Beschreibung

August 1869: Ein verschlafenes Bauerndorf an der Nordwestküste Schottlands wird von einem brutalen Dreifachmord erschüttert. Der Täter ist rasch gefunden. Doch was trieb den siebzehnjährigen Roderick Macrae, Sohn eines armen Landwirts, dazu, drei Menschen auf bestialische Weise zu erschlagen? Während Roddy im Gefängnis auf seinen Prozess wartet, stellen die scharfsinnigsten Ärzte und Kriminaler des Landes Nachforschungen an, um seine Beweggründe aufzudecken. Ist der eigenbrötlerische Bauernjunge geisteskrank? Roddys Schicksal hängt nun einzig und allein von den Überzeugungskünsten seines Rechtsbeistandes ab, der in einem spektakulären Prozess alles daran setzt, Roderick vor dem Galgen zu bewahren. Als der siebzehnjährige Roderick Macrae ein grausames Blutbad im Haus seines tyrannischen Nachbarn Lachlan Mackenzie anrichtet, blickt ganz Schottland geschockt auf das verschlafene Bauerndorf Culduie. Roddy leugnet die Taten nicht. Doch was hat ihn zu seinem blutigen Verbrechen getrieben? Während Roddy im Gefängnis von Inverness auf seinen Prozess wartet, beginnt er seine Beweggründe für das Geschehene niederzuschreiben. Und auch die schlausten Ärzte und Kriminalanthropologen des Landes suchen nach Antworten. In seinem brillanten Pageturner versetzt Graeme Macrae Burnet den Leser mitten ins Schottland des 19. Jahrhunderts und nimmt ihn zu den Anfängen der heutigen Kriminalpsychologie mit. Kunstvoll verquickt er dabei Rodericks eigene Aufzeichnungen mit Gerichtsunterlagen, medizinischen Gutachten und der Prozessberichterstattung. Während er die Annahmen der Leser über die eigentlichen Tathintergründe immer wieder raffiniert ins Leere laufen lässt, enthüllt sich die dunkle Wahrheit um Rodericks Verbrechen erst in einem grandiosen Gerichtsdrama. Eine außergewöhnliche neue Stimme, ein raffinierter psychologischer Thriller.

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Die englischsprachige Originalausgabe ist 2015 unter dem Titel His Bloody Project. Documents relating to the case of Roderick Macrae bei Contraband, einem Imprint von Saraband, Glasgow, Schottland, erschienen.

The translation of this book was made possible with the financial help of Publishing Scotland’s translation fund.

Die Übersetzerin dankt dem Deutschen Übersetzerfonds für seine freundliche Unterstützung.

1. eBook-Ausgabe 2017© 2015 by Graeme Macrae Burnet© der deutschsprachigen Ausgabe 2017Europa Verlag GmbH & Co. KG, MünchenUmschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Mark Owen / Trevillion ImagesÜbersetzung: Claudia FeldmannLayout und Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Konvertierung: Brockhaus/CommissionePub-ISBN: 978-3-95890-127-8ePDF-ISBN: 978-3-95890-128-5

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

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INHALT

Vorwort

Aussagen der Einwohner von Culduie

Karte von Culduie und Umgebung

Die Aufzeichnungen von Roderick Macrae

Medizinische Gutachten

Auszug aus Reisen in das Grenzland des Wahnsinns von J. Bruce Thomson

Der Prozess

Epilog

Dank

Die Mühle arbeitet am besten, wenn der Mahlstein schartig ist.

Sprichwortaus dem schottischen Hochland

VORWORT

Ich schreibe dies auf Anraten meines Rechtsbeistands, Mr. Andrew Sinclair, der mir seit meiner Inhaftierung hier in Inverness mit einer Freundlichkeit begegnet, die ich gewiss nicht verdiene. Mein Leben war kurz und ohne große Bedeutung, und ich habe keineswegs die Absicht, mich der Verantwortung für die Taten, die ich begangen habe, zu entziehen. Dass ich diese Worte zu Papier bringe, entspringt also lediglich dem Wunsch, mich für die Freundlichkeit meines Rechtsbeistands erkenntlich zu zeigen.

So beginnen die Aufzeichnungen von Roderick Macrae, einem siebzehn Jahre alten Crofter1, der angeklagt wird, am Morgen des 10. August 1869 in seinem Heimatdorf Culduie in Ross-shire drei Menschen brutal ermordet zu haben.

Ich möchte den Leser nicht unnötig aufhalten, doch erscheinen mir ein paar Anmerkungen zum Verständnis des hier zusammengetragenen Materials hilfreich. Wer direkt mit den eigentlichen Dokumenten beginnen will, kann dies selbstverständlich tun.

Im Frühjahr 2014 machte ich mich daran, ein wenig mehr über meinen Großvater Donald »Tramp« Macrae herauszufinden, der 1890 in Applecross geboren wurde, zwei oder drei Meilen nördlich von Culduie. Während meiner Recherchen im Highland Archive Centre in Inverness stieß ich auf ein paar Zeitungsausschnitte, in denen es um den Prozess von Roderick Macrae ging, und mithilfe von Anne O’Hanlon, der dortigen Archivarin, entdeckte ich schließlich das Manuskript, das den größten Teil dieses Buches einnimmt.

Roderick Macraes Aufzeichnungen sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Verfasst wurden sie im Gefängnis von Inverness Castle, vermutlich in der Zeit vom 17. August bis zum 5. September 1869, während Roderick auf seinen Prozess wartete. Viel mehr noch als die eigentlichen Morde sind es Rodericks Niederschriften, die diesen Fall zu einer cause célèbre gemacht haben. Die Aufzeichnungen – oder zumindest die aufsehenerregendsten Teile davon – wurden später in zahllosen Groschenheften abgedruckt und sorgten für hitzige Debatten.

Vor allem unter den Literaten Edinburghs bezweifelten viele ihre Echtheit. Rodericks Bericht weckte Erinnerungen an den Ossian-Skandal Ende des 18. Jahrhunderts, als James Macpherson behauptete, er hätte dieses bedeutende Epos der gälischen Dichtkunst gefunden und übersetzt. Ossian wurde alsbald zu einem Klassiker der europäischen Literatur, doch später fand man heraus, dass es eine Fälschung war. Für Campbell Balfour war es laut seinem Artikel in der Edinburgh Review »kaum glaubwürdig, dass ein einfacher, ungebildeter Bauer ein so umfangreiches und sprachgewandtes Schriftstück verfasst […] Die Aufzeichnungen sind eine Fälschung, und diejenigen, die diesen erbarmungslosen Mörder als eine Art edlen Wilden rühmen, werden alsbald mit rotem Kopf dastehen.« 2 Für andere waren sowohl die Morde als auch die Aufzeichnungen ein Beweis für die »schreckliche Barbarei, die in den nördlichen Gebieten unseres Landes noch immer herrscht und gegen die weder die unverdrossenen Bemühungen unserer Geistlichen noch die umfangreichen Verbesserungen3 der letzten Jahrzehnte etwas ausrichten konnten.«4

Wieder andere sahen in den Ereignissen, die in den Aufzeichnungen geschildert wurden, einen Beweis für die Ungerechtigkeit der Feudalherrschaft, die die Kleinbauern des Hochlands noch immer erdulden mussten. Obwohl er die Taten als solche keineswegs entschuldigte, sah John Murdoch, der spätere Gründer der radikalen Zeitung The Highlander, in Roderick Macrae »einen Mann, der von einem grausamen System an den Rand des Wahnsinns getrieben wurde – und sogar darüber hinaus. Einem System, das aus Menschen, die eigentlich nichts weiter wollen, als auf einem gepachteten Stück Land ihren Lebensunterhalt zu verdienen, Sklaven macht.«5

Was die Authentizität des Dokuments angeht, so lässt sich diese anderthalb Jahrhunderte später wohl kaum mehr verifizieren. Es ist in der Tat erstaunlich, dass ein so junger Mann ein so sprachgewandtes Zeugnis ablegte. Allerdings beruhte die Vorstellung, Roderick Macrae sei nur ein »halb gebildeter Bauer« gewesen, auf einem hartnäckigen Vorurteil, das die wohlhabende Stadtbevölkerung des Central Belt gegenüber dem Norden hegte. Die Unterlagen der Volksschule in Lochcarron aus den 1860er-Jahren zeigen, dass die Kinder damals in Latein, Griechisch und Naturwissenschaften unterrichtet wurden. Vermutlich wird also auch Roderick im nahe gelegenen Camusterrach eine ähnliche Ausbildung genossen haben, und aus seinen Aufzeichnungen, die ja bereits für sich sprechen, geht hervor, dass er ein außergewöhnlich begabter Schüler gewesen sein muss. Die Vermutung, dass Roderick die Aufzeichnungen verfasst haben könnte, beweist aber natürlich noch nicht, dass er sie auch tatsächlich verfasst hat. Für diese Annahme spricht jedoch die Aussage des Psychiaters James Bruce Thomson, der in seinen eigenen Aufzeichnungen vermerkte, dass er das Schriftstück in Rodericks Zelle gesehen habe. Skeptiker könnten nun einwenden (und das haben sie auch getan), dass Thomson nie persönlich gesehen hat, wie Roderick etwas aufschrieb, und zugegeben, die damalige Beweiskette würde heutigen Prozessmaßgaben wohl kaum mehr standhalten. Auch die Vermutung, die Aufzeichnungen könnten in Wirklichkeit von jemand anderem verfasst worden sein (und hier käme natürlich als Erster Rodericks Anwalt Andrew Sinclair infrage), ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Aber es bedarf schon der verschrobenen Denkweise eines ausgemachten Verschwörungstheoretikers, um dies ernsthaft in Betracht zu ziehen. Außerdem enthält das Schriftstück so viele minutiös geschilderte Details, dass es kaum von jemandem verfasst worden sein kann, der nicht in Culduie lebte. Und schließlich stimmt Rodericks Schilderung der Ereignisse, die zu den Morden führten, zu einem großen Teil mit den Aussagen anderer Zeugen während des Prozesses überein. Aus all diesen Gründen und weil ich das Manuskript selbst begutachten konnte, habe ich keinerlei Zweifel an seiner Echtheit.

Zusätzlich zu Roderick Macraes Aufzeichnungen enthält dieses Buch die Zeugenaussagen verschiedener Einwohner von Culduie, die Berichte der Leichenbeschauer und, vielleicht das faszinierendste Dokument von allen, einen Auszug aus den Lebenserinnerungen von J. Bruce Thomson, Reisen in das Grenzland des Wahnsinns, in dem er seine Untersuchung Roderick Macraes sowie einen Besuch in Culduie schildert, den er in Begleitung von Andrew Sinclair unternahm. Thomson war leitender Arzt des staatlichen Gefängnisses in Perth, wo die Gefangenen untergebracht wurden, die wegen Unzurechnungsfähigkeit nicht verurteilt werden konnten. Mr. Thomson nutzte die Möglichkeiten, die ihm seine Stellung bot, nach Kräften aus und veröffentlichte zwei einflussreiche Artikel im Journal of Mental Science: Die erbliche Natur des Verbrechens und Die Psychologie der Verbrecher. Er war sehr bewandert in der neuen Evolutionstheorie und der gerade erst entstehenden Disziplin der Kriminalanthropologie. Und obgleich manche seiner Ansichten dem modernen Leser übel aufstoßen mögen, sollte man bedenken, zu welcher Zeit und unter welchen Umständen sie entstanden sind, und dem Verfasser zugutehalten, dass er sich ernsthaft bemüht hat, sich von der rein theologischen Sicht auf das Verbrechen zu lösen, um ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, was manche Menschen dazu treibt, Gewaltverbrechen zu begehen.

Schließlich habe ich noch eine Schilderung des Prozesses beigefügt, zusammengetragen aus den Zeitungsartikeln jener Zeit und dem Buch Ein vollständiger Bericht des Prozesses von Roderick John Macrae, veröffentlicht von William Kay, Edinburgh, im Oktober 1869.

Es ist nach fast einhundertfünfzig Jahren nicht möglich, festzustellen, inwieweit die hier beschriebenen Ereignisse der Wahrheit entsprechen. In den Aussagen und Berichten finden sich diverse Unstimmigkeiten, Widersprüche und Lücken, aber zusammengenommen ergeben sie dennoch ein anschauliches Bild von einem der faszinierendsten Fälle der schottischen Gerichtsgeschichte. Selbstverständlich habe ich meine eigene Sicht der Dinge, aber ich überlasse es den Leserinnen und Lesern, selbst ihre Schlüsse zu ziehen.

Anmerkung zum Text

Soweit ich es nachvollziehen konnte, ist dies das erste Mal, dass Roderick Macraes Aufzeichnungen in vollem Umfang veröffentlicht werden. Trotz der langen Zeit, die vergangen ist, und der Tatsache, dass das Manuskript nicht immer mit großer Sorgfalt gelagert wurde, befindet es sich in bemerkenswert gutem Zustand. Es wurde auf losen Blättern verfasst und zu einem späteren Zeitpunkt mit Lederschnüren gebunden, was daran zu erkennen ist, dass der Text am inneren Rand an einigen Stellen durch die Bindung verdeckt wird. Die Handschrift ist bewundernswert klar, und nur an ein paar wenigen Stellen gibt es Korrekturen oder Durchgestrichenes. Bei meinen Vorbereitungen zur Veröffentlichung habe ich mich stets bemüht, dem Sinn des Manuskripts treu zu bleiben, und ich habe an keiner Stelle versucht, den Text zu »verbessern« oder eine ungeschickte Ausdrucksweise oder Satzkonstruktion zu korrigieren. Was hier vorgelegt wird, ist so weit wie nur möglich das Werk von Roderick Macrae. Manche Begriffe werden dem heutigen Leser unbekannt sein. Daher habe ich, wo es mir für das Verständnis nötig erschien, entsprechende Fußnoten angefügt. Außerdem möchte ich darauf hinweisen, dass überall im Buch sowohl die richtigen Namen der Protagonisten als auch deren Spitznamen verwendet werden – so wird beispielsweise Lachlan Mackenzie häufig Lachlan Broad genannt. Diese Verwendung von Spitznamen ist im schottischen Hochland zumindest in der älteren Generation immer noch üblich, vermutlich um zwischen verschiedenen Abkömmlingen der am häufigsten vorkommenden Familiennamen zu unterscheiden. Diese Spitznamen basieren oft auf dem Beruf oder persönlichen Besonderheiten, aber bisweilen werden sie auch von Generation zu Generation weitergegeben, bis schließlich nicht einmal mehr der Träger des Spitznamens weiß, woher dieser eigentlich stammt.

Ich habe mir bei der Bearbeitung des Textes lediglich erlaubt, einige Satzzeichen und Absätze einzufügen. Das Manuskript ist in einem einzigen ununterbrochenen Fluss geschrieben, abgesehen von den Stellen, an denen Roderick vermutlich des Abends den Stift beiseitegelegt und am nächsten Tag von Neuem begonnen hat. Deshalb habe ich mich entschlossen, den Text um der besseren Lesbarkeit willen in Absätze einzuteilen. Ebenso ist die Verwendung der Satzzeichen äußerst sparsam oder in eigentümlicher Weise erfolgt. Somit stammt die Zeichensetzung in dieser Ausgabe größtenteils von mir, aber auch hierbei bin ich dem Vorsatz gefolgt, dem Original möglichst treu zu bleiben. Für den Fall, dass den Leserinnen und Lesern meine diesbezüglichen Entscheidungen fragwürdig erscheinen, so kann ich sie nur auf das Manuskript verweisen, das nach wie vor in Inverness im Archiv liegt.

Graeme Macrae Burnet, Juli 2015

AUSSAGEN DER EINWOHNER VON CULDUIE

Aussagen verschiedener Einwohner von Culduie und Umgebung, aufgenommen von William MacLeod, Polizeiwachtmeister von Wester Ross, in der Wache Dingwall am 12. und 13. August 1869

Aussage von Mrs. Carmina Murchison [Carmina Smoke], Einwohnerin von Culduie, 12. August 1869

Ich kenne Roderick Macrae seit seiner Geburt. Im Allgemeinen war er ein freundliches Kind und später ein höflicher und hilfsbereiter junger Mann. Ich glaube, er hat sehr unter dem Tod seiner Mutter gelitten, die eine bezaubernde, lebensfrohe Frau war. Ich möchte zwar nicht schlecht über seinen Vater sprechen, aber John Macrae ist ein unangenehmer Mensch, und er hat Roddy mit einer unnachgiebigen Strenge behandelt, wie sie kein Kind verdient.

Am Morgen des schrecklichen Vorfalls sprach ich mit Roddy, als er an unserem Haus vorbeikam. An den genauen Inhalt unseres Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern, aber ich meine, dass er sagte, er sei auf dem Weg zum Grundstück von Lachlan Mackenzie, weil er dort eine Arbeit zu verrichten habe. Er hatte Werkzeug dabei, und ich nahm an, dass er es dafür brauchte. Außerdem sprachen wir noch über das Wetter, denn es war ein schöner, sonniger Morgen. Roderick wirkte wie immer und zeigte keinerlei Unruhe. Eine Weile später sah ich, wie Roddy wieder zurückkam. Er war von Kopf bis Fuß voller Blut, und ich lief auf ihn zu, weil ich dachte, es sei ein Unfall passiert. Als er mich erblickte, blieb er stehen, und das Werkzeug, das er in der Hand hielt, fiel zu Boden. Ich fragte ihn, was geschehen sei, und er erwiderte ohne zu zögern, er habe Lachlan Broad getötet. Er wirkte durchaus bei Sinnen und unternahm keinen Versuch fortzulaufen. Ich rief meiner ältesten Tochter zu, sie solle ihren Vater holen, der im Schuppen hinter unserem Haus arbeitete. Als sie Roddy so blutbeschmiert sah, fing sie an zu schreien, was dazu führte, dass weitere Dorfbewohner zur Haustür gelaufen kamen und diejenigen, die auf ihrem Feld arbeiteten, innehielten und herübersahen. Dann brach ein ziemliches Durcheinander aus. Ich gestehe, in dem Moment war mein erster Gedanke, Roddy vor den Angehörigen von Lachlan Mackenzie zu schützen. Deshalb bat ich meinen herbeigeeilten Mann, Roddy in unser Haus zu bringen, ohne ihm zu sagen, was passiert war. Als Roddy bei uns am Tisch saß, wiederholte er ruhig, was er getan hatte. Mein Mann schickte unsere Tochter los, um unseren Nachbarn Duncan Gregor zu holen, damit dieser Wache hielt, dann lief er zum Haus von Lachlan Mackenzie, wo er die tragische Szenerie vorfand.

Aussage von Mr. Kenneth Murchison [Kenny Smoke], Steinmetz, Einwohner von Culduie, 12. August 1869

An dem besagten Morgen arbeitete ich im Schuppen hinter meinem Haus, als ich auf einmal Geschrei und Gelärm hörte. Als ich den Schuppen verließ, kam mir meine älteste Tochter entgegen, die vollkommen aufgelöst war und sich nicht verständlich äußern konnte. Vor unserem Haus drängten sich bereits mehrere Leute, und ich rannte schnell hinüber. In dem allgemeinen Durcheinander brachten meine Frau und ich Roderick Macrae in unser Haus, da wir annahmen, er habe sich bei einem Unfall verletzt. Als wir im Haus waren, teilte mir meine Frau mit, was passiert war, und als ich Roderick fragte, ob das wahr sei, bestätigte er es mit ruhigen Worten. Dann lief ich zum Haus von Lachlan Mackenzie, wo mich ein Anblick erwartete, der zu schrecklich war, um ihn zu beschreiben. Ich schloss die Tür hinter mir und schaute nach, ob jemand überlebt hatte, aber das war nicht der Fall. Da ich fürchtete, dass es einen Ausbruch von Gewalt geben könnte, wenn jemand aus Lachlan Mackenzies Familie dieses Drama erblickte, ging ich hinaus und bat Mr. Gregor, das Haus zu bewachen. Dann lief ich zurück zu meinem eigenen Haus, brachte Roddy in meinen Schuppen und sperrte ihn dort ein. Er wehrte sich nicht. Mr. Gregor konnte die Angehörigen von Lachlan Broad nicht daran hindern, das Haus zu betreten und die Leichen zu entdecken. Als ich Roddy hinter Schloss und Riegel gebracht hatte, tobten sie vor Rachlust, und es brauchte einige Zeit und Überzeugungskraft, sie im Zaum zu halten.

Was Roderick Macraes Charakter angeht, so war er zweifellos ein eigenartiger Junge, aber ob das in seiner Natur lag oder durch die Widrigkeiten ausgelöst wurde, die seine Familie erdulden musste, kann ich nicht sagen. Aber seine Taten sind wohl kaum die eines Mannes von klarem Verstand.

Aussage von Reverend James Galbraith, Pfarrer der Church of Scotland, Camusterrach, 13. August 1869

Ich fürchte, in den gottlosen Taten, die kürzlich in dieser Gemeinde begangen wurden, kommt erneut die angeborene Rohheit der hiesigen Einwohner zutage, eine Rohheit, die die Kirche in den letzten Jahren erfolgreich unterdrückt hat. Wie man weiß, ist die Geschichte dieser Gegend von niederträchtigen und blutigen Verbrechen gezeichnet, und die Menschen zeigen eine gewisse Wildheit und Maßlosigkeit. Solche Eigenschaften können nicht innerhalb weniger Generationen eliminiert werden, und obgleich die Lehren der Kirche einen zivilisierenden Einfluss haben, ist es unvermeidlich, dass die alten Instinkte ab und an wieder an die Oberfläche drängen.

Dennoch kann man natürlich nur mit Entsetzen reagieren, wenn man von solchen Taten hört, wie sie in Culduie geschehen sind. Allerdings überrascht es kaum, zu erfahren, dass von allen Einwohnern dieser Gemeinde ausgerechnet Roderick Macrae der Missetäter ist. Obwohl dieses Individuum seit seiner Kindheit meine Kirche besucht hat, hatte ich stets den Eindruck, dass meine Predigten bei ihm auf taube Ohren stießen. Ich muss wohl akzeptieren, dass seine Verbrechen zu einem gewissen Grad einem Versagen meinerseits zuzurechnen sind, doch bisweilen ist es notwendig, ein Lamm zu opfern, um das Wohl der Herde nicht zu gefährden. Diesem Jungen war von jeher eine unverkennbare Bosheit zu eigen, die ich zu meinem Bedauern nicht mildern konnte.

Die Mutter des Jungen, Una Macrae, war eine frivole und heuchlerische Frau. Sie besuchte zwar regelmäßig den Gottesdienst, aber ich fürchte, sie verwechselte das Haus des Herrn mit einem Ort geselligen Beisammenseins. Ich hörte sie oft auf dem Weg zur Kirche singen, und nach dem Gottesdienst traf sie sich auf dem geweihten Grund mit anderen Frauen zu nichtigem Geschwätz und Gelächter. Mehr als einmal musste ich sie ermahnen.

Für Roderick Macraes Vater hingegen muss ich ein gutes Wort einlegen. John Macrae ist einer der ergebensten Anhänger der Heiligen Schrift in dieser Gemeinde. Er verfügt über beachtliche Kenntnisse der Bibel und ist bemüht, ihre Gebote zu befolgen. Doch wie die meisten Einwohner dieser Gegend kann er zwar Gottes Worte aufsagen, aber ob er sie versteht, erscheint mir zweifelhaft. Ich habe die Familie oft besucht, um Beistand und Gebet anzubieten. Dabei fiel mir auf, dass sich in dem Haus allerlei Dinge befanden, die auf Aberglauben schließen ließen und im Haus eines wahren Christen nichts zu suchen hatten. Doch auch wenn niemand unter uns ohne Sünde ist, halte ich John Macrae für einen guten und ergebenen Mann, der es nicht verdient hat, mit einer so schändlichen Nachkommenschaft bestraft zu werden.

Aussage von Mr. William Gillies, Schulmeister von Camusterrach, 13. August 1869

Roderick Macrae war einer der begabtesten Schüler, die ich seit meiner Ankunft in dieser Gemeinde unterrichtet habe. Er übertraf seine Mitschüler mit Leichtigkeit beim Lernen und Verstehen von Naturwissenschaften, Mathematik und Sprachen, und das ohne sichtliche Mühe oder auch nur großes Interesse. Was seinen Charakter angeht, kann ich nur wenig sagen. Er war gewiss nicht von geselligem Wesen und blieb eher auf Distanz zu seinen Mitschülern, die ihn ihrerseits mit einem gewissen Misstrauen betrachteten. Roderick begegnete ihnen meist mit Herablassung, die gelegentlich fast in Verachtung ausartete. Würde man mich nach dem Grund dafür fragen, so würde ich diesen in seiner akademischen Überlegenheit vermuten. Dennoch empfand ich ihn stets als höflichen und respektvollen Schüler, der nicht zu unbotmäßigem Verhalten neigte. Als Zeichen meiner Anerkennung seiner akademischen Gaben suchte ich, als er sechzehn war, seinen Vater auf, um diesem vorzuschlagen, dass Roderick seine schulische Laufbahn weiterführen solle, denn so wäre er eines Tages vielleicht in der Lage, einen Beruf auszuüben, der seinen Fähigkeiten mehr entsprach, als das Land zu beackern. Zu meinem Bedauern muss ich jedoch sagen, dass mein Vorschlag von Rodericks Vater, der mir wortkarg und beschränkt erschien, grob abgewiesen wurde.

Seither habe ich Roderick nicht wiedergesehen. Ich hörte ein paar verstörende Gerüchte, dass er einen Schafbock, für dessen Aufsicht er zuständig war, misshandelt haben soll, aber ich weiß nicht, ob sie der Wahrheit entsprechen. Ich kann nur sagen, dass Roderick in meinen Augen ein sanfter Junge war, ohne jenen Hang zur Grausamkeit, der bei Jungen in dem Alter bisweilen vorkommt. Deshalb fällt es mir auch schwer, zu glauben, dass er die Verbrechen begangen haben soll, die ihm zur Last gelegt werden.

Aussage von Peter Mackenzie, Vetter von Lachlan Mackenzie [Lachlan Broad], Einwohner von Culduie, 12. August 1869

Roderick Macrae ist der übelste Bursche, der mir je begegnet ist. Schon als kleiner Junge hatte er etwas Böses an sich, wie man es bei einem Kind nicht erwarten würde. Viele Jahre lang hielt man ihn für stumm, und er schien sich nur auf eine geradezu unheimliche Weise mit seiner Schwester verständigen zu können, die ihrerseits halb in der Geisterwelt lebt. In der Gemeinde galt er allgemein als zurückgeblieben, aber meiner Ansicht nach war er schon damals von Bosheit besessen, was seine jetzigen Taten ja bestätigen. Von klein auf hatte er die Neigung, Tiere und Vögel zu misshandeln und allerlei Dinge im Dorf zu zerstören. Er war ein richtiger kleiner Teufel. Einmal, als er ungefähr zwölf Jahre alt war, brach im Schuppen meines Vetters Aeneas Mackenzie ein Feuer aus, bei dem etliche wertvolle Werkzeuge und ein Teil seiner Getreidevorräte verbrannten. Der Junge war in der Nähe des Schuppens gesehen worden, aber er behauptete, er sei unschuldig, und sein Vater, John Macrae, schwor, dass sein Sohn zur fraglichen Zeit stets in seiner Sichtweite gewesen war. Somit entkam der Junge der Strafe, aber wie bei vielen anderen Vorfällen gab es keinen Zweifel, dass er schuld daran war. Sein Vater ist ebenso geistesschwach wie er, verbirgt seine Dummheit aber hinter fanatischer Bibeltreue und stiefelleckerischer Ergebenheit gegenüber dem Pfarrer.

Ich war am Tag der Morde nicht in Culduie und erfuhr erst bei meiner Rückkehr am Abend davon.

DIE AUFZEICHNUNGEN VON RODERICK MACRAE

Ich schreibe dies auf Anraten meines Rechtsbeistands, Mr. Andrew Sinclair, der mir seit meiner Inhaftierung hier in Inverness mit einer Freundlichkeit begegnet, die ich gewiss nicht verdiene. Mein Leben war kurz und ohne große Bedeutung, und ich habe keineswegs die Absicht, mich der Verantwortung für die Taten, die ich begangen habe, zu entziehen. Dass ich diese Worte zu Papier bringe, entspringt also lediglich dem Wunsch, mich für die Freundlichkeit meines Rechtsbeistands erkenntlich zu zeigen.

Mr. Sinclair hat mich angewiesen, so klar wie nur möglich die Umstände zu schildern, die zu dem Mord an Lachlan Mackenzie und den anderen geführt haben, und das werde ich nach bestem Vermögen tun, wobei ich mich bereits im Vorhinein für die Begrenztheit meines Wortschatzes und die Ungeschliffenheit meines Stils entschuldige.

Als Erstes möchte ich sagen, dass ich diese Taten aus dem einzigen Grund begangen habe, meinen Vater von den Widrigkeiten zu erlösen, die er in letzter Zeit erdulden musste. Der Auslöser dieser Widrigkeiten war unser Nachbar Lachlan Mackenzie, und ich habe ihn aus dieser Welt entfernt, um das Schicksal meiner Familie zum Besseren zu wenden. Außerdem sollte ich hinzufügen, dass ich meinem Vater vom Tag meiner Geburt an eine Last war, und es kann nur zu seinem Wohle sein, wenn ich diesen Haushalt verlasse.

Mein Name ist Roderick John Macrae. Ich bin 1852 geboren und habe mein ganzes Leben im Dorf Culduie in Ross-shire verbracht. Mein Vater, John Macrae, ist ein Crofter von unbescholtenem Ruf in der Gemeinde, der es nicht verdient hat, den Makel der schrecklichen Taten zu tragen, für die ich allein verantwortlich bin. Meine Mutter Una wurde 1832 in Toscaig geboren, einer kleinen Stadt, die etwa zwei Meilen südlich von Culduie liegt. Sie starb 1868 bei der Geburt meines Bruders Iain, und aus meiner Sicht war dies der Beginn unserer Schwierigkeiten.

Culduie ist eine Ortschaft mit neun Häusern in der Gemeinde Applecross. Sie liegt etwa eine halbe Meile südlich von Camusterrach, wo sich die Kirche und die Schule, in der ich meine Ausbildung erhalten habe, befinden. Da es in Applecross ein Gasthaus und einen Markt gibt, kommen nur selten Reisende bis nach Culduie. An der Spitze der Applecross Bay liegt das Gutshaus, wo Lord Middleton wohnt und während der Jagdsaison seine Gäste empfängt. In Culduie gibt es keine Sehenswürdigkeiten oder Amüsements, die Besucher anlocken könnten. Die Straße, die unser Dorf passiert, führt nur nach Toscaig, sonst nirgendwohin, und so haben wir wenig Kontakt mit der Außenwelt.

Culduie liegt etwa dreihundert Meter vom Meer entfernt am Fuß des Càrn nan Uaighean6. Zwischen dem Dorf und der Straße liegt ein Streifen fruchtbaren Bodens, der von den Einwohnern bestellt wird. Weiter oben in den Bergen befinden sich die Sommerweiden und die Moore, wo wir unseren Torf stechen. Culduie ist durch die Halbinsel von Aird-Dubh, die ins Meer hinausragt und einen natürlichen Hafen bildet, vor den schlimmsten Unwettern geschützt. Das Dorf Aird-Dubh hat nur wenig fruchtbares Land, und die Menschen dort verdienen ihren Lebensunterhalt hauptsächlich mit der Fischerei. Es gibt einen gewissen Austausch von Arbeitskraft und Gütern zwischen den beiden Orten, aber abgesehen von solchen Notwendigkeiten, halten wir uns voneinander fern. Laut meinem Vater sind die Leute aus Aird-Dubh schlampig in ihren Gewohnheiten und von fragwürdiger Moral. Daher vermeidet er jeden Kontakt mit ihnen, sofern es nicht unumgänglich ist. Wie es bei allen Angehörigen des Fischereiberufs üblich ist, geben die Männer sich dem hemmungslosen Genuss von Whisky hin, und ihre Frauen sind berüchtigt für ihre Liederlichkeit. Da ich mit Kindern aus diesem Dorf zur Schule gegangen bin, kann ich bestätigen, dass sie sich zwar äußerlich kaum von unsereins unterscheiden, aber von hinterhältigem Wesen und keineswegs vertrauenswürdig sind.

An der Kreuzung des Feldwegs, der Culduie mit der Straße verbindet, liegt das Haus von Kenny Smoke, das als einziges ein Schieferdach hat und das schönste im Dorf ist. Die anderen acht sind aus Feldsteinen und Grassoden gebaut und haben Strohdächer. Jedes Haus hat ein oder zwei Glasfenster. Das Haus meiner Familie ist das nördlichste und liegt etwas versetzt, sodass wir auf das Dorf schauen, während die anderen Häuser zum Meer hinausgehen. Das Haus von Lachlan Broad liegt am anderen Ende des Wegs und ist nach dem von Kenny Smoke das zweitgrößte im Ort. In den übrigen Häusern wohnen zwei weitere Familien des Mackenzie-Clans, dann die MacBeaths, Mr. und Mrs. Gillanders, deren Kinder alle fortgezogen sind, unser Nachbar Mr. Gregor mit seiner Familie und Mrs. Finlayson, eine Witwe. Außer den neun Häusern gibt es noch verschiedene Nebengebäude, die meisten davon kaum mehr als Bretterverschläge, in denen Vieh, Werkzeug und dergleichen untergebracht ist. Das ist unsere gesamte Ortschaft.

Unser Haus besteht aus zwei Räumen. Im größeren befindet sich der Stall und, rechts von der Tür, unser Wohnraum. Der Boden fällt zum Meer hin leicht ab, damit der Mist der Tiere nicht in unseren Bereich läuft. Der Stall ist mit einer halbhohen Wand aus Holzstücken abgetrennt, die wir am Ufer aufgesammelt haben. In der Mitte des Wohnraums ist die Feuerstelle und dahinter der Tisch, an dem wir unsere Mahlzeiten einnehmen. Abgesehen von dem Tisch, besteht unser Mobiliar noch aus zwei robusten Bänken, dem Lehnstuhl meines Vaters und einer großen hölzernen Anrichte, die meine Mutter mit in die Ehe gebracht hat. Ich schlafe zusammen mit meinem kleinen Bruder und meiner kleinen Schwester in einem Bett an der Rückwand. In dem zweiten Raum im hinteren Teil des Hauses schlafen mein Vater und meine ältere Schwester Jetta in einem Schrankbett, das mein Vater extra für sie gezimmert hat. Ich beneide meine Schwester um ihr Bett und habe oft davon geträumt, dort neben ihr zu schlafen, aber im Wohnraum ist es wärmer, und während der dunklen Monate, wenn die Tiere drinnen sind, genieße ich die gedämpften Laute, die sie von sich geben. Wir halten zwei Milchkühe und sechs Schafe, wie es uns gemäß der Einteilung des gemeinsamen Weidelands zusteht.

Ich sollte von Anfang an erwähnen, dass es bereits lange vor meiner Geburt böses Blut zwischen meinem Vater und Lachlan Mackenzie gab. Allerdings weiß ich nicht, was der Ursprung dieser Feindseligkeit war, da mein Vater nie darüber gesprochen hat. Ebenso wenig kann ich sagen, wer die Schuld daran trägt und ob der Bruch zu ihren Lebzeiten geschah oder ob er irgendeiner fernen Vergangenheit entspringt. In dieser Gegend kommt es häufiger vor, dass Groll über lange Zeiten gehegt wird, selbst wenn niemand mehr weiß, wodurch er ausgelöst wurde. Ich muss meinem Vater allerdings zugutehalten, dass er nie versucht hat, diese Fehde fortzuführen, indem er mich oder meine Geschwister gegen die Mackenzies aufstachelte. Deshalb glaube ich, dass es sein Wunsch war, die Feindschaft zwischen unseren beiden Familien zu beenden.

Als kleiner Junge hatte ich Angst vor Lachlan Broad und vermied es, über die Wegkreuzung zum anderen Ende des Dorfes zu gehen, wo die ganzen Angehörigen des Mackenzie-Clans wohnen. Außer der Familie von Lachlan Broad leben dort noch die seines Bruders Aeneas und die seines Vetters Peter. Die drei sind berüchtigt für ihr Gezeche und ihre Raufereien im Gasthaus von Applecross. Sie sind alle große, kräftige Kerle, denen es gefällt, wenn die Leute vor ihnen ausweichen, um ihnen Platz zu machen. Einmal, als ich fünf oder sechs Jahre alt war, ließ ich einen Drachen steigen, den mein Vater mir aus ein paar Stücken Sackleinen gebastelt hatte. Der Drachen stürzte auf eines der Felder, und ich lief ohne nachzudenken los, um ihn aufzuheben. Als ich auf der Erde hockte und versuchte, die Schnur zu befreien, die sich im Getreide verfangen hatte, packte mich eine große Hand an der Schulter und zerrte mich grob nach oben. Ich hatte den Drachen in der Hand, und Lachlan Broad entriss ihn mir und schleuderte ihn zu Boden. Dann verpasste er mir eine so heftige Ohrfeige, dass ich hinfiel. Vor lauter Angst verlor ich die Kontrolle über meine Blase, was unseren Nachbarn sehr erheiterte. Dann packte er mich erneut, zerrte mich quer durchs Dorf zu unserem Haus und beschimpfte meinen Vater, weil ich sein Feld beschädigt hatte. Der Lärm lockte meine Mutter an die Tür, und da ließ Broad mich los. Ich floh ins Haus wie ein verängstigter Hund und kauerte mich auf dem Bett zusammen. Am Abend kam Lachlan Broad noch einmal zu unserem Haus und verlangte fünf Shilling als Entschädigung für das Getreide, das ich niedergetrampelt hatte. Ich versteckte mich im hinteren Raum und lauschte an der Tür. Meine Mutter weigerte sich und sagte, wenn sein Getreide niedergetrampelt war, dann weil er mich durch sein Feld geschleift hatte. Daraufhin beschwerte Broad sich beim Constable, der den Vorfall als unwichtig abtat. Ein paar Tage später stellte mein Vater morgens fest, dass ein großer Teil unseres Feldes über Nacht zertrampelt worden war. Es wurde nie geklärt, wer das getan hatte, aber niemand zweifelte daran, dass es Lachlan Broad und seine Leute gewesen waren.

Auch später, als ich älter war, überfiel mich jedes Mal, wenn ich den unteren Teil des Dorfes betrat, eine ungute Vorahnung, und das ist bis heute so geblieben.

Mein Vater kam in Culduie zur Welt und lebte schon als Junge in dem Haus, in dem wir jetzt wohnen. Ich weiß wenig von seiner Kindheit, nur dass er selten zur Schule ging und dass es Entbehrungen gab, wie meine Generation sie nie kennengelernt hat. Ich habe meinen Vater nie mehr als seinen Namen schreiben sehen, und obwohl er behauptet, dass er schreiben kann, hält er den Stift recht ungelenk in der Hand. Aber er hat auch wenig Bedarf zu schreiben. Es gibt nichts, das er zu Papier bringen müsste. Dafür erinnert er uns häufig daran, wie glücklich wir uns schätzen können, dass wir in der heutigen Zeit aufwachsen und den Luxus von Tee, Zucker und anderen Dingen genießen, die man im Laden kaufen kann.

Der Vater meiner Mutter war Tischler. Er fertigte Möbel für Händler in Kyle of Lochalsh und auf Skye an und lieferte seine Waren mit dem Boot aus. Ein paar Jahre lang besaß mein Vater einen Anteil an einem Fischerboot, das in Toscaig lag. Die beiden anderen Eigentümer waren sein Bruder Iain und der Bruder meiner Mutter, der ebenfalls Iain hieß. Das Boot trug eigentlich den Namen Tölpel, wurde aber nur Die zwei Iains genannt, was meinen Vater ärgerte, da er der älteste der drei war und sich deshalb als Chef des Unternehmens sah. Als junges Mädchen ging meine Mutter oft zum Anleger, wenn das Boot wieder einlief. Alle nahmen an, dass sie ihren Bruder begrüßen wollte, doch in Wirklichkeit kam sie, um zuzusehen, wie mein Vater an Land ging, wie sein Fuß über dem Wasser schwebte, während er darauf wartete, dass die nächste Welle das Boot zum Anleger trug. Dann schlang er das Tau um einen Poller und zog das Boot zur Mauer. Dabei tat er so, als wüsste er nicht, dass er beobachtet wurde. Mein Vater war kein gut aussehender Mann, aber mit seiner ruhigen Art, das Boot festzumachen, weckte er schnell die Bewunderung meiner Mutter. In seinen funkelnden dunklen Augen lag etwas, so erzählte sie uns gern, das ihr Herz zum Flattern brachte. Wenn mein Vater das hörte, ermahnte er meine Mutter, nicht so einen Unsinn zu schwatzen, aber sein Tonfall verriet, dass er sich geschmeichelt fühlte.

Unsere Mutter war das schönste Mädchen der Gemeinde und hätte jeden der jungen Männer haben können. Deshalb war mein Vater auch viel zu schüchtern, um sie anzusprechen. Eines Abends, gegen Ende der Heringssaison 1850, brach ein Unwetter aus, und das kleine Boot wurde einige Meilen südlich des Hafens gegen die Felsen geschleudert. Mein Vater konnte noch an Land schwimmen, aber die beiden Iains ertranken. Vater sprach nie von dem Unglück und setzte seitdem nie wieder einen Fuß auf ein Boot. Auch seinen Kindern verbot er es. All jenen, die nichts von dieser Geschichte wussten, musste seine Angst vor dem Meer vollkommen unverständlich erscheinen. Seit diesem Vorfall gilt es hierzulande als unheilträchtig, sich mit jemandem, der den gleichen Vornamen hat, geschäftlich zusammenzutun. Selbst mein Vater, der Aberglauben verabscheut, vermeidet es, mit jemandem Geschäfte zu treiben, der genauso heißt wie er.

Bei der Zusammenkunft nach der Beerdigung meines Onkels ging mein Vater auf meine Mutter zu, um ihr sein Beileid auszudrücken. Sie sah so kummervoll aus, dass er sagte, wenn er könnte, würde er mit Freuden den Platz ihres Bruders im Sarg einnehmen. Das waren die ersten Worte, die er je zu ihr gesagt hatte. Meine Mutter erwiderte, sie sei froh, dass er derjenige sei, der überlebt habe, und sie habe schon um Vergebung für ihre sündhaften Gedanken gebetet. Drei Monate später heirateten sie.

Meine Schwester Jetta wurde ein Jahr nach der Hochzeit meiner Eltern geboren, und ich folgte ihr im Bauch meiner Mutter, so schnell es die Natur erlaubte. Dieser geringe Abstand schuf eine Nähe zwischen meiner Schwester und mir, wie sie kaum hätte größer sein können, wären wir tatsächlich Zwillinge gewesen. Was unser Äußeres betraf, hätten wir jedoch kaum unterschiedlicher sein können. Jetta hatte das schmale, lange Gesicht und den breiten Mund meiner Mutter. Ihre Augen waren ebenfalls groß und blau und ihr Haar so hell wie Sand. Als meine Schwester zur Frau heranwuchs, sagten die Leute oft, meine Mutter müsse das Gefühl haben, in den Spiegel zu schauen, wenn sie Jetta ansehe. Ich hingegen habe die tiefe Stirn, das dichte schwarze Haar und die kleinen dunklen Augen meines Vaters geerbt. Auch im Körperbau ähneln wir uns, beide kleiner als die meisten anderen, aber mit kräftiger Brust und breiten Schultern.

Auch vom Wesen her entsprachen wir unseren Eltern: Während Jetta überwiegend heiter und fröhlich war, galt ich als schweigsamer, schwermütiger Junge. Neben ihrer Ähnlichkeit in Aussehen und Charakter teilten Jetta und meine Mutter auch ihre Verbindung zur Anderen Welt. Ob Jetta bereits mit dieser Gabe geboren wurde oder es von meiner Mutter gelernt hatte, weiß ich nicht, aber beide hatten häufig Visionen und maßen Vorzeichen und Glücksbringern große Bedeutung zu. Am Morgen des Tages, an dem ihr Bruder starb, sah meine Mutter einen leeren Platz auf der Bank, wo er hätte sitzen und sein Frühstück essen sollen. Da sie fürchtete, sein Haferbrei würde kalt werden, ging sie hinaus und rief nach ihm. Als er nicht antwortete, kehrte sie ins Haus zurück, und da sah sie ihn auf seinem Platz am Tisch, in ein graues Leichentuch gehüllt. Sie fragte, wo er gewesen sei, und er sagte, er habe die ganze Zeit dort gesessen. Sie flehte ihn an, an dem Tag nicht hinauszufahren, aber er lachte nur. Da sie wusste, dass sich mit dem Schicksal nicht verhandeln lässt, sagte sie nichts weiter dazu. Mutter hat uns diese Geschichte oft erzählt, allerdings nur wenn mein Vater nicht in Hörweite war, denn er glaubte nicht an solche übersinnlichen Dinge, und er mochte es nicht, wenn sie darüber sprach.

Der Alltag meiner Mutter war beherrscht von Ritualen und Talismanen, die das Unglück und böse Geister abwehren sollten. Die Türen und Fenster unseres Hauses waren mit Zweigen von Wacholder und Vogelbeere geschmückt, und versteckt in ihrem Haar – sodass mein Vater es nicht sehen konnte –, trug sie einen geflochtenen Zopf mit bunten Garnen.

Ab dem Alter von etwa acht Jahren besuchte ich während der dunklen Monate die Schule in Camusterrach. Jeden Morgen ging ich Hand in Hand mit Jetta dorthin. Unsere erste Lehrerin war Miss Galbraith, die Tochter des Pfarrers. Sie war jung und schlank und trug lange Röcke und eine weiße Bluse mit einer Halskrause und einer Brosche, auf der das Profil einer Frau zu sehen war. Um die Taille hatte sie eine Schürze gebunden, an der sie sich die Hände abwischte, nachdem sie etwas mit Kreide an die Tafel geschrieben hatte. Ihr Hals war sehr lang, und wenn sie nachdachte, blickte sie nach oben und neigte den Kopf zur Seite, sodass er aussah wie der Griff eines Pflugspatens. Das Haar trug sie mit Nadeln hochgesteckt. Während des Unterrichts löste sie ihr Haar und schob sich die Nadeln zwischen die Lippen, während sie es erneut hochsteckte. Das tat sie drei- oder viermal am Tag, und ich genoss es, sie heimlich dabei zu beobachten. Miss Galbraith war freundlich und sprach mit sanfter Stimme. Wenn die älteren Jungen sich nicht benahmen, hatte sie große Mühe, wieder für Ruhe zu sorgen, und es gelang ihr nur, wenn sie damit drohte, ihren Vater herbeizuholen.

Jetta und ich waren nahezu unzertrennlich. Miss Galbraith sagte oft, wenn ich könnte, würde ich in die Schürzentasche meiner Schwester klettern. In den ersten Jahren machte ich kaum den Mund auf. Wenn Miss Galbraith oder einer von meinen Mitschülern mich ansprach, antwortete Jetta an meiner Stelle. Das Bemerkenswerte dabei war, wie zutreffend sie meine Gedanken zum Ausdruck brachte. Miss Galbraith ließ uns meist gewähren und fragte Jetta dann: »Weiß Roddy die Antwort?« Diese Nähe zwischen uns Geschwistern isolierte uns von den anderen Schülern. Ich weiß nicht, wie es Jetta ging, aber ich verspürte keinerlei Verlangen, mich mit einem der anderen Kinder anzufreunden, und das beruhte offenbar auf Gegenseitigkeit.

Manchmal bildeten unsere Mitschüler in der Pause einen Kreis um uns und skandierten:

Da stehn die Black Macraes, die schmutzigen Black Macraes.

Da stehn die Black Macraes, die dreckigen Black Macraes.

»Die Schwarzen Macraes« war der Spitzname der Familie meines Vaters. Seiner Aussage nach rührte er von den dunklen Haaren und Augen der Familienmitglieder her. Vater mochte diesen Spitznamen ganz und gar nicht, und er weigerte sich, zu antworten, wenn jemand ihn damit ansprach. Dennoch war er für jedermann John Black oder der Black Macrae, und das ganze Dorf amüsierte sich darüber, dass meine Mutter trotz ihres flachsblonden Haars Una Black genannt wurde.

Ich mochte den Namen ebenfalls nicht und empfand es als besondere Ungerechtigkeit, dass meine Schwester so genannt wurde. Wenn unsere Klassenkameraden nicht durch das Pausenende unterbrochen wurden, ging ich auf jeden los, der vor mir stand, was die Schadenfreude unserer Peiniger nur noch vergrößerte. Die anderen Jungen stießen mich zu Boden und traten und schlugen auf mich ein, aber ich war froh, dass ich ihre Aufmerksamkeit von Jetta ablenken konnte.

Roddy Black, dummer Tropf, jetzt liegt er auf der Nase!

Seltsamerweise gefiel es mir, so im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen. Ich verstand, dass ich anders war als meine Mitschüler, und ich pflegte genau die Eigenschaften, die mich von ihnen unterschieden. Während der Pausen hielt ich mich von Jetta fern, um sie vor den Hänseleien zu schützen, und stellte oder hockte mich in eine Ecke des Schulhofs. Ich beobachtete die anderen Jungen, die wie Fliegen umherschwirrten, Bällen hinterherrannten oder miteinander rangen. Auch die Mädchen taten sich zu Spielen zusammen, aber diese wirkten weniger brutal und dumm als die der Jungen. Außerdem waren die Mädchen nicht so verrückt danach, sofort mit dem Spielen zu beginnen, sobald sie auf dem Schulhof ankamen, oder damit weiterzumachen, obwohl Miss Galbraith bereits zum Pausenende geläutet hatte. Bisweilen standen die Mädchen ganz ruhig in einer Ecke zusammen und schienen nichts weiter zu tun, als sich mit gedämpfter Stimme zu unterhalten. Ich versuchte ein paarmal, mich ihnen anzuschließen, wurde jedoch stets abgewiesen. Im Klassenzimmer spottete ich innerlich über die anderen, die eifrig die Hand hoben, um der Lehrerin die einfachsten Fragen zu beantworten, oder sich abmühten, um vollkommen simple Sätze vorzulesen. Mit den Jahren überflügelte mein Wissen zusehends das meiner Schwester. Eines Tages fragte Miss Galbraith im Erdkundeunterricht, ob ihr jemand sagen könne, wie die beiden Erdhälften genannt werden. Als sich niemand meldete, wandte sie sich an Jetta. »Vielleicht weiß Roddy die Antwort?« Jetta sah kurz zu mir und erwiderte: »Tut mir leid. Roddy weiß es nicht, und ich auch nicht.« Miss Galbraith wirkte enttäuscht und drehte sich zur Tafel, um das Wort anzuschreiben. Da sprang ich ohne nachzudenken auf und rief: »Hemisphären!«, was bei meinen Mitschülern großes Gelächter auslöste. Miss Galbraith wandte sich um, und ich wiederholte das Wort und setzte mich wieder auf meinen Platz. Sie nickte und lobte mich für die Antwort. Von dem Tag an hörte Jetta auf, für mich zu sprechen, und da es mir widerstrebte, dies selbst zu tun, geriet ich zusehends ins Abseits.

Miss Galbraith heiratete einen Mann, der zur Jagd auf Lord Middletons Gut gekommen war, und verließ Camusterrach, um in Edinburgh zu leben. Ich mochte Miss Galbraith sehr und bedauerte es, als sie fortging. Danach kam Mr. Gillies. Er war ein junger Mann, groß und dünn, mit feinem blondem Haar – ganz anders als die Männer aus dieser Gegend, die fast alle klein und kräftig sind, mit dichtem, schwarzem Haar. Er war glatt rasiert und trug eine Brille mit ovalen Gläsern. Mr. Gillies hatte in Glasgow studiert und war ein sehr gelehrter Mann. Er unterrichtete uns nicht nur im Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch in Geschichte und Naturwissenschaften, und nachmittags erzählte er uns manchmal Geschichten von den Göttern und Ungeheuern der griechischen Mythologie. Jeder der Götter hatte einen Namen, und manche von ihnen waren verheiratet und hatten Kinder, die auch Götter waren. Eines Tages fragte ich Mr. Gillies, wie es sein konnte, dass es mehr als einen Gott gab, und er sagte, die griechischen Göttern seien nicht wie unser Gott, sondern einfach nur unsterbliche Wesen. Das Wort Mythologie besagte, dass das alles nicht der Wahrheit entsprach; es waren einfach nur spannende Geschichten.

Mein Vater mochte Mr. Gillies nicht. Er fand ihn neunmalklug, und Kinder zu unterrichten war keine anständige Arbeit für einen Mann. In der Tat konnte ich mir Mr. Gillies nicht beim Torfstechen oder Umgraben vorstellen, aber wir mochten uns und hatten eine Art stille Vereinbarung. Er rief mich nur dann auf, wenn niemand von meinen Mitschülern ihm die richtige Antwort geben konnte, denn ihm war klar, dass ich mich nicht deshalb zurückhielt, weil ich es nicht wusste, sondern weil ich nicht klüger als die anderen erscheinen wollte. Mr. Gillies gab mir oft andere Aufgaben als den übrigen Schülern, und zum Dank bemühte ich mich besonders, diese zu erfüllen. Eines Nachmittags bat er mich nach Schulschluss, noch einen Moment dazubleiben. Ich blieb auf meinem Platz in der letzten Reihe sitzen, während die anderen lärmend hinausstürmten. Dann winkte er mich zu seinem Pult. Mir fiel nichts ein, was ich angestellt haben könnte, aber es gab keinen anderen Grund, auf diese Weise nach vorn zitiert zu werden. Vielleicht ging es um etwas, das ich unterlassen hatte. Ich beschloss, nichts zu leugnen und jede Strafe anzunehmen, die mir auferlegt würde.

Mr. Gillies legte seinen Stift beiseite und fragte mich, was meine Pläne wären. Das war eine Frage, die niemand hier in der Gegend stellen würde. Pläne zu machen hieß, das Schicksal herauszufordern. Ich antwortete nicht. Mr. Gillies nahm seine kleine Brille ab.

»Was ich meine«, sagte er, »ist: Was hast du vor, wenn du mit der Schule fertig bist?«

»Das, was für mich bestimmt ist«, erwiderte ich.

Mr. Gillies runzelte die Stirn. »Und was meinst du, was das ist?«

»Das weiß ich nicht.«

»Roddy, auch wenn du dir noch so viel Mühe gibst, sie zu verbergen, Gott hat dir ein paar außergewöhnliche Gaben geschenkt. Es wäre eine Sünde, sie nicht zu nutzen.«

Ich war überrascht, dass Mr. Gillies sein Anliegen in solche Worte fasste, denn gewöhnlich verwendete er keine religiösen Formulierungen. Als ich darauf nichts erwiderte, wurde er direkter.

»Hast du schon mal darüber nachgedacht, deine Ausbildung fortzuführen? Ich bin überzeugt, dass du die nötigen Fähigkeiten besitzt, um Lehrer oder Pfarrer zu werden, oder was immer du möchtest.«

Natürlich hatte ich nicht über so etwas nachgedacht, und das sagte ich ihm auch.

»Vielleicht solltest du mal mit deinen Eltern darüber sprechen«, meinte er. »Du kannst ihnen gerne sagen, dass ich glaube, du hast die Voraussetzungen dafür.«

»Aber ich muss auf dem Feld arbeiten«, wandte ich ein.

Mr. Gillies stieß einen tiefen Seufzer aus. Es sah so aus, als wolle er noch etwas sagen, doch dann entschloss er sich offenbar dagegen, und ich hatte das Gefühl, ihn enttäuscht zu haben. Auf dem Heimweg dachte ich über seine Worte nach. Ich kann nicht leugnen, dass es mich freute, wie der Lehrer mit mir gesprochen hatte, und während des Fußwegs von Camusterrach nach Culduie malte ich mir aus, wie ich in Edinburgh oder Glasgow in einem prächtigen Salon saß, gekleidet wie ein feiner Herr, und Gespräche über gewichtige Dinge führte. Doch Mr. Gillies irrte sich, wenn er glaubte, dass so etwas für einen Sprössling aus Culduie möglich war.

Mr. Sinclair hat mich gebeten, die »Kette der Ereignisse« (so hat er es genannt) zu schildern, die zu der Ermordung von Lachlan Broad geführt hat. Ich habe sorgfältig darüber nachgedacht, was das erste Glied in dieser Kette gewesen sein mag. Natürlich könnte man sagen, dass alles mit meiner Geburt begonnen hat, oder mit der Zeit, als meine Eltern sich begegnet sind und geheiratet haben, oder mit dem Untergang des Bootes, der sie überhaupt erst zusammengebracht hat. Doch selbst wenn es stimmt, dass Lachlan Broad, sofern sich diese Dinge nicht ereignet hätten, heute noch leben würde – oder zumindest nicht durch meine Hand gestorben wäre –, ist es trotzdem möglich, dass die Dinge sich anders entwickelt hätten. Wäre ich zum Beispiel Mr. Gillies’ Rat gefolgt, hätte ich Culduie vielleicht verlassen, bevor all das, was hier geschildert werden soll, geschah. Deshalb habe ich versucht, den Punkt auszumachen, an dem Lachlan Broads Tod unausweichlich erschien; oder anders gesagt, den Punkt, an dem ich mir keinen anderen Ausgang mehr vorstellen konnte. Dieser Augenblick kam meines Erachtens mit dem Tod meiner Mutter vor anderthalb Jahren. Das war die Quelle, aus der alles andere entsprang. Deshalb geschieht es nicht aus dem Wunsch heraus, Mitleid beim Leser zu wecken, wenn ich dieses Ereignis nun hier beschreibe. Ich wünsche und brauche niemandes Mitleid.