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In der Hamburger Innenstadt kommt es zu einem brutalen Mord. Das Opfer: Jessica Wang, eine Unternehmensberaterin aus China. Der Zeitpunkt könnte ungünstiger nicht sein, denn der deutschen Regierung steht der Besuch einer hohen Wirtschaftsdelegation aus Beijing ins Haus. Die Boulevardpresse stürzt sich auf den Fall, in den sozialen Medien kursieren bald seltsame Gerüchte: War die Frau in Wahrheit eine chinesische Spionin? Und gibt es gar eine Verbindung zu einem anderen, mysteriösen Todesfall in Berlin? Diese Fragen stellt sich auch der ehemalige BND-Agent Max Oster, nun Sicherheitschef im Hamburger Hafen und privat ziemlich am Sand. Denn nur wenige Stunden vor ihrem Tod hatte er mit Wang ein Date. Die Polizei ermittelt mit Hochdruck, doch Oster will der Sache selbst auf den Grund gehen. Gemeinsam mit der jungen Journalistin Laura Schneider stellt er Nachforschungen an – und kommt einer Verschwörung auf die Spur, deren Ausmaß nicht nur Deutschland zu erschüttern droht.
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2025
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ROBERT LACKNER
Thriller
„VERSTECKE DEINE STÄRKENUND WARTE, BIS DEINE ZEITGEKOMMEN IST.“
DENG XIAOPING
Brennende Mülltonnen, berstende Autoscheiben, in Panik brüllende Menschen.
Ein derartiges Chaos hatte Max Oster seit seiner Zeit in Afghanistan nicht mehr erlebt.
Nur dass das hier nicht Kabul oder Kunduz war.
Sondern Hamburg.
»Wo bleibt eure verdammte Verstärkung?«, schrie er den jungen Polizisten mit dem Funkgerät neben sich an.
»Kommt gleich. Fünf Minuten.«
Fünf Minuten, dachte Oster und schüttelte den Kopf.
Wenn sie Pech hatten, gab es bis dahin Tote.
»Runter!«, brüllte jemand.
Oster, Ende dreißig und sportlich, wenn auch nicht übermäßig trainiert, duckte sich reflexartig hinter einen am Bürgersteig geparkten Streifenwagen. Im nächsten Moment krachte eine Flasche gegen das Fahrzeug.
»Tun Sie doch endlich was!«, herrschte Oster den Polizisten an, der ebenfalls in Deckung gegangen war.
»Und was, bitteschön?«
Oster stieß einen Fluch aus und fuhr sich verärgert durch den dunkelbraunen Haarschopf. Er wusste, der Mann hatte recht. Die Polizei hatte nur drei Streifen geschickt, insgesamt sechs Beamte. Das hätte für die angemeldete Kundgebung reichen sollen. Mit mehr als drei Dutzend Leuten, die bunte Fähnchen schwenkten, Flugblätter verteilten und friedlich Parolen skandierten, hatte keiner gerechnet, auch Oster nicht. So war es auch in den vergangenen Tagen immer abgelaufen.
Heute jedoch waren deutlich mehr Menschen zum Protest vor der Zentrale der HTG, der Hamburger Transportgesellschaft, in der Speicherstadt erschienen. Und dann war da noch die Gegendemo. Die hatte überhaupt niemand auf dem Zettel gehabt. Nun standen sich hier plötzlich über hundert Menschen in zwei Lagern gegenüber. Erst hatten sie sich nur angeschrien, doch schon nach ein paar Minuten war die Stimmung gekippt und seitdem flogen die Fetzen.
Und mittendrin Oster und die Polizisten, die energisch, beinahe hysterisch Anweisungen brüllten, die Menge aber nicht trennen konnten. Zwei Beamte hatten ihre Pfeffersprays gezückt, zögerten allerdings. Direkt vor ihnen traten ein paar vermummte Gestalten auf einen am Boden liegenden Mann ein.
Oster hatte genug. »Ziehen Sie Ihre Waffe!«, sagte er zu dem Polizisten an seiner Seite, der das Funkgerät gegen ein Megafon getauscht hatte.
Der Mann blickte ihn verdattert an. »Was soll ich?«
»Ihre Waffe ziehen! Geben Sie ein paar Warnschüsse ab!«
»Sind Sie total bescheuert? Wir warten auf die Bereitschaftseinheit!«
Erneut krachte etwas gegen das Auto und zerfetzte die Heckscheibe des Polizeiwagens in Tausende Glassplitter. Vor Oster prügelten mehrere Menschen aufeinander ein, benutzten dabei die Stiele der mitgebrachten Plakate als Waffen.
Schwang da jemand sogar einen Baseballschläger? Oster war sich nicht sicher. Ein junger Mann in Kapuzenpullover wurde mitten ins Gesicht getroffen, sackte mit blutender Nase zusammen und wurde von der Menge verschluckt.
Der Polizist hielt sich das Megafon vor den Mund. »Ziehen Sie sich zurück! Das ist die allerletzte Warnung! Sonst …«
Eine Dose traf den Beamten am Kopf und ließ ihn nach hinten schleudern. Er knallte mit dem Rücken gegen das Heck des Polizeiautos und fiel dann reglos zu Boden. Blut kam in einem Schwall aus einer Platzwunde an seiner Stirn.
Jetzt reicht's, beschloss Oster. Er beugte sich nach unten und zog dem Beamten die Pistole aus dem Holster. Dann streckte er den Lauf senkrecht in die Luft und entsicherte die Waffe. Über ihm befand sich nur blauer Himmel. Er zögerte kurz, dann betätigte er den Abzug. Der Knall jagte ein Zittern durch seinen Körper. Es war lange her, dass er einen Schuss gehört hatte, vor allem aus nächster Nähe.
Er drückte ein zweites Mal ab und endlich kam Bewegung in die Menge. Menschen stürmten schreiend und in Panik davon und Oster sah, wie mehrere Personen zu Boden gerissen und überrannt wurden. Gleichzeitig hörte er Sirenen, die sich rasch näherten. Ein Krankenwagen kam um die Ecke geschossen und legte eine Vollbremsung hin, um nicht mit den Flüchtenden zu kollidieren.
»Na endlich«, brummte Oster, sicherte die Waffe und ging neben dem immer noch regungslosen Beamten in die Hocke.
Den Mann hatte es übel erwischt, doch Oster konnte nicht viel für ihn tun. Also schob er ihm die Pistole wieder in den Holster und stand auf, um sich nach einem Sanitäter umzusehen –
als etwas seinen Hinterkopf traf.
Das Letzte, was Oster wahrnahm, war der harte Aufschlag auf dem Kopfsteinpflaster.
* * *
Tobias Wellen hatte einen vollen Terminkalender. Den hatte der Mitvierziger mit den rotbraun gelockten Haaren und dem markanten Kinn eigentlich immer. Als Staatssekretär im Auswärtigen Amt in Berlin und enger Berater der deutschenAußenministerin stand Langeweile selten auf dem Programm.
Im Moment war dieses Programm allerdings besonders dicht.
In zwei Tagen wurde der chinesische Ministerpräsident, der zweitmächtigste Mann im Reich der Mitte, mit großer Entourage zu Gesprächen in Deutschland erwartet.
Und der Zeitpunkt war denkbar brisant.
Denn bald würde die chinesische Volksbefreiungsarmee ihren einhundertsten Geburtstag feiern. Das war für die restliche Welt einschließlich Deutschland von nicht allzu großer Bedeutung – mit einer Ausnahme. Schon vor ein paar Jahren hatte der chinesische Präsident der VBA einen Auftrag erteilt:
Bis zum großen Jubiläum sollte sie in der Lage sein, Taiwan zu erobern. Und das war es, worüber sich Politiker und Militärs weltweit den Kopf zerbrachen. War die VBA wirklich für einen derart schwierigen Einsatz bereit? Immerhin betrug die Distanz zwischen dem chinesischen Festland und dem Inselstaat Taiwan, den Beijing als abtrünnige Provinz betrachtete, rund 130 Kilometer. Und würde Chinas Führung es überhaupt wagen, mit diesem Schritt die mit Taiwan verbündeten USA herauszufordern?
Geheimberichte der Vereinigten Staaten und anderer NATO-Verbündeter deuteten darauf hin, das wusste Wellen. Doch es brauchte nicht einmal die Nachrichtendienste, um Chinas Absichten zu erkennen. Dafür reichte ein Blick in die Zeitung. Seit Wochen führte die Volksbefreiungsarmee Manöver in den Gewässern rund um Taiwan durch und ihre Fregatten und Zerstörer waren sogar mehrmals gefährlich nahe an US-Kriegsschiffe herangefahren. Von täglichen Provokationen wie Verletzungen des Luftraums oder Raketenüberschüsse ganz zu schweigen. Die Amerikaner hatten als Reaktion bereits gedroht, weitere Truppen in die Region zu schicken, doch Wellen bezweifelte, dass dies die Chinesen abschrecken würde.
Im Gegenteil.
Die Zeichen standen auf Krieg, nicht auf Frieden.
Inmitten dieser angespannten Lage würde der chinesische Ministerpräsident nach Deutschland kommen. Der Grund dafür war allerdings nicht Taiwan, die internationale Diplomatie würde keine Rolle spielen. Es ging bei dem Besuch einzig und allein um die Verbesserung der deutsch-chinesischen Beziehungen. Und um eine engere Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten, von der sich die deutsche Regierung neue Impulse für die eigene, angeschlagene Wirtschaft versprach.
Wellen lockerte seine Krawatte und löste den obersten Knopf seines blassblauen Hemds. Die silbernen Manschettenknöpfe hatte er bereits abgelegt und die Ärmel umgeschlagen.
Er war allein in seinem Büro in der Zentrale des Auswärtigen Amts am Werderschen Markt und hatte in der nächsten Stunde keine Meetings. Zum Glück, dachte er. Die Zeit benötigte er dringend, um sich mit einer Reihe von Details vertraut zu machen. Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen mehrere Dossiers zum Besuch der Chinesen und sein Postfach ging über mit E-Mails, die ihm sein Assistent nach vorheriger Durchsicht weiterleitete. Aber die Mails mussten warten. Die Dossiers waren wichtiger.
Wellen schlug die erste Mappe auf, auf deren Deckblatt das Logo des Bundeswirtschaftsministeriums prangte. Doch bevor er zu lesen begann, musste eine Stärkung her. Mit spitzen Fingern fasste er den Henkel der noch heißen Porzellantasse an, pustete kurz und nahm einen kleinen Schluck von seinem Darjeeling. Tobias Wellen trank niemals Kaffee, nur Tee. Ohne Zucker, dafür mit einem Schuss Milch. Das hatte er sich während seiner Zeit als Dozent an der London School of Economics so angewöhnt.
Wellen stellte die Tasse zurück auf den Untersetzer und machte sich ans Werk. Akribisch arbeitete er sich Seite für Seite voran, eine Safari durch bestes Bürokratendeutsch:
Klumpenrisiken, Decoupling, Derisking, Reshoring, Lieferkettenresilienz. Während er las, machte er sich Notizen, markierte Stellen für Rückfragen.
»Tobias, hast du eine Minute?«
Wellen blickte überrascht auf. Er war so vertieft in die Lektüre gewesen, dass er nicht bemerkt hatte, wie die Tür langsam aufgegangen war. Sein Assistent Lukas steckte den Kopf durch den Spalt.
»Kann das nicht warten?«, raunte Wellen und senkte den Blick wieder auf das Dossier.
»Ich glaube nicht. Das hier solltest du dir ansehen.« Lukas wedelte mit seinem Smartphone. »Oder öffne die Mail, die ich dir grad geschickt hab'.«
Wellen wischte über das Tablet, das in der Halterung neben seiner Teetasse stand. Als er den Inhalt der erwähnten Nachricht überflog, in der von einem unschönen Vorfall in Hamburg die Rede war, brachte sein zusammengepresster Kiefer seine Zähne zum Knirschen. Wellen schlug das Dossier zu und stand auf. »Hol mir sofort Polizei und Verfassungsschutz ans Telefon. Ich will einen Call in fünfzehn Minuten.«
* * *
Als Oster die Augen öffnete, lag er auf einer Rettungsbahre.
Neben ihm stand eine matronenhafte Sanitäterin, hinter ihr konnte er verschwommen die Zentrale der HTG mit der roten Backsteinfassade und den hohen, teils verschnörkelten Fenstern erkennen. Die Schreie der flüchtenden Menschenmenge waren verstummt, nur einzelne Rufe, vielleicht von Einsatzkräften, drangen an sein Ohr.
»Wieder munter?«, fragte die Frau.
»Geht so.« Oster befühlte vorsichtig seinen Hinterkopf, der stark angeschwollen war. »Was ist passiert? Wie lange war ich weg?«
»Och, nur ein paar Minütchen. Ein Schraubenschlüssel hat Sie getroffen.«
»Ein Schraubenschlüssel?«, wiederholte Oster ungläubig.
Wer, fragte er sich, brachte sowas zu einer Demo mit.
»Gott sei Dank war's nur ein kleiner. Hat aber gereicht, um Sie auszuknocken.«
»Ich bin ja ein echter Glückspilz.«
»Das sind Sie wirklich. Sie haben nicht mal 'ne Platzwunde, nur 'ne dicke Beule. Das hätte viel schlimmer ausgehen können. Dafür gehen Sie heute Abend aber in die Kirche.«
Oster fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, dann schlug er die Beine zur Seite.
»Woho, Kumpel!« Die Sanitäterin drückte ihn unsanft zurück auf die Bahre. »Wir sind hier noch nicht fertig. Sie kommen mit zum Check im Krankenhaus.«
»Nicht nötig, mir fehlt nichts.«
»Das entscheiden aber nicht Sie.«
»Hören Sie«, Oster deutete auf das Gebäude der HTG gegenüber, hinter dessen Fenstern Gesichter zu erkennen waren, »ich bin der Sicherheitschef von dem Laden dort. Und ich muss dringend wieder ins Büro. Also?«
Die Matrone machte keinerlei Anstalten, ihre Hand von seiner Brust zu nehmen. »Ist Ihnen übel?«
»Nein. Ein Schluck Wasser und eine Schmerztablette und ich bin wieder voll da.«
Die Sanitäterin sah ihn zögernd an, dann langte sie in einen Rucksack auf dem Boden neben der Bahre. »Hier.«
Oster nahm die ihm angebotene Wasserflasche und setzte sie an die Lippen. Während er trank, sah er einen bulligen Mann mit breiten Schultern und Glatze auf sich zukommen.
Er trug schwarze Jeans und eine schwarze Lederjacke und sein zerfurchtes Gesicht war rot vor Wut.
»Sind Sie völlig bekloppt, Oster? Jetzt weiß ich auch, warum der BND Sie rausgeschmissen hat!«
Oster schraubte die Wasserflasche wieder zu. »Auch schön Sie zu sehen, Siebald.«
»Warum zur Hölle ballern Sie hier herum? Und dann noch mit der Dienstwaffe eines Polizisten! Für wen halten Sie sich? John Wick?«
»Jetzt machen Sie aber mal halblang!«, fuhr die Sanitäterin dazwischen. »Sie sehen doch, der Arme hat ordentlich was auf die Mütze bekommen. Gerade noch Glück gehabt bei so 'nem Schraubenschlüssel …«
»Ist schon gut.« Oster schenkte ihr ein verschmitztes Lächeln und setzte sich auf. Er musste sich eingestehen, er fand Gefallen an seiner neuen Verbündeten. »Falls ich merke, dass es mir schlechter geht, komme ich sofort zu Ihnen, versprochen. Und was Sie angeht, Siebald: Hätte ich nicht gehandelt, hätte es Tote gegeben.«
»Die hatten wir auch so beinahe«, knurrte Siebald.
»Ich habe grade mit dem Leiter der Bereitschaftseinheit gesprochen. Die wären in drei Minuten da gewesen. Sie hätten einfach warten sollen, Mann – auf die Zustãndigen. Dann hätten wir uns diese verdammte Massenpanik erspart.«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sie waren nicht dabei, Siebald.« Oster blickte sich um. Wohin er auch sah, kümmerten sich Rettungskräfte um Verletzte. »Wie ist die Bilanz?«
»Die Bilanz ist scheiße. Zwei Dutzend Verletzte, ein paar hat's richtig übel erwischt. Und dann der ganze Sachschaden.
Das hat ein Nachspiel, Oster, verlassen Sie sich drauf!«
»Aber höchstens für Sie, Siebald. Warum wussten Sie nicht, was sich heute hier abspielen wird? Was macht ihr Typen vom Verfassungsschutz eigentlich den ganzen Tag?«
»Ich warne Sie!« Siebald trat näher an Oster heran. »Ich kann Sie nicht ausstehen. Und wenn Sie mir noch mal so dumm kommen, besorg ich mir auch einen Schraubenschlüssel. Und dann ramm' ich Ihnen das Ding in den Arsch!«
»Sie können mich mal!«
Siebald hielt ihm den Mittelfinger vor die Nase, dann drehte er sich um und stapfte davon.
»So ein Arschloch«, raunte die Sanitäterin und legte Oster eine Tablette in die Hand. »Die werden Sie brauchen.«
Oster drückte die Schmerztablette aus ihrer Hülle und spülte sie mit einem Schluck Wasser runter. Dann blickte er zum HTG-Gebäude, an dessen Fenstern sich immer noch Leute drängten. Die Bürobelegschaft hatte das zweifelhafte Privileg genossen, die Straßenschlacht aus erster Reihe beobachten zu können. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Bilder und Videos davon die sozialen Medien fluten würden, wenn es nicht bereits geschehen war. Vielleicht wurde er sogar noch zum Internetstar, dachte Oster missmutig. Berühmt als der Kerl, der von einem Schraubenschlüssel abgeschossen wurde.
Sowas kam im YouTube-Ranking sicherlich noch vor irgendwelchen Katzenvideos und sonstigen Blödheiten.
»Wirklich alles in Ordnung?«, fragte die Sanitäterin.
Oster nickte und stand auf. Er musste los, noch ein paar unangenehme Gespräche führen.
* * *
Aufgeregt durchquerte Laura Schneider das Großraumbüro in Berlin-Mitte, in dem telefoniert, recherchiert, geschrieben wurde. Hier, in der Hauptredaktion von FAKT, wurden die Geschichten verfasst, die Millionen Deutsche rund um die Uhr in Atem hielten – Nachrichten aus Deutschland und der ganzen Welt. Und Schneider durfte seit dem Abschluss ihres Journalismus-Studiums vor ein paar Monaten ein Teil davon sein. Zwar nur als Volontärin für die Dauer eines Jahres, aber immerhin. Es war ein Anfang und brachte sie ihrem großen Kindheitstraum einen Schritt näher.
Schneider wusste, was sie konnte – an ihrer Uni in Köln hatte sie stets zu den Besten gehört. Aber wie schon in den letzten Tagen steuerte die zierliche 23-Jährige auch heute verunsichert durch die Redaktion. Als sie beim Büro des Ressortleiters für Innenpolitik ankam, stand die Tür offen. Kai Huber saß an seinem Schreibtisch und hämmerte wie ein Irrer auf die Tastatur seines Notebooks ein. Das war seine Art, zu arbeiten, die für Schneider eher einer Teufelsaustreibung gleichkam als dem Verfassen eines Leitartikels.
»Du wolltest mich sehen?« Schneider, die dunkelblonden, glatten Haare wie immer hochgesteckt, trat zögerlich in den Raum.
»Komm rein und setz dich.« Huber starrte weiter auf sein Notebook. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit endlich aufblickte, trug er eine beinahe bösartige Miene zur Schau.
Hatte der eben ausgetriebene Dämon etwa von ihm Besitz ergriffen? Schneider fröstelte kurz.
»Ich hab' deinen Artikel für die Online-Ausgabe gelesen«, sagte Huber. »Der ist Schrott. Absolute Scheiße.«
»Wie bitte?« Schneider rückte ihre Brille zurecht. Hatte sie sich verhört? »Wie meinst du, er ist Schrott?«
»Wir können das nicht bringen. Was hast du dir dabei gedacht? Das interessiert doch keine Sau.«
»Aber ich habe den Entwurf doch Jana gezeigt. Sie meinte, er wäre ganz gut.«
»›Ganz gut‹ ist aber nicht genug. Abgesehen davon: Seit wann entscheidet eine stinknormale Redakteurin wie Jana, was wir veröffentlichen?«
»Und was genau passt nicht? Ich kann den Text sofort überarbeiten, wenn du …«
»Sonst noch was?« Huber schüttelte heftig den Kopf. »Wir sind hier nicht an der Uni oder in einem bekackten Schreibseminar für Hobby-Reporter. Ich und sonst niemand hier hat die Zeit, mit einer Tasse Mate-Tee in der Hängematte zu chillen und ein bisschen mit Wörtern rumzuspielen. Wenn du mit dem Zeitdruck nicht klarkommst, bist du hier fehl am Platz.«
»Aber …«
»Ganz ehrlich, Laura.« Huber gähnte intensiv und streckte sich. »Du schreibst wie eine Anfängerin. Das hab' ich dir schon das letzte Mal gesagt. Überleg dir mal, ob das wirklich der richtige Job für dich ist. Denn am Ende des Tages ist es ganz einfach: Entweder du lieferst oder du bist raus.«
Schneider presste die Lippen zusammen. Sie wusste, dass es hier um etwas ganz anderes ging. Für einen Moment dachte sie daran, es Huber direkt ins Gesicht zu sagen. Doch sie ließ es bleiben. Er saß am längeren Ast.
»Du kannst gehen.« Huber starrte bereits wieder auf sein Notebook. »Frag Jana, ob du ihr bei irgendetwas helfen kannst. Ich überleg' mir derweil, was ich mit dir machen soll.«
Erst jetzt merkte Schneider, dass sie vor Wut ihre Fäuste geballt hatte. Sie wollte aufstehen, als die eben erwähnte Jana an Hubers offene Bürotür klopfte.
»Kai, komm mal mit! Das solltest du dir ansehen!«
»Was ist denn?« Huber gab ein genervtes Grunzen von sich, stand aber auf und stapfte mit Jana ins Großraumbüro hinüber. Schneider folgte ihnen. Vor einem der großen TV-Screens an den Wänden hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet.
»Irgendetwas passiert da in Hamburg«, sagte Jana. »Bei der Hamburger Transportgesellschaft. Die Öffentlich-Rechtlichen bringen es bereits.«
»Und was stehst du dann hier rum, verdammt?«, brüllte Huber, dessen Genervtheit schlagartig geschäftiger Hektik gewichen war. »Ruf sofort unser Hamburger Büro an! Die sollen schleunigst ihren Arsch dorthin bewegen!«
Tobias Wellen saß an einem ausladenden Konferenztisch in einem abhörsicheren Besprechungsraum, die Arme vor der Brust verschränkt. Der große Monitor an der Wand vor ihm zeigte Rauchschwaden und kreischende Menschen.
Und Gestalten mit Sturmhauben und Motoradhelmen, die Bierdosen, Flaschen und Böller schleuderten, umstehende Autos demolierten, Mülltonnen in Brand steckten. Die Person, die das verwackelte Video mit ihrem Smartphone aufgenommen hatte, schien gerannt zu sein, um dem Inferno zu entkommen.
»Haben wir genug gesehen?«, fragte Wellen nach einer Weile und gab seinem Assistenten ein Zeichen. Der Monitor zeigte daraufhin wieder eine Reihe ernster Gesichter. »Es gibt noch mehr Aufnahmen, wie Sie vermutlich wissen. Dutzende davon.«
»Danke, wir kennen sie«, sagte Pauline Horn vom Bundesamt für Verfassungsschutz. Die anderen Köpfe auf dem Monitor nickten.
»Gut, Frau Horn«, sagte Wellen. »Dann verraten Sie mir einmal, wie eine kleine Demonstration dermaßen eskalieren konnte?«
»Wir sind gerade dabei, das gemeinsam mit der Hamburger Polizei herauszufinden.«
»War Ihnen die Bedrohungslage bekannt?«
»Nicht in diesem Ausmaß, nein. Die Gruppe, die die Kundgebung vor der Hamburger Transportgesellschaft angemeldet hat, gilt nicht als extremistisch und war bislang in keinster Weise auffällig. Ihr Name ist ›Stoppt China‹ und sie protestiert, wie der Name vermuten lässt, gegen eine zu starke Abhängigkeit Deutschlands von China. Die Gruppe ist nicht sonderlich groß. Sie hat nur ein paar hundert Mitglieder, vor allem in Hamburg, Berlin und Nordrhein-Westfalen. Es ist eigentlich nicht einmal eine Gruppe, eher eine Bewegung, zivilgesellschaftlich organisiert, keine fixen Strukturen. Grassroots, wie man so schön sagt. Es gibt ein paar führende Köpfe, aber keine echte Hierarchie. Sie ist in letzter Zeit verstärkt mit Kundgebungen in Erscheinung getreten, allesamt friedlich. In den letzten Tagen hat sie dann in den sozialen Netzwerken massiv gegen den geplanten Einstieg der Chinesen in den Hamburger Hafen Stimmung gemacht.«
Wellen machte eine Notiz in einem kleinen, schwarzen Buch. Er bevorzugte konsequent Stift und Papier gegenüber Einträgen in sein Smartphone.
»Ich habe von der Gruppe gehört«, sagte er. »Aber ›nicht extremistisch‹? Das sah auf den Bildern anders aus.«
Der Präsident der Hamburger Polizei hob die Hand.
Wellen nickte ihm auffordernd zu.
»Wir werten gerade alle sichergestellten Videos aus sowie die Bilder von Überwachungskameras in der Gegend. Was wir aber bereits wissen, ist folgendes: Die ordnungsgemäß angemeldete Kundgebung vor der Hamburger Transportgesellschaft ist auf eine Gegendemonstration gestoßen. Das hat vermutlich zur Eskalation geführt.«
»Und wer waren die Leute?«, fragte Wellen.
»Das können wir noch nicht sagen, weil die Gegendemonstration nicht angemeldet war. Sie scheint sich spontan gebildet zu haben. Aber offensichtlich waren es Personen, die sich für die Beteiligung der Chinesen am Hamburger Hafen aussprechen. Vielleicht Arbeiter, die um ihre Jobs fürchten, sollte aus dem angekündigten chinesischen Investment doch nichts werden. Möglicherweise waren auch ein paar Autonome und Hooligans darunter, einfach nur, um Ärger zu machen. Das wäre nichts Neues.«
Wellen machte einen weiteren Vermerk. »Und wissen wir, von wem die Eskalation ausging?«
»Schwer zu sagen. Es gab Vermummte auf beiden Seiten, die für Ärger gesorgt haben. Unsere Kräfte vor Ort waren bedauerlicherweise nicht stark genug, um die beiden Gruppen zu trennen.«
»Deswegen die Warnschüsse?«
Der Polizeipräsident fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Die kamen nicht von uns.«
Wellen blickte auf. »Sondern?«
»Der Sicherheitschef der HTG hat sich eingeschaltet. Er hat die Schüsse abgegeben, mit der Dienstwaffe eines Polizeibeamten. Um diesen zu schützen, wie er ausgesagt hat. Tatsächlich ist der Beamte zu Boden gegangen, nachdem er von einem Gegenstand am Kopf getroffen worden war. Wir untersuchen den Vorfall noch.«
Wellen ließ seinen Stift auf das Notizbuch fallen. »Was ist denn das für ein Chaos? Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, dass das kein gutes Licht auf Sie wirft – auf uns. In nicht einmal 48 Stunden landet die Maschine des chinesischen Ministerpräsidenten. Und die Regierung hat mehr als einmal deutlich gemacht, was hier auf dem Spiel steht.«
Und das war so einiges, wie auch Wellen klar war. Der anstehende Gipfel sollte Deutschlands angespanntes Verhältnis zu China neu ordnen. Das lag nicht nur im deutschen Interesse, wie vor allem die Außenministerin gerne betonte. Auch China hatte in den letzten Jahren Rückschläge einstecken müssen. Eine überalterte Bevölkerung, der Handelskrieg mit den USA oder die Strafzölle der EU auf seine E-Autos hatten den Motor des einstigen Wachstumswunders ins Stottern geraten lassen.
Am schwersten wog für das Reich der Mitte jedoch der drohende Misserfolg seines Leuchtturmprojekts: der Belt and Road Initiative. Unter diesem Namen wollte China das uralte Handelsnetz der Seidenstraße neu aufleben lassen und weiter ausbauen – und mit dem Netz auch seinen weltweiten Einfluss. Rund um den Globus hatte Beijing durch gigantische Kredite bereits Brücken, Eisenbahnen, Flughäfen und andere Infrastruktur finanziert. Mit über 150 Staaten hatte es hunderte Verträge und Abkommen geschlossen. Immer mehr Regierungen hatten allerdings in letzter Zeit den Nutzen des Projekts für ihr eigenes Land infrage gestellt.
China war daher auf der Suche nach neuen, engen Partnern. Und hatte dafür Deutschland auserkoren, dem es Rohstoffe wie Gallium oder Germanium – essenziell für die deutsche Industrie – zu besonders vorteilhaften Konditionen in Aussicht stellte. Die Forderungen im Gegenzug: ein Ende der Strafzölle auf chinesische E-Autos. Dann die Mitwirkung chinesischer Unternehmen am Ausbau kritischer Infrastruktur.
Und schließlich eine Beteiligung am Hamburger Hafen.
Die Hansestadt würde durch den Deal zum größten Hafen Europas und zum wichtigsten Endpunkt der neuen Seidenstraße werden. Doch dem nicht genug: Insgesamt winkten der angeschlagenen deutschen Wirtschaft Investitionen in Milliardenhöhe und viele neue Jobs, die das Land auch gut gebrauchen konnte – vor allem für die Arbeiter der Fahrzeugindustrie. Deren Niedergang wurde von den Importzöllen auf chinesische Fabrikate höchstens hinausgezögert, denn Fakt war nun einmal, dass die deutschen Autobauer von der Konkurrenz aus Fernost abgehängt worden waren. Wellen kannte die Zahlen nur zu gut. Konzerne wie Volkswagen oder Daimler, einst Deutschlands Aushängeschilder, büßten immer mehr Marktanteile ein.
»Solche Bilder wie vor der HTG können wir nicht brauchen«, sprach Wellen weiter, »also sorgen Sie dafür, dass so etwas nicht wieder vorkommt. Und ich will eine Liste mit allen Kundgebungen, die ›Stoppt China‹ oder sonst wer in den nächsten Tagen plant. Noch Fragen?«
Allgemeines Kopfschütteln.
Wellen steckte Notizbuch und Stift in die Innentasche seines Sakkos. »Die Sache mag zwar eine Angelegenheit für Polizei und Verfassungsschutz sein und damit primär in die Zuständigkeit des Innenministeriums fallen, aber sie hat ziemlich sicher Auswirkungen auf den Staatsbesuch. Deswegen möchte ich über alle weiteren Entwicklungen auf dem Laufenden gehalten werden. Und jetzt entschuldigen Sie mich. Die Außenministerin wartet.«
* * *
Als Oster, immer noch leicht benommen, die Eingangshalle der HTG-Zentrale betrat, eilte ihm sein Stellvertreter Kurt Springer entgegen.
»Bist du in Ordnung?«
»Geht so.«
Springer, schlaksig und ein paar Jahre älter als Oster, schüttelte den Kopf. »Ich hab' dir doch gesagt, du gehst besser nicht raus. ›Lass die Polizei einfach ihren Job machen.‹ Waren das nicht meine Worte?«
»Tja, das nächste Mal höre ich besser auf dich.«
»Krüger will dich sehen.«
»Das hab' ich mir schon gedacht.« Oster sah an sich hinab.
Sein Hemd war durchgeschwitzt, die Hose fleckig, seine Jacke staubig. »Ich mach' mich nur kurz frisch.«
»Keine Zeit. Du sollst sofort kommen.«
»Na dann!« Oster nickte der Empfangsdame zu, die ihn von ihrem Platz aus entgeistert anstarrte, und folgte Springer zum Aufzug. Auf der obersten Etage geleitete sie eine Mitarbeiterin, das Gesicht ebenfalls blass, wortlos zum Konferenzzimmer des Vorstands. Als Oster und Springer in den großen, von Sonnenlicht durchfluteten Raum traten, wartete dort bereits die versammelte Führungsriege der HTG. Die Anspannung war deutlich zu spüren.
»Gott sei Dank, Oster, da sind Sie ja endlich!« Dora Krüger, die Vorstandsvorsitzende, war aufgestanden. »Geht es Ihnen gut?«
Oster zog seine Jacke aus, hängte sie über die Stuhllehne und setzte sich an den großen, ovalen Tisch aus Mahagoni.
»Ja, soweit alles in Ordnung. Und verzeihen Sie meinen Aufzug.«
»Aber das ist doch kein Problem. Nachdem wir gesehen haben, was da passiert, haben wir uns furchtbare Sorgen um Sie gemacht. Schrecklich.«
Oster zwang sich zu einem Lächeln. Natürlich hatten sie das. Aber den Mut, auf die Straße zu gehen und nach ihm zu sehen, hatte keiner der hier Versammelten aufgebracht. Vermutlich hatten sie sogar das große gusseiserne Eingangstor absperren lassen, damit ja keiner dieser Verrückten ins Haus kam.
»Dann erzählen Sie mal, was genau geschehen ist«, sagte Krüger. »Und vor allem, warum das überhaupt geschehen konnte.«
»Was soll ich sagen?« Oster angelte nach dem Wasserkrug und einem der Gläser, die in der Mitte des Tischs standen.
»Das meiste haben Sie ja beobachten können. Zwei Gruppen mit, sagen wir mal, unterschiedlichen Meinungen sind aneinandergeraten. Die einen waren die Leute von ›Stoppt China‹, die schon seit Wochen herkommen. Die hatten ihren Protest wieder ordnungsgemäß bei der Polizei angemeldet.
Nur waren heute viel mehr da als sonst.«
»Und die andere Seite?« Die Frage kam von einer Managerin, mit der Oster nie zu tun hatte.
»Ich hab' keine Ahnung, wer genau die waren.« Oster schenkte sein Glas voll und stellte den Krug wieder in die Mitte. »Aber ganz offensichtlich Leute, die die Meinung von
›Stoppt China‹ nicht teilen. Arbeitslose und solche, die um ihren Job fürchten, sollte es mit dem Hafen bergab gehen. Die sind natürlich für den Einstieg der Chinesen. Sie wissen ja, wie das ist. Sobald die Menschen Angst um ihre Existenz bekommen, ticken sie aus. Selbst hier bei uns.«
»Und deswegen schlagen sie sich auf einmal gegenseitig den Schädel ein? Bis jetzt ist doch immer alles friedlich abgelaufen. Und hat es nicht immer geheißen, von ›Stoppt China‹ geht keine Gefahr aus?«
»Ich weiß nicht, wer angefangen hat«, sagte Oster. »Da waren sicher auch ein paar Leute dabei, die einfach nur Stunk machen wollten. Aber es würde mich ehrlich gesagt auch gar nicht wundern, wenn der Verfassungsschutz danebenliegt und ›Stoppt China‹ sich mittlerweile radikalisiert hat, ohne dass die was gemerkt haben.«
»Sie hatten also keine Hinweise auf eine Eskalation?«, wollte Krüger wissen. »Oder lagen Drohungen gegen unser Unternehmen vor?«
»Nein, keine Drohungen.«
»Aber das macht doch alles keinen Sinn.« Jochen Hahn, Osters direkter Vorgesetzter, schüttelte den Kopf. »Okay, die Kundgebung von ›Stoppt China‹ war angemeldet. Aber wie konnte die Gegendemo so schnell auftauchen? Irgendjemand hat die doch organisiert.«
»Ich weiß es nicht.«
»Und warum nicht, zum Henker?«
Oster hatte erneut das Glas an die Lippen gesetzt, stellte es aber wieder ab. »Irre ich mich, oder hört es sich tatsächlich so an, als würden Sie mir die Schuld an der ganzen Sache geben?«
»Naja, ist es nicht Ihre Aufgabe, unser Unternehmen vor Gefahren zu schützen? Dafür bezahlen wir Sie ja. Ganz gut sogar.«
»Und wie hätte ich das herausfinden sollen? Ich bin nicht der verfluchte Verfassungsschutz. Rufen Sie Georg Siebald an und klären Sie das mit ihm. Er ist beim BfV für den Hamburger Hafen zuständig, wie Sie vielleicht wissen.«
»Genug davon.« Dora Krüger, die bisher auf ihrem Smartphone herumgewischt hatte, blickte auf. »Jetzt ist nicht die Zeit für Streitereien. Vor allem, weil die Sache schon in den Medien ist.«
Sie warf das Telefon in die Tischmitte. Am Display war die Homepage eines Boulevardblatts zu sehen, mit Fotos der Straßenschlacht samt reißerischer Headline.
»Das kommt zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Übermorgen trifft der chinesische Ministerpräsident in Deutschland ein. Dann gibt die Regierung hoffentlich grünes Licht und wir können den Einstieg der Chinesen endlich fixieren.
Was wir am wenigstens brauchen, sind Schlagzeilen wie diese. Ich meine, eine Straßenschlacht vor unserer Firmenzentrale? Verletzte? Schüsse? Das Ganze ist eine verfluchte PR-Katastrophe.«
»Vor allem, wenn unser Sicherheitschef derjenige mit dem Finger am Abzug ist«, knurrte Hahn. »War das überhaupt legal? Sie können doch nicht einem Polizisten die Waffe entwenden! Ich wette, da kommt eine Menge Scheiße auf Sie zu, Oster. Und auf uns!«
»Der Mann wurde am Kopf getroffen und ist zu Boden gegangen! Und hätte ich zusehen sollen, wie Leute weiter niedergeprügelt werden?«
Krüger hob versöhnlich die Hände. »Ich weiß, wir sind alle aufgebracht. Aber ich schlage vor, dass wir uns jetzt beruhigen. Hören Sie, Oster, wir machen Ihnen keinen Vorwurf.
Was geschehen ist, ist geschehen, wir können jetzt nichts mehr ändern. Die PR-Abteilung wird sich darum kümmern.
Und natürlich können Sie auf unsere Rechtsabteilung zählen, falls notwendig. Aber wir müssen jetzt sicherstellen, dass sich das nicht wiederholt. Sprechen Sie mit der Polizei. Wir brauchen ein klares Konzept. Und fahren Sie sofort zu den Terminals und vergewissern Sie sich, dass dort alles in Ordnung ist. Fordern Sie mehr Wachleute an, so viele wie möglich, egal, was es kostet. Ich möchte, dass alles abgesichert ist.
Verstanden?«
»Absolut.« Oster stand auf. »Und jetzt würde ich mich gerne umziehen, wenn Sie nichts dagegen haben. Übrigens, Herr Hahn, fahren Sie nicht einen blauen Mercedes? Diesen schicken SUV?«
Hahn nickte stirnrunzelnd.
»Tja, wenn ich mich nicht irre, hat der ganz schön was abgekriegt. Sieht nicht gut aus. Ich fürchte, Sie müssen heute ein Taxi nehmen.«
* * *
Die Außenministerin saß nicht an ihrem Schreibtisch, als Wellen ihr Büro betrat. Wie immer, wenn sich Carola Strauss auf eine Rede vorbereitete, ging sie im Raum auf und ab und las dabei laut den Text vor. Ihre schwarzen Pumps hatte sie ausgezogen und ihr Gesicht verriet, dass sie mit dem Entwurf ihrer Redenschreiberin nicht zufrieden war.
»Nein. So geht das nicht.« Strauss wischte sich mit der freien Hand eine Strähne ihrer brünetten, schulterlangen Haare aus dem Gesicht. Das elegante, knielange Kleid in sattem Blau, das sie trug, entsprach ihrer Standardgarderobe.
Wellen hatte die Ministerin selten nervös erlebt, aber heute wirkte sie unruhig, angespannt.
»Ich werde weder etwas zu Taiwan noch zur Lage der Uiguren sagen«, murmelte Strauss. »Das überlasse ich der Kanzlerin. Oder dem Bundespräsidenten. Die sind sowieso vor mir dran.« Sie ging zu ihrem Schreibtisch und begann, einige Passagen durchzustreichen und andere einzukringeln oder mit Ergänzungen zu versehen. Als sie fertig war, reichte sie die Blätter an Wellen weiter. »Sieh es durch und sag mir deine Meinung.«
»Mache ich. Aber erst müssen wir über Hamburg sprechen.«
»Felicia hat mir schon davon erzählt. Schöner Mist.«
Wellen nickte. Er hatte Felicia Weidemann, Strauss'
Pressesprecherin, eben auf dem Flur getroffen.
Strauss lehnte sich an ihren Schreibtisch und blickte auf die schmale, silberne Uhr an ihrem linken Handgelenk. »Ich habe fünf Minuten. Was ich wissen will: Ist es für uns gefährlich?«
Wellen ließ sich in einen der vier schwarzen, um einen Glastisch gruppierten Ledersessel fallen und berichtete von seinem Online-Meeting von vorhin.
»In den nächsten Tagen brauchen wir Ruhe«, sagte er dann, »das habe ich Polizei und Verfassungsschutz klargemacht. Bei den nächsten Kundgebungen werden mehr Ordnungskräfte vor Ort sein.«
»Das will ich hoffen. Es gibt so schon genug Spinner in diesem Land. Nicht, dass die Sache in Hamburg Schule macht und diese Idioten Nachahmer finden. Hat's in den letzten Jahren alles schon gegeben. In den nächsten Tagen darf nichts mehr passieren, was unsere Besucher auch nur irgendwie vor den Kopf stoßen könnte.«
»Ich kümmere mich darum«, sagte Wellen. »Es braucht dich nicht weiter zu beschäftigen.«
»Am besten sollten wir diese Demos ganz verbieten.«
»Nun, das können wir wohl nicht.«
»Jaja, ich weiß. Grundgesetz und so.« Strauss blickte wieder auf ihre Uhr. »Die fünf Minuten sind um. Hast du noch etwas auf dem Herzen?«
Wellen stand auf und wedelte mit dem Blatt in seiner Hand. »Nein, das war's. Ich gebe dir Bescheid, wenn ich mit der Rede durch bin.«
»Warte, Tobias. Es gibt da was, das ich dir sagen muss.«
Wellen runzelte die Stirn. »Ich höre.«
»Benjamin Stein.«
»Der Bundestagsabgeordnete? Was ist mit ihm?«
»Er ist tot.«
»Was heißt, er ist tot?«
»Seine Assistentin hat ihn leblos in seinem Haus gefunden.
Bereits vor zwei Tagen. Die Polizei hat den Fall bis heute als absolute Verschlusssache behandelt, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Bislang hat es ja nur geheißen, er sei krank und könne deswegen nicht an den Bundestagssitzungen teilnehmen. Ich habe es selbst eben erst erfahren. In einer Stunde gibt es eine Pressekonferenz.«
Wellen ließ sich zurück auf den Ledersessel sinken und schüttelte ungläubig den Kopf. »Der Tag wird ja immer besser.«
»Willst du gar nicht wissen, wie er gestorben ist?«
»Natürlich.«
»Das ist pikant. Er hat …« Strauss dachte einen Moment nach, suchte offenbar nach den richtigen Worten. »Aja, genau.
Er hat sich bei einem autoerotischen Spiel stranguliert, mit Todesfolge. So hat es die Polizei genannt.«
Wellen riss die Augen auf. »Du meinst, er hat sich eine Schlinge um den Hals gebunden, während er sich einen …«
»Sieht ganz danach aus.«
Geistesabwesend betrat Schneider gegen 21 Uhr die Lobby des Hotels am Alexanderplatz. Zu viele Dinge schwirrten ihr im Kopf herum. Erst hatten die Ausschreitungen bei der Hamburger Demo für Aufsehen in der Redaktion und einen hyperventilierenden Kai Huber gesorgt. Dann hatte sich die Nachricht von Benjamin Steins Ableben verbreitet und Hubers Puls hatte endgültig die Frequenz eines Feldhasen beim Geschlechtsverkehr erreicht.
Der Innenpolitikleiter hatte sich sogar für seine persönliche Teilnahme an der gemeinsamen Pressekonferenz von Bundestag und Bundespolizei entschieden, was ungewöhnlich war, denn immerhin hatte FAKT dafür einen eigenen Korrespondenten.
Schneider hätte Huber gerne begleitet, doch allein der Gedanke daran war lächerlich. Dafür stand sie viel zu weit unten in der Hierarchie. Also hatte sie sich mit dem PK-Livestream auf ihrem Computer begnügt. Und dabei ein wenig über Stein recherchiert. Natürlich war er ihr ein Begriff gewesen, aber eine Suche im Internet hatte doch noch einige aufschlussreiche Details zu Tage gefördert. Stein war ein parlamentarisches Urgestein gewesen und hatte dem Bundestag mehr als drei Jahrzehnte angehört. Viel Zeit für Eskapaden, die seiner Popularität als hemdsärmeliger Kämpfer für den kleinen Mann seltsamerweise nicht geschadet hatten. Besonders der von den Medien genüsslich ausgeschlachtete Vorfall in einem Bordell in Potsdam vor ein paar Jahren, als ihm Geldbörse und Autoschlüssel geraubt worden waren, war Schneider hängen geblieben. Aber da war noch etwas, das sie in Erfahrung gebracht hatte und worüber sie unbedingt mit ihrer Chefin sprechen musste.
Obwohl Schneider abgelenkt war, durchquerte sie zielstrebig die Hotel-Lobby. Sie ließ die Rezeption links liegen und steuerte den Aufzug an, mit dem sie in die oberste Etage fuhr. Sie kannte den Weg auswendig, denn es war immer dieselbe Suite, in der sie sich trafen. Als sie bei der richtigen Tür angekommen war, klopfte sie, und wenige Augenblicke später wurde ihr geöffnet.
»Hallo, meine Süße«, sagte Juliane Rieker, die Chefredakteurin von FAKT. Sie zog Schneider zu sich ins Zimmer, schlang die Arme um ihren Oberkörper und küsste sie auf den Mund. Rieker war in einen weißen Frotteebademantel gehüllt und ihre Haare, die sie normalerweise als Dutt trug, fielen ihr über die Schultern. Nachdem sie die Tür zugeworfen hatte, glitt ihre Hand in die Tasche des Bademantels und förderte einen länglichen Gegenstand zu Tage.
»Ist der neu?«, fragte Schneider und musterte den rosafarbenen, mit Noppen besetzten Dildo.
»Brandneu. Und ich kann es gar nicht erwarten, ihn kennenzulernen.« Rieker küsste Schneider ein weiteres Mal und deutlich heftiger, beinahe schon aggressiv, dann stieß sie sie in Richtung Bett.
* * *
Es war kurz vor 22 Uhr, als Oster endlich die Tür zu seiner Wohnung in Altona-Altstadt aufsperrte. Niemand störte sich daran, dass er so spät von der Arbeit kam, denn niemand erwartete ihn in dem hässlichen, kleinen Loch, das er seit seiner Scheidung vor fünf Jahren sein Zuhause nannte.
Oster hängte seine Jacke an die Garderobe neben der Tür, schlüpfte aus den Schuhen und ging in die Wohnküche des spärlich möblierten Zwei-Zimmer-Apartments. Küchenzeile, ein kleiner Esstisch mit zwei Stühlen, ein schmales Bücherregal mit vorrangig Literatur zum Nahen Osten, daneben ein roter Ohrensessel. Alles aus dem Sortiment eines schwedischen Möbelhauses. Wohlmeinende Besucher hätten die Wohnung möglicherweise als puristisch oder funktional beschrieben, aber in Wahrheit hatte er sich einfach nur nie darum gekümmert, sie vernünftig einzurichten. Ihm hatte die Lust dazu gefehlt. Und die Kraft. Er verbrachte ohnehin die meiste Zeit im Büro. Auch wenn er seinen Job und die Leute dort nicht ausstehen konnte, konnte er so doch die Einsamkeit vergessen, die seit Jahren an ihm nagte.
Die Einsamkeit und den Schmerz.
Der einzige Luxus, den Oster sich gönnte, war die High-End-Musikanlage der Marke Sonos auf einem Rack neben der Küchenzeile. Er trat zur Anlage und drückte die Einschalttaste. Old School. CD-Player mit massiven Lautsprechern statt Streaming übers Handy an eine billige Bluetooth-Box aus Plastik. Die ersten Takte seines Lieblingschorals von Johann Sebastian Bach erklangen und Oster spürte augenblicklich, wie ein befreiendes Gefühl der Ruhe seinen Körper durchflutete. Für ein paar Augenblicke stand er nur da, atmete tief ein und aus, ging in der Musik auf.
Wie oft hatte ihn dieser Klang schon davon abgehalten, sich nach einem Tag wie heute einfach den Lauf einer Pistole in den Mund zu schieben?
Das war nicht nur so eine Floskel. Gerade nach der Trennung von seiner Frau, nachdem er zuvor auch noch beim Bundesnachrichtendienst gekündigt hatte, hatte nicht mehr viel gefehlt. Es war die Musik gewesen, die ihn am Leben gehalten hatte, das wusste er. Ohne dass er sich erklären konnte, woher diese Begeisterung kam. Auf eine Art war sie immer schon da gewesen, denn schon als Kind, seit er die Plattensammlung seines Großvaters durchstöbert hatte, hatte er sich zu den Werken klassischer Komponisten hingezogen gefühlt.
Anders als seine Freunde, die Pop, Metal, Techno oder irgendeinen anderen Schrott gehört hatten. Vor allem Barockmusik hatte es ihm angetan. Wie gern hätte er die Laufbahn eines Organisten oder Pianisten eingeschlagen, wäre er nur ein wenig talentierter gewesen.
Immer noch tief ein- und ausatmend langte Oster in die Taschen seiner sandfarbenen Chino und kramte Geldbörse und Smartphone hervor, ebenso die Schmerztabletten, die er sich am Nachmittag in der Apotheke besorgt hatte. Er legte alles auf dem kleinen, quadratischen Esstisch ab und trat an den Kühlschrank. Hatte er heute überhaupt schon etwas gegessen? Er konnte sich gar nicht erinnern.
Was war das nur für ein Theater gewesen?
Er hatte nach der Besprechung mit dem Vorstand alle drei von der HTG betriebenen Containerterminals im Hamburger Hafen inspiziert. Erst den größten in Altenwerder, danach den am Burchardkai und schließlich auch noch den kleinsten auf der Elbinsel Tollerort zwischen Köhlbrand und Vorhafen.
Dort hatte es bislang keine Protestaktionen oder Störungen gegeben, und auch heute war alles ruhig gewesen. Oster hoffte inständig, dass es dabei bleiben würde, dennoch hatte er bei der Security-Firma, mit der die HTG zusammenarbeitete, mehr Personal angefordert. Er hatte auch noch eine lange Besprechung mit der Polizei wegen der Sicherheitslage im Hafen gehabt, einschließlich einer Befragung zu dem Schussvorfall, für den er mit einer Anzeige rechnen musste. Wenigstens stand mittlerweile fest, dass alle Opfer sich ihre Verletzungen nicht in der von ihm ausgelösten Massenpanik zugezogen hatten, sondern schon zuvor. Danach hatte er nochmals dem Vorstand Bericht erstattet. Und das alles, während die Zentrale der HTG von Scharen von Reportern belagert wurde. Oster hatte gemeinsam mit der Pressesprecherin versucht, sie höflich abzuwimmeln, und verhindert, dass sie sich Zutritt zum Gebäude verschafften. Es war unglaublich, dachte Oster, wie frech manche dabei vorgegangen waren.
Oster ließ die Kühlschranktür wieder los. Er hatte eigentlich gar keinen Hunger. Stattdessen nahm er noch eine Schmerztablette und spülte sie mit einem Glas Leitungswasser hinunter. Es gab Zeiten, da hätte er das mit einem Schluck Wodka getan. Mittlerweile war Wasser das einzige, das er zuhause trank. In Osters Haushalt, wenn man das Wort überhaupt gebrauchen konnte, gab es weder Milch noch Limonade. Oder Alkohol.
Nicht, seit er trocken war.
Wasser ist dein Freund. Dein einziger Freund. Das war das Mantra, an das er sich hielt.
Oster ging ins Bad, warf seine Kleidung neben die Waschmaschine und nahm eine lange, heiße Dusche. Als er sich mit dem Handtuch die Haare trockenrubbelte, zuckte er zusammen. Die Beule an seinem Hinterkopf war weiter angeschwollen und tat ziemlich weh.
Egal, er würde es überleben. Das war nichts im Vergleich zu den anderen Dingen, mit denen er schon fertiggeworden war. Was er nun brauchte, waren einfach ein paar Stunden Schlaf. Aber zuvor musste er nochmals sein Smartphone checken, das kurz vibriert hatte.
Eine neue Nachricht.
Aber nicht von der Arbeit.
Sondern von Jessica.
Freue mich auf morgen.
Schnell tippte Oster eine Antwort, dann ging er mit dem Anflug eines Lächelns ins Schlafzimmer.
* * *
Wie immer in den Pausen ihrer intimen Begegnungen genehmigte Juliane Rieker sich einen doppelten Gin. Ohne Tonic. Von dem süßen Zeug würde man nur fett, hatte sie Schneider am Anfang ihrer Liaison einmal gesagt. Und tatsächlich war Rieker für Mitte vierzig erstaunlich gut in Form, das musste Schneider zugeben. Straffe Haut, flacher Bauch.
»Willst du auch einen?«, fragte Rieker vom Couchtisch im Wohnzimmer der Suite ins Schlafzimmer herüber.
»Danke, später.« Schneider rollte aus dem Bett und zog sich ihren Brazilian Slip an. »Ich muss mit dir über was reden.«
Rieker hatte sie nicht gehört. Nackt saß sie auf der Couch und nahm einen kleinen Behälter aus ihrer Handtasche. Sie öffnete ihn und streute eine kleine Menge eines weißen Pulvers auf einen Porzellanteller. Anschließend brachte sie das Kokain mit der stumpfen Seite eines Speisemessers in eine längliche Form.
Schneider setzte sich neben sie. »Ich muss mit dir reden«, sagte sie nochmals.
»Geht's um die Arbeit? Oder willst du mir einen Antrag machen? Das wäre aber wenig romantisch, nicht?«
»Das ist nicht lustig, Juliane. Kai hat es wieder gemacht.«
»Was hat er wieder gemacht?« Rieker gab sich nicht einmal die Mühe, interessiert zu klingen.
»Einen Artikel von mir abgelehnt.«
Schneider hatte eigentlich nicht vorgehabt, wie ein kleines Kind heulend zu Mami zu rennen, weil die anderen Kinder böse zu ihr waren. Aber heute wusste sie sich nicht mehr anders zu helfen. Was, wenn Huber seine Drohung wahrmachte und sie feuerte? Dann war der Kindheitstraum von der Karriere als Journalistin ausgeträumt. Und Rieker würde ihr in diesem Fall kaum zur Seite stehen.
Schneider gab sich keinerlei Illusionen hin. Sie hatte die Affäre mit Rieker aus Leichtsinn begonnen und weil sie sich geschmeichelt gefühlt hatte, von einer so einflussreichen Person umgarnt zu werden. Aber sie hatte schnell bemerkt, dass sie nicht die Erste war, der es bei FAKT so ergangen war.
Und im Moment vielleicht nicht mal die Einzige. Vermutlich hatte sie für Rieker dieselbe Bedeutung wie der neue Dildo –
ein nettes Spielzeug zum Dampfablassen. Nun ärgerte sie sich über ihre Naivität und hatte keine Ahnung, wie sie aus der Sache wieder rauskommen sollte. Sie hatte nicht den Mut, die Beziehung zu beenden. Wenn es deswegen dicke Luft zwischen ihr und der Chefredakteurin gäbe, würde ihr Leben bei FAKT nicht gerade leichter werden.
»Er hat also einen Artikel von dir abgelehnt.« Rieker beugte sich über den Tisch und schnupfte das Kokain weg.
»Das kommt vor. Mach dir nichts draus.«
»Aber er macht es nur, weil er von uns weiß«, sagte Schneider. »Weil er glaubt, ich arbeite nur bei ihm, weil du mich protegierst. Und das ist ihm zuwider.«
»Blödsinn. Kai ist einfach ein Typ der alten Schule. Ja, ein Arschloch, aber ein ziemlich guter Journalist. Sei doch froh.
So lernst du was, und zwar von einem der besten.«
»Er respektiert mich nicht. Niemand in der Redaktion respektiert mich.«
Rieker gluckste amüsiert. »Sei nicht so naiv. Natürlich respektieren sie dich nicht. Du bist 23 und hast keine Erfahrung, also bist du der Fußabstreifer.«
»Bin ich das auch für dich? Ein Fußabstreifer?«
Rieker zuckte mit den Schultern. »Weißt du, da mussten wir alle mal durch. Und jetzt entspann dich endlich.« Sie langte nach der Ginflasche, um sich nachzuschenken. »Meine Fresse, wenn ich mir so ein Gejammere anhören will, kann ich auch im Büro bleiben.«
* * *
Wellen stellte den Livestream von CNN über die neuesten Provokationen der Volksbefreiungsarmee vor Taiwan wieder auf laut. Endlich war er mit den Dossiers auf seinem Schreibtisch durch. Nach einem Schluck Tee stand er auf und streckte sich kurz, dann widmete er sich dem endgültigen Protokoll für den anstehenden Staatsbesuch.
Der Ministerpräsident war nach dem Präsidenten die zweitmächtigste Person in der Volksrepublik China. »Nr. 2« –
so seine Bezeichnung in den internen Planungen und Korrespondenzen des Auswärtigen Amts – würde Donnerstagmorgen am Flughafen Berlin-Brandenburg landen, im Gefolge mehrerer Minister und einer großen Wirtschaftsdelegation.
Nach einem Empfang auf Schloss Bellevue würde es zunächst einen Austausch mit dem Bundespräsidenten geben. Am Nachmittag würden sich die Gäste erst einmal zurückziehen und sich auf das Abendessen mit der gesamten deutschen Regierung vorbereiten. Die offiziellen Konsultationen waren für den Freitag vorgesehen, inklusive dem Zusammentreffen von Nr. 2 und Bundeskanzlerin und anschließender gemeinsamer Pressekonferenz. Ein Punkt auf der PK-Agenda sah tatsächlich die Themen »Menschenrechte« sowie »Meinungs- und Pressefreiheit« vor. Wellen musste den Kopf schütteln angesichts dieser Heuchelei: Von chinesischer Seite war bereits klar gemacht worden, dass es den teilnehmenden Journalisten nicht gestattet wäre, nach den Reden von Nr. 2 und Kanzlerin Fragen zu stellen.
Gespräche mit deutschen Industriekapitänen und Wirtschaftsbossen sowie eine Tour durch die Bundesländer mit Firmenbesichtigungen standen für die kommenden Tage auf dem Plan. Aus Bayern sollte Nr. 2 schließlich wieder nach Berlin zurückkehren, wo die Verhandlungsteams beider Staaten inzwischen alle Detailfragen geklärt haben würden.
Damit würde der Weg frei sein für den Höhepunkt des Besuchs: die Unterzeichnung eines umfangreichen Wirtschafts- und Handelsabkommens als Zeichen der neuen Freundschaft zwischen der Volksrepublik und der Bundesrepublik.
Es war ein ungewöhnlich langer Aufenthalt, der von den Chinesen ausdrücklich so gewünscht worden war. Wellen wusste auch, warum. Beijing wollte so die deutsch-chinesische Annäherung über Gebühr betonen, um damit den Westen und vor allem die Vereinigten Staaten zu ärgern.
Aber die diplomatischen Implikationen waren nur die eine Seite. Der Besuch brachte auch eine gewaltige logistische Herausforderung für die Gastgeber mit sich. Verantwortlich für die gesamte Organisation, den Ablauf und die Rundreise war die Protokollabteilung des Auswärtigen Amts. Und Wellen selbst würde …
Er schreckte auf. Sein Smartphone vibrierte auf der Schreibtischplatte. Er zögerte kurz, dann nahm er das Gespräch an. Am Telefon war Pauline Horn, seine Kontaktperson beim Bundesamt für Verfassungsschutz.
»Frau Horn, was verschafft mir so spät die Ehre? Hoffentlich kein Notfall?«
»Sind Sie noch im Büro?«
»Natürlich. Wo sollte ich sonst sein?«
»Ausgezeichnet. Ich stehe nämlich vor Ihrer Tür. Unten auf der Straße, meine ich.«
Wellen bat seinen Assistenten, Horn am Eingang abzuholen. Fünf Minuten später spazierte sie in sein Büro. Trotz ihres Alters – Wellen schätzte sie auf Anfang fünfzig – verlieh ihr burschikoser Haarschnitt ihr ein jugendliches Auftreten.
Ihr Gesicht wurde von einer etwas zu großen Brille dominiert, hinter der sich kleine, misstrauische Augen befanden.
Wellen stand auf und reichte ihr die Hand. »Was machen Sie so spät noch hier?«
»Das könnte ich Sie auch fragen.«
»Ich nehme an, in den nächsten Tagen wird keiner von uns sonderlich viel Schlaf kriegen.«
»Darauf können Sie wetten.«
Wellen deutete auf die beiden Stühle vor seinem Schreibtisch. »Bitte, setzten Sie sich doch. Darf ich Ihnen etwas anbieten. Tee, Kaffee? Oder doch etwas Stärkeres?«
»Danke, ich bleibe nicht lange.« Horn nahm Platz und zog eine dünne Mappe aus ihrer Handtasche, die sie vor Wellen auf den Schreibtisch legte. »Sie sagten doch, Sie wollen auf dem Laufenden gehalten werden, was die Sache in Hamburg angeht. Deswegen dachte ich mir, ich komme kurz persönlich vorbei. Da steht alles drin, was wir bislang über den heutigen Vorfall und ›Stoppt China‹ wissen.«
Wellen öffnete die Mappe, in der sich nur ein einziges Blatt Papier befand. Schnell überflog er das Dokument, in dem »Stoppt China« als »Auffangbecken für Chinakritiker, Menschenrechtler, Islamisten, Systemgegner und Umweltaktivisten, die weniger Konsum fordern und daher auch für weniger Importe und Exporte eintreten« beschrieben wurde.
»Hier ist«, sagte er dann, »von Gerüchten in den sozialen Netzwerken die Rede. Bei den vermummten Gegendemonstranten soll es sich um bezahlte Schläger gehandelt haben, geschickt von der chinesischen Botschaft, um den Protest von ›Stoppt China‹ zu ersticken.«
»Diese Gerüchte gibt es. Wir haben allerdings keine Anhaltspunkte, dass etwas dran ist.«
Wellen klappte die Mappe wieder zu und reichte sie Horn.
»Ich hätte aber noch eine andere Frage an Sie.«
»Nur zu.«
»Benjamin Stein«, sagte Wellen.
»Traurige Sache, ja.«
»Die Polizei hat die Ermittlungen mittlerweile abgeschlossen. Und sie hat versichert, dass es ein Unfall war. Ein Fremdverschulden, ob mit Absicht oder ohne, kann definitiv ausgeschlossen werden. Ist das korrekt?«
»Natürlich. Ich habe keinen Grund, an den Ergebnissen der Polizei zu zweifeln.«
Wellen beugte sich ein wenig in Richtung seiner Besucherin. »Das heißt«, sagte er etwas leiser, »der Verfassungsschutz verfügt über keinerlei Hinweise, dass es doch kein Unfall war.«
Horn schüttelte den Kopf.
»Gut.« Wellen lehnte sich wieder zurück. »Ich denke, das wäre dann wohl alles. Nochmals danke für Ihr Kommen.«
»Keine Ursache.« Horn verstaute die Mappe wieder in ihrer Handtasche und stand auf.
Wellen ging um den Tisch herum, um seine Besucherin zur Tür zu geleiten.
»Was übrigens unser kleines Vorhaben betrifft«, raunte Horn ihm leise zu, als sie sich voneinander verabschiedeten.
»So wie ich das sehe, läuft alles wie geplant. Also nehme ich an, wir machen weiter.«
Wellen blickte in die misstrauischen Augen hinter den großen Gläsern und nickte. »Ich denke, das können wir.«
* * *
Juliane Rieker langte mit einem zufriedenen Grinsen nach der Ginflasche, die sie vom Wohnzimmer ins Bett mitgebracht und auf dem Nachtkästchen abgestellt hatte. Schneider lag neben ihr und starrte die Zimmerdecke an. Sie hatten eben den zweiten Durchgang mit Riekers neuem Spielzeug hinter sich gebracht. Sie selbst war allerdings gar nicht zum Zug gekommen. Rieker war wegen ihres Rauschs nicht richtig bei der Sache gewesen, und noch mehr als sonst nur auf ihr persönliches Vergnügen bedacht. Wie die Kerle, mit denen sie früher Sex gehabt hatte, dachte Schneider.
Rieker füllte ihr Glas bis über die Hälfte und leerte es in einem Zug. Schneider ließ sich kommentarlos nachschenken.
Eigentlich war sie nicht in Stimmung gewesen und hatte sich vorgenommen, sich heute nicht zu betrinken. Aber dann hatte sie sich doch wieder einmal breitschlagen lassen, und mit jedem Schluck und jedem Stoß war die Wut ein wenig mehr gewichen.
Rieker hatte sich über die Wucht, mit der sie es ihr besorgt hatte, nicht beschwert. Sie mochte es gerne ein wenig härter.
»Sag mal«, sagte Schneider, nachdem sie einen kräftigen Schluck genommen hatte, »was denkst du über die Sache mit Benjamin Stein? Kommt dir das nicht seltsam vor?«
Rieker nahm wieder das Kokaindöschen zur Hand. Unter ihrer Nase sah Schneider, kaum erkennbar, die Reste der letzten Prise. »Du meinst, ob es seltsam ist, dass er sich selbst erdrosselt, während er sich einen runterholt?«
Schneider riss die Augen auf. »Das war die Todesursache?
Woher weißt du das? In der Pressekonferenz hieß es nur, er erlag einem bedauernswerten Unfall ohne Fremdverschulden.
Und aus Gründen der Privatsphäre können keine Details bekanntgegeben werden.«
»Das ist die offizielle Version. Zur Wahrung der Würde des Amtes.« Rieker kicherte und sprach die letzten drei Wörter betont langsam aus. »Aber ich habe meine Quellen. Seine Assistentin hat ihn in seinem Haus gefunden. Mit heruntergelassener Hose und Gürtel um den Hals. Dummerweise musste ich versprechen, das Geheimnis für mich zu behalten.
Sonst krieg ich in Zukunft keine Infos mehr. Zu schade. Das hätte eine wunderbare Headline abgegeben: ›Mitglied des Bundestags beim Wichsen erstickt.‹«
Obwohl es ihr falsch vorkam, musste auch Schneider lachen. »Du verarschst mich doch!«
»Nein, ich schwöre es dir. Und ich kann mir das sogar gut vorstellen. Ich kannte Stein. Nicht näher, aber doch gut genug, um zu wissen, dass er nicht nur ein Laster hatte. Der Mann hatte immer viel Druck auf dem Kessel und musste ihn irgendwie loswerden. Er hat das auch gar nie bestritten. Ich glaube, das hat ihn letztlich so erfolgreich gemacht. Dass er sich niemals verbogen hat. Und er hat immer gut für Inserate gezahlt. Schade um ihn.« Sie kippte ein wenig Kokain auf den Handrücken und schnupfte es weg. »Willst du auch?«
Schneider schüttelte den Kopf. Bei Drogen hatte sie sich immer zurückgehalten. Sie wollte sich nicht in noch eine Abhängigkeit begeben.
»Gott.« Rieker legte den Kopf auf das Kissen und stöhnte mit geschlossenen Augen laut auf. »Eigentlich sollte das Zeug doch aufputschen, oder? Warum bin ich dann so beschissen fertig? Ich penn einfach viel zu wenig.«
Normalerweise nutzten sie die Suite nur für ein paar Stunden, wenn Rieker ein wenig den Kopf freikriegen wollte.
Denn normalerweise ging sie nach ihren Dates zurück in die Redaktion und arbeitete die Nacht über weiter. Dort gab es ein Feldbett für ein paar Stunden Schlaf und einen Reserve-Hosenanzug für den nächsten Tag. Aber es kam durchaus vor, dass sie bis zum Morgen im Hotel blieben, wenn Rieker zu viel getrunken hatte. Und heute hatten sie beide sehr viel getrunken.
»Aber es ist doch seltsam«, sagte Schneider. »Stein kommt gerade jetzt ums Leben? Zu dem Zeitpunkt?«
»Worauf willst du hinaus?«
»Was, wenn er es gar nicht selbst war?«
»Du meinst, da war eine Nutte im Spiel, die sich aus dem Staub gemacht hat, als die Sache aus dem Ruder gelaufen ist?
Ohne den Notarzt zu rufen? Glaub' ich nicht. Ich habe den Ermittlungsbericht eingesehen. Die Polizei schließt ein Fremdverschulden zu einhundert Prozent aus. Und du willst mir doch nicht ernsthaft weismachen, dass sie was vertuschen wollen. Tod durch Nutte ist doch weitaus besser als Tod durch autoerotische Selbststrangulation, was die Würde des Amtes angeht. Fang mir jetzt also nicht mit Verschwörungstheorien an.«
»Ich meine auch gar keine Nutte.«
Rieker drehte sich zur Seite und zog sich die Decke bis über die Schultern. »Sondern?«
»Was, wenn es kein Unfall war, sondern … Mord.«
»Mord?« Rieker richtete sich wieder ein wenig auf. »Und wer, bitteschön, sollte den alten Sack umbringen wollen?«
»Naja, die Chinesen vielleicht. Er war schließlich ihr schärfster Kritiker.«
»Sag mal, bist du sicher, dass du nicht doch was von dem Koks probiert hast? Du bist ja völlig durchgeknallt.«
»Warum? Ist der Gedanke so abwegig?«
»Du meinst ernsthaft, die Chinesen bringen einen ausländischen Politiker in seinem eigenen Land um? In Deutschland? Noch dazu ein paar Tage, bevor ihr Ministerpräsident auf Staatsbesuch kommt? Ganz davon abgesehen, dass die Chinesen vermutlich einen feuchten Dreck auf einen ewigen Querulanten wie Stein geben, den nicht einmal die eigene Partei sonderlich mag.«
»Dann schau dir das mal an.« Schneider nahm ihr Handy und öffnete eine Datei. »Das ist ein Bericht einer Lokalzeitung. Offenbar war Stein im letzten Monat zweimal bei Veranstaltungen von ›Stoppt China‹ in Hamburg. Das ist doch die Gruppe, die dort heute Ärger gemacht hat. Lass mich das recherchieren. Vielleicht gibt es eine Verbindung.«
»Kommt gar nicht in die Tüte. Damit machen wir uns doch nur lächerlich.«
»Aber was, wenn doch was dran ist? Dann haben wir eine Megastory. Du sagst doch immer, man muss auch mal verrückte Ideen verfolgen.«
