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Mit dem Verschwinden der rüstigen, alten Rentnerin Lilli Weismüller fing es an. Am selben Abend und in demselben Hochhaus wird auch noch ein Einbruch verübt, bei dem ein altes, wertvolles Amulett gestohlen wird. Alles deutet daraufhin, dass diese beiden Fälle zusammenhängen. Karl-Heinz "Kalle" Kowalski und seinem Partner Peter Herzog wird schnell klar, dass sie ein Rennen gegen die Zeit bestreiten müssen, um die Rentnerin lebend aus den Armen eines Gemeingefährlichen zu befreien, für den es nichts wichtigeres gibt als Geld. //Neuste Version 2.0 als Download erhältlich, in der etliche Fehler korrigiert wurden. Sorry, Leute! / Für Amazon-Kunden gilt: Falls das Werk nicht automatisch aktualisiert wird, bitte bei der Kunden-Hotline anrufen und die alte Version löschen lassen. Für alle anderen sollte ein neuer Download des Werks genügen.//
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Seitenzahl: 179
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Karl-Heinz "Kalle" Kowalski
Sein erster Fall
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Kapitel 1: Das Erwachen
Kapitel 2: Im Dunkeln
Kapitel 3: Tatort Waldallee
Kapitel 4: Die Eidechse
Kapitel 5: Der Hehler seines Vertrauens
Kapitel 6: Bonnart-Blues
Kapitel 7: Eine klare Ansage
Kapitel 8: Ein erneuter Absturz
Kapitel 9: Unsanftes Erwachen I
Kapitel 10: Unsanftes Erwachen II
Kapitel 11: Eine heiße Spur
Kapitel 12: In die Höhle des Löwen
Kapitel 13: Die Familiengruft
Kapitel 14: In letzter Sekunde
Impressum neobooks
Liebe Leser,
ich will die Gelegenheit nutzen und mich an dieser Stelle kurz mal vorstellen. Mein Name ist Karl-Heinz Kowalski. Meine Freunde nennen mich einfach nur „Kalle“. Ich bin seit vielen Jahren Bauarbeiter und kam aufgrund meines Berufes viel im Taunus herum. Hauptsächlich war ich allerdings auf Großbaustellen in Frankfurt eingesetzt worden, denn die brachten dem Betrieb, für den ich arbeitete, das meiste Geld ein. Trotzdem fand ich seit jeher schon den Taunus und seine Bewohner am faszinierendsten. Ich wohne auch dort. Wer den Taunus kennt, weiß, dass man an manchen seiner Ecken, in eine andere Welt versetzt wird. Ganz besonders das wunderschöne, malerische Eppstein mitsamt seiner Burg hat es mir angetan.
Ich schaue gerne Tatort und andere spannende Krimiserien im TV. Ich lese auch einige Krimireihen. Was lag da also näher, als es selbst einmal mit dem Schreiben eines Taunuskrimis zu versuchen?
Zunächst sah es jedoch so aus, als würde es nie klappen. Meine ersten Entwürfe feuerte ich enttäuscht in den Papierkorb. Aber einer meiner besten Freunde meinte, ich sollte weitermachen und es einmal mit einer digitalen Herausgabe meines Krimis versuchen. Als ein sogenanntes ebook. Klar, dass ich da als Nicht-Technik-Freak erst einmal nur Bahnhof verstand.
„Du bist halt jenseits des digitalen Grabens! Damit musst du dich entweder abfinden oder arrangieren“, sagte mir mein Neffe.
Ich sah ihn daraufhin verständnislos an. „Digitaler was?“ Ich verstand nur Bahnhof.
„Aber, das muss nicht heißen, dass man das Schreiben und Herausgeben eines ebooks nicht erlernen kann“, fuhr er weiter fort. Altklug im Tonfall. Er versprach mir zudem zu helfen und gab mir erst einmal einen von ihm ausrangierten Laptop. Für seine neuen Ballerspiele war er zu langsam geworden. Das war mir nur recht; hatte ich somit das Ding für lau bekommen.
Schließlich half er mir nach dem Verfassen beim Einstellen dieses ebooks bei Neobooks. Jetzt bin ich natürlich darauf gespannt, wie meine erste Geschichte über den „Kommissar Kalle“ bei Ihnen, dem Leser, ankommt. Schreibt mir doch einfach kurz eure Meinung. Meine Mail-Adresse lautet: [email protected]
Dort könnt ihr mir auch schreiben, falls ihr einige Wunsch-Orte habt, an denen ein zukünftiger Kowalski-Krimi spielen soll.
Jetzt erzähle ich euch noch kurz etwas zu dem Hauptcharakter in der nachfolgenden Geschichte, der genauso wie ich heißt. Er basiert lose auf mir selbst, daher habe ich mir auch keinen Fantasynamen ausgedacht.
Als ich noch ein kleiner Junge war, wollte ich immer schon Kommissar werden. War damals mein Traumberuf. Auch beim Fangen spielen war ich immer der Gendarm, der die bösen Räuber jagte. Was dann passierte? Tja, das Gewicht der Welt erdrückte mich und ich musste zudem noch in die Fußstapfen meines Vaters treten. So wurde ich also mit der wirklichen Welt und ihren Schattenseiten vertraut. Aber was jammere ich euch hier einen vor? Viele von uns arbeiten nicht als das, was wir eigentlich werden wollten.
Im Laufe der Zeit ersann ich mir also eine Kommissarkarriere, von der ich schon so lange geträumt hatte.
Am Anfang findet der Leser ihn als alkoholsüchtiges Wrack in seiner Wohnung wieder. Als mich damals meine Frau verlassen hatte, war das auch mein persönlicher Tiefpunkt. Sie zog aus und ließ mich in unserer gemeinsamen Wohnung alleine zurück.
Wie der Kalle im Roman, wachte auch ich einst auf, ohne mich an die Geschehnisse des letzten Abends zu erinnern. Ein Besäufnis folgte dem nächsten. Oh Gott! Wenn ich mich zurückerinnere, habe ich mich teilweise um Kopf und Kragen gesoffen. Und wofür das alles? Um die Stimme der Schuld in mir zum Verstummen zu bringen. Lächerlich, wenn ich im Nachhinein so darüber nachdenke.
Zu guter Letzt brachte mich ein guter Freund ins AA-Programm. Dort lernte ich dann, auch ohne Alkohol wieder Spaß am Leben zu finden. Meine Probleme trage ich immer noch mit mir herum, aber sie haben nun keine Macht mehr über mich. Sie gehören der Vergangenheit an.
Auch Kommissar Kalle muss diesen steinigen Weg noch gehen. Aber nicht bei seinem ersten Fall. So ein Charakter muss sich ja ordentlich weiterentwickeln.
Alle anderen Charaktere in diesem Buch sind rein erfundene Literaturgeschöpfe und basieren nicht etwa doch auf irgendwelchen lebenden Menschen. Dass die Handlung selbst erfunden ist und nicht auf wahren Begebenheiten basiert, erwähne ich hier nur der Vollständigkeit halber. Es ist alles reine Fiktion! Aber seien wir mal ehrlich: Über eine heile Welt zu lesen, wäre doch zu langweilig. Und über die Wirklichkeit sowieso, sonst würden wir uns ja nicht in andere Welten träumen. Außerdem wollen wir, dass der Gute den Bösen zur Rechenschaft zieht und das kann er nur, wenn er sich nicht an die Regeln hält. Im wahren Leben triumphiert das Böse schon oft genug. Das braucht keiner.
Ach, noch eins. „Sein erster Fall“ ist sozusagen mein Gesellenstück. Daher finde ich es auch fair, wenn der Leser nicht den vollen Preis dafür zahlen muss. Auch nach der einführenden Gratisaktion, wird das gute Stück bloß 99 Cent kosten. Zudem könnten im Text noch einige Schreibfehler zu finden sein, da ich mir leider kein Lektorat leisten konnte. Mein Neffe hat so gut er eben konnte nachgeschaut. Daher: Um sachdienliche Hinweise, die zur Ergreifung einiger dieser Biester führen, wird gebeten. Ich werde das Buch dann immer auf den neusten Stand bringen. Eine Versionsangabe wird dann immer auf der Webseite des jeweiligen Buchhändlers zu finden sein.
Viel Spaß also beim Lesen „meines“ ersten Einsatzes als Karl-Heinz „Kalle“ Kowalski. Hoffentlich habt ihr dabei ebenso viel Spaß, wie ich ihn beim Schreiben hatte.
Das Zimmer war düster. Es roch widerlich süßlich und das störte Kowalski sehr. Karl-Heinz Kowalski, so sein vollständiger Name, unter seinen besten Freunden besser als Kalle bekannt, rülpste lautstark und versuchte, durch den Mund zu atmen, damit ihn dieser Gestank nicht dazu brachte, sich zu erbrechen.
Was war denn nun schon wieder los? Was war letzte Nacht geschehen? Hatte er sich etwa wieder besoffen? Höchstwahrscheinlich. Hoffentlich hatte er es wenigstens bis ins Bett geschafft. Er versuchte sich, mühevoll aufzurichten. Dabei dröhnte sein Kopf. Nicht nur das. Es begann auch lautstark hinter seiner Schädeldecke zu klopfen. Sein Rücken schmerzte stark und er war überall verspannt. „Autsch!“, schrie er und fiel zurück auf den Boden. „Scheiße! Scheiße!“
Er war schon wieder auf dem Fußboden eingeschlafen. Wie oft war das schon vorgekommen? Er wusste es nicht. Er konnte die vielen Male nicht mehr zählen.
Kowalski tastete um sich. Etwas berührte kurz seine Finger, kippte dann um, nur um dann gluckernd etwas, höchstwahrscheinlich Bier, auf dem Fußboden zu verteilen. Kalle wagte es zu riechen. Ja, es war Bier. „Na, wunderbar“, schoss es ihm durch den Kopf. „Da geht mein Frühstück dahin.“
Ganz abgesehen davon, dass man den Gestank des Biers nicht so ohne weiteres aus dem Teppich herausbrachte. Irgendwo hier musste er noch mindestens eine weitere Flasche umgestoßen haben, als er letzten Abend im Zimmer zusammengebrochen war, denn er begriff, dass der strenge Geruch von einem Bier stammen musste.
Heftige Kopfschmerzen begleiteten seinen Kater. Stöhnend wagte er einen neuen Versuch aufzustehen. Warum war es hier bloß nur so verdammt dunkel? Ach ja! Er hatte mit seiner Sonnenbrille auf der Nase geschlafen. Er nahm sie tagsüber nicht ab. Auch nicht, wenn es trübes Wetter gab oder schwarze Wolken den Himmel verdunkelten. Eigentlich legte er sie, damit sie nicht kaputt ging, nur nachts ab. Dieses Mal offensichtlich jedoch nicht.
Die Sonnenbrille war zu seinem Markenzeichen geworden. „Seht, da kommt einer der Blues Brothers!“, scherzten einige seiner Kollegen, wenn sie ihn sahen.
„Nein“, entgegnete er da immer. „Dafür fehlt mir noch der stylische Anzug.“
Unter seinen Kollegen war er eigentlich, bis auf wenige Ausnahmen, sehr beliebt gewesen. Außer bei Oberkommissar Klaus Dernach, der nun wirklich nicht viel von ihm und seinen Methoden hielt und obendrein ein echter Korinthenkacker war. Dabei wurde Kalle von seinen anderen Kollegen immer gerne zu vielen Einsätzen dazugerufen. Kalle hatte nämlich das, was man auf der Polizeischule nicht beigebracht bekam: Langjährige Berufserfahrung.
Im Gegensatz zu einigen anderen, griesgrämigen Kollegen, teilte er sie auch liebend gerne mit den Jüngeren. Dies brachte ihm Respekt ein und bewahrte ihn das ein oder andere Mal vor einer Suspendierung. Dernach sah daher das eine oder andere Mal über seine gelegentlichen Ausfälle und Aussetzer hinweg. Trotzdem war er ihm ein Dorn im Auge. Das machte er ihm auch unverhohlen klar.
Kalle kämpfte sich laut stöhnend auf die Beine, stolperte über die vielen Bierflaschen, die in seiner 2-Zimmer-Wohnung verstreut herumlagen und wankte auf den Rollladen zu. Durch eine Ritze fiel ein wenig Licht herein, so dass er die Position des Fensters orten konnte. Kalle zog den Rollladen nach oben. Grelles Tageslicht begrüßte ihn. Trotz Sonnenbrille wurde er geblendet und es dauerte einen Moment, bis sich seine Augen daran gewöhnt hatten. Dann geschah es. Würgend rannte er zum Klo und übergab sich dort.
Plötzlich klopfte es laut an der Tür.
„Nicht jetzt!“, dachte Kalle verärgert, hing noch einmal seinen Kopf über die Schüssel und würgte weiter.
Jemand klopfte nun eindringlicher an die Tür. „Kalle! Bist du da? Komm’ schon, mach’ auf!“
Es war Peter Herzog. Er war Kalles zugeteilter Partner. Sie hatten bei Kalles letztem Einsatz gut harmoniert und daher war Peter auch von Dernach zu Kalles Kollegen „berufen“ worden. Ihnen war es gelungen, den lästigen Kelkheimer Reifenschlitzer zu fassen zu bekommen. Und das in flagranti. Allerdings musste Peter letzten Endes den flüchtenden Übeltäter zur Strecke bringen. Kalle war für Verfolgungsjagden nicht gebaut worden. Das machte ihm aber nichts aus. Er hatte sozusagen die geistige Vorarbeit geleistet, die sie auf seine Spur gebracht hatte.
Wenn Peter, so wie jetzt sturmklopfte, dann musste etwas Schlimmes passiert sein. Ihr Erscheinen an einem Tatort war höchstwahrscheinlich unumgänglich.
„Scheiße!“, fluchte Kalle und spuckte in die Schüssel, auf die er sich mit beiden Händen abstützte. „Ausgerechnet jetzt!“ Er schnaufte schwer und rief dann in Richtung Eingangstür: „Gleich!“ Da ihn eine erneute Übelkeit überkam, würgte er noch einmal alles aus ihm heraus. Vor seinem Partner durfte er schließlich nicht so abgewrackt aussehen. Zumindest nicht abgewrackter als er es ohnehin schon war. War das aber überhaupt möglich?
Kalle machte sich schon lange nichts mehr vor, was ihn selbst betraf. Nichts würde sich bessern. Daran hatte er früher noch geglaubt und sich mit der Aussicht auf eine bessere Zukunft selbst belogen.
Es war zwar kein offenes Geheimnis, dass Kalle ein Alkoholproblem hatte, aber die Kollegen tuschelten schon, wenn er an ihnen vorüberging. Einmal war er nämlich so unvorsichtig gewesen und seine Fahne hatte man schon Meilen gegen den Wind gerochen. Wenn Oberkommissar Dernach etwas über seine Sucht herausfand, war er reif. Sofortige Entlassung aus dem aktiven Dienst. Das war Kalle klar. Immerhin würde man ihn nicht sofort feuern, sondern es bei einer vorübergehenden Suspendierung gefolgt von einer sofortigen Entzugskur belassen. Kalle wollte es nicht darauf ankommen lassen. Aber heute? Jetzt? Er roch aus dem Mund wie eine Kuh aus dem …
Draußen probierte Peter ungeduldig den Drücker und … gelangte ins Innere. Das verblüffte ihn ebenso sehr wie Kalle.
„Oh, nein!“, schoss es Kowalski durch den Kopf. „Ich hab’ noch nicht mal abgeschlossen!“ Er massierte angestrengt und ausgiebig seine Schläfen und versuchte auf diese Art und Weise seine Kopfschmerzen wegzubekommen. Natürlich erfolglos. „Scheiße.“
„Igitt!“, rief sein Partner aus. „Wonach riecht es denn hier?“ Eine Stille folgte. Sein Partner musste sich umsehen. Kalle lauschte angestrengt und hörte ihn durch die Wohnung gehen.
„Kalle, was hast du denn hier getrieben? Ach, Gott … Hier sieht es ja aus! Was soll das Durcheinander? All die Bierflaschen! Das ist ja schlimmer als in einer Messibude!“
„Jetzt übertreib’ mal nicht!“, entgegnete Kalle wütend, wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab und schnäuzte dann in ein Stück Toilettenpapier, das er dann angewidert in die Schüssel feuerte. Er griff nach der Spülung und betätigte sie. Das laute Sprudeln ließ seine Kopfschmerzen noch einmal richtig an Fahrt gewinnen. Langsam erhob er sich. Als Kalle wieder stand, verspürte er zwar noch einen leichten Schwindel und selbstverständlich Kopfschmerzen, aber die Übelkeit war glücklicherweise verflogen. „Gott sei Dank!“, dachte Kalle und schickte ein Stoßgebet gen Himmel.
Peter kam zur Toilettentüre und hielt sich die Nase zu. Er trug wieder seine abgetragene dunkelblaue Jeans, dazu weiße Turnschuhe und ein blau kariertes Hemd, dessen Ärmel er herumgekrempelt hatte. Er verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. „Kalle. Mann! Was ist mir dir los?“
„Ach, nichts“, log Kalle. „Hab’ was Falsches gegessen.“
„Wer’s glaubt, wird selig! Du musst dringend etwas an deinem Lebensstil ändern“, hielt ihm Peter wieder einmal vor. „Oder Oberkommissar Dernach wird dich demnächst zwangsweise in eine Entzugskur stecken.“
„Ich verändere ja bald was. Ich versprech’s!“ Kalle glaubte nicht wirklich an seine eigenen Worte, doch diese konnten für andere ziemlich überzeugend klingen. Nicht so bei Peter. Kowalski hoffte einfach darauf, dass ihr neuer Fall derart dringlich war, dass Peter nicht lange auf seiner Moralpredigt herumreiten konnte.
„Wir müssen rüber nach Bremthal in die Waldallee 98A“, rückte Peter nun endlich mit ein paar Details heraus. „Aha“, dachte Kalle. Deswegen war er hier also aufgekreuzt.
„Was? In das Hochhausviertel?“, fragte Kalle erstaunt nach. Dort gab es von Zeit zu Zeit einige Einbrüche in den Wohnanlagen. Im Allgemeinen nichts Wildes, aber wenn man sie rief …
Kalle kannte Bremthal gut, wenn ihm auch Eppstein mit seiner Burg besser gefiel; nicht nur, weil er dort lebte. Eppstein war einfach ein Ort, wo man noch so richtig die Seele baumeln lassen konnte, wie man so schön sagte. Nach der mitunter sehr stressigen Polizeiarbeit, war Kalle mehr als nur froh, wenn er in der malerischen Natur einmal so richtig abschalten konnte.
„Was liegt denn genau an?“, wollte Kalle von seinem Partner wissen.
„Ein Einbruchsdelikt und …“ Peter machte wieder einer seiner dramatischen Pausen, die Kalle ganz und gar nicht mochte. „… eine Vermisstenanzeige.“
„Meinst du eine Entführung?“ Kalle hatte schon lange nicht mehr an einem solchen Fall gearbeitet. Wahrscheinlich war es pures Wunschdenken von ihm gewesen.
„Nein.“ Peter schüttelte den Kopf. Entschlossen schritt er nun, da er offensichtlich von dem Gestank in der Wohnung die Nase voll hatte, zum Fenster und sperrte es sperrangelweit auf. Dann drehte er sich zu Kalle um und fuhr fort: „In ein und demselben Haus wurde im Erdgeschoss eingebrochen und zwei Stockwerke darüber wird die Rentnerin Lilli Weismüller vermisst. Beide Meldungen gingen gestern bei uns ein.“
„Hmm, klingt ziemlich seltsam“, grübelte Kalle nachdenklich. „Zufall?“
„Genau das sollen wir herausfinden, Kalle.“ Peter schritt auf Kalle zu und versuchte, nach dessen Sonnenbrille zu greifen, doch Kalle wehrte ihn ab.
„Hey, was soll das?“, wollte Kowalski aufgebracht wissen und fuchtelte mit den Händen herum.
„Leg’ die endlich ab! Man kann dir ja gar nicht in die Augen blicken!“ Er musterte sein Gegenüber mit einem misstrauischen Blick. Peter wusste ganz genau, was Kalle im Klo getrieben hatte. Darüber machte sich Kalle gar keine Illusionen.
„Das ist ja auch Sinn und Zweck dieser Übung!“, entgegnete Kalle und sah ihn finster an. Niemand verging sich an seiner Brille und er nahm sie garantiert nicht ab.
„Sei nicht albern.“ Peter deutete auf die Berge leerer Bierflaschen und den herumliegenden Müll. „Und räum’ bei dir mal ein bisschen auf. Du wirst sehen. In einer sauberen Wohnung lebt es sich gleich viel besser.“
„Jawohl, Mama“, konterte Kalle lächelnd. „Also, lass uns gehen.“
„Aber …“ Peter schlug sich seinen Einwand aus dem Kopf. Sie mussten nach Bremthal. Auf zum Einsatzort. Klaus Dernach würde ungehalten darauf reagieren, wenn sie am Nachmittag desselben Tages in ihrem Fall noch nicht vorangekommen waren. „Wir nehmen mein Auto.“
„Deine Scheiß-Hasenkiste?“, polterte Kalle los und blieb mitten im Raum stehen. „Scheiße, nein! Wir nehmen meinen Benz!“
„Hasenkiste?“, wiederholte Peter ungläubig.
Kalle schritt an ihm vorbei zur Tür, wo er seinen schmutzigen, zerknitterten, schwarzen Mantel vom Boden aufklaubte und ihn anzog.
„Niemand nennt meinen Hyundai i30 so! Er verrichtet seinen Dienst. Und das zuverlässig!“
„Ganz genauso wie mein alter 450 SE!“, führte ihm Kalle vor Augen. Immer wieder kam es zu derselben Diskussion zwischen den beiden. Sie war jedoch nie ernst gemeint.
Peter rang sich ein Lächeln ab. „Deine schwarze Gangster-Limo bringt uns noch mal in Teufels Küche.“
„Quatsch! Der Benz hat Stil!“ Kalle ließ Peter aus der Wohnung hinaustreten. Dieser schüttelte nur den Kopf. Es war sinnlos mit Kalle zu diskutieren und das wusste er auch. Dieses Mal verschloss Kowalski sorgfältig die Türe seiner Wohnung. Man wusste ja nie, wer sich … Kalle schüttelte den Kopf. Wer wollte einen Haufen leerer Bierflaschen klauen, noch dazu in einer Wohnung, in der es roch, als sei dort ein Wildschwein verendet?
Angst. Sie verspürte eine große Angst. Es war eine panische, unbändige Todesangst. Jede Sekunde konnte ihr Ende kommen und man ließ sie darüber im Ungewissen; ja, man spielte mit ihr.
Lilli Weismüller konnte sich nicht richtig bewegen. Ihre Hände und ihre Beine waren an den Lehnen und den Beinen eines Stuhls mit Handschellen festgemacht worden. Sie waren gerade groß genug, damit sie hineinpasste; herausgekommen wäre sie niemals.
Lilli schluchzte, aber auch das musste sie im Stillen tun, da ihr Entführer ihr einen Knebel in den Mund gestopft hatte. Sie hätte die ganze Zeit über schreien können. Sie hatte doch nichts Falsches getan. Wer hatte sie nur entführt? Und aus welchem Grund? Geld allein konnte es nicht sein. Das hätte sie einem Einbrecher schon gegeben. Sie konnte sich keinen plausiblen Grund vorstellen, weshalb man sie hier ins Dunkel gebracht hatte. Ach, wie schlecht doch die Welt geworden war! Schon so oft hatte sie im Tatort solche irren Verbrecher gesehen, aber sie hätte nie gedacht, dass ausgerechnet sie auf so einen trifft. Niemals!
Ihre Augen waren zwar nicht verbunden, sie erkannte aber trotzdem nichts im Dunkeln, wo sie auf einem Holzstuhl saß. Um sie herum war kein Geräusch zu hören und es war kühl. Zum Glück nicht so kühl, dass sie sich erkältete. Sie vermutete, dass sie in einer Art Kerker oder einer Gruft steckte. Die wenigen Geräusche, die sie verursachte, waren dumpf. Als man sie entführt hatte, hatte ein Mann mit einer Skimaske ihr eine Flasche vor die Nase gehalten oder ein Tuch, das mit Flüssigkeit aus einer kleinen Flasche getränkt worden war; und dann war ihr schwarz vor Augen geworden. So ganz konnte sie sich diese Szene nicht mehr ins Gedächtnis rufen. Alles war verschwommen. Nebulös. Dieser unbekannte Mann wusste sehr genau, was er tat und wie er es tun musste. Sie konnte nicht ergründen, wer er war und was er von ihr wollte.
Sie schluchzte wieder. Zu grausam waren die letzten Stunden ihres Lebens gewesen. In diesem Stuhl war sie aus ihrer Ohnmacht erwacht und hatte versucht, sich im Gesicht zu kratzen. Erst da hatte sie bemerkt, dass sie jemand auf diesen Stuhl gefesselt hatte. Nein, es waren keine Fesseln, sondern kalte Handschellen! Man hatte sie an den Stuhl gekettet wie einen Hund!
Sie wollte schreien, aber es gelang ihr nicht. Lilli Weismüller spürte einen Knebel in ihrem Mund. Atmen konnte sie nur durch ihre Nase. Es war ein unangenehmes Gefühl, zu spüren, wie der Stoffballen ihren Mundraum ausfüllte. Außerdem stieg ihr noch ein penetranter Kunststoffgeruch in die Nase. Ihr unbekannter Entführer hatte den Knebel mit einem Klebeband festgeklebt, dass von einer zur anderen Backe führte. Es spannte ihre faltige Haut sehr. Lilli meinte auch schon ein kleines Taubheitsgefühl in ihrer rechten Backe zu spüren.
„Das wird wehtun, wenn er es abreißt“, schoss es ihr durch den Kopf. Fürchtete der grausame Mann etwa, dass sie einen normalen Knebel von ihrem Mund abbekommen und dann nach Hilfe geschrien hätte?
Als ihr ihre Gesamtlage klar geworden war, hatte sie Schnappatmung bekommen und wäre wohl beinahe erstickt, wenn sie sich nicht noch zusammengerissen hätte. Es war einfach unglaublich. Sie ließ traurig den Kopf hängen. Vergeblich hatte sie schon versucht, sich umzusehen, um vielleicht doch einen kleinen Lichtschein zu entdecken. Aber, nein. Ihr Entführer hatte sie in eine totale Finsternis gesperrt und zurückgelassen. Wahrscheinlich befand sie sich tief unter Tage, damit er mit ihr ungestört sein konnte. Weitab jeglicher Zivilisation. So dachte sie jedenfalls, da sie es nicht besser wusste. Aber warum dann der Knebel? Ihr Entführer wollte wohl auf Nummer sicher gehen.
Sie hatte sich nur mit der Tatsache beruhigen können, dass ihr Entführer etwas Wichtiges von ihr wollte, ansonsten wäre sie wohl schon längst tot gewesen. Wenn es trotzdem bloß Geld war, dann wollte sie es ihm geben. So viel er wollte. Lilli hing sehr an ihrem Leben. Das war das einzige, was sie jetzt noch hatte. Ihr Mann war bereits mit 63 Jahren an einem Krebsleiden gestorben. Sie vermisste ihn seitdem sehr. Jede Sekunde.
Plötzlich wurde sie in ihren Gedankengängen unterbrochen, als rumpelnd eine Tür, die sich hinter ihr befand, aufging und jemand, vermutlich der Mann, der sie entführt hatte, eintrat. Licht erhellte das Dunkel und sie nahm, zunächst undeutlich, dann, als sich ihre Sicht besserte, immer deutlicher wahr, dass sie in einem finsteren Verließ festsaß. Der kleine Raum, in dem sie sich befand, konnte nicht mehr als vier oder fünf Quadratmeter groß sein.
„So!“, sprach der Entführer mit tiefer Stimme zu ihr. „Jetzt wollen wir uns mal unterhalten.“
