Sehnsucht nach Sunny Grove - Charles M Shawin - E-Book

Sehnsucht nach Sunny Grove E-Book

Charles M. Shawin

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Beschreibung

Sara glaubt das Glück zum Greifen nahe, als sie den jüngsten Sohn der reichen Familie McLain heiratet. Bereitwillig verlässt sie Lexington und folgt Harold in das weite Land jenseits des Missouri. Im Jahr 1848 ist der Handel mit Mexiko in vollem Gange, ihr Mann erhofft sich, davon zu profitieren und plant, am Santa Fe Trail eine Handelsstation zu errichten. Sara ist sehr angetan von der wilden Schönheit des Stück Landes, auf dem sie sich niederlassen wollen, und nennt es liebevoll Sunny Grove. Doch der verwöhnte Sprössling stößt schon bald an seine Grenzen, und Sara lernt ihren Mann von einer völlig neuen Seite kennen. Er betrügt sie mit dem Dienstmädchen und schikaniert die Arbeiter. Als diese unter ihrem Rädelsführer Lorenzo aufbegehren, berauben sie Harold und nehmen Sara als Geisel mit sich. Eine wahre Odyssee beginnt für die junge Frau … die sie bis zu den Comanchen führt.

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Seitenzahl: 446

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Charles M. Shawin

Sehnsucht nach Sunny Grove

Sara McLain

Sehnsuchtnach Sunny Grove

Sara McLain

Historischer Roman

von

Charles M. Shawin

Impressum

Sehnsucht nach Sunny Grove, Charles M. Shawin

1. Auflage eBook 2025

TraumFänger Verlag Kerstin Schmäling

Dorfener Weg 14, 83104 Hohenthann, [email protected]

eBook ISBN 978-3-948878-50-4

Lektorat: Monika Nebl

Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag

Datenkonvertierung: Bookwire

Titelbild: Charles M Russell

1. Auflage März 2025

Copyright by TraumFänger Verlag Kerstin Schmäling, Hohenthann

Inhalt

Die Hochzeit

Harolds Pläne

Stimme des Sonnenaufgangs

Reisebekanntschaften

Ein Fluss ohne Namen

Glück und Leid

Meuterei

Lorenzos Stunde

Die Gefangene

Feindliches Land

Die Fremde

Die Kojotenfrau

Sunny Grove

Harold kehrt heim

Im Winterlager

Der Scout

Die Entscheidung

Das Versprechen

Die Suche

Die Drohung

Unter Wölfen

Die Verschwörung

Die Settler Brüder

Am Missouri

Der Fährmann

Unerwartetes Wiedersehen

Endlich daheim

Harold

Abschied von Sunny Grove

Namen und ihre Bedeutungen

Tau an den Gräsern glitzert im ersten Morgenlicht, ein neuer Tag anbricht.

Das Land in Stille ruht, unberührt noch und rein erwacht der sonnige Hain.

Die Hochzeit

Sara war glücklich. Sie lachte und tanzte und steckte die Familie, die Gäste und sogar die Dienstboten mit ihrer herzerfrischenden Fröhlichkeit an. Das Wohnzimmer war für das Hochzeitsfest mit Girlanden und weißen Bändern feierlich dekoriert, mehrere Öllampen erhellten es. Der wuchtige, mit Ornamenten verzierte Ofen spendete anheimelnde Wärme. Während die Männer sich um den großen Tisch versammelt hatten, saßen die Frauen in der mit Samtkissen ausgelegten Couchecke. Alle waren sie gekommen: Bürgermeister Brighton, Reverend Ingleby, Rechtsanwalt Currington sowie angesehene Geschäftspartner verbrachten zusammen mit der Familie McLain diesen Sonntagabend. Sie plauderten und tranken, während George Livington die Fiedel schwang, deren munterer Klang den Raum erfüllte und zu der allgemein heiteren Stimmung beitrug. Sara ließ keinen Tanz aus. Wie könnte sie auch, wo sie doch von den anwesenden Herren immerfort galant aufgefordert wurde. Von seligem Glück beschwingt, hätte das zierliche Mädchen noch bis in die Nacht hinein tanzen können, wenn Mrs. McLain nicht die Essensglocke geläutet und die Dienstmagd Ruby begonnen hätte, die Tafel zu decken. Bald waren Terrinen mit Suppe, frisches Brot, gebratener Speck und vier Pfannen voller saftiger Steaks aufgetischt, dazu Bohnen, Kartoffelbrei, Mais, Ahornsirup und französischer Wein. Sara lud sich den Teller zweimal voll und leerte ihn bis auf den letzten Krümel. Danach hätte das Mädchen keinen Bissen mehr heruntergebracht.

„Sara, du tust ja gerade so, als gäbe es morgen nichts mehr zu essen“, bemerkte ihre Mutter mit einem Augenzwinkern.

„Das mag wohl sein, Mutter“, erwiderte Sara fröhlich, „aber ich heirate ja nur einmal im Leben.“

„Das tanzt Ihre Tochter alles wieder weg, Mrs. Kendrew“, bemerkte Robert schmunzelnd.

„Eine so fröhliche Braut.“ Reverend Ingleby nickte anerkennend. „Die Fröhlichkeit ist das sichtbare Zeichen reiner Tugend. Harold, du hättest wohl keine bessere Frau finden können.“

„Das weiß ich, Reverend“, erwiderte der Angesprochene und lächelte entgegenkommend. Harolds stattliche Statur, die markanten Gesichtszüge, das schwarze, streng gescheitelte Haar sowie eine gewisse Entschlossenheit in den Augen vermittelten das Bild eines aufstrebenden Geschäftsmannes, als den er sich auch selbst gern sah. Er warf Sara, die neben ihm an der Tafel Platz genommen hatte, einen flüchtigen Blick zu.

„Darauf lasst uns die Gläser heben“, rief Andrew McLain. „Sara, noch einmal herzlich willkommen in unserer Familie.“

Das reichliche Essen, das Tanzen, dazu die geheizte Stube, das hatte Sara nun doch müde gemacht. Sie entschuldigte sich bei Tisch.

„Harold, wollen wir ein Stück spazieren gehen?“, fragte sie ihren frisch angetrauten Mann. „Lexington ist bei Abend bestimmt wunderschön.“

„Ein anderes Mal gerne“, antwortete er. „Aber wann sitze ich schon mal mit so ehrwürdigen Männern der Stadt zusammen? Geh nur, Sara, unser Gespräch würde dich eh nur langweilen.“ Scherzend fügte er hinzu: „Aber lauf mir nicht weg, hörst du.“

„Ich lauf dir ganz bestimmt nicht weg, Harold“, antwortete sie lächelnd und begab sich nach draußen.

Harold wandte sich wieder den Gästen zu. Gregor Arnold erzählte gerade vom Santa Fe Trail und den lukrativen Geschäften, die in Mexiko zu erzielen waren.

„Mr. Arnold, stimmt es, was die Leute sagen?“, fragte Harold interessiert. „Phil Menderson soll seine Waren in Santa Fe mit tausend Prozent Gewinn verkauft haben.“

„Das ist allerdings wahr. Und nicht nur Menderson, auch all die anderen erzielen enorm hohe Profite.“

„Ich dachte auch schon daran, einen Treck auszustatten“, kommentierte Wayne C. Morgan.

„Was hindert dich daran, Wayne? Kommst du auf keinen Bock mehr?“, fragte Arnold grinsend und spielte dabei auf Morgans Leibesfülle an.

Wayne C. Morgan tätschelte lachend seinen eigenen Bauch. „Wenn ich erst einmal auf dem Wagen bin, bräuchte ich ja nicht mehr abzusteigen bis Santa Fe. Die Strecke ist es. Sind immerhin an die neunhundert Meilen.“

„Die sitzt du doch auf einer Arschbacke ab“, stichelte Howard Melcom, entschuldigte sich aber sogleich bei Reverend Ingleby für den unangemessenen Ausdruck. Die Männer lachten, und auch der Reverend schmunzelte.

„Du meinst die Comanchen, Wayne“, nahm Andrew McLain das Gespräch wieder auf. „Hab auch schon gehört, dass sie Reisende überfallen und ausplündern.“

„Die Comanchen, sie sind ganz bestimmt nicht zu unterschätzen“, wusste Morgan. „Man denke aber auch an das Land selbst. Es ist hart und trocken, die Wege kann man unmöglich als Straßen bezeichnen. Die Gefahr, von Comanchen ausgeraubt zu werden, ist nicht so hoch wie die, einen Wagenbruch zu erleiden. Und was machst du dann, wenn mitten in der Steppe dein Wagen nicht mehr vorwärtskommt, auch wenn du zehn Ochsen eingespannt hast?“

„Was ich in dem Fall mache, bester Freund?“, witzelte Mr. Arnold. „Vorher einen Wagen von Andrew McLain anschaffen. Die sollen nämlich die Besten in ganz Missouri sein.“

„Hört, hört!“, rief McLain. „Ein solches Lob, noch dazu aus deinem Mund, Gregor, lasse ich mir gern gefallen.“ Sie hoben die Gläser und prosteten sich beschwingt zu. An Harold gewandt, fuhr McLain fort: „Bald werde ich solche Anerkennung nicht mehr für mich allein in Anspruch nehmen, denn mit dem heutigen Tag wird mein Jüngster die Stellmacherei übernehmen. Harold hat sich hoffentlich die Hörner abgestoßen, immerhin hatte er siebenundzwanzig Jahre dazu Zeit. Wenn Gott will, wird Sara einen ehrbaren Bürger dieser Stadt aus ihm machen.“

Die Herren sprachen Vater und Sohn ihren Respekt und Zuspruch aus und hoben erneut die Gläser. Harold sah sich nun seinerseits genötigt, ein paar Worte an die Runde zu richten.

„Meine Sara wird es wohl nicht leicht mit mir haben.“ Er schmunzelte. „Was aber die Geschäftstüchtigkeit angeht, die hab ich von Vater. Ich hätte mir wohl keinen besseren Lehrmeister wünschen können. Und gute Wagen, das versichere ich Ihnen, meine Herren, die werden Sie auch in Zukunft bei den McLains finden.“

„Große Worte, Harold, die ich dir gern abnehmen will“, erwiderte Morgan. „Doch Orden muss man sich erst verdienen. Der Name McLain bürgt für hohe Qualität. Ein Anspruch, der allerdings nicht leicht zu erfüllen ist.“

„Das weiß ich, Mr. Morgan“, gab Harold verkniffen zu.

„Nun, Andrew“, wandte sich Arnold an McLain. „Wenn Harold die Stellmacherei übernimmt und Robert den Laden führt, was gedenkst du dann zu tun? Setzt dich doch nicht etwa schon zur Ruhe?“

„Wie ich McLain kenne, ist er dazu wohl nicht der Mann“, bemerkte Reverend Ingleby.

„So Gott will, werde ich es noch ein paar Jahre machen“, antwortete McLain munter. „An eine Plantage dachte ich. Hab mir auch schon Land gekauft, nördlich von Lexington. Wenn ich schon Hausrat und Wagen verkaufe, warum sollte ich die Bewohner von Missouri nicht auch mit Nahrungsmitteln versorgen?“

„Fehlt nur noch, dass du dich zum Gouverneur wählen lässt“, warf Morgan lachend ein.

„Wer weiß das schon?“, gab Andrew McLain scherzend zurück. „Doch bleibe ich lieber bei dem, was ich kann. Mein Vater war Geschäftsmann, ich bin es und meine Söhne sind es auch.“

Arnold hob erneut das Glas. „Darauf lasst uns trinken, Freunde.“

Die kühle Abendluft erfrischte Sara und kühlte ihre geröteten Wangen. Die Straßen von Lexington ruhten im Halbdunkel, auf den Dächern der Häuser lag noch Schnee, leise säuselte der Wind in den Giebeln. An das Haus der McLains war der Krämerladen angebaut und daneben die Stellmacherei, in der noch Licht brannte. Die Gesellen feierten also auch noch. Am Himmel leuchtete ein einzelner Stern, der Rest war von dunklen Wolken verhangen. Sara blickte verträumt hinauf, schloss die Augen und atmete tief durch.

„Na, Sara McLain, hast du dich schon an deinen neuen Namen gewöhnt?“ Robert trat aus dem Haus, ein Schwall dunstiger Zigarrenrauch und das heitere Gelächter der Männer schwappten heraus. Er schloss die Tür hinter sich. Eine Weile betrachtete er die junge Frau in dem hübschen blauen Kleid und den langen brünetten Haaren, die heute ein silberner Zierreif schmückte und die das runde Gesicht sanft umrahmten. Saras Nase war auf ungewöhnliche Weise deformiert, als wäre sie leicht geschwollen und schief, von den großen dunklen Augen und den stets lächelnden Lippen aber ging eine strahlende Freundlichkeit aus, die dem Mädchen Anmut und Liebreiz verliehen, wie Robert still für sich dachte.

„Das habe ich, Robert“, antwortete sie. „Sara McLain, das bin ich jetzt wohl, und ich bin es aus ganzem Herzen. Kendrew war aber auch sehr schön.“ Sie lachte herzlich.

„Ein schöner Abend. Die kühle Luft hier draußen tut gut. Ruby heizt den Ofen ja auch bis zum Glühen. Ich werde ihr sagen müssen, sie soll nicht mehr nachlegen.“

„Sie meint es ja nur gut. Und meine Mutter friert so leicht.“

„Wie du meinst, Sara.“

Robert lehnte sich an die Hauswand, und auch er blickte jetzt hinauf zum Himmel.

„Er leuchtet heute an diesem besonderen Tag nur für dich“, sagte er und deutete zu dem Stern, der sich zwischen den Wolken zeigte.

„Das hast du hübsch gesagt, Robert. Ich glaube, Harold fallen solche Sachen nicht ein“, erwiderte sie schmunzelnd.

„Sieh es ihm nach, Sara. Mein Bruder ist noch jung, er ist voller Flausen, manchmal noch wie ein unbeschwertes Kind. Dafür ist er sehr ehrgeizig, zielstrebig und voller Ideen. Was er sich in den Kopf setzt, das bekommt er für gewöhnlich auch. Mein Vater jedenfalls hält große Stücke auf ihn.“

„Und auf dich, Robert? Dein Vater ist gewiss ebenso stolz auf dich.“

„Ja, ich nehme das an. Harold ist mein kleiner Bruder, da wird ihm viel nachgesehen.“

„Während du Verantwortung übernehmen musst.“

Er lächelte über sein Unbehagen hinweg. „Ach Sara, du bist ja nicht nur hübsch, sondern auch ausgesprochen klug. Harold braucht nur noch ein bisschen Zeit, um, na ja, um reifer zu werden. Vater vertraut ihm, und das solltest du auch.“

„Das tu ich doch. Ich liebe ihn, und ich will mich auch gar nicht beklagen, Robert. Du darfst das nicht falsch verstehen. Entschuldige bitte, ich sollte mit dir nicht über solche Dinge sprechen.“

Er sah sie eine Weile schweigend an, hätte am liebsten ihre Hand genommen und ihr gesagt, wie liebenswert sie ist. Er erinnerte sich noch genau, wie Sara und ihre Mutter vor einem Jahr nach Lexington gekommen waren. Elizabeth Kendrow war Andrew McLains Cousine, Robert kannte Sara also, doch lag ihre frühere Begegnung schon viele Jahre zurück. Sie war da noch ein kleines Mädchen gewesen, jetzt war sie eine hübsche junge Frau, fröhlich, offen, gebildet und vernünftig, zudem hatte ihr verstorbener Vater ihrer Mutter ein nicht unbeträchtliches Vermögen hinterlassen. Sara war eine gute Partie, und wäre Robert nicht schon verheiratet, hätte auch er um Sara geworben.

An all das dachte Robert in diesem Moment, behielt seine Gedanken aber für sich.

„Wenn dich etwas bekümmert, Sara, dann kannst du immer mit mir reden“, sagte er stattdessen. „Ich bin immer für dich da.“

„Ich weiß das zu schätzen, Robert. Und ich hätte es auch nicht besser treffen können. Dein Vater, deine Mutter, Harold, du, die ganze Familie, ihr habt mich so herzlich aufgenommen, ich kann nicht glücklicher sein.“

„Und doch bedrückt dich etwas, das sehe ich dir an. Vorhin in der Stube, da hast du getanzt und gelacht. Jetzt wirkst du nachdenklich, in dich gekehrt. Willst du mir nicht sagen, was dich bedrückt?“

„Ich lache doch auch jetzt, Robert, sieh nur.“ Sie wog den Kopf hin und her und lächelte ihn an. „Bloß tanzen will ich jetzt nicht, meine Füße schmerzen. Ich bin wohl die engen Schuhe nicht gewöhnt.“

„Ist es wegen Harold?“, hakte er nach. „Er hat kein einziges Mal mit dir getanzt.“

„Das ist es nicht, Robert. Obwohl ich es mir wünschte, Harold würde mich wenigstens einmal auffordern, aber wir haben ja noch unser ganzes Leben vor uns und können noch so oft miteinander tanzen.“

„Was ist es dann, Sara? Hat dich jemand gekränkt? Mutter kann manchmal sehr streng sein, sie meint es aber nur gut. Und Anna, bis gestern war sie die erste und einzige Schwiegertochter im Hause McLain. Kann sein, dass meine Frau dich als Konkurrentin in der Gunst meiner Eltern sieht. Aber sie hat dich gern, das hat sie mir erst kürzlich gesagt.“

„Ich hab Anna ja auch gern, und deine Mutter ist immer anständig zu mir gewesen. Wie ihr alle anständig und nett und höflich seid. Die McLains zählen zu den angesehensten und ehrwürdigsten Familien dieser Stadt. Gerade habe ich mit dem Reverend, dem Bürgermeister und anderen hochangesehenen Männern am Tisch gesessen. Doch genau dabei bin mir so verloren vorgekommen.“

„Was sagst du denn da, Sara? Du gehörst doch jetzt zu uns, du bist eine McLain.“

„Das ist es ja, Robert. Die Familie McLain steht für Aufrichtigkeit, für Tugend, für Moral und einen festen Glauben. Ich aber bin ein Schussel. Neulich hab ich beim Bügeln aus lauter Gedankenlosigkeit ein weißes Laken verbrannt.“

„Das kommt doch vor, Sara, deswegen brauchst du dir keine Gedanken zu machen.“

„Weißt du, Robert, manchmal male ich mir die Welt in bunten Farben aus, fröhlich und unbeschwert und, ja, das will ich auch gestehen, ich hüpfe ein bisschen naiv durchs Leben. Ich kann dir nicht sagen, in wie viele Fettnäpfchen ich schon gedankenlos gestapft bin.“ Sie lachte, senkte aber im nächsten Augenblick den Kopf. „Jetzt habe ich Angst, dass ich der Familie McLain nicht gerecht werde.“

„Nicht gerecht werden? Sara, du bist wie ein Sonnenschein an einem trüben Tag, wie könntest du meiner Familie da nicht gerecht werden?“

„Es ist wie mit dem Laken, Robert. Die McLains sind wie ein reines weißes Laken, und ich in meinem Leichtsinn beschmutze es mit einem dunklen Flecken. Mein Vater hat mir Bildung und Anstand beigebracht, er hat mir aber auch stets meine Freiheit gelassen, weil ihm Freiheit und Unabhängigkeit über alles ging. In meinem Herzen bin ich immer noch dieses unbekümmerte Mädchen von damals. Jetzt fürchte ich, die hohen Erwartungen deiner Eltern nicht erfüllen zu können.“

Robert trat einen Schritt auf sie zu und nahm nun doch ihre Hände.

„Ich verstehe, was du meinst, Sara. Auch ich fühle mich in meiner eigenen Familie manchmal eingeengt. Wogegen Harold scheinbar tun und lassen kann, was ihm beliebt. Glaub mir, Sara, wenn jemand die Familie McLain mit einem dunklen Flecken beschmutzen sollte, dann wird das Harold sein und ganz gewiss nicht du. Ich könnte dir Sachen von ihm erzählen, da würdest du nur so staunen.“

„Die will ich lieber nicht wissen, Robert“, erwiderte sie und lächelte jetzt wieder.

„Sara, meine Eltern halten viel auf Tugend und Anstand, das ist wahr, vor allem meine Mutter legt großen Wert darauf. Aber umso erfreulicher ist es doch, jetzt jemanden in unserer Familie zu haben, der so fröhlich und unbeschwert ist wie du.“

Sie lächelte ihn dankbar an. Er erwiderte ihr Lächeln und lehnte sich wieder an die Hauswand.

„Es ist so ein wunderschöner Abend“, sagte sie, „doch sollten wir jetzt wieder rein gehen.“

„Ja, Sara, das sollten wir.“

Ein Weile blieben sie noch stehen, atmeten die frische Luft und blickten zum Himmel, zu dem Stern, vor den sich allmählich dunkle Wolken schoben und die ihn schließlich ganz verhüllten.

Die Tür wurde geöffnet. Roberts Frau Anna spitzte heraus. „Na ihr beiden, wollt ihr uns nicht wieder Gesellschaft leisten?“

„Natürlich, Anna, wir kommen gleich“, antwortete Robert.

Nachdem alle mit dem Essen fertig waren, wurde das Geschirr abgeräumt. Sara ging dem Dienstmädchen Ruby wie selbstverständlich zur Hand, Mrs. McLain aber bat sie zu sich.

„Sara, so komm doch, setz dich zu uns.“

Während die Männer am Tisch verweilten, machten es sich die Frauen auf der Couch bei Keksen und Kaffee bequem. Weil kein Platz mehr auf der Couch war, setzte sich Sara zu Füßen ihrer Mutter auf den Boden.

„Deine Mutter hat uns gerade von dem schlimmen Unfall erzählt“, erwähnte Harriet McLain. „Das muss schrecklich für dich gewesen sein.“ Sie trug ein dunkelblaues hochgeschlossenes Kleid, das ihre schlanke Taille betonte. Ihre Haare waren von dunklem Braun, streng nach hinten gekämmt und zu einem Dutt gebunden. Keines wagte aus der Reihe zu tanzen.

„Ich war ungeschickt“, gab Sara verlegen lächelnd zu. „Und es war ja nur die Nase, die gebrochen war, Mrs. McLain.“

„Ich bitte dich, Sara, nenn mich doch Harriet oder Mutter, wenn dir das lieber ist. Du bist jetzt ja selbst eine Mrs. McLain.“

„Ja gern, Harriet.“

„Du kennst doch unser Haus in Boston“, sagte Elizabeth Kendrow. „Da gab es so viele Treppen. Als ich das Poltern hörte, bin ich zu Tode erschrocken.“

Mit gebeugtem Rücken, die faltigen Hände auf den Gehstock gestützt, wirkte sie neben der stolzen Erscheinung Harriets schmächtig und kränklich und schon recht alt.

„Natürlich, Elizabeth, wer wäre das nicht?“

„Vor vier Jahren war das gewesen, Sara war erst vierzehn. Tom lebte da noch, er brachte sie natürlich sofort zum Arzt.“

„Oh, Sara, wie furchtbar“, seufzte Anna. „Und die Nase konnte nicht wieder gerichtet werden? Das muss ja entsetzlich für dich gewesen sein.“

„Es war ja meine eigene Schuld“, gestand Sara freimütig. „Ich bin nur zu hastig die Treppe runtergehüpft.“

Ihre Mutter streichelte ihr wohlwollend über das Haar. „Sara ist so tapfer. Schon am nächsten Tag hat sie wieder gelacht.“

„Das ist sie“, pflichtete ihr Harriet bei. „Tapfer und trotz allem recht hübsch.“ Sie warf Anna einen strengen Blick zu. „Harold kann sich glücklich schätzen, eine so wundervolle Frau zu haben.“

Allmählich verabschiedeten sich die Gäste, und George Livington packte seine Fiedel ein. Andrew McLain bedankte sich bei allen für ihr Kommen, Livington gab er fünf Dollar für seinen Dienst.

„Das wäre doch nicht nötig gewesen, Sir“, bedankte er sich und fügte schmunzelnd hinzu: „Ich gab mir ja reichlich Mühe, und alle haben getanzt, sogar der Reverend. Nur Harold konnte ich wohl nicht zum Tanzen ermuntern.“

„Das liegt nicht an dir und nicht an deiner Fiedel, George.“ Andrew kicherte frech. „Das liegt allein an den zwei linken Füßen meines Sohnes.“

Als nun auch der Reverend aufbrach, sprach ihm der Hausherr noch einmal ein besonderes Lob für die feierliche Zeremonie aus.

„Es war auch mir eine Freude, zwei Menschen zu trauen, deren Herzen rein sind“, gab Ingleby das Lob zurück. „Das Haus McLain verbinde ich mit Wohlstand, Ehrwürdigkeit und Sittsamkeit, eine Familie, die dem Herrn wohl gefällt. Sara fügt sich mit ihrer Anständigkeit und ihrer – ja, ich nenne es so – ihrer unbefleckten Tugend wunderbar in Ihre Familie ein. Sie wird Ihnen keine Schande machen, Mr. McLain.“

„Daran zweifle ich nicht, Reverend“, antwortete Andrew überzeugt. „Harold hat eine gute Frau gefunden und die Familie McLain eine Tochter, auf die wir stolz sein dürfen.“

Nachdem die Gäste das Haus verlassen hatten, blieb die Familie unter sich. Nach einem turbulenten Tag kehrte nun endlich Ruhe ein. Andrew setzte sich neben Elizabeth auf die Couch und fand endlich Gelegenheit, ausführlich mit seiner Cousine über die Zukunft der Frischvermählten zu sprechen, während die jungen Leute am Tisch zusammenfanden.

„Ihr habt uns noch gar nicht gesagt, wo ihr wohnen werdet“, sagte Anna. „Robert und ich wohnen ja auch nicht hier im Haus, ich nehme deshalb an, ihr werdet euch ebenfalls eine Wohnung in der Stadt mieten?“

„Drängle sie doch nicht“, sagte Robert.

„Wir werden schon das Richtige tun“, erwiderte Harold gleichmütig. „Vorläufig bleibe ich hier wohnen und Sara bei ihrer Mutter. Meiner Frau werde ich schon bald ein feudales Haus bauen. Und wenn es soweit ist, wirst du es als Erste erfahren, liebste Schwägerin. Heute ist ein Feiertag“, rief er leutselig. „Mir ist nach einem guten Whiskey und einer Zigarre.“

Er rief nach Ruby und orderte das Gewünschte. „Für dich auch, Robert?“

„Nein. Und du solltest auch nicht mehr trinken.“

„Dann nur für mich, Ruby. Und wenn du möchtest, schenk dir auch ein Glas ein.“

Ruby kicherte. Seit zehn Jahren war sie im Dienste der Familie McLain. Auch wenn sie gelegentlich etwas aufmüpfig war, so verrichtete sie ihre Arbeit doch ordentlich und zufriedenstellend. Sie war siebenundzwanzig und somit im gleichen Alter wie Harold. Sie brachte ein Glas Whiskey und zündete Harold die Zigarre an.

„Danke, Ruby.“

Übermütig klatschte er dem Dienstmädchen auf den Hintern. Kichernd wandte Ruby den Kopf und warf ihm einen kecken Blick zu. Sara bemerkte es überrascht, für einen Moment war sie irritiert, aber sie sagte nichts.

Harold nahm die Zigarre aus dem Mund, hob das Glas und rief pathetisch: „Merkt euch diesen Tag, den 20. Februar 1848. Heute ist nicht nur mein Hochzeitstag, an dem mir meine Liebste ihr Eheversprechen gab, heute beginnt ein neues Leben. Von Arnold und Morgan erfuhr ich höchst Interessantes, das mir völlig neue Perspektiven eröffnet. An den Erfolgreichen soll man sich messen, und wie ihr wisst, wollte ich schon immer hoch hinaus.“

„Das wissen wir nur zu gut“, scherzte Anna.

„Meinem Bruder ist Lexington wohl zu klein geworden?“, meinte Robert.

„Lexington ist schon in Ordnung“, erwiderte Harold leutselig. „Andererseits steht mir die ganze Welt offen.“ Mehr dazu äußerte er sich aber nicht und beließ seine euphorischen Träumereien vorläufig im Dunkeln. Übermütig leerte er das Glas in einem Zug.

Wenig später verabschiedeten sich Robert und Anna. Saras Mutter hatte der ereignisreiche Tag sehr zugesetzt, auch sie war müde und bat ihre Tochter, sie nach Hause zu begleiten. Beide bedankten sich bei Andrew und Harriet.

„Ich werde eine Kutsche einspannen lassen“, bot ihnen Andrew an.

„Das wird nicht nötig sein, Andrew“, lehnte Eilzabeth ab. „Es ist ja nicht so weit. Und mit dem hier“ – sie hob ihren Gehstock – „komm ich noch überall hin.“

„Dann wird euch Harold begleiten.“

„Natürlich, Vater.“

Sie zogen sich ihre Mäntel über und verließen das Haus. Es war kalt und finster geworden. Die Straßen waren aufgeweicht, sie hielten sich deshalb dicht an den Häusern, weil hier der Boden im Schatten der Dächer fester war.

Elizabeth lief langsam und vorsichtig, versuchte aber, ihren Begleitern vorauszugehen, um dem jungen Paar Gelegenheit zu geben, sich zu unterhalten.

„Das war ein wunderschöner Tag, Sara“, begann Harold.

„Das finde ich auch, Harold.“

Sie nahm seine Hand und lehnte im Gehen ihren Kopf an seine Schulter.

„Du weißt, dass ich dich liebe“, fuhr er fort. „Auch wenn ich das nicht immer so zeigen kann. Du bist meine Frau, und ich bin darüber sehr glücklich. Und auch stolz, weil ich eine so hübsche Frau habe.“

„Ach Harold, ich weiß selbst, dass ich nicht hübsch bin. Jedenfalls nicht so hübsch wie Anna oder Ruby.“

„Du darfst das nicht sagen, Sara. Du bist ein so guter Mensch und von solchem Liebreiz, wie man sich eine Frau nur wünschen kann. Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Du bist jetzt eine McLain, eine angesehene Frau in dieser Stadt. Du solltest stolz und mit erhobenem Kopf durch die Straßen gehen.“

„So etwa?“ Sie streckte den Nacken und sah ihn lachend an.

„Ja, Sara, genau so.“

Eine Weile liefen sie schweigend nebeneinander her, hielten sich an den Händen und warfen sich verliebte Blicke zu.

„Ich sah heute einen Stern“, sagte sie dann. „Einen einzelnen Stern. Es war so, als leuchte er nur für uns beide.“

„Wo ist er?“, fragte er und sah zum Nachthimmel hinauf.

„Irgendwo dort oben“, sagte sie. „Jetzt ist es finster, aber irgendwo hinter den Wolken leuchtet er noch immer, auch wenn du ihn jetzt nicht sehen kannst.“

„Schade“, meinte Harold.

Sie erreichten das Haus, in dem sich Elizabeth eingemietet hatte. Die Mutter stieg die Stufen hoch und schloss auf.

„Gute Nacht, Harold.“ Sie verschwand im Haus.

„Gute Nacht, Mrs. Kendrew“, rief Harold ihr hinterher. Dann umarmte er Sara und drückte ihren zierlichen Körper eng an sich. Der Druck seiner starken Arme schenkte ihr das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.

„Jetzt sehe ich ihn auch“, flüsterte er.

„Wen siehst du?“

„Den Stern, Sara, von dem du gesprochen hast. Er leuchtet in deinen Augen.“

Sie lächelte dankbar und beseelt von innerem Glück.

„Ach Harold, so etwas Nettes hast du mir noch nie gesagt. Wie lange habe ich schon darauf gewartet.“

„Sara, das soll jetzt anders werden. Schon bald werden wir zusammen sein, und nichts wird uns mehr trennen können.“

„Ja, Harold, das wünsche ich mir so sehr.“

Er küsste sie zärtlich auf den Mund.

„Heute hatte ich wenig Zeit für dich, ich hoffe, du nimmst mir das nicht übel. Ich saß bei den Männern, wir plauderten über Geschäfte, das hätte dich sicherlich nur gelangweilt. Mit Arnold, Melcom und Morgan zu sprechen, war aber auch wichtig. Morgen werde ich mit Vater reden. Ich werde auch in deinem Namen sprechen, das ist dir doch recht, Sara, du vertraust mir doch?“

„Ja, Harold, das tue ich. Ich vertraue dir aus ganzem Herzen.“

„Das musst du auch, liebste Sara. Ich werde ganz groß rauskommen und du mit mir.“

Noch einmal küsste er sie. Sie sah ihm nach, wie er die Straße hinauf eilte. Er lief schnell, denn es war kalt geworden. Sara fror nicht, sie spürte noch seine Lippen auf ihrem Mund. Dieses wärmende Gefühl nahm sie mit sich, als sie schließlich ihrer Mutter ins Haus folgte.

Harolds Pläne

Gleich am Morgen nach der Hochzeitsfeier bat Harold seinen Vater um ein Gespräch. Weil Andrew McLain mit Xavier Bureaud verabredet war, um über den Kauf von dessen Plantage zu verhandeln, ergab sich diese Gelegenheit aber erst am Nachmittag. Harold begleitete seinen Vater in die Stellmacherei. Sechs Arbeiter, kräftige Männer, die es gewohnt waren, hart anzupacken, saßen an Dreh-, Felgen- und Schnitzbänken. Im hinteren Teil der geräumigen Werkstatt stand der Mexikaner Lorenzo, ein korpulenter Mann mit schwarzem Haar und vernarbtem Gesicht, an der Esse und hielt die Glut auf Hitze. Der Altgeselle Phil Corner war dabei, eine Deichsel an einem Karren zu befestigen, Lenar Dillmor schliff die Axt, und Mick Ferrow fegte die Holzspäne am Boden zusammen. An den eingestaubten Wänden hingen Hand- und Seitbeile, verschiedene Bohrer und Hobel, Viereisen, Sägen, Hämmer, Zangen, Messlehren, Schmiegen und eine große Zahl unterschiedlicher Messer, daneben halb fertige Felgen, Speichen, Naben sowie verschiedene Hölzer, vor allem Esche und Eiche. Vorne zur Straße hin stand das große Tor offen, sodass genügend Licht hereinkam. Es roch nach Holzstaub und dem Rauch der Esse.

„Dein Reich“, verkündete Andrew McLain feierlich. „Deswegen hast du mich doch sprechen wollen. Ab heute leitest du die Werkstatt.“

Harold hatte schon als kleiner Junge hier geholfen und in späteren Jahren das Handwerk von seinem Vater und von Phil Corner erlernt. Wenngleich er später nur sporadisch in der Werkstatt erschienen war, wurde er doch von den Arbeitern als ihr Vorgesetzter gesehen. Es war klar, dass er die Stellmacherei eines Tages übernehmen würde. Obwohl Harold bei Weitem nicht das Wissen und das Können von Corner und die Kraft von Lorenzo aufwies, wurde er dennoch von allen respektiert, zumal Andrew McLain auch weiterhin die Oberhand behielt.

Harolds Reaktion fiel anders aus, als sein Vater erwartet hatte.

„Ich habe lange überlegt, Vater. Wie du selbst weißt, bin ich kein Handwerker und werde es wohl nie sein. Diese Art von Arbeit liegt mir nicht.“

„Was soll das heißen, Harold?“ Andrew wurde unvermittelt laut.

„Ich bitte dich, besprechen wir das in deinem Arbeitszimmer“, bat Harold mit gedämpfter Stimme, um zu vermeiden, dass die Arbeiter allzu viel von ihrer Unterhaltung mitbekamen.

Sie kehrten zurück ins Haus, aber nicht wie vorher durch den Seitengang, sondern durch den Store. Robert war gerade dabei, eine Lieferung von Decken und Tüchern entgegenzunehmen und in die Regale zu räumen. Der Bursche Albert ging ihm dabei zur Hand.

„Ich möchte dich sprechen, Robert“, warf Andrew seinem Ältesten im Vorbeigehen zu.

„Ja, Vater, ich komme gleich.“

Das Büro war komfortabel möbliert und mit einem großen Fenster versehen, das dem Raum Helle und Freundlichkeit verlieh. Neben dem Sekretär mit Papieren, Schreibfeder und Tintenfässchen darauf und einem verzierten dunklen Schrank gab es eine Sitzecke mit drei bequemen Sesseln. Auf dem Tischchen davor standen eine edle Flasche Whiskey sowie mehrere saubere Gläser und eine Schachtel Zigarren. Andrew pflegte hier mit Geschäftspartnern zu verhandeln. Darüber an der Wand hing ein gerahmtes Gemälde seines Vaters Ronald McLain.

Andrew ließ sich in einen der Sessel fallen, aber Harold zog es vor, stehen zu bleiben.

„Weshalb hast du Robert dazugebeten?“, fragte Harold.

„Mir scheint, an der Werkstatt liegt dir nichts“, antwortete Andrew ruhig. „Seit Jahren steht fest, Robert bekommt den Laden und du am Tag deiner Hochzeit die Stellmacherei. Anscheinend hast du jetzt andere Pläne. Das betrifft auch deinen Bruder.“

„Natürlich, Vater.“

Robert trat ein. In dem grauen Arbeitskittel, die dunklen Haare ordentlich gekämmt, die Schuhe glänzend poliert, wirkte der ältere Sohn seriös und vertrauenerweckend. Die Kunden mochten ihn.

„Wir haben kaum noch Eisenwaren, vor allem Nägel fehlen. Ich werde welche bei Staibler bestellen müssen“, meldete er.

Andrew nickte. „Ja, mach das, aber ich habe dich hergebeten, weil uns Harold etwas mitzuteilen hat.“

„So?“ Robert schmunzelte. „Erst einen Tag der Chef in der Stellmacherei und schon planst du Veränderungen, Harold? Ich nehme nicht an, dass du jemanden entlassen willst, um dich selbst an die Felgenbank zu setzen?“

„Das habe ich nicht vor“, entgegnete Harold säuerlich. „Richtig ist aber, dass ich eine Veränderung beabsichtige. Vater, gestern sprachen wir am Tisch von den Geschäften, die auf dem Santa Fe Trail zu erzielen sind. Arnold und Morgan scheinen sehr viel davon zu halten. Schon seit Wochen trage ich den Gedanken, mit einzusteigen. Als gestern so euphorisch davon gesprochen wurde, hat das meine Pläne nur bestätigt.“

„Du willst also Geschäfte in Mexiko machen.“ Andrew lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und sah Harold streng an.

„Der Krieg mit Mexiko ist so gut wie vorbei, ich nehme an, dass Santa Fe bald schon auf amerikanischem Boden ist. Aber darum geht es nicht, Vater. Es war abgesprochen, dass Robert den Store bekommen wird und ich die Stellmacherei. Im Grunde wird es auch dabei bleiben. Vater, stell dir einmal eine Werkstatt am Santa Fe Trail vor. Eine Reparatur- und Raststation. Jedes Jahr fahren da Hunderte von Wagen entlang. Die Wagen sind nicht alle von McLain, viele halten den Strapazen nicht aus, Felgen und Speichen splittern und Achsen brechen. Das lässt sich bei den schlechten Wegen nicht vermeiden. Und jetzt treffen diese Leute auf meine Station, lassen ihre Räder reparieren oder versorgen sich mit neuen.“

Andrew hatte aufmerksam zugehört. „Nun, Harold, mir scheint, du hast dir das reiflich überlegt. Das wundert mich, denn bislang hatte ich den Eindruck, du lebst nur von einem Tag auf den anderen, ohne dir um irgendetwas Gedanken zu machen. Tatsächlich habe ich schon von solchen Reparaturstationen gelesen. Aber sicher ist dir auch bewusst, dass der Trail mitten durchs Indianerland führt.“

„Ja, das ist mir bewusst. Für sie bin ich aber keine Bedrohung, im Gegenteil. Ich werde nicht nur die Menschen auf dem Trail versorgen, sondern auch Handel mit den Comanchen, den Kiowas und wie sie alle heißen betreiben. Von Indianern werde ich also nichts zu befürchten haben. Vater, so sehr ich deinen Wunsch respektiere, mich in der Stellmacherei zu sehen, ich würde da doch nie glücklich werden. Hier bin ich nur der Sohn von Andrew McLain und werde das immer bleiben. Doch ich möchte etwas Eigenes, möchte auf eigenen Füßen stehen. Mich treibt es hinaus in die Welt, und Vater, ich werde auch den guten Namen McLain hinaustragen in die Welt.“

Andrew saß schweigend in dem Sessel, zusammengesunken, verloren und abwesend.

„In Anbetracht deiner sonstigen Flausen“, meinte Robert zwinkernd, „klingt das zumindest nicht utopisch. Riskant, aber durchaus machbar.“

„Ein Lob von meinem Bruder“, spöttelte Harold.

„Ich sage, es klingt plausibel, mehr nicht. Über Einzelheiten habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Ich nehme aber an, du hast es.“

„Das habe ich“, antwortete Harold stolz.

„Und du hast dich bestimmt mit Sara über deine Pläne ausgesprochen?“

„Wieso sollte ich das tun?“, entgegnete Harold spitz. „Zuerst wollte ich mit Vater darüber sprechen, anschließend werde ich Sara natürlich einweihen.“

„Du meinst, sie hat nichts dagegen? Du willst sie in eine ungewisse Zukunft führen und hast nicht einmal mit ihr darüber gesprochen?“

„Du vergisst eines, lieber Bruder, Sara ist nicht so wie deine Anna. Sie würde mir nie widersprechen, sie ist auf meiner Seite, das hat sie mir erst gestern versichert.“

Robert verzichtete, auf Harolds Anspielungen einzugehen. „Wie du meinst, Harold.“

Ihr Vater erhob sich behäbig aus dem Sessel. Aufrecht stand er da, in seinen Augen aber lag ein trüber Glanz.

„Harold, ich werde das nicht zulassen“, sagte er ernst.

„Warum nicht? Traust du mir nicht zu, auf eigenen Füßen zu stehen?“

„Bisher hast du das noch nicht bewiesen. Im Gegensatz zu deinen früheren Eskapaden erscheint mir dein Plan zumindest nicht abwegig. Du willst eine Reparaturstation aufbauen, dazu braucht es Arbeiter. Du willst Handel mit den Indianern betreiben, dazu braucht es Waren. Woher nimmst du Arbeiter und Waren? Hast du auch das erwogen?“

„Ich dachte, du würdest mir da aushelfen. Du lässt mich doch nicht im Stich, Vater!“

„Angenommen, ich stelle dir Arbeiter und Waren zur Verfügung, ich müsste den halben Store ausräumen, um dein Geschäft lukrativ zu machen, und Arbeiter aus der Werkstatt abziehen. Beides wäre ein großer Verlust, der sowohl meine Existenz als auch die von Robert gefährden könnte.“

„Ich werde dir alles zurückzahlen, Vater. Nicht gleich, aber in ein oder zwei Jahren werde ich dir alles mit Zinsen zurückbezahlen.“

Andrew sah seinen Sohn eine Weile still an. Schließlich sagte er: „Ich kann, ich darf dieses Risiko nicht eingehen. Du musst lernen, selbst Verantwortung zu tragen. Du bist verheiratet, vielleicht habt ihr schon bald Kinder. Zeig mir zuerst, dass du reif genug für ein so großes Wagnis bist.“

Andrew machte deutlich, dass damit alles besprochen war. Harold wollte noch etwas erwidern, zog es unter dem strengen Blick seines Vaters aber vor, zu schweigen. Trotzig eilte er aus dem Büro.

In den Tagen nach der Hochzeit verbrachte Sara viel Zeit mit ihrer Mutter und Harriet. Es schneite auch jetzt nicht, und so so fuhren sie mit der offenen Kutsche durch die Straßen von Lexington und besuchten befreundete Familien, wobei Harriet ihre Schwiegertochter in zwangloser Runde bei Tee und Kuchen der höheren Gesellschaft vorstellte. Sara und ihre Mutter waren seit ihrer Ankunft in Lexington kaum unter Menschen gekommen, jetzt wurde die junge McLain herzlich willkommen geheißen und in Anbetracht ihrer Anmut und ihrer Fröhlichkeit allseits gelobt.

Sara bekam ihren Mann in diesen Tagen kaum zu Gesicht. Sie hätte sich gern mehr Zweisamkeit gewünscht, Momente, die sie nur für sich allein hatten, doch respektierte sie, dass Harold sich um seine Geschäfte kümmern musste. So trafen sie nur gelegentlich zufällig aufeinander. Er drückte ihr dann einen flüchtigen Kuss auf den Mund und versprach ihr, er werde bald ganz für sie da sein. Obwohl er dabei lächelte und es wohl ehrlich meinte, blieb ihr nicht verborgen, dass ihn Kummer bedrückte, denn er wirkte missmutig und gereizt. Darauf angesprochen, wischte Harold ihre Bedenken hinfort und meinte, es werde sich schon bald eine Regelung nach seinen Wünschen finden.

Von Harolds Plänen erfuhr Sara erst zwei Tage später. Harriet, Elizabeth und Sara waren zu einem Plausch bei der Frau des Bürgermeisters gewesen und befanden sich auf dem Heimweg. Sie banden sich die Hauben fester und legten Decken über ihre Beine, denn es war unangenehm kühl.

„Das war ein wunderschöner Tag“, bekundete Elizabeth. „Ich danke dir, Harriet.“

„Ja, Elizabeth, es war ein schöner Tag. Die Leute sind so nett und ganz begeistert von unserer Sara. Allerdings, du wirst mir diese Bemerkung erlauben, musste ich mit Sorge bemerken, dass es ihr noch an der nötigen Etikette fehlt.“

„Die Leute mögen Sara“, warf Elizabeth ein. „Und gute Manieren hat sie. In so vornehmer Gesellschaft haben wir in Boston allerdings nie verkehrt. Darauf legte Tom keinen Wert. Sara ist ja noch ein halbes Kind, man wird es ihr sicherlich nachsehen.“

„Eben das wollte ich damit ausdrücken, liebe Elizabeth. Die Leute tolerieren es, weil Sara noch so jung ist. Zugleich ist sie aber Harolds Frau und repräsentiert den Namen McLain. Als Mrs. Torsett ihre Cousine und deren uneheliches Kind erwähnte, da erschien sie mir doch sehr betroffen und erschüttert. Und was antwortete Sara? Das sei halb so schlimm, Hauptsache, dass Mutter und Kind gesund seien. Der Vater würde sich sicherlich noch dazu bekennen.“

„Aber Harriet, ich meinte es doch nur gut“, erwiderte Sara verlegen. „Ist es denn falsch, an das Wohl des Kindes zu denken? Ich wollte Mrs. Torsett damit nur trösten.“

„Ein Trost war ihr das wohl nicht. Hast du denn nicht erkannt, wie zerrüttet sie wegen dieser Angelegenheit war und wie sehr sie sich schämte? Ihre Cousine brachte die ganze Familie in Verruf.“

„Daran dachte ich nicht“, räumte Sara leise ein.

„Schon gut, liebste Sara“, zeigte sich Harriet großmütig. „Du wirst noch vieles lernen müssen. Ich hoffe, Mrs. Torsett sieht das genauso. Jedenfalls war sie sehr erfreut, dass dir ihr wundervoller Apfelkuchen so gut geschmeckt hat.“

„Das hat er, Harriet. Ganz vorzüglich war er. Ich hab ja auch gleich zwei Stücke gegessen“, lobte Sara.

„Nun gut, ich will dich auch nicht weiter tadeln“, meinte Harriet. „Mag sein, dass Etikette und Vornehmheit bald schon keine so große Bedeutung für dich haben werden.“

„Warum denn das?“, wunderte sich Elizabeth. „Harriet, du sprichst in Rätseln.“

„Harold hat vor, Lexington zu verlassen“, sagte Harriet. Es war nicht ihre Art, lange um etwas herum zu reden.

„Das wusste ich nicht“, sagte Elizabeth. Sie hüstelte. Seit drei Jahren spürte sie vor allem in den feucht-kalten Wintermonaten dieses quälende Stechen in der Brust. Sie sprach nicht gern über ihr Leiden, Harriet wies aber dennoch den Kutscher an, langsamer zu fahren.

„Auch ich erfuhr das erst gestern von Andrew“, sagte Harriet. „Harold scheint fest entschlossen zu sein.“

„Harold kann mitunter ein rechter Dickkopf sein“, versetzte Sara lachend.

„Na, ein Dickkopf ist etwas anderes, liebe Sara“, meinte Harriet. „Ein Sturkopf ist er. Ich hoffe, er hat wenigstens dich in seine Pläne eingeweiht.“

„Das wird er sicherlich noch tun, Harriet.“

„Dachte ich mir. So war er schon immer. Vor Jahren, er war erst fünfzehn, setzte er sich doch glatt in den Kopf, Kapitän auf einem der Dampfschiffe zu werden. Er hat alles in die Wege geleitet, Erkundigungen eingezogen und sogar mit einem Kapitän darüber gesprochen, erst dann setzte er Andrew und mich in Kenntnis. Schließlich war ihm der warme Ofen zu Hause aber doch lieber als die raue Luft auf dem Fluss. Diesmal aber scheint es ihm wirklich ernst zu sein.“

„Er ist inzwischen ein erwachsener Mann“, gab Elizabeth zu bedenken. „Was hat Harold denn vor?“

„So genau weiß ich das nicht. Er will wohl in den Westen, sich dort eine eigene Existenz aufbauen.“

„Eine eigene Existenz aufbauen zu wollen, das ist doch nur natürlich für einen frisch verheirateten Mann.“

„Ja, Elizabeth, sicherlich ist es das. Eine Mutter sieht ihren Sohn nur nicht gerne ziehen. Käme es dir nicht auch hart an, wenn Sara wegginge?“

Elizabeth hustete wieder. „Ganz bestimmt, Harriet.“ Sie sah ihre Tochter dabei wehmütig an. „Doch wenn Sara Harold folgen wird, dann darf ich ihr dabei nicht im Wege stehen.“

„So schwer es mir auch fällt, ich kann Harold gut verstehen. Andrew stellt sich aber quer. Er ist der gleiche Sturkopf wie Harold. Ein Geschäft aufzubauen, noch dazu in einem unzivilisierten Land, darin sieht Andrew vor allem ein finanzielles Risiko.“

„Ach, Harriet, von Geschäften verstehen wir wohl nichts. Aber wenn es nur am Geld liegt, so wird sich doch eine Möglichkeit finden lassen.“

„Es ist wohl auch der Stolz. Andrew hat sich sein Geschäft hart erarbeitet, schon als die Buben noch klein waren, stand für ihn fest: Robert übernimmt den Laden und Harold die Werkstatt. Der Name McLain sollte hier in Lexington weiter bestehen. Jetzt will Harold seine Hoffnungen und Wünsche durchkreuzen. Natürlich ist Andrew gekränkt.“

Sie beugte sich zu Sara. „Und du, Liebes, wie denkst du darüber? Wenn Harold weggeht, wirst du deinem Mann folgen müssen.“

„Das weiß ich, Harriet. Ich werde immer an Harolds Seite sein, solange er das will.“

Harriet lächelte zufrieden. „Elizabeth, was haben wir doch für artige Kinder. Sara ist eine Zierde für unsere Familie. Ich hoffe inständig, wir dürfen uns schon bald über Enkel freuen. Dann müsst ihr uns so oft wie möglich besuchen, nicht wahr, Sara?“

„Das werden wir, Harriet.“

Sara errötete und senkte verlegen den Kopf. Außer sich zu küssen, hatte es Harold bislang nicht zu Intimitäten kommen lassen.

Andrew McLain war enttäuscht. Sein Sohn schlug sein großzügiges Angebot aus und durchkreuzte seine Pläne, anscheinend aus einer laxen Laune heraus. Dabei war gegen die Idee mit der Reparaturstation im Grunde nichts einzuwenden, doch hätte er seinen jüngsten Sohn lieber in Lexington als weit entfernt in einem unzivilisierten Land gesehen. Dort ein Geschäft aufzubauen und sich zu etablieren, war etwas anderes als hier in Missouri. Hier hatte er Harold zumindest noch unter seinen Fittichen. er versuchte, mit ihm vernünftig zu reden, ihn von seiner fixen Idee abzubringen.

„Die Werkstatt lehnst du ab“, sagte er zu Harold und bemühte sich, dabei ruhig zu bleiben. „Ich kann verstehen, wenn du etwas Eigenes willst. Hier fühlst du dich von mir bevormundet. Auch das kann ich nachempfinden. Xavier Bureaud und ich sind auf einem guten Weg, in absehbarer Zeit kann ich seine Plantage samt der Sklaven übernehmen. Das Land liegt zwei Meilen außerhalb der Stadt, du könntest sie statt mir übernehmen. Und wenn du Wert darauf legst, werde ich dir dabei auch nicht in die Quere kommen.“

„Daran liegt es nicht, Vater. Ich bin nicht mehr der Junge, der sich in den Kopf setzt, Kapitän auf einem Flussdampfer zu werden. Inzwischen habe ich klare, realistische Vorstellungen. Es passt dir einfach nicht, dass ich andere Pläne habe als jene, die du für mich vorgesehen hast.“

Wie sehr Harold damit die Wahrheit traf, zeigte Andrew nicht. Doch noch nie hatte sein Sohn so hart mit ihm gesprochen. Das verletzte ihn, und so beendete er abrupt das Gespräch.

Nach dem Abendessen pflegte sich Andrew auf die Couch neben den Ofen zu setzen, um die Zeitung zu lesen. Harriet setzte sich neben ihn. „Harold so weit weg zu wissen, noch dazu mit seiner jungen Frau, das macht auch mir Sorgen“, sagte sie.

Andrew reagierte nicht darauf, er hob nicht einmal den Kopf und las weiter in der Lexington Daily.

„Du bist stur, Andrew, weißt du das?“, fuhr sie unbeirrt fort. „Stur und verbissen hast du stets deine Ziele verfolgt. Und du hast gut daran getan. Schau dich an, was du alles erreicht hast. Vor ein paar Tagen saßen die angesehensten Männer der Stadt an unserem Tisch. Harold ist dir in so vielem ähnlich, du willst es nur nicht wahrhaben. Andrew, Harold ist ein Mann, er ist kein Junge mehr.“

Andrew legte die Zeitung auf das Tischchen vor sich. „Dann kann er mir auch beweisen, dass er ein Mann ist, der Verantwortung tragen kann. Ich bot ihm die Werkstatt an und die Plantage. Aber der Herr schlägt alle gut gemeinten Hilfen aus.“

„Weil er keine Hilfe will, Andrew. Die McLains sind eine stolze Familie. Ohne Hilfe, aus eigener Kraft haben wir uns all das aufgebaut. Du hast all das aufgebaut. Gib Harold die Chance, dasselbe in zehn oder zwanzig Jahren von sich zu sagen.“

Andrew stierte gedankenverloren vor sich hin. Er stand auf, schenkte sich ein Glas Whiskey ein und setzte sich wieder neben seine Frau.

„Robert war nie so“, sinnierte er. Er nippte an dem Glas.

„Weil Robert immer getan hat, was du von ihm erwartet hast. Harold ist nicht Robert. Dennoch sind beide deine Söhne. Andrew, verweigere Harold diese Chance nicht, sonst werden wir ihn womöglich ganz verlieren.“

Andrew stellte das Glas ab und lehnte sich zurück. Er lächelte seine Frau an. „Ich habe ganz vergessen, wie klug du bist. Ich werde darüber nachdenken.“

Harriet beugte sich zu ihm und küsste ihn auf die Stirn. Leise sagte sie: „Das, was die Familie McLain so stark macht, das ist der Zusammenhalt. In guten wie in schlechten Zeiten.“

Andrew nickte. Obwohl er sich schon an diesem Abend dazu durchrang, Harolds Pläne nicht weiter zu boykottieren, teilte er ihm diesen Entschluss erst zwei Tage später mit. Diese Zeit der Ungewissheit wollte er Harold noch auferlegen.

Als es so weit war lächelte Harold erleichtert, doch es folgte weder ein Freudenruf noch eine herzliche Umarmung.

„Danke, Vater“, sagte er lediglich und fing an, über die Vorbereitungen und notwendigen Lizenzen zu sprechen, die jetzt so rasch wie möglich zu erledigen waren. Wie glücklich er war, zeigte er erst, als er unverzüglich zu Sara eilte, ihr in die Arme fiel und freudestrahlend verkündete: „Wir fahren weg, Sara. Vater hat eingewilligt, schon bald werden wir uns eine eigene Existenz aufbauen. Sara, ich wollte dir vorher nur nichts sagen, um dich nicht in unnötige Sorgen zu stürzen. Doch jetzt gibt es nichts mehr, weswegen du dich grämen musst. Du bist mir doch nicht böse, Sara.“

Sie lachte ihn fröhlich an. „Ach, Harold, wie könnte ich dir jemals böse sein.“

„Meine kleine, süße Frau, dich kann nur der Herrgott an meine Seite gestellt haben. Wie froh ich doch bin.“

In seinem überschwänglichen Glück umarmte er Elizabeth herzlich.

„Und du, liebe Schwiegermama, kommst natürlich mit.“

Ohne ihr eine Gelegenheit zur Antwort zu geben, wandte er sich wieder Sara zu.

„Sara, ich hab dich die letzte Zeit vernachlässigt. Wenn aber erst einmal alles aufgebaut ist, die Reparaturstation und der Handelsposten, dann werde ich nur für dich da sein. Du wirst es sehen, Sara, und dann will ich Kinder haben. Drei, vier oder fünf, das ist mir egal, wenn sie nur so lieb und artig werden wie du.“

Lachend drückte er ihr einen Kuss auf die Lippen, grüßte Elizabeth und eilte schon wieder zur Tür hinaus.

Mit Eifer ging Harold daran, die notwendigen Vorbereitungen zu treffen. Zwei oder besser drei Transportwagen mussten gefertigt, die notwendigen Lasttiere dafür gekauft, Geschäftslizenzen beantragt und Handelswaren bereitgestellt werden. Sein Vater und auch Robert halfen ihm dabei. Als Harold dann eine Liste mit Waren vorlegte, die er aus Roberts Store zu nehmen gedachte, und ankündigte, drei oder besser vier Arbeiter aus der Werkstatt mitzunehmen, die ihm beim Aufbau der Station helfen sollten, kam es erneut zum Streit zwischen Harold und seinem Vater. Drei Arbeiter, die über Monate hinweg in der Stellmacherei fehlen würden, konnte er unmöglich entbehren. Zudem würde Harold mit seinen Ansprüchen Roberts halben Laden plündern und ihn damit in große finanzielle Schwierigkeiten bringen. Trotz allen guten Willens sahen sich Andrew und auch Robert einer Herausforderung gegenüber, die sie nicht dulden durften. Harolds Pläne kamen wieder zum vorläufigen Stillstand.

Ein weiteres Mal erhielt Harold Hilfe. Als Elizabeth von seinem Dilemma erfuhr, suchte sie Andrew auf. Sie gab ihm ein Kuvert. „Das ist mein letztes Geld, das ich noch von Tom habe“, sagte sie. Sie saßen in seinem Büro in den Sesseln. Die Hände auf ihrem Gehstock ruhend, hüstelnd und fahl im Gesicht, wirkt sie alt und krank, in ihren Augen aber leuchtete freudige Erwartung.

„Warum tust du das?“, fragte Andrew.

„Für Sara“, sagte sie. „Und für Harold. Und auch für mich. Denn ich habe mich entschlossen, meine Tochter zu begleiten.“

Andrew blickte sie erstaunt an. „Elizabeth, hast du dir das gut überlegt? Die Reise wird nicht leicht werden, und das Leben im Westen wird zumindest in den ersten Jahren alles andere als einfach sein. Willst du dir das zumuten?“

Sie lächelte müde. „Ich bin krank, Andrew, eine alte Frau. Wenn ich sterbe, möchte ich meine Tochter bei mir wissen.“

„Liebste Cousine, daran wollen wir doch noch nicht denken.“

„Es ist mein Wunsch, Andrew. Saras Wunsch ist es, ihren Mann glücklich zu machen, und Harolds Glück scheint nun einmal in diesem Stück Land im Westen zu liegen. Sara hat nicht die finanziellen Möglichkeiten, ich habe sie. Ich möchte unseren Kindern ihr Glück ermöglichen. Das Geld soll für das Land sein, das sie sich so sehr wünschen.“

Andrew seufzte. „Ich kann dein Geld nicht annehmen. Das Land, auf dem Harold die Station errichten will, liegt jenseits der Grenzen der Vereinigten Staaten. Es ist nicht einmal Territorium. Es ist Wildnis. Vor einigen Jahren gehörte Louisiana noch den Franzosen, wer weiß, was in Zukunft damit geschieht. Ich könnte das beanspruchte Land auch bei keiner Behörde registrieren, weil kein Rechtsanspruch darauf besteht. Allein eine Lizenz für die Station ist notwendig.“

„Dann sieh es als Geschenk, das ich Sara und Harold machen möchte. Das ist mein Teil an ihrem Glück.“

Natürlich ahnte sie, dass Harolds Anspruch an Waren aus dem Store sowie den geforderten Arbeitern aus der Werkstatt Andrew in finanzielle Verlegenheit brachten, vermied es aber geschickt, ihn direkt darauf anzusprechen.

Andrew wog das Kuvert unschlüssig in seinen Händen und sah seine Cousine nachdenklich an. „Dem Glück unserer Kinder wollen wir wohl beide nicht im Weg stehen. Das hast du schon durch Saras überaus großzügige Mitgift gezeigt. Und jetzt bist du bereit, alles aufzugeben, was dir noch geblieben ist.“

„Ich werde nichts aufgeben, Andrew. Sara ist alles, was ich noch habe. Sie will ich nicht aufgeben.“

Er nickte. „Ich kann dich sehr gut verstehen. Nun gut, Elizabeth, wenn es dein Wunsch ist, werde ich das Geld annehmen und in ihre Zukunft investieren.“

Sie legte ihre Hände erleichtert auf seine. „Danke, Andrew, ich danke dir aus ganzem Herzen. Doch bitte ich dich um einen Gefallen. Nur du und ich wissen davon, und das soll auch so bleiben.“

„Nicht einmal Sara soll davon erfahren?“

„Das möchte ich ihr zu gegebener Zeit selbst sagen. Wenn es so weit ist, werde ich es meiner Tochter sagen.“

Er tätschelte zärtlich ihre faltigen, warmen Hände. „Ja, Elizabeth. Und ich bin es, der danken muss. Auch im Namen von Harold. Man spricht davon, das Land westlich von Missouri den Vereinigten Staaten anzugliedern. Was tatsächlich geschieht, weiß niemand. Doch sollte es soweit sein, werde ich das Land auf deinen Namen eintragen lassen. Es wird dann dir und Sara gehören.“

Dem Aufbruch stand nun nichts mehr im Wege. Dennoch zogen sich die Vorbereitungen länger hin als vermutet. Hinzu kam, dass Andrew auf einen erfahrenen Führer bestand, den er schließlich in John Wolters fand, der jahrelang in den Rocky Mountains vom Pelzhandel gelebt hatte und sich jenseits von Missouri bestens auskannte. Auch die Fertigstellung der Transportwagen beanspruchte mehr Zeit als geplant. Als dann Ende März große Händlerkolonnen von Lexington aus auf den Santa Fe Trail zogen, fand sich Harold, von Ungeduld getrieben, selbst in der Stellmacherei ein und half eigenhändig bei den anfallenden Arbeiten.

Am 5. April 1848, einem milden, sonnigen Mittwochmorgen, brachen sie auf. Drei schwere Wagen waren vollbeladen mit Kesseln, Pfannen, Tüchern, Decken und Glasperlen, die für den Handel gedacht waren, sowie mit Werkzeugen, Messern, Lebensmitteln, Hausrat, Möbeln und einer großen Anzahl an gehobelten Brettern. Ihnen vorgespannt waren zwölf Maultiere, zusätzlich wurden sechs Pferde mitgenommen. Neben Harold, Sara und Elizabeth gehörten die Stellmacher Lorenzo, Lenar Dillmor und Mick Ferrow, der Scout John Wolters sowie das Dienstmädchen Ruby zu der Reisegesellschaft.

„Warum denn auch Ruby?“, wunderte sich Harolds Mutter.

Worauf Harold lachend antwortete: „Sie wird das Haus in Ordnung halten, Mutter. „Sara will ich damit nicht belasten. Und jetzt, wo ich weg bin, wird für sie hier nicht mehr viel zu tun sein. Außerdem findet ihr bestimmt schnell einen Ersatz für Ruby.“

Beim Abschied weinten Harriet und Elizabeth. Robert zog Harold noch einmal zur Seite: „Dass du mir gut auf Sara Acht gibst. Sie ist ein gutes Mädchen und verdient ein angenehmes Leben.“

Harold winkte leichthin ab. „Das werde ich schon. Brauchst dir keine Gedanken zu machen, Robert.“

Dann setzte sich der kleine Treck, begleitet von den besten Segenswünschen der Zurückgebliebenen, den Missouri entlang Richtung Westen in Bewegung.

Stimme des Sonnenaufgangs

Der Schneesturm legte sich und verstummte schließlich ganz. Lautlos sanken die letzten Flocken herab, im fahlen Licht des Abendmondes matt glänzend. Die kleine Familie fand Schutz unter den ausladenden Ästen einer mächtigen Tanne, hier wollten sie den Morgen abwarten. Der Vater schüttelte von einem großen Bisonfell den Schnee und legte es wieder um die frierenden Körper seiner Frau und seiner Tochter. Der Mann war von stattlicher Figur, die langen schwarzen Haare zu Zöpfen geflochten. Auf dem Kopf trug er einen eleganten Zylinder, den er vergangenes Jahr von einem amerikanischen Händler geschenkt bekommen hatte und den er seitdem täglich trug. Er lief durch den Schnee zu den Pferden und musterte sie. Der Sturm hatte ihnen nichts anhaben können. Auf dem Rücken eines Tieres lag ein erlegter Hirsch. Der Vater nahm ihn herunter und bedeckte ihn mit Schnee. Von einem anderen Pferd nahm er ein Bündel mit Fellen und den Proviantbeutel, legte beides unter die Tanne neben seinen Bogen und den Köcher und setzte sich wieder zu seiner Familie. Aus dem Beutel holte er ein Stück Trockenfleisch hervor, das er mit dem Messer in drei Teile schnitt. Zwei reichte er seiner Frau und seinem Kind, das dritte aß er selbst.

Die Jagd war erfolgreich gewesen, bald würden sie das Lager ihrer Sippe erreichen. Erschöpft, müde und schweigend aßen sie.

Das Schnauben der Pferde alarmierte den Vater. Sofort griff er nach dem Bogen und spannte einen Pfeil auf die Sehne. Aus dem Wald traten drei Männer. Einer hob grüßend die Hand, sie bekundeten, Hunger zu haben. Der Vater bat sie zu sich, da er keine Waffen an ihnen bemerkte. Sie setzten sich und aßen von dem, das ihnen angeboten wurde.

Das Mädchen fürchtete sich, misstrauisch beobachtete sie die Männer. Zwei Amerikaner waren es, der eine mit langen Haaren und dichtem Vollbart, der andere mit kurz geschnittenem Haar. Der Dritte war Mexikaner mit klobigem Kopf, struppigem Haar und einem vernarbten Gesicht. Das Mädchen fürchtete sich vor diesem Gesicht und dem spöttischen Grinsen.

Die Männer aßen gierig, wobei sie die Mutter und das Mädchen mit scheelen Blicken beobachteten. Nachdem sie gegessen und sich die fettigen Finger abgeleckt hatten, zog der Mexikaner unter seinem Man