Verlag: Plassen Verlag Kategorie: Fachliteratur Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

Sei nicht authentisch! E-Book

Stefan Wachtel

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E-Book-Beschreibung Sei nicht authentisch! - Stefan Wachtel

Das Original ist immer besser als die Kopie, oder? Eines Tages gönnte sich Elvis den Spaß und nahm an einem Elvis-Presley-Double-Wettbewerb teil. Er erreichte einen beachtlichen vierten Platz. Drei Doubles schienen dem Publikum authentischer.

Meinungen über das E-Book Sei nicht authentisch! - Stefan Wachtel

E-Book-Leseprobe Sei nicht authentisch! - Stefan Wachtel

STEFAN WACHTEL

Sei nichtauthentisch!

Warum klug manchmal besser ist als echt

Copyright © 2014 by Dr. Stefan Wachtel

Copyright Deutsche Erstausgabe © 2014 by Börsenmedien AG, Kulmbach

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München.

Gestaltung und Satz: Martina Köhler

Herstellung: Daniela Freitag

Lektorat: Claus Rosenkranz

Korrektorat: Hildegard Brendel

Druck: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm

ISBN 978-3-86470-223-5

Portraitfoto: © Carsten Sander aus dem „Heimat“-Zyklus, 2012. Mit freundlicher Genehmigung des Fotografen

Foto Innenseite: © Etienne Fuchs

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 · 95305 Kulmbach

Tel: +49 9221 9051-0 · Fax: +49 9221 9051-4444

E-Mail: buecher@boersenmedien.de

www.plassen.de

www.facebook.com/plassenverlag

Inhalt

Einleitung

I. Seien Sie gern Sie selbst. Aber machen Sie was daraus

1Ehrlich nichtauthentisch – Wie das Unechte Tausende Menschenleben rettet

2Warum manche einen besseren Eindruck machen

3Gefangen in uns selbst – Authenticity Bias

4Die zweite Natur

5Je sozialer, desto weniger authentisch sind wir

6Je besser unser Eindruck ist, desto mehr Fehler können wir uns leisten

7Faking Intelligence

8Selbstbewusstes Bewusstsein, unselbstbewusstes Bewusstsein

II. Warum wir authentisch sein wollen – Das Herz auf der Zunge, die Hand auf der Brust

1Was ist authentisch? Und wer sind wir, wenn wir auftreten?

2Auf der Suche nach dem Echten – Das Märchen vom Kern

3Das Paradox des Authentischen

4Gefahren des Authentischen

5Klischees des Authentischen

6Wollen wir wirklich authentisch arbeiten?

7Woher kommt der Wunsch nach dem Unverstellten?

8Warum sollten wir überhaupt wir selbst sein?

9„Das passt zu Ihnen!“

10Der Deutsche stammt vom Deutschen Schäferhund ab, der ist auch authentisch

11Vom Ausdruck zum Eindruck – zwei Authentizitäten

III. Warum es anders ist, als es uns gesagt wird

1Selbstdarstellung geht in Ordnung

2Es gibt keine Naturtalente

3Wir sollten uns nicht nur auf den Bauch verlassen

4Es kommt nicht nur zu sieben Prozent auf den Inhalt an

5Die Nichtauthentischen gewinnen

6Social Media machen nicht authentisch

7Es ist egal, welcher Typ Sie sind

8Es ist egal, ob es authentisch ist

IV. Warum wir mit dem Authentischsein immer wieder scheitern

1Die Spur der allzu Authentischen

2Der authentische Reflex

3Misstrauen Sie dem selbst Erlebten

4Was Ihnen nahegeht, wird Murks

5Authentizität kann teuer werden

6Nichtauthentische Gewinner I: Selbstversuch

7Nichtauthentische Gewinner II: xkarenina

V. Wie weit manche mit Authentischsein kommen – oder auch nicht

1Von Politikern lernen: Besser nicht

2Von Spitzenmanagern lernen: Manchmal

3Von Piloten lernen: Unbedingt

4Von Starköchen lernen: Klares Ja

VI. Was man für einen authentischen Eindruck braucht

1Lernen von innen nach außen: Zentrifugal – Mind over Matter

2Lernen von außen nach innen: Zentripetal – Matter over Mind

3Stellen Sie was dar – Power Posing

4Werfen Sie Ihr Päckchen ab

5Spielen Sie jemanden, der einen Auftritt hat

6Seien Sie eher katholisch als evangelisch

7Ignorieren Sie Misserfolge

8Überwinden Sie Ihre Blackouts

VII. Wie man sich eine Bühne baut

1Spielen Sie nicht gegen die Regie

2Inszenieren Sie das, wofür Sie stehen

3Beherrschen Sie die Bühne

4Vermeiden Sie Störendes

5Legen Sie einen drauf

6Machen Sie keine falsche Bewegung

7Starker Auftritt, starker Abgang

VIII. Wie man einen authentischen Eindruck hinbekommt

1Seien Sie niemals spontan, wenn es um Wichtiges geht

2Sagen Sie über andere nur Gutes

3Bauen Sie ein Dach

4Reden Sie nie ohne Plan

5Lesen Sie nie Text vor

6Bleiben Sie in der Spur

7Geben Sie sich ein Profil

8Schaffen Sie sich ein Etikett

9Bleiben Sie in Deckung

10Seien Sie nicht um jeden Preis im Recht

11Korrigieren Sie sich niemals ohne Not

12Lassen Sie sich nicht in die Karten schauen

13Lassen Sie Ihr Inneres, wo es ist

14Pflegen Sie Ecken und Kanten, aber nicht zu viele

15Halten Sie Ihren Preis hoch – Das Hermès-Vuitton-Prinzip

16Lernen Sie von den Staranwälten

17Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie besser nicht

18Machen Sie sich rar

19Nutzen Sie Details

20Pflegen Sie Handschrift und Skizze

21Überraschen Sie Ihre Umgebung – Uniform Bias

22Definieren Sie, worüber Sie nicht reden wollen

23Wenn etwas schiefläuft, ändern Sie die Kennung

IX. Welche Taktiken funktionieren

1Nehmen Sie Rat an

2Trainieren Sie wie im Sport

3Proben Sie mehrfach

4Suchen Sie sprachlichen Zugang

5Üben Sie den Auftritt vor den Schweinen

6Seien Sie auf alles gefasst

7Kennen Sie die Fettnäpfchen

8Kleiden Sie sich schon für Ihren nächsten Job

9Drohen Sie nie, warnen Sie eher

10Geben Sie Ihren Aussagen einen Spin

11Inszenieren Sie sich als schwach

12Inszenieren Sie sich als stark

13Regen Sie sich künstlich auf

14Zeigen Sie Wertschätzung

15Wenn Sie sich keine Namen merken können, dann merken Sie sich Namen

16Gehen Sie nie in die Rechtfertigung

17Sparen Sie sich Beteuerungen

18Entschuldigen Sie sich lieber

X. Im richtigen Film

1Spielen Sie im richtigen Film

2Spielen Sie so gut, dass Sie authentisch scheinen

3Verbergen Sie die Kunst

4Spielen Sie Ihren Part variabel

5Spielen Sie nur in dem Film, der zu Ihnen passt

6Fallen Sie nicht aus der Rolle – Non-Decorum Bias

7Seien Sie opportunistisch – Adaptation Bias

8Schalten Sie Selbstzweifel aus – Impostor Bias

9Bedenken Sie das Gegenteil

10Behaupten Sie nie, Sie seien authentisch!

11Übertreiben Sie es nicht

12Halten Sie sich nicht für einzigartig

Schluss

Epilog

Danke sehr

Literatur

Einleitung

Dieses Buch handelt von uns. Und dieses Buch handelt von Menschen, denen nichts in die Wiege gelegt wurde und die doch etwas hermachen. Es sind nicht unbedingt Überflieger, aber sie gewinnen. Sie gewinnen Aufträge, Preise, Blumentöpfe … und sie gewinnen Menschen. Weil sie mehr sind als nur authentisch.

Dieses Buch handelt aber auch von Menschen, die nichts dazulernen wollen, von allerlei allzu Authentischen, die am Ende verlieren.

Eines vorab: Ich sage nicht, dass Sie niemals authentisch oder spontan sein sollen. Sie müssen Werten treu sein, Sie müssen berechenbar sein, Sie müssen wissen, was Sie sich und anderen zumuten können. Ich plädiere auch nicht für freudlose, humorlose Arbeit an sich selbst und schon gar nicht für blanke Verstellung. Ich plädiere dafür, an einem guten Eindruck zu arbeiten.

Wir alle glauben, dass wir überzeugen können, wenn wir nur eins sind mit uns, wenn wir genau das tun, wozu wir „stehen können“. Wenn wir wir selbst sind, so wie wir gerade sind. Das ist ganz erstaunlich, denn unsere Alltagserfahrung erzählt uns täglich vom Gegenteil. Wo immer Menschen nur sie selbst sind und sonst nichts, geht eine Menge schief. Wenn Menschen hinzukommen, die „mehr aus sich machen“, geht vieles besser. Ihre Frage wird sein: Gehöre ich zu denen, die „über sich hinauswachsen“ können – die mehr sein können, als sie sind? Die zum Authentischen, das sie mitbringen, etwas beimischen können, das sie als Profi ausweist? Dieses Buch kann Ihnen dabei helfen, die Antwort auf diese Frage zu finden. Sie werden nach der Lektüre entscheiden, dass Sie zur zweiten Gruppe gehören wollen.

Das Buch ist ein entscheidender Schritt. Es entwickelt die Strategie, sich selbst und Ihre Arbeit an sich in ein gutes Verhältnis zu setzen. Auf den folgenden Seiten biete ich Ihnen Beispiele und Einsichten zu der einen Frage, die uns alle interessiert: Wie ist mein Ausdruck?

Sie werden erkennen, auf welche Weise Sie authentisch sein sollten – und auf welche nicht. Sie werden einsehen, dass die Art, wie Sie nun einmal sind, oder die Frage, ob Sie einen guten oder schlechten Tag haben, keine Rolle mehr spielen muss. Und Sie werden in der Lage sein, eine bessere Art zu entwickeln, wie Sie etwas erreichen, ob beruflich oder privat. Dieses Buch kann Ihre Methode verbessern, mit der Sie Eindruck machen.

Wir alle sind authentisch. Das ist auch gut so – solange uns das Authentische keine Probleme macht. Wir könnten es deshalb im Griff haben, kultivieren und etwas dafür tun – vielleicht auch uns inszenieren.

Szene 1: Eine Frau und ein Mann wollten etwas erreichen. Sagen wir, sie wollten eine Genehmigung bekommen, ein Restaurant an einer bestimmten Stelle zu betreiben, und in ein paar Tagen würden sie ein Gespräch dazu haben, es steht viel auf dem Spiel, es kann der entscheidende Schritt ihres Berufslebens werden. Aus ihrer Umgebung hörten die beiden: „Das macht ihr schon, ganz spontan, da geht ihr dann hin und da wisst ihr dann ja schon.“ Wahrscheinlich konnten sie sich keinen Coach oder Berater leisten. Sie kamen auch nicht darauf, dass man sich vorbereiten, dass man an sich arbeiten kann – das ist durchaus verständlich. Der wichtige Termin wurde zum Fiasko, denn im Gespräch sagten sie all das, was ihnen gerade in den Sinn kam, vielleicht waren sie auch nicht passend angezogen. Sie hatten keinen guten Plan. Sie waren zu authentisch und bekamen die Genehmigung nicht, aber sie sagten sich: Das passiert uns nicht ein zweites Mal. Dies ist die wahre Geschichte von zweien, die im zweiten Anlauf eines der heute teuersten Restaurants der Schweiz führen. Sie waren beim zweiten Mal besser vorbereitet.

Szene 2: Ein Spitzenpolitiker, er hätte das Geld für einen oder zwei Berater, dazu stehen ihm noch alle Fortbildungsmöglichkeiten seiner Partei zur Verfügung. Doch er wollte so bleiben, wie er ist. Er bereitete sich allenfalls „inhaltlich“ vor, er wollte sich schließlich nicht verbiegen lassen – und scheiterte. In deutschen Bundestags-Wahlkämpfen hat sich diese Geschichte dreimal wiederholt und sie wird sich vermutlich auch in Zukunft wiederholen, denn der Deutsche stammt vom Deutschen Schäferhund ab … aber darüber reden wir später.

Ganz man selbst sein, immer offen und ehrlich, das Herz auf der Zunge. Kaum eine Sehnsucht ist größer. Das Authentische in all dem Unechten zu erkennen, das ist, als ob man den Heiligen Gral fände. Dagegen macht sich vollkommen unmöglich, wer sich nicht auf Ursprüngliches, Echtes, Unverbogenes berufen kann. Dass es das Ursprüngliche, Echte bei Menschen allenfalls noch im Moment der Geburt gibt, ist deprimierend. Und dass das Authentische inzwischen industriell hergestellt wird, lässt uns nur noch lauter danach rufen.

Vor einigen Jahren sagte mir nach einem Vortrag jemand aus dem Publikum: „Finde ich gut, wie Sie das machen, so authentisch!“ Das enthielt eine versteckte Warnung: Ganz professionell war ich damals nicht. Es war keiner der richtig guten Vorträge, er war eher assoziativ. Er hatte zu wenig Struktur und war nicht gut genug vorbereitet. Ich war an dem Tag zu sehr ich selbst. Es fehlte ein guter Plan und ich hätte den Vortrag proben sollen. Ich schien nicht nur authentisch und teils sogar spontan, was kein Problem gewesen wäre, ich war es auch. Etwas fehlte und ich musste daran arbeiten, dass dieses Etwas hinzukommt. Der nett gemeinte Satz „Sie sind so authentisch“ ließ mich Verdacht schöpfen. Er war der Anlass für dieses Buch.

„Die 5 Weisen“ hieß in dieser Zeit eine wöchentliche Kolumne des Handelsblatts. Mein Text mit der höchsten Resonanz hatte den Titel „Authentisch! Besser nicht!“. Offenbar war nicht nur mir unbehaglich bei der Vorstellung, immer authentisch sein zu sollen. Im Sommer 2007 hielt ich an der Universität Zürich den ersten Vortrag mit dem Titel „Authentisch – besser nicht!“. Dieses Thema begleitet mich seither. Es spaltet und es eint, denn bislang waren sich alle einig – auf den ersten Blick. Authentisch sein, echt sein, ganz man selbst sein, das zählt. Authentisch managen, authentisch auftreten, authentisch verkaufen, spontan und aus dem Bauch, das ist gefragt. Wer jedoch genauer hinsieht, muss ein paar Fragen stellen: Wer bin ich, wenn ich verkaufe, manage oder auftrete? Und interessiert das jemanden? Sind Topmanager, die ich im TV sehe oder auf der Betriebsversammlung höre, authentisch? Sind Politiker authentisch oder tun sie nur so? War die Kanzlerin authentisch? Und wenn nicht, warum war sie dann erfolgreich? Zweimal habe ich am Bieterkampf um die Vorbereitung des TV-Duells zur Bundeskanzler-Wahl teilgenommen. Ziel ist dort alles Mögliche, nur nicht authentische Kanzlerkandidaten.

Die Antwort auf die Fragen kann ich schon jetzt verraten: Authentisch sind die alle nicht. Manchmal muss man sagen: glücklicherweise. Die wichtigere Frage für Sie wird sein: Was kann ich tun, damit ich authentisch scheine? Meine Antwort lautet: das Buch lesen, Methoden lernen, Ihre Wirkung gut vorbereiten. Ich bin Mechaniker des Auftritts und die Werkzeuge finden Sie in dieser Anleitung. Sie erklärt, warum manche Menschen einen besseren Eindruck machen als andere, warum manche im richtigen Film spielen – und manche nicht.

Wenn Sie ein gutes Maß finden wollen, stehen Ihnen allerdings drei Hindernisse im Weg. Das erste ist ein Strauß von Klischees und Missverständnissen. Das zweite sind fehlende Taktiken, um einen authentischen Eindruck zu erzeugen. Das dritte Hindernis sind Sie selbst. Davon handelt der letzte Teil: Wie passen Sie in den Film, in dem Sie jeden Tag spielen?

Dieses Buch kann Sie davor bewahren, das Unmögliche – und Unnötige – zu versuchen. Sie können nicht immer authentisch sein. Versuchen Sie stattdessen das Mögliche. Haben Sie einen Plan, seien Sie im richtigen Film, bereiten Sie sich vor, bleiben Sie in der Spur.

Dieses Buch hat von meinen Klienten gelernt, von kleinen Gesprächen, großen Reden jeder Art, Müll- und anderen Skandalen, allerlei Affären, der legendären Hauptversammlung einer Bank, auf der Gegenstände an den Kopf meines Klienten flogen, nicht enden wollenden Streiks, Champions-League-Trainern, die mit Ende 50 fragten: Was kann ich selbst noch besser machen? Sie finden hier Erfahrungen aus vielen Jahren Executive Coaching für Spitzenmanager und sieben Jahren Coaching für TV-Moderatoren.

Dieses Buch hat Fertigungstiefe: So populär die Titelüberschriften und Ratschläge sind, so profund sind die Argumente und Daten dahinter. Für viele der Taktiken gibt es Belege, oft Harvard- oder Stanford-Studien, manchmal von Universitäten aus Halle oder Dresden. Außerdem gehe ich induktiv vor: Ich analysiere Einzelfälle und mache daraus eine Regel. Fangen wir an.

Kapitel I.

Seien Sie gern Sie selbst. Aber machen Sie was daraus

1 Ehrlich nichtauthentisch – Wie das Unechte Tausende Menschenleben rettet

Als Adolfo Kaminsky seinen ersten Ausweis fälschte, in seinem späteren Labor mit dem Geruch des Holztisches, von Tinte und echter Feder, da trug er einen sehr französischen Namen ein, Julien Adolphe. Er schrieb mit der Schrift eines kleinen Standesbeamten langsam die Buchstaben auf den gerade gebastelten Karton. Nicht nur das, alles musste er sich mühsam aneignen. Er verschlang Chemiebücher, in denen die Zusammensetzung von Tinte und Klebstoff erklärt war, und dass blaue Waterman-Tinte mit Milchpulver löschbar ist. Adolfo Kaminsky ist argentinischer Jude, der in Frankreich lebte, mit einem gelben Stern auf seiner Jacke, die deutschen Besatzer verlangten das. Es war das Jahr 1943. Die Résistance gegen Hitlerdeutschland verlangte es, dass er fälschte. Und sein Gerechtigkeitsgefühl verlangte es.

Als Adolfo Kaminsky erneut zum Fälscher wurde, unterstützte er viele Hundert Landsleute, die nach Palästina auswandern wollten und von den Briten abgewiesen wurden. Als sich abzeichnete, dass Israel selbst in der Verfassung Menschen nach Religion trennt, blieb er selbst lieber in Paris zurück. Die nächste Gelegenheit kam bald. Unterstützer des algerischen Freiheitskampfes brauchten seine Dienste und wieder diente er der Menschlichkeit. Die Schweizer Ausweise waren immer am schwersten zu fälschen, wegen des besonderen Papiers, aber Adolfo schaffte schließlich auch das, durch Mullbinden, die er bei Papierherstellung einwob. Ein drittes Mal wurde er der Meisterfälscher einer ganzen Bewegung. Seinen falschen Namen, er hatte sich im Auftrag der jüdischen Freiheitsbewegung Alija Bet ja selbst einen Ausweis gemacht, behielt er gleich bei, Julien Adolphe Keller.

Schließlich war seine Aufgabe das Fälschen von Geld – der Widerstand gegen den Algerienkrieg wollte durch große Mengen Falschgeld die französische Wirtschaft destabilisieren. Kein einziger der Scheine wurde je verwendet. Als der Algerienkrieg plötzlich vorbei war, verbrannte Adolfo die Scheine – es brauchte Wochen, wegen der guten Qualität. Adolfo Kaminsky würde heute noch arbeiten. Jeden einzelnen Ausweis würde er heute wieder fälschen – weil er mit der Herstellung von Unechtem Leben retten kann. Das ist mehr als eine hübsche Geschichte. Es ist eine Gelegenheit, klarzustellen, dass nicht nur das Authentische ehrenwert ist, sondern öfter als wir denken auch seine professionelle Weiterentwicklung.

2 Warum mancheeinen besseren Eindruck machen

Jemand kommt herein, man spürt, er wird gut rüberkommen, er wird Wichtiges beitragen, er zieht andere an, er hat die Situation in der Hand. Vor allem aber: Er passt, so wie er jetzt scheint, in die Landschaft. Alles stimmt, von der Kleidung bis zu den Worten. Er ist im richtigen Film.

Er beginnt zu reden, wenige, klare Worte, unaufgeregte Gesten. Und vollends aufmerksam werden wir, wenn er sich im Raum bewegt. Die Person steht kurz in der Nähe des Ausgangs, macht einige Schritte, dann wendet sie sich den Anwesenden zu. Es scheint, als sei jetzt für jeden ein Lächeln da, ein kurzer Blick.

Ist er so? Oder was ist das, was ihn so erscheinen lässt? Hat er das mitbekommen, in den Genen? Oder hat er etwas vorbereitet, etwas gelernt? Macht er das zum ersten Mal oder jedes Mal so – oder jedes Mal anders? Wenn wir uns dafür interessieren, wer das ist, sind wir erstaunt: Er ist kein Schauspieler, auch nicht unbedingt einer „aus gutem Haus“, der es einfach hatte. Mein Klient war ein Durchschnittsjunge mit Pickeln und Nickelbrille, der nie im Mittelpunkt stand. Er hat irgendwann Mathematik studiert. Dann ist er bei einer Strategie-Beratungsgesellschaft gelandet, wurde Controller, dann Finanzvorstand – und damit der Inbegriff des Graumäusigen. Aber diese Person hat gelernt, zu wirken. Ein paar Worte, der Auftritt, der Blick, die Stringenz der Statements: Das ist es. Das ist rund.

Meine Klienten sind häufig Menschen, die mehr um die Ohren haben als einen kleinen Auftritt dieser Art. Sie haben mehr als ein paar Begrüßungsworte vorzubereiten – und trotzdem muss auch diese Aufgabe professionell angegangen werden. Solche Menschen führen börsennotierte Konzerne oder Familienunternehmen oder sie leiten Parteien. Sie sind keine Schauspieler, aber sie spielen in einem Film.

3 Gefangen in uns selbst – Authenticity Bias

Wir kennen diese Momente, in denen wir merkwürdig wortreich werden, mehr reden, als uns lieb ist, uns sprichwörtlich „um Kopf und Kragen“ reden. Wir sind in der Enge, meist in der Rechtfertigung, oft in höchster Not. Man sieht es uns an. Wir sind authentisch, und das macht uns Probleme. Es reitet uns tiefer hinein, es ist gefährlich.

Wir alle verspüren eine ganz grundsätzliche Neigung, authentisch zu sein. Dieses Phänomen heißt „Authenticity Bias“. Die US-Forscher Anthony J. Onwuegbuzie, Nancy L. Leech und Kathleen M. T. Collins haben es beschrieben. Wir fallen immer wieder zurück auf ein Repertoire tief sitzender Verhaltensweisen, die an uns kleben wie Pech. Das ist keine neue Weisheit. Aber wir verwechseln manchmal dieses angeblich „aus dem Bauch“ kommende Verhalten mit Authentizität. Drei Klischees beruhen darauf:

1.Allein weil dieses Verhalten angeblich aus uns selbst kommt, wird es als ethisch anständig angesehen. Wir trauen uns nicht, daran zu rütteln.

2.Allein weil dieses Verhalten angeblich aus uns selbst kommt, wird es als unabänderlich, natürlich oder echt angesehen. Daraus wird ein Argument gegen Veränderung.

3.Allein weil dieses Verhalten angeblich aus uns selbst kommt, glaubt man, damit auch erfolgreich durch das Berufsleben zu kommen.

Dabei wünschen wir uns in den besonders authentischen Momenten sehnlichst das Gegenteil. Wir wünschen uns weit weg, wir wünschen uns, dass die anderen nicht sehen können, wie wir gerade sind und wie wir uns fühlen. In diesen Momenten hätten wir liebend gern das nicht Echte, mit dem wir dies und das verbergen könnten. Wir würden dann gerne andere unserer Eigenschaften in den Vordergrund stellen, gerne auch nur irgendetwas, eine gelernte Prozedur, einen Spruch, eine Taktik, aber es gelingt oft nicht. Es gelänge mit einem Plan, einer Methode, einer anderen Einstellung, einem anderen Film – mit Vorbereitung. Schauen wir uns an, wie wir dort hinkommen.

4 Die zweite Natur

„Freund, langdauernder Übung bedarf’s, so sag’ ich; Sie wird dann sich als zweite Natur der Menschen schließlich erweisen“, schreibt Aristoteles in seiner „Nikomachischen Ethik“.

Während wir glauben, das Authentische seien wir selbst, ist längst klar: Unser Verhalten ist oft nur Gewohnheit. Aus einer schlechten Gewohnheit wird aber nichts Gutes, auch wenn man sie authentisch nennt. Aus einer ersten Natur wird nur eine zweite Natur, mehr nicht. Schauen wir genauer hin.

Für den Rhetoriker Cicero gab es nicht nur die eine, ganz authentische Natur. Als zweite Natur erkannte er die Gewohnheit („Consuetudo quasi secunda natura dicitur“). Spätestens seitdem ist die zweite Natur ein fester Topos. Natur ist nicht mehr nur das Authentische Typ I, sondern alles, was wir tun. Was nicht nur aus uns selbst kommt, erkannte man schon früh als Teil von uns selbst. In der Neuzeit taucht die zweite Natur unter negativem Vorzeichen wieder auf. Philosophen des Stalinismus, eine der grandiosesten Entfremdungsmaschinen der Geschichte, geißelten später die zweite Natur als Entfremdung. Die zweite Natur gehörte bald zur „Welt der Ware“, sie wurde als böse erkannt, nicht echt. Seit 1968 ist dieser Gedanke nun wieder ein Gemeingut. Was nicht geradewegs aus dem Innersten kommt, gilt als verdächtig.

Wenn aber zu uns selbst mehr gehört, nicht nur das uns nahe Liegende, sondern auch unser äußerliches, pragmatisches Handeln, ist es umso ignoranter, dass heutige Ratgeber raten: „Seien Sie Sie selbst – und sonst nichts!“ Tausende Jahre alte Einsichten werden vergessen. Schon Aristoteles, der die zweite Natur als Allererster benannte, war dieser Sicht voraus. „Denn es ist immer noch leichter, die Gewöhnung umzubilden als die Naturanlage; ist doch auch der Grund, weshalb die Gewöhnung schwer zu ändern ist, eben der, dass sie zur zweiten Natur geworden ist.“ Er wusste: Auch die zweite Natur ist eine Natur. Das ist uns heute verloren gegangen. Als authentisch darf vorgeblich nur das gelten, was von ganz innen kommt und gar nichts mit dem Äußeren zu tun hat. Die erste Natur okkupiert die zweite.

5 Je sozialer, desto weniger authentisch sind wir

Ich möchte Sie zuerst mit einem Naturgesetz vertraut machen. Es scheint gänzlich unbekannt zu sein. Das Naturgesetz heißt: Je mehr andere anwesend sind, desto weniger genügt uns das, was wir in uns haben, und desto mehr tun wir hinzu. Anders gesagt. Je mehr Zuschauer wir haben, desto professioneller werden wir.

Das Soziale macht unser Leben aus. Die anderen, die um uns sind, sorgen aber auch dafür, dass wir uns verstellen. Und hier beginnt das Problem. Sozial zu sein bedeutet eben gerade nicht, authentisch zu sein. Der Stanford-Professor Jeffrey Pfeffer hat es in seinem Buch „Macht“ in Bezug auf Manager beschrieben: Zunächst erleichtert das Soziale, einfache Dinge in Gesellschaft zu tun. Das schätzen wir. Sobald aber der Grad an Komplexität zunimmt, werden wir professioneller. Wir alle müssten es kennen: Je mehr wir beobachtet werden, desto besser müssen wir uns auf Eindrücke und Auftritte vorbereiten und desto weniger authentisch können wir sein. Das artet in Stress aus. Wenn der Druck eines Amtes und also auch der Grad an Öffentlichkeit steigt, kippt steigende Aufmerksamkeit um: Manche sich in strengen Rollen befindenden Menschen empfinden Öffentlichkeit als so belastend, dass sie ihre eigentliche Arbeit nicht tun können.

Das kennen wir alle: Sind wir von mehr und mehr Publikum umgeben, schlägt Quantität in Qualität um, diesmal in umgekehrter Richtung: Je intensiver wir uns vorbereiten, je mehr wir üben, desto mehr befreien wir uns vom Druck. Anders gesagt: desto authentischer können wir scheinen. Je mehr der Schauspieler probt, desto besser spielt er. Er spielt gut durch viel Übung und spielt dadurch fast so, als stünde er leibhaftig vor einem, als sei er authentisch. Er ist es aber nicht.

Am Ende gilt das scheinbar Paradoxe: Je professioneller wir sind, je mehr wir etwas schon mehrfach ausprobiert haben und es nur noch ausführen, desto authentischer können wir scheinen. Übung macht den Meister, und dem scheint alles ganz authentisch von der Hand zu gehen.

6 Je besser unser Eindruck ist,desto mehr Fehler können wir uns leisten

Bill Clinton hat sich während seiner Amtszeit mehrfach etwas geleistet, für das jeder Filialleiter hätte gehen müssen. Als Präsident hat er alle Affären überlebt. Sein ganzer Auftritt machte den Eindruck, er könne trotzdem seinen Job gut machen, immerhin den des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Es kommt darauf an, wie gut man bei einer Sache einen authentischen Eindruck erweckt. Bill Clintons gut tariertes Verhältnis aus authentisch und geprobt, aus authentischem Bill und geprobtem Eindruck, hat ihn schier unangreifbar gemacht, selbst dann, als er dem schlimmsten Vorwurf ausgesetzt war, dem jemals ein Präsident ausgesetzt war: Fellatio mit einer Praktikantin.

Wer hinter dieses Bill-Clinton-Phänomen sieht, entdeckt jede Menge Methode. Sein Auftritt ist das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit. Vor der jüngsten Nominierung des demokratischen Präsidentschaftskandidaten hielt Bill Clinton eine Rede. Er war 67 Jahre alt und inzwischen der beste Redner der Welt, ein Mann, der vom Redenhalten lebt, der teuerste Redner der Welt. Der kann es doch nun wirklich aus dem Stegreif, oder? Nein! Diese Rede hat er geprobt. Nicht weil Clinton der beste Redner der Welt ist, muss er nicht mehr trainieren. Das Gegenteil ist richtig: Er ist der beste Redner der Welt, weil er trainiert.

Anders als man denken sollte, ist es aber nicht die Welt der Politiker, in der wir die höchste Professionalität beobachten können: Spitzenmanager sind weiter als Politiker, was einen professionellen Auftritt angeht. Politiker scheinen uns wenig authentisch – obwohl sie es leider oft sind. Und das ist das Problem.

7 Faking Intelligence

Eine junge Amerikanerin hatte im Alter von 19 Jahren einen Autounfall, als Sicherheitsgurte noch nicht Pflicht waren. Sie trug eine Hirnverletzung davon. Als sie aufwachte, erklärten ihr die Ärzte, ihr IQ sei um zwei Standard-Abweichungen beeinträchtigt, sie würde niemals einen Schulabschluss machen können. Mit 22 kam sie an die Highschool zurück. Es dauerte lange, aber sie schaffte es: Sie hatte zu knabbern, aber trotzdem wollte sie auch noch studieren, und zwar nicht irgendwo. Sie konnte die entscheidenden Personen überzeugen, sie an der Princeton University anzunehmen. Geht das gut? Mit Ach und Krach?

Die Erklärung ist: Sei nicht authentisch! Die Frau erklärt, es sei „Fake“ gewesen. Und dass sie „fakt“, bis heute, exakt mit diesem Wort formuliert sie ihren Berufsweg. An ihrem ersten Tag an der Uni wollte sie wieder gehen, sie gehörte ja nicht wirklich hierher. Ihr Betreuer sagte ihr: „Du fakst es einfach, während du es tust. Du tust so, als ob du studierst, dann schreckt es dich nicht mehr.“ Und so kam es. Sie sagt heute selbst, dass sie alles gefakt hat, in Princeton, an der Northwestern University und an der Harvard University. Dort klagte eines Tages einer ihrer Studenten über den Leistungsdruck: „Ich beende das, ich kann das nicht.“ Da musste sie daran denken, dass sie selbst ja auch letztlich gefakt hat, während sie studiert hatte. Sie stellte es dar, während sie es wirklich wurde. Sie riet ihrem Studenten, es genau so zu tun. Eine irre Story: Eine Frau mit einer Hirnverletzung ist heute Professorin an der Harvard Business School.

Die TED Conference in San Francisco ist die Königin der Events der digitalen Welt. Wer hier etwa sagen darf, hat es geschafft. Apple-, Google- und Facebook-Chefs, alle haben sie dort referiert. Trotzdem schaffte es jemand mit einem etwas zweifelhaften Thema dort hinein: Eine junge Harvard-Professorin erreichte im Ranking der angeklickten Vorträge schnell einen Spitzenplatz. Der Vortrag stellt Forschungen über Eindrücke vor, aber der Grund für die Wirkung des Vortrages war auch eine persönliche Geschichte – ihre Geschichte von der gefakten Intelligenz. Diesen Vortrag hielt die junge Frau mit dem Unfall in Wyoming.

8 Selbstbewusstes Bewusstsein,unselbstbewusstes Bewusstsein

Michael Jackson verließ sein Londoner Hotel, nur für ein paar Minuten. Er schlich an der Rezeption und ganz nah am Gemäuer vorbei zu den Fans, die er vom Fenster aus gesehen hatte. Sie schliefen in Schlafsäcken, um am nächsten Morgen vielleicht ein Foto ihres Stars zu schießen. Er kam unten an und begann die Schnürsenkel der Schuhe zusammenzubinden, die sie auf ein Häufchen gelegt hatten.

Was man braucht, um so etwas zu tun, nennen wir Ironie. Ironie bedeutet, schräg zu dem Film stehen zu können. Ironie bedeutet, selbst auszusuchen, in welchem Film man spielt. Ironie bedeutet, schräg draufzusehen. Die Portion Ironie, die zu der Schnürsenkelgeschichte gehört, ist gewaltig. Michael Jackson hätte schräg drüber stehen können, sein Leben lang, aber er schaffte nicht immer die Balance aus Mensch und Film und nicht die Leichtigkeit – nur in wenigen Momenten wie an diesem Abend.

Aber mit der Leichtigkeit ist es so eine Sache, wie an diesem Abend. Einer der Fans erkannte ihn und schlug Alarm, alle vermuteten einen Dieb. Sofortige Flucht, als der ganz normale Michael nicht in den Film passte. Michael Jackson wollte nur ganz kurz authentisch, nur der Michael sein. Doch er wurde wieder in seinen Film hineingestoßen.

An einem Julitag in einem Deutsch-Sommerkurs im Ostberlin der 1980er-Jahre: Ein Assistant Professor der Universität Albany, New York, malte etwas in den Sand. Es war eine vierstufige Theorie des Bewusstseins. Aus der Erinnerung habe ich vier Stufen unseres Bewusstseins kategorisiert. Oben steht ein Mindset, das souverän ist. Es ist eine Art Authentizität zweiter Ordnung. Die Rolle wird nicht gespielt, sondern in das Leben integriert. Sie macht einen Zustand möglich, der als stimmig empfunden wird. Das ist selbstbewusstes Bewusstsein. Darunter gibt es weitere Stufen, insgesamt vier.

Selbstbewusstes Bewusstsein:

2b Ironie / Authentizität höherer Ordnung

2a Zynismus / Ideologie

Unselbstbewusstes Bewusstsein / Authentisch

1b Hoffnung

1a Naivität / pure Authentizität

Ganz unten steht Naivität. Die naive Authentizität verhindert den selbstbewussten, wirkungsvollen Eindruck, das wissen wir. Das Authentische gehört in die unterste Stufe unseres Bewusstseins. Darüber finden wir eine etwas ambitioniertere Form; ich nenne sie die Hoffnung. Wer aber mehr erreichen will, muss aus der Stufe unselbstbewussten Bewusstseins heraus. Wenn Sie einen stimmigen Eindruck erreichen wollen, sollten Sie von oben auf Ihre Situation schauen können. In der Stufe 2a finden wir die Methode „Recht behalten“ – und alle Besserwisser und Ideologen. Manchmal rutschen wir dort hinein. Nur die beiden oberen Stufen bieten die Gewähr, nicht mehr nur pur authentisch zu handeln, die oberste natürlich noch mehr. Authentizität II ist oben, Authentizität I ist unten.

Die Vorstellung, Abstand zum eigenen Leben zu haben, in einem Film mitzuspielen, irritiert Sie? Stellen Sie sich das Umgekehrte vor. Sie sprechen einfach über sich selbst, wie Sie sind. Stellen Sie sich vor, Sie werden nach vorn gebeten oder Sie sollen einfach nur kurz aufstehen. Man sagt Ihnen, Sie sollen nicht spielen, Sie sollen einfach Sie selbst sein, einfach machen. Man sollte meinen, das befreit. Keine Rolle, keine Aufgabe, kein Korsett. Es ist natürlich nur ein kleines Gedankenexperiment.

Aber genau das haben wir getan. Als ich am Theater Sprechlehrer war, habe ich zusammen mit dem Bühnencoach junge Schauspieler, die dort beginnen wollten, gebeten, gar keine Rolle zu spielen. Einfach nur sie selbst, über sich sprechen, ganz unverstellt. Es war grauenhaft. Zwei oder drei von ihnen hatten gerade einen Arbeitsvertrag unterschrieben. Als wir sahen, wie sie sich gaben, so ganz ohne Rollen, machte sich Entsetzen breit, der Intendant wollte seinen Anwalt anrufen. Vielleicht können wir das im Kopf behalten. Ganz echt, ohne Ihren Film, sehen Sie nicht unbedingt besser aus.

Genau das kann man überall beobachten, wo Menschen sich selbst vorstellen, wenn sie versuchen, der Wahrheit ganz nah zu kommen, wie sie sind, in möglichst korrekter Reihenfolge zu sagen, wie sie heißen und was sie wann getan haben. Es ist furchtbar, nicht nur, weil es langweilig ist. Es ist ohne Vorbereitung schlicht unmöglich. Sich richtig gut selbst vorstellen, das erfordert besonders viel Mühe – manchmal eine Probe, und besser noch: Training.

Kapitel II.

Warum wir authentisch sein wollen – Das Herz auf der Zunge, die Hand auf der Brust

1 Was ist authentisch?Und wer sind wir, wenn wir auftreten?

Authentisch sein heißt, den anderen in uns hineinschauen zu lassen. Wir assoziieren mit dem Authentischen vielfach das Offene:

•kein Blatt vor den Mund nehmen

•etwas frank und frei aussprechen

•das Herz auf der Zunge tragen

•Klartext sprechen

•frei von der Leber weg reden

•mit etwas nicht hinter dem Berg halten

•seiner Zunge freien Lauf lassen

Mit dem Nichtauthentischen verbinden wir vielfach Verschlossenheit:

•mit etwas hinter dem Berg halten

•jemandes Lippen sind versiegelt

•nicht mit der Sprache herausrücken

•verschlossen sein wie ein Grab

•die Kiemen nicht auseinanderkriegen

•sich in Schweigen hüllen

Was ist authentisch? Wikipedia sagt: „Angewendet auf Personen bedeutet Authentizität, dass das Handeln einer Person nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird, sondern aus der Person selbst stammt.“ Das Wort „Authentizität“ ist spätionischen Ursprungs, fast 3.000 Jahre alt und bedeutet „Echtheit“. Oft kommt noch jede Menge Moralisches hinzu. So sollen wir sein? So wollen wir sein? So wie die, von denen wir sagen oder hören oder lesen, sie seien authentisch?

Sprechen wir über Daniela und Angela: Wir sollten dankbar sein, dass es eine junge blonde Pfälzerin gibt. Es gibt kein besseres Beispiel als Daniela Katzenberger! Exzellent inszeniert sie ihre Authentizität. Das Beispiel Katzenberger zeigt auch, dass ein Schulabschluss nichts aussagt über die Fähigkeit, mit sich selbst spielen zu können – selbstbewusstes Bewusstsein. Wie wird Daniela Katzenberger wahrgenommen? Als vollkommen authentisch. Jeder würde sagen: Das Authentische, das macht sie aus. Sie ist es aber nicht, sie spielt.

Schauen wir uns Angela Merkel an. Sie ist immer in der Spur, fällt nie aus der Rolle, hat für jeden ein freundliches Wort übrig, manchmal auch ein ernstes Wörtchen – anders als ihre Herausforderer, die entweder die falsche Ansprache hatten oder alles persönlich nahmen. Was macht eine „große“ Persönlichkeit aus, bei der das Authentische dosiert wirkt? Denn so ist jemand nicht von selbst. So gefährlich das präsidiale Absorbieren aller Themen durch Angela Merkel ist, so wenig können wir ihren Eindruck kritisieren. Im Gegenteil: Es ist ein Musterbeispiel für das Managen des Authentischen. Genau das haben Merkel und Katzenberger gemeinsam. Aber nur das.

Der Bias ist eine verhängnisvolle Neigung, ein Fehler unserer Natur. Ein Bias taucht immer dort auf, wo wir Irrtümern aufsitzen. Aber das wissen wir oft erst danach. Der Authenticity Bias verhindert überzeugendes Auftreten, Reden, Antworten, Erscheinen. Authentisches allein nützt uns nichts. Wir müssen etwas hinzutun. Pure Authentizität ist zunächst wertlos, nur als Eindruck ist sie wertvoll. Dass am Ende immer die anderen entscheiden, war schon immer so. Vielleicht stehen wir mitten in einer neuen Phase. Akzeptanz ist ihre Währung. Auf unser Thema angewendet heißt das: Authentisch genannt wird nur, was dem Publikum authentisch scheint. Den Blumentopf gewinnen wir mit dem scheinbaren Gegenteil. Die anderen entscheiden: authentisch – oder nicht.

2 Auf der Suche nach dem Echten – Das Märchen vom Kern

Leider muss man es sagen: Wir sind nicht unteilbar. Das Individuum – In-Dividuum, das nicht mehr Teilbare – ist kaum mehr als eine hübsche Idee. Wir sollten nicht annehmen, dass es so etwas gibt, denn die Vorstellung, nicht teilbar zu sein, ist verwegen. Die Forscher Margaret King und Jamie O’Boyle belegen die These: Wir wechseln uns etwa alle 20 Jahre radikal aus, am radikalsten zwischen 15 und 20, dann in der Phase von 35 bis 40, dann wieder von 55 bis 60 und dann noch einmal, wenn wir die Gelegenheit dazu bekommen, mit über 75 Jahren. Das Authentische von gestern ist nicht das Authentische von heute. Es gibt nichts, das die Zeiten überdauert.

Das Innerste ist der wahre Gral und auf der Suche danach ist oft fast jedes Mittel recht. Um es wenn schon nicht zu finden es doch behaupten zu können, hatten Markenberater eine tolle Idee. Sie sagen: Es gibt einen Kern, auf den sich alles andere beziehen lässt – der Markenkern. Man kann so etwas gut für Gegenstände definieren, aber wie ist das bei Menschen? Der harte Kern, die weiche Schale – das ist ja ein alter Topos. Aber was ist der Kern? Ist es das, was Menschenfresser wieder ausspucken würden? Im Ernst: Der Kern ist eine wunderbare Metapher, aber sie führt in die Irre. Denn wir alle sind eine Schnittmenge aus allem, zu dem wir in Beziehung stehen oder standen.

Es gibt keinen immer gleichen Kern. Aber es gibt Wiederkehrendes, das zum Authentischen des Einzelnen gehört:

A.Jemand spielt seinen Film mit markanten Eigenarten. Man erkennt ihn darin wieder („Typisch Peter!“).

B.Verschiedene Personen füllen einen Part sehr verschieden aus, weil sie ihn mit verschiedenen Verhaltensweisen und Redestilen umsetzen („Der Claudia haben sie das besser abgenommen als der Kirsten.“).

C.Die anderen haben eine Vorstellung, welchen Part jemand glaubhaft verkörpern könnte („Das würde zu ihm passen.“).

Allenfalls diese drei Phänomene könnte man „authentisch“ nennen. Es ist das Authentische auf der ersten Stufe.

Wir können habituell authentisch sein – oder situativ. Das Habituelle bedeutet: Es ist an der Person dran, Eigenarten, die man nicht ablegen kann. Manchen Personen wird zugesprochen, sie seien per se, als Ganzes, authentisch, als Habitus. Solche Fälle gibt es ohne Zweifel, aber wir kennen leider vor allem Menschen, die gerade deshalb Probleme machen. Jeder schräge Nerd, jeder Autist gilt danach als authentisch, jeder jähzornige Brüller, jede Schnepfe oder Xanthippe. Sie sind ja, wie sie sind. Wenn wir sagen: „So ist sie eben“, sprechen wir über ein Problem – das diejenige nicht lösen will, weil sie so bleiben will, wie sie ist. Jemand kann nicht anders, kann sich nicht verändern, ist rigide, will nicht in die Rolle oder ist „von der Rolle“. Wir alle kennen einschlägige Beispiele. In diesen Kategorien haben Sie nichts verloren.