Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Ein spannendes, gelungenes und authentisches Buch. Eine wahre Geschichte rund um den Mauerbau mit Flucht am 13. August 1961 und eine dramatisch gescheiterte Fluchthilfe. Eine unendliche Liebe, welche durch Verrat an Gefängnismauern zerbrach. Ein zeitgeschichtliches Dokument.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 204
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Klaus Voigt
Sekunden den Entscheidung
Eine wahre Geschichte über Verrat und einer Liebe die an Gefängnismauern scheiterte
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Berlin...vier Monate vor dem Mauerbau
Impressum neobooks
Rrr, ich schreckte auf. Es war wieder soweit. Eine Drehung aus dem Bett, den Wecker ausstellen, und ich saß auf der Bettkante. 06.00 Uhr, es war still. Nur das Ticken den Weckers war zu hören. Alles geschah wie immer, waschen, Zähne putzen, rasieren. Bitte heute nicht schneiden, die Rasierklinge war neu und besonders scharf, denn wir hatten heute Berufsschule und nächste Woche Abschlussprüfung. Meine praktische Prüfung hatte ich mit gut bestanden. Eigentlich wollte ich Dekorateur lernen, aber sie waren in der Schule, sei schlau und gehe zum Bau. Peter, mein Schulfreund und ich, wir waren die Kräftigsten in der Klasse und alle meinten, auf dem Bau ist nach dem Krieg viel Geld zu verdienen.
Im Februar hatte ich meinen 18. Geburtstag gefeiert und nun im Mai waren 3 Jahre Lehrzeit vorbei.
„Guten Morgen“, meine Mutter, betrat die Küche, „Guten Morgen“, erwiderte ich und trank meinen Kaffee aus. Im Radio kamen gerade die Nachrichten: Hier ist RIAS Berlin, Rundfunk im Amerikanischen Sektor, eine freie Stimme der freien Welt“,
Gestern kamen wieder 2 Tausend Menschen aus der DDR ins Flüchtlingslager Marienfelde in Westberlin an. Ich sagte zu meiner Mutter:„Wenn das so weiter geht, ist die DDR bald leer, irgendetwas lassen die sich einfallen, um die Flüchtlinge zu stoppen, werden bald die Grenzen geschlossen.
Meine Mutter meinte: „Dass können sie nicht machen, da haben die Alliierten Amerika, England, Frankreich etwas dagegen.“ Plötzlich hörten wir im Radio, Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, sagte zu Reportern, auf die Frage, ob die DDR eine Mauer in Berlin errichten wolle: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“
„Na bitte, da hast du es gehört.“ Meine Mutter meinte, „dem könne man nicht glauben.“ Ich packte meine Brote in eine abgewetzte und nicht mehr ganz neue Aktentasche, dazu die Schulbücher. Ich trat vor die Tür, oh man, was für ein herrlicher Maitag. Es war das Jahr 1961, vier Monate vor dem Bau der Berliner Mauer. Die Sonne schien schon kräftig, Vögel sangen ihr Morgenlied und das zarte Grün an den Bäumen duftete herrlich. Einmal kurz die Augen schließen und alles aufsaugen. Das ist so ein Tag, da könntest du die ganze Welt umarmen. Peter wohnte gleich um die Ecke und da musste ich an dieser Ruine vorbei. Da kamen wieder die schlimmen Erinnerungen hoch.
Wir waren so um die 10 Jahre, unsere Clique spielte auf der Straße und einer meinte: „Wir können doch mal in die Ruine rein gehen".
Obwohl unsere Eltern es strengstens verboten hatten, gingen wir, 8 Jungs und 4 Mädchen, trotzdem rein. Mutig, Peter und ich als erste. Die Treppe hoch ohne Geländer, über uns kein Dach, keine Fenster, überall nur blankes Mauerwerk, das wenige Holz verkohlt. Eine Brandbombe in den letzten Kriegstagen hatte das Haus zerstört. Nun wir rauf, 1. Etage, höher 2. Etage. In die Wohnungen konnten wir nicht, die Deckenbalken waren verkohlt. „Kommt mal hierher“, rief einer, „hier steht noch ein Klavier.“ Ich lief zu den anderen, mach keinen Mist, da kommt ihr nicht rein. Plötzlich so ein komisches Geräusch, es knackte. Wir blieben alle still stehen. Es knackte immer lauter. „Raus hier, schnell, schnell“, rief Peter. „Ja, alle runter“, rief ich auch. Alle rannten los die Treppe herunter, unten durch die offene Haustür. „Sind alle draußen?“, schrie ich und dann geschah es. Ein fürchterliches Rums, ein Krachen, eine riesige Staubwolke. Es war passiert. Die Treppe, über die wir eben noch runter gesprungen sind, war in sich zusammen gebrochen. Langsam verzog sich die Staubwolke und gab den Blick frei auf die eingestürzte Treppe. Nur noch Schutt, kaputtes Holz und Steine.
Wir sahen uns an und zitterten am ganzen Körper. Ja, da hatten wir alle einen Schutzengel.
Ich steckte meinen Finger in den Mund und ein greller Pfiff ertönte. Peter öffnete das Fenster, „Komme gleich runter“, rief er. Wie immer, die Haare zur „Elvistolle“ gekämmt und die engen Niethosen an, begrüßte er mich. Im Grund sah ich auch so aus, nur Peter ist blond mit blauen Augen, und ich dunkelhaarig mit braunen Augen. So schlenderten wir zur S-Bahn. Dort trafen wir noch ein paar Kumpels. Einer hatte einen Onkel in Westberlin, der einen Scherzartikel-Laden betrieb. So gab es in der S-Bahn immer einen Spaß. Heute hatte er auch wieder etwas dabei. Es war ein Hundekothaufen aus Gummi. „He, was willst du denn mit dem machen“, fragte ich? „Wartet mal ab“, sagte er. Wir hatten Glück und ein Platz in der S-Bahn war frei. Er saß am Fenster, und die S-Bahn war wie immer, voll. Bevor wir in den nächsten Bahnhof einfuhren, machte er seinen Fensterplatz frei. Aber, was war denn das? Der Hundehaufen aus Gummi lag auf seinem freien Sitzplatz. Gespannt sahen wir uns alle an.
Und es geschah, so wie wir es erwartet hatten. Eine ältere Dame stürzte an uns vorbei auf den freien Platz zu. Plötzlich ein Aufschrei, pfui, pfui, was ist denn das hier für eine Sauerei? Und nun ging bei uns das Gelächter los. Ich konnte nicht mehr an mich halten, drehte mich um und lachte laut los. Die Dame bekam einen roten Kopf und entfernte sich schimpfend. Durch den Krach aufmerksam geworden, schauten viele Leute auf den Hundehaufen und sahen erstaunt, wie mein Kumpel den Haufen mit der Hand in seine Aktentasche steckte. Dann mussten wir aussteigen. Auf dem Bahnhof ging das Gejohle nochmals los. „Das Ding war ein Volltreffer“, meinte ich und schlug ihm mit der Hand auf die Schultern. Wir mussten nun noch einmal 4 Stationen mit der S-Bahn zur Berufsschule fahren. Es war eine Schule für alle Bauberufe. Da kamen jetzt viele junge Leute zusammen. Es wurde rumgeflachst, gelacht und jeder schaute zum Anderen, wer die beste Nietenhose an hatte. Nietenhosen waren zu der damaligen Zeit Jeans, ganz eng und an den Seiten mit Nieten verziert und natürlich nur in Westberlin zu kaufen.
Von weitem sahen wir schon das Schulgebäude und wunderten uns, dass Polizei und einige Lehrer am Eingang standen. Da kamen uns einige Schüler entgegen und zeigten auf unsere Nietenhosen und meinten: „Damit dürft ihr heute nicht rein.“ Wir schauten uns an und keiner glaubte ihnen. Langsam näherten wir uns der Eingangstür der Schule und tatsächlich ging es los: „Sie, sie und sie dürfen heute nicht mit den Nietenhosen rein.“ Wir schauten uns alle verdutzt an. Ich fragte zögerlich: „Warum denn nicht? Wir hatten sie doch schon öfter an.“ In diesem Augenblick erkannte ich den Direktor und der sagte: “Diese Nietenhosen sind eine kapitalistische Erfindung und würden die jungen Leute aus der DDR für ihre Zwecke missbrauchen, wir sollten nach Hause fahren und uns umziehen, dann könnten wir wieder rein.“ Verdammt, was sollen wir nun machen, dachte ich. Aufregen hat keinen Zweck, die Lehre muss zu Ende gemacht werden. Also drehten wir uns um und liefen zum Bahnhof zurück. O.k., morgen würde ich eine Stoffhose anziehen, aber heute, zurück nach Hause und wieder her, ich schaute Peter an, was machen wir? „Na, das ist doch klar“, meinte er, „nach Westberlin ins Kino.“ Dort konnte mach schon vormittags ins Kino gehen, für 25 Pfennig West oder 1,10 Ost-Mark.
Also rein in die S-Bahn und ab zur Station Warschauer Straße. Von dort konnte man mit der U-Bahn in den Westen oder aber über die Oberbaumbrücke rüber. Wir wählten den Fußweg über die Brücke. Aber zuerst mussten wir die Grenze passieren, die am Anfang der Brücke war. Wir näherten uns langsam dem Übergang, rechts und links standen Grenzpolizisten, die die Leute, die rüber wollten, kontrollierten. Oben an der Brücke hing ein großes Plakat mit der Aufschrift „Lügen haben kurze Beine, RIAS hat besonders kleine.“ Es war die Zeit des kalten Krieges, und die DDR wollte mit Parolen die Leute vom Sozialismus überzeugen. „Guten Tag, die Ausweise bitte.“ Die Stimme war energisch. Wir zeigten unsere Ausweise. „Machen Sie bitte die Aktentasche auf.“ Die Aufforderung war noch energischer. „Was sind das für Bücher?“ „Na, das sehen sie doch, Schulbücher zum Lernen.“ „Und warum nehmen sie diese mit nach Westberlin?“, mürrisch. „Wir fahren zu meiner Oma nach Kreuzberg und lernen bei ihr, damit wir auslernen und in Berlin den Sozialismus aufbauen können.“ Rums, das hat gesessen. Ich war selber über meine Antwort erstaunt. „Hier ihre Ausweise zurück und einen schönen Tag noch.“ Wir liefen über die Oberbaumbrücke nach Westberlin und Peter meinte: „Deine Antwort hat uns noch weitere Fragen erspart.“
Ein großes Schild, auf dem stand: „Sie betreten den amerikanischen Sektor“, das war das erste und dann vorbei an Obstständen mit Obst, das es im Osten nicht gab. Vorbei an kleinen Läden mit Jacken, Hemden und natürlich Jeans (Nietenhosen). Und dann sahen wir uns an der Litfaßsäule an, wo, was für ein Film läuft. „Hier, Peter zeigte auf ein Kino, spielen sie „Rhythmus hinter Gittern“, Elvis Presley. “Ja, das ist es“, sagte ich, und so liefen wir zum Kino. Ach du meine Güte, was ist denn hier los, die Leute standen in Dreier Reihen vor dem Kino, ein Geschiebe und Gedränge, die meisten, natürlich junge Leute. Ich sah Peter an und sagte: „Die Masche wie immer?“, und er nickte. Also los, ich weihte die anderen ein und sie lachten. Wir nahmen Peter in die Mitte und er fing an, zu humpeln. „Lasst uns bitte mal durch, mein Freund ist stark gehbehindert“, rief ich, skeptische Blicke schauten zu uns, aber die Leute gingen auseinander, so dass wir schnell an der Kasse waren, um uns Tickets zu kaufen, und nach etwa10 Minuten saßen wir auf unseren Plätzen. Im Kino, das sich schnell füllte, sahen wir fast alle Leute in unserem Alter.
Es gongte dreimal und auf der Leinwand sahen wir die FOX-tönende Wochenschau mit Bildern aus aller Welt. Danach gab es eine kurze Pause und eine junge Frau mit Bauchladen bot Eis am Stiel an. Wir wollten kein Eis, wir kauten lieber auf unseren Kaugummis rum. Es wurde dunkel und der Film fing an. Wir warteten alle nur auf ein Lied von Elvis und dann sang er es „Jailhouse Rock“, und es kam, was kommen musste, die Leute sprangen auf, die Klappsessel klappten nach hinten, und es wurde zwischen den Sitzreihen gerockt. Man war das eine Stimmung. Doch plötzlich der Film aus, Licht ging an, die Türen öffneten sich und Polizei kam herein. Ein Mann ging vor zur Bühne: „Herrschaften, wenn sie nicht sofort ruhig auf ihren Sitzplätzen bleiben, lass ich den Saal räumen.“ Lautes Gemurmel, aber wir setzten uns alle wieder hin. Die Polizei verließ das Kino und der Film lief weiter. Peter flüsterte mir ins Ohr: „Die verstehen aber auch kein bisschen Spaß.“ Dann war der Film zu Ende und frohgelaunt strömten wir zum Ausgang.
Elvis Presley war der Musiker unserer Zeit und Rock and Roll, die Musikrichtung, die uns ein neues Gefühl von Freiheit nach dem Scheißkrieg, mit dem unsere Generation nichts zu tun hatte, gab.
Kaugummi kauend liefen wir in Richtung Grenze. Peter kaufte an einem Zeitungskiosk noch ein Micky-Maus-Heft. Der Weg über die Oberbaumbrücke dauerte etwas länger, weil am Grenzposten nur ein kleiner Spalt in Richtung Ostberlin offen war und natürlich wurde kontrolliert. Wir rückten langsam immer näher ran, und ich hatte kein gutes Gefühl. Ein Grenzer hatte uns ins Visier genommen und dann kam wieder diese eine schreckliche Aufforderung: „Machen sie bitte ihre Tasche auf.“ Bei mir waren es ja Schulbücher aus der DDR, aber Peter hatte dieses Micky-Maus-Heft. „Kommen sie bitte mit“, meinte der Grenzer zu Peter. Er lief neben dem Grenzer her, wie ein ertappter Dieb und ich hinterher. In der Baracke mussten wir in einem kahlen Raum warten. Die Tür öffnete sich und ein finster blickender Offizier betrat den Raum. Peter musste seinen Ausweis vorzeigen und sein Name und Adresse wurden notiert. „Sie wissen, dass die Einfuhr von Schundliteratur aus dem kapitalistischen Westberlin verboten ist und somit ist die Zeitschrift beschlagnahmt.“ Oh jäh, dachte ich, wenn die DDR schon Angst vor einem Micky-Maus-Heft hat, was soll denn das noch werden? Dann waren wir entlassen. Mit der S-Bahn fuhren wir nach Hause. Meine Mutter empfing mich mit den Worten: „Na, wie war es in der Schule?“ Sollte ich ihr die Wahrheit sagen und so erwählte ich ihr die ganze Geschichte und sagte: „Morgen ziehe ich eine Stoffhose zur Schule an“.
Am nächsten Tag gingen wir brav mit einer Stoffhose zur Berufsschule. Die Prüfung zum Facharbeiter rückte immer näher und dann war der ersehnte Augenblick da. Im Kulturhaus der Bauarbeiter erhielten wir unser Facharbeiterzeugnis. Wir mussten alle einzeln auf die Bühne. Oben hing ein Plakat mit der Aufschrift „Sie sind die Erbauer des neuen Sozialistischen Deutschlands.“
Nach der Feierstunde gingen wir erst mal in die Eckkneipe ein Bier trinken und überlegten, wie viel wir nun verdienen würden. Es war bekannt, dass auf dem Bau das meiste Geld für Facharbeiter gezahlt wurde. Zu Hause wartete schon meine Mutter und freute sich darauf, dass sie endlich von mir monatlich Kostgeld bekommen würde.
Mit Peter hatte ich mich für Sonntag verabredet, um nach Erkner zu fahren, dort machte ein Rummel auf. Sonntag war wieder ein herrlicher Maitag, die Sonne schien und die Luft duftete nach Flieder. Mit der S-Bahn fuhren wir von Friedrichshagen drei Stationen. Erkner war der letzte Bahnhof von Ostberlin. Am Ende des Bahnsteigs standen Vopos und kontrollierten die Ausweise. Aber was war denn das? Kurz vor dem Ausgang stand eine riesige Tafel und folgendes war zu lesen:
„Ich bin Grenzgänger, wohne in Erkner und arbeite in Westberlin“ und darunter folgten Namen und Adresse der Grenzgänger.
Peter und ich, wir schauten uns erschrocken an, das gibt es doch nicht, dass man hier so öffentlich an den Pranger gestellt wird. Viele Leute blieben stehen und schüttelten den Kopf. Beim Verlassen des Bahnhofes zeigten wir artig unsere Ausweise und freuten uns auf den Rummel. Wir brauchten bloß den vielen Leuten hinterher zu laufen, um dahin zu kommen. Die Musik dröhnte uns schon von weitem entgegen. Zuerst sahen wir die vielen Buden zum Lose ziehen und Büchsenwerfen. Aber dann, ja darum sind wir hergekommen. „Klaus, da die Überschlagschaukel“, rief Peter, das lockte uns und viele junge Leute an. Wir mussten lange anstehen, aber dann war es soweit. Die Gondel sah aus wie ein kleines Schiffchen mit einem Brett zum Sitzen. Am Fußboden zwei Riemen für die Füße, Schuhe rein, Riemen festgeschnallt und los ging es. In die Hocke, die Hände rechts und links umklammerten die Stangen nach oben, dann Schwung holen und vor und zurück, immer höher. Plötzlich Kopf nach unten, Füße oben. Jetzt ging es immer an die Querstange hoch runter, das Blut schoss in den Kopf. Ja, was für ein Gefühl.
Plötzlich rums, rums, die Zeit war um und es wurde abgebremst. Die Gondel stand still. Einen Schritt raus auf den Holzgang, die Beine ganz weich, aber wir hatten uns überschlagen. Viele schafften den Überschlag nicht, umso stolzer gingen wir zum nächsten Karussell. Und dann sah ich „Sie“, blondes Haar, Pony und Pferdeschwanz, blaue Augen, was für eine Figur, sie stand mit ihrer Freundin am Karussell. Unsere Blicke trafen sich. Ich lächelte sie an und ein bezauberndes Lächeln kam zurück. Jetzt oder nie: „Hallo“, hauchte ich, „wollen wir eine Runde fahren?“ Sie flüsterte ihrer Freundin etwas ins Ohr, drehte sich zu mir und meinte: „Warum nicht.“ Wir bestiegen so eine Gondel, die sich immer um die eigene Achse drehte und hoch und runter im Kreis fuhr. Mein Herz schlug immer schneller, als ich ihr in der Gondel meinen Arm um ihre Schulter legte, um sie festzuhalten und dann ging es los, Kreischen, Lachen, das war ein Spaß. Als wir ausstiegen, hielten wir uns an den Händen. Ich rief Peter zu: „So los jetzt ihr Beide“ und sie bestiegen auch eine Gondel Wir hielten immer noch Händchen und sahen den Beiden zu wie sie in der Gondel auch lachten und kreischten.
„Ich heiße Klaus und bin aus Friedrichshagen.“ Sie sah mich lächelnd an, wartete einen Moment: „Rita, auch aus Friedrichshagen“, meinte sie. Ich war sprachlos.
Als sie die Straße nannte, dachte ich, das kann doch nicht sein, das ist doch bei mir um die Ecke, und ich hatte sie noch nie gesehen. Als ob sie meine Gedanken erraten hatte, meinte sie: „Dich habe ich schon öfter gesehen. Du wohnst doch nicht weit von mir gegenüber der Schule.“ Ja die Schule war gegenüber, dort bin ich acht Jahre zur Schule gegangen und immer erst beim zweiten Mal Klingeln bin ich von uns aus dem Haus gerannt.
Peter und ihre Freundin kamen lachend vom Karussell zu uns. Wir schlenderten Hände haltend weiter über den Rummel bis der Schießstand vor uns erschien. Ich schaute sie fragend an und sagte weltmännisch: „Baby, ich schieß dir eine Rose“. Wir mussten alle lachen und Peter sagte grinsend: „Hast du denn genug Zielwasser getrunken?“ Ich wollte mich nicht blamieren, trat an den Stand heran, stellte mich in Positur „10 Schuss bitte“, sagte ich. Die Plasteblumen steckten alle in kleinen Tonröhrchen. Peng, peng, ich schoss hintereinander, alle 10 Schuss raus. Der Mann vom Schießstand sammelte die Blumen ein, 7 Stück, das war ordentlich. Stolz überreichte ich Rita den kleinen Strauß. Sie nahm die Blumen und drückte ihre Nase daran: „Oh, die riechen aber toll.“ Nun mussten wir alle herzhaft lachen. Langsam gingen zum S-Bahnhof und fuhren nach Hause. Peter und ihre Freundin hatten sich schon verabschiedet. „Ich bringe dich noch … zur Wohnung“. Sie nickte und lächelte mir zu. Da standen wir beide im Hausflur und mir klopfte das Herz bis zum Hals. „Es war sehr schön mit dir, sehen wir uns wieder?“ „Ja, ich würde mich freuen“, meinte sie. Oben klappte eine Tür und eine Frauenstimme rief: „Rita bist du da?“
„Ich muss jetzt hoch“, flüsterte sie. Da nahm ich sie in den Arm, zog sie an mich und unsere Lippen berührten sich. Da drückte ich sie noch fester an mich und merkte, dass ihr Körper leicht zitterte. Dann entzog sie sich meiner Umarmung und flüsterte mir zu: „Tschüss und träum von mir.“ Ganz langsam stieg sie die Treppenstufen hoch, drehte sich noch einmal zur mir um, winkte kurz und verschwand. Ich stand wie versteinert im Flur und hätte am Liebsten vor Freude los geschrien.
Langsam betrat ich die Straße, es war nun schon dunkel geworden. Einige Laternen brannten und das Gaslicht erhellte einen Teil der Straße, und wo die Laternen aus waren, herrschte Dunkelheit.
Ich war so in Gedanken bei Rita, dass ich beinahe unser Haus verpasst hätte. Treppe rauf, immer zwei Stufen mit einmal, in der Wohnung kam meine Mutter mir entgegen. „Hallo, Mutter“, sagte ich und umarmte sie. „Nanu, was ist denn mit dir los?“ „Ich bin verliebt, das erste Mal so richtig, nicht bloß so ein Flirt.“ „Na warten wir ab, das hast du schon oft gesagt.“ „Nein, nein“, entgegnete ich, „diesmal ist es ernst.“ Am nächsten Tag ging ich zu meinem Bruder, er wohnte zwei Straßen weiter, 10 Minuten Laufweg von uns. Er war verheiratet und hatte zwei Kinder, einen Jungen drei Jahre und ein Mädchen fünf Jahre alt. Nach seiner Ausbildung arbeitete er in Westberlin und verdiente schon viel Geld. Der Lohn wurde zu 60 Prozent in Ostmark und 40 Prozent in Westmark bezahlt, so dass er sich einigen Luxus leisten konnte. Er hatte schon einen Motorroller und das neueste Radio.
Als ich sein Haus betrat, blickte ich erschrocken auf ein Plakat im Hausflur, worauf zu lesen war: „Ich bin ein Schmarotzer, wohne in der Hauptstadt der DDR und arbeite in Westberlin.“ Ich riss das Plakat von der Wand und ging nach oben zur Wohnung von meinem Bruder. Ich zeigte ihm das Plakat und er meinte: „Lange bleibe ich nicht mehr hier und haue nach Westberlin ab.“
Mit Rita hatte ich mich am Sonntag, gegen 14.00 Uhr zum Baden in der Spree verabredet. Wir nannten die Badestelle „Teppich“, weil der Rasen dort immer so schön grün war. Die Sonne strahlte mit mir um die Wette, und ich konnte es kaum erwarten, auf Rita zu treffen. Um zur Badestelle zu gelangen, musste man immer durch den Spreetunnel auf die andere Seite. Der Tunnel wurde 1925 erbaut und im Flussbett versenkt. Was haben wir als Kinder nicht alles im Tunnel angestellt. Ein Jahr zu Silvester hatten wir aus Polen sogenannte Kanonenschläge besorgt, die wurden unten an der Tunneltreppe an der Ecke also 4 Stück gleichzeitig gezündet. „Schnell die Treppe hoch“, rief ich meinen Freunden zu, wir hasteten Stufe um Stufe nach oben, außer Atem versteckte sich jeder hinter einem Baum. Und dann „Rums“ – ein ohrenbetäubender Knall. Durch die Tunnelröhre wurde der Knall noch verstärkt.
Jetzt aber nichts wie weg, alle rannten so schnell sie konnten, und dann hörten wir sie kommen „Tatütata, Tatütata, Feuerwehr und Polizei, als die den Tunnel erreichten, liefen wir schon gemütlich nach Hause.
Lächelnd stieg ich Stufe für Stufe die Tunneltreppe nach oben. Am Weg zur Badestelle am Ufer der Spree entlang sah man noch die alten Treppen vom Restaurant „Müggelschlößchen“, das wurde im Krieg leider zerstört. Ein kleiner Anstieg und ich hatte die Badestelle erreicht. Die Sonne brannte ganz schön heiß, und ich zog im Laufen schon mein Hemd aus. Von weitem sah ich die Jungs und Mädchen zusammen sitzen, aber keine Rita. Meine gute Laune war mit einen mal weg. Wir begrüßten uns mit Handschlag und einer meinte: „He, was ist denn?“ Sonst machte ich immer irgendwelche Witze zur Begrüßung, aber diesmal nicht. Plötzlich pfiffen einige und schauten zum Hügel hin. Ich drehte meinen Kopf und da sah ich sie, weiße Bluse, dunkleren Rock, die Stöckelschuhe in der Hand, die blonden Haare zum Pferdeschwanz und ihr Lächeln. Ich musste erst mal tief Luft holen. Mein Herz fing an, laut zu pochen, und ich hatte Angst, dass die anderen es hörten. Sie kam direkt auf mich zu, legte ihre Arme um meinen Hals und küsste mich so innig, so dass mir fast die Luft weg blieb. Um uns herum wurde es laut. „He, Klaus, wo hast du die den aufgerissen?“ Mit einem breiten Lächeln im Gesicht rief ich laut: „Das ist Rita.“ Sie gaben sich alle die Hand und einige klopften mir auf die Schultern. Wir zogen uns bis auf die Badesachen aus und rannten Hand in Hand ins Wasser.
Einer der Jungs hatte die neueste Errungenschaft aus dem Westen dabei, es war ein Kofferplattenspieler mit Batterie für kleine Schallplatten. Er legte eine Platte von Elvis Presley auf, und dann ging`s los, wir tanzten Rock and Roll, es war eine tolle Stimmung. Einige ältere Badegäste warfen uns böse Blicke rüber. Und dann passierte es, wie immer, oben auf dem Weg erschien ein Funkstreifenwagen der Volkspolizei. „Achtung Jungs“, rief einer, die Vopos sind wieder da. „Schnell, schnell den Plattenspieler und die Elvisplatte verstecken“, rief ich. Und schon standen sie vor uns: „Guten Tag, die Ausweise bitte.“ Wir kramten in unseren Sachen rum und zogen die Ausweise vor. „Sie haben hier am Strand Westmusik gehört und laut rumgeschrien.“ Der Polizist sah mich fragend an. „So ein Blödsinn, Herr Hauptwachtmeister, sie sehen doch wir haben ein Kofferradio und hören nur Radio DDR.“ Alle grinsten und nickten mit dem Kopf. Er gab uns die Ausweise zurück und meinte: “Also keinen Lärm mehr.“ Sie gingen zum Auto, aber fuhren nicht gleich weg. Die hatten uns den schönen Nachmittag vermiest. Wir zogen uns an, gingen zum Tunnel und jeder für sich nach Hause. Ich brachte Rita auch nach Hause und im Hausflur küssten wir uns noch sehr innig. Als ihre Mutter von oben rief, verabredeten wir uns für den nächsten Sonnabend nach Rahnsdorf zum Tanzen.
Die Tage bis Sonnabend wollten nicht vergehen. Ich fuhr jeden Tag mit der S-Bahn zum Alex, denn da wurden die alten Häuser abgerissen und Plattenbauten errichtet. Ab Donnerstag hatten wir eine neue Baustelle, es wurde der Flughafenhanger in Schönefeld gebaut, aus Spannbeton, 38 Meter freitragend, und ich hatte auch die Fertigung von Spannbeton gelernt.
