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Die rätselhafte Entführung einer jungen Frau führt drei Freunde in ein zauberhaftes Land voller Gegensätze und in eine Kultur, die ihnen oft befremdlich erscheint. Sie treffen auf eine unbarmherzige Sippe, der die Familienehre über das Wohl der eigenen Kinder geht, während eine rücksichtslose Organisation und deren Anführer einen großen Landstrich kontrollieren. Der beherzte Einsatz verstrickt die Freunde dabei oft in Lebensgefahr und bringt sie an ihre eigenen Grenzen.
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Seitenzahl: 213
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Es ist eigentlich wie immer. Es ist morgens. Die Menschen hasten zur Arbeit. Die Bahnen und Busse sind überfüllt.
Auf der Autobahn wälzt sich eine zähe Masse aus Blech, Gummi und Glas.
Der Italiener an der Ecke ist gerade vom Markt zurückgekommen. Sein Transporter, der inzwischen auch schon einige Jahre auf dem Buckel hat, biegt sich unter der Last von Obstkisten und Kartoffelsäcken. Er ist ebenfalls früh auf den Beinen, man sieht es ihm an. Seine Frau hilft ihm beim Abladen. Die Beiden sind ein gutes Team, und sie arbeiten Hand in Hand. Sie unterhalten sich in mehreren Sprachen. Ihre beiden Töchter ebenfalls eine Mischung aus Türkisch, Italienisch und Deutsch.
„Hey, Salvatore, hält deine Klapperkiste immer noch?“, ruft der Bäcker von nebenan und grinst frech.
„Du alter Backzombie, sind deine Brötchen schon wieder angebrannt?“, gibt Salvatore zurück und winkt ihm zu. Sie kennen sich schon seit ihrer Schulzeit und ihre Scherze sind manchmal hart.
„Wann kommst du mal wieder zum Frühstück rüber in unser Backparadies?“, ruft Edgar. Sie wissen, dass sie sich fast jeden Tag dort treffen. Kurz darauf steht Salvatore in der Tür. Er hat eine große Melone dabei und legt sie auf die Theke. Dann stehen sie an der großen Schaufensterscheibe. Man hat eine gute Aussicht, nach Osten. Die Erinnerungen geben ihnen viel Gesprächsstoff. Wie könnten sie die Tage vergessen, als sie die russischen Zwillingsschwestern aus der Hochhaussiedlung kennen lernten. Heute müssen sie darüber lachen. Irina und Ivana hatten noch drei Brüder, die keine Gnade kannten. Eine Woche lang mussten sie sich in der Großstadt verstecken, bis sich die Lage beruhigt hatte.
Dann irgendwann eröffnete Salvatore seinen Gemüseladen. Die ganze Familie kam angereist. Brüder, Schwestern, einige Familienmitglieder aus Sizilien und sogar aus dem fernen Kanada.
Jeder hatte etwas mitgebracht. Der eine Geld, was am nötigsten war. Andere Obst und Spezialitäten aus Italien. Der Rest hatte noch einige gute Ratschläge.
Nach der zweiten Tasse Kaffee lachen sie noch einmal und verabschieden sich per Handschlag.
Der Tag kommt Edgar heute besonders lang vor, doch nachdem der letzte Kunde den Laden verlassen hat, sieht er noch nach den Maschinen, schaltet das Licht aus und schließt die Backstube ab. Er ist froh, denn ein langes Wochenende steht bevor. Er steigt ins Auto und startet den Motor, schaut noch mal hinüber zum Obstladen, Salvatore hat inzwischen seine Kisten eingeräumt. Edgar setzt den Blinker und fährt langsam los.
Immer wieder fällt ihm die tragische Geschichte mit Selda ein. Salvatore lernte die hübsche Türkin in der U-Bahn kennen. Er sprach sie mit seiner unkomplizierten, italienischen Art einfach frech an.
„Hast du Lust einen Cappuccino mit mir zu trinken? Gleich hier in der Nähe bei meinem Papa in der Eisdiele.“
Sie sah ihn mit ihren großen Mandelaugen an, grinste, zeigte ihm den Mittelfinger und stieg bei der nächsten Haltestelle mit erhobenem Kopf aus der U-Bahn. Edgar, der in der Reihe neben Salvatore saß, sah ihn mit offenem Mund an. Als das Mädchen die Bahn verlassen hatte, konnte er ein anhaltendes Lachen nicht länger unterdrücken. Salvatore schaute sauer. Er würgte einen Kloß hinunter.
„Hör zu, das will ich dir sagen, ich will dieses Mädchen, auch wenn du noch so blöde lachst!“
Zeitweise sahen sich die Beiden noch in der U-Bahn, Edgar kam aus der großen Bäckerei, in der er noch lernte, und Salvatore von der Schule.
Eines Tages sagte Salvatore zu ihm: „Hast du Lust zu kommen. Ich gebe heute Abend eine kleine Feier, bei uns in der Eisdiele.“
Edgar fragte scherzend: „Mit Krawatte und Anzug?“
„Blödsinn, wir feiern doch nur meine Verlobung.“
Edgar sah ihn fragend an. „Die kleine Türkin?“ und wieder stand sein Mund offen. „Wer denn sonst, ich hab es dir doch gesagt.“
Edgar war verblüfft, fing sich aber schnell und schlug ihm dann freundschaftlich auf die Schulter.
„Ich komme gern“, sagte er. „Ich muss aber jetzt aussteigen. Bis heute Abend, ich freue mich für dich.“
Abends stand Edgar vor der Eisdiele. Er sah es von draußen. Auf allen Tischen waren Kerzen angezündet.
Hätte er nicht etwas mitbringen sollen? Es plagte ihn das Gewissen. Da ging die Tür auf und Salvatores Mutter kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Sie fasste ihm unter die Arme und führte ihn in das Lokal. Er mochte ihre warme und mütterliche Art, die er als Junge so nicht erfahren hatte. Vor einer angerichteten Theke, die mit allen möglichen Leckereien dekoriert war, stand das junge Paar.
Salvatore kam Edgar entgegen, und reichte ihm die Hand.
„Das ist Selda, das beste Mädchen zwischen Italien und der ganzen Türkei und wir werden heiraten.“
Edgar sah in zwei wunderschöne dunkle Augen, die sich vor Rührung mit Tränen füllten.
Es hätte so schön für die Beiden werden können, wäre nicht dieser schreckliche Unfall passiert.
Es war einige Monate später. Salvatore hatte an der Hauptstraße einen ehemaligen Zeitschriftenladen gemietet und ihn mit viel Eigenarbeit zu einem Obst und Gemüseladen verändert.
Edgar, der inzwischen seine Lehre beendete hatte, arbeitete nun in der Konditorei gegenüber und sie sahen sich fast täglich. Er legte gerade ein paar frische Brötchen in die Schaufensterauslage und brummte: „Die Scheibe könnte auch mal wieder sauber gemacht werden.“ Nun schaute er hinüber zur anderen Straßenseite und sah Selda, die gerade mit einer Ladung frischer Ware vom Großmarkt gefahren kam.
Toll, denkt er. Wie sie diese alte Kiste beherrscht. Nächste Woche ist er zur Hochzeit eingeladen. Er ist nachdenklich. Eine Türkin und ein Italiener heiraten in Deutschland. Warum eigentlich nicht?
Dann dieses schreckliche Kreischen der Reifen. Der Kleintransporter wird gegen die Hauswand geschleudert. Ein anderer Lastwagen ist mit hoher Geschwindigkeit in ihn hinein gefahren.
Edgar sieht es wie im Film.
Als er begreift, was passiert ist, springt er hinaus auf die Straße.
Die Fahrbahn ist übersät von Obstkisten und Trümmern. Passanten rennen schreiend hin und her.
Der Fahrer des Lkws liegt blutend über seinem Lenkrad. Sein Beifahrer steigt verwirrt aus dem Fahrzeug und läuft mit ausgestreckten Armen hin und her. Als er begreift, was geschehen ist, sackt er in sich zusammen und verbirgt sein Gesicht hinter den Armen.
Edgar rennt über die Straße. Sein einziger Gedanke ist: Was ist mit der Kleinen. Hat sie Glück gehabt und hält sich im Laden auf?
Da sieht er die Hand des Mädchens und zieht sie unter dem Fahrzeug hervor. Mit weit aufgerissenen Augen sieht sie ihn an. Ein Rinnsal Blut tropft aus ihrer Nase und Erbrochenes kommt aus dem Mund. Der Atem geht schleppend und unregelmäßig. An ihrem Arm ist noch eine weitere Wunde, die stark blutet.
Von allen Seiten kommen Menschen angerannt. Sie wollen helfen, aber die meisten sind starr vor Schreck.
Edgar will die blutende Wunde abdrücken, aber es gelingt ihm nicht. Er kniet dicht bei ihr auf der Straße und fühlt, wie ihm das warme Blut durch das Hosenbein dringt. Selda röchelt leise und ihre Augen, die sonst so bezaubernd lachen können, sind weit aufgerissen, als wollten sie fragen: „Könnt ihr mir noch helfen?“
Schnell ist der Rettungswagen eingetroffen. Eine Schar Sanitäter und Ärzte bemühen sich, sie zu retten, aber Selda kann niemand mehr helfen. Der leblose Körper wird in eines der Fahrzeuge mit dem blinkenden blauen Lichtern geschoben. Edgar sitzt noch lange am Straßenrand. Ein Sanitäter begleitet ihn an die Seite. „Was soll ich Salvatore nur sagen?“, sagt er leise, aber der Sanitäter versteht ihn nicht.
Salvatore hat von dem Unfall erst eine Stunde später erfahren. Er befand sich in einem Baumarkt, von dem er Regale für seine Auslagen besorgte. Seine Mutter erreichte ihn über Mobilfunk.
Sie sagte nur: „Komm Heim!“ Er verstand, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Dieses Ereignis ist nun schon einige Jahre her, Salvatore hat sich zwar lange nicht von diesem Schock erholen können, aber die Arbeit half ihm wieder auf die Beine.
Seine Obstbude wurde langsam immer beliebter und er machte inzwischen recht gute Geschäfte. Mama und Papa waren wieder nach Italien zurückgekehrt. Sie fehlen nicht nur Salvatore, sondern auch Edgar, der schon beinahe zur Familie zählte.
Salvatores Schwester Lydia, die seit zwei Jahren von ihrem Mann geschieden ist und nun in Deutschland einen neuen Start versucht, hat eine Stelle in Edgars Firma angenommen.
Sie kommt stundenweise, zweimal pro Tag. Belegt Brötchen, kocht Kaffee und macht sich auf allerlei Arten nützlich im Laden.
Sie ist sehr beliebt bei der Kundschaft. Ihre direkte Art gefällt den meisten.
Mit ihrer Chefin stößt sie jedoch oft zusammen, denn sie hat grundsätzlich das letzte Wort. Das gefällt dieser natürlich nicht, obwohl Lydia zeitweise im Recht ist. Sie sieht aber ihre Autorität untergraben. Die Auseinandersetzungen gehen oft stundenlang, obwohl die Gründe dafür manchmal belanglos sind. Edgar hebt oft hilflos die Arme und verlässt den Raum. Er schüttelt den Kopf und schaltet seine Rührmaschine ein.
Hin und wieder versucht er zu schlichten, denn er will ja nicht, dass sie wegen solcher Kleinigkeiten ihren Job verliert.
Lächerlich, denkt er, warum dürfen Brötchen vom Vormittag nicht bei denen vom Nachmittag liegen? Ist der Kaffee schon nicht mehr gut, wenn er eine Stunde vorher gekocht wurde? Dieser Kleinkrieg geht Edgar auf die Nerven. Er muss sich aber nach einigem Nachdenken eingestehen, dass er ihr in vielen Dingen Recht geben muss. So anstrengend Lydia auch sein mag, Edgar hat sie gern in seiner Nähe, auch wenn er es nicht immer wahr haben will.
Salvatore hat ihn im Scherz oft gewarnt: „Sei vorsichtig, meine Schwester ist eine Hexe.“ Edgar lacht: „Ich mag aber deine Schwester, die Hexe.“
Es ist wieder Abend und Salvatore kommt in die Backstube. „Du, ich habe jemanden mitgebracht. Ich will sie dir vorstellen.“ Edgar, der einen Kopf größer ist als der Freund, schaut ihn von oben herab an und grinst.
Salvatore mag dieses überhebliche Lachen nicht und wirft ihm einen bösen Blick zu. „Ich kann ja wieder gehen“, dreht sich um und geht einen Schritt in Richtung Tür, aber Edgar stellt sich ihm in den Weg.
„Mach doch keinen Quatsch. Sei nicht so empfindlich!“ Er legt die Hände auf seine Schultern. Der windet sich aus seinem Griff und beide sehen zur Tür. Zierlich und beinahe unscheinbar steht dort eine Person mit Kopftuch. An ihrer Hand hält sie einen Jungen, den man kahl geschoren hat.
„Das ist Aleyna, sie kommt aus Anatolien. Wir sind zusammen.“, sagt er kurz. Edgar überlegt. Kann das wahr sein? Er will es kaum glauben. Sie ist nicht hässlich, aber in ihrer Erscheinung kaum ein Ersatz für Selda. Salvatore wartet auf seine Antwort, aber Edgar hebt nur hilflos die Schultern. Was soll er ihm sagen?
„Der Kleine ist übrigens Harkan, ihr jüngster Bruder“, sagt Salvatore beiläufig.
Harkan ist beleidigt, man sieht es ihm an. Schlimm genug, dass er ständig mit seiner Schwester überall hingehen muss, jetzt sagt dieser Idiot auch noch Kleiner zu ihm. Er ist es doch, der auf diese Tussi ständig aufpassen muss. Er steckt seine Fäuste tief in die Hosentaschen. Edgar muss grinsen und zwinkert ihm zu. Er greift nach einem frisch gebackenen Berliner und reicht ihn dem kleinen, beleidigten Macho. Zögernd nimmt dieser ihn und dankt mit einem kurzen Nicken. Mit dem Berliner in der Hand sieht er sich nun die einzelnen Maschinen in der Backstube an. Die junge Frau steht immer noch verlegen in der Tür. Edgar schätzt sie auf höchstens achtzehn oder neunzehn Jahre. Hilflos sieht sie nun hinüber zu Salvatore, der geht zu ihr und nimmt sie bei den Händen.
„Das ist Edgar“, und er lässt das „R“ kräftig rollen. Sie schaut ihn andächtig an.
„Er ist mein Freund. Nicht immer, aber du kannst dich auf ihn verlassen.“ Zögernd reicht sie ihm die Hand. Er nimmt sie vorsichtig wie einen kleinen Vogel, den man nicht zerdrücken will.
Was für eine zarte Person denkt, Edgar. Warum hat er noch nichts von ihr erzählt?
Sie neigt ihren Kopf nun leicht zur Seite und sieht Edgar von unten herauf an. Edgar fühlt eine leichte Unsicherheit und sieht wiederum hinüber zu Salvatore.
In akzentfreiem Deutsch sagt sie dann zu ihm: „Ich freue mich, Sie kennen zu lernen.“ Dabei schiebt sie eine schwarze Locke, die ihr aus dem Kopftuch rutscht, zurück in ihr Versteck.
„Aleyna ist eine Cousine von Selda“, beginnt Salvatore stockend.
„Wir haben uns zum ersten Mal bei Seldas Beerdigung in der Türkei gesehen, sie war damals gerade fünfzehn. Vor einem halben Jahr sind wir uns dann auf einem Straßenfest in Düsseldorf begegnet. Seldas Bruder war bei ihr.“
Edgar bemerkt, dass es ihr peinlich ist und möchte am liebsten das Gespräch unterbrechen. Schließlich ist er doch für sie ein Fremder. Es klopft im rechten Moment an den Türrahmen und ein Wirbelwind tritt in den Raum. Es ist Lydia. „Hallo, wie findet ihr mich?“ Sie hat ihr schönes, schwarzes Haar kürzer geschnitten und rot gefärbt. Salvatore lacht über das ganze Gesicht und überlegt kurz.
„Wie eine rostige Drahtbürste.“ Er schlägt sich auf die Schenkel. Edgar sagt zunächst einmal gar nichts, denn er kennt Lydias unberechenbare Reaktionen. Plötzlich meldet sich Aleyna zu Wort. „Hübsch siehst du aus, wirklich, es passt gut zu dir“, sagt sie sehr überzeugend.
„Danke, Kleine“, sagt Lydia und sieht ihren Bruder vorwurfsvoll an. Edgar bemerkt, dass die beiden Frauen sich schon kennen, und spielt verlegen am Schalter seiner Knetmaschine. Harkan, der alles interessiert aufnimmt, vor allem den neuen Ausdruck, den er soeben aufgeschnappt hat. Zweimal hintereinander ruft er: „Rostige Drahtbürste, rostige Drahtbürste.“ Dann macht er sich schnell aus dem Staub.
Lydia sieht man es an, dass sie innerlich kocht, aber sie beherrscht sich auf bewundernswerte Weise. Auch Salvatore will die Lage nicht weiter verschärfen und nimmt seine Schwester tröstend in die Arme.
Sie allerdings befreit sich schnell aus seinen Händen und versetzt ihm einen ordentlichen Schlag an die Schulter, die er sich dann mit schmerzverzerrter Mine massiert. Damit ist die Diskussion über Lydias Frisur beendet und keiner traut sich noch einen Ton darüber zu verlieren.
„Komm, Kleine, wir gehen nach draußen“ sagt Lydia und nimmt Aleyna an die Hand. Beim Hinausgehen sieht sie noch einmal suchend nach Salvatore. Beide laufen sie das kleine Stück über die Straße zum Obstladen, vorbei an der Stelle, an der Selda starb. Edgar muss oft an den tragischen Unfall denken und es versetzt ihm jedes Mal einen Stich.
Er sieht den beiden Frauen nach und bemerkt, wie sie in angeregter Unterhaltung im Laden verschwinden. Die beiden Männer stehen nun eine Weile schweigend hinter der Schaufensterscheibe. Edgar bemerkt, dass der Freund noch etwas auf dem Herzen hat.
Zögernd beginnt Salvatore: „Du, ich mach` mir Sorgen um Aleyna.“ Sein Gesicht wird sehr ernst und die Finger trommeln nervös auf der Tischplatte. Er greift in seine Jackentasche, zieht einen zerknitterten Zettel heraus, legt ihn auf die Arbeitsplatte und breitet ihn aus. Man sieht dem Blatt Papier an, dass es schon oft gelesen wurde. Edgar nimmt es in die Hand und bemerkt, dass der Text nicht in deutscher Sprache geschrieben ist.
Salvatore spricht stockend weiter. „Aleyna hat mir vor einer Woche diesen Zettel gezeigt. Ich konnte zunächst nichts damit anfangen, hab` aber dann bemerkt, dass der Inhalt sie sehr beunruhigt.“
Salvatore macht eine kurze Pause und geht einige Schritte auf und ab.
„Der Brief kommt von ihrem Vater“, setzt er fort. „Sie soll sofort in die Türkei zurückkommen, wenn nicht, würde er sie holen und sie wüsste, was das für sie bedeutet.“ Salvatore ballt die Faust und schlägt so wütend an den Türrahmen, dass es knarrt, aber er spürt den Schmerz an seiner Hand nicht. Edgar sieht ihn besorgt an und geht einen Schritt auf ihn zu. „Erzähl` mal die ganze Geschichte!“
„Na ja, wie du schon weißt, habe ich Aleyna zum ersten Mal bei Seldas Beerdigung in der Türkei gesehen. Die beiden Mädchen waren vorher beinahe unzertrennlich.
Für Aleyna war Seldas Tod kaum begreiflich; sie konnte es nicht fassen.
Bei der Trauerfeier waren nur Seldas Eltern, ihr Bruder, Aleyna und ein Geistlicher anwesend. Es kam mir seltsam vor, denn Selda hatte doch schließlich eine große Familie. Die Trauernden wurden aus der Ferne von den Bewohnern des kleinen Dorfes beobachtet.
Ohne eine Zeremonie verabschiedeten sich die Eltern von ihrer toten Tochter und verließen den Friedhof, der Mann fünf Schritte vor seiner Frau, davor der Geistliche. Aleyna, die noch immer vor dem Grab kniete, wollte kaum den traurigen Ort verlassen. Seldas Bruder nahm sie schließlich am Arm und führte sie nach draußen. Auch ich stand noch lange da und konnte meinen Schmerz nicht mehr verbergen. Warum hatte man Selda auf diese schlichte Art begraben. War sie als Frau so viel weniger wert als ein Mann? Warum kamen keine Verwandten und warum schauten sich die Dorfbewohner die Trauerfeier nur von weitem an. Ich hatte damals keine Antwort auf diese Fragen. Obwohl es warm war, fror ich und warf meine Jacke über die Schultern. Nun wollte ich auch wieder zurück.
Am Straßenrand war jetzt niemand mehr zu sehen. Wo sollte ich nun hin gehen? Zu Seldas Eltern wollte ich nicht wieder, sie brachten mir schon seit meiner Ankunft eine eisige Kälte entgegen. Ich verstand es nicht, weil doch in der Türkei, so wie in meiner Heimat, die Gastfreundschaft an oberster Stelle steht. Ich war mit einem Bus angereist, die Fahrt dauerte mit Pausen über achtundvierzig Stunden. Die Tour ging bis zur Kreisstadt und von da an weiter mit einem klapprigen Taxi durch die Berge.
Der Fahrer, der nur ein wenig englisch sprach, kannte die Strecke wohl auch nicht genau, denn er musste ständig Passanten nach dem Weg fragen. Selda hatte mir irgendwann einmal die Adresse ihrer Eltern und eine Wegbeschreibung zu ihrem Heimatort gegeben, außerdem die Handynummer von ihrem Bruder in Düsseldorf. Sie legte auch noch ein Foto von sich und ihren drei Brüdern dazu. Sie sagte damals: Sollte mal was passieren, ruf dort an!
Hatte sie damals schon etwas gewusst? Ich sagte zu ihr: Was soll schon passieren, außer, dass wir vielleicht heiraten?
Sie lächelte ein wenig, wurde aber dann sofort wieder ernst, was mich doch ein wenig wunderte.
So stand ich nun mit meiner Reisetasche auf dem kleinen Hügel. Vielleicht kann ich ja in dem kleinen Cafe am Ende des Ortes nachfragen, ob ich eine Schlafstelle bekommen kann.
Ich ging den schmalen Weg hinunter zum Dorf. Von dem Minarett einer Moschee rief der Muezzin zum Abendgebet. Von oben sah ich die verfallenen Häuser. Innenhöfe und einige grüne Bäume gaben dem Dorf in der Abendsonne sogar eine romantische Atmosphäre.
Auf halber Strecke kam mir dann plötzlich Seldas Bruder Methin entgegen. Ich war echt erleichtert ihn zu sehen. Methin hatte sich um die Überführung von Seldas Leiche gekümmert und hatte alle Formalitäten erledigt.
Er war ebenfalls am Morgen im Dorf eingetroffen.
Er reichte mir seine Hand und sagte: „Komm mit, du kannst bei mir übernachten, es ist nicht weit von hier.“
Wir gingen hinunter zu den ersten Häusern und bogen in eine Seitenstraße ein. Dort hatte er ein altes Moped stehen, das von einem Nachbarn geliehen war.
Er schob die Maschine an, weil der Anlasser nicht funktionierte. Ich setzte mich nun hinter ihn und umklammerte meine Reisetasche. Wir knatterten schon einige Kilometer durch die beginnende Dämmerung und ereichten dann schließlich ein altes Bauernhaus. Es hatte Bruchsteinwände und sein Ziegeldach reichte an beiden Enden beinahe bis zur Erde. In einem Pferch waren Schafe und Ziegen. Hühner flatterten aufgeregt umher, sie waren vom lauten Auspuff des Mopeds aus dem Schlaf gerissen worden und ein großer Hund zerrte aufgeregt an einer Kette. Als das Motorgeräusch verstummt war, öffnete sich die Eingangstür des Hauses und ein alter Mann mit weißem Haar trat ins Freie. Der Mann hatte graublaue Augen und einen kräftigen Schnauzbart. Er breitete seine Arme weit aus, als er Metin sah. Die beiden Männer küssten sich herzlich auf die Wangen. Metin stellte mich als einen guten Freund vor.
Er ergriff auch meine Hand und ich wunderte mich über seinen kräftigen Händedruck. Auch dass er italienisch sprach, überraschte mich. Später erfuhr ich, dass er in seiner Jugend jahrelang auf einem italienischen Frachter die Weltmeere befahren hatte und Karriere bis zum ersten Offizier machte.
Wir betraten nun, nachdem wir uns unserer Schuhe entledigt hatten, den großen Wohnraum.
Uns empfing ein angenehmer Duft orientalischer Gewürze. An den Wänden hingen wertvolle Teppiche. Auch der Fußboden war restlos ausgelegt. In den Sitznischen lagen goldbestickte Brokatkissen.
Der Raum hatte einen großen, offenen Kamin und war angenehm von Kerzen und Öllampen beleuchtet. Rechts vom Kamin stand eine große Wasserpfeife. Ich hatte nicht einen solchen Luxus in diesem alten Haus erwartet. Im Gespräch erfuhr ich dann, dass der Alte ein Onkel war und dass die Beiden ein sehr gutes Verhältnis zueinander hatten. Wir setzten uns nun gemeinsam auf den Boden. Hinter einem Vorhang erschien nun eine Frau mit Kopftuch und traditioneller Kleidung. Sie hatte drei Schüsseln mit Wasser mitgebracht, lächelte uns freundlich zu und reichte uns Tücher und Duftöle.
Metin sagte: „Das ist meine Tante, die Schwester meines Onkels, und da hinten in der Ecke ist meine Oma.“ Ich hatte die alte Frau überhaupt nicht bemerkt und winkte ihr zu. Sie winkte zurück und als dann ihr Schleier verrutschte, konnte man ihren zahnlosen Mund sehen. Sie schien die Abwechslung zu genießen und schaukelte vor Freude hin und her. Nach dem Essen zeigte man mir das Zimmer, in dem ich die Nacht verbringen konnte, und mit den letzten Gedanken an
Selda fiel ich in einen tiefen traumlosen Schlaf.
Am Morgen vermisste ich Metin, er war wohl schon ins Dorf gefahren, ich hörte das Moped, während ich wach wurde. Der alte Mann saß auf der Veranda und sah mich ernst an.
Ich setzte mich zu ihm hin. Seine Augen waren zu schmalen Schlitzen zusammengezogen.
„Du musst bald nach Hause fahren! Glaube es mir, es ist das Beste für dich.“
Der freundliche Herr vom Tag zuvor schaute mich nun wie einen Fremden an, er wich meinen Blicken aus und ich merkte, dass er Angst hatte.
Nervös spielte er mit seiner kleinen Perlenkette, die er in der Hand hielt, wie so viele andere türkische Männer auch.
Ich legte meine Hand vorsichtig auf seine Schulter und er erschrak bei der Berührung. Er rückte einen Meter von meiner Seite und hielt mir seine Hand abwehrend entgegen. Nach einigen Minuten des Schweigens sagte er schließlich: „Du hättest nicht hierher kommen sollen. Du lebst in einer anderen Welt. Bei uns auf dem Land gelten andere Gesetze. Glaube mir, ich habe die Welt gesehen, aber hier in der Türkei ist in manchen Regionen die Zeit vor hundert Jahren stehen geblieben, hier herrschen noch die alten Familiengesetze. Die Ehre steht über allem, keiner kann sich gegen diese Tradition erwehren, das Wort des Familienoberhauptes ist Gesetz und kann von keinem angezweifelt werden, ist es nun gerecht oder auch nicht.“
Langsam begann ich zu verstehen, dass sich die Sache eigentlich um Selda drehte. Vielleicht hatte er von meiner Beziehung zu ihr erfahren.
Der Alte begann nun ihre Geschichte zu erzählen. „Eines musst du mir versprechen, ich will dir jetzt ein Geheimnis anvertrauen, das nicht an die Öffentlichkeit kommen soll.“
Ich zuckte mit der Schulter. Der alte Mann musste etwas loswerden, vermutete ich, und eines war mir klar, er hatte Angst davor.
„Erzähle mir alles, was mit Selda vorgefallen ist!“, sagte ich ernst. Er stand auf und ging einige Schritte auf und ab.
„Es war…, ich glaube, es war vor über zwanzig Jahren. Mein Bruder kam nach sechs Wochen Abwesenheit zu Hause an, er arbeitete in einem Kohlebergwerk in der Mitte des Landes. Es war ein außergewöhnlich kalter Februar in diesem Jahr. Als er endlich nach langer Fahrt mit dem Zug und dann noch sieben Stunden mit dem Bus sein Haus erreicht hatte, herrschte große Aufregung. Zwei Frauen eilten mit Behältern voll heißem Wasser durch die Gänge. Die alte Hebamme war gerade angekommen.
Mein Bruder dachte sicher, jetzt bist du ja gerade richtig gekommen, deinen fünften Sohn zu begrüßen. Als man ihm dann das kleine Mädchen in die Arme legte, war er sehr enttäuscht und gab das kleine Bündel an die Frauen weiter. Er zog sich zurück, ohne nach seiner Frau zu sehen, und legte sich erschöpft schlafen.
Du musst verstehen, Mädchen sind bei uns in der Gegend nicht so viel wert, wie ein Junge, es wird halt immer ein Sohn erhofft und man nimmt eine Tochter eben so hin.
Die kleine Selda hatte es nicht leicht unter den vier Rabauken, aber sie war zäh und sie konnte sich bei ihren Brüdern durchsetzen. Ihr Vater konnte nicht viel mit ihr anfangen, selten hatte er ein gutes Wort für sie. Auch sie war immer froh, wenn er wieder in die ferne Stadt zum Arbeiten fuhr.
Sie tat mir damals Leid und ich fragte ihn schließlich, ob sie zu uns kommen könnte, im Haushalt zu helfen und auf die Tiere aufzupassen. Die meiste Zeit war ich ja auf See und meine Frau war froh, wenn sie jemanden um sich hatte.
Sie war damals im vierten Monat schwanger, mit Aleyna, als Selda zu uns kam.
Bei der Geburt starb dann meine Frau, sie hatte das Kind noch nicht einmal gesehen. Ich war froh, dass dann meine Schwester mit unserer Mutter ins Haus zog und uns half. Selda kümmerte sich rührend um die kleine Aleyna und die Beiden wuchsen wie Geschwister auf. Als Selda siebzehn wurde, kam ihr Vater zu Besuch. Ich wusste schon, was er wollte.
Selda wollte nach draußen gehen, um ihm nicht zu begegnen, aber er hielt sie fest und sagte: Warte, ich hab dir etwas zu sagen! Er begann würdevoll:
Mein Kind, ich habe eine große Überraschung für dich, ich habe einen Mann für dich gefunden und du wirst nächsten Monat heiraten.
Selda wurde kreidebleich und ihre Augen waren weit aufgerissen. Hatte sie jetzt richtig verstanden, was der verhasste Vater hier zu ihr sagte, sie war doch noch viel zu jung und hatte noch nie nach einem Mann gesehen. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie seinem stechenden Blick widerstehen und sagte nur ein Wort: Niemals.
