Selection - Die Krone - Kiera Cass - E-Book

Selection - Die Krone E-Book

Kiera Cass

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Beschreibung

Die große Liebe, das große Finale - darauf haben alle ›Selection‹-Fans gewartet! Als das Casting begann, war Eadlyn wild entschlossen, sich nicht zu verlieben und keinen der Bewerber an sich heranzulassen. Doch nun muss sie sich eingestehen, dass einige von ihnen doch Eindruck bei ihr hinterlassen haben: Henri, der charmante Lockenkopf, und sein bester Freund Erik. Der aufmerksame und rücksichtsvolle Hale. Der selbstsichere und attraktive Ean. Und natürlich Kile, Eadlyns Lieblingsfeind aus Sandkastenzeiten, der sie zu ihrem Ärger immer wieder aus der Reserve lockt. Sie alle haben es geschafft, einen Platz in Eadlyns Welt zu erobern. Aber wird es auch jemand in das Herz der Prinzessin schaffen? Der 5. Band des internationalen Weltbestsellers - wunderbar romantisch und ein krönender Abschluss!

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MOBI

Seitenzahl: 331




Kiera Cass

Selection 5

Die Krone

Aus dem Amerikanischen von Susann Friedrich und Marieke Heimburger

FISCHER E-Books

Inhalt

Widmung12345678910111213141516171819202122232425262728293031323334EpilogDank

Für Guyden und Zuzu, die besten Figuren, die ich mir je ausgedacht habe

1

»Es tut mir leid«, sagte ich und wappnete mich für die unvermeidliche Reaktion. Zu Beginn des Castings hatte ich mir dessen Ende genau so vorgestellt: dass der Großteil meiner Bewerber gleichzeitig den Palast verlassen musste und es viele von ihnen hart treffen würde, nicht länger im Rampenlicht zu stehen. Doch während der letzten paar Wochen hatte ich festgestellt, wie nett, klug und sympathisch die meisten Teilnehmer waren. Deshalb brach mir diese Massenentlassung fast das Herz.

Die Kandidaten hatten sich mir gegenüber immer fair verhalten, und jetzt musste ich sehr unfair zu ihnen sein.

Denn erst durch die Liveübertragung würde die Entlassung offiziell sein, daher durfte ich den Jungs jetzt noch nichts Konkretes sagen.

»Mir ist bewusst, dass es ein bisschen plötzlich kommt, aber angesichts des instabilen Gesundheitszustands meiner Mutter hat mein Vater mich gebeten, mehr Verantwortung zu übernehmen. Und um das leisten zu können, bleibt mir nichts anderes übrig, als die Zahl der Teilnehmer im Wettbewerb deutlich zu reduzieren.«

»Wie geht es der Königin?«, fragte Hale leise.

Ich seufzte. »Es geht ihr … Es geht ihr ziemlich schlecht.«

Dad hatte mich nur widerwillig zu ihr gelassen, doch schließlich konnte ich ihn überreden. Als ich den Krankenflügel betrat, schlief Mom, und der Rhythmus ihres Herzschlags auf dem Monitor blieb im Takt. Sie war gerade aus dem OP gekommen, wo die Ärzte ihrem Bein eine Vene entnommen hatten, um die verschlissene Arterie in ihrer Brust zu ersetzen.

Einer der Ärzte erklärte, Moms Herz hätte für eine Minute aufgehört zu schlagen, doch es sei ihnen gelungen, sie zurückzuholen.

Ich setzte mich an ihr Bett und hielt ihre Hand. Und auch wenn es albern war: Ich ließ mich absichtlich in den Stuhl sacken, weil Mom dann garantiert wieder zu sich kommen und meine Haltung korrigieren würde. Vergebens.

»Aber sie lebt«, fuhr ich fort. »Und mein Vater … Er ist …«

Raoul legte mir tröstend die Hand auf die Schulter. »Schon in Ordnung, Eure Hoheit. Wir verstehen das.«

Mein Blick schweifte durch den Raum und blieb für einen Atemzug an jedem einzelnen Bewerber hängen.

»Fürs Protokoll: Zuerst habe ich mich vor Ihnen gefürchtet«, gestand ich. Im Raum war vereinzelt Lachen zu hören. »Ich bedanke mich sehr, dass Sie diese Chance ergriffen haben. Und für Ihre Liebenswürdigkeit bedanke ich mich auch.«

Ein Wachmann trat ein. Er räusperte sich, um sich bemerkbar zu machen. »Bitte entschuldigen Sie, Mylady. In Kürze beginnt die Sendung. Die Maskenbildner würden gern« – er machte eine verlegene Geste – »Ihre Haare und so überprüfen.«

Ich nickte. »Danke. Ich bin gleich so weit.«

Nachdem er verschwunden war, wandte ich mich wieder den Jungs zu. »Ich hoffe, Sie verzeihen mir diese Gruppen-Verabschiedung. Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Gute für die Zukunft.«

Beim Hinausgehen hörte ich einen Chor gemurmelter Abschiedsworte. Sobald sich die Türen des Männersalons hinter mir geschlossen hatten, holte ich tief Luft und bereitete mich auf die kommende Ansprache vor.

Ich bin Eadlyn Schreave, und niemand auf der Welt ist so mächtig wie ich.

Nun, da weder Mom und ihre Hofdamen auf den Fluren unterwegs waren, noch Ahrens Gelächter die Gänge erfüllte, war es im Palast gespenstisch still. Nichts machte einem die Gegenwart eines Menschen mehr bewusst als sein Verschwinden.

Auf meinem Weg hinunter zum Studio hielt ich mich so aufrecht wie möglich.

»Eure Hoheit«, begrüßten mich einige Leute, als ich durch die Tür kam. Sie knicksten oder verbeugten sich und traten zur Seite, wobei sie es vermieden, mich anzusehen. Es war schwer zu sagen, ob sie das aus Mitgefühl taten oder weil sie bereits wussten, was ich gleich verkünden würde.

»Oh«, sagte ich beim Blick in den Spiegel. »Mein Gesicht glänzt ein bisschen. Könnten Sie bitte …«

»Natürlich, Eure Hoheit.« Fachmännisch trug eine junge Maskenbildnerin Puder auf mein Gesicht auf.

Ich strich den hohen Spitzenkragen meines Kleids glatt. Schwarz war mir heute Morgen beim Anziehen in Anbetracht der Stimmung im Palast sehr passend erschienen. Doch jetzt kamen mir Zweifel.

»Ich wirke zu ernst«, sprach ich meine Bedenken laut aus. »Nicht auf seriöse Weise ernst, sondern auf besorgte Weise ernst. Und das ist das falsche Signal.«

»Sie sehen wunderschön aus, Mylady.« Die Maskenbildnerin schminkte meine Lippen nach. »Genau wie Ihre Mutter.«

»Nein, tue ich nicht«, klagte ich. »Ich habe weder ihre Haare noch ihre Haut, noch ihre Augen.«

»Das meine ich nicht.« Die freundliche, dralle junge Frau, der ein paar Locken in die Stirn fielen, stand neben mir und betrachtete mein Spiegelbild. »Schauen Sie«, sagte sie und deutete auf meine Augen. »Sie haben zwar nicht die gleiche Farbe, strahlen aber die gleiche Entschlossenheit aus. Und auf Ihren Lippen liegt das gleiche hoffnungsvolle Lächeln. Vom Typ her ähneln Sie Ihrer Großmutter, doch Sie sind durch und durch die Tochter Ihrer Mutter.«

Ich betrachtete mich im Spiegel und erkannte ungefähr, was sie meinte. Für einen ganz kurzen Moment fühlte ich mich weniger einsam.

»Danke. Das bedeutet mir sehr viel.«

»Wir alle beten für die Königin, Mylady. Sie ist eine Kämpfernatur.«

Trotz meiner düsteren Stimmung musste ich schmunzeln. »Das ist sie.«

»Noch zwei Minuten!«, rief der Regisseur. Ich stieg auf das mit Teppich ausgelegte Podium, richtete mein Kleid und zupfte an meinen Haaren. Im Studio war es kühler als gewöhnlich, selbst unter den Scheinwerfern, und ich bekam eine Gänsehaut, als ich hinter dem freistehenden Pult meinen Platz einnahm.

Gavril trat zu mir und lächelte mich mitfühlend an. Er trug schlichtere Kleidung als sonst, sah aber immer noch sehr elegant aus. »Wollen Sie das wirklich tun? Ich übernehme das gern für Sie.«

»Danke, aber ich glaube, das muss ich selbst machen.«

»Wie Sie meinen. Und, wie geht es der Königin?«

»Vor einer Stunde ging es ihr einigermaßen gut. Die Ärzte haben sie in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt, damit sie sich erholen kann. Doch sie sieht sehr mitgenommen aus.« Ein paar Sekunden lang schloss ich die Augen, um mich zu beruhigen. »Bitte entschuldigen Sie. Das nimmt mich ziemlich mit. Aber zumindest komme ich besser damit zurecht als mein Vater.«

Gavril schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass es jemanden noch härter treffen könnte als ihn. Seit sie sich begegnet sind, hängt er mit jeder Faser seines Herzens an ihr.«

Ich dachte an den vergangenen Abend, an die Fotowand im Zimmer meiner Eltern und an all die Einzelheiten ihrer Liebesgeschichte, die sie mir erst kürzlich enthüllt hatten. Ich konnte mir noch immer keinen Reim darauf machen, warum man für die Liebe kämpfen und zahllose Hindernisse überwinden sollte, nur damit man dann am Ende trotzdem derart hilflos dastand.

»Sie waren doch dabei, Gavril. Sie haben das Casting meines Vaters miterlebt.« Ich schluckte; noch immer hatte ich meine Fassung nicht ganz zurückgewonnen. »Funktioniert es wirklich? Und wenn ja, wie?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ihr Casting ist jetzt das dritte, das ich verfolge, Hoheit, und dennoch kann ich Ihnen nicht erklären, wie es funktioniert – wie eine Art Lotterie einem Menschen den Seelengefährten bringen kann. Aber so viel kann ich Ihnen sagen: Ich habe Ihren Großvater nicht gerade bewundert, doch er hat Königin Amberly behandelt, als sei sie der wichtigste Mensch auf Erden. So übel er mit allen anderen umsprang, so großherzig war er ihr gegenüber. Sie bekam stets nur seine Schokoladenseite zu sehen, im Gegensatz zu … Jedenfalls, er hat die richtige Frau gefunden.«

Ich blinzelte und fragte mich, was er mir verschwieg. Ich wusste, dass Großvater ein strenger Herrscher gewesen war, aber wenn ich genau darüber nachdachte, war das auch so ziemlich das Einzige, was ich über ihn wusste. Dad redete nie darüber, wie er als Ehemann und Vater gewesen war, und ich selbst hatte mich immer mehr für meine Großmutter interessiert.

»Und Ihr Vater? Ich glaube, er hatte keine Ahnung, wonach genau er suchte. Genauso wenig wie Ihre Mutter – wenn mich nicht alles täuscht. Aber sie ergänzte ihn in jeder Hinsicht perfekt. Alle um sie herum erkannten das, lange, bevor die beiden selbst es bemerkten.«

»Wirklich?«, fragte ich. »Meine Eltern wussten es nicht?«

Er verzog das Gesicht. »Es war wohl eher so, dass Ihre Mutter es nicht wusste.« Er guckte mich bedeutungsvoll an. »Wie es scheint, liegt das in der Familie.«

»Gavril, Sie sind einer der wenigen Menschen, denen ich das anvertrauen kann. Es stimmt nicht, dass ich nicht weiß, nach was für einem Mann ich suche. Ich war nur überhaupt noch nicht für die Suche bereit.«

»Aha. Ich habe mich schon gewundert.«

»Trotzdem stehe ich jetzt hier.«

»Und dann auch noch allein, was mir aufrichtig leidtut. Doch wenn Sie sich entschließen, mit dem Casting weiterzumachen – und nach den gestrigen Ereignissen würde Ihnen niemand einen Vorwurf machen, wenn Sie es nicht täten –, können nur Sie eine so wichtige Entscheidung treffen.«

Ich nickte. »Das ist mir bewusst. Deshalb macht es mir auch so viel Angst.«

»Noch zehn Sekunden«, rief der Regisseur.

Gavril tätschelte mir die Schulter. »Ich bin für Sie da und stehe Ihnen auf jede erdenkliche Weise bei, Eure Hoheit.«

»Danke.«

Ich wandte mich zur Kamera und straffte die Schultern. Als das rote Lämpchen aufleuchtete, versuchte ich, ganz ruhig zu wirken.

»Guten Morgen, Illeá. Ich, Prinzessin Eadlyn Schreave, möchte Sie über die jüngsten Ereignisse unterrichten, die die königliche Familie betreffen. Als Erstes möchte ich Ihnen die gute Nachricht mitteilen.« Ich gab mir wirklich alle Mühe zu lächeln, doch ich musste die ganze Zeit daran denken, wie allein ich mich fühlte.

»Mein geliebter Bruder, Prinz Ahren Schreave, hat Prinzessin Camille de Sauveterre von Frankreich geheiratet. Obwohl der Zeitpunkt ihrer Hochzeit für uns alle eine kleine Überraschung war, mindert das nicht unsere Freude für das glückliche Paar. Ich hoffe also, Sie schließen sich meinen guten Wünschen an: Mögen die beiden eine überaus harmonische, lange Ehe führen.«

Ich machte eine kleine Pause. Du kannst das, Eadlyn.

»Die schlechte Nachricht ist, dass meine Mutter, America Schreave, Königin von Illeá, gestern Abend einen schweren Herzinfarkt erlitten hat.«

Wieder machte ich eine Pause. Es fühlte sich an, als hätten die Worte einen kleinen Wall in meiner Kehle errichtet, der mir das Sprechen immer schwerer machte.

»Sie befindet sich in einem kritischen Zustand und wird rund um die Uhr medizinisch überwacht. Bitte be…«

Ich hielt mir die Hand vor den Mund, denn ich war kurz davor zu weinen. Ich war kurz davor, in einer Livesendung die Fassung zu verlieren. Schwach zu wirken war angesichts dessen, was mir Ahren über die Meinung des Volkes über mich offenbart hatte, allerdings das Letzte, was ich jetzt gebrauchen konnte.

Ich schaute zu Boden. Mom brauchte mich. Dad brauchte mich. Vielleicht brauchte mich das Land ja auch ein bisschen. Ich durfte die Menschen nicht enttäuschen. Ich blinzelte die Tränen weg und fuhr fort: »Bitte beten Sie für die rasche Genesung der Königin. Denn wir alle verehren sie und bedürfen nach wie vor ihrer Führung.«

Ich atmete tief ein. Es war die einzige Möglichkeit, um weiterzumachen. Einatmen, ausatmen.

»Meine Mutter hält viel vom Casting, denn es hat, wie Sie alle wissen, zur langen und glücklichen Ehe meiner Eltern geführt. Daher habe ich beschlossen, ihrem innigsten Wunsch zu entsprechen und mit meinem eigenen Casting fortzufahren. Angesichts der belastenden Situation während der letzten vierundzwanzig Stunden halte ich es für das Klügste, die Zahl meiner Bewerber deutlich zu verringern. Mein Vater reduzierte seinerzeit aufgrund besonderer Umstände die Elite von zehn auf sechs Mitglieder, und ich habe nun das Gleiche getan. Die folgenden sechs Gentlemen sind eingeladen, weiter am Casting teilzunehmen: Sir Gunner Croft, Sir Kile Woodwork, Sir Ean Cale, Sir Hale Garner, Sir Fox Weasley und Sir Henri Jakoppi.«

Die Namen hatten etwas seltsam Tröstliches. Es war, als spürte ich, wie stolz die sechs Kandidaten in diesem Augenblick waren. Als könnte ich selbst von Ferne diesen glanzvollen Moment mit ihnen teilen.

Nun hatte ich es schon fast hinter mir. Die Leute wussten, dass Ahren fort war, dass meine Mutter sterben könnte und dass das Casting weitergehen würde. Jetzt kam die Neuigkeit, vor deren Überbringung ich mich am meisten fürchtete. Dank Ahrens Brief wusste ich genau, was das Volk über mich dachte. Welche Reaktionen würde meine Ankündigung provozieren?

»Da der Zustand meiner Mutter sehr bedenklich ist, hat mein Vater, König Maxon Schreave, beschlossen, an ihrer Seite zu bleiben.« Mach schon. »Er hat mich zur Regentin bestimmt, bis er sich wieder in der Lage fühlt, seinen Pflichten nachzukommen. Daher übernehme ich bis auf weiteres alle Regierungsgeschäfte. Ich tue das schweren Herzens, aber ich bin froh, wenn ich meinen Eltern auf diese Weise die nötige Ruhe verschaffen kann. Zu all diesen Angelegenheiten werden wir Sie weiter auf dem Laufenden halten. Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen einen schönen Tag.«

Die Kameras wurden abgeschaltet, ich verließ das Podium und setzte mich auf einen der Stühle, die gewöhnlich für meine Familie reserviert waren. Mir war übel, und wenn man mich gelassen hätte, hätte ich sicher für Stunden dort gesessen und versucht, meine Fassung wiederzugewinnen. Aber es gab zu viel zu tun. Als Erstes musste ich noch mal nach Mom und Dad sehen und mich dann gleich an die Arbeit machen. Und irgendwann später würde ich mich auch noch mit der Elite treffen müssen.

Beim Verlassen des Studios blieb ich jäh stehen, denn eine Reihe von Gentlemen versperrte mir den Weg. Als Erstes sah ich Hale. Bei meinem Anblick hellte sich sein Gesicht auf, und er hielt mir eine Blume hin. »Für Sie.«

Ich schaute die Jungs der Reihe nach an und stellte fest, dass sie alle Blumen dabeihatten. An einigen hingen sogar noch die Wurzeln. Als sie ihre Namen gehört hatten, mussten sie rasch in den Garten geeilt und dann hier heruntergekommen sein.

»Ihr Idioten«, seufzte ich. »Danke.«

Ich nahm Hales Blume und umarmte ihn.

»Ich weiß, ich habe Ihnen eine Sache pro Tag versprochen«, flüsterte er, »aber lassen Sie es mich wissen, wenn ich auf zwei erhöhen soll, einverstanden?«

Ich umarmte ihn noch ein bisschen fester. »Danke.«

Ean war der Nächste, und obwohl wir uns bisher nur bei der Fotosession während unserer Verabredung berührt hatten, umarmte ich auch ihn.

»Ich habe den Eindruck, als hätte man Sie dazu genötigt«, murmelte ich leise.

»Ich habe meine aus einer Vase im Flur genommen. Bitte verraten Sie mich nicht bei der Dienerschaft.«

Ich klopfte ihm auf den Rücken, und er tat das Gleiche bei mir.

»Sie wird es überstehen«, beschwor er mich. »Sie alle werden es überstehen.«

Kile hatte sich den Finger an einem Dorn gestochen, und während wir uns umarmten, hielt er seine blutende Hand unbeholfen von meinem Kleid fern. Es brachte mich zum Lachen, und das war genau das, was ich jetzt brauchte.

»Für Lächeln«, sagte Henri, und ich fügte seine Blume meinem improvisierten Strauß hinzu.

»Gut, gut«, erwiderte ich, und er lachte mich an.

Selbst Erik hatte eine Blume. Ich musste ein wenig grinsen, als ich sie entgegennahm.

»Das ist ein Löwenzahn«, stellte ich fest.

Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß. Manche halten es für Unkraut, andere für eine Blume. Ansichtssache.«

Ich schlang meine Arme um ihn und bemerkte, wie er die anderen Jungs beobachtete. Er schien sich nicht ganz wohl dabei zu fühlen, dass er die gleiche Behandlung bekam wie sie.

Gunner räusperte sich, er bekam kaum ein Wort heraus, aber er umarmte mich sanft, bevor ich weiterging.

Fox hielt drei Blumen in der Hand. »Ich konnte mich nicht entscheiden.«

Ich lächelte. »Sie sind alle schön. Danke.« Fox’ Umarmung war besonders fest – so als brauchte er sie mehr als die anderen.

Ich musterte meine Elite. Nein, die ganze Veranstaltung ergab keinen Sinn, aber ich verstand jetzt, wie es passierte – wie das Herz sich bei diesem Unterfangen mitreißen lassen konnte. Und das war meine Hoffnung: dass sich Pflichterfüllung und Liebe irgendwie vermischen und ich mich selbst glücklich darin wiederfinden würde.

2

Moms Hand fühlte sich überaus zart, fast pergamenten an. Unwillkürlich dachte ich daran, wie Wasser die Kanten eines Steins glattschliff. Ich lächelte. Mom musste einmal ein sehr rauer Stein gewesen sein.

»Hast du jemals Fehler gemacht?«, fragte ich. »Hast du jemals die falschen Dinge gesagt, die falschen Dinge getan?«

Ich wartete auf eine Antwort, doch da war nichts außer dem Brummen der Maschinen und dem Piepen des Monitors.

»Tja, du und Dad, ihr habt euch öfter gestritten, also musst du wohl manchmal falschgelegen haben.«

Ich drückte ihre Hand fester und versuchte, sie zu wärmen.

»Übrigens, ich habe das Volk informiert. Jetzt wissen alle, dass Ahren geheiratet hat und du im Moment ein wenig … indisponiert bist. Und ich habe bis auf sechs alle Casting-Teilnehmer nach Hause geschickt. Das ist zwar ein ziemlicher Einschnitt, aber Dad meinte, es sei okay und dass er es bei seinem Casting auch so gemacht habe. Es sollte sich also niemand groß darüber aufregen.« Ich seufzte. »Aber wahrscheinlich werden die Leute dennoch einen Weg finden, sich über mich zu ärgern.«

Ich blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten. Hoffentlich spürte sie meine Angst nicht. Die Ärzte glaubten, dass der Schock über Ahrens Abreise der Auslöser für ihren gegenwärtigen Zustand gewesen war. Aber ich fragte mich trotzdem, ob ich nicht tagtäglich zu ihrem Stress beigetragen hatte. Als hätte ich ihr in so winzigen Dosen Gift verabreicht, dass sie die Wirkung zunächst gar nicht bemerkte. Bis es irgendwann zu viel wurde.

»Wie dem auch sei, sobald Dad wieder hier ist, werde ich verschwinden und meine erste Kabinettssitzung leiten. Er meint, es sollte mir nicht allzu schwerfallen. Und ganz ehrlich, ich glaube ja, dass General Leger im Moment den schwierigsten Job von allen hat. Vorhin hat er versucht, Dad dazu zu bringen, etwas zu essen, obwohl der absolut nicht von deiner Seite weichen wollte. Doch der General hat darauf bestanden, und schließlich hat Dad nachgegeben. Ich bin so froh, dass er da ist. Also, ich meine General Leger. Er ist fast so was wie ein zusätzlicher Elternteil.«

Ich drückte nochmals ihre Hand und beugte mich vor: »Bitte lass nicht zu, dass der General zum Dauerersatz wird, okay? Ich brauche dich noch immer. Und Kaden und Osten brauchen dich auch. Und Dad … Er wirkt so, als würde er es nicht überleben, wenn du gehst. Wenn die Ärzte dich also aufwecken, dann komm zu uns zurück, ja?«

Ich wartete auf ein Mundwinkelzucken oder eine Bewegung ihrer Finger. Auf irgendetwas, das zeigte, dass sie mich hören konnte. Nichts.

Im gleichen Augenblick kam Dad herein und direkt hinter ihm General Leger. Verstohlen wischte ich mir über die Wangen und hoffte, die beiden würden es nicht bemerken.

»Sehen Sie«, sagte General Leger, »sie ist stabil. Die Ärzte hätten Bescheid gesagt, wenn sich ihr Zustand verändert hätte.«

»Trotzdem ziehe ich es vor, bei ihr zu sein.« Dad klang sehr entschieden.

»Dad, du warst nicht mal zehn Minuten weg. Hast du überhaupt was gegessen?«

»Ich habe gegessen. Sagen Sie es ihr, Aspen.«

General Leger seufzte. »Na ja, meinetwegen wollen wir es mal als Essen gelten lassen.«

Dad warf ihm einen Blick zu, der auf manche Menschen sicher bedrohlich gewirkt hätte, den General aber nur zum Schmunzeln brachte. »Ich werde sehen, ob ich etwas zu essen hier hereinschmuggeln kann, damit Sie bei ihr bleiben können.«

Dad nickte. »Und passen Sie auf meine Tochter auf.«

»Selbstverständlich.« General Leger zwinkerte mir zu. Ich erhob mich und folgte ihm aus dem Zimmer, wobei ich einen letzten prüfenden Blick auf Mom warf.

Sie schlief noch immer.

Im Flur bot der General mir den Arm an. »Sind Sie bereit, meine Beinah-Königin?«

Ich hakte mich bei ihm unter und lächelte. »Nein. Gehen wir.«

Auf dem Weg zum Sitzungssaal hätte ich General Leger beinah gebeten, mich noch eine weitere Runde über die Flure zu führen. Der Tag war bereits so anstrengend gewesen, dass ich mir nicht sicher war, ob ich die Sitzung überstehen würde.

Blödsinn, sagte ich mir. Du hast schon Dutzende Male an diesen Sitzungen teilgenommen. Und fast immer hast du genau das gedacht, was Dad dann ausgesprochen hat. Ja, es ist das erste Mal, dass du den Vorsitz führst, aber diese Aufgabe hat seit jeher auf dich gewartet. Und ganz bestimmt wird es dir heute niemand schwermachen; schließlich hatte deine Mutter gerade einen Herzinfarkt!

Entschlossen öffnete ich die Tür zum Sitzungssaal, und General Leger folgte mir. Im Vorbeigehen achtete ich darauf, den anwesenden Herren zuzunicken: Sir Andrews, Sir Coddly, Mr Rasmus und einer Handvoll weiterer Männer, die ich seit Jahren kannte. Sie saßen bereits und ordneten ihre Stifte und Unterlagen. Lady Brice beobachtete voller Stolz, wie ich zum Platz meines Vaters ging. Genauso verhielt es sich auch mit dem General, der sich auf dem Stuhl neben ihr niederließ.

»Guten Morgen.« Ich setzte mich an den Kopf des Tisches und blickte auf die dünne Mappe vor mir. Gott sei Dank schien die heutige Agenda nicht sehr umfangreich zu sein.

»Wie geht es Ihrer Mutter?«, fragte Lady Brice ernst.

Ich hätte mir die Antwort auf ein Schild schreiben sollen, damit ich sie nicht dauernd wiederholen musste. »Sie schläft noch immer. Ich weiß nicht genau, wie ernst ihr Zustand im Augenblick ist, aber mein Vater ist bei ihr, und wir werden Sie selbstverständlich unterrichten, sobald sich etwas ändert.«

Lady Brice lächelte traurig. »Sie wird bestimmt wieder gesund. Sie war schon immer hart im Nehmen.«

Ich nickte. »Dann wollen wir mal loslegen, damit ich der Königin sagen kann, dass mein erster Tag im Job zumindest ein bisschen produktiv war.«

Im Saal war vereinzelt freundliches Lachen zu hören, aber mir selbst verging das Lächeln, als ich die erste Seite las, die man mir reichte.

»Das ist hoffentlich ein Scherz«, sagte ich trocken.

»Nein, Eure Hoheit.«

Ich schaute Sir Coddly an.

»Wir betrachten diese Hochzeit als vorsätzlichen Schachzug, um Illeá zu schwächen. Da weder der König noch die Königin ihre Zustimmung gegeben haben, hat Frankreich ihren Bruder quasi ›geraubt‹. Das kann als Verrat gewertet werden, und deshalb haben wir keine andere Wahl, als in den Krieg zu ziehen.«

»Sir, ich versichere Ihnen, das war kein Verrat. Camille ist eine vernünftige Frau.« Ich hasste es, das zugeben zu müssen. »Ahren ist der Romantische von den beiden, und ich bin sicher, er hat sie dazu gedrängt und nicht umgekehrt.«

Ich knüllte die Kriegserklärung zusammen, ich weigerte mich, sie auch nur einen Moment länger in Betracht zu ziehen.

»Mylady, das können Sie nicht tun«, mischte sich Sir Andrews ein. »Die Beziehungen zwischen Illeá und Frankreich sind seit Jahren angespannt.«

»Aber hier geht es mehr um eine persönliche Ebene als um die politische«, gab Lady Brice zu bedenken.

Sir Coddly wischte ihren Einwand mit einer Handbewegung beiseite. »Was die Angelegenheit noch viel schlimmer macht. Königin Daphne wird der königlichen Familie noch mehr emotionales Leid zufügen, wenn wir nicht reagieren. Diesmal müssen wir handeln. Sagen Sie es ihr, General!«

Lady Brice schüttelte frustriert den Kopf.

»Alles, was ich dazu sage, Eure Hoheit«, ergriff General Leger das Wort, »ist, dass wir innerhalb von vierundzwanzig Stunden unsere Streitkräfte in der Luft und am Boden mobilisieren können, wenn Sie es befehlen. Obwohl ich Ihnen definitiv nicht rate, diesen Befehl zu erteilen.«

Sir Andrews schnaubte. »Leger, sagen Sie ihr, was sie damit riskiert.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich kann kein Risiko erkennen. Ihr Bruder hat geheiratet. Mehr nicht.«

»Ganz genau«, sagte ich. »Bringt eine Hochzeit unsere beiden Länder in Wahrheit nicht einander näher? Ist das nicht der Grund, warum Prinzessinnen über Jahrhunderte mit Prinzen aus anderen Ländern vermählt wurden?«

»Aber das waren arrangierte Hochzeiten«, protestierte Coddly in einem Tonfall, der andeutete, dass ich für diese Diskussion ein wenig zu naiv war.

»Dasselbe gilt für diese Hochzeit«, entgegnete ich. »Wir alle wussten, dass Ahren und Camille eines Tages heiraten würden. Es ist nur schneller geschehen als erwartet.«

»Sie kapiert es nicht«, murmelte Coddly an Sir Andrews gewandt.

Sir Andrews schüttelte den Kopf in meine Richtung. »Eure Hoheit, es ist Verrat.«

»Sir, es ist Liebe.«

Coddly schlug mit der Faust auf den Tisch. »Niemand wird Sie ernst nehmen, wenn Sie jetzt nicht entschlossen agieren!«, brüllte er.

Nachdem das Echo seiner Stimme verklungen war, herrschte für einen Moment Stille im Saal, und keiner der Anwesenden rührte sich.

»Na schön«, antwortete ich ruhig. »Sie sind gefeuert.«

Coddly lachte und schaute die anderen Männer am Tisch an. »Sie können mich nicht feuern, Eure Hoheit.«

Ich legte den Kopf schief und schaute ihn an. »Ich versichere Ihnen, dass ich das kann. Im Augenblick bekleide ich hier den höchsten Rang, und Sie sind leicht zu ersetzen.«

Obwohl sie es zu verbergen suchte, sah ich, wie Lady Brice die Lippen zusammenpresste, um nicht lachen zu müssen. Ja, in ihr hatte ich definitiv eine Verbündete.

»Sie müssen kämpfen!«, beharrte Sir Coddly.

»Nein«, antwortete ich entschlossen. »Ein Krieg würde die ohnehin angespannte Situation nur noch weiter verschärfen und zu Verwerfungen zwischen uns und einem Land führen, an das wir nun durch Heirat gebunden sind. Wir werden nicht in den Krieg ziehen.«

Coddly senkte das Kinn und blinzelte. »Glauben Sie nicht, dass Sie ein bisschen zu emotional reagieren?«

Ich erhob mich, mein Stuhl schrappte hinter mir über den Boden. »Damit wollen Sie doch hoffentlich nicht andeuten, dass ich vielleicht zu weiblich reagiere? Denn, ja, ich bin in der Tat gerade sehr emotional.«

Die Augen unverwandt auf Coddly gerichtet, schritt ich an der Längsseite des Tisches entlang. »Meine Mutter liegt mit Schläuchen im Mund im Bett, mein Zwillingsbruder befindet sich auf einem anderen Kontinent, und mein Vater ist kurz davor, zusammenzubrechen.«

Genau gegenüber von Coddlys Platz blieb ich stehen. »Ich habe zwei jüngere Brüder, die ich in dieser Situation beruhigen muss, ein Land, das regiert werden will, und sechs junge Herren, die ein Stockwerk tiefer darauf warten, dass ich einem von ihnen einen Antrag mache.«

Coddly schluckte schwer, und ich verspürte nur ein ganz leises Schuldgefühl über die Befriedigung, die ich empfand. »Von daher bin ich gerade tatsächlich emotional. Jeder in meiner Lage und mit einem Herzen in der Brust wäre das. Und Sie, Sir, sind ein Idiot. Wie können Sie es wagen, mich aus einem so nichtigen Anlass in etwas so Ungeheuerliches hineinmanövrieren zu wollen? Ich bin faktisch die Königin, und Sie werden mich zu gar nichts zwingen.«

Ich marschierte zurück zum Kopfende des Tisches. »General Leger?«

»Ja, Eure Hoheit?«

»Gibt es etwas auf der Agenda, das nicht bis morgen warten kann?«

»Nein, Eure Hoheit.«

»Gut. Dann erkläre ich die Sitzung für beendet. Und ich rate Ihnen allen, sich in Erinnerung zu rufen, wer hier das Sagen hat, bevor wir uns wieder treffen.«

Sobald ich geendet hatte, standen alle außer Lady Brice und General Leger auf und verbeugten sich – ziemlich tief, wie ich bemerkte.

»Sie waren wundervoll, Eure Hoheit«, sagte Lady Brice, als wir nur noch zu dritt waren.

»Wirklich? Schauen Sie sich meine Hand an.« Ich hielt sie hoch.

»Sie zittern ja.«

Ich schloss meine Finger zur Faust, um das Zittern zu unterdrücken. »Alles, was ich gesagt habe, stimmt, oder? Sie können mich nicht dazu zwingen, eine Kriegserklärung zu unterschreiben?«

»Nein«, versicherte mir General Leger. »Wie Sie wissen, gab es schon immer ein paar Mitglieder des Kabinetts, die fanden, wir sollten Europa kolonialisieren. Ich nehme an, sie witterten die Chance, einen Vorteil aus Ihrer begrenzten Erfahrung zu ziehen, Hoheit, aber Sie haben alles richtig gemacht.«

»Dad würde keinen Krieg führen wollen. Seine Herrschaft stand immer im Zeichen des Friedens.«

»Ganz genau.« General Leger lächelte. »Er wäre sehr stolz auf Sie und wie Sie sich behauptet haben. Ich glaube, ich gehe gleich mal zu ihm und erzähle es ihm.«

»Sollte ich nicht mitkommen?« Plötzlich sehnte ich mich verzweifelt danach, zu hören, wie der kleine Monitor verkündete, dass Moms Herz noch immer schlug, sich noch immer abmühte.

»Sie müssen ein Land regieren. Ich komme so bald wie möglich zu Ihnen und bringe Sie auf den neuesten Stand.«

»Danke!«, rief ich, als er den Saal verließ.

Lady Brice verschränkte die Arme auf dem Tisch. »Fühlen Sie sich besser?«

Ich schüttelte den Kopf. »Mir war klar, wie viel Arbeit diese Position mit sich bringen würde. Ich habe stets einen Teil davon übernommen und dabei gesehen, dass mein Vater zehnmal mehr gearbeitet hat. Aber eigentlich hätte ich mehr Zeit haben sollen, um mich vorzubereiten. Jetzt diesen Platz einzunehmen, weil meine Mutter sterben könnte, ist sehr viel verlangt. Und dann bin ich noch keine fünf Minuten im Amt und soll schon entscheiden, ob wir in den Krieg ziehen? Damit hatte ich nicht gerechnet!«

»Okay, zunächst einmal: Sie müssen noch nicht perfekt sein«, beruhigte mich Lady Brice. »Das hier ist doch nur vorübergehend. Ihre Mutter wird sich wieder erholen, Ihr Vater wird seine Arbeit wiederaufnehmen, und Sie werden weiter lernen. Nur haben Sie dann diese großartige Erfahrung im Gepäck. Werten Sie diese Zeit als Chance.«

Ich atmete langsam aus. Vorübergehend. Chance. Okay.

»Außerdem lastet nicht alles auf Ihren Schultern. Dafür sind Ihre Berater ja da. Zugegeben, heute waren sie keine große Hilfe, aber wir sind bei Ihnen, so dass Sie nicht blind navigieren müssen.«

Nachdenklich biss ich mir auf die Lippe. »Na schön. Was soll ich also tun?«

»Erstens: Ziehen Sie es durch und feuern Sie Sir Coddly. Das beweist den anderen, dass Sie auch meinen, was Sie sagen. Es tut mir ein bisschen leid für ihn, aber ich glaube, Ihr Vater hat ihn nur als Advocatus Diaboli behalten, damit er ihm hilft, alle Seiten eines Problems zu betrachten. Vertrauen Sie mir, wir werden ihn nicht besonders vermissen«, sagte sie trocken. »Und zweitens: Betrachten Sie diese Zeit als Praxistraining für Ihre spätere Herrschaft. Umgeben Sie sich mit Menschen, denen Sie vertrauen können.«

Ich seufzte. »Ich habe das Gefühl, als hätten diese Menschen mich alle verlassen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Schauen Sie genauer hin. Vermutlich haben Sie gerade dort Freunde, wo Sie es nie erwarten würden.«

Und wieder sah ich Lady Brice in ganz neuem Licht. Sie war das dienstälteste Kabinettsmitglied; sie wusste in den meisten Situationen, wie Dad entscheiden würde. Und nicht zuletzt war sie eine weitere Frau im Saal.

Lady Brice sah mir fest in die Augen, damit ich wirklich verstand, was sie sagte. »Wer wird immer ehrlich zu Ihnen sein? Wer wird zu Ihnen stehen, nicht weil Sie königlicher Abstammung sind, sondern weil Sie Sie sind?«

Ich lächelte und wusste auf einmal genau, wen ich ansprechen musste.

3

»Ich?«

»Sie.«

»Sind Sie sicher?«

Ich fasste Neena bei den Schultern. »Sie sagen mir stets die Wahrheit, selbst wenn es nicht gerade das ist, was ich hören möchte. Sie haben meine schlimmsten Launen ertragen, und Sie sind zu klug, um Ihre Tage damit zu verbringen, meine Wäsche zusammenzulegen.«

Sie strahlte und blinzelte, um die Tränen zurückzuhalten. »Hofdame … Was bedeutet das überhaupt?«

»Nun, einerseits wären Sie mir eine Freundin, was Sie ohnehin bereits sind. Und dann helfen Sie mir bei den weniger glamourösen Aspekten meiner Position. Zum Beispiel koordinieren Sie meine Termine und sorgen dafür, dass ich das Essen nicht vergesse.«

»Das bekomme ich, glaube ich, hin«, sagte sie lächelnd.

»Uuuuuuund« – ich fuchtelte mit den Händen, um sie auf den wahrscheinlich aufregendsten Teil ihrer neuen Stellung vorzubereiten –, »es bedeutet auch, dass Sie diese Zofentracht nicht länger tragen müssen. Also ziehen Sie sich um.«

Neena schmunzelte. »Ich weiß nicht, ob ich etwas Angemessenes besitze. Aber bis morgen kann ich mir bestimmt etwas zusammensuchen.«

»Unsinn. Wählen Sie etwas aus meinem Kleiderschrank aus.«

Sie starrte mich mit offenem Mund an. »Das kann ich nicht.«

»Sie können es, und Sie müssen es.« Ich zeigte auf die breiten Schranktüren. »Ziehen Sie sich um und kommen Sie anschließend zu mir ins Büro. Und dann nehmen wir Stück für Stück in Angriff, was auf uns zukommt.«

Sie nickte und schlang die Arme um mich, als hätten wir das schon tausendmal getan.

»Ich danke Ihnen.«

»Ich danke Ihnen«, bekräftigte ich.

»Ich werde Sie nicht enttäuschen.«

Ich löste mich von ihr und sah sie an. »Das weiß ich. Und übrigens, Ihre erste Amtshandlung ist es, eine neue Zofe für mich zu finden.«

»Kein Problem.«

»Ausgezeichnet. Bis gleich.«

Beschwingt rauschte ich aus dem Zimmer. Nun, da ich tatkräftige Unterstützung hatte, fühlte ich mich besser. General Leger würde meine Verbindung zu Mom und Dad sein, Lady Brice meine oberste Beraterin, und Neena würde mich bei der täglichen Arbeit unterstützen.

Es war noch nicht mal ein Tag verstrichen, und schon verstand ich, warum Mom meinte, dass ich jemanden an meiner Seite brauchte. Und ich hatte auch immer noch die Absicht, diesen Jemand zu finden. Ich benötigte nur ein bisschen Zeit, um herauszufinden, wie.

 

Am Nachmittag des gleichen Tages lief ich draußen vor dem Herrensalon nervös auf und ab und wartete auf Kile. Von meinen unterschiedlichen Beziehungen zu den einzelnen Kandidaten war die zwischen ihm und mir die komplizierteste. Und doch war es am einfachsten, mit ihm den Anfang zu machen.

»Hey«, sagte Kile und kam auf mich zu, um mich zu umarmen. Hätte er das vor einem Monat getan, hätte ich wahrscheinlich die Wachen gerufen. Bei dem Gedanken musste ich unwillkürlich lächeln.

»Wie geht es dir?«

Ich überlegte einen Moment. »Schon seltsam – du bist der Einzige, der mich das bisher gefragt hat.« Wir lösten uns voneinander. »Ich glaube, es geht mir ganz gut. Jedenfalls solange ich beschäftigt bin. Aber sobald ich einen Moment Ruhe habe, bin ich ein einziges Nervenbündel. Dad ist ein Wrack, und es macht mich fix und fertig, dass Ahren nicht zurückgekommen ist. Ich dachte, Mom zuliebe würde er das tun, aber er hat nicht mal angerufen. Das wäre doch das mindeste gewesen, oder?«

Ich schluckte, denn ich war kurz davor, mich zu sehr aufzuregen.

Kile nahm meine Hand. »Überleg doch mal. Er ist nach Frankreich geflogen und hat am gleichen Tag geheiratet. Wahrscheinlich musste er jede Menge Dokumente ausfüllen und anderen Papierkram erledigen. Es kann sogar sein, dass er noch nicht mal mitbekommen hat, was passiert ist.«

Ich nickte. »Du hast recht. Es ist ihm nicht gleichgültig, das weiß ich. Er hat mir einen schonungslos offenen Brief hinterlassen, und das hätte er nicht getan, wenn ihm alles egal wäre.«

»Siehst du, da hast du es. Und was deinen Vater angeht: Vergangene Nacht sah er so aus, als wäre er selbst kurz davor, im Krankenflügel zu landen. Vielleicht gibt es ihm ein Gefühl von Kontrolle, bei deiner Mutter zu sein und über sie zu wachen, auch wenn das in Wahrheit gar nichts bringt. Sie hat das Schlimmste bereits überstanden, und sie ist schon immer eine Kämpfernatur gewesen. Erinnerst du dich noch an den Besuch dieses Botschafters?«

Ich grinste. »Du meinst den von der Paraguay-Argentinien-Union?«

»Genau!«, rief Kile. »Ich sehe es noch deutlich vor mir. Er war unglaublich unhöflich zu allen und ist an zwei Tagen nacheinander schon mittags betrunken vom Stuhl gekippt. Am Ende hat deine Mutter ihn bei den Ohren gepackt und aus dem Palast geschleift.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ja, daran erinnere ich mich. Und auch an die endlosen Telefonate mit dem Unions-Präsidenten danach, um diesen Vorfall aus der Welt zu schaffen.«

»Das ist unwichtig«, wischte Kile diesen Aspekt beiseite. »Denk nur daran, dass deine Mutter nicht alles tatenlos hinnimmt. Wenn etwas ihr Leben zu ruinieren droht, dann zerrt sie es raus auf die Straße.«

Ich lächelte. »Stimmt.«

Eine Weile standen wir schweigend da, was angenehm und beruhigend war. Noch nie war ich Kile so dankbar gewesen. »Heute bin ich für den Rest des Tages beschäftigt, aber vielleicht könnten wir den morgigen Abend zusammen verbringen?«

Er nickte. »Gern.«

»Wir haben eine Menge zu besprechen.«

Er zog die Augenbrauen hoch. »Was denn zum Beispiel?«

Aus dem Augenwinkel nahmen wir eine Bewegung wahr und drehten uns gleichzeitig um.

»Bitte entschuldigen Sie, Eure Hoheit«, sagte der Wachmann mit einer Verbeugung, »aber Sie haben Besuch.«

»Besuch?«

Er nickte, teilte mir aber nicht mit, wer es war.

Ich seufzte. »Na schön. Kile, ich melde mich später bei dir, okay?«

Kile drückte mir kurz die Hand. »Klar. Und sag Bescheid, wenn du Hilfe brauchst.«

Ich verabschiedete mich und ging lächelnd davon. Er meinte es ernst. Im Hinterkopf hatte ich das gute Gefühl, dass alle jungen Männer im Herrensalon an meine Seite eilen würden, wenn ich sie brauchte. Und das war ein Lichtblick an einem ansonsten schweren Tag.

Ich stieg die Treppe herab und überlegte, wer wohl gekommen war. Hätte die Person zur Familie gehört, hätte man sie in einen der Salons geführt. Und falls es ein Gouverneur oder irgendein anderer Würdenträger war, hätte er eine Visitenkarte nach oben geschickt. Wer war so wichtig, dass man ihn nicht offiziell ankündigte?

Als ich unten ankam, stand da die Antwort auf meine Frage. Und sein strahlendes Lächeln ließ mich nach Luft schnappen.

Marid Illeá hatte den Palast seit Jahren nicht mehr betreten. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er ein schlaksiger, mit der höflichen Konversation noch überforderter Vorpubertierender gewesen. Doch seine runden Wangen und der schlaksige Körperbau waren verschwunden. Stattdessen zeichneten sich kräftige Muskeln unter seinem Anzug ab. Marid sah mir in die Augen, während ich auf ihn zuging, und obwohl er einen üppig gefüllten Korb in Händen hielt, verbeugte er sich und lächelte, als wäre er von keiner Last beschwert.

»Eure Hoheit«, sagte er. »Bitte entschuldigen Sie, dass ich unangemeldet komme, aber als wir von Ihrer Mutter erfuhren, hatten wir sofort das Gefühl, etwas tun zu müssen. Deshalb …«

Er hielt mir den Korb hin. Er war voller Geschenke. Blumen, Bücher, Einmachgläser mit Suppe, deren Deckel mit Schleifen verziert waren, und sogar ein paar Backwaren, die so lecker aussahen, dass ich mich kaum zurückhalten konnte.

»Marid«, rief ich in einem Ton, der gleichzeitig Begrüßung, Frage und Ermahnung war. »In Anbetracht der Umstände ist das mehr, als wir erwarten durften.«

Er zuckte mit den Schultern. »Meinungsverschiedenheiten bedeuten nicht, dass man jedes Mitgefühl verliert. Unsere Königin ist krank, und das ist das mindeste, was wir tun können.«

Ich lächelte, sein plötzliches Auftauchen berührte mich. Ich gab einem Wachmann ein Zeichen.

»Bringen Sie den Korb bitte in den Krankenflügel.«

Der Mann nahm den Korb an sich, und ich wandte mich wieder Marid zu.

»Und deine Eltern wollten nicht kommen?«

Er versenkte die Hände in den Hosentaschen und verzog das Gesicht. »Sie hatten Angst, der Besuch könnte eher politisch als persönlich ausgelegt werden.«

Ich nickte. »Das verstehe ich. Aber bitte sag ihnen, dass sie sich darüber in Zukunft keine Sorgen machen müssen. Sie sind hier noch immer willkommen.«

Marid seufzte. »Da sind sie anderer Ansicht, nach ihrem … Abgang.«

Ich presste die Lippen zusammen, ich erinnerte mich noch allzu gut daran.

August Illeá und mein Vater hatten nach dem Tod meiner Großeltern eng zusammengearbeitet. Sie setzten alles daran, das Kastensystem so schnell wie möglich abzuschaffen. Doch August monierte, dass ihm der Wandel nicht schnell genug vonstattenging, also rief Dad ihm in Erinnerung, wer das Sagen hatte, und ermahnte ihn, den ursprünglichen Plan zu respektieren. Als es Dad nach einiger Zeit noch immer nicht gelungen war, das Stigma einer niedrigen Kastenzugehörigkeit vollkommen aus der Welt zu schaffen, meinte August, Dad solle seinen »hochwohlgeborenen Hintern« aus dem Palast schwingen und sich selbst davon überzeugen, was draußen los sei. Dad war stets ein geduldiger Mensch gewesen, August hingegen ein nervöser Hitzkopf. Am Ende gab es einen Riesenkrach. August und seine Frau Georgia packten ihre Sachen und ihren schüchternen Sohn und verließen in einem Wirbelsturm aus Kränkungen und Wut den Palast.

Seitdem hatte ich Marids Stimme ein-, zweimal im Radio gehört. Er hatte die politische Lage kommentiert oder Wirtschaftsprognosen abgegeben. Jetzt kam es mir seltsam vor, diese Stimme mit den Bewegungen seiner Lippen sowie seinem heiteren Lächeln in Einklang zu bringen, wo er doch in jüngeren Jahren hauptsächlich zusammengesunken in der Ecke gehockt hatte.