Beschreibung

Als ein Geländewagen aus dem Rhein geborgen wird, glaubt das Krefelder KK 11 zunächst an einen Unfall. Doch schnell stellt sich herraus, dass der Mann am Steuer keines natürlichen Todes gestorben ist. Ein Akt persönlicher Rache an dem in jeder Hinsicht umtriebigen Geschäftsmann? Hauptkommissar Jürgen Fischer ermittelt in einem verstörend realistischen Fall. Die Suche nach dem Tatmotiv bereitet ihm einige Schwierigkeiten, denn die Spurenlage ist äußerst verwirrend, und keine Interpretation überzeugt wirklich.

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Seitenzahl: 310

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Ulrike Renk, Jahrgang 1967, aufgewachsen in Dortmund, Studium in Aachen, lebt seit über zwanzig Jahren in Krefeld am Niederrhein. Sie schreibt historische Romane und Kriminalromane. »Seidenstadtrache« ist der sechste Fall von Hauptkommissar Jürgen Fischer.

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

Dieser Roman wurde vermittelt durch die Medienagentur Gerald Drews, Augsburg.

© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: © mauritius images/ib/Karl F. Schöfmann Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-298-2 Niederrhein Krimi Originalausgabe

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Für Claus

I wanted to be there with you

For I can only be normal with you

I’m taking your life for you.

Gene, Olympian

EINS

Es war der trockenste November seit Jahrzehnten. Kalt, bei blauem Himmel und ohne einen Tropfen Regen. Der Wasserspiegel des Rheins sank täglich. Nach einem sehr nassen Sommer hatte es seit Mitte September nicht mehr geregnet.

Hauptkommissar Jürgen Fischer prüfte sein Handy, als er die Eingangshalle des Polizeipräsidiums betrat. Seit Tagen schaute er im Minutentakt nach, doch die erwünschte Nachricht wollte einfach nicht kommen. Dabei wäre er beinahe mit einer schmalen, dunkelhaarigen Frau zusammengestoßen, die im Foyer stand und sich unsicher umsah. Sie schaute zu dem diensthabenden Schutzpolizisten, rührte sich aber nicht.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Fischer und strich sich über das raspelkurze stahlfarbene Haar.

Sie schaute ihn nachdenklich an, um ihre Augen waren dunkle Ringe, und ihr Mund wirkte verkniffen.

»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte Fischer weiter. Er spürte, dass sie ein Problem hatte. Stalking vielleicht, dachte er. Oder sexuelle Belästigung. Manche Frauen trauten sich einfach nicht, Hilfe zu suchen.

Die Frau schüttelte den Kopf. Obwohl sie sehr dunkle Haare hatte, wirkte sie nicht fremdländisch. Sie trug eine Lederjacke mit Pelzbesatz, eine schwarze Hose und Stiefeletten, die teuer aussahen und gut gepflegt waren.

»Guten Morgen, Jürgen!«, rief ihm Ayla Schmidt fröhlich zu. Sie stand an der Rezeption und scherzte mit dem diensthabenden Schutzpolizisten. Seine Kollegin war erst seit einem halben Jahr beim KK11 in Krefeld, doch sie hatte sich bereits gut integriert. »Gibt es schon etwas Neues?«

Fischer winkte ab. »Nein! Immer noch nicht. Inzwischen warten wir stündlich auf den Anruf.« Dann wandte er sich erneut der Frau zu. Ihr Gesicht wirkte noch verschlossener als vorher.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er wieder. Diesmal schüttelte sie den Kopf, drehte sich um und ging.

»WOW!« Ayla sah der Frau hinterher. »Das sind echte Christian Louboutins.«

»Bitte?«, fragte Fischer entgeistert.

»Die Frau, mit der du gesprochen hast. Ihre Schuhe sind von Christian Louboutin, das sieht man an der roten Sohle. Unter fünfhundert Euro bekommt man die nicht.«

»Fünfhundert Euro für ein paar Schuhe?« Fischer blieb fast der Mund offen stehen. »Unglaublich. Wie kann man so viel Geld nur für Schuhe ausgeben?«

»Indem man es hat«, antwortete Ayla lapidar.

»Guten Morgen«, rief ihnen der Schutzpolizist zu, als sie zum Aufzug gingen.

Fischer winkte ihm zu. Mit den Gedanken war er bei der dunkelhaarigen Frau. Sie hatte offensichtlich viel Geld, doch irgendwie hatte sie zutiefst bedrückt gewirkt. Schade, dass sie sich nicht helfen lassen wollte.

Im Aufzug hatte jemand mit Edding »Die Polizei, dein Feind und Scheißer« an die Wand geschrieben. Es roch nach Schmierseife und Zigarettenqualm. Im vierten Stock stiegen sie aus und gingen durch die Glastür in den trostlosen Flur des KK11. Christiane Suttrop, die Sekretärin des Polizeichefs Guido Ermter, hatte versucht, die Tristesse durch bunte Bilder aufzuhellen. Doch die kitschigen Tierposter wirkten nur deplatziert. Aus der kleinen Küche kam der Duft von frischem Kaffee, und sie hörten leises Stimmengemurmel aus dem Besprechungsraum.

Das Team des KK11 war schon fast vollständig zur Morgenbesprechung versammelt. »Kaffee?«, fragte Kollegin Uta Klemmenz die beiden Neuankömmlinge.

Ayla nickte, während Fischer ablehnte. »Nicht von der Plörre, wenn es nicht sein muss.«

»Der Herr Hauptkommissar und Frau Staatsanwältin haben einen sündhaft teuren Kaffeevollautomat, da ist unser Kaffee nicht mehr gut genug.« Roland Kaiser grinste breit. »Ich durfte mich von der exquisiten Qualität neulich höchstselbst überzeugen.«

»Blödmann«, brummte Fischer und ging zu Guido Ermter, der am Kopfende des Resopaltisches saß. »Und?«, fragte er.

Polizeichef Ermter schüttelte den Kopf. »Immer noch nichts.«

»Das kann doch nicht sein.« Fischer rieb sich den Nacken.

»Sigrid dreht auch fast durch. Julia hat ihr verboten, anzurufen oder zu klopfen.« Ermter grinste. »Eigentlich albern, dass wir uns Sorgen machen. Dringeblieben ist noch keines.« Dann wurde er wieder ernst. »Wenn Julia nur nicht so jung wäre«, sagte er besorgt.

»Können wir nun zur Tagesbesprechung schreiten?«, unterbrach Roland sie. »Oder müssen die beiden zukünftigen Opas noch etwas besprechen? Vielleicht Windelmarken?«

»Schon gut.« Fischer zog sich einen Stuhl heran. »Gibt es was Akutes?«

»Einbruch am Kliedbruch. Es hört einfach nicht auf, obwohl die Polizei vermehrt Streife fährt.«

»Nur Einbruch?«

Roland nickte. »In der Nacht ist ein Obdachloser am Bahnhof verprügelt worden. Er liegt im Helios, war bisher nicht ansprechbar. Ich fahr nachher vorbei.«

»Prügelei in der Szene oder ein Gewaltverbrechen?«, wollte Ermter wissen.

Roland zuckte mit den Schultern. »Weiß ich noch nicht. Bisher gibt es auch keine Zeugen. Einer der Bahnleute hat ihn zu Schichtbeginn gefunden und Streife und Rettung gerufen. Ich werde nachfragen, ob inzwischen mehr bekannt ist.«

Das Diensttelefon, das neben Ermters Mappen lag, klingelte und hüpfte über den Tisch. Der Polizeichef griff danach und meldete sich hektisch. »Ja?«

Fischer sah ihn erwartungsvoll an, doch Ermter schüttelte den Kopf.

»Ja, hier ist Ermter, KK11. Sie haben was?« Er zog sich einen Block heran. »Wo genau? … Okay. Nichts anfassen. Ich schicke ein Team vorbei.« Er legte auf. »Es wurde ein Leichenfund im Rhein bei Linn gemeldet. Wer möchte das übernehmen?«

Uta schüttelte den Kopf und wies auf die Akte, die vor ihr auf dem Tisch lag. »Ich habe meinen Fall noch nicht abgeschlossen.«

War klar, dachte Jürgen Fischer. Wasserleichen waren besonders scheußlich. »Ich übernehme das«, sagte er. »Wo ist eigentlich Oliver?«

»Brackhausen hat heute frei.« Roland grinste.

»Wer kommt dann mit?« Fischer schaute in die Runde.

»Ich.« Ayla stand auf. »Wenn das okay ist. Wasserleichen hatte ich noch nicht.«

»Sehen nicht so toll aus wie diese Stiefel.« Fischer nahm seine Jacke, die er über die Stuhllehne gehängt hatte. »Ist die Schutzpolizei schon da? Wer hat wo etwas gefunden?«

»Das war jemand von der Hafenmeisterei. Das Niedrigwasser fördert immer mehr Schrott zutage. Sie haben gerade einen alten Škoda aus dem Rhein gezogen, und darin ist wohl eine Leiche.«

»Klingt nach einem ›Tatort‹ mit Til Schweiger«, sagte Ayla. »Nicht nach Krefeld. War die Leiche wenigstens im Kofferraum?«

»Ich weiß es nicht. Ihr solltet alles Weitere vor Ort klären. Die Rechtsmedizinerin ist schon informiert.«

»Und Brüx und die KTU?«

Ermter zuckte die Achseln.

»Guido, und vergiss nicht …« Fischer sah ihn eindringlich an.

»Ich ruf dich sofort an, wenn ich etwas höre.«

»Welchen Wagen nehmen wir?« Ayla betrachtete das Schlüsselbrett im Büro.

»Den Audi.« Mit sicherem Griff nahm Fischer den Schlüssel und ging in Richtung Aufzug.

»Ich hatte einmal eine Wasserleiche, als ich in der Ausbildung und Durchläufer war«, sagte Ayla. »Ist schon eine Weile her.«

»Hmm«, brummte Fischer. »Je länger sie im Wasser lag, desto schlimmer ist es meist.«

Der Wagen stand ganz hinten auf dem Parkplatz, so als hätte ihn jemand verstecken wollen.

»Uta«, murrte Fischer, als er die Tür öffnete. »Sie macht das immer. Immer lässt sie den Sitz auf der vorderen Position stehen – keiner von uns kann dann einsteigen.« Er hockte sich neben das Auto und verstellte den Sitz.

Während der Fahrt nach Linn stieg die Anspannung, wie jedes Mal, wenn sie zu einem Tatort fuhren und nicht wussten, was sie erwartete.

Sie fuhren durch die tristen Industrieanlagen hindurch bis zu der Stelle, die mit Flatterband abgesperrt war. Zwei Streifenwagen riegelten das Gelände ab, ein Teil des Absperrbandes hatte sich gelöst und schlug im Wind. Der blaue Himmel und die tief stehende Herbstsonne verliehen dem Anblick etwas Surreales.

»Fischer, KK11, meine Kollegin Schmidt«, stellte der Hauptkommissar sie beide vor.

»Es ist gleich da vorne. Kemper mein Name. Ich bin von der Hafenmeisterei.« Der kleine Mann in brauner Cordhose und grüner Daunenjacke wirkte nervös. »Der Rhein stand lange schon nicht mehr so niedrig. Wir finden jeden Tag neues Zeugs.«

»Werden die Sachen angespült, oder liegen die schon länger da, wo man sie findet?«, wollte Ayla wissen.

»Teils, teils. So ein Auto wird aber nur angespült, wenn wir viel Wasser und mehr Strömung haben«, erklärte Kemper. »Das hat wohl jemand nachts in den Rhein gefahren. Reingefahren quasi …« Er kicherte, räusperte sich dann. »Entschuldigung, ich hatte noch nie mit einer Leiche zu tun …«

»Das Auto ist also aus Krefeld?« Ayla zog den kleinen Notizblock aus der Tasche.

»Keine Ahnung.«

Fischer warf Ayla einen belustigten Blick zu. »Wo ist der Wagen denn?«

»Dort vorne. Ich zeig es Ihnen.«

»Fischer! Hauptkommissar Fischer!«, rief jemand hinter ihnen her.

Fischer drehte sich um. Eine große Frau mit leuchtend roten Locken, die wie eine Wolke um ihren Kopf wehten, lief auf sie zu.

»Frau Dr. Papanikolaou, Sie sind aber fix.« Er reichte ihr die Hand. Sie war einen Meter achtzig groß, genauso wie Jürgen Fischer.

»Puh«, schnaufte sie. »Ich hasse diese kalte und trockene Luft. Meine Haare sind immer wie aufgeladen.« Erst dann entdeckte sie Ayla. »Wir haben uns schon einmal gesehen«, sagte sie. »Sie sind auch vom KK11, richtig?«

»Schmidt, Ayla Schmidt.«

»Dies hier ist Herr Kemper von der Hafenmeisterei. Er hat die Leiche gefunden«, sagte Fischer.

»Nein, nein. Gefunden hat sie der Sergej. Ich habe nur das Auto entdeckt.«

»Aber die Leiche ist im Auto?«

»Ja, auf der Rückbank unter einer Decke oder so. Wir haben nur die Hand gesehen und dann sofort angerufen. Und ich habe auch keinen mehr in die Nähe des Wagens gelassen – wegen der Spuren und so.«

»Auf der Rückbank und nicht im Kofferraum«, murmelte Ayla.

Papanikolaou grinste. »Wir sind doch nicht in einem Krimi, meine Liebe.«

Zügig gingen sie zum Kai.

»Dies ist kein Teil des eigentlichen Hafenbeckens«, erklärte Kemper. »Der Kai läuft hier entlang bis zum Wendebecken. Ich habe ein mobiles Hebefahrzeug angefordert, als wir den Škoda dort vorn entdeckten. Viel konnte man nicht sehen, er liegt zum Glück außerhalb der Fahrrinne. Wir haben jetzt schon genug Ärger durch das Niedrigwasser. Kein Schiff kann mehr voll beladen fahren, und anlegen erst recht nicht.« Er seufzte laut.

»Mobiles Hebefahrzeug?« Ayla zog die Augenbrauen in die Höhe.

»Kran«, erläuterte Fischer knapp. Er blieb stehen und betrachtete die Szenerie. Das »Hebefahrzeug« war fast bis zum Kai gefahren. Dort ging es steil abwärts. Wo sonst Wasser plätscherte, waren nun dicke Gesteinsbrocken zu sehen. Der Ausleger des Krans zeigte zur Flussmitte. Jemand hatte den Haken am rückwärtigen Teil des Wagens, einem alten Škoda in einer nicht zu definierenden Farbe, befestigt. Der Wagen war zum Ufer gezogen und teilweise in die Höhe gehoben worden.

»Wo war der Wagen?«, wollte Fischer wissen.

»Etwa da, wo die Spitze des Auslegers ist«, erklärte Kemper. »Den hat jemand über den Kai ins Wasser geschoben. Muss aber schon länger her sein.«

»So wie das Auto aussieht, glaube ich das auch«, meinte Fischer. Die Kennzeichen am Heck waren abgeschraubt, bemerkte er. »Und wo ist die Leiche?«

»Im Innenraum. Sergej ist mit dem kleinen Motorboot hin, um den Haken zu befestigen, als der Kran langsam anzog, damit das Wasser erst ordentlich rauslaufen kann. Dabei hat er etwas entdeckt und die Tür geöffnet – und da war sie.«

»Wo ist dieser Sergej?«

»Das bin ich.« Ein Mann in Arbeitshosen und einer öligen Windjacke trat auf sie zu. Sein Dreitagebart war mindestens eine Woche alt, um seine Augen und den Mund waren tiefe Furchen in die wettergegerbte Haut eingegraben. Man sah ihm an, dass er keinen Schreibtischjob ausübte. Verlegen schaute er auf seine dreckverschmierten Hände und versteckte sie dann hinter dem Rücken.

»Sie haben also einen Toten gefunden?«

Sergej nickte. »Ist mausetot.« Sein russischer Akzent war nicht zu überhören.

»Was genau haben Sie denn gesehen?«

»Da liegt ein Bündel auf dem Rücksitz – ich konnte nicht sehen genau, ob Tüte oder Decke. Darin ist die Leiche.«

»Und woran haben Sie das erkannt?«, fragte Papanikolaou.

»Knochen, hab gesehen Knochen von Hand!«

»Sie haben Knochen gesehen?« Die Rechtsmedizinerin verdrehte die Augen. »Nur Knochen?«

Er nickte eifrig.

Fischer seufzte. »Lassen Sie den Wagen rausheben«, sagte er zu Kemper. »Wir prüfen dann, ob da nicht ein totes Schwein liegt. Oder Rindersuppenknochen.«

Ayla lachte leise. »Vermutlich muss ich auf meine Wasserleiche doch noch warten.«

»Ja, wir werden oft zu Knochenfunden gerufen. Manchmal kann auch ein Arzt auf den ersten Blick nicht feststellen, was es für Knochen sind.« Papanikolaou zog ihr Handy aus der Tasche, blickte aufs Display, steckte es wieder zurück. Fischer tat es ihr gleich.

»Worauf warten Sie?«, wollte die Rechtsmedizinerin wissen. »Auch auf einen weiteren Fall?«

Fischer lachte. »Nein, auf mein erstes Enkelkind. Es ist schon zwei Tage überfällig.«

»Ich erinnere mich. Ermters Tochter und Ihr Sohn. Oder war es umgekehrt?«

»Richtig – mein Sohn, Ermters Tochter.«

»Na, das ist doch ein Grund zur Freude. Und keine Sorge – dringeblieben ist noch keines.«

Langsam zog der Kran an. Das Wasser lief aus dem Fahrzeug, das fast so aussah, als würde es sich jeden Moment in seine einzelnen Bestandteile auflösen.

»Hoffentlich muss nicht wirklich die Spurensicherung ran. Die würden keinen Spaß haben.« Fischer zog die Schultern nach oben.

Es dauerte einige Zeit, bis das Fahrzeug über den Kai gehoben werden konnte. Immer noch lief das Wasser in Strömen. Vorsichtig senkte der Kranführer den Wagen ab. Das rostige Metall knirschte, als der Wagen auf dem Boden aufsetzte.

Fischer zog die Latexhandschuhe aus der Jackentasche und näherte sich dem Wagen.

»Einen Moment noch«, hielt ihn Kemper zurück. »Lassen Sie erst das Wasser rauslaufen.«

Schließlich kam das Okay, und Fischer trat an den Wagen. An wenigen Stellen konnte man erahnen, dass das Fahrzeug einmal rostbraun lackiert gewesen sein musste. Die fehlenden Frontscheinwerfer erinnerten an leere Augenhöhlen. Die rückwärtige Tür auf der Beifahrerseite stand ein wenig auf.

»Diese Tür haben Sie geöffnet?«, fragte Fischer Sergej. Dieser nickte.

Bis auf die Heckscheibe waren alle Fenster glaslos. Fischer spähte in den Wagen. »Da liegt etwas«, sagte er. »Ist entweder verkeilt oder irgendwie festgebunden, denn ansonsten hätte es ja raus- oder wenigstens nach vorne fallen müssen.«

»Ist es eine Leiche?«, fragte Papanikolaou und ging zu ihm. Ayla folgte.

»Kann ich noch nicht sehen.« Fischer fasste den Türgriff, zog und hielt ihn in der Hand. »Verflucht. Ayla, gib mir einen Beweismittelbeutel.«

»Meinst du wirklich?«, fragte sie zweifelnd.

»Hast du Handschuhe an?« Er drehte sich halb zu ihr um, vergewisserte sich, dass sie tatsächlich Latexhandschuhe trug, und reichte ihr den Griff. »Wenn wir jetzt nicht ordnungsgemäß vorgehen und es sind doch keine Tierknochen, ärgern wir uns später.«

»An dem Teil wird man doch eh keine alten Spuren mehr finden.« Ayla drehte den Griff mit spitzen Fingern hin und her.

Vorsichtig zog Fischer nun an der Tür. Leichter, als er gedacht hatte, ließ sie sich öffnen. Aus dem Wagen stank es nach Moder und fauligem Schlamm, der den Boden des Wagens bedeckte.

»Dr. Papanikolaou, können Sie mal kommen?«

Sie trat neben ihn, darum bemüht, den dreckigen Wagen nicht zu berühren. »Was ist das denn?« Sie ging noch näher ran. »Unglaublich.«

»Das sieht aus wie eine menschliche Hand«, sagte Fischer. »Aber das ist doch gar nicht möglich. Bei einer so skelettierten Leiche hätten die Knochen schon sonst wo sein müssen.«

Papanikolaou schob ihn zur Seite, beugte sich in den Wagen und lachte schallend. »Es ist tatsächlich ein menschliches Skelett. Aber hier liegt kein Mordfall vor. Noch nicht mal ein Todesfall.« Sie richtete sich auf, wischte sich die Hände an einem Tuch ab. »Es ist ein medizinisches Skelett aus Kunststoff, täuschend echt.«

Auch Fischer lachte.

»Was mache ich nun damit?«, fragte Ayla und hielt den schmutzigen Griff hoch.

»Tu ihn ins Auto, er kann dann mit dem Rest entsorgt werden.«

»Nix Leiche?«, fragte Sergej, und auch der Hafenmeister sah eher enttäuscht aus.

»Nein. Es ist ein nachgemachtes Skelett für Medizinstudenten. Aber die Drähte sind alle verrostet, es wird auseinanderfallen. Das ist Schrott, genau wie der Rest des Wagens.«

Fischer winkte der Schutzpolizei und teilte ihr mit, dass sie räumen könnten.

»Und was passiert nun?«, fragte Kemper.

»Was passiert gewöhnlich mit solchen Fundstücken?«, fragte Fischer zurück.

»Sie kommen auf den Schrott.«

»Da können Sie den Škoda auch hinbringen lassen.«

»Keine weiteren Untersuchungen?«

Fischer verneinte und verabschiedete sich.

»Weder eine Wasserleiche noch ein Tierkadaver«, sagte Ayla, als sie wieder im Wagen saßen.

»Klingt fast so, als würdest du das bedauern.« Fischer schmunzelte.

»Es wäre endlich mal ein wenig Abwechslung. Diese ganze Einbruchserie am Kliedbruch geht mir langsam auf die Nerven. Man hat das Gefühl, als wüssten die Täter genau, wann wo kontrolliert und Streife gefahren wird.«

»Ja, das Blöde ist, wir können nicht immer überall gleichzeitig sein. Aber mir sind Einbrüche immer noch lieber als Mord oder Totschlag.«

Fischer parkte den Audi auf dem Parkplatz neben dem Polizeipräsidium. Für einen Moment blieb er stehen und atmete tief ein. Nach wie vor war kein Wölkchen, kein Regen in Sicht. Eigentlich ein Grund, sich zu freuen, aber die trockene Kälte schien jede Feuchtigkeit aufgesogen zu haben. Seine Haut spannte, und die Nase juckte. Das Wetter kann es einem nie recht machen, dachte er belustigt und schaute auf sein Handy. Keine Nachricht von Florian, seinem Sohn, der in Kürze Vater werden würde. Aber eine SMS von Martina, der Staatsanwältin, mit der er seit ein paar Jahren zusammen war.

»Treffen wir uns um achtzehn Uhr im Mikado?«, las er.

Er überlegte. Falls nichts weiter vorlag oder passieren würde, stand dem nichts entgegen. Er antwortete »Okay« und ging durch die Empfangshalle zum Aufzug. In der vierten Etage herrschte entspannte Ruhe. Nur aus Utas Büro klang hektisches Tippen. Fischer konnte sich nicht vorstellen, dass seine Kollegin auf einmal so viel Arbeitseifer an den Tag legte, aber nachfragen wollte er auch nicht. Er ging den Flur entlang bis zu Ermters Büro, das an dessen Ende lag. Auf seinem eigenen Schreibtisch lagen zwei Vorgänge, die er noch in den Computer eingeben musste. Doch das hatte Zeit.

Christiane Suttrop sah belustigt auf, als er bei Ermter klopfte.

»Bisher nichts Neues«, versprach sie ihm.

»Du meinst, du wüsstest es vor mir?« Fischer schmunzelte.

»Vielleicht.«

Er klopfte und öffnete die Tür. »Störe ich?«

»Komm rein«, sagte Ermter. »Was ist mit der Wasserleiche? Haben wir einen Mordfall?«

»Nicht wirklich. Das war nur ein medizinisches Skelett. Du weißt schon – was in Schulen oder bei Studenten steht. Zum Verwechseln ähnlich, aber eben doch nur aus Plastik.«

Ermter lachte. »Solche Fälle, die keine sind, sind mir die liebsten. Es ist schon lange nicht mehr so ruhig gewesen. Bis auf die Einbruchserie liegt nicht viel an.«

»Was ist mit dem Typen am Hauptbahnhof?« Fischer zog sich den Stuhl heran und setzte sich. Er hatte sich immer schon gut mit seinem Chef verstanden, doch seit sein Sohn mit Ermters Tochter zusammen war, war ihr Verhältnis zu einer echten Freundschaft herangewachsen.

»Zum Glück nur eine Prügelei unter Betrunkenen, keine rechtsgerichtete Geschichte oder sonst wie politisch angehaucht. So etwas wünsche ich mir auch gar nicht in Krefeld.«

Fischer nickte zustimmend.

»Und bevor du fragst«, sagte Ermter und grinste breit, »nein, ich habe noch nichts gehört.«

»Gut.« Fischer wollte sich erheben.

»Ich treffe mich heute Abend mit Martina im Mikado.« Fischer war sich nicht sicher, ob er Ermter dazubitten sollte oder nicht. Vielleicht wollte Martina auch etwas mit ihm unter vier Augen besprechen.

»Grüß sie«, sagte Ermter nur und beugte sich dann wieder über die Akte. »Blöder Verwaltungskram«, murmelte er.

Fischer schaute noch bei Roland vorbei, aber alles war ruhig. Er gab die Vorgänge, die auf seinem Tisch lagen, in den Computer ein. Dann beantwortete er eine Anfrage der Kollegen aus Duisburg. Es gab viel Papierkram zu erledigen, der immer liegen blieb, wenn sie einen akuten Fall hatten. Nun nutzte er die Zeit. Fischer wusste aus Erfahrung, dass es nicht lange so ruhig bleiben würde.

ZWEI

Gegen sechs machte sich Hauptkommissar Fischer auf den Weg in die Baguetterie Mikado am Nordwall, nicht weit vom Polizeipräsidium entfernt.

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