Seit du tot bist - Sophie McKenzie - E-Book

Seit du tot bist E-Book

Sophie McKenzie

4,5
9,99 €

Beschreibung

Die Hoffnung lebt – und wird dich zerstören

Gens Tochter kam vor acht Jahren tot zur Welt. Nun steht eine fremde Frau vor ihrer Tür und behauptet, dass sie lebt. Dass alle bei der Geburt Anwesenden gekauft waren, damit jemand Gen ihr Baby wegnehmen konnte. Zunächst hält Gen das für einen geschmacklosen Scherz. Aber etwas in ihr sagt ihr, dass die Frau die Wahrheit sagt, und eine trügerische Hoffnung keimt in ihr auf. Aber wer sollte so etwas tun, falls es tatsächlich wahr ist? Es kann nur jemand aus ihrem engsten Umfeld gewesen sein ...

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Seitenzahl: 645

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Sophie McKenzie

Seit du tot bist

Thriller

Aus dem Englischen

von Ursula Pesch und Friedrich Pflüger

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen. Die Originalausgabe CLOSE MY EYES

erscheint bei Simon & Schuster UK Ltd, London

Deutsche Erstausgabe 06/2013

Copyright © 2013 Rosefire Ltd

Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Umschlagillustration und -gestaltung:

© Eisele Grafik∙Design, München

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-10523-5V003

www.heyne.de

Für meine Mutter

Geschichten habe ich immer gern gemocht und ganz besonders die, die Mama mir erzählt hat, als ich noch ganz klein war. Das besondere Kind war die schönste von allen. Jetzt bin ich für solche Kindermärchen eigentlich zu alt, aber damals war das meine Lieblingsgeschichte. Es geht darin um ein Kind, das glücklich und zufrieden aufwächst, mit Mama und Papa, die König und Königin sind. Dann kommt eine böse Hexe aus dem benachbarten Königreich, nimmt das Kind mit und sperrt es ein und Mama und Papa sind furchtbar traurig, aber das besondere Kind kann ganz besonders kämpfen und tötet die Hexe und flieht und kommt zurück zu Mama und Papa.

In der Schule sind auch Geschichten drangekommen. Manche haben wir gelesen. Manchmal haben wir uns auch welche ausgedacht. Einmal habe ich Das besondere Kind aufgeschrieben und Bilder dazu gemalt.

Mama hat immer gesagt, das wäre zwar bloß eine Geschichte, aber manchmal würden Geschichten auch wirklich passieren. Sie hat gesagt, die böse Hexe in Das besondere Kind wäre bloß eine Frau aus einer Geschichte, aber böse Menschen könnte es auch im richtigen Leben geben. Sie hat gesagt, man würde das den Menschen nicht immer ansehen können, und manchmal würden sie lauter nette Sachen sagen und einem vielleicht sogar Süßigkeiten oder Spielsachen schenken, aber in Wirklichkeit wären sie trotzdem böse Menschen.

Ich habe im richtigen Leben lange Zeit überhaupt keine bösen Menschen kennengelernt – aber dann ist das mit Langes Elend und Zahnlücke passiert, und von da ab ist alles anders gewesen. Genau wie Mama gesagt hat.

Kapitel 1

Ich bin spät dran.

Ich hasse das.

Um fünf soll ich Art abholen, und jetzt ist schon Viertel vor.

Ich hetze den Gang zum Lehrerzimmer hinunter. Die neue Zahlenkombination für die Tür weiß ich nicht mehr und muss draußen warten, bis mich ein anderer Dozent hereinlässt. Ich stopfe die übrig gebliebenen Fotokopien in meine Ablage und lege die Teilnehmerliste ins Fach. Ich bin auf dem Weg nach draußen, als Sami, Fachbereichsleiter Geisteswissenschaften, mich daran erinnert, dass meine Vorlesung morgen früh wegen Renovierungsarbeiten ausfällt. Ich versuche, mir das zu merken, stürze zur Eingangstür des Instituts hinaus und weiter, halb trabend, halb rennend, die Great Queen Street entlang bis zum Kingsway. Es ist grau und trübe, dicke Wolken verheißen Regen. Kein Taxi weit und breit. Zum Oxford Circus fährt natürlich auch die U-Bahn, aber seit den Bombenanschlägen im Juli 2005 nehme ich die U-Bahn nur noch, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Aber schon vorher war mir der Bus lieber. Art hasst Busse. Sind ihm zu langsam.

Ich stürme um die Ecke zur Haltestelle, navigiere dabei im Laufschritt um mehrere Stolperstellen im Gehsteig und eine Gruppe halbwüchsiger italienischer Touristen. Gottlob, auf der High Holburn rollt die Nummer acht gerade heran. Mit ihr kann ich bis zum Kaufhaus John Lewis fahren und dann zur Harley Street hinaufrennen.

Im Bus drücke ich meine Oyster-Card auf den Sensor und lehne mich mit einem Seufzer an eine Stange. Eine Frau neben mir – jung, strähniges Haar – kämpft mit einem Baby in einem Buggy.

»Setz dich hin, verdammt noch mal«, zischt sie. Sie ist so außer sich; ich drehe mich weg und gehe weiter nach hinten.

Um Viertel nach fünf bin ich an der Klinik. Art wartet schon vor der Tür. Ich sehe ihn Sekunden, bevor er mich entdeckt – gepflegt, weltmännisch in seinem Anzug. Dunkelgrau. Paul Smith – sein Liebster. Einfach und stilvoll – dazu wie immer ein einfarbiges Hemd, Kragenknopf offen, keine Krawatte. Solche Sachen stehen ihm. Haben ihm immer gestanden. Er wendet den Kopf und sieht mich. Er ist abgespannt. Und gereizt. Ich erkenne das im Näherkommen daran, wie er die Braue hochzieht.

»Ich bin spät dran. Tut mir leid.« Ich hebe den Kopf, und er küsst mich. Streift kurz meine Lippen.

»Schon gut«, sagt er.

In Wahrheit tut es mir eigentlich nicht leid, und er findet es auch nicht gut. Ich möchte eigentlich gar nicht hier sein, und Art weiß das auch.

Ich folge ihm nach innen. Wir queren die Eingangshalle, und er streift sich das Jackett ab. Sein Hemd hat innen am Kragen ein kleines Loch. Sehen kann man es nicht, aber ich weiß, dass es da ist. Und an der Art, wie seine Arme steif herunterhängen, sehe ich, dass er sauer auf mich ist. Ich soll ein schlechtes Gewissen haben. Weil ich zu spät gekommen bin, und seine Zeit ist kostbar. Außerdem ist das hier für ihn genauso unangenehm wie für mich.

Vor der Tür zum Wartezimmer bleibt er kurz stehen. Er dreht sich lächelnd zu mir um, was ihn bei seiner Laune offensichtlich große Anstrengung kostet. »Mr. Tamansini war eben da. Er ist froh, dass wir wieder hier sind.«

»Hast du mit ihm gesprochen?« Ich bin überrascht; die Fachärzte verlassen während der Sprechstunden kaum einmal ihre Zimmer.

»Er war zufällig gerade frei, als ich kam.« Art nimmt mich an der Hand und führt mich ins Wartezimmer. Typisch für dieses Ärzteviertel: eine Reihe harter Chintz-Sessel mit passender Couch. Ein offener Kamin mit Trockenblumen auf dem Sims, darüber ein geschmackloses modernes Gemälde. An den Wänden ringsum Diplome, Preise und Konzessionen, rahmenlos hinter Glas. Ich entdecke mich in einem Spiegel in der Ecke. Mein Pulli ist zerknautscht, und man könnte meinen, ich hätte das Haar seit einer Woche nicht mehr gebürstet. Zu lang ist es auch; der Pony hängt mir bis in die Augen, die trockenen Spitzen sind voller Spliss und stoßen unschön auf den Schultern auf. Vor Beths Geburt habe ich alle paar Monate nachschneiden und Strähnchen machen lassen. Ich ziehe den Pulli straff und streiche das Haar glatt. Meine Augen heben sich strahlend blau vom Rosa der Wangen ab, Dunkelrosa genau genommen, nach meinem Dauerlauf. Früher bin ich auch noch ins Fitnessstudio gegangen. Dazu fehlt mir jetzt die Kraft.

»Er war pünktlich, aber weil du nicht da warst, haben sie das nächste Paar hereingerufen.« Er sagt das nur ein klein wenig vorwurfsvoll.

Ich nicke noch einmal. Er streicht mir über den Arm.

»Und bei dir? Wie war deine Vorlesung?«

Ich sehe ihn mir genau an. Er wirkt immer noch so jungenhaft, obwohl er doch vergangene Woche 40 geworden ist. Liegt das nun an der weichen Rundung seines Kiefers oder an dem Grübchen am Kinn, oder doch eher an seinen großen, erwartungsvollen Augen? Ich streiche ihm übers Kinn. Seine Haut ist rau. Art muss sich zweimal am Tag rasieren, aber seinen Bartschatten habe ich immer gemocht. Er wirkt damit verwegener. Sexy.

»Im Institut ging’s ganz gut.« Mir schnürt es die Kehle zusammen. Ich möchte überhaupt nicht hier sein. »Es tut mir wirklich leid, dass ich zu spät gekommen bin. Es ist nur …dass wir nun wieder hier sind …«

Er drückt meinen Arm. »Ich weiß …« Er legt den Arm um mich und drückt mich an seine Brust. Ich berge mein Gesicht an seinem Hals und presse die Augen zu, gegen die andrängenden Tränen.

»Diesmal wird’s klappen, da bin ich mir sicher. Wir sind einfach an der Reihe, Gen.«

Er sieht auf die Uhr. Die hat er seit Jahren. Sie ist abgewetzt, das Glas zerkratzt. Ein Geschenk von mir – mein erstes Geburtstagsgeschenk für ihn. Da kannten wir uns drei Monate. An dem Abend hat er sich zum ersten Mal von mir zum Essen einladen lassen; darauf habe ich bestanden, weil doch sein Geburtstag war. Ein lauer Frühlingsabend – der erste nach langen Wintermonaten, so war es einem vorgekommen. Nach dem Essen schlenderten wir stundenlang am Embankment entlang, über die Waterloo Bridge hinüber zur South Bank. Art erzählte mir von seinen Plänen für Loxley Benson … Dass er schon sein ganzes Leben nach etwas suche, an das er glauben könne, auf das er seine ganze Kraft richten könne. Ein Ziel.

»Und deine Geschäfte haben für dich diese Bedeutung?«, habe ich gefragt.

Er hat meine Hand genommen und »nein« geantwortet – ich sei, wonach er gesucht habe, und unsere Beziehung sei ihm wichtiger als alles andere.

An dem Abend sagte er zum ersten Mal, dass er mich liebe.

Ich mache mich von ihm los und wische mir so unauffällig wie möglich die Augen trocken. Ein Stück von Art entfernt sitzen noch drei Paare im Wartezimmer und ich möchte nicht, dass sie etwas mitbekommen. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und falte die Hände im Schoß. Ich konzentriere mich auf meinen Atem und versuche, mich von dem Aufruhr in meinem Kopf zu lösen.

Art liebt mich immer noch. Das weiß ich. Andernfalls hätte er das lange, furchtbare Jahr nach Beth nicht mit mir zusammen durchgestanden. Ganz zu schweigen von den sechs gescheiterten Versuchen mit künstlicher Befruchtung seither.

Manchmal frage ich mich allerdings, ob er mir überhaupt zuhört. Wie oft habe ich ihm geschildert, wie sehr mir die Besuche in der Klinik zusetzen? Die Höhen und Tiefen der künstlichen Befruchtung. Fast ein Jahr ist seit unserem letzten Versuch vergangen. Damals habe ich auf eine Pause bestanden, und Mr. Tam – wie er in den Onlineforen über Unfruchtbarkeit genannt wird – hat mich darin bestärkt. Art hat eingewilligt, und wir beide haben gehofft, ich würde vielleicht auf natürlichem Weg schwanger werden. Es gibt ja auch keinen Grund, warum das nicht klappen sollte – zumindest hat niemand einen feststellen können. Aber auch für die sechs vergeblichen Versuche gibt es keine Erklärung.

In den letzten Monaten hat Art mich immer wieder gedrängt, die Behandlung wieder aufzunehmen. Er hat diesen Termin für uns vereinbart. Dabei kann ich schon den bloßen Gedanken an eine weitere Runde kaum ertragen – an die damit verbundenen Nebenwirkungen und die psychische Belastung. Zu oft habe ich das alles durchgemacht: einen Zyklus einleiten, oder die Gelegenheit dazu verpassen, weil man fort ist. Die tägliche Untersuchung in der Klinik. An bestimmten Tagen zu bestimmten Zeiten seine Medikamente nehmen. Und dann stellt sich heraus, dass die Follikel nicht groß genug oder nicht zahlreich genug sind, oder dass die Embryos nicht überleben. Dann für einen oder zwei Zyklen aussetzen, wie besessen auf den Eisprung warten, dann auf das Einsetzen der Regel, und dann geht alles von vorn los. Und so weiter. Und nichts, nichts von alldem bringt sie jemals wieder zurück.

Beth. Mein Baby, das tot zur Welt kam.

All das möchte ich Art erzählen, aber dann müsste ich über Beth reden, die doch an einem sicheren Ort in meinem Kopf verwahrt ist, zusammen mit all dem Schmerz und der Trauer, an die ich nicht rühren kann, nicht rühren will.

»Mr. und Mrs. Loxley?«

Art springt sofort auf. Die Schwester lächelt ihn an. Bei Art ist das kaum zu vermeiden. Schon bevor er bei Die Verhandlung im Fernsehen zu sehen war, lächelten die Menschen ihn an. Sein jugendlicher Charme, seine Energie. Der Erfolg von Loxley Benson beruht bestimmt zur Hälfte darauf, wie er die Leute ansieht, mit funkelnden Augen, sodass jeder sich selbst plötzlich für etwas Besonderes hält – als sei nichts bedeutsamer als das, was man gerade sagen will.

Die zweite Hälfte ist natürlich eine andere Geschichte. Art ist klug. Gewitzt. Und völlig besessen. Mum hat das gleich durchschaut, als sie ihn kennengelernt hat. Noch bevor er zu Wohlstand kam und als seine Online-Investmentfirma – für ethisch vertretbare Investitionen – gerade erst im Entstehen war, ohne Geld und Sicherheit. »Dieser Junge«, sagte sie, »der wird die Welt aus den Angeln heben.« Dann hat sie ihr typisches gequältes Lächeln aufgesetzt: »Pass bloß auf, dass du keinen Schaden nimmst, wenn du da versuchst, Schritt zu halten.«

Mr. Tamansinis Schreibtisch ist wie ein Schiff – überall dickes, braunes Prägeleder, an den Kanten Reihen massiver Ziernägel aus Messing. Der kleine Mann – olivfarbene Haut, spitzes Gesicht und zarte Hände – wirkt dahinter immer ein wenig verloren. Er presst die Fingerspitzen aufeinander, wenn er spricht. Art und ich sitzen auf der anderen Seite des Schreibtischs. Er starrt uns an.

»Ich schlage vor, dass Sie es diesmal mit ICSI versuchen«, meint er bedächtig. »Dabei injizieren wir das Sperma direkt in die Eizelle.«

»Siehst du?« Art stupst mich am Arm, als säßen wir im Klassenzimmer in der letzten Reihe. »Hab ich’s dir nicht gesagt? Da gibt’s jetzt was Neues.«

Ich kann den Blick nicht von Mr. Tamansinis Fingern wenden. Seltsame Vorstellung, dass sie schon in mir drin gewesen sind. Aber was ist am Konzept Frauenarzt eigentlich nicht seltsam? Dabei ist mir Mr. Tam durchaus sympathisch. Sein Schweigen. Wie er selbst bei Arts energischsten Ausbrüchen ruhig bleibt. Bei vier meiner sechs fehlgeschlagenen IVF-Versuche stand er mir als verantwortlicher Arzt zur Seite. Da kann man schon sagen, dass wir eine Menge zusammen durchgemacht haben.

»Aber die Intrazytoplasmatische Spermieninjektion gibt es doch schon länger«, sage ich und sehe Mr. Tam an. »Warum jetzt?«

Mr. Tam räuspert sich. »ICSI ist die Methode der Wahl bei Sperma minderer Qualität, aber sie ist ebenso nützlich bei Paaren mit geringer Befruchtungsquote oder einer geringen Zahl an Eizellen, was beides auf Sie zutrifft.«

»Das kostet doch bestimmt mehr als eine gewöhnliche künstliche Befruchtung, oder?«, frage ich.

Art versteinert sofort, als ich Geld erwähne. Eine minimale Bewegung nur, aber sie ist mir vertraut. Als ob ein Tier die Ohren aufstellt und auf verräterische Geräusche lauscht. Ich starre Mr. Tams Schreibtisch an. Die Reihen der Beschlagnägel an den Kanten schimmern im Licht. Ob die jemand poliert, geht mir durch den Sinn.

»Es kostet tatsächlich mehr«, räumt Mr. Tamansini ein, »aber dafür liegt die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Schwangerschaft deutlich höher.«

»Und auf was muss man sich bei einer ICSI einstellen?«, fragt Art. Er klingt dabei ganz gleichgültig, aber ich kann die Schärfe in seiner Stimme hören. So leicht lässt er sich – und mich – nicht für dumm verkaufen.

Mr. Tam lächelt. »Für Sie beide wird es sich kaum anders als eine gewöhnliche IVF anfühlen.« Dann erklärt er die Prozedur. Ich klinke mich für einen Moment aus. Über ICSI weiß ich Bescheid; schon vor Jahren habe ich über allen möglichen Methoden gebrütet.

»…und funktioniert ganz wie ein frisch entmülltes Betriebssystem«, endet Mr. Tamansini, »mit dem man einen neuen Computer in Gang bringen kann.«

Art lacht. Er mag Mr. Tams Vergleiche.

»Nun, wie denken Sie darüber?«, fragt Mr. Tam.

»Unbedingt.« Art blickt mich an. »Probieren wir’s.«

Eine Sekunde lang bin ich wütend, dass Art einfach für mich mitentscheidet. Dann fällt mir ein, dass ich eingewilligt habe, hierherzukommen; dass er glaubt, ich sei dazu bereit, und dass ich ihm seit Ewigkeiten nicht deutlich gesagt habe, wie es wirklich um mich steht.

»Ich weiß nicht«, winde ich mich. »Weißt du …ich bin mir wegen der künstlichen Befruchtung gar nicht mehr so sicher. Machen wir uns doch nichts vor – in ein paar Monaten bin ich vierzig, und das …«

»… ist nicht zu alt.« Art wendet sich an Mr. Tam. »Sagen Sie’s ihr doch bitte auch. Sie ist nicht zu alt.«

Mr. Tam holt tief Luft. Seine Züge bleiben entspannt und geschäftsmäßig, aber sicherlich fragt er sich, warum ich bei all meinen Bedenken überhaupt hergekommen bin. »Sie haben natürlich völlig recht, Mrs. Loxley. Es gibt keine Erfolgsgarantie. Aber sie sind schon einmal schwanger geworden, und das ist ein gutes Zeichen. Und vierzig ist für eine IVF wirklich kein Alter.«

Ich starre ihn an, ihn und sein gütiges, beruhigendes Lächeln.

»Ich glaube nicht …« Meine Stimme bebt. »Ich weiß nicht, ob ich das … ob ich das alles noch mal durchstehe …« Mir versagt die Stimme, und ich blicke auf den Teppichboden. Er hat einen braunen Fleck in Form einer Kidneybohne, neben dem hinteren Tischbein.

Warum fällt es mir so schwer auszusprechen, was ich will? Wie mir zumute ist?

Leise dringt mir Arts Stimme ins Ohr, eindringlicher denn je. »Gen, wir müssen es weiter versuchen. Begreifst du das nicht? Wenn du möchtest, mache ich für dich eine komplette Risikobewertung anhand der ICSI-Statistik, versprochen! Die Chancen lassen sich ja berechnen, und wenn’s gut aussieht, dann kriegen wir das zusammen hin, so wie wir alles zusammen hinkriegen.«

Ich sehe auf. Mr. Tam ist zur Sprechanlage gegangen, beim Vorhang, der einen Bereich abteilt. Er spricht leise. Und gibt Art und mir damit Gelegenheit, uns zusammenzuraufen.

Ich sehe Art an. In seinen Augen tanzt diese neue Hoffnung. Ich hasse mich, weil ich nicht ebenso empfinde.

»Ich weiß, wie schwer das für dich ist, mit den Medikamenten und Arztterminen und allem«, fährt er fort. »Und ich weiß, dass wir das schon fünfmal durchgemacht haben …«

»Sechsmal«, verbessere ich.

»… aber es wäre doch noch einen Versuch wert«, drängt er. »Findest du nicht auch, dass es noch einen Versuch wert wäre?«

Ich schüttele den Kopf. Früher hatte ich das auch gedacht, vielleicht auch noch bei den ersten Versuchen nach Beth. Aber der immer wiederkehrende Schmerz nach einem weiteren fehlgeschlagenen Versuch, der war es eindeutig nicht wert.

Art runzelt die Stirn. »Ich verstehe nicht, warum du’s nicht noch einmal versuchen willst«, meint er. Er möchte verständnisvoll klingen, aber im Unterton schwingt Ungeduld mit. »Wenn die Chancen vernünftig stehen, meine ich.«

Ich atme tief ein und wieder aus. »Es ist nicht wegen der Chancen und der Risikofaktoren und der Medikamente.« Ich sehe ihm in die Augen in der Hoffnung, Verständnis aus ihnen lesen zu können. Ich flüstere. Noch immer fällt es mir unendlich schwer, ihren Namen laut auszusprechen. »Es ist wegen Beth.«

Er scheint verwirrt. »Du meinst, es schmälert ihr Andenken, wenn wir es noch einmal versuchen?«

»Nicht direkt …«

»Oh, Gen. Wir ehren ihr Andenken doch trotzdem. Es ist ja geradezu der Beweis, wie sehr wir sie geliebt haben … dass wir sie unbedingt … ersetzen wollen.«

Ersetzen wollen?

Mr. Tam sitzt wieder am Schreibtisch und legt die Fingerspitzen aneinander.

Arts Worte klingen mir in den Ohren. Ich starre wieder auf den bohnenförmigen Fleck, und das Blut pocht in meinen Schläfen.

»Ich glaube, wir müssen noch einmal darüber nachdenken«, sagt Art schließlich. Es klingt gedämpft, wie in weiter Ferne.

»Natürlich.« Mr. Tam lächelt. Ich höre es am Tonfall und starre weiter auf den Fleck. »Das ist ja bislang nur ein Vorschlag. Da sollten wir wirklich nichts übereilen.«

Ich sehe auf. »Das ist eine gute Idee.«

Art legt mir den Arm um die Schulter. »Unbedingt.«

Ein paar Minuten später sind wir draußen und fahren mit dem Taxi nach Hause. Für Art die einzige Transportweise. Er könnte sich leicht einen Chauffeur leisten, jetzt wo Loxley Benson boomt, aber er hasst alles Elitäre. Wenn ich einwende, Taxis seien ebenso elitär, dann entgegnet er, sie seien im Vergleich zu den langsamen Bussen und Bahnen praktischer, und seine Zeit sei eben Geld.

Wir sagen nichts. Ich bin noch immer aufgewühlt. Plötzlich merke ich, dass er mit mir redet.

»Entschuldige?«

»Das musste doch nicht sein.« Er nimmt meine Hand und legt sie zwischen die seinen.

Ich sehe nach unten. Der Nagel an meinem Zeigefinger ist ganz abgekaut, die Nagelhaut fast blutig. Ich rolle ihn ein, damit er nicht zu sehen ist. Ich habe nicht einmal bemerkt, dass ich ihn im Mund hatte.

Arts Hände üben sanften Druck aus. »Warum hast du mich den Termin machen lassen, wenn du dir so sicher warst, dass du keinen Versuch mehr willst?«

Die Sonne im Taxifenster steht tief über dem Regent’s Park. Eine vollkommene, brennend orangefarbene Scheibe am klaren, marineblauen, nun wieder wolkenlosen Himmel. Seine Augen funkeln im warmen Licht, und mein Herz macht vor lauter Liebe zu ihm einen Sprung. So rücksichtslos er im Geschäftlichen sein kann, ist Art im Grunde der liebenswürdigste Mensch, den ich kenne.

»Das mit dem Termin tut mir leid«, sage ich. »Ich weiß, das war nicht richtig …« Ich bringe den Satz nicht zu Ende. Wäre ich nur nicht so durcheinander.

»Du bist schon ganz schön verrückt, weißt du?«, meint Art liebevoll.

Wir starren uns einen Augenblick lang an; dann beugt sich Art vor. »Kannst du mir wenigstens erklären, was dir solche Sorgen macht, Gen? Weil ich will doch nur … ich meine, das alles, das tue ich doch nur für dich, das weißt du doch. Ich will es doch nur verstehen, weil ich einfach nicht begreife, was daran falsch sein soll, es noch einmal zu versuchen.«

Ich nicke und suche nach den richtigen Worten. Aber wie soll ich erklären, was sich schon in meinem eigenen Kopf so konfus und labil anfühlt.

»Beth zu ›ersetzen‹ ist mir schon als Gedanke unmöglich«, sage ich.

Ihren Namen zu sagen schmerzt. Aber wenn ich ihn nicht ausspreche, dann leugne ich ihre Existenz, und das ist noch schlimmer. Mir krampft sich der Magen zusammen.

»Ich meinte doch gar nicht ersetzen«, verwirft Art achselzuckend das Wort, das er benutzt hatte. Er sitzt nun kerzengerade. »Selbstverständlich können wir sie nicht ersetzen. Aber wir können doch trotzdem noch einmal Eltern werden, oder nicht?«

»Ich weiß nicht.«

Art fasst sich an den Kragen und tastet nach dem verborgenen Loch im Stoff. »Dann lass es mich doch wissen, für uns beide.«

»Und was ist mit den Kosten?«, wende ich ein. »Wir haben schon so viel dafür ausgegeben.«

Art winkt ab. »Das ist wirklich unser kleinstes Problem.«

Das ist wahr, ich kann mich noch immer nicht daran gewöhnen, wie viel Art verdient. Dabei haben wir schon vorher keine Geldsorgen gehabt. Loxley Benson floriert nun schon eine ganze Weile, aber seit diesem Jahr läuft es einfach phänomenal. Kaum eine andere kleine Firma in England wächst im Augenblick so schnell.

»Es geht mir auch gar nicht um die Menge«, sage ich. »Aber die Vorstellung, dass man gutes Geld dem schlechten hinterherwirft und …«

»Lieber Gott, Gen, so viel ist es ja nicht. Ein paar Tausend vielleicht. Durch Die Verhandlung kriege ich praktisch täglich neue Aufträge. Ich hatte neulich ein Kundengespräch mit einer Frau aus irgendeinem Regierungsprogramm; bei der Tagung morgen in Brüssel will sie mit mir darüber reden, wie sie mich dort mit hineinholen kann. Es läuft wirklich fantastisch, Gen, genau wie ich es vorhergesagt habe. Wir sind dabei, gewaltig groß zu werden.«

»Aber …« Ich breche ab, kann nicht aussprechen, was mich wirklich bedrückt, nämlich dass ich mir seit seinem beruflichen Senkrechtstart völlig unzulänglich vorkomme. Das ist natürlich ungerecht, wo er sich doch so für uns abrackert. Als Schwangere habe ich mich ihm ebenbürtig gefühlt. Als leistete ich endlich auch einmal einen angemessenen Beitrag zu unserer Ehe. Aber jetzt, wo er das Geld mit vollen Händen heranschafft, wird umso mehr deutlich, wie sehr ich bei meinem Teil der unausgesprochenen Abmachung versagt habe.

»Du musst das einfach wollen, Gen. Wir schaffen das. Ich werde dafür sorgen.«

Seine Worte, die Entschlossenheit um seine Mundwinkel, sein ganzer Körper … alles so überzeugend. Und, wie ich aus Erfahrung weiß, praktisch unwiderstehlich.

»Du willst es tatsächlich noch einmal versuchen, nicht?«

Er zuckt mit den Achseln. »Was ist die Alternative? Adoption?«

Ich schüttele den Kopf. Darin zumindest waren wir uns immer einig. Wenn wir ein Kind kriegen, dann muss es schon unser eigenes sein.

»Eben.« Er lehnt sich nach vorn. »Ich möchte das wirklich, Gen.« Er verstummt und seine Lippen beben. »Aber nur, wenn du es auch willst.«

Für den Bruchteil einer Sekunde sieht er verletzlich aus, wie ein kleiner Junge, und ich sehe, wie sehr er fürchtet, ich käme nicht über Beths Tod hinweg und dass unsere Liebe darüber verloren gehen könnte … weil ich eines Tages entweder Beth loslassen muss – oder Art.

»Ich möchte das mit dir zusammen tun, Gen«, flüstert er. »Bitte begreif das doch.«

Das Taxi kommt vor der Ampel zwischen Camden High Street und Kentish Town Road zum Stehen. Art und ich haben uns in Camden kennengelernt, vor vierzehn Jahren bei einer großen Silvesterparty. Ich war mit meiner besten Freundin Hen dort. Art war sechsundzwanzig und seit kaum einem Jahr selbstständig. Er hatte sich mit ein paar Kollegen in die Party hineingemogelt in der Hoffnung, nützliche Leute kennenzulernen. Mir war es eher um Spaß und ein paar kostenlose Drinks gegangen.

Wir trafen zusammen, als einer von Arts Kollegen – Tris – an der Bar Hen über den Weg lief. Die beiden kannten sich von der Uni, hatten sich aber aus den Augen verloren. Hen stellte mich natürlich Tris vor und der mich dann Art. Art spendierte eine Runde, von der ich die meisten Gläser umstieß, als ich von der Toilette zurückkam. Er blieb total nett und bestellte noch eine Runde, obwohl er – das erfuhr ich später – damals selbst fürs Essen kaum Geld hatte. Wir kamen ins Gespräch. Er erzählte mir von Loxley Benson, der Firma, die er erst wenige Monate zuvor mit einem guten Freund gegründet hatte, und wie er auf der neuen Welle des Online Trading reiten wollte, und mit welcher Leidenschaft er sicherstellen wollte, dass seine Firma nur in ethisch, sozial und ökologisch einwandfreie Projekte investierte.

Ich erzählte, dass ich bei einer langweiligen Haushaltszeitschrift arbeitete, über Küchen und Farbmuster schrieb und davon träumte, irgendwann einmal einen Roman zu verfassen. Ich weiß noch, wie mich seine Besessenheit beeindruckte. Dass ihm kein Risiko zu groß, kein Rückschlag zu schwer war auf seinem Weg, sein Ziel zu erreichen. Dass es nicht primär darum ging, Geld zu verdienen, sondern Einfluss zu nehmen.

Schon damals wusste ich, dass Art bekommen würde, was immer er wollte.

Mich eingeschlossen.

»Gen?«

Ich beiße mir auf die Lippe. Inzwischen ist es dunkel geworden. Die Straßenlaternen glimmen auf. Wäre Art nicht mit mir verheiratet, dann hätte er inzwischen wahrscheinlich vier Kinder. Das steht ihm doch zu. Ich sollte ihm da nicht im Weg stehen.

»Es liegt an der Hoffnung«, sage ich. »Alles kann ich ertragen, aber nicht die Hoffnung.«

Art lacht. Ich weiß, dass er im Grunde nicht versteht, wie ich das meine. Aber er liebt mich, und das genügt.

»Also gut«, sage ich. »Du schaust dir die ICSI-Statistiken an und sagst mir, was du davon hältst. Und dann entscheiden wir.«

Er nickt begeistert und greift sich in die Tasche. Eine Sekunde später summt sein Handy. Es muss fast eine ganze Stunde aus gewesen sein. Ich kann mich nicht erinnern, wann er es zum letzten Mal auch nur länger als ein paar Minuten ausgeschaltet hatte.

Er ist immer noch am Telefon, als wir Crouch End erreichen und ins Haus gehen. Unsere slowakische Putzfrau Lilia geht gerade. Ich schließe hinter ihr die Tür. Mein Blick fällt auf den Poststapel neben dem Heizkörper im Flur. Ich hebe ihn auf und schlendere in die Küche. Die anderen Zimmer im Erdgeschoss benutzen wir kaum. Ein ziemlich großes Haus, wenn man es nur zu zweit bewohnt. Müßig blättere ich die Post durch. Eine Ansichtskarte von meiner Mutter, die gerade mit ihrem aktuellen Freund in Australien Urlaub macht, lege ich auf den Küchentisch. Dann gehe ich zum Altpapierstapel und sortiere die Werbesendungen aus. Zwei Rechnungen und ein Schreiben von Arts Anwaltskanzlei behalte ich zurück.

Art ist immer noch am Telefon. Seine leise, eindringliche Stimme wird lauter, als er vor der Küchentür vorübergeht, dann wieder leiser. Als ich noch ein paar Kataloge auf den Altpapierhaufen werfe, gerät er ins Wanken und stürzt um.

»Scheiße.« Ich klaube alles vom Boden auf; Art kommt herein.

»Gen?«

»Nicht zu fassen, wie schnell sich bei uns das Papier ansammelt!«, ächze ich.

»Sie haben die Tagung in Brüssel vorverlegt; Siena hat mir einen früheren Flug gebucht.«

»Wann?«

»Die Besprechung ist jetzt um zehn. Ich muss um kurz nach sechs los und sollte früh ins Bett …« Er zögert und zieht die Brauen hoch. Ich weiß, was er denkt. Ich lächle. Damit ist wenigstens das Thema künstliche Befruchtung für den Rest des Abends vom Tisch.

»Klar«, antworte ich.

Wir essen zu Abend, und ich sehe mir irgendeinen Mist im Fernsehen an. Art telefoniert wieder und sieht parallel irgendwelche Tabellenkalkulationen durch. Mein Programm mündet in die Zehnuhrnachrichten. Bei der ersten Werbeunterbrechung spüre ich Arts Hand auf der Schulter.

»Wollen wir ins Bett?«

Wir gehen nach oben. Art lässt seine Kleider auf den rot und orange gestreiften Teppich fallen und schlägt die Decke zurück. Er legt sich ins Bett und grinst zu mir herauf. Ich lege mich zu ihm und lasse mich von ihm berühren.

Ehrlich gesagt bedeutet mir die Vorstellung, von Art begehrt zu werden, mehr als der Sex selbst. Noch immer geht mir die Unterhaltung über IVF im Kopf herum, und ich kann mich nur schwer fallen lassen. Ich bewege mich mit, um auch in Stimmung zu kommen, aber es passiert einfach nicht. Art macht es mit dem Sex wie mit allem anderen auch – er holt sich, was er braucht, wann er will. Ich will damit nicht sagen, dass er untreu ist, das nicht. Oder dass er schlecht ist im Bett. Aber als ich ihn kennenlernte, fehlte es ihm an Fantasie. Alles, was er tut, habe ich ihm beigebracht, und er macht es bis heute genau so, wie ich es ihm vor vierzehn Jahren gezeigt habe.

»Gen?« Er hat neben mir den Kopf auf den Ellenbogen gestützt und zieht die Stirn in Falten. Ich hatte nicht einmal bemerkt, dass er mit dem Streicheln aufgehört hat.

Ich lächle, nehme seine Hand und führe sie wieder zwischen meine Beine. Ich zwinge mich, etwas zu spüren. Es gelingt, ein wenig zumindest. Aber es genügt. Art ist jedenfalls überzeugt, dass ich mich endlich fallen lasse und gleitet in mich hinein.

Ich lasse meine Gedanken schweifen. Sie wandern zum Recycling-Stapel unten in der Küche. Das viele Papier. Mein Problem damit ist, dass es mich an die vielen geschriebenen Wörter dort draußen erinnert – all die Zeitschriften und Bücher, die um den Platz in den Regalen der Läden konkurrieren. Und da ist das Internet noch gar nicht eingerechnet. Früher habe ich selbst dazu beigetragen: Bis zur Schwangerschaft mit Beth habe ich drei Bücher geschrieben. Manchmal finde ich die Menge an publiziertem Material in der Welt erdrückend – es quetscht die Luft aus meinen eigenen Worten, bevor sie recht ins Leben kommen können.

Art stöhnt, und ich rege mich wieder, um mein Verlangen zu demonstrieren.

Das Papier ist aber nur das eine. Art ist ethisch hundertfünfzigprozentig, und deshalb geben wir uns super-ökologisch – alles wird getrennt in Schachteln gesammelt: Aluminium, Pappe, Glas, Bioabfall, Plastik …

Manchmal würde ich alles am liebsten einfach in einen schwarzen Sack stopfen wie zu Hause, als ich klein war. In Gedanken bin ich nun in meiner Kindheit. Ich schleppe einen Müllsack durch den Garten hinterm Haus, die Füße im feuchten Gras. Ich trage ihn zu Dad, der zwischen seinen Touren ausnahmsweise einmal zu Hause ist. Das Gras duftet frisch und würzig. Dad hat es eben gemäht, und nun häuft er den Rasenschnitt auf den Kompost. Ich möchte ihm helfen. Deshalb bringe ich den Müll aus der Küche nach draußen. Er lacht und erklärt, dass das meiste gar nicht verrotten würde, wir machen stattdessen ein Feuer. Ich habe immer noch den Geruch in der Nase, spüre noch immer, wie mir das Gesicht brennt, während mir von hinten kalter Wind durch die Kleider fährt.

Art küsst meinen Hals und stößt immer härter. Ich möchte nur noch, dass er kommt … dass er endlich fertig wird. Wenn wir fertig sind, wird er einschlafen. Dann stehe ich auf und mache mir einen Tee.

Art atmet jetzt schwer und bewegt sich heftig. Er ist kurz davor, hält aber noch zurück und wartet auf mich. Ich lächle ihn an in der Gewissheit, dass er versteht, was ich meine. Noch eine Minute, dann kommt er unter heftigem Stöhnen und sinkt dann auf mich nieder. Ich halte ihn fest, spüre, wie er aus mir gleitet und die Nässe ins Laken rinnt. Ich genieße es, wenn er den Kopf an meine Schulter lehnt, wenn er so verletzlich ist.

Ich warte …

Art schmiegt sich an mich, seufzt noch einmal befriedigt und rollt sich zur Seite. Nur sein Arm liegt quer über meiner Brust. Bald geht sein Atem tiefer, und ich schlüpfe unter seinem Arm durch. Es ist eine Gewissheit, der ich mich nicht stellen will: Unser Liebesleben ist Routine geworden. Wahrscheinlich kein Wunder, nach so vielen Jahren. Immerhin ist es deutlich besser als während der Jahre, als ich wie besessen versuchte, schwanger zu werden. Auch Art stand damals unter Druck, musste es immer zum passenden Zeitpunkt tun, es war furchtbar, wie der Wunsch nach einer Empfängnis alle Spontaneität und allen Spaß raubte. Schon seit Jahren achte ich nicht mehr bewusst auf meinen Eisprung, aber die ganze Geschichte hat natürlich ihre Spuren hinterlassen. Vielleicht ist es aber auch nur der ganz normale, eheliche Sex: berechenbar, angenehm, sicher. Ich will mich gar nicht beklagen. Eines Tages werde ich mit Art mal in Ruhe darüber reden. Er wird geduldig zuhören, das weiß ich. Und er wird es besser machen wollen. Was bedeutet, dass er es besser machen wird. Art ist noch nie an etwas gescheitert.

In Arts Hosentasche am Fußboden klingelt das iPhone. Er schreckt hoch, seufzt und reckt sich über die Bettkante nach unten.

Ich stehe auf und gehe nach unten.

Ich wache auf. Das Bett neben mir ist leer. Art ist längst fort, auf dem Weg nach Heathrow. Ein feuchtes Handtuch liegt auf seinem Kissen. Missmutig schubse ich es auf den Boden.

Eine halbe Stunde später bin ich angezogen und streiche Butter und vegetarische Würzpaste auf meinen Toast. Der Tag dehnt sich vor mir. Meine übliche Vorlesung am Mittwochmorgen ist abgesagt, und ich habe keine Termine. Nicht einmal Kaffee mit Hen. Trotzdem habe ich das Gefühl, heute etwas erledigen zu müssen.

Du könntest schreiben, sagt eine Stimme in meinem Kopf.

Ich ignoriere sie.

Es klingelt, und ich tappe zur Tür. Ich erwarte niemanden. Wahrscheinlich ist es nur der Briefträger. Trotzdem kann man nicht vorsichtig genug sein. Ich hänge die Kette ein und spähe durch den Türspalt.

Auf der Schwelle steht eine Frau. Sie ist schwarz, rundlich und mittleren Alters.

Sie muss eine Zeugin Jehovas sein, und ich wappne mich für das, was kommt.

»Sind Sie Geniver Loxley?« Sie spricht mit sanfter Stimme, mit einem leichten Midlands-Einschlag.

Ich starre sie an. »Woher kennen Sie meinen Namen?«

Sie zögert. Zeugen Jehovas sind nicht so gut informiert, und ich vermute nun eher eine aggressive Werbeattacke. Vom forschen Auftreten von Handelsvertretern ist bei der Frau allerdings nichts zu bemerken. Im Gegenteil: Bei genauerem Hinsehen fällt mir auf, dass sie nervös ist. Sie trägt ein billiges Kunstfaser-Kostüm, und aus den Achselhöhlen kriechen Schweißflecken.

»Ich … ich …«, stammelt sie.

Ich warte, und plötzlich pocht mir das Herz in der Brust. Hat Art etwa einen Unfall gehabt? Oder einer meiner Bekannten? Ich öffne die Tür ganz. Die Frau presst die Lippen aufeinander. Ihre Augen sind vor Angst und Verlegenheit weit aufgerissen.

»Was ist denn?«, frage ich.

»Es …« Die Frau holt tief Luft. »Es geht um Ihr Baby.«

Ich starre sie an. »Wie meinen Sie das?«

Sie zögert. »Es lebt.« Ihre dunklen Augen scheinen mich zu durchdringen. »Ihr Baby, Beth, ist am Leben.«

Kapitel 2

Ich stehe in der Tür, und mein Magen fällt ins Bodenlose. Ich halte noch immer die Sicherungskette in der Hand. Ich drücke den Finger auf den Stahlbolzen, bis es schmerzt.

»Wie?«, frage ich. Ein Wagen braust vor dem Haus vorbei. Irgendwo ruft ein Mann. Die Welt findet woanders statt. Hier hat sich gerade alles von innen nach außen gekehrt. »Was haben Sie gesagt?«

»Großer Gott.« Die Frau hebt die zitternden Hände vors Gesicht. Feingliedrige Hände für eine Frau ihres Kalibers. »Oh, Mrs. Loxley, könnte ich bitte hereinkommen?«

In mir zieht sich alles zusammen. Alle meine Instinkte stoßen gellende Warnungen aus.

Was immer diese Frau zu sagen hat, kann sie auch hier draußen sagen. Ich werde sie nicht in mein Haus lassen. Ich halte die Tür fest, falls sie an mir vorbeistürmen will, aber sie tritt nur von einem Fuß auf den anderen und schaut immer hilfloser drein.

»Warum … haben Sie das gesagt?«, stottere ich. »Wer sind Sie? Woher wissen Sie meinen Namen?«

»Mrs. Loxley …« Sie hustet, trocken und nervös. »Mein Name ist Lucy O’Donnell. Mary Duncan war meine Schwester. Sie ist letztes Jahr gestorben.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht.«

»Mein Schwester ist … war … Krankenschwester. Sie war bei Ihnen im Fair-Angel-Hospital, als Ihr Baby geboren wurde. Sie erzählte mir, dass Ihr Baby lebendig und gesund zur Welt kam. Der Arzt, der Sie entbunden hat, hat es Ihnen weggenommen, während Sie unter Narkose standen. Er hat Sie angelogen.«

»Nein.« Das ist völlig absurd. Was erlaubt sich diese Person nur? In mir kocht die Wut hoch.

»Doch«, bekräftigt Lucy.

»Nein. Mein Kind ist gestorben.« Während ich die Worte herauspresse, kocht meine Wut über. Ich drücke die Tür zu, aber Lucy O’Donnell hat schon ihren abgestoßenen Schuh dazwischengesteckt.

»Ich weiß, das ist ein Schock für Sie«, sagt sie. »Ich warte vorn an der Straße. Da ist doch ein Café … Sam’s oder so …? Ich werde bis elf Uhr dort sein. Also noch für eine Stunde.« Sie wirft mir einen letzten, flehenden Blick zu und zieht dann den Fuß zurück.

Ich schlage die Tür zu und drehe mich zitternd um.

Wie kann so etwas geschehen? Und warum? Ich verstehe das nicht.

Ich kann nicht still stehen, gehe im Flur auf und ab. Dann lehne ich mich an die Wand. Am Türstock gegenüber blättert die Farbe ab. Ich starre die bloßliegende Holzmaserung an. Beim Einzug vor sechs Jahren hatten wir das ganze Haus neu streichen lassen. Nun ist es wieder nötig. Mein Puls rast. Ich schließe die Augen.

Lucy O’Donnell. Mary Duncan. Diese Namen haben für mich keine Bedeutung.

Ich ziehe mein Handy heraus, und noch während ich tippe, fällt mir ein, dass Art in Brüssel in einer Besprechung ist. Ich erreiche nur die Mailbox. Atemlos hinterlasse ich die Nachricht, er soll mich dringend zurückrufen. Ich sinke an der Wand zu Boden.

Warum nur sollte jemand an der Haustüre auftauchen und eine so ungeheuerliche Lüge von sich geben? Zum Scherz? Wegen einer Wette? Dabei hat Lucy O’Donnell nicht ausgesehen, als fühle sie sich wohl dabei. Wer könnte sie zu so etwas anstiften?

Zweifel und Angst schwirren mir im Kopf herum. Ein Gedanke ergreift Besitz von mir, und ich jage die Treppe hinauf. Mary Duncans Name sollte sich leicht überprüfen lassen. Vom Papierkram der Geburtsklinik haben wir bestimmt etwas aufgehoben. Das Fair Angel war eine hochmoderne Spezialklinik; Art hat das bestimmt irgendwo in einem Ordner. Ich renne zu seinem Büro im ersten Stock, einem großen, hellen Raum voller Schränke und Regale. Ich überfliege die Etiketten der Aktenordner: lauter Konten und Kunden. Nichts Privates.

Ich gehe ans Fenster und spähe hinaus. Auf der Straße keine Spur von Lucy O’Donnell. Was hatte sie gesagt, was sie tun wollte? Sam’s Deli – das Café ganz am Anfang der Straße. Ich schaue auf die Uhr auf Arts Schreibtisch. 10.15 Uhr.

Ich besinne mich auf das, was sie gesagt hat … dass ihre Schwester bei Beths Geburt als Krankenschwester dabei gewesen ist. Dass der Arzt nur vorgegeben hat, Beth sei tot.

Es ist Wahnsinn. Unbegreiflich. An die Schwester kann ich mich nicht erinnern, sehr wohl aber an Dr. Rodriguez, den Halbgott unter den Geburtshelfern, dem ich im Fair Angel zugeteilt war. Gebräunt, gut aussehend und am Krankenbett die Ruhe selbst – niemals hätte er etwas Standeswidriges getan, uns niemals über unser Kind angelogen oder es uns gar weggenommen.

Ich drücke die Stirn an die kalte Fensterscheibe. Es ist lange her, dass ich die Erinnerung an die Zeit vor dem Kaiserschnitt zugelassen habe. Art und ich verbrachten den letzten Schwangerschaftsmonat in einem gemieteten Haus am Stadtrand von Oxford. Wir waren wegen der Nähe zum Fair Angel dort hingezogen. Wie viele andere vor mir hatte ich die Klinik wegen ihres fabelhaften Gebärraums gewählt – in dessen Genuss ich dann natürlich nicht kam. Die Untersuchung in der 37. Woche ergab, dass Beth tot war, der Kaiserschnitt wurde sofort unter Vollnarkose durchgeführt. Damals dachte ich, Dr. Rodriguez hätte aus Mitgefühl so schnell eingewilligt. Konnte diese Entscheidung Teil eines Plans sein, mir Beth wegzunehmen?

Ich blicke über die Dächer und Schornsteine der viktorianischen Häuser unseres Viertels. Das Haus in Oxford in der Nähe des Fair Angel war wie geschaffen für eine fortgeschrittene, verträumte Schwangerschaft. Der Blick ging über den Cherwell, einen schönen, friedlich dahinströmenden Fluss mit einem kleinen Wäldchen und einem langen gepflasterten Weg bis ans Ufer. Der Ort passte zu meiner Stimmung. Ich war zur Ruhe gekommen in diesem letzten Monat und ließ mich durch den Tag treiben; Erschöpfung und Übelkeit des ersten Trimenons waren längst vergessen.

Art arbeitete während der ganzen Zeit, wobei man ihm zugutehalten muss, dass er jede Woche nur ein paarmal nach London verschwand. Besucher hatten wir nur wenige: Meine Mutter kam, einige Freunde. Arts Schwester Morgan besuchte uns zweimal – stürmische Stippvisiten, während sie zwischen ihrem Haus in Edinburgh und ihren Büros in New York und Genf hin und her jettete. Ihre Besuche waren kurz, aber sie war unbeschreiblich fürsorglich und besorgte mir einen Fahrer, der mich zu den Untersuchungen in die Geburtsklinik chauffierte. Dazu eine tägliche Lieferung frischer Bio-Trauben, auf die ich während der letzten drei Monate versessen war, ein stetiger Strom von Blumensträußen samt einer furchtbar teuren Kristallvase, um sie angemessen zu präsentieren. Während der Zeit in Oxford sah ich Dr. Rodriguez alle paar Tage; nie gab er mir Anlass zu klagen oder gar zu befürchten, dass er etwas anderes als mein Bestes im Sinn hatte.

Das Rumpeln des Müllwagens auf der Straße reißt mich aus meinen Träumereien. Der Laster hält, die Männer steigen aus und laufen zur Rolltonne des Nachbarhauses. Ich gebe mir einen Ruck. Was mir Lucy O’Donnell erzählt hat, kann unmöglich wahr sein. Das Ganze ist nur ein übler Scherz.

Ich gehe wieder nach unten, schnappe mir mein Handy und rufe Hen an. Sie mag exzentrisch und etwas verrückt sein, aber sie ist eine treue Seele und seit der sechsten Klasse meine beste Freundin. Früher haben wir uns immer gemeinsam vorgestellt, grinsend wie ein Komikerduo: Gen und Hen.

Sie nimmt beim zweiten Klingeln ab.

»Hey, wie geht’s?«

Ich zögere. Jetzt wo ich weitergeben soll, was Lucy O’Donnell mir erzählt hat, kommt es mir fast zu lächerlich vor, um es laut auszusprechen. Wie konnte ich auch nur erwägen, dass es wahr sein könnte?

»Du wirst das nicht glauben«, falle ich mit der Tür ins Haus. »Gerade ist eine Frau an meiner Haustür aufgetaucht, die behauptet, Beth sei noch am Leben.«

»Was? Nicht möglich!«, japst Hen. Ich höre ihre Entrüstung, und sofort geht es mir besser.

Ich berichte ihr, was genau Lucy O’Donnell gesagt hat.

»Oh, mein Gott, ich kann nicht glauben, dass jemand zu so etwas fähig ist!«

»Sie ist wahrscheinlich einfach bloß durchgeknallt, oder?« Ich bemerke, wie sehr ich auf Hens Unterstützung baue.

»Wenn nicht schlimmer«, meint sie finster. »Hört sich an, als wollte sie dich bloß für ein paar Minuten aus dem Haus locken oder so was.«

»Aber warum?«

»Vielleicht damit sie – oder ihre Kumpels – das Haus ausräumen können, solange niemand da ist.«

Ich muss an die rundliche, nervöse Frau vor meiner Haustür denken.

»Das kann ich mir eigentlich nicht vorstellen«, antworte ich unsicher.

»Was zum Teufel könnte sie sonst bezwecken?« Hen spricht jetzt sehr laut. »Warum sollte sich jemand so eine fürchterliche Geschichte ausdenken? Warum sollte dich jemand so verletzen wollen?«

»Du findest also nicht, dass ich hingehen und … mehr herausfinden sollte?«

»Herr im Himmel, Gen, aufkeinen Fall.« Ich kann mir ihren Gesichtsausdruck vorstellen, ihre blassen, vor Schreck aufgerissenen Augen, den wilden Kranz von krausem Haar um ihr Gesicht. »Du darfst dieser verrückten Kuh nicht auch noch die Befriedigung verschaffen, dass sie dich drangekriegt hat.«

Ich kaue an meiner Nagelhaut. Mit den Zähnen reiße ich einen winzigen Hautstreifen ab.

Hens Sohn Nathan ruft im Hintergrund: »Mum! Mum!«

»Entschuldige, Gen.« Sie zieht scharf die Luft ein. »Ich muss Schluss machen, Nat ist erkältet und geht nicht zur Schule. Hey, soll ich was mitbringen zu Arts Party am Freitag?«

Ach, Scheiße. Ich nehme den Finger vom Mund. Das wollte ich heute eigentlich tun. Vergangenes Wochenende war Arts Vierzigster, aber feiern wollen wir erst Ende dieser Woche. Ich wollte eine Einkaufsliste aufstellen.

»Nein«, antworte ich. »Wenn ihr kommt, genügt das vollkommen.« Nathans Rufe werden lauter. »Wir reden später.«

Ich lasse das Telefon sinken. Das Gespräch mit Hen hat nicht ganz so geholfen wie erhofft. Ich glaube nicht, dass mich Lucy O’Donnell aus dem Haus locken wollte. Sie wollte hereinkommen.

Mit einem Schlag begreife ich: Anscheinend glaubt sie wirklich, dass Dr. Rodriguez uns Beth gestohlen hat.

Ich gehe von einem Zimmer ins andere. Die Stille im Haus ist bedrückend. Wieder sehe ich auf die Uhr. Schon fast 10.30 Uhr. Art ist bestimmt immer noch in seiner Besprechung. Ich möchte ihm erzählen, was geschehen ist. Möchte, dass er mir sagt, dass Lucy O’Donnell sich irrt. Eine Hochstaplerin ist, wie Hen vermutet.

Aber sie haben die Frau nicht gesehen; ihren nervösen Blick, die zitternden Hände, und wie sie versucht hat, in ihrem billigen Kostüm mit den Schweißflecken unter den Armen einen gepflegten Eindruck zu machen.

Ich bin mir sicher, dass sie glaubt, was sie gesagt hat.

Ich sitze auf der untersten Stufe, den Kopf in die Hände gestützt. Eine Minute vergeht. Dann noch eine. Bald wird es elf Uhr sein. Die Gelegenheit, mehr zu erfahren, wird bald vorüber sein. Ich bin mir praktisch sicher, dass sie nicht recht hat, aber dennoch ist da dieser kleine Zweifel, der sich wie ein Riss in mir ausbreitet, wie Gift durch meine Adern jagt.

Ich stehe auf. Ich greife nach dem Schlüsselbund und der Tasche. Ich habe keine Wahl. Ich muss erfahren, was sie glaubt. Und warum.

Sam’s Deli gehört zu meinen Lieblingsläden hier. Immer duftet es dort nach Käse und Geräuchertem, und die dunklen Regale ächzen unter Eingemachtem und Marmeladengläsern. Ich gehe durch die Feinkostabteilung, vorbei an einem Regal mit Chili-Marmelade und sauer eingelegten Okra weiter zum Café im hinteren Ladenteil.

Lucy O’Donnell sitzt an einem kleinen runden Tisch etwas abseits einer Schar von Müttern mit Kleinkindern. Vor ihr steht eine Tasse Milchkaffee, offenbar kalt und unberührt. Sie blickt auf und sieht, dass ich sie mustere. Als ich auf sie zusteuere, blinzelt sie heftig. Die Holztische und -stühle sind einfach und praktisch. An den Wänden Bilder italo-amerikanischer Filmstars. Ich nehme unter Al Pacino Platz und falte meine Hände im Schoß. Mein Herz rast und mein Hals ist so ausgetrocknet, dass ich bestimmt kein Wort herausbringe.

Lucy beugt sich über den Tisch und berührt meinen Arm. Ich ziehe ihn zurück.

»Möchten Sie Kaffee?«, fragt sie, als der Kellner sich nähert.

»Nur Wasser, danke«, krächze ich.

Der Kellner geht, und ich sehe Lucy an. Sie wirkt immer noch verlegen und ängstlich.

»Mrs. Loxley …« Sie hustet. »Danke, dass Sie gekommen sind. Es tut mir leid, dass ich das vorhin nicht richtig erklärt habe. Ich will noch einmal von vorn beginnen.« Sie stellt ihre Kunstlederhandtasche auf den Tisch und kramt für eine Sekunde darin herum. Dann zieht sie ein Foto hervor, auf dem sie und eine andere schwarze Frau mittleren Alters in die Kamera lächeln. Die andere Frau trägt Schwesternkleidung. »Das ist meine Schwester Mary«, sagte Lucy und reicht mir das Bild. »Sie war vor acht Jahren bei der Geburt Ihres Babys dabei … Diesen Juni vor acht Jahren.«

Ich starre das Bild an. Die andere Frau kommt mir irgendwie bekannt vor, aber wirklich einordnen kann ich sie nicht. An die Zeit unmittelbar vor dem Not-Kaiserschnitt habe ich kaum eine klare Erinnerung. Dr. Rodriguez habe ich natürlich oft getroffen, aber meine Hebamme war gerade im Urlaub, als ich operiert wurde, und das OP-Team habe ich nur bei der Vorbereitung für die Narkose kurz gesehen. Fünf oder sechs Leute sind das gewesen, mindestens, aber ich war so benommen, dass ich mich an keinen wirklich erinnere.

Lucy runzelt besorgt die Stirn. »Sie erkennen sie nicht?«

Für eine Sekunde frage ich mich, ob diese Frau einfach nur geistesgestört ist.

»Ich bin mir nicht sicher«, antworte ich. Ich bin heiser, bringe kaum ein Flüstern zustande.

»Aber sie war bei Ihnen im Fair Angel, als Ihr Kind zur Welt kam.«

Ich starre auf das Foto und versuche krampfhaft, mich zu erinnern.

Eine der Schwestern im OP ist tatsächlich eine Schwarze gewesen. Ich weiß noch, dass sie meine Hand hielt, als mich der Anästhesist für die Notoperation unter Narkose setzte. Aber an ihr Gesicht erinnere ich mich nicht mehr, und an den Namen schon gar nicht.

»Ich bin mir nicht sicher, dass sie es war«, sage ich und reiche das Foto zurück. Lucy nimmt es und steckt es gedankenverloren in ihre Manteltasche. Wieder lässt sie das nervöse Hüsteln vernehmen. »Mary war dort. Der Arzt – Dr. Rodriguez – hatte sie über eine Agentur eingestellt … und ihre Anreise aus Birmingham bezahlt, wo wir wohnen …«

Der Kellner kommt und stellt mein Glas Wasser auf den Tisch. Ein winziger Tropfen spritzt aufs Holz.

»Aber da waren noch viele andere Menschen im Operationssaal«, wende ich ein. »Wollen Sie tatsächlich behaupten, dass die alle mit angesehen haben, wie ein lebend geborenes Baby für tot ausgegeben wird?«

»Nur der Narkosearzt und Mary«, sagt Lucy. »Dr. Rodriguez schickte den Assistenzarzt und die anderen Schwestern hinaus, bevor das Kind zur Welt kam.«

»Wie das?« Ich schüttele den Kopf. Das kommt mir alles sehr weit hergeholt vor.

Lucy zuckt mit den Achseln. »Das weiß ich nicht genau … Mary war so krank, als sie mir davon erzählte … aber wenn ich es richtig verstanden habe, hat er ihnen wohl etwas verabreicht … damit es wie eine Lebensmittelvergiftung aussah.«

»Wie?« Ich starre sie an. Mein Hirn arbeitet auf Hochtouren. Was sie da schildert, hätte unwahrscheinlich genau geplant werden müssen. »Warum?«

»Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass Dr. Rodriguez Ihr Baby genommen hat, um es jemand anderem zu geben«, fährt Lucy fort. Sie spricht leise, aber sehr erregt. »Mary hat es gesehen, weil sie Dr. Rodriguez bei der Geburt half. Er zahlte ihr einen zehnfachen Jahreslohn für diese eine Geburt – unter der Bedingung, dass sie den Mund hält.«

In meinem Kopf scheinen eine Million winziger Bomben zu explodieren. Könnte Dr. Rodriguez tatsächlich vorgetäuscht haben, dass Beth gestorben war, und dann seine Angestellten für ihr Stillschweigen bezahlt haben? Mein Verstand schreit, dass das alles Lügen sind, aber wenn ich Lucy in die Augen sehe, dann sagt mir mein Instinkt, dass sie aufrichtig ist.

Ich versuche mich zu konzentrieren, eine sinnvolle Frage zu formulieren, eine Probe …

Was ist mit Beths Chromosomenanomalie? Und mit der Tatsache, dass ich ein Bild unseres toten Kindes gesehen habe und dass Art sie mit eigenen Augen gesehen hat? Und warum sollten angesehene Ärzte ihre Zulassung dadurch riskieren, dass sie gesunden, wohlhabenden Frauen die Babys stehlen?

Die Frage, die ich stelle, ist eine andere.

»Warum erzählen Sie mir das?« Mein Stimme bebt. Mein ganzer Körper zittert, aus Wut oder weil ich schockiert bin, ich weiß es selbst nicht. Ich blicke Lucy ins angsterfüllte, abgespannte Gesicht. »Warum jetzt?«

»Ich habe es selbst erst erfahren«, antwortet sie. Ihr treten Tränen in die Augen. »Meine Schwester … Mary … Sie ist vergangenen Monat gestorben. Krebs. Darmkrebs. Spät erkannt, es hat sie schnell dahingerafft, aber kurz bevor sie … vor dem Ende hat sie mir alles erzählt … wie es wirklich war.« Sie hält inne. Ich sehe sie eindringlich an.

»Und?«, frage ich.

»Mary und ich sind katholisch erzogen worden«, fährt sie fort, und ihre Stimme ist nur noch ein Flüstern. »Mary sagte, sie wisse, dass sie etwas Falsches getan habe und dass sie mit einer so furchtbaren Sünde nicht ins Grab könne. Ich weiß nicht, warum sie mich hätte anlügen sollen, und außerdem wurde durch das, was sie mir erzählte, alles so einleuchtend … wissen Sie, wo sie und Ronnie zum Beispiel plötzlich das Geld für das neue Haus herhatten und … und … das hat sie mir erzählt, Mrs. Loxley, sonst nichts. ›Ihr Baby kam lebend zur Welt.‹ Das waren ihre Worte. Sie sagte: ›Sie tut mir so leid, diese arme Frau, denn sie haben ihr das Baby weggenommen und ihr gesagt, das kleine Ding sei tot.‹«

Mein Herz pocht so laut, dass es im ganzen Café zu hören sein muss. Es kann nicht wahr sein. Und dennoch möchte ich, dass es wahr ist. Ich möchte es und möchte es doch nicht …

»Also … wenn Sie recht haben …« Ich ringe um jedes Wort. »Wenn das wirklich stimmt, was Sie sagen, wo ist dann … wo ist mein … mein Kind jetzt?«

Tiefe Falten in Lucys Gesicht zeugen von ihrem Mitgefühl. »Ich weiß es nicht«, sagt sie. »Es tut mir leid, aber ich weiß kein bisschen mehr als das, was ich Ihnen gerade erzählt habe. Mary war dem Ende nah, als sie es mir erzählt hat. Danach hat sie nicht mehr viel gesagt, aber wenn ich ehrlich bin, glaube ich nicht, dass sie sonst noch etwas über Ihr Baby wusste.«

»Aber …?« Ich breche ab, muss mir erst darüber klar werden, was ich eigentlich fragen will. »Warum sollte Dr. Rodriguez mein Baby stehlen? Das ergibt doch keinen Sinn. Ich meine, wenn jemand anderes ein Baby haben möchte, aber keines bekommen kann, könnte er doch eines adoptieren oder von einer Leihmutter austragen lassen? Warum stiehlt er es nicht von einer sehr armen oder sehr jungen Frau, die sich schlecht wehren kann?«

»Ich weiß es nicht.« Lucy lässt resigniert die Schultern fallen. »Mary sagte, nur sie, der Arzt und der Anästhesist seien eingeweiht gewesen. Der Arzt habe ihr das Kind gereicht, während er Sie wieder zunähte.«

Mein Mund ist ausgetrocknet. Ich trinke einen Schluck.

»Sie behaupten, auch der Anästhesist habe Bescheid gewusst?« Ich versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, wie er ausgesehen hat, aber mehr als ein Paar buschiger Augenbrauen über dem Mundschutz bringe ich nicht zustande. »Wissen Sie seinen Namen?«

»Nein«, meint sie. »Den weiß ich nicht.«

Ich schüttele den Kopf. »Also gut …« Ich versuche, die Gewalt über meine Worte zu behalten, damit sie richtig herauskommen. »Also gut … ich begreife, warum Ihre Schwester es Ihnen erzählt hat, aber … warum sind Sie hier und erzählen mir alles?«

Lucys Wangen laufen rot an. »Nun, ich wollte das genauso wenig auf meinem Gewissen haben wie Mary … und außerdem … Bernard … das ist mein Mann … er ist vor Kurzem entlassen worden, und nun … jedenfalls schien es mir das Richtige zu sein.« Sie schweigt und sieht weg.

Sofort schwindet meine Hoffnung. Bernard hat also seine Stelle verloren. Natürlich. Darum geht es also: Geld.

»War das ein guter Job?«, frage ich beiläufig.

»Ja, nun, es war eine feste Stelle. Bei einer Baufirma, aber er wird langsam älter, und sie sind immer darauf aus, die Gewerkschaftsmitglieder loszuwerden, bevor sie der Pensionsgrenze zu nah kommen.« Sie schüttelt den Kopf, versinkt für einen Moment in ihren eigenen Problemen. »Als Mary immer kränker wurde und Bernard dann auch noch mit der Nachricht nach Hause kam, da wurde mir das alles zu viel, aber als sie dann gestorben ist und ich ihm von der Sache mit dem Baby erzählt habe, da sagte er, das sei kein Zufall, dass der Herr Mary zu sich geholt hat, damit sie uns von dem Baby erzählt. Er ist dann ins Internet gegangen und hat all diese Dinge über sie herausgefunden – dass Sie das Baby Beth genannt haben, dass Sie eine Schriftstellerin sind und Ihr Mann in dieser Fernsehsendung auftritt.«

Sie hebt ihre Kaffeetasse an. Plötzlich passt alles zusammen. Sie ist nur hier, weil Art mit Die Verhandlung zu tun hat. Die Serie – Reality-TV irgendwo zwischen Dragon’s Den und The Apprentice – wurde Anfang des Jahres über vier Wochen ausgestrahlt; Art war einer von drei Podiumsgästen. In aller Munde ist sein Name deswegen allerdings nicht. Und außer ein- oder zweimal während der Wochen, in denen die Sendung lief, hat ihn niemand auf der Straße erkannt. In Geschäftskreisen hat er allerdings deutlich an Ansehen gewonnen. Außerdem hat er sich eine kleine, aber sehr anhängliche Schar weiblicher Bewunderer erworben. Eine Internetrecherche über Art würde schnell ergeben, dass er erfolgreich und wohlhabend ist – während ich zunächst als seine Ehefrau und Mutter seiner tot geborenen Tochter auftauchen würde, erst dann als Schriftstellerin, und zwar als eine, die seit acht Jahren kein Buch mehr zustande gebracht hat.

Lucy stellt die Tasse wieder ab. Sie klappert auf der Untertasse. »Es war also nicht schwierig, Sie zu finden, Mrs. Loxley. Und … du meine Güte, Bernard und ich wussten natürlich, was für ein Schock das für sie sein würde, aber wir hofften, wenn wir hierherkommen …«

»Wir?« Ich blicke mich um. Der junge Kellner ist der einzige Mann im Café. »Ist Bernard denn auch hier?«

»Er wartet draußen im Wagen auf mich.« Lucy scheint das peinlich zu sein. Sie schiebt einen kleinen Zettel mit einer sorgfältig notierten Handynummer über den Tisch. »Wir wollten Ihnen nicht zu nahe treten. Unter dieser Nummer können Sie mich erreichen, wenn Sie Zeit hatten, über das nachzudenken, was ich Ihnen erzählt habe.«

Während ich den Zettel nehme und in meine Manteltasche schiebe, wird mir die ganze Situation erst richtig bewusst: Ein Paar mit einer undeutlichen Verbindung zu der Klinik, in der ich mein Kind verloren habe, sieht die Chance, aus meiner Trauer Profit zu schlagen, indem es mir falsche Informationen verkauft. Das ist so grausam, dass mir fast schwarz vor Augen wird, und nun, da die schreckliche Hoffnung zerstört ist, begreife ich, wie sehr ich tief im Innern gehofft habe, dass Beth tatsächlich am Leben ist.

Diese Hoffnung ist natürlich das Gefühl, auf das Lucy und Bernard gebaut haben. In wenigen Sekunden wandelt sich mein Schmerz in Demütigung, und meine Demütigung wird zur Wut.

»Und? Wie viel verlangen Sie?«, belle ich.

Lucy blickt mich entsetzt an. »Wir haben das doch nicht deswegen … so ist das nicht …«

Himmel, sie sind noch nicht einmal gute Erpresser.

»Haben Sie denn noch etwas anderes zu verkaufen außer dem Geständnis Ihrer Schwester auf dem Sterbebett?«

Lucy legt die Stirn in Falten. »Ich verstehe nicht.«

Ich lehne mich vor und speie ihr die Worte ins Gesicht. »Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen?« Eine Antwort erwarte ich nicht.

Sie beißt sich auf die Lippe. Zögert.

Sie hat also noch etwas zurückgehalten, irgendein anderes Druckmittel. Ich mache mich darauf gefasst. »Sie wollen erst Geld sehen? Ist es das?« Ich bin nun am Kochen, balle die Fäuste und kann die Wut kaum im Zaum halten, die in mir tobt.

»Nein, Mrs. Loxley, es ist nur, dass es mir sehr schwerfällt, Ihnen diese letzte Sache zu erzählen …« Sie bricht ab.

»Schwerer als mir zu erzählen, dass die Totgeburt meiner Tochter Betrug war? Dass ein angesehener Arzt dafür riskiert hat, ins Gefängnis zu kommen?«

Einige Mütter schielen von der anderen Seite herüber. Lucy blickt verzweifelt drein. »Ich weiß nicht, warum der Arzt …«

»Sagen Sie mir lieber, was Sie noch wissen«, entgegne ich und kann meine Stimme dabei kaum im Zaum halten.

»Bitte werden Sie nicht wütend.« Lucy schiebt ihre Tasse über den Tisch. »Ich will nicht behaupten, dass Bernard und ich nicht auf eine Belohnung für diese Neuigkeit gehofft haben, als wir vom Erfolg Ihres Mannes erfahren haben. Bernard findet es nicht in Ordnung, dass Mary und Ronnie so viel hatten und wir nichts. Sie haben ja nicht einmal Kinder, und wir haben vier. Und die beiden Jüngsten wohnen immer noch zu Hause. Wir hätten Ihnen auch E-Mails schicken können, aber Bernard sagte, Sie müssten mein Gesicht sehen, während ich es Ihnen erzähle. Sonst würden Sie mir nicht glauben. Aber es ist wahr, Mrs. Loxley. Und was Sie auch denken, wir sind nicht wegen dem Geld hier. Ich tue das für Mary. Ich weiß, sie hätte das so gewollt. Warum hätte sie mir sonst davon erzählt?«

Ich starre Lucy in die Augen. Für eine Sekunde gerate ich ins Wanken … Jeder Instinkt sagt mir, dass sie die Wahrheit spricht. Und doch kann es nicht sein.

»Erzählen Sie mir diese letzte Sache«, fauche ich. »Dann können wir über eine Belohnung reden.«

Lucy schluckt. »Es ist nur …« Sie zögert wieder. Eine Fliege läuft zwischen uns über den Tisch.

»Ja?« Ich blicke auf.