzulande zu besänftigen.«

»Es gibt dort Hottentotten und Sklavenhändler, und die Männer halten sich Frauen im Harem«, jammerte Viktorias Mutter. Und ihr Vater setzte nach: »Sansibar ist Tausende von Kilometern entfernt, aber wenn du dich ordentlich beträgst, wird dir nichts geschehen, und alles wird vergessen sein, wenn du nächstes Jahr wieder nach Hause kommst.«

»Sansibar«, wiederholte Viktoria nachdenklich und ließ die Silben auf ihren Lippen zerschmelzen wie süßes Eis. Sie hatte neulich von diesem Ort gehört, brachte ihn aber nicht wirklich in einen Zusammenhang. Der Name klang jedoch bezaubernd und geheimnisvoll, wie eine Verheißung.

Afrika also. Immerhin besaß sie so viel aktuelles Wissen, dass sie Kenntnis von den Bemühungen Bismarcks hatte, Kolonien für das Deutsche Reich nach britischem Vorbild einzurichten. Im Salon ihres Vaters drehten sich die Gespräche seiner Geschäftsfreunde seit geraumer Zeit um nichts anderes als um den Aufbau von Handelsstationen außerhalb Europas und Amerikas. Wenn sie den zufällig belauschten Unterhaltungen Glauben schenken durfte, befand sich in Afrika das Paradies. Es musste nur noch entdeckt und erschlossen werden.

Vor ihrem geistigen Auge wurden die Bilder lebendig, die sie sich kurz nach einer dieser Zusammenkünfte angeschaut hatte. Glücklicherweise ließ ihr Vater eine Ausgabe der Deutschen Kolonialzeitung neben seinem Frühstücksgedeck liegen und sie steckte das Blatt rasch ein, um sich später in ihrem Zimmer über die Inhalte zu informieren. Hauptsächlich handelten die Artikel von Forschungsreisenden, die auf Expedition im Landesinneren Ostafrikas unterwegs waren. Aber es gab auch einen mit kolorierten Fotografien bebilderten Bericht über einen schmalen Küstenstreifen, den irgendein einheimischer Herrscher starrsinnig für sich beanspruchte, obwohl es der notwendige Zugang zum Meer für die deutschen Kolonialherren war.

Sie sah türkisblaues Wasser im Sonnenlicht schimmern, bunte Fische, die mit den Wellen spielten, Palmen an einem weißen, feinkörnigen Sandstrand. War dies der Ort der ersehnten Freiheit? Konnte sie dort endlich tun, wonach ihr der Sinn stand? Den verhassten Schnürleib ablegen und an den hohen, leicht gebogenen Stamm einer Palme gelehnt die Bücher lesen, nach denen ihr wacher Geist verlangte? Waren die Tropen das geeignete Klima, um ihr Gemüt abzukühlen? Würde sie auf Sansibar gar die Ruhe finden, sich auf ihre Zukunft und die Lehrerinnenausbildung vorzubereiten? In einem Jahr …

»Sansibar kann man durchaus als Handelsmetropole bezeichnen«, dozierte Albert Wesermann. »Der Sklavenmarkt soll zwar geschlossen sein, aber die Insel ist das Tor nach Afrika und damit für den Handel mit Elfenbein, Edelsteinen und Gewürzen von Bedeutung. Auf Sansibar selbst werden vornehmlich Nelken, Zimt und Vanille angebaut.«

»Es riecht dort immer wie bei uns an Weihnachten, sagt man«, ließ sich Viktorias Mutter vernehmen. »Ist das nicht herrlich, mein Kind?«

»Sicher, Mama, sicher.«

Die Pläne ihrer Eltern klangen verlockend, doch Viktoria konnte noch nicht viel Begeisterung in ihre Zustimmung legen. Natürlich hatte sie sich gewünscht, eine weite Reise antreten zu dürfen, aber allein die Tatsache, dass ihr Vater das Ziel auswählte, ließ sie daran zweifeln, ob es das richtige für sie war. Was nutzten ihr wunderschöne Strände und sternklare Nächte, wenn sie weder das eine noch das andere genießen durfte? Wie viel würde ihr Vater dem ihm bekannten Kaufmann bezahlen, damit er Viktoria für ein Jahr Logis bot? Irgendeine Handelsbeziehung gehörte sicher dazu. Aber legte Albert Wesermann womöglich noch eine Zugabe drauf, um Viktoria wie in einem goldenen Käfig eingesperrt zu wissen?

»Nicht dass es eine Rolle spielen würde, ob du nach Sansibar reisen möchtest oder nicht. Es würde mir aber sehr am Herzen liegen zu wissen, dass du gerne fährst. Nun, Viktoria?«

Ihr Vater hatte sich vor ihrem Sessel aufgebaut. Sie wünschte, in seinen Zügen lesen zu können, doch die Dämmerung war so weit fortgeschritten, dass die Bibliothek fast schon vollständig im Zwielicht lag. Da niemand eine Lampe angeschaltet hatte, konnte Viktoria nur noch die Silhouette ihres Vaters ausmachen. Seine Frage war das höchste Maß an Freundlichkeit, das sie unter den gegebenen Umständen erwarten durfte. Vielleicht schwang sogar väterliche Liebe mit darin – oder Sorge. Sie wusste es nicht genau, aber alles zusammen genommen taten ihr seine Worte wohl.

Flüchtig dachte sie an ihre Freundinnen, die sie verließ, an das gewohnte Leben in ihrem Elternhaus, all die Alltäglichkeiten, auf die sie in den kommenden Monaten verzichten sollte. Das Abenteuer, das die Reise zu werden versprach, überwog jedoch und reduzierte alle Bedenken. Ein Jahr ist zu überstehen, fand sie. Dann nickte sie bedächtig.

ERSTER TEIL

Das Leben besteht aus zwei Teilen:die Vergangenheit – ein Traum;die Zukunft – ein Wunsch.

Arabisches Sprichwort

1

Auf See,Dienstag, 12. Juni

Der Sturm peitschte die Wellen auf und sprühte Viktoria die Gischt ins Gesicht. Wie winzig kleine Nadeln stachen ihr die Wassertropfen in Stirn und Wangen, blieben an ihren Wimpern kleben und benetzten ihre Lippen. Sie fuhr mit der Zunge darüber, um das Salz abzulecken. Doch das Mittelmeer schmeckte nicht so intensiv wie die von zahlreichen Ausflügen vertraute Nordsee, sondern eher fade.

Ein weiterer Mosaikstein im Bild einer insgesamt bisher recht eintönig verlaufenden Reise, stellte sie seufzend fest.

Das Wetter war seit ihrer Einschiffung in Genua regnerisch und windig, und die bunten Träume, die Viktoria von den Küstenlinien und Inseln Italiens hatte, verschmolzen zu tristen Farben: Die tiefhängenden Wolken waren von einem schmutzigen Silber, sprenkelten den Himmel zuweilen in Taubengrau oder flogen wie dunkler Rauch vorbei, der sich am Horizont mit dem Schieferton der unergründlichen Fluten verband, auf denen weiße Schaumkronen tanzten. Bei so viel Ödnis verloren sogar die Urgewalten der Natur an Faszination.

Viktorias Mitreisende litten stärker unter dem schlechten Wetter als die junge Hamburgerin. Das Motordampfschiff Sachsen schlingerte und stampfte durch die grobe See und zwang die meisten Passagiere, in ihrer Kabine auszuharren, gleichgültig, ob diese eine Passage der ersten, zweiten oder dritten Klasse gebucht hatten. Viktoria indes wurde nicht seekrank und verbrachte viel Zeit an Deck. Doch erfreulicher war die Überfahrt deshalb nicht.

Immerhin konnte sie dem Wind von ihren Sehnsüchten erzählen und ihre Wünsche auf diesem Wege nach Sansibar vorausschicken. Obwohl Regen und Sturm kaum dazu angetan waren, ihre Vorfreude zu steigern, bereute sie nicht, sich dem Willen ihrer Eltern gebeugt und Hamburg verlassen zu haben. Irgendwann, dessen war sie ganz sicher, würde sich das Wetter bessern, der Himmel aufreißen und jene türkisblaue Wasseroberfläche im Sonnenlicht schimmern, von der sie träumte, seit ihr Vater seine Entscheidung offenbart hatte.

Wie mochte der Indische Ozean wohl riechen? Dem Geschmack von Regen noch ähnlicher als das Mittelmeer? Lau wie abgestandene Brühe? Oder so frisch wie die Brise, die in den Palmwedeln rauschen würde? Viktoria blähte die Nasenflügel – und nahm nichts anderes wahr als die schwere Feuchtigkeit, die der Sturm über die Inseln Korsika und Sardinien trug.

Ein Geräusch riss sie aus ihren Gedanken. Trotz des tosenden Sturms, der pfeifenden Seile und der ächzenden Holzplanken war das leise Röcheln unüberhörbar, das sich vielleicht zu einem Würgereiz steigerte, jedenfalls aber in einen Hustenanfall mündete.

Während Viktoria noch überlegte, ob es nicht höflicher war, die Person zu ignorieren, statt ihre Hilfe anzubieten, wurde sie zur Seite gestoßen. Eine zierliche Gestalt stürzte herbei, beugte sich über das Geländer der Reling – um sich in die Fluten zu erbrechen oder sich hineinzustürzen.

Beherzt griff Viktoria nach dem Arm der Fremden. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Passagier bei Unwetter über Bord ging, und sie hatte zudem von schauerlichen Geschichten gehört, in denen Seekranke vor lauter Übelkeit und Schwindel an Selbstmord dachten.

»Lassen … lassen Sie mich … los …«

Viktoria packte fester zu und verlagerte ihr Gewicht gleichmäßig auf beide Beine, um den Schiffsbewegungen standzuhalten. »Ruhig atmen!«, befahl sie. »Durch die Nase ein- und durch den Mund wieder ausatmen. Konzentrieren Sie sich dabei auf den Horizont.«

»Nie, nie, nie … hätte ich diese Reise antreten dürfen …«, stammelte die Fremde. »Ich werde schon seekrank, wenn ich nur auf dem Neckar Boot fahre … oh!« Das Sprechen schien ihren rebellierenden Magen angeregt zu haben. Sie beugte sich weit über die Reling …

Erschrocken rief Viktoria: »Halt, halt! Hiergeblieben.«

In diesem Moment hob eine Welle den Bug an, als handelte es sich bei dem nach neuesten nautischen Erkenntnissen gebauten Reichspostdampfer um eine Nussschale. Viktoria strauchelte. Hätte sie nicht auf die verzweifelte Person, sondern auf sich selbst achtgegeben, hätte sie allerdings nicht den Boden unter ihren Füßen verloren und die andere mit sich gerissen.

»O Gott«, jammerte die Fremde und versuchte, sich von Viktoria herunterzuwälzen, auf die sie gefallen war. »O Gott, o Gott … Entschuldigen Sie bitte … wie unangenehm … ich wollte nicht …« Ihre Stimme verlor sich in Atemlosigkeit.

Durch die Fallbewegung war die Kapuze vom Kopf der Ärmsten gerutscht und hatte ein bleiches Gesicht freigegeben, von blonden Locken umrahmt, die feucht an den Schläfen klebten. Die Fremde war etwa in Viktorias Alter und unter anderen Umständen sicher sehr hübsch, ein puppenhaftes Persönchen mit einem Antlitz wie aus Marzipan. Aus Dankbarkeit für eine solche, ganz dem Zeitgeschmack entsprechende Tochter hätte Gustava Wesermann wahrscheinlich ihre Whist-Runde aufgegeben.

»Ich … ich heiße Juliane von Braun«, haspelte die Blonde wohlerzogen, was nicht ganz so glücklich war, denn sie ließ sich für einen Moment ablenken und verlor deshalb beim nächsten Wellengang wieder das Gleichgewicht, worauf sie erneut auf Viktoria fiel, die sich noch nicht aufgerappelt hatte.

Viktoria schob ihre neue Bekanntschaft sanft von sich und richtete sich auf. Sie reichte Juliane von Braun die Hand, um sie auf die Beine zu ziehen. »Besorgen Sie sich eine geschälte Ingwerwurzel«, riet sie. »Das Personal an Bord ist sehr tüchtig, man kann Ihnen gewiss behilflich sein. Der Ingwer wird Ihnen guttun, wenn Sie eine Weile darauf kauen.«

»Haben Sie das probiert? Sind Sie deshalb nicht seekrank?«

»Mein Vater ist Reeder, das härtet vermutlich ab.«

»Meiner ist Winzer und versteht sich auf Araberpferde«, erklärte Juliane. Obwohl sie bereits wieder schwankend auf ihren Füßen stand, klammerte sie sich weiter an Viktorias Hand. »Ich wünschte, ich müsste … Ach, hätte ich doch zu Hause bleiben können! Bis Sansibar überlebe ich die Reise nicht.«

»Oh!«, machte Viktoria überrascht. Die meisten Passagiere der Sachsen befanden sich auf dem Weg nach Ostasien. Wer diesen Liniendienst nicht bis nach Singapur oder Shanghai nutzte und nach Ostafrika wollte, musste in Aden die Beschwerlichkeit des Umsteigens auf ein englisches Schiff in Kauf nehmen. Dieser kleinen Gruppe von Abenteurern hätte Viktoria die zerbrechlich wirkende Juliane von Braun niemals zugeordnet. Unwillkürlich fragte sie sich, ob sich die junge Frau als interessante Gesellschaft entpuppen würde, sobald Sturm und Seekrankheit nachließen. Sie schien auf den ersten Blick jedoch einem Bild zu entsprechen, das so gar nicht zu Viktorias rebellischem Charakter passte. Dennoch wirkte sie nicht unsympathisch in ihrer Verzweiflung und Hilflosigkeit.

Einem Impuls folgend nahm Viktoria die andere in die Arme. »Der Kapitän sagt, es handelt sich um einen für diese Gegend typischen Frühjahrssturm«, tröstete sie. »Er wird nicht ewig anhalten.«

Die farblosen Lippen zusammengepresst blickte Juliane ergeben zu Viktoria auf. Bevor sie jedoch etwas erwidern konnte, schluckte sie heftig, ihre Hand flog zu ihrem Mund.

»Zum Horizont sehen und tief durchatmen«, schrie Viktoria. Ihre Lautstärke war eine Art Reflex, als könnte sie dadurch verhindern, dass sich die andere übergab. Außerdem musste sie sich gegen das Tosen des auffrischenden Windes Gehör verschaffen. »Achten Sie auf die Wellen und wie sie auf den Bug treffen. Wenn Sie sich ein bisschen damit beschäftigen, werden Sie nicht mehr von den Schiffsbewegungen überrascht …«

Viktoria gab in einem schier endlos herausgebrüllten Monolog ihr gesamtes Wissen über Seekrankheit zum Besten. Es waren irgendwo aufgeschnappte Weisheiten, deren Wahrheitsgehalt genauso gut Seemannsgarn hätte sein können. Zu ihrer größten Überraschung entspannte sich die junge Frau in ihren Armen jedoch nach einer Weile, atmete endlich tief durch und schien von der schlimmsten Attacke befreit.

2

Neapel,Mittwoch, 13. Juni

Die ersten schweren Tropfen fielen gegen das Dachfenster, und ihr metallisches Trommeln holte Antonia Geisenfelder aus einem Traum, den sie beim Aufwachen gleich wieder vergaß. Kaum drang die Tatsache in ihr Bewusstsein, dass dem Sturm der vergangenen Tage nun der Regen folgte, war sie auch schon hellwach vor Sorge.

Sie dachte an die feuchten Behausungen in den niedriger gelegenen Wohngegenden der Armen und an eine überlaufende Kanalisation, die sich mit dem Meerwasser mischte, das der Schirokko über die Hafenanlagen gespült hatte. Der Regen würde die feine Sandschicht von den alten Mauern Santa Lucias wischen, aber er würde auch die Pegelstände erhöhen. Es würden sich schmutzige Rinnsale in den mit Abfällen übersäten engen Gassen bilden, die je nach Wetterlage zu reißenden Bächen anschwellen würden. Das Wasser würde zum Waschen dienen und zum Trinken. Niemand machte sich die Mühe, es erst abzukochen, obwohl es entsprechende Warnungen seit Jahren gab. Aber keiner der Anwohner des schäbigen Hafenviertels scherte sich darum, ob sich winzige, kommaförmige Bakterien im Wasser befanden, die fast immer den Tod brachten. Nirgendwo sonst in Europa war die Cholera eine so beständig drohende Gefahr wie hier in Neapel.

Würde ihre letzte Nacht in der Stadt das brutale Gesicht der Krankheit offenbaren, das sie an der Seite von Doktor Max Seiboldt in den vergangenen drei Monaten zu mildern gehofft hatte? Mit der nüchternen Überlegung einer Naturwissenschaftlerin sagte sich Antonia, dass sie an den Lebensbedingungen der Menschen momentan nichts ändern konnte und deswegen auch nicht hier war. Wenigstens hatte die Stadtverwaltung Maßnahmen versprochen und Neubauten nicht nur geplant, vielmehr setzte sie die Vorhaben tatsächlich um. Aber bis die Projekte griffen, würden noch viele Tote zu beklagen sein.

Das Herz der jungen Frau krampfte sich bei dem Gedanken an die zerlumpten Kinder zusammen, die im Dreck lebten und hungerten und ihre Hände im Winter mangels anderer Heizquellen auf dem Pflaster einer sonnigen Piazza wärmten – aber von ihren Eltern vielleicht mehr geliebt wurden als mancher zweitgeborene Sohn eines preußischen Rittergutbesitzers. Kinder mit flehenden, dunklen Augen, die anfällig waren für die Infektion und sich vor Schmerzen wanden, wenn ihre Gedärme befallen waren. Nicht der Gallenbrechdurchfall an sich machte Antonia zu schaffen. Krankheiten waren ihr nicht fremd, denn sie hatte als Krankenschwester gearbeitet, weil ihr das Medizinstudium an der Universität in München verweigert worden war. Es war die bittere Armut, die sie in Neapel erlebte und die ihr eine bisher unvorstellbare Dimension von Leid vor Augen führte. Selbst die gesunden Kinder besaßen hier kaum eine Zukunft, wie sollte es dann möglich sein, die kranken unter ihnen ordentlich aufzupäppeln?

Aber würde sich nicht alles zwangsläufig zum Besseren wenden, wenn Doktor Seiboldt erst seine Forschungsergebnisse in Deutschland veröffentlichte und den schwelenden Professorenstreit zwischen Robert Koch in Berlin und Max Pettenkofer in München um die Übertragungswege der Cholera entschärfte? Könnte die Seuche dann nicht endlich ausgemerzt werden?

Von ihren Fragen getrieben schlug Antonia die Bettdecke zurück. Sie würde nicht mehr schlafen können, das war gewiss. Hatten sie die Vorbereitungen für die Weiterreise nach Afrika lange wach gehalten, so waren es nun der Regen und seine Folgen, die sie jeden Gedanken an Ruhe vergessen ließen.

Seit sie als Sekretärin für Doktor Seiboldt arbeitete, hatte sich ihr Schlafbedürfnis deutlich verringert. Doktor Seiboldt nannte sie deshalb »mondsüchtig«, was er nicht böse meinte, denn er litt ebenso unter Schlaflosigkeit wie sie. Mehr als eine Nacht hatten sie gemeinsam vor dem Mikroskop gesessen und über die Erkenntnisse diskutiert, die der Mediziner dort gewann. Es erfüllte Antonia mit Stolz, dass er sie als Gesprächspartnerin akzeptierte. Dabei hatte sie nur einige Universitätsvorlesungen als Gasthörerin besuchen dürfen und nicht studiert wie sein eigentlicher Assistent Hans Wegener. Den konnte jedoch nichts aus seiner stoischen Ruhe bringen, der fiel jeden Abend unverdrossen ins Bett, und am Morgen kam er kaum aus den Federn.

Antonia fand sich mühelos in der Dunkelheit ihres Zimmers zurecht. Sie ergriff das große wollene Tuch, das sie am Abend über den einzigen Stuhl geworfen hatte, schlüpfte in ihre Pantoffeln und öffnete die Tür. Wie eine unsichtbare Hand strich ihr die Zugluft eine Locke ihres aschblonden Haares in den Nacken. Irgendwo klapperte ein Fensterladen. Dumpf drang das Bellen eines Hundes von draußen herein. Eine Frauenstimme brüllte einen Befehl durch den prasselnden Regen, und der Hund verstummte.

Unwillkürlich huschte ein Lächeln über Antonias müdes Gesicht. In der ersten Zeit in Neapel war sie von der fast Tag und Nacht gleichermaßen herrschenden Geräuschkulisse höchst verwirrt gewesen. Bis in die Nacht hinein lärmten die Menschen in den Gassen, auf Straßen und Plätzen. Wenn Bekannte in freundlichem Umgangston miteinander sprachen, taten sie dies lauter als die Nachbarn von Antonias Eltern in München beim Streiten. Während eines jeden Gesprächs wurde wild gestikuliert, manchmal auch geschrien und getobt. Selbst durch die besten Wohnviertel der Stadt zogen bis spät in den Abend hinein Musikanten, spielten eine Tarantella oder sangen aus vollem Halse ein Volkslied. Fuhrwerke knatterten, und die Kutscher schlossen nicht selten mit dröhnenden Stimmen Wetten auf ihre Fahrkünste und das Wetter oder andere Nebensächlichkeiten ab, meist aber bahnten sie sich mittels eines ohrenbetäubenden Wortschwalls aus italienischen Schimpfworten oder eines sich wiederholenden »Platz da!« den Weg vorbei an Holzträgern und Abortfegern, Lasten schleppenden Menschen und Leiterwagen, Spaziergängern, Muschel- und Schwefelwasserverkäufern, herrenlosen Hunden und Katzen.

Überhaupt schien sich das Leben der meisten Neapolitaner auf der Straße abzuspielen, die Leute saßen stundenlang vor ihren Häusern, was Antonia nicht sonderlich verwunderte, denn in die dunklen Höhlen der Altstadt wollte sie auch nicht ohne Not zurückkehren. Über dieser Kakophonie des Lärms hing trotz der unmittelbaren Nähe zum Meer stets ein leicht ranziger Geruch nach Fischen, die anscheinend an jeder Ecke in Öl gebraten und an hungrige Passanten verkauft wurden, dazu kam der typische Gestank einer Hafenstadt nach Fäulnis, Pech und Algen.

Doch Antonia hatte auch ein anderes Bild von Neapel kennengelernt: breite, mit Felsgestein gepflasterte Straßen, die Adelige an Sonn- und Feiertagen nutzten, um in eleganten Einspännern oder teuren Landauern zu posieren und die rassigen Pferde aus dem eigenen Stall zu präsentieren. Der Reichtum der Stadt verband sich unübersehbar mit den zahllosen Kirchen, die verschwenderisch mit Marmor, Alabaster und bedeutenden Kunstwerken ausgestattet waren, aber auch mit Palästen, einem beeindruckenden Opernhaus als Anbau des mächtigen ehemaligen Königsschlosses und dem gegenüberliegenden vornehmen Caffè Gambrinus. Hier wurden köstliche kleine Kuchen angeboten, deren häufiger Genuss Antonias schmale Figur inzwischen ein wenig runder hatte werden lassen. Am liebsten war Antonia in ihrer Freizeit jedoch mit der Standseilbahn gefahren, die einen der vielen Hügel um das Hafenbecken erklomm.

Im Licht einer noch blassen Frühjahrssonne hatte sie dann von einem höheren Punkt der Stadt aus auf das Häusermeer mit den ungewöhnlich vielen flachen grauen Dächern geschaut. Selbst die Altstadt wirkte von hier oben nicht so eng und dunkel und beklemmend. Der Vesuv entzog sich häufig durch einen Dunstschleier ihren Blicken, aber ihre Augen blieben ohnehin meistens an der Mole hängen, die wie ein langer, schmaler Finger in das tiefblaue, wie ein riesiges Seidentuch schimmernde Meer ragte. Hier hatten Seite an Seite Segler, Dampfschiffe und kleine Fischerboote festgemacht und wogten im sanften Rhythmus der Wellen.

In den gepflegten Gärten um sie her schien auf der fruchtbaren Vulkanerde alles zu gedeihen und in üppiger Pracht zu blühen, um diese Jahreszeit reiften Pfirsiche und Aprikosen unter dem glitzernden Blätterdach ihrer Bäume und verströmten ihr süßes Aroma. Das war das Antlitz Neapels, das vielleicht nicht so sehr Antonias Herz berührte wie die kranken Kinder, jedoch ihren Schönheitssinn ergriff. Oben in Vomero verstand sie, warum Goethe bezaubert gewesen war von dieser Stadt.

Sie lobte insgeheim Doktor Seiboldts Umsicht, für den Zeitraum ihres Aufenthalts eine kleine Villa in einem der besseren Viertel auf halber Anhöhe gemietet zu haben. Hier ging es zwar nicht so vornehm zu wie in den von prächtigen Wohnhäusern, eleganten Hotelneubauten und Parks bestimmten Stadtteilen, aber der kleine Garten wurde von Pinien, Zypressen und Platanen beschattet und vermittelte zumindest die Illusion von Ruhe. Leider waren die Fenster in dem etwas baufälligen Haus nicht mit Sorgfalt repariert worden, denn es zog immer und überall, sodass es vor allem in den vergangenen Tagen ziemlich kalt gewesen war, als der Sturm auf die Mauern gedrückt und an den Läden gerüttelt hatte. Der Kamin im Arbeitszimmer reichte kaum aus, um wenigstens diesen Raum zu beheizen; in den anderen Bereichen gab es gar keine Wärmequelle, deshalb sorgten Zugluft und Unwetter zusätzlich für Feuchtigkeit. Allein die Küche hätte eine heimelige Atmosphäre geboten, wenn die Köchin nicht so laut mit Töpfen und Pfannen geklappert und dabei aus vollem Halse eine Arie nach der anderen geschmettert hätte.

Antonia zog das Wolltuch fester um die Schultern, als sie die schön geschwungene Treppe aus grauem Marmor hinunterschlich. In der Eingangshalle brannte eine Öllampe, die ihr den Weg wies. Das Licht ließ die Wandvertäfelung wie rosa Turmalin schimmern, der an manchen Stellen kleine dunkle Stellen wie ein Bernstein aufwies. Schimmelflecken, die irgendwann auch die Leinwand der kleinformatigen, nachgedunkelten Bilder befallen würden, die unzählige Vorfahren des Hausbesitzers darstellten und den großen, hohen Raum bevölkerten wie alle Anverwandten ein neapolitanisches Familienfest.

Der Mann in dem goldenen Rahmen neben der Flügeltür, die zum Arbeitszimmer führte, sah exakt so aus, wie Antonia sich einen Piraten vorstellte: schwarze Augen unter dichten Brauen, olivbraune fremdartige Züge, ein leuchtend roter Fez auf dem dunklen Haar. Der verwegene Sohn eines Orientalen, der eine neapolitanische Patrizierin in seinen Harem entführt und womöglich geheiratet hatte?

Antonia hatte in den vergangenen Tagen oft vor diesem Porträt gestanden und sich gefragt, ob das der Typus der Herrscher von Sansibar war. Schließlich wusste sie, dass die Insel von Arabern regiert wurde; die einheimische Bevölkerung war so schwarz wie Ebenholz und ihr Schicksal nicht heller – es hieß, dass auf Sansibar noch immer der Sklavenhandel blühte, obwohl er eigentlich verboten war. Wie auch immer: Unter diesen armen Menschen grassierten Infektionskrankheiten – darunter auch die Cholera – in einem Maße, das Antonia trotz ihres wissenschaftlichen Interesses erschauern ließ.

Sie nickte dem schnauzbärtigen Gesicht unter dem tief in die Stirn gezogenen Tarbusch zu, als handelte es sich um einen alten Freund, der ihren Gruß erwidern würde. Dann beugte sie sich vor, hob die Hand, um anzuklopfen.

In diesem Moment wurde die Tür von innen aufgezogen. Antonia verlor das Gleichgewicht, stolperte – und prallte mit dem Mann zusammen, der gerade im Begriff stand, das Arbeitszimmer zu verlassen.

Seine Hände umfassten ihre Oberarme so fest, dass es fast schmerzte. Dennoch hielt er sie nicht auf Abstand, sondern schien sie zu umarmen, als sie gegen ihn stieß. Durch den Baumwollstoff seines Hemdes fühlte sie die Wärme seines Körpers, den Kragen hatte er abgenommen, die Knöpfe geöffnet. Ihre Brüste drückten durch die Leinenwäsche und pressten sich gegen seine Brust. Der Duft von Tabak stieg ihr in die Nase und ein kaum wahrnehmbares Aroma von Zitronen. Noch nie war sie Max Seiboldt körperlich so nah gewesen.

»Geht es Ihnen gut?«, fragte er.

Antonia war auf unendlich aufregende, angenehme Weise schwindelig. Sie fühlte sich wie auf einem Karussell auf dem Münchner Oktoberfest. Gleichzeitig schien Eiswasser durch ihre Adern zu strömen, das sich in heiße Quellen verwandelte. Ihr Herz schlug bis zu ihrem Hals.

»Ihnen geht es nicht gut«, konstatierte Doktor Max Seiboldt.

Noch immer sprachlos vor Staunen über die Intensität ihrer verwirrenden Gefühle, legte Antonia den Kopf in den Nacken und sah zu ihm auf.

Verwirrt stellte sie fest, wie anziehend dieser große, kräftige Mann mit dem kantigen Gesicht war, dessen Oberlippe, Kinn und Wangen ein gepflegter, bereits leicht ergrauender Bart bedeckte. Wie grün seine Augen waren und wie dicht seine Wimpern. Durch das rotbraune Haar an den Schläfen zogen sich silberne Fäden. Rotbraune Härchen kräuselten sich auch auf seiner Brust. Auf eine herbe, männliche Art sah er ausgesprochen gut aus.

Als ihr einfiel, dass sie nur ein Nachthemd und einen Wollschal trug, errötete sie und wich erschrocken zurück, als würden seine Hände sie verbrennen. Sie verschränkte die Arme vor ihrem bebenden Körper.

»Doch, doch«, beeilte sie sich zu sagen, »mir geht es gut. Ich bin aufgewacht, und da dachte ich … ich sollte … vielleicht sind Sie noch wach … ach, ich …«, verstört brach sie ab.

»Mein tüchtiges, vernünftiges Fräulein Geisenfelder scheint nicht nur mondsüchtig zu sein, sondern auch von einem Albdruck geplagt«, diagnostizierte der Mediziner. »Sie zittern wie Espenlaub. Ich werde Ihnen ein Glas Branntwein verordnen.«

Ungeachtet ihrer plötzlichen Scheu nahm er ihre Hand und zog sie energisch mit sich zurück ins Arbeitszimmer. Taumelnd folgte sie ihm.

Im Kamin erlosch gerade das Feuer, die Glut sprenkelte glühende Punkte über die Asche und verbreitete noch ein wenig Wärme. Auf Antonias Stirn bildeten sich Schweißperlen, und ihre Wangen glühten, doch lag das tatsächlich nur am Ofen? Obwohl sie ahnte, dass sie besser unverzüglich in ihr Zimmer zurücklaufen sollte, blieb sie wie angewurzelt stehen, als er sie verließ, um das elektrische Licht anzuschalten.

Ein Blick auf den Schreibtisch sagte ihr, dass er bis eben gearbeitet hatte: Dort stapelten sich fein säuberlich geordnet seine Briefe, daneben lagen Umschläge, die sicher noch vor seiner Weiterreise abgeschickt werden sollten. Offensichtlich war er noch einmal seine Korrespondenz durchgegangen und hatte letzte Schriftstücke verfasst, die seine Forschungsergebnisse in Neapel dokumentierten. Üblicherweise war dies Antonias Aufgabe, aber da sie bereits geschlafen hatte und Mikroskop, Reagenzgläser und andere Gerätschaften wie die teure amerikanische Schreibmaschine reisefertig verpackt waren, hatte er sich wohl auf sich selbst, Feder und Tintenfass verlassen.

Neben der Lampe stand eine Kristallkaraffe, in der ein fingerbreiter Rest einer goldbraunen Flüssigkeit schimmerte. Seiboldt goss eines der kleinen Gläser auf dem hübsch bemalten und vergoldeten Holztablett neben der Karaffe randvoll. Dann reichte er Antonia das Getränk. Als sich dabei ihre Hände wieder zufällig berührten, zuckte sie zurück und spürte kaum, wie sie etwas Flüssigkeit verschüttete.

»Hoffentlich leiden Sie nicht unter Psychopathie«, meinte er prompt. »Wozu Schlafwandeln führen kann, wird in der Geschichte von Dr. Jekyll und Mr. Hyde für das breite Publikum eindrucksvoll beschrieben. Kennen Sie die Novelle?«

Sie schüttelte den Kopf und senkte ihren Blick auf das Glas, das sie glücklicherweise nicht hatte fallen lassen, sondern mit eiskalten Fingern fest umschloss.

»Ich würde Ihre Schlaflosigkeit ja verstehen, wenn Sie die Geschichte gelesen hätten, es ist der reinste Horror«, fuhr er leutselig fort, um dann ernster hinzuzusetzen: »Unter den gegebenen Umständen halte ich Ihr Leiden allerdings für etwas übertrieben. Es herrscht nicht einmal Vollmond. Ist es womöglich ein Reisefieber, das Sie packt?«

»Der Regen weckte mich auf.«

»Der Regen?«, wiederholte er, als sei dies ein völlig abwegiges Vorkommnis. Dann fuhr er sich plötzlich mit der Hand durch das Haar und lauschte dem Plätschern. Das Wasser strömte inzwischen in Sturzbächen vom Himmel und prasselte mit ziemlicher Wucht gegen die Fenster. »Das Wetter hat ja fast die Intensität eines Tropenschauers«, stellte er nach einer Weile mit der Verwunderung eines Mannes fest, der sich über derartige Nebensächlichkeiten üblicherweise keine Gedanken machte.

»Meinen Sie, dass es auf Sansibar genauso sein wird?«, erkundigte sie sich, nachdem sie an dem vollmundigen, ihren Gaumen leicht reizenden Weinbrand genippt hatte. Sie war dankbar, dass ihr diese halbwegs vernünftige Frage eingefallen war. In ihrem Körper mischten sich noch immer die ungewöhnlichsten Empfindungen. Der Alkohol, der ihre Kehle hinabrann, trug nicht dazu bei, ihren Geist zu klären.

»Ich habe an einer Expedition nach Indien teilgenommen, aber Afrika ist mir ebenso fremd wie Ihnen. Woher soll ich wissen, wie der Regen auf Sansibar fällt?«

Sie hob das Stamperl noch einmal an ihre Lippen und trank diesmal einen kräftigeren Schluck. Worüber sollte sie sich nur mit Seiboldt unterhalten, der mit aufmerksamem Gesichtsausdruck vor ihr stand. Was erwartete er? Wenn schon keine Unterhaltung über das Wetter, etwa eine Diskussion über die letzten Untersuchungsergebnisse? Sollte sie, eine Frau von vierundzwanzig Jahren, tatsächlich wie bei einem Empfang mit einem Glas in der Hand, gewandet in ein Nachthemd statt in ein Abendkleid, mit diesem überaus attraktiven Mann Konversation über den Darminhalt eines verstorbenen, sezierten Cholerapatienten führen? Es ist verrückt, dachte Antonia grimmig, eine völlig verrückte und unangemessene Situation.

Fragend blickte sie zu ihm auf, doch seine leuchtenden Augen gaben ihr keine Antwort, sondern stürzten sie in noch tiefere Verwirrung. Nach einer weiteren herzhaften Kostprobe hatte sie dem Weinbrand schon ganz erheblich zugesprochen.

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, dass Sie Ihren Cognac mit mir teilen«, verkündete sie und wunderte sich, warum ihre Zunge beim Sprechen so pelzig war.

»Von Teilen kann keine Rede sein«, widersprach er schmunzelnd. »Und es ist kein französischer Cognac, sondern ein italienisches Destillat. Man nennt es hierzulande aqua vitae, was ich sehr passend finde, denn dieses alkoholische Wasser erhält tatsächlich die Lebensgeister.«

»Hm«, machte sie und leerte den Inhalt ihres Glases.

»Ich dachte bereits daran, eine Flasche Vecchia Romagna in mein Gepäck zu tun, aber wie ich hörte, rät der erfahrene Afrikareisende von Weinbrand ab. Unsere Freunde aus England, die bekanntlich viel Erfahrung in den Tropen gesammelt haben, behaupten, man überstehe das Klima nur mit Gin. Das ist ein Wacholderschnaps.«

»Haben Sie vorsorglich eine Flasche dieses Gins gekauft? Dann würde ich gerne ein Gläschen probieren. Wissen Sie, ich trinke normalerweise niemals Alkohol, aber er schmeckt mir gerade ausgesprochen gut.« Wie zur Untermauerung ihrer Worte spielte sie mit dem kleinen Kristallbecher in ihrer Hand. Tatsächlich fühlte sie sich mit einem Mal deutlich unbefangener in Max Seiboldts Gegenwart als noch wenige Minuten zuvor.

»Das erscheint mir keine gute Idee«, widersprach er. »Ich glaube, Sie haben genug getrunken, um noch ein wenig Schlaf zu finden. Der medizinische Nutzen verringert sich, je mehr Sie konsumieren. Nach einem Rausch werden Sie kaum zur Ruhe kommen.«

Antonia war nicht ganz klar, was er meinte, denn sie fühlte sich bereits ziemlich berauscht. Sie blinzelte, weil vor ihrem etwas benebelten Geist Bilder auftauchten, die sich auf merkwürdige Weise mit der Realität mischten. Seine offene Hemdbrust verwandelte sich in ihrer Fantasie in den gänzlich unbekleideten Oberkörper eines feurigen Liebhabers, der sich auf sie warf, sie in atemloser Leidenschaft niederstreckte und ihre Brüste aus der Enge des Leinenhemdes befreite. Was tat eine Frau, die mit plötzlicher, fast unmenschlicher Intensität einen Mann begehrte? Riss sie ihm die Kleider vom Leib? Das Glas fiel ihr aus der Hand.

»Großer Gott!«, entfuhr es Seiboldt. »Fräulein Geisenfelder, was ist mit Ihnen?«

Ich bin betrunken, dachte Antonia. Ich muss betrunken sein. Anders sind meine Gefühle nicht zu erklären. Du hast mich betrunken gemacht, damit ich dir zu Willen bin, Max Seiboldt.

Nach dieser Erkenntnis, die allerdings durchaus nicht so unangenehm war, wie sie hätte sein sollen, durchströmte Wärme ihre Sinne. Sie beobachtete, wie er sich nach dem Glas bückte, das dank des dicken Teppichs nicht zerbrochen war. Sollte sie sich vielleicht auf den Boden sinken lassen? Würde er sich dann zu ihr beugen?

Als er sich aufrichtete, begegnete sie seinem Blick. Er wirkte besorgt, väterlich besorgt, aber spiegelte sich nicht auch Abscheu in seinen Zügen? Die Sehnsucht verflüchtigte sich und wich einem unangenehmen Schwindel. Ich bin betrunken, fuhr es Antonia noch einmal und mit deutlichem Entsetzen durch den Kopf.

»Sie sind weiß wie die Wand«, bemerkte er. »Ich hatte ja keine Ahnung, dass ein einziges Glas diese Wirkung auf Sie ausübt. Kommen Sie«, er wollte sie am Arm fassen, doch sie schüttelte ihn ab.

»Nicht anfassen. Bitte, nicht anfassen.«

Er stieß einen tiefen Seufzer aus. »Kommen Sie«, wiederholte er und unterließ es, sie noch einmal zu berühren, »ich bringe Sie zu Ihrem Zimmer. Sie wirken auf mich, als hätten Sie gerade all Ihre Sinne verloren.«

»Wer weiß das schon.«

»Fräulein Geisenfelder, ich bin Arzt, ich kann Ihnen helfen. Niemand verliert den Verstand nach einem Glas Weinbrand. Es liegt an Ihrer Schlaflosigkeit. Hoffentlich keine Krankheit des Geistes …«

Eher des Fleisches, erwog sie in Gedanken. Tapsig wie ein Kind bei seinen ersten Schritten wandte sie sich zum Gehen.

»Du lieber Himmel«, Seiboldt stöhnte entnervt auf. »Geben Sie Obacht, wohin Sie treten, bevor noch ein Unglück geschieht. Nicht auszudenken, wenn ich Sie in Neapel lassen und ohne meine tüchtige Sekretärin nach Sansibar reisen müsste.«

3

Neapel,Donnerstag, 14. Juni

Viktoria war tief enttäuscht von Neapel. Ungeachtet des strömenden Regens hatte sie sich auf das Panoramadeck begeben, um ein wenig von jenem Gefühl zu kosten, das Reisende von alters her in dieser Stadt zu ergreifen schien. Irgendwo hatte sie gelesen, Neapel sei ein Stück Himmel, das einst auf die Erde fiel. Doch die vom Nebel verhüllte, in Regenschleier gebettete Stadt bot keineswegs einen Anblick, für den es sich zu sterben lohnte. Der Ort wirkte auf Viktoria düster und schmutzig, überfüllt, unfreundlich, stinkend und laut.

Die Sachsen hatte festgemacht, als die meisten Passagiere gerade beim Frühstück saßen. Doch statt in den Speisesaal war Viktoria nach ihrer Morgentoilette ein Deck tiefer und nach draußen gegangen. Keine gute Idee, wie sie nun befand, denn es gab offenbar nichts zu sehen, was eine Erkältung rechtfertigte. Ihr Paletot war trotz der Überdachung binnen weniger Minuten vollständig durchnässt und ihr hübsches Hütchen wahrscheinlich ruiniert. Dennoch blieb sie länger, als eigentlich beabsichtigt, an der Reling stehen und beobachtete versonnen die zahllosen kleinen Kreise, welche die schweren Tropfen auf die glatte graue Wasseroberfläche malten.

Ihr Blick wanderte backbords auf die trutzigen Mauern des Castel dell’Ovo. Auf einem Felsen im Meer errichtet war die Burg, ein mächtiger Vorposten und ein imposanter Eingang zum Hafenbecken, ein wenig unheimlich. Der Regen klatschte gegen den vulkanischen Tuffstein und hinterließ große, feuchte Flecken, prasselte gegen die riesigen Wehrtürme und füllte die Schießscharten wie mit einem Vorhang.

Vielleicht sieht die Festung bei Sonnenschein romantisch aus, erwog Viktoria. Bei diesem Wetter hatte sie jedoch etwas seltsam Mystisches, als wäre sie mit einem bösen Zauber belegt. Ob wohl Prinzessinnen in dem Gebäudekomplex gefangen gehalten und heldenhafte Prinzen dort von Hexenmeistern gefoltert wurden?

Unwillkürlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Märchen waren bisher nicht gerade Viktorias Lieblingslektüre gewesen. Als kleines Mädchen hatte sie zwar davon geträumt, eine schöne Fee zu sein, später waren jedoch andere Frauenbilder in den Vordergrund getreten: Ihre Freundinnen redeten noch immer von Märchenprinzessinnen in weißen Kleidern und Rittern in goldener Rüstung, da entdeckte sie im Französischunterricht die Schriftstellerin George Sand. Die hieß eigentlich Amandine-Aurore-Lucile Dupin de Francueil, hatte vornehmlich Männerkleidung getragen, sich für die Rechte von Frauen eingesetzt und trotzdem erreicht, dass sich ein Schöngeist wie Frédéric Chopin unsterblich in sie verliebte. Das wäre es, dachte Viktoria angesichts der mystischen Burg: Reformkleidung, eine Stelle als Lehrerin an einer Mädchenschule und ein Künstler als Liebhaber – selbstverständlich kein Kaufmann, der nur seine Bilanzen im Kopf hatte, und auch kein alberner Erbe, der nicht einmal Manieren besaß. Warum lästerte ihre Mutter eigentlich über Bohemiens, während sie einen Geck wie Hartwig Stahnke über den grünen Klee lobte?

Dieser Gedanke erinnerte sie an ihre Eltern. Man erwartete gewiss eine Nachricht von ihr. Neapel war überdies der letzte europäische Hafen auf ihrer Reise, sodass es vernünftig wäre, an diesem Ort wenigstens eine Korrespondenzkarte aufzugeben. Dafür musste sie nicht einmal an Land gehen, sondern nur in die Postkammer im Bauch des Schiffes, denn schließlich befand sie sich auf einem Reichspostdampfer. Doch sie verspürte keine Lust darauf. Die Feuchtigkeit wurde langsam unangenehm, und ihr Magen knurrte. Sie sehnte sich nach einem heißen Getränk und einem üppigen Frühstück, um ihre Glieder von innen zu wärmen. Ein Vorteil des Alleinreisens war zweifellos, so viel essen zu können, wie sie wollte, und nicht bei jedem Bissen die Empörung ihrer Mutter auf sich zu ziehen: »Es schickt sich nicht, sich wie ein Gassenjunge zu bedienen, Viktoria. Eine Dame speist wie ein Vögelchen und nicht wie ein Elefant.«

Das Frühstück wurde – wie alle Mahlzeiten an Bord der Sachsen – für die Erste-Klasse-Passagiere in dem langen Speisesaal serviert, der sich über die gesamte Breite des Oberdecks zog. Der Regen prasselte so laut auf die Bleiverglasung des großen Deckenfensters, dass das Stimmengewirr der morgendlichen Gespräche fast unterging. In dem hohen Raum, in dem es weder an Fresken noch an Putten und Goldverzierungen wie auch an Vertäfelungen mangelte, waren die langen Tafeln mit weißem Tischleinen und Silberbesteck eingedeckt.

Es war relativ leer in dem nicht nur für ein Schiff überaus feudalen Raum, nur eine Handvoll Gäste hatte sich eingefunden. Die meisten Reisenden der Oberschicht zogen es offenbar vor, sich von der stürmischen See in ihren Kabinen zu erholen. Neben den Fenstern saßen ein Herr mittleren Alters und eine junge Dame beisammen, die sofort Viktorias Aufmerksamkeit auf sich zogen. Die Teller des ungleichen Paares schienen unter Eierspeisen, Wurst und Butterbroten zu bersten. Gustava Wesermann hätte den Appetit der Blonden als absolut inakzeptabel kritisiert, doch Viktoria dachte amüsiert, dass dies sicher eine Folge der Seekrankheit und ausgesprochen sympathisch war.

Als Juliane von Braun zufällig den Kopf hob, fühlte sich Viktoria einen Atemzug lang unangenehm berührt, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. Tatsächlich hatte sie an der Tür gestanden und die fremde junge Frau unverhohlen angestarrt, was nach dem Verhaltenskodex ihrer Mutter wahrscheinlich ebenfalls unmöglich war. Vielleicht hätte Gustava Wesermann jedoch recht, denn Viktorias Blick war sicher ein wenig dreist gewesen. Deshalb fiel ihr Gruß formvollendeter aus, ihr Nicken devoter, als sie dies unter anderen Umständen einer Gleichaltrigen zugebilligt hätte.

»Guten Morgen«, rief Juliane von Braun mit einer Unbekümmertheit, die in starkem Kontrast zu der Person stand, die Viktoria womöglich vor einem Sprung über Bord bewahrt hatte. »Möchten Sie sich nicht zu uns setzen? Platz ist genug da.«

Ein Steward in frisch gebügelter weißer Uniform eilte auf Viktoria zu, um ihr den Mantel abzunehmen. Die Feuchtigkeit tropfte aus ihrem Paletot und vom Saum ihres Rocks und wurde von dem hochflorigen orientalischen Teppich zu ihren Füßen aufgesogen.

Viktoria spürte, wie ihr ein feines Rinnsal vom Hut herab über Schläfe und Wange lief. Als das Wasser ihr Kinn erreichte, hob sie die Hand und wischte sich über das Gesicht. Entschlossen zog sie die Hutnadel aus dem Aufbau, den sie auf ihrer schlichten Hochsteckfrisur platziert und keck in die Stirn gezogen hatte. Natürlich gehörte es sich nicht, den Hut in einem Gesellschaftsraum abzulegen, aber darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen, gleichgültig, ob ihre Mutter auch über dieses Fehlverhalten entsetzt gewesen wäre. Also reichte sie dem Steward ihren Hut und schritt selbstbewusst zu ihrer neuen Bekannten.

»Guten Morgen, Fräulein von Braun, wie schön zu sehen, dass es Ihnen wieder gutgeht.«

Juliane strahlte. »Die Ingwerwurzel hat Wunder gewirkt. Sie haben mir mit Ihren Ratschlägen sehr geholfen. Darf ich Ihnen meinen Vater vorstellen? Papa, das ist Fräulein Viktoria Wesermann. Wir sind uns an Deck begegnet, als ich unpässlich war.«

Der Herr war während Julianes Rede aufgestanden. Er besaß ein ebenso fein gezeichnetes Gesicht wie seine Tochter, das allein durch den Bart und die Falten an den Mundwinkeln an Weichheit verlor. Nur sein Haar war nicht von diesem leuchtenden Weizenton, sondern wirkte, grau gesträhnt, eher wie schmutziger Sand. Während Juliane ein atemberaubend modisches Reisekleid mit Stehkragen, enger Taille, Schößchen und gerafften Ärmeln aus schottisch kariertem Tuch trug, war ihr Vater in einen strengen dunklen Anzug gewandet, als wäre er gerade auf dem Weg zu einem königlichen Empfang. Dennoch schien er nicht so steif zu sein, wie seine Garderobe vermuten ließ, denn in seinen Augen, die ebenso veilchenblau waren wie Julianes, blitzten Fröhlichkeit und Humor.

Er reichte Viktoria die Hand. »Heinrich von Braun. Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen, Fräulein Wesermann, meine Tochter hat in leuchtenden Farben von Ihnen gesprochen. Möchten Sie eine Tasse Kaffee mit uns trinken?«

»Das ist sehr freundlich, danke«, erwiderte Viktoria und setzte sich auf den freien Stuhl neben Juliane. »Ich habe noch nicht gefrühstückt, weil ich mir zuerst Neapel anschauen wollte. Es war leider nur nass und grau, kein besonders reizvoller Anblick.«

»In der Tat«, bestätigte Heinrich von Braun, »für einen Landgang eignet sich das Wetter nicht. Außerdem hörte ich von einem neuerlichen Ausbruch der Cholera im Hafenviertel. Man sollte also tunlichst vermeiden, mit den Einheimischen irgendwie in Kontakt zu kommen.«

»Aber vielleicht könnten wir nachher wenigstens an Deck gehen und uns auf diese Weise einen Eindruck …«

Von Braun streichelte Julianes Hand. »Du wirst dich allein umschauen müssen, mein Herz …«

Der liebevolle Umgang von Vater und Tochter versetzte Viktoria einen Stich.

»Ein Kunde kündigte mir telegrafisch seinen Besuch an. Ich kann ihm unmöglich absagen.«

»Wir wollten mehr Zeit miteinander verbringen«, maulte Juliane. »Das war doch der Grund, warum ich dich begleitet habe. Damit hatten wir aber nicht gemeint, dass du ausschließlich arbeitest, Papa, und ich allein die Sehenswürdigkeiten betrachte.«

»Es ist der Direktor des Grand Hotels«, erklärte von Braun geduldig, obwohl Viktoria das Gefühl hatte, dass dieser Dialog eine Wiederholung anderer Auseinandersetzungen dieser Art war. »Für einen Winzer aus Deutschland ist es eine große Ehre, dass sein Wein in einem traditionsreichen Land wie Italien verkostet wird.«

Juliane zog einen Flunsch. »Wen interessiert der Direktor des Grand Hotels? Der Sultan von Sansibar ist dein Kunde, und der ist ein viel bedeutsamerer Mann.«