Sekundentod - Petra Mattfeldt - E-Book

Sekundentod E-Book

Petra Mattfeldt

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Beschreibung

Falko Cornelsen ist Mitte vierzig, verheiratet und Kriminalkommissar in Norddeutschland. Seine speziellen Ermittlungsmethoden bescheren ihm eine beneidenswert hohe Aufklärungsrate. In "Sekundentod" muss der Ermittler den grausamen Mord an einer erfolgreichen Krimiautorin aufklären, die perfiderweise nach ihrer aktuellen Romanvorlage getötet wurde. Mit Sekundenkleber wurden ihr Mund und Nase verschlossen. Bestürzt stellt Falko Cornelsen fest, dass er es mit einem Serienkiller zu tun haben muss, als ein ähnlicher Fall aus der Vergangenheit auftaucht.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 447




Petra Mattfeldt

Sekundentod

Kriminalroman

Knaur e-books

Über dieses Buch

Inhaltsübersicht

WidmungProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. KapitelEpilogDanksagung
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Für meinen Mann,

ohne dessen Ermutigung und Unterstützung dieser Roman gar nicht entstanden wäre.

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Prolog

Er sah auf die Uhr am Armaturenbrett. Drei Minuten nach fünf. Sie musste jeden Augenblick herauskommen. Nur ein einziges Mal hatte sie ihn länger als eine Viertelstunde warten lassen. Sonst hatte sie stets pünktlich Feierabend gemacht. Im Auto wurde es langsam stickig. Schon seit Wochen war es fast unerträglich heiß. Wenn man den meteorologischen Aufzeichnungen glauben durfte, war es der heißeste Juli seit mehr als dreißig Jahren. Die Sonne schien unerbittlich vom Himmel, auch in den Abendstunden kühlte es kaum ab. Jeder noch so kleine Windstoß kam einem Geschenk gleich. Er öffnete einen weiteren Knopf seines Hemdes, drehte den Schlüssel, bis er die elektrischen Fensterscheiben betätigen konnte. Er war überpünktlich gewesen, denn er hatte sie auf keinen Fall verpassen wollen. Nun stand er seit fast zwanzig Minuten mit dem Auto vor der Steuerkanzlei, in der sie arbeitete, und wartete, während die Luft inzwischen zum Zerschneiden war. Er spürte einen sanften Luftzug, und er atmete tief durch. Ein Mopedfahrer brauste ganz dicht mit einem knatternden Motorengeräusch an seinem Fahrzeug vorbei und stieß einen Schwall von Abgasen aus. Schnell ließ er die Fensterscheibe wieder nach oben gleiten. Das war es, was ihn an der Stadt so störte. Es war laut, und es stank. Verärgert sah er wieder auf die Uhr. Fast zehn nach fünf. Wo blieb sie nur? Unruhe nahm von ihm Besitz. Gepaart mit der drückenden Wärme im Auto ließ ihm das den Schweiß ausbrechen. Er hatte eine unruhige Nacht verbracht und kaum Schlaf bekommen. Ob es an der Wärme lag oder daran, dass heute der besondere Tag war, hätte er nicht sagen können. Doch er fieberte dem Augenblick entgegen, wenn es endlich so weit war und er sie überraschen würde. Sein Blick fiel nochmals auf seine goldene Armbanduhr, dann auf den Hauseingang. Genau in diesem Moment trat sie heraus. Kurz beschleunigte sich sein Puls. Sie lächelte, atmete tief ein, legte die rechte Hand schützend auf ihren runden Leib. Eine Haarsträhne wehte ihr ins Gesicht, die sie mit ruhiger Geste beiseitestrich. Wie schön sie war. Welches Glück er doch hatte, sie gefunden zu haben. Sie war zuverlässig und zu jedem freundlich, wenngleich sie manchmal etwas zurückhaltend wirkte. Doch das war nichts, das er ihr vorhielt.

Sie wandte sich nach links, ging mit ruhigen, sicheren Schritten zu dem Parkhaus hinüber, in dem sie jeden Tag ihren VW Polo parkte. Er sah ihr nach, bis sie die Tür zu dem flachen Gebäude öffnete und aus seinem Sichtfeld verschwand. Einen kurzen Moment wartete er noch, dann ließ er den Motor an, blinkte und fädelte sich in den Verkehr ein. An der Ampel bog er links ab und wendete auf die andere Seite der Straße. Hier hielt er erneut am rechten Fahrbahnrand an und wartete. Nur einen Wimpernschlag später sah er ihr Auto aus dem Parkhaus herausfahren. Er lächelte, prüfte im Spiegel, ob er freie Fahrt hatte und folgte ihr. Sie fuhr den gleichen Weg wie jeden Tag. Eine gewohnte, vertraute Strecke. Die Routine gab ihm ein gutes Gefühl. Zwischen dem Polo und seinem eigenen Fahrzeug fuhren fünf Autos. Er hielt sich nah am Mittelstreifen, um sicherzugehen, dass sie nicht entgegen ihrer Gewohnheiten irgendwo abbog und er sie womöglich aus den Augen verlor. Auf keinen Fall wollte er sein Vorhaben noch einen Tag verschieben. Zwei Autos vor ihm bogen an der nächsten Kreuzung rechts ab, so dass sich nun noch drei Autos zwischen ihnen befanden. Sie fuhr weiter und blinkte am Ende der Straße links. Eines der vor ihm fahrenden Autos wollte dort ebenfalls abbiegen, die anderen beiden fuhren geradeaus weiter. Nur noch ein Wagen war zwischen ihnen, deshalb ließ er sich etwas zurückfallen. Er sah, wie sie rechts blinkte und die Geschwindigkeit verringerte. Kurze Zeit später bremste sie und fuhr in eine Parklücke. Wut stieg in ihm auf. Was sollte das? Warum hielt sie an? Das war nicht eingeplant. Sie sollte weiterfahren, weiterfahren bis zum Supermarkt. Dort würde sie einkaufen und dann auf direktem Weg nach Hause fahren. So tat sie es immer. Was war nur in sie gefahren? Er wurde nervös, reckte den Hals, um erkennen zu können, was sie tat. Langsam rollte er an ihrem Auto vorbei, gerade als sie ausstieg. Er lachte gelöst auf, als er sah, dass sie auf die Reinigung zuging. Mit einem milden Lächeln entschuldigte er sich gedanklich bei ihr. Richtig. Sie musste ja noch ihre Kleidung abholen, die sie vorgestern dort abgegeben hatte. Der schöne weinrote Rock, den er so an ihr mochte und den Blazer. Er suchte seinerseits nach einer Parkbucht, fuhr noch ein Stückchen geradeaus und hielt ebenfalls an. Ein kurzes Verstellen des Seitenspiegels genügte, um den Eingang der Reinigung im Blick zu haben. Die Klimaanlage verteilte noch immer angenehm kühle Luft im Fahrzeug. Trotzdem spürte er, wie er wegen des Zwischenstopps unsicher geworden war. Er mochte es nicht, wenn etwas Ungeplantes geschah. Etwas Ungeplantes brachte Verwirrung, ließ Situationen entstehen, denen er sich nicht gewachsen fühlte. Immer wieder sagte er sich, dass es nicht an ihr gelegen hatte. Er hatte die Reinigung vergessen, nicht sie. Er wollte es ihr nicht nachtragen, wenngleich ein kleines Gefühl der Verärgerung blieb, das er nicht zu ignorieren vermochte. Aber, so sagte er sich, um sich selbst zu beruhigen, sie kümmerte sich um alles, genauso, wie es sein musste. Morgens fuhr sie pünktlich zur Arbeit, ihre Mittagspause verbrachte sie oft in dem kleinen Park gegenüber der Steuerkanzlei, meistens allein. Manchmal war leider diese plumpe, viel zu dicke Kollegin dabei. Es gefiel ihm nicht, wenn sie ihre Zeit mit dieser Frau verbrachte, doch konnte er es ihr nicht verbieten. Noch nicht. Doch trotz dieser kleinen Schwäche war er sicher, sie könnte die eine sein. Die eine gute Mutter. Denn sobald sie Feierabend hatte, fuhr sie zum Einkaufen, wenn nicht, wie heute, noch ein Gang in die Reinigung anstand. Sie kochte jeden Tag für sich und ihren Mann, und immer gab es auch Gemüse oder Salat als Beilage, des Öfteren sogar beides. Der kleine geschützte Platz zwischen den Rhododendronbüschen, von dem aus er ihr so oft zugesehen hatte, wenn sie die Zwiebeln würfelte, Kartoffeln schälte oder auf dem Herd die Soße anrührte, war ihm ein vertrauter Ort geworden. Er seufzte bei dem Gedanken, nicht wieder dorthin zurückzukehren. Doch er musste sich auf seine Aufgabe konzentrieren, und da hieß es nun einmal zu testen, ob sie die eine war, die eine gute Mutter. Ja, das könnte sie sein. Er würde herausfinden, ob das der Wahrheit entsprach. Nicht mehr lange, und der große Moment würde gekommen sein. Endlich. Im Spiegel sah er, wie sie das Geschäft mit den gereinigten Kleidungsstücken wieder verließ und in ihren Polo stieg. Einen Moment danach fuhr sie an ihm vorbei. Er stellte seinen Spiegel wieder in die richtige Position, ließ den Motor an und folgte ihr mit einigem Abstand. Zehn Minuten später erreichte sie die Einfahrt des Supermarktes, bog ein und parkte ihren Wagen. Er lächelte zufrieden und hielt ein Stück von ihr entfernt an, legte den ersten Gang ein, drehte den Schlüssel und zog ihn ab. Hier hatte er sie das erste Mal gesehen. Eine Decke war von den Beinen des kleinen Kindes gerutscht, das schlafend in der Karre lag. Sie hatte sich gebückt, die Decke aufgehoben, sie der Mutter gereicht und einen Blick auf das schlafende Kind geworfen. Wie gebannt hatte er es beobachtet. Diese Liebe und Sorgsamkeit, das Lächeln, das beim Anblick des Kindes ihr Gesicht erhellte. Er hatte es gewusst, viel mehr als jemals zuvor. Doch er wollte sichergehen, ob sie am Ende nicht doch eine von denen war, die trotz des sich langsam wölbenden Bauches die Bekanntschaft von Männern suchte, eine Schlampe, eine Hure, die von vornherein ungeeignet war und niemals eine richtige Mutter sein würde – ganz gleich, wie viele Kinder sie gebar. Ein Miststück, das sich nie genug um ihr Kind kümmern würde, ihm nie die ganze Aufmerksamkeit schenken, es nie an die erste Stelle in ihrem Leben setzen und hierfür selbst in den Hintergrund treten würde. Nein. Sie war anders, sie musste es sein. Ihre Augen hatten es ihm verraten. Nie zuvor hatte er es so stark empfunden. Für einen Moment senkte er die Lider, löste dann mit einem Ruck den Sicherheitsgurt und öffnete die Autotür. Rasch folgte er ihr und betrat kurz nach ihr den Einkaufsmarkt. Verstohlen beobachtete er sie, sah auf jeden Artikel, den sie in ihren Wagen legte. Als sie langsam zu den Drogerieartikeln schlenderte, beschleunigte er seinen Schritt, nahm sich einen Schokoriegel und legte ihn auf das Kassenband. Die Frau vor ihm unterhielt sich vergnügt mit der Kassiererin, während sie die Waren in einer Plastiktüte verstaute. Unauffällig drehte er sich um und stellte zufrieden fest, dass auch sie gleich ihren Einkauf erledigt haben würde. Alles war wie immer. Die Drogerieabteilung war stets ihre letzte Einkaufsstation. Nur einmal hatte sie vergessen, Paprika abzuwiegen und war noch mal ganz bis zum Gemüsestand zurückgegangen. An diesem Tag hatte sie unkonzentriert gewirkt, geradezu fahrig. Doch er trug es ihr nicht nach. Auch einer guten Mutter konnte so etwas passieren. Es durfte nur nicht die Regel werden. Wer unkonzentriert war, machte Fehler. Und Fehler mussten vermieden werden. Sie wurden bestraft, denn nur Strafe führte zu mehr Achtsamkeit. Die Kundin vor ihm hatte gerade bezahlt, wünschte der Kassiererin noch einen schönen Tag und entfernte sich. Er legte das Geld für den Schokoriegel hin, wartete, bis die Kassiererin die Münzen abgezählt hatte und ging schweigend davon. Noch beim Hinausgehen öffnete er die Verpackung und biss von dem Riegel ab. Eilig verschlang er die Schokolade, drehte sich um und beobachtete durch die Glastür, wie die Schwangere ihre Waren auf das Band legte. Es war noch ein Kunde vor ihr. Genug Zeit für ihn, sich vorzubereiten. Um diese Zeit war der Einkaufsmarkt nicht so gut besucht. Er wollte nicht, dass jemand die Sache mitbekam und er zu viel Aufmerksamkeit erregte. Das hier ging nur sie und ihn etwas an. Er entfernte sich noch ein Stück, setzte sich auf eine Bank und beobachtete den Ausgang. Kurze Zeit später öffnete sich automatisch die Schiebetür, und sie trat heraus. Sofort drückte er den Knopf der Fernbedienung in seiner Hand, und ein leises Wimmern war zu vernehmen. Sie schien es nicht zu bemerken und schob ihren Einkaufswagen zu ihrem Auto. Während sie alles im Kofferraum verstaute, rannte er plötzlich los.

»Entschuldigung! Bitte, können Sie mir helfen? Dort vorn scheint ein Baby in einem Auto bitterlich zu weinen.«

»Was? Wo?«

Er deutete mit dem ausgestreckten Arm. »Dort vorn, der Lieferwagen!«

Sie schloss den Kofferraumdeckel und folgte ihm mit schnellen Schritten. Das Weinen wurde immer lauter. Sie ging um den Van herum. Die hinteren Scheiben waren abgedunkelt, so dass sie nicht hineinsehen konnte. Doch das Babygeschrei drang eindeutig aus diesem Fahrzeug.

»Wir müssen irgendwie die Tür öffnen.« Sie rüttelte am Griff. Hektisch sah sie sich um. »Ich laufe in den Supermarkt und lasse den Wagen ausrufen.«

»Warten Sie, ich habe eine Idee.« Er ging zu der gegenüberliegenden Fahrzeugseite und fingerte in seiner Jackentasche herum. Aus ihrem Blickwinkel konnte die Frau nicht erkennen, was er tat.

»Ich glaube, ich schaffe es«, verkündete er. Rasch ließ er den Schlüssel wieder zurück in seine Jackentasche gleiten und hielt einen kleinen Schraubendreher in der Hand, um den Anschein zu erwecken, damit das Schloss geöffnet zu haben.

»Gott sei Dank«, entfuhr es ihr, als sie zu ihm herüberkam. »Sie geht auf.« Er zog am Griff, und die Seitentür fuhr langsam zurück.

Sie beugte sich hinein. Im hinteren Teil der Ladefläche stand ein Maxicosi, aus dem eine Kinderdecke heraushing. Das Baby darunter brüllte aus voller Kehle. Sofort stieg die Schwangere ein, um sich des Säuglings anzunehmen. Als sie ihn fast erreicht hatte, begann ihr Herz wild zu schlagen.

»Aber was …«, rief sie noch, bevor sie mit einem Schlag auf den Hinterkopf niedergestreckt wurde. Das Bild der Puppe, die sie aus dem Maxicosi heraus mit weit geöffneten Augen angestarrt hatte, nahm sie mit in ihre Ohnmacht.

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1

Samstag, 3. August, 4.50 Uhr

Frische Waldluft strömte ihm entgegen, als er die Autotür öffnete. In der Nacht hatte es das erste Mal seit Wochen geregnet, und die langsam aufgehende Sonne bahnte sich nur mühsam ihren Weg durch das dichte Blätterdach. Der Juli galt als einer der heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, und Falko Cornelsen hoffte inständig, dass der gerade begonnene August etwas geringere Temperaturen mit sich bringen möge. Er griff nach den kleinen, noch verschweißten Plastiktüten, in denen sich ein weißer Einwegoverall und ein Paar Schuhüberzieher befanden, nahm sich ein Paar Latexhandschuhe und stieg aus. Tief atmete er die frische Luft ein und nickte zu den Polizisten hinüber, die vor dem Haus standen und miteinander sprachen. Dann sah er sich um. Eine einsame Gegend. Bis zum nächsten Ort dauerte es mit dem Wagen über die Landstraße etwa eine Viertelstunde, den Weg aus dem Wald heraus nicht mitgerechnet. Sein Navigationsgerät hatte ihn mehrfach falsch abbiegen lassen, und nur durch die genaue Wegbeschreibung der Dienststelle hatte er das Haus überhaupt gefunden. Wenn jemand hier herausgekommen war, dann entweder weil er die Gegend gut kannte oder aber ganz gezielt das Opfer hatte aufsuchen wollen. So weit von der nächsten Ortschaft entfernt waren selbst Jogger oder Spaziergänger eher unwahrscheinlich. Einige hundert Meter den Waldweg zurück war ihm ein Hinweisschild aufgefallen, das auf das Privatgelände hinwies und Fremden den Zutritt untersagte. Eine schöne Gegend, wenn man die Abgeschiedenheit mochte, dachte Cornelsen. Andererseits erhöhte es die Gefahr, unentdeckt einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, wie seine Anwesenheit bewies. Die vor dem Haus parkenden Einsatzfahrzeuge wirkten in dieser Idylle deplatziert. Das Blockhaus war massiv und wäre eher in der Abgeschiedenheit Norwegens zu vermuten gewesen als dreißig Autominuten von Lüneburg entfernt. Ein Streifenbeamter löste sich aus einer kleinen Gruppe vor dem Haus stehender Polizisten und kam auf Falko zu. »Hauptkommissar Cornelsen.« Falko streckte ihm die Hand entgegen und fragte sich, ob ihm der junge Mann schon einmal im Präsidium über den Weg gelaufen war. Sein Gesicht kam ihm zwar bekannt vor, doch konnte er sich nicht erinnern, dass sie sich je an einem Tatort begegnet waren.

»Polizeiobermeister Hartje«, stellte sich der andere vor.

»Waren Sie der Erste am Tatort?«

Der Mann nickte und deutete auf einen weiteren Polizisten, der einen ziemlich angeschlagenen Eindruck machte.

»Zusammen mit meinem Kollegen. Er ist noch nicht lange dabei. Es hat ihn ziemlich mitgenommen. Und ehrlich gesagt, so was hab ich auch noch nicht gesehen. Sie liegt im Wohnzimmer. Ist ’ne ziemliche Schweinerei.«

Cornelsen fragte nicht, wie er das meinte. Er war nun schon seit fünfundzwanzig Jahren bei der Polizei, sechzehn davon bei der Kriminalpolizei. Seit acht Jahren war seine Tätigkeit bei der Kripo durch den Bereich der operativen Fallanalyse spezifiziert worden, wenngleich es keine eigene Abteilung hierfür gab. Ihm eilte der Ruf voraus, dass er ein geradezu außergewöhnliches Gespür für Tatorte besaß, so dass er darauf vertrauen würde, dass auch dieser hier ihm alles erzählen würde, was er wissen musste. Und den Rest würden die Ermittlungen bringen. Eindrücke Dritter wollte er zu diesem Zeitpunkt nicht in sein Bewusstsein dringen lassen. Falko machte sich lieber einen eigenen Eindruck vom Tatort, unvoreingenommen und ohne Detailbeschreibung durch Kollegen. »Dann wollen wir mal.« Er streifte sich die Plastikhandschuhe über und betrat das Haus allein. Der Beamte hatte sich wieder zu seinen Kollegen gesellt. Noch im Rahmen der Eingangstür blieb er stehen und prüfte das Schloss. Es war daran manipuliert worden, das konnte er auf den ersten Blick erkennen. Also hatte sich der oder die Täter gewaltsam Zutritt verschafft und waren nicht etwa durch das Opfer ins Haus gelassen worden.

»War die Tür offen, als Sie ankamen?«

Der Beamte löste sich erneut aus der Gruppe. »Nein. Sie war verschlossen gewesen. Wir waren um das Haus herumgegangen, hatten aber nichts erkennen können, weil die Vorhänge im Wohnzimmer zugezogen waren. Nachdem wir mehrfach geklopft und uns niemand geöffnet hatte, hatten wir mit der Dienststelle Rücksprache gehalten und schließlich den Schlüsseldienst informiert.«

»Sind die Einbruchspuren also vom Schlüsseldienst?«

»Nein, die waren schon vorher da gewesen. Aber offenbar hatte das Schloss den Einbruchversuchen standgehalten.«

»Danke.« Falko besah sich die Vorrichtung von der anderen Seite. Eine hochwertige Sicherheitsanlage, nicht aufgesetzt, sondern im Rahmen versenkt. Die Hausbewohnerin hatte sich zu schützen versucht. Vergebens, wie Falko bitter erkennen musste. Er drehte sich um und wandte sich vom Eingangsbereich ab, zog nun seinen weißen Overall und die Schutzschuhe über.

Im Innern des Hauses war es dunkel. Holzdielen gaben bei jedem seiner Schritte ein Ächzen von sich. Es gingen fünf Türen vom Flur ab, von denen vier verschlossen waren. Einzig am Ende des schmalen Korridors fiel ein Lichtschein durch den Eingang zum Wohnzimmer, aus dem ihm Stimmen entgegendrangen. Auch wenn er nur seiner Nase gefolgt wäre, hätte Cornelsen den richtigen Raum gefunden. Der Verwesungsgestank, ein Gemisch aus Ammoniak und Käse, war ekelerregend.

»Guten Morgen zusammen.«

Die Kollegen der Spurensicherung mussten schon vor einer Weile eingetroffen sein. Sein Kollege von der Kripo, Timo Breitenbach, trat an seine Seite. Sie waren beide über einen Meter neunzig und unterschieden sich auch in der Figur nur unwesentlich. Doch während Falko dunkle Haare hatte, waren Timos blond und zusätzlich mit helleren Strähnen durchzogen, die, wie Timo stets betonte, ausschließlich auf die Sonne zurückzuführen waren. Falko bezweifelte dies im Hinblick auf die deutschen Witterungsverhältnisse, sagte jedoch nie etwas dazu.

»Hallo, Falko«, begrüßte er ihn. »Willst du die Fakten hören?«

Cornelsen hob die Hand. »Noch nicht. Ich möchte mir erst selbst ein Bild machen.« Er sah die Ermittler an. »Habt ihr schon alles fotografiert und gefilmt?«

Breitenbach nickte. »Die Kollegen sind gerade damit fertig geworden.«

»Könntet ihr kurz einen Schritt zurücktreten?«

Ohne zu zögern, folgten alle seiner Bitte. Die meisten arbeiteten schon seit Jahren mit ihm zusammen und kannten daher seine spezielle Methode, sich einem Tatort zu nähern.

»Ist ganz schön eng hier drinnen. Wir warten am besten draußen. Sag Bescheid, wenn du fertig bist.« Timo bedeutete den Kollegen mit einer ausholenden Armbewegung, den Raum zu verlassen. Es gab Tage, da nervte ihn das Vorgehen seines Vorgesetzten. Im Grunde hatte es hier kein Profiling gegeben, bis Falko diese spezielle Art der Ermittlung in Lüneburg durchgesetzt hatte. Genau genommen gab es das auch heute noch nicht, da jedes Bundesland zwar über eine entsprechende Abteilung verfügte, diese in der Regel jedoch in den jeweiligen Hauptstädten angesiedelt war. Doch Falko hatte eben seine ganz eigene Art, die Ermittlungen zu führen und seine Methode anzuwenden. Und Timo war froh, Teil eines Teams zu sein, das eine geradezu beneidenswerte Aufklärungsquote vorzuweisen hatte. Doch manchmal dauerte es ihm einfach zu lange, wenn sich Falko mal wieder so viel Zeit nahm, wie er wollte, um den Tatort auf sich wirken zu lassen, völlig unbeeindruckt davon, wie lange alle um ihn herum deshalb warten mussten. Heute war so ein Tag. Am Wochenende Bereitschaft zu haben war ohnehin nicht das, was Timo begeisterte. Und wenn er am Samstagmorgen aus dem Bett geklingelt wurde, wusste er, wie der Rest seines Wochenendes verlaufen würde.

Schon richtig, dass er gestern Abend nicht noch in die Bar hätte gehen sollen und sich auf eine flüchtige Bekanntschaft einlassen. Doch solange er ungebunden war, wollte er nicht einen Tag ungenutzt verstreichen lassen, selbst wenn er, wie heute Morgen, in aller Hergottsfrühe aus den Federn musste. Ihr Name war Miriam, und vielleicht war sie noch da, wenn er nachher nach Hause kam. Zumindest, wenn sie die Tatortbegehung so schnell wie möglich hinter sich bringen würden. Wenn sich Falko aber seine Zeit nahm, die er aus welchen Gründen auch immer benötigte, könnte sich die Sache noch Stunden hinziehen. Er versuchte, sich seine Gedanken nicht anmerken zu lassen, als er hinter den Kollegen den Raum verließ.

Cornelsen wartete noch einen Augenblick, ging dann rückwärts bis zum Eingang und sah sich um. Ein schöner Raum, nicht groß, dafür aber lichtdurchflutet durch die bis zum Boden gehenden Fenster, obwohl die zugezogenen cremefarbenen Vorhänge einen Teil davon schluckten. Ob der Täter das gemacht hatte, um einen Blick von außen zu verhindern, nachdem er gegangen war? Falko sah sich weiter um. Die Einrichtung war schlicht, Landhausstil, wie er meinte, ohne jeden Schnickschnack und ohne viel Dekoration. Nicht einmal Grünpflanzen gab es, was er für eine alleinlebende junge Frau ungewöhnlich fand. Diese Information hatte er über den Fall neben der Anschrift schon erhalten. Die Vermisstenmeldung hatte ihr Agent, ein gewisser Thomas Reder, aufgegeben. Sie war auf ihrer eigenen Buchpremiere nicht erschienen und hatte sich seit Tagen nicht gemeldet, weshalb der Agent die Polizei informiert hatte. Falko Cornelsen ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Es war kein klassisches Wohnzimmer, eher ein Arbeitszimmer mit Sitzecke. Vor der hellen Couch stand ein kleiner Holztisch auf einem Flokatiteppich. Sie wirkte gemütlich, aber kaum benutzt. Einen Fernseher gab es nicht, jedoch ein Sideboard, auf dem einige Kabel mit Steckern lagen. Offenbar hatten der oder die Einbrecher ein Gerät mitgenommen. Er ging ein paar Schritte in den Raum hinein. Der massive Holzschreibtisch war der Fensterfront zugewandt, den Blick in den weitläufigen Garten gerichtet. Etwa ein Meter neben dem Schreibtisch stand ein Staubsauger, der geöffnet war. Falko beugte sich vor. Der Beutel war entfernt worden. Hatten sich der oder die Täter die Zeit genommen, auf diese Weise Spuren zu beseitigen? Falko schloss kurz die Augen, atmete tief ein und aus, ignorierte den bestialischen Verwesungsgeruch, nahm ganz und gar die Atmosphäre des Zimmers in sich auf. Sie hatte es eingerichtet, die Schriftstellerin. Das Opfer. Was sagte ihm diese unaufgeregte, schlichte Ausstattung über die Frau, die nun tot am Boden lag? Sie war zielorientiert. Klar. Kein Chichi, keine Gegenstände, die zu beeindrucken versuchten. Funktionalität war es, das den Raum beherrschte. Ruhig ging Falko hinüber zu der Leiche. Sie war nur mit Slip und BH bekleidet, die Hände am Rücken mit einer Wäscheleine zusammengebunden und an einen Stuhl gefesselt. Der Tod musste schon vor Tagen eingetreten sein. Der aufgeblähte Bauch ließ auf mindestens vier Tage schließen, die grünliche Verfärbung war am Unterbauch am kräftigsten zu erkennen, an Händen und Füßen hingegen nur schwach. Die Trübung der Augen konnte Falko nur erahnen, sie waren fast vollständig durch Fliegenlarven bedeckt. Und der Mund der Frau war eigenartig zusammengepresst. Er nahm sich die Zeit, die Tote in aller Ruhe zu betrachten. Die krabbelnden Maden erlaubten ihm nicht, ihr Gesicht deutlich zu sehen. Das wäre erst später in der Gerichtsmedizin möglich. Die Tierchen eroberten sich langsam die Flächen des Körpers zurück, wo die Spurensicherung mit Klebefolien gearbeitet hatte, um mögliche Anhaftungen, die auf den oder die Täter hinweisen konnten, sicherzustellen. Falko ging zurück zur Tür.

»Timo! Ihr könnt wieder reinkommen.«

Die Beamten der Spurensicherung nahmen ihre Arbeit wieder auf. Timo Breitenbach war froh, als er Falkos Stimme vernommen hatte, trat an seine Seite und klappte seinen Notizblock auf. »Ich gebe dir kurz das Wichtigste: Sie heißt Rebecca Ganter, ist siebenunddreißig Jahre alt und Schriftstellerin, nicht verheiratet, offenbar auch ohne Familie, denn weder Eltern noch Geschwister oder sonst irgendwelche Angehörigen konnten ausfindig gemacht werden. Wird schwierig werden, herauszufinden, was gestohlen wurde. Wie du ja schon weißt, wurden wir von ihrem Agenten gebeten, mal nachzusehen, ob alles in Ordnung ist.«

»Wieso hat ihr Agent nicht selbst nachgesehen, als er sie nicht erreichen konnte?«

»Er wohnt in München. Deshalb hat er die örtliche Polizei informiert.«

»Verstehe.«

»Vorgestern Abend fand die Präsentation ihres neuen Buches in München statt. War wohl ’ne ziemlich große Sache. Als sie dort nicht aufgetaucht ist und auch über Festnetz und Handy nicht zu erreichen war, kam das Ganze ins Rollen. Sie hatte einen Flug nach München gebucht, war aber nicht an Bord der Maschine.«

»Hat schon einer diesen Agenten gefragt, warum er uns nicht früher informiert hat?«

Breitenbach zuckte mit den Achseln. »Wir haben die Kollegen vor Ort mit der Vernehmung beauftragt. Mal sehen, was die noch rauskriegen.«

»Gehört das Haus dem Opfer?«

»Ja. Sie hat es sich vor über einem Jahr gekauft, wohl von ihrem ersten großen Bucherfolg. Soweit ich erfahren habe, hat sie richtige Bestseller abgeliefert.«

In diesem Moment betrat Dr. Viktoria Hentschel, die Gerichtsmedizinerin, den Raum. Sie ging zu Falko hinüber und gab ihm lächelnd die Hand, anschließend Timo, dem nicht entging, dass der Blick der Gerichtsmedizinerin etwas länger an Falko haftete, als es notwendig gewesen wäre. Auch Falko registrierte es.

Er hatte schon öfter bemerkt, dass ihm Viktoria Hentschel eindeutige Signale gesandt hatte, und manchmal, das musste er zugeben, hatte er sich auf einen kleinen Flirt mit ihr eingelassen. Sie war Mitte dreißig, blond und sehr schlank. Genau sein Typ, wäre er nicht verheiratet. Falko hatte jedoch nicht vor, hieran etwas zu ändern.

»Dann wollen wir mal.« Dr. Hentschel stellte ihren Alukoffer neben der Toten ab und zog sich Latexhandschuhe über, während sie den Körper betrachtete. »Aufgrund der fortgeschrittenen Verwesung liegt der Todeszeitpunkt mehrere Tage zurück.« Sie nahm sich eine Pinzette aus dem Koffer und griff damit eine der Maden. »Wir haben Maden in verschiedenen Entwicklungsstadien. Diese hier, eine Calliphorida Vicina«, sie hob das sich windende Insekt mit der Pinzette in die Höhe, »sagt uns, dass die Frau mindestens vier Tage tot ist. Genauer kann ich es erst nach der Autopsie sagen.«

»Eine was?«, fragte Timo.

»Blaue Schmeißfliege«, erklärte Dr. Hentschel. »Doch Calliphorida Vicina klingt besser.« Sie ließ sich von einem der Mitarbeiter der Spurensicherung einen kleinen Beutel reichen und warf die Made hinein. »So, du bist schon mal in Sicherheit.« Sobald die Beamten der Spurensicherung mit der ersten Leichenschau fertig waren, würden sie eine große Anzahl von Maden und Insekten vom Körper der Frau herunternehmen und mit ins Labor schaffen, um deren unterschiedliches Entwicklungsstadium zu dokumentieren. Dann kniete sich die Gerichtsmedizinerin neben der Leiche nieder und schubste einige Maden beiseite. »Petechiale Blutungen in den Augenbindehäuten«, stellte sie fest, beugte sich noch weiter über den verwesenden Körper und hantierte mit der Pinzette an der Nase des Opfers. Sie zog einen Gegenstand daraus hervor und hielt ihn für alle sichtbar hoch. »Sie hat Ohropax in beiden Nasenlöchern. Das wäre neben den Würgemalen am Hals schon eine mögliche Todesursache.« Sie ließ die Beweisstücke in einen Papierbeutel fallen, der ihr gereicht wurde.

»Sie ist erstickt, weil ihr die Nase verschlossen wurde? Warum hat sie nicht durch den Mund geatmet?« Timo Breitenbach beugte sich ebenfalls weiter vor, um das Gesicht genauer zu betrachten.

Viktoria Hentschel berührte mit der Pinzette leicht die Lippen der Toten. »Weil ihr der Mund zugeklebt wurde. Ich tippe mal auf Sekundenkleber.«

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2

Samstag, 3. August, 9.40 Uhr

Falko fuhr noch kurz zu Hause vorbei. Er wusste, dass das Wochenende im Eimer war, und wollte sich wenigstens die Zeit für eine Tasse Kaffee nehmen, bevor er bis spät in den Abend in den neuen Fall einsteigen würde. Obwohl sie heute länger hätte schlafen können, saß Heike bereits frisch geduscht mit der Tageszeitung am Küchentisch. Sie trug eine Jeans und ein locker sitzendes Sweatshirt und war damit viel legerer gekleidet als während der Woche, wenn sie in die Klinik ging. Falko gefiel sie so besser.

»Hallo, Schatz. Ich habe gar nicht mit dir gerechnet.« Sie sah ihn überrascht an.

Falko ging hinüber, gab ihr einen Kuss, holte sich eine Tasse aus dem Küchenschrank und goss sich Kaffee ein. »Ich dachte mir, bevor wir uns wieder den ganzen Tag nicht sehen, nehme ich mir zumindest die Zeit für einen kurzen Kaffee.« Er nahm genussvoll einen Schluck. Diese Küche, wie fast alle Räume im Haus, verliehen ihm ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Falko war im Nachhinein froh, auf Heike gehört zu haben, als sie vorgeschlagen hatte, die Küchenfronten in einem matten Weiß zu nehmen, in dem die Holzstruktur noch zu erkennen war. Anfangs fand er, dass es aussah, als hätte man Eiche mit einer billigen Farbe überstrichen. Mit dem hellen Grünton der Wände jedoch wirkte es frisch und wohnlich, obwohl er selbst nie auf diese Farbkombination gekommen wäre. Es war der erste Raum in diesem Haus, den sie damals eingerichtet hatten. Seither überließ er es seiner Frau, die Entscheidungen bezüglich des Interieurs zu treffen.

»Ich habe gar nicht gehört, dass du angerufen wurdest.«

»Na, dann war ich ja schnell genug am Handy. Ich hatte den Klingelton leise gestellt.« Er lächelte sie an.

Sie faltete die Zeitung zusammen und legte sie beiseite.

»Und? Was hat uns den gemeinsamen Tag kaputt gemacht?«

»Eine Tote, die in ihrem Haus gefoltert wurde, so wie es aussah.«

»Aber doch nicht in Lüneburg, oder?« Sie sah ihn erschrocken an.

»Leider doch. Genau genommen, ein Stückchen entfernt in einem Waldgebiet. Du hättest das Haus mal sehen sollen. Würde dir gefallen. Eine massive Blockhütte, fernab der Zivilisation, aber natürlich mit allem, was man so braucht. Wirklich idyllisch.« Er lächelte in sich hinein. »Als ich heute früh darauf zufuhr, fühlte ich mich an unser altes Ferienhaus erinnert.«

»Euer Ferienhaus?«

Er nickte. »Ja, als mein Vater noch lebte. Dort hatten wir oft unsere Wochenenden verbracht, in einer ganz anderen Welt, wie ich fand. Ein Stück entfernt lag ein Teich, an dem ich mit meinem Vater und meiner Schwester gesessen und geangelt habe, während meine Mutter im Haus die Vorbereitungen fürs Essen traf. Das war so eine tolle Zeit.«

Heike berührte Falkos Hand und drückte sie. »Gibt es die Hütte noch? Wir könnten ja mal hinfahren, wenn du willst.«

Er schüttelte den Kopf. »Komisch. Jetzt wo du fragst, weiß ich eigentlich gar nicht, was daraus geworden ist.« Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht ist sie ja sogar noch in unserem Besitz. Wer weiß?«

»Frag doch einfach deine Mutter, wenn du sie das nächste Mal besuchst.«

»Es wird wirklich Zeit, dass ich im Heim vorbeifahre. Ich war länger nicht da.« Falko seufzte. »Dann kann ich sie nach der Hütte fragen, aber ich glaube kaum, dass sie sich noch daran erinnert. Sie hat ja schon mit wesentlich präsenteren Dingen Schwierigkeiten.«

Heike zuckte mit den Schultern. »Einen Versuch ist es wert. Und wenn nicht, bist du so schlau wie vorher. Außerdem erinnern Patienten mit ihrem Krankheitsbild weiter zurückliegende Dinge, die noch dazu in einer schönen und entspannten Zeit ihres Lebens lagen, oftmals besser als etwas, das erst wenige Stunden her ist.«

»Du hast recht.« Er lächelte, doch die Erinnerung an die unbeschwerten Jahre seiner Kindheit hatte ihm einen Stich versetzt. Er war sechsundvierzig, galt als gestandener Mann, und viele sahen in ihm jemanden, der zwar einen kleinen Spleen, aber doch alles im Griff hatte. Diese zerbrechliche Seite, die verletzbare, wollte er unter keinen Umständen nach außen dringen lassen. Nicht einmal, wenn er wie jetzt mit Heike allein war. Er zwang sich zu einem Lächeln. »Ich werde meine Mutter fragen. Aber zunächst muss ich mich um diesen Fall kümmern.«

Sie seufzte kurz. »Also brauche ich vor Mitternacht nicht mit dir zu rechnen?«

»Mal sehen, was sich heute noch ergibt. Vielleicht können wir wenigstens zusammen zu Abend essen. Aber bereite lieber nichts vor. Wenn ich es schaffen sollte, melde ich mich und bringe etwas aus dem Restaurant mit.«

»Willst du jetzt noch rasch etwas essen? Wer weiß, wann du sonst dazu kommst.«

Er zögerte kurz, entschloss sich dann jedoch dagegen. Viel mehr Zeit wollte er nicht verstreichen lassen, bevor er die Sondereinheit einrichtete. Er schüttelte den Kopf, stand auf und trank den letzten Schluck. »Die Ruhe habe ich nicht. Ich hole mir auf dem Weg etwas.« Wieder ging er zu ihr hinüber und küsste sie. »Wir werden den Tag nachholen. Versprochen.«

»Wie immer«, erwiderte sie. Es klang weder traurig noch vorwurfsvoll, doch das schlechte Gefühl, das Falko beschlich, wich trotzdem nicht.

 

Es war nicht einmal elf Uhr, als er seinen BMW X3 auf dem Parkplatz des Präsidiums abstellte. Das Fahrzeug hatte er sich privat angeschafft und ließ sich lediglich eine Ausgleichspauschale bezahlen, um einen Teil der Kosten zu decken. Zwar würde er in finanzieller Hinsicht mit einem Dienstwagen besser gestellt sein, doch er hatte sich seinerzeit nun einmal diesen Wagen in den Kopf gesetzt.

Alle anderen waren bereits da, als er das riesige Rotsteingebäude betrat. Vermutlich war auch die Leiche schon im Gerichtsmedizinischen Institut eingetroffen. Der Bericht würde jedoch auf sich warten lassen. Heute zumindest rechnete Cornelsen nicht mehr damit.

Mit den Jahren war er ruhiger geworden. Inzwischen war er schon über fünfundzwanzig Jahre bei der Polizei und hatte sich nach der klassischen Polizistenlaufbahn bis zum Kriminalhauptkommissar hochgearbeitet und durch Weiterbildungen in den letzten Jahren immer mehr der operativen Fallanalyse, dem Profiling, zugewandt. Sein Instinkt sagte ihm, dass im Fall Rebecca Ganter vor allem diese Kenntnisse von Nutzen sein würden. Er spürte eine Unruhe bei dem Gedanken an die Tötungsart in sich aufsteigen – verstopfte Nasenlöcher bei zugeklebtem Mund plus Würgemale am Hals. Das war ungewöhnlich. Er konnte sich an keinen Fall erinnern, bei dem so etwas schon einmal vorgekommen war. Das Würgen konnte für Wut sprechen. Dr. Hentschel hatte ihnen noch gesagt, dass das Opfer von dem Moment an, als Mund und Nase verschlossen worden waren, innerhalb kürzester Zeit gestorben sein musste. Der panische Zustand und der verzweifelte Versuch zu atmen, dürften das Ersticken noch beschleunigt haben.

»Da bist du ja.« Timo Breitenbach kam Falko entgegen. »Wir haben den Konferenzraum schon vorbereitet.«

»Ich war noch kurz zu Hause.« Kaum, dass er die Worte ausgesprochen hatte, ärgerte sich Falko darüber. Er musste nicht erklären, wo er die knappe halbe Stunde verbracht hatte.

»Hat die Spusi noch irgendwas gesagt? War noch etwas Ungewöhnliches?«

»Sie haben einige Anhaftungen gefunden. Den Bericht bekommen wir später.«

»Sind alle da?«

»Rolf telefoniert noch mit den Münchener Kollegen. Sarah ist schon im Konferenzraum.«

Cornelsen hielt darauf zu und öffnete die Tür. Kaffeeduft schlug ihm entgegen. Zwei Tische waren aneinandergeschoben, in der Mitte stand ein großer Teller mit Croissants und Berlinern.

Sarah Bischoff, die mit ihren achtundzwanzig Jahren die Jüngste im Team war, folgte seinem Blick, als er eintrat. Was hatte sie sich für diesen Job ins Zeug gelegt. Vor fast zwei Jahren war sie bei Falko vorstellig geworden, hatte ihre überragenden Zeugnisse vorgelegt und ihm mit Feuereifer erklärt, unbedingt in den Bereich operative Fallanalyse wechseln zu wollen. Sein Interesse war nicht sonderlich groß gewesen. Doch Sarah hatte nicht lockergelassen und jede noch so kleine Gelegenheit genutzt, sich ungeachtet von Überstunden hilfreich zu erweisen und mit einem kompakten Wissen über das in Amerika schon seit langem praktizierte Profiling zu glänzen. So hatte Falko ihr schließlich vor knapp einem Jahr die Gelegenheit gegeben, an einem Fall mitzuarbeiten, bei dem er sie als Lockvogel eingesetzt hatte. Obwohl sie selbst nicht das Gefühl hatte, erheblich zur Klärung beigetragen zu haben, weil der Täter eher durch einen Zufall als durch die ihm gestellte Falle ins Netz ging, bekam sie schon kurze Zeit später die Chance, das Team um Falko Cornelsen zu ergänzen. Eine Chance, die sich kein zweites Mal bieten würde.

»Ich dachte, dass bestimmt keiner von uns bisher gefrühstückt hat«, erklärte sie und deutete auf das Gebäck.

»Was haben wir nur gemacht, als du noch nicht bei uns warst?« Falko lächelte sie freundlich an und nahm am Kopfende der Tafel seinen Platz ein. Timo Breitenbach setzte sich links von ihm an den Tisch und damit Sarah gegenüber. Rolf Kramer betrat als Letzter den Raum. Ihn kannte Falko am längsten und schätzte ihn wegen seiner unaufgeregten Art, vor allem aber wegen seiner Fähigkeiten im Bereich EDV und Recherche. Einzig die Tatsache, dass Rolf Kramer in einem Außeneinsatz, bei dem es um die Entführung und spätere Ermordung eines kleinen Jungen gegangen war, die Kontrolle verloren und den Entführer krankenhausreif geschlagen hatte, hatte dazu geführt, dass er einige Jahre nicht höhergestuft worden war. Sein früherer Vorgesetzter hatte Kramers Versetzung beantragt, und Falko hatte ihn mit Kusshand genommen. Allerdings blieb auch er vorsichtig, wenn es darum ging, Rolf bei Außeneinsätzen zum Zug kommen zu lassen.

Rolf begann sofort zu berichten: »Ich habe mit den Münchener Kollegen telefoniert. Die haben sowohl mit dem Agenten als auch mit den Mitarbeitern des Verlags gesprochen.«

»Und?«

»Das Opfer scheint eine ziemlich eigenwillige Person gewesen zu sein.«

»Inwiefern?«

Kramer zog sich eine Kaffeetasse heran, schenkte sich ein und trank einen Schluck. »Der Agent hat so lange gezögert, die Polizei zu informieren, weil er keinen Ärger mit dem Opfer bekommen wollte. So wie die Kollegen ihn verstanden haben, war der Umgang mit Rebecca Ganter ziemlich schwierig. Aber er wollte sie ja auch nicht heiraten, sondern ihre Bücher an die Verlage bringen. Also hat er’s hingenommen.«

»Was genau?«

»Sie hat sich total abgekapselt. Jede Störung hat sie in Wutanfälle gestürzt. Sie hat ihrem Agenten untersagt, sie anzurufen. Er durfte sich lediglich per Mail mit ihr in Verbindung setzen.«

»Resolute Geschlechtsgenossin«, stellte Sarah mit einer Prise Süffisanz fest.

»Vielleicht ist ihr das zum Verhängnis geworden«, warf Falko ein.

Rolf berichtete weiter, dass sowohl der Agent als auch der Verlagsleiter, ein Alexander Kubsch, übereinstimmend erklärt hatten, dass sie außer per Mail in den letzten Monaten keinerlei Kontakt zu der Autorin hatten. Die Fertigstellung ihres aktuellen Romans hatten sie nur bewerkstelligt, indem die Autorin immer dann, wenn drei Kapitel fertig waren, diese an den Agenten und an den Verlag geschickt hatte und von dort aus die weitere Bearbeitung erfolgt war. Sie war zeitlich in Verzug geraten und erst vor wenigen Wochen mit dem Manuskript fertig geworden. Gerade noch rechtzeitig, um den Präsentationstermin des Buches nicht verlegen zu müssen.

»Ist das nicht ganz schön ungewöhnlich?«, hakte Cornelsen nach.

Kramer zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Aber sie wollte es so. Das haben alle unabhängig voneinander erklärt.«

»Starallüren, was?« Sarah hob die Augenbrauen.

»Offenbar konnte sie es sich leisten«, wandte Rolf Kramer ein. »Sie hat wohl binnen kurzer Zeit zwei Bestseller veröffentlicht. Und der Verkauf des neuen Buches geht schon jetzt durch die Decke.«

»Was hat sie denn geschrieben?«

»Thriller.« Die Antwort war von Sarah gekommen. »Ich habe zwei ihrer Bücher gelesen. Harte Kost.«

»Was meinst du damit?«, fragte Falko.

»Ziemlich brutal eben. Im ersten Buch geht es um einen Geisteskranken, der die ehemaligen Pfleger aus seiner Psychiatrie umbringt. Er entführt die Männer und treibt üble Spielchen mit ihnen, bis er sie erledigt. Und im zweiten …«, sie überlegte kurz. »Wie war das noch? Ach ja, da werden junge Frauen, allesamt Krankenschwestern, verschleppt und vom Täter mit Kochsalzlösung und Fäkalien zwangsernährt, bis das irgendwann die Organe nicht mehr mitgemacht haben.«

»Erst Pfleger und dann Krankenschwestern. Unser Opfer scheint den Berufsstand nicht besonders zu mögen.« Timo Breitenbach blickte in die Runde.

»Scheint so«, erwiderte Kramer.

Falko Cornelsen rieb sich den Nacken, und ein Gedanke drängte an die Oberfläche. Er war nicht greifbar, eher wie eine schwache Erinnerung, die er mit dem eben Gehörten in einen Kontext zu bringen versuchte.

»Was denkst du?« Sarah Bischoff suchte seinen Blick.

»Ich weiß nicht. Was du da eben erzählt hast, die Geschichten mit den Krankenschwestern und der Zwangsernährung. Ich habe das Gefühl, als hätte ich das schon einmal gehört.«

»Hast du vielleicht ihr Buch gelesen?«

Er schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen. »Nein, das ist es nicht.« Falko grübelte nach, doch je mehr er versuchte, sich darüber klar zu werden, desto weiter entfernte er sich von dem Gedanken. Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Ach, es wird mir schon wieder einfallen. Konzentrieren wir uns auf die Fakten.«

Cornelsen verteilte die Tatortfotos auf dem Tisch.

»Sie wurde ziemlich übel zugerichtet«, bemerkte Rolf.

»Was fällt euch spontan auf, wenn ihr die Verletzungen des Opfers betrachtet?« Cornelsen musterte einen nach dem anderen. Er selbst hatte schon einen ersten Eindruck gewonnen. Doch wirklich einfühlen würde er sich erst können, wenn er sich später noch einmal allein im Haus des Opfers umsehen würde. Auch er betrachtete nochmals die Fotos. Erst jetzt fielen ihm die Hämatome auf, die er am Tatort nicht registriert hatte.

»Der Täter hat sie geschlagen, Nase und Mund verschlossen und sie auch noch erwürgt. Da war eine Menge Wut im Spiel«, stellte Timo Breitenbach fest.

»Sehe ich genauso«, stimmte Kramer zu.

»Ihr meint also, er hat ihr erst Ohropax in die Nase gestopft, dann den Mund zugeklebt und sie anschließend erwürgt?« Falko sah Timo und Rolf an, hob eines der Fotos, auf dem die Quetschungen am Hals dunkelrot hervortraten und reichte es an Sarah weiter, die es in Ruhe betrachtete und dann weitergab.

»Siehst du das anders, Falko?«, fragte Timo. »Die Blutergüsse sehen nicht so aus, als hätte er einen Gürtel oder Strick benutzt. Er hat mit bloßen Händen zugedrückt und sie langsam sterben lassen, oder nicht?« Timo sah die anderen an. »Das erfordert Kraft und auch Nerven, jemanden so umzubringen.«

»Oder umgekehrt«, überlegte Sarah laut.

»Umgekehrt?«, wiederholte Timo.

»Was wäre«, fuhr Sarah fort, »wenn er sie erst gewürgt und dann Mund und Nase verschlossen hätte?«

»Wozu?« Rolf runzelte die Stirn.

»Um sie leiden zu sehen«, führte Falko Sarahs Gedanken zu Ende. Sie nickte.

Falko tippte mit dem Finger auf das Foto. »Ich will euch nicht beeinflussen. Aber meinem Eindruck nach hat er sie erst gewürgt, anschließend Mund und Nase bearbeitet und dann zugesehen, wie sie erstickt ist. Doch um Klarheit zu haben, müssen wir das Obduktionsergebnis abwarten«, urteilte Falko. »Aber ich glaube, da könnte was dran sein.«

»Die Reihenfolge würde auch erklären, warum sie stillgehalten hat, bis der Kleber trocken war. Sie könnte zu dem Zeitpunkt durch das Würgen bereits ohnmächtig gewesen sein.«

Sarah drückte kurz mit zwei Fingern ihre Lippen zusammen. »Wie lange dauert es wohl, bis so ein Kleber getrocknet ist?«

»Nicht mal eine Minute«, erklärte Kramer. »Ich hab mir mal versehentlich, als ich mit meinem Neffen an seiner Eisenbahn gebastelt hab, die Finger zusammengeklebt. Das Zeug war sofort trocken, und ich hab ewig gebraucht, um den Klebstoff Millimeter für Millimeter wieder abzubekommen. Ich glaube, wenn dir jemand die Lippen verklebt und sie dann auch nur kurz zusammenhält, kannst du den Mund nicht wieder öffnen.«

»Also würde es auf jeden Fall reichen, wenn sie nur für eine kurze Zeit besinnungslos gewesen wäre. Doch warum diese perfide Form der Folter?«, fragte Sarah.

»Lasst uns den Bericht von Dr. Hentschel abwarten«, beschloss Falko die Diskussion. »Bis dahin beschäftigen wir uns mit der Viktimologie und bauen die ersten Teile des Täterprofils zusammen. Sarah! Wer war Rebecca Ganter, und warum starb sie auf diese Weise? Ich will alles über sie wissen. Wo sie aufgewachsen und zur Schule gegangen ist, was sie danach gemacht hat. Hat sie schon immer als Schriftstellerin ihr Geld verdient, oder hatte sie auch andere Jobs? Wann hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht? Ist sie jemandem im Verlag auf die Füße getreten, oder wurde womöglich mal jemand ihretwegen gefeuert? Wo hat sie eingekauft, Sport getrieben, welche Freunde oder sozialen Kontakte hatte sie? Timo! Du beschäftigst dich mit dem oder den Tätern! Hatte es jemand speziell auf sie abgesehen, oder kam ihnen nur die abgelegene Wohnsituation zupass? Wo könnten sich Täter und Opfer begegnet sein? Und Rolf!«

Kramer hob den Kopf. »Ja?«

»Du bleibst an der Sache mit den Münchener Kollegen dran. Wir brauchen so schnell wie möglich die schriftlichen Vernehmungsprotokolle.«

»Alles klar.«

Cornelsen schob die Fotos beiseite. »Ich werde noch mal zum Haus fahren und den Tatort auf mich wirken lassen. Meldet euch sofort, wenn sich was tun sollte. Timo, informierst du den Staatsanwalt?«

Breitenbach nickte, und alle erhoben sich von ihren Stühlen.

»Dann wollen wir doch mal herausfinden, wer eine solche Scheißwut auf Rebecca Ganter hatte«, sagte Sarah mehr zu sich selbst als zu den anderen.

x x x

Kerstin lauschte. Ein Schrei hatte sie hochschrecken lassen, und sie brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Ihr Körper schien vor ihrem Verstand zu realisieren, wo sie sich befand. Ihr Blick fiel auf den grauen Faltenrock und die altrosa Spitzenbluse, beides fein säuberlich von ihr auf einen Bügel gehängt. Vorgestern hatte sie den Fehler begangen, die Sachen nicht sofort wieder auszuziehen, in der von ihm geforderten Form über den Bügel zu legen und am Haken zu befestigen. Die Striemen, die die Peitsche auf ihrem Rücken hinterlassen hatte, schmerzten nicht mehr so stark wie noch am Vortag. Doch auf den Rücken konnte sie sich noch nicht wieder legen. Vielleicht übermorgen, wenn ihr kein weiterer Fehler unterlief. Übermorgen, ging ihr der Gedanke noch einmal durch den Sinn. Weitere zwei Tage. Und wie viele würden danach noch folgen? Wann würde sie dieser Hölle hier wieder entfliehen können? Würde es ihr überhaupt gelingen? Das Bild ihres Mannes tauchte vor ihrem inneren Auge auf, und unwillkürlich legte sie die rechte Hand auf ihren Bauch. Wie überglücklich war Torsten gewesen, als sie es ihm gesagt hatte. Er hatte sie von der Arbeit abgeholt, weil sie sich die neuen Badezimmermöbel hatten aussuchen wollen. Am Vormittag hatte sie den Termin bei ihrem Gynäkologen gehabt, und es hatte sie ihre ganze Willenskraft gekostet, Torsten nicht sofort danach anzurufen. Sie hatte unbedingt seine Augen sehen wollen, wenn sie ihm sagen würde, dass er Vater wurde. Diesen Moment wollte sie für immer in ihrem Herzen bewahren. Sie waren gemeinsam die Straße entlanggegangen, und ganz beiläufig hatte sie Torsten gesagt, ihn mit jemandem bekannt machen zu wollen. Kerstin lächelte bei der Erinnerung an seinen verwirrten Gesichtsausdruck. Sie hatte seine Hand genommen, sie an ihren Bauch gepresst und gesagt, dass sie ihm sein Kind vorstellen wolle. Torsten hatte noch einen Augenblick gebraucht, dann einen Jubelschrei ausgestoßen, sie genommen, hochgehoben und im Kreis gedreht. Wie ausgelassen sie gewesen waren. Sie hatten sich gedrückt und immer wieder umarmt, und es schien ihr, als wolle Torsten sie gar nicht mehr loslassen. Torsten! Wie es ihm wohl ging? Was er dachte? Suchte er nach ihr? Glaubte er, dass sie tot sei? Tränen traten ihr in die Augen. Würde sie ihren Mann je wiedersehen? Und das Ungeborene in ihrem Leib. Würde es je auch nur einen Atemzug tun? Sie wischte die Tränen von ihren Wangen und befühlte vorsichtig ihren Hals. Wenigstens hatte er ihr gestern den schmiedeeisernen Ring entfernt, so dass sie nicht mehr angekettet war. Sie wollte auf keinen Fall riskieren, ihn wieder umgelegt zu bekommen. Noch einmal befühlte sie vorsichtig ihre Haut, dort, wo das Metall schmerzende Wunden hinterlassen hatte. Nein! Sie würde sich ruhig verhalten und alles tun, um keine weiteren Verletzungen zu riskieren.

Die Geräusche vor ihrer Zelle entfernten sich, Schritte hallten nach, das Schluchzen und Flehen der Frau wurde leiser. Kerstin wusste, was ihr jetzt bevorstand. Die Kamera, seine Forderungen, das widerliche Stöhnen. Kurz überlegte sie, ob sie irgendetwas tun, vielleicht einen Hinweis geben konnte, um der Frau zu helfen, damit sie nichts Falsches tat. Womöglich könnte sie so ihr Leben retten. Welch ein Irrsinn, zu glauben, dass dies irgendetwas an dem änderte, was gleich geschehen würde. Kerstin zog die Beine vor ihren nackten Körper und legte ihre Stirn auf die Knie. Sie hörte laut ihren Herzschlag, der einen Moment lang das einzige Geräusch war, das sie wahrnahm. Plötzlich wurde die Stille durch einen einzigen gellenden Schmerzensschrei durchbrochen. Danach war alles ruhig. Angespannt lauschte Kerstin, ob sie noch etwas hören konnte. Ihr Pulsschlag beruhigte sich ein wenig, als sie ein Winseln vernahm. Die Frau war noch am Leben. Was auch immer er getan hatte, sie hatte es überlebt. Noch, fügte Kerstin in Gedanken bitter hinzu.

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3

Samstag, 3. August, 14.20 Uhr

Bevor Falko erneut zum Haus des Opfers fuhr, machte er noch einen Umweg über den Buchladen in der Kleinen Bäckerstraße, um den historischen Roman abzuholen, den Heike bestellt hatte. Er selbst konnte dieser Art von Romanen nichts abgewinnen, doch für Heike gab es nichts Schöneres, als in diese Welt fern der Moderne einzutauchen. Es war knapp vierzehn Uhr dreißig, als er seinen Wagen in der Straße Am Sande parkte, auch wenn er dort im Halteverbot stand. Zwar verstieß es gegen sämtliche Vorschriften, doch er legte das Blaulicht, das er im Einsatzfall auf das Wagendach klemmte, auf den Beifahrersitz, damit es für Politessen oder einen Streifenbeamten gut sichtbar war. Bisher hatte er noch nie einen Strafzettel bekommen. Er stieg aus dem Auto, ging in die kleine Seitengasse und betrat den Laden. Der Inhaber selbst war da und begrüßte Falko freundlich.

»Hallo, Herr Cornelsen. Das Buch Ihrer Frau ist da. Vielleicht möchten Sie sich aber auch noch etwas umsehen?«

»Nein, danke. Heute nicht.«

Falko bezahlte rasch, wünschte noch einen schönen Tag und eilte zurück zu seinem Fahrzeug. Etwa vierzig Minuten später hatte er den samstäglich dichten Verkehr hinter sich gelassen und bog in den Waldweg ein, an dessen Ende Rebecca Ganters Haus lag.

Inzwischen stand fest, dass der oder die Täter durch das Schlafzimmerfenster eingestiegen waren. Das Fenster musste gekippt gewesen sein, so dass es ein Leichtes war, hierüber ins Haus zu gelangen. Falko hoffte, dass die Spurensicherung dazu brauchbare Ergebnisse liefern konnte. Er würde später genau von dort aus das Haus noch einmal inspizieren. Zunächst jedoch wollte er sich in das Opfer einfühlen, um zu verstehen, was für ein Mensch Rebecca Ganter gewesen war. Er zerschnitt die Polizeisiegel mit der Spitze seines Schlüssels, betrat das Haus, wandte sich nach rechts zur Küche und sah sich um. Auf der linken Seite befanden sich zwei Hängeschränke, eine Arbeitsplatte und darunter zwei einfache Schubladenschränke. Die Fronten passten nicht zu denen der Küchenzeile, die sich auf der gegenüberliegenden Seite befand. Zwar waren beide in hellem Holz gehalten, doch ein Teil der Küchenschränke wirkte wesentlich älter, ganz so, als habe sie das Opfer bereits aus einer vorherigen Wohnung mitgebracht. Die Küchenzeile, in die auch der Kühlschrank integriert war, wurde durch ein großes Fenster zweigeteilt. Dieser Teil der Küche wirkte auf Falko, als sei er den Raumverhältnissen angepasst worden. Hier hatte die Autorin vermutlich ein Fachunternehmen beauftragt. Er zog sein Diktiergerät aus der Jackentasche und sprach eine entsprechende Notiz auf, dass dies zu überprüfen sei. In der Mitte des Raumes stand ein Tisch mit nur einem Stuhl. Er ging zur Arbeitsplatte hinüber und öffnete das Brotfach, das gut gefüllt war, dann den Kühlschrank – etwas Aufschnitt, Käse, Margarine. Sonst befand sich nichts darin. Kein Salat, kein Gemüse, weder Mayonnaise noch Ketchup. In den angrenzenden Schränken stapelten sich fünf Packungen Miracoli, zwei Dosen Ravioli, drei weitere Dosen mit Hühnersuppe. Das war’s. Und er entdeckte eine Packung Schokotrüffel. Falko nahm sie aus dem Schrank und besah sie etwas genauer. Auf der Rückseite waren die Füllungen der Köstlichkeiten genau beschrieben. Falko kannte diese Marke zwar nicht, hatte jedoch den Eindruck, dass diese Trüffel eine Spezialität waren. Als sein Blick auf das Mindesthaltbarkeitsdatum fiel, verzog er das Gesicht. »Haltbar bis 2/2009«, murmelte er und legte die Verpackung zurück in den Schrank. Obwohl Rebecca Ganter geplant hatte, wegen ihrer Buchpräsentation für einige Tage nach München zu reisen, hatte Falko das Gefühl, dass die Vorräte auch sonst recht knapp bemessen waren. Ihm fiel die Aussage ihres Agenten wieder ein, dass Rebecca Ganter kaum bis gar keinen Kontakt zur Außenwelt hielt. Ein Blick in den aufgeräumten Geschirrschrank verriet Falko, dass sie wirklich nur das Nötigste besaß. Zwei große Teller, eine Suppenschale, zwei kleinere Teller. Einen Kaffeepott. Und neben der Spüle stand ein neuer, hochmoderner Kaffeeautomat bereit, der sich deutlich vom übrigen Interieur abhob. Eine weitere, noch zur Hälfte mit Kaffee gefüllte Tasse hatte Falko heute Morgen auf dem Schreibtisch des Mordopfers stehen sehen. Ansonsten gab es lediglich noch eine Handvoll Gläser und Besteck. Er ging zur Tür, sah sich noch einmal um und verließ den Raum. Direkt gegenüber befand sich das Schlafzimmer. Es war praktisch eingerichtet, nicht mehr als ein Bett, ein Nachttisch mit Lampe, ein hoher Schrank und ein Sideboard. Das war alles. Ihre Garderobe passte zu dem Bild, das Cornelsen sich bereits von ihr gemacht hatte. Schlicht, gedeckte Farben, Jeanshosen, Blazer, T-Shirts. Das waren die hauptsächlichen Kleidungsstücke. Nicht ein einziges Kleid, keinerlei festliche Garderobe. Sie schien niemand gewesen zu sein, der sich für andere Leute herausgeputzt hatte. Ihre Unterwäsche verriet Falko, dass sie auch hier auf praktische Teile Wert gelegt hatte. Nichts, das man auch nur im weiteren Sinne als Dessous hätte bezeichnen können. Es gab weiße und schwarze BH