Selection – Die Kronprinzessin - Kiera Cass - E-Book

Selection – Die Kronprinzessin E-Book

Kiera Cass

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Beschreibung

Die romantischste Liebesgeschichte seit es Prinzen und Prinzessinnen gibt geht in die vierte Runde – aber dieses Mal wird ALLES anders! Die Liebesgeschichte um America, Maxon und Aspen hat ihr Ende gefunden – aber die Geschichte der ›Selection‹ ist noch lange nicht vorbei! Nun ist es an Maxons Tochter Eadlyn, der Kronprinzessin, sich ihren Prinzen aus 35 jungen Männern zu erwählen. Alles könnte perfekt sein, wäre da nicht ein Problem: Eadlyn hat dem Casting nur zugestimmt, um das aufgebrachte Volk mit einer glamourösen Show zu besänftigen. Und an die große Liebe glaubt sie sowieso nicht. Aber vielleicht glaubt die Liebe ja an Eadlyn! Fortsetzung der internationalen Bestseller-Serie ›Selection‹! Für Neueinsteiger und Fans

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 413




Kiera Cass

Selection – Die Kronprinzessin

Band 4

Aus dem Amerikanischen von Lisa-Marie Rust und Susann Friedrich

FISCHER E-Books

Inhalt

Widmung123456789101112131415161718192021222324252627282930313233Danksagung

Für Jim und Jennie Cass.

Aus vielerlei Gründen, aber hauptsächlich wegen Callaway.

1

Ich kann nicht für sieben Minuten die Luft anhalten. Ich schaffe nicht mal eine. Einmal habe ich versucht, eine Meile in sieben Minuten zu laufen, nachdem ich gehört hatte, dass manche Athleten dafür nur vier brauchen. Doch ich versagte kläglich, weil mich nach der Hälfte der Strecke Seitenstiche plagten.

Eine Sache gibt es jedoch, die ich in sieben Minuten geschafft habe, und die meisten Menschen würden das wohl ziemlich beeindruckend finden: Ich bin Königin geworden.

Um sieben winzige Minuten habe ich meinen Bruder Ahren geschlagen. Und deshalb gehört mir der Thron, der eigentlich seiner hätte werden sollen. Wären wir eine Generation früher geboren, hätte das keine Rolle gespielt. Ahren ist der männliche Nachkomme, also wäre Ahren auch Kronprinz geworden.

Leider ertrugen Mom und Dad es nicht, tatenlos zuzusehen, wie ihre Erstgeborene nur wegen einem unglückseligen (wenn auch ziemlich hübschen) Paar Brüste des Throns beraubt werden sollte. Also änderten sie das Gesetz, das Volk jubelte, und seitdem werde ich tagtäglich darauf vorbereitet, die nächste Herrscherin von Illeá zu werden.

Meine Eltern konnten nicht wissen, dass ihr Bestreben, Fairness in mein Leben zu bringen, mir sehr unfair vorkam.

Ich gab mir Mühe, mich nicht zu beklagen. Aber es gab Tage, manchmal auch Monate, in denen ich das Gefühl hatte, als ob man mir viel zu viel aufbürdete. Und es war wirklich viel zu viel – für jeden, nicht nur für mich.

 

Ich blätterte die Zeitung durch und stellte fest, dass es einen weiteren Zwischenfall gegeben hatte, diesmal in Zuni. Vor zwanzig Jahren war es Vaters erste Amtshandlung als König gewesen, das Kastensystem abzuschaffen. Während ich heranwuchs, ließ man es langsam auslaufen. Ich fand es immer noch völlig bizarr, dass die Leute einmal mit dieser beschränkenden und willkürlichen Klassifizierung hatten leben müssen. Mom war eine Fünf; Dad war eine Eins. Es ergab keinen Sinn, vor allem, weil keinerlei Unterschiede erkennbar waren. Woher sollte ich wissen, ob ich neben einer Sechs oder einer Drei herging? Und warum spielte das überhaupt eine Rolle?

Als Dad die Abschaffung des Kastensystems verkündet hatte, war das ganze Land begeistert gewesen. Er hatte damit gerechnet, dass die Veränderungen innerhalb einer Generation bequem umzusetzen wären – was bedeutete, dass es nun jeden Tag so weit sein müsste.

Doch so war es nicht, und dieser neuerliche Zwischenfall war nur der jüngste in einer ganzen Serie von Unruhen.

»Der Kaffee, Eure Hoheit«, sagte Neena und stellte die Tasse vor mir auf den Tisch.

»Danke. Sie können die Teller abräumen.«

Ich überflog den Artikel. Diesmal war ein Restaurant niedergebrannt worden, weil der Besitzer sich geweigert hatte, einen Kellner zum Küchenchef zu befördern. Der Kellner hatte behauptet, dass ihm die Beförderung versprochen, das Versprechen aber nie eingelöst worden sei. Und das läge allein an der früheren Kastenzugehörigkeit seiner Familie, da war er sich sicher.

Ich betrachtete das Foto mit den verkohlten Überresten des Gebäudes und wusste ehrlich nicht, auf wessen Seite ich stand. Der Restaurantbesitzer hatte das Recht, die Leute zu befördern oder zu entlassen, wie es ihm passte. Und der Kellner hatte das Recht, nicht als etwas angesehen zu werden, dass genau genommen nicht mehr existierte.

Ich legte die Zeitung beiseite und griff nach meiner Tasse. Dad würde sehr bestürzt sein. Zweifellos brütete er bereits darüber, wie er das geradebiegen konnte. Doch das Problem war – selbst wenn wir einen Streit aus der Welt schaffen konnten, konnten wir trotzdem nicht jedem Fall von Kasten-Diskriminierung Einhalt gebieten. Es war unmöglich zu überprüfen, und es geschah viel zu häufig.

Ich stellte meine Kaffeetasse ab und ging hinüber zu meinem Kleiderschrank. Es wurde Zeit, den Tag in Angriff zu nehmen.

»Neena«, rief ich. »Wissen Sie, wo das pflaumenfarbene Kleid ist? Das mit der Schärpe?«

Sie kniff die Augen zusammen und kam herbei, um mir beim Suchen zu helfen.

Neena war noch relativ neu im Palast. Sie stand erst seit sechs Monaten in meinen Diensten, nachdem meine letzte Zofe wegen Krankheit zwei Wochen lang ausgefallen war. Neena war gut auf meine Bedürfnisse eingestellt, und es war sehr viel angenehmer, sie um mich zu haben, also behielt ich sie. Außerdem bewunderte ich ihr gutes Auge für Mode.

Neena schaute in den riesigen Schrank. »Vielleicht sollten wir hier mal gründlich aufräumen.«

»Das können Sie gern machen, wenn Sie die Zeit dazu haben. Ich habe kein gesteigertes Interesse daran.«

»Nicht solange ich die Kleider für Sie da rausfische«, neckte sie mich.

»Stimmt genau!«

Sie steckte meinen Kommentar locker weg und lachte, während sie rasch meine Kleider und Hosen durchging.

»Es gefällt mir, wie Sie Ihre Haare heute tragen«, bemerkte ich.

»Danke.« Alle Zofen trugen Hauben, doch Neena war trotzdem sehr kreativ, was ihre Frisuren betraf. Manchmal umrahmten ein paar dicke schwarze Locken ihr Gesicht, ein anderes Mal wand sie die einzelnen Strähnen nach hinten, bis sie alle unter der Haube verschwunden waren. Jetzt gerade trug sie breite Zöpfe. Auf diese Weise bekam ihre Zofentracht jeden Tag eine individuelle Note.

»Ah! Da hinten ist es ja.« Neena zog das knielange Kleid hervor und breitete es über ihrem bloßen dunkelbraunen Arm aus.

»Perfekt! Und wissen Sie vielleicht auch, wo mein grauer Blazer ist? Der mit den dreiviertellangen Ärmeln?«

Sie starrte mich mit undurchdringlicher Miene an. »Ich werde definitiv Ordnung im Schrank schaffen.«

Ich kicherte. »Sie suchen, ich ziehe mich an.«

Ich streifte das Kleid über, bürstete mir die Haare und bereitete mich auf einen weiteren Tag als zukünftiges Gesicht der Monarchie vor. Mein Outfit war feminin genug, um mich nicht zu streng erscheinen zu lassen, doch gleichzeitig hinreichend seriös, damit man mich auch ernst nahm. Es war ein schmaler Grat, auf dem ich da jeden Tag wandelte.

Ich blickte in den Spiegel.

»Du bist Eadlyn Schreave«, sagte ich zu meinem Spiegelbild. »Du bist als Nächste an der Reihe, über dieses Land zu herrschen. Und du wirst die erste Frau sein, die das alleine tut. Niemand auf der Welt«, sagte ich zu mir, »ist so mächtig wie du.«

 

Dad war bereits im Büro und studierte mit gerunzelter Stirn die Zeitung. Bis auf die Augen sah ich ihm nicht sehr ähnlich. Mom allerdings auch nicht.

Mit dem dunklen Haar, dem ovalen Gesicht und meiner das ganze Jahr über leicht gebräunten Haut ähnelte ich meiner Großmutter mehr als alle anderen. Im Flur des dritten Stockwerks hing ein Gemälde von ihr, das sie am Tag ihrer Krönung zeigte. Als ich jünger war, hatte ich es immer wieder betrachtet und zu erraten versucht, wie ich wohl als Erwachsene aussehen würde. Auf dem Porträt war meine Großmutter fast so alt wie ich, und obwohl wir nicht völlig identisch aussahen, fühlte ich mich manchmal wie ein Echo von ihr.

Ich durchquerte das Zimmer und küsste Dad auf die Wange. »Guten Morgen.«

»Guten Morgen. Hast du die Zeitung gelesen?«, fragte er.

»Ja. Wenigstens ist diesmal niemand umgekommen.«

»Gott sei Dank nicht.« Das waren die schlimmsten Zwischenfälle – die, bei denen am Ende Menschen tot auf der Straße lagen oder einfach verschwanden. Aber es war auch furchtbar, die Namen junger Männer lesen zu müssen, die verprügelt wurden, nur weil sie mit ihren Familien in eine bessere Gegend ziehen wollten. Oder die von Frauen, die angegriffen wurden, weil sie einen Beruf anstrebten, der ihnen in der Vergangenheit nicht offengestanden hätte.

Manchmal waren diese Vorfälle schnell aufgeklärt, Täter und Motiv bald ausgemacht. Aber sehr viel häufiger waren wir mit jeder Menge Anschuldigungen und unbefriedigenden Antworten konfrontiert. Das mitzuerleben, erschöpfte mich, und ich wusste, für Dad war es noch schlimmer.

»Ich verstehe das nicht.« Er nahm seine Lesebrille ab und rieb sich die Augen. »Sie waren doch alle gegen das Kastensystem. Wir haben uns Zeit gelassen und alles nur schrittweise verändert, damit sich jeder daran gewöhnen konnte. Und jetzt brennen sie Häuser nieder.«

»Gibt es eine Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen? Könnten wir einen Ausschuss ins Leben rufen, der sich mit den Beschwerden befasst?« Wieder blickte ich auf das Zeitungsfoto. In einer Ecke beweinte der Sohn des Restaurantbesitzers den Verlust seiner Existenz. Im Grunde wusste ich bereits, dass die Beschwerden schneller eintreffen würden, als irgendjemand sich damit befassen konnte, aber ich wusste auch, dass Dad es nicht aushalten würde, gar nichts zu tun.

Dad sah mich an. »Ist es das, was du tun würdest?«

Ich lächelte. »Nein, ich würde meinen Vater fragen, was er tun würde.«

Er seufzte. »Das wird nicht immer möglich sein, Eadlyn. Du musst stark und entschieden agieren. Wie würdest du zum Beispiel diesen speziellen Fall regeln?«

Ich überlegte. »Ich glaube, das ist fast aussichtslos. Es gibt keine Möglichkeit, zu beweisen, dass dem Kellner wegen des alten Kastensystems die Beförderung verweigert wurde. Wir können lediglich untersuchen lassen, wer das Feuer gelegt hat. Diese Familie hat ihre Existenzgrundlage verloren, und dafür muss jemand zur Verantwortung gezogen werden. Mit Brandstiftung schafft man keine Gerechtigkeit.«

Über die Zeitung gebeugt schüttelte er den Kopf. »Ich glaube, du hast recht. Wie gern würde ich ihnen helfen. Aber was noch viel wichtiger ist, wir müssen herausfinden, wie wir dafür sorgen können, dass das nicht noch einmal passiert. Es greift um sich, Eadlyn, und das bereitet mir Sorge.«

Vater warf die Zeitung in den Mülleimer, dann stand er auf und ging zum Fenster. Seine Anspannung war ihm anzusehen. Manchmal machte ihm sein Amt große Freude – zum Beispiel wenn er Schulen besuchte, an deren Verbesserung er unermüdlich gearbeitet hatte. Oder wenn er miterlebte, wie Gemeinden aufblühten, weil sie sich von den Kriegen erholt hatten, die er beendet hatte. Allerdings wurden solche Gelegenheiten immer seltener. An den meisten Tagen sorgte er sich um den Zustand des Landes. Doch wenn Journalisten kamen, setzte er ein Lächeln auf – in der Hoffnung, seine gelassene Ausstrahlung würde irgendwie auf alle anderen abfärben. Mom half ihm, die Bürde seines Amtes zu tragen, doch letztendlich lag das Schicksal des Landes auf seinen Schultern. Und eines Tages würde es auf meinen liegen.

Eitel, wie ich war, machte ich mir jetzt schon Sorgen, frühzeitig graue Haare zu bekommen.

»Bitte mach eine Notiz für mich, Eadlyn. Damit ich daran denke, Gouverneur Harpen in Zuni zu schreiben. Oh, und schreib dazu, dass der Brief an Joshua Harpen gehen muss, nicht an seinen Vater. Ich vergesse immer wieder, dass er ja die letzte Wahl gewonnen hat.«

Ich notierte die Anweisungen in meiner eleganten Handschrift und stellte mir vor, wie erfreut Dad sein würde, wenn er die Nachricht nachher las. Er hatte mir früher ständig in den Ohren gelegen wegen meiner Handschrift.

Ich grinste in mich hinein, während ich zu ihm hinüberschaute, doch das Grinsen verging mir, als ich sah, wie er sich die Stirn rieb und verzweifelt über eine Lösung dieses Problems nachsann.

»Dad?«

Er wandte sich um und straffte unbewusst die Schultern, als ob er selbst vor mir stark sein müsste.

»Warum passiert das alles? Es war doch nicht immer so.«

Er hob die Augenbrauen. »Nein, das war es nicht«, sagte er fast wie zu sich selbst. »Zunächst schienen alle froh zu sein. Jedes Mal, wenn wir eine weitere Kaste auflösten, feierte das Volk ein Freudenfest. Erst in den letzten paar Jahren, seit alle Kasten offiziell abgeschafft sind, geht es bergab.«

Wieder starrte er aus dem Fenster. »Ich kann es mir nur so erklären: Denjenigen, die mit dem Kastensystem groß geworden sind, ist bewusst, wie viel besser die Verhältnisse nun sind. Im Vergleich zu früher ist es einfacher geworden, zu heiraten oder Arbeit zu finden. Die finanzielle Situation einer Familie wird nicht mehr von einem einzigen Beruf dominiert. Es gibt mehr Auswahl, was die Ausbildung betrifft. Doch diejenigen, die bereits ohne Kasten aufgewachsen sind, aber trotzdem ausgebootet werden … Vielleicht wissen sie sich nicht anders zu helfen als mit Gewalt.«

Er blickte mich an und zuckte die Schultern. »Ich brauche Zeit«, murmelte er. »Ich muss eine Art Aufschub erwirken, alles in Ordnung bringen und dann noch einmal neu ansetzen.« Die Sorgenfalten auf seiner Stirn waren nicht zu übersehen.

»Dad, ich fürchte, das geht nicht.«

Er schmunzelte. »Wir haben es schon einmal getan. Ich kann mich noch erinnern …«

Sein Blick veränderte sich. Er betrachtete mich einen Augenblick und schien mir stumm eine Frage zu stellen.

»Dad?«

»Ja?«

»Ist alles in Ordnung?«

Er blinzelte ein paarmal. »Ja, mein Schatz, ist schon gut. Wie wäre es, wenn du dich jetzt an die Haushaltskürzungen setzt? Wir können deine Ideen dazu heute Nachmittag durchgehen. Ich muss mit deiner Mutter sprechen.«

»Mache ich.« Mathematik war nicht meine Stärke, deshalb brauchte ich für die Berechnung von Finanzplänen und Haushaltskürzungen doppelt so lang wie jeder andere. Doch ich weigerte mich strikt, dass einer von Vaters Beratern mir mit dem Taschenrechner hinterherrechnete, um meine Schnitzer zu bereinigen. Selbst wenn ich die ganze Nacht hindurch arbeiten musste, ich achtete stets darauf, dass meine Berechnungen stimmten.

Ahren war ein Naturtalent in Mathe, doch ihn zwang man nie, an Besprechungen über Budgets, Flächenneunutzungen oder Gesundheitsvorsorge teilzunehmen. Wegen sieben dämlicher Minuten blieb ihm das alles erspart.

Dad tätschelte mir die Schulter, dann eilte er aus dem Zimmer. Ich brauchte länger als gewöhnlich, um mich auf die Zahlen zu konzentrieren. Die ganze Zeit musste ich an Dads Gesichtsausdruck denken, und ich wurde das ungute Gefühl nicht los, dass er etwas mit mir zu tun hatte.

2

Nachdem ich ein paar Stunden am Budgetbericht gearbeitet hatte, brauchte ich eine Pause. Ich zog mich in mein Zimmer zurück und gönnte mir eine Handmassage von Neena. Ich liebte diese kleinen Momente des Luxus in meinem Leben. Auch maßgeschneiderte Kleider, exotische Desserts, die eingeflogen wurden, nur weil es Donnerstag war, und ein nie zur Neige gehender Vorrat an schönen Sachen zählten zu diesen Vergünstigungen und waren bei weitem die angenehmste Seite meiner Position.

Mein Zimmer lag zum Garten hinaus, und während der Tag voranschritt, nahm das Licht einen warmen Honigton an, der die hohen Palastmauern erhellte. Ich konzentrierte mich auf die Hitze und Neenas bedächtige Finger.

»Jedenfalls, auf einmal hatte er einen ganz merkwürdigen Gesichtsausdruck. Es war, als ob er für einige Augenblicke seinen Körper verlassen hätte.«

Ich versuchte, ihr Vaters innerliche Abwesenheit heute Morgen zu beschreiben, aber es fiel mir schwer, es richtig rüberzubringen. Ich wusste nicht einmal, ob er Mom gefunden hatte oder nicht, weil er nicht mehr ins Büro zurückgekehrt war.

»Vielleicht ist er ja krank? Er wirkt müde in letzter Zeit.« Neenas Hände vollbrachten Wunderdinge, während sie redete.

»Finden Sie?«, fragte ich, denn den Eindruck hatte ich nicht. »Vielleicht ist er gestresst. Wie sollte es auch anders sein, bei all den Entscheidungen, die er treffen muss?«

»Und eines Tages werden Sie an seiner Stelle sein«, bemerkte sie mit einer Mischung aus Belustigung und Besorgnis.

»Und dann müssen Sie mich doppelt so häufig massieren.«

»Da bin ich mir nicht so sicher«, konterte sie. »Ich glaube, in ein paar Jahren probiere ich etwas Neues aus.«

Ich verzog das Gesicht. »Was würden Sie denn tun wollen? Es gibt nicht viele Stellungen, die besser sind, als im Palast zu arbeiten.«

Es klopfte an der Tür, und Neena hatte keine Gelegenheit mehr, meine Frage zu beantworten.

Ich erhob mich und warf mir den Blazer über, um präsentabel zu wirken. Dann bedeutete ich Neena mit einem Nicken, zu öffnen.

Mom kam zur Tür herein, gefolgt von einem zufrieden wirkenden Dad. So war es immer. Bei Staatsereignissen oder wichtigen Essen war Mom an Dads Seite oder stand direkt hinter ihm. Doch wenn sie einfach nur Mann und Frau waren – nicht König und Königin –, folgte er ihr überallhin.

»Hi, Mom.« Ich ging auf sie zu und umarmte sie.

Mom schob mir das Haar hinters Ohr und lächelte mich an. »Das Kleid steht dir hervorragend.«

Stolz trat ich einen Schritt zurück und glättete es mit den Händen. »Die Armbänder ergänzen es wunderbar, findest du nicht auch?«

Sie kicherte. »Hervorragender Blick fürs Detail.« Ab und zu gestattete mir Mom, Schmuck oder Schuhe für sie auszusuchen, aber oft geschah das nicht. Es machte ihr nicht so viel Spaß wie mir, und sie setzte auch nicht auf besondere Extras, um ihre Schönheit zu unterstreichen. Wobei sie das auch gar nicht nötig hatte. Ihr klassischer Stil gefiel mir.

Mom drehte sich um und berührte Neena an der Schulter. »Sie können sich zurückziehen«, sagte sie leise.

Sofort machte Neena einen Knicks und ließ uns allein.

»Stimmt etwas nicht?«, fragte ich.

»Nein, nein, mein Schatz. Wir wollen uns nur ungestört unterhalten.« Dad streckte die Hand aus und bedeutete uns, dass wir uns an den Tisch setzen sollten. »Es gibt da eine Sache, die wir mit dir besprechen möchten.«

»Eine Sache? Verreisen wir etwa?« Ich liebte es zu verreisen. »Bitte sagt mir, dass wir endlich ans Meer fahren. Wir sechs alle zusammen?«

»Nicht ganz. Nicht wir fahren irgendwohin, sondern wir werden Gäste empfangen«, erklärte Mom.

»Oh! Gäste! Wer kommt denn?«

Sie wechselten einen Blick. Dann fuhr Mom fort: »Du weißt, dass die Lage im Moment recht kritisch ist. Das Volk ist unruhig und unzufrieden, und wir finden keinen Weg, wie wir die angespannte Situation auflockern können.«

Ich seufzte. »Ja, das weiß ich.«

»Wir suchen nach einer Möglichkeit, die Moral zu stärken«, ergänzte Dad.

Das gefiel mir. Das Stärken der Moral beinhaltete normalerweise eine Feier. Und ich war ein großer Fan von Partys.

»Was habt ihr im Sinn?«, fragte ich und entwarf im Kopf bereits ein neues Kleid, was ich mir aber gleich wieder verkniff. Das war jetzt wohl kaum der passende Zeitpunkt für solche Gedanken.

»Nun«, begann Dad, »die Bevölkerung reagiert vor allem auf positive Ereignisse in unserer Familie. Als deine Mutter und ich geheiratet haben, war das eines der besten Jahre für unser Land. Und kannst du dich noch erinnern, wie die Menschen auf den Straßen gefeiert haben, als sie erfuhren, dass Osten unterwegs war?«

Ich lächelte. Ich war acht, als Osten geboren wurde, und würde nie vergessen, wie begeistert alle über die Verkündung der Schwangerschaft gewesen waren. Fast bis zum Morgengrauen hatte ich die Musik in meinem Zimmer gehört.

»Das war wundervoll.«

»Das war es. Und nun blickt das Volk auf dich. Nicht mehr lange, und du wirst Königin sein.« Dad schwieg einen Moment. »Wir haben überlegt, ob du vielleicht bereit wärst, etwas Öffentlichkeitswirksames zu tun. Etwas, das die Menschen begeistert, aber auch dir sehr viel nützen könnte.«

Ich kniff die Augen zusammen. Worauf wollte er hinaus? »Ich höre.«

Mom räusperte sich. »Du weißt ja, dass früher Prinzessinnen mit Prinzen aus anderen Ländern verheiratet wurden, um die internationalen Beziehungen zu festigen.«

»Du hast doch wohl absichtlich die Vergangenheitsform gebraucht, oder?«

Sie lachte, aber ich fand das gar nicht lustig.

»Ja.«

»Gut. Denn Prinz Nathaniel sieht aus wie ein Zombie, Prinz Hector tanzt wie einer, und wenn der Prinz der Deutschen Föderation bis Weihnachten nicht gelernt hat, was Körperpflege ist, dann sollte er nicht mehr eingeladen werden.«

Genervt rieb sich Mom die Schläfe. »Eadlyn, immer bist du so wählerisch.«

Dad zuckte die Schultern. »Vielleicht ist das nicht die schlechteste Eigenschaft«, sagte er und erntete einen wütenden Blick von Mom.

Ich runzelte die Stirn. »Wovon um Himmels willen redet ihr?«

»Du weißt, wie deine Mutter und ich uns kennengelernt haben«, fing Dad an.

Ich verdrehte die Augen. »Das weiß jeder. Eure Geschichte ist quasi ein Märchen.«

Bei diesen Worten wurden ihre Blicke weich, und ein Lächeln huschte über ihre Gesichter. Fast unmerklich schienen sich ihre Körper einander zuzuneigen. Dad biss sich auf die Lippe und schaute zu Mom.

»Hallo? Erstgeborene im Zimmer, ich muss doch sehr bitten!«

Mom wurde rot, Dad schluckte, dann fuhr er fort: »Das Casting hat bei uns sehr gut funktioniert. Und obwohl meine Eltern ihre Schwierigkeiten hatten, hat es bei ihnen auch gut geklappt. Deshalb … hatten wir gehofft …« Er zögerte und suchte meinen Blick.

Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand. Das Verfahren des Castings war mir bekannt, doch nie – nicht mal ansatzweise – war es als Option für einen von uns in Betracht gezogen worden.

»Nein.«

Mom hob beschwichtigend die Hände. »Hör uns doch einfach …«

»Ein Casting?«, brach es aus mir heraus. »Das ist doch wohl nicht euer Ernst!«

»Eadlyn, du benimmst dich absolut unvernünftig.«

Ich funkelte sie an. »Ihr habt versprochen – ihr habt versprochen –, dass ihr mich niemals wegen eines Bündnisses zu einer Heirat zwingen würdet. Das hier ist doch kein bisschen besser.«

»Lass uns ausreden«, drängte Mom mich.

»Nein!«, brüllte ich. »Ich werde das nicht tun.«

»Beruhige dich doch, Liebes.«

»Sprich nicht so mit mir. Ich bin kein Kind mehr!«

Mom seufzte. »Du benimmst dich aber wie eines.«

»Ihr zerstört mein Leben!« Ich fuhr mir mit den Fingern durch die Haare und holte ein paarmal tief Luft, in der Hoffnung, dass ich dadurch klarer denken konnte. Das würde ich nicht zulassen. Nur über meine Leiche.

»Es ist eine großartige Chance«, beharrte Dad.

»Ihr wollt mich an einen Fremden ketten!«

»Ich habe dir gesagt, dass sie sich stur stellen würde«, raunte Mom Dad zu.

»Ich frage mich, von wem sie das wohl hat«, gab er mit einem Lächeln zurück.

»Redet nicht über mich, als wäre ich nicht im Raum!«

»Tut mir leid«, sagte Dad. »Wir wollen nur, dass du mal darüber nachdenkst.«

»Was ist mit Ahren? Kann er das nicht übernehmen?«

»Ahren ist nicht der zukünftige König. Außerdem ist da noch Camille.«

Camille war die Kronprinzessin Frankreichs, und vor ein paar Jahren war es ihr mit ihrem herzigen Augenaufschlag gelungen, sich in Ahrens Herz zu stehlen.

»Dann lasst die beiden doch heiraten!«, flehte ich.

»Wenn ihre Zeit gekommen ist, wird Camille Königin. Und genau wie du wird sie ihren zukünftigen Mann bitten müssen, sie zu heiraten. Wenn Ahren das bestimmen könnte, wäre das eine Überlegung für uns. Aber so ist es nun mal nicht.«

»Und Kaden? Könnt ihr ihn das nicht machen lassen?«

Mom lachte trocken. »Er ist vierzehn! So lange können wir nicht warten. Das Volk braucht jetzt etwas, woran es sich freuen kann.« Sie schaute mich eindringlich an. »Und meinst du nicht auch, es wird langsam Zeit, dass du dir jemanden suchst, der an deiner Seite herrschen kann?«

Dad nickte. »Das stimmt. Es ist kein Amt, das man allein schultern sollte.«

»Aber ich will nicht heiraten«, insistierte ich. »Bitte zwingt mich nicht, das zu tun. Ich bin doch erst achtzehn.«

»Ich war genauso alt, als ich deinen Vater geheiratet habe«, stellte Mom fest.

»Ich bin noch nicht bereit«, beharrte ich. »Ich will keinen Ehemann. Bitte tut mir das nicht an.«

Mom streckte ihre Hand aus und legte sie auf meine. »Keiner tut dir irgendetwas an. Du würdest etwas für dein Volk tun. Du machst ihm ein großes Geschenk.«

»Du meinst, ich soll ein Lächeln aufsetzen, wenn mir in Wahrheit zum Weinen zumute ist?«

Sie runzelte kurz die Stirn. »Das ist schon immer Teil unseres Amtes gewesen.«

Ich starrte sie an und forderte stumm eine bessere Antwort ein.

»Eadlyn, warum lässt du dir nicht ein bisschen Zeit und denkst in Ruhe darüber nach?«, schlug Dad vor. »Mir ist klar, dass es sehr viel ist, was wir da von dir verlangen.«

»Heißt das, ich habe eine Wahl?«

Dad holte tief Luft und überlegte. »Nun ja, Liebes, wenn man es genau nimmt, hast du sogar fünfunddreißig Wahlmöglichkeiten.«

Ich sprang vom Stuhl auf und zeigte zur Tür. »Verlasst mein Zimmer!«, forderte ich sie auf. »Verlasst. Mein. Zimmer!«

Ohne ein weiteres Wort gingen sie hinaus.

Wussten sie denn nicht, wer ich war und zu was sie mich erzogen hatten? Ich war Eadlyn Schreave, und niemand auf der Welt war so mächtig wie ich.

Wenn sie glaubten, ich würde kampflos aufgeben, dann hatten sie sich geirrt.

3

Ich aß in meinem Zimmer zu Abend, ich wollte meine Familie im Moment nicht sehen. Ich war wütend auf sie alle. Auf meine Eltern, weil sie glücklich waren, auf Ahren, weil er sich vor achtzehn Jahren nicht ein bisschen mehr beeilt hatte, und auf Kaden und Osten, weil sie so jung waren.

Neena wuselte um mich herum. »Glauben Sie, Sie kommen damit durch?«, fragte sie, während sie mir nachschenkte.

»Ich denke immer noch darüber nach, wie ich es abwenden kann.«

»Wie wäre es, wenn Sie behaupteten, Sie liebten bereits jemanden?«

Ich schüttelte den Kopf und stocherte im Essen herum. »Ich habe die drei wahrscheinlichsten Kandidaten bei dem Gespräch mit meinen Eltern völlig niedergemacht.«

Sie stellte einen kleinen Teller mit Pralinen auf den Tisch, weil sie ganz richtig vermutete, dass mir die lieber waren als mit Kaviar garnierter Lachs.

»Dann vielleicht ein Wachmann? Bei den Zofen passiert das jedenfalls recht häufig«, schlug sie kichernd vor.

Ich schnaubte. »Für Sie mag das ja in Ordnung sein, aber so verzweifelt bin ich nicht.«

Ihr Lachen erstarb.

Mir war sofort klar, dass ich sie gekränkt hatte, aber es war nun mal die Wahrheit. Ich konnte mich nicht mit jemand ganz Normalem begnügen, und schon gar nicht mit einem Wachmann. Allein der Gedanke daran war reine Zeitverschwendung. Nein, ich musste das Ganze irgendwie anders abwenden.

»So habe ich es nicht gemeint, Neena. Aber das Volk von Illeá erwartet eben bestimmte Dinge von mir.«

»Natürlich.«

»Ich bin fertig. Sie können sich zurückziehen, ich stelle den Servierwagen hinaus auf den Flur.«

Sie nickte und verließ wortlos das Zimmer.

Ich futterte mich durch die Pralinen, dann beendete ich das Essen und schlüpfte in meinen Morgenmantel. Im Augenblick konnte ich mit Mom und Dad nicht weiterdiskutieren, und Neena verstand mich nicht. Ich musste mit dem einzigen Menschen reden, der meine Sicht der Dinge vielleicht nachvollziehen konnte. Mit dem Menschen, von dem ich manchmal den Eindruck hatte, er sei wie meine andere Hälfte. Ahren.

 

»Bist du beschäftigt?«, fragte ich und stieß die Tür zu Ahrens Zimmer auf.

Ahren saß an seinem Schreibtisch und schrieb. Sein blondes Haar war ein wenig zerzaust, aber sein Blick wirkte alles andere als müde. Es war fast unheimlich, wie sehr er den Fotos ähnelte, die Dad in jüngeren Jahren zeigten. Er trug noch immer die Kleidung vom Abendessen, hatte jedoch Jackett und Krawatte ausgezogen, um es sich etwas gemütlicher zu machen.

»Um Himmels willen, klopf gefälligst an.«

»Das ist ein Notfall.«

»Dann hol dir einen Wachmann«, gab er zurück und wandte sich wieder seinem Papier zu.

»Du bist schon der Zweite, der mir das vorschlägt«, murmelte ich leise. »Ich meine es ernst, Ahren. Ich brauche deine Hilfe.«

Ahren sah mich über die Schulter hinweg an und gab dann nach. Beiläufig schob er mit dem Fuß den Stuhl neben sich ein Stück zurück. »Komm rein.«

Ich setzte mich hin und seufzte. »Was schreibst du da?«

Rasch verdeckte er mit ein paar Briefbögen den, an dem er gerade geschrieben hatte. »Einen Brief an Camille.«

»Du weißt schon, dass du sie auch einfach anrufen kannst.«

Er grinste. »Oh, das werde ich. Und danach schicke ich ihr diesen Brief.«

»Das ergibt doch keinen Sinn! Was könnt ihr zu bereden haben, was ein ganzes Telefongespräch und einen Brief füllt?«

Er legte den Kopf schief. »Zu deiner Information: Briefe und Telefonate dienen unterschiedlichen Zwecken. Mit den Anrufen bringen wir uns auf den neuesten Stand, und ich erkundige mich danach, wie ihr Tag verlaufen ist. In den Briefen stehen dann die Dinge, die ich nicht immer sagen kann.«

»Ach wirklich?« Ich streckte die Hand nach dem Briefbogen aus.

Bevor ich auch nur in seine Nähe kam, packte Ahren mich am Handgelenk. »Ich bringe dich um«, schwor er.

»Nur zu. Dann bist du der Kronprinz, darfst an meiner Stelle das Casting durchlaufen und kannst dich schon mal von deiner heißgeliebten Camille verabschieden.«

Er runzelte die Stirn »Was?«

Ich sank auf meinem Stuhl zusammen. »Mom und Dad wollen die Stimmung im Volk verbessern. Zum Wohle Illeás«, sagte ich mit gespieltem Patriotismus, »haben sie beschlossen, dass ich ein Casting abhalten muss.«

Ich hatte großes Entsetzen erwartet. Und vielleicht eine mitfühlende Hand auf meiner Schulter. Aber mein einfühlsamer Bruder warf den Kopf zurück und lachte schallend.

»Ahren!«

Er konnte gar nicht mehr aufhören zu lachen, krümmte sich und schlug sich auf die Knie.

»Du zerknitterst deine Anzughose«, warnte ich ihn, was ihn noch mehr amüsierte. Dann verlor ich die Geduld. »Hör endlich auf, verdammt nochmal! Was soll ich bloß tun?«

»Weiß ich doch nicht! Wie kommen sie bloß auf den Gedanken, dass das funktionieren könnte!?«, sagte er immer noch grinsend.

»Was soll das denn jetzt heißen?«

Er zuckte die Schultern. »Wahrscheinlich habe ich gedacht, falls du überhaupt jemals heiraten solltest, dann irgendwann später. Ich vermute, das hat jeder gedacht.«

»Und was soll das wiederum heißen?«

Er nahm meine Hand – endlich die mitfühlende Geste, auf die ich gehofft hatte. »Nun komm schon, Eady. Du bist immer unabhängig gewesen. Das ist die Königin in dir. Du hast gern das Sagen und ziehst die Dinge allein durch. Ich hatte nicht erwartet, dass du dich mit jemandem zusammentun würdest, bevor du nicht – zumindest eine Weile – allein geherrscht hast.«

»Mich fragt ja keiner«, murrte ich, senkte ein wenig den Kopf, schaute dabei aber noch immer meinen Bruder an.

Er machte einen Schmollmund. »Arme kleine Prinzessin.«

Ich schlug seine Hand weg. »Sieben Minuten. Du hättest an meiner Stelle sein sollen. Ich würde auch viel lieber hier herumsitzen und schwülstige Briefe schreiben, anstatt ständig den ganzen dämlichen Papierkram erledigen zu müssen. Und dieser lächerliche Casting-Unsinn! Siehst du denn nicht, wie schrecklich das alles ist?«

»Wie bist du da überhaupt reingeraten? Ich dachte, sie hätten dieses Verfahren aufgegeben?«

Ich verdrehte die Augen. »Es hat überhaupt nichts mit mir zu tun. Das ist ja das Schlimme daran. In der Bevölkerung wächst der Widerstand, deshalb will Dad die Menschen auf andere Gedanken bringen.« Ich schüttelte den Kopf. »Es wird wirklich immer schlimmer, Ahren. Die Leute zerstören Häuser und Geschäfte. Es gab sogar Tote. Dad ist sich nicht ganz sicher, aus welcher Ecke es kommt, aber er vermutet, es sind Leute unseres Alters, die dafür verantwortlich sind. Aus der Generation, die ohne das Kastensystem aufgewachsen ist.«

Ahren verzog das Gesicht. »Das ergibt doch keinen Sinn. Wieso sollte das Aufwachsen ohne diese Beschränkungen die Menschen unzufrieden machen?«

Ich schwieg und überlegte. Wie konnte ich etwas erklären, was ich selbst nicht genau verstand? »Tja, mir wurde immer erzählt, dass ich eines Tages Königin sein würde. Und damit hatte es sich. Keine Wahlmöglichkeiten. Dir aber standen immer viele Wege offen. Du könntest beim Militär Karriere machen, du könntest Botschafter werden oder dir aus vielen anderen Berufen einen aussuchen. Doch was, wenn das in Wahrheit gar nicht so ist? Was, wenn du feststellen müsstest, dass du all diese Möglichkeiten doch nicht hast?«

»Hm. Dann verwehrt man ihnen also bestimmte Jobs?«, schlussfolgerte er.

»Jobs, Ausbildung, Geld. Ich habe von Menschen gehört, die ihren Kindern eine Heirat verbieten wegen der alten Kasten. Nichts läuft so, wie Dad es erwartet hat, und die Situation ist fast nicht zu kontrollieren. Wie sollen wir die Menschen dazu bringen, fair zu sein?«

»Und da sucht Dad jetzt nach einer Lösung?«, fragte Ahren skeptisch.

»Ja, und das Casting ist die Verschleierungstaktik, mit der er das Volk ablenken will, während er sich einen Plan zurechtlegt.«

Mein Bruder schmunzelte. »Das hört sich schon viel wahrscheinlicher an, als dass du plötzlich deine romantische Ader entdeckt haben könntest.«

»Hör schon auf, Ahren. Na schön, ich habe kein Interesse an einer Heirat. Warum spielt das überhaupt eine Rolle? Andere Frauen bleiben auch allein.«

»Aber von anderen Frauen wird auch nicht erwartet, dass sie einen Thronfolger zur Welt bringen.«

Wieder schlug ich nach ihm. »Hilf mir! Was soll ich bloß tun?«

Unsere Blicke trafen sich. Genau wie ich seine Gefühlslage jederzeit erkennen konnte, bemerkte er jetzt meine Angst. Ich war nicht verärgert oder wütend. Nicht entrüstet oder angewidert.

Ich hatte Angst.

Es war eine Sache, dass man von mir erwartete, zu herrschen und das Schicksal von Millionen Menschen in meinen Händen zu halten. Das war ein Job, eine Aufgabe. Da konnte ich die Dinge auf einer Liste abhaken und delegieren. Aber das hier war persönlich. Es war der Teil meines Lebens, der eigentlich nur mir gehören sollte. Doch plötzlich tat er es nicht mehr.

Ahrens spöttisches Lächeln erlosch, und er rutschte mit seinem Stuhl ein Stück näher an mich heran. »Wenn sie das Volk nur ablenken wollen, könntest du ihnen vielleicht etwas … anderes vorschlagen. Eine Heirat kann doch nicht die einzige Möglichkeit sein. Andererseits: Wenn Mom und Dad zu diesem Schluss gekommen sind, dann haben sie wahrscheinlich bereits alle anderen Optionen ausgeschöpft.«

Ich vergrub den Kopf in den Händen. Ich wollte ihm nicht erzählen, dass ich ihn und sogar Kaden als Alternative vorgeschlagen hatte. Er hatte recht, das spürte ich. Das Casting war ihre letzte Hoffnung.

»Es ist nun mal so, Eady. Du wirst die erste Frau sein, die aus eigener Kraft den Thron besteigen wird. Und die Menschen erwarten eine Menge von dir.«

»Als ob ich das nicht schon längst wüsste.«

»Aber«, fuhr er fort, »das gibt dir auch jede Menge Verhandlungsspielraum.«

Ich hob ein wenig den Kopf. »Was meinst du damit?«

»Wenn es für Mom und Dad wirklich unumgänglich ist, dass du das tust, dann mach einen Deal mit ihnen.«

Ich richtete mich kerzengerade auf und überlegte fieberhaft, um was ich sie bitten könnte. Vielleicht gab es einen Weg, das Casting schnell hinter mich zu bringen, und zwar ohne dass es in einem Antrag mündete.

Kein Antrag!

Wenn ich nur schnell genug redete, konnte ich Dad vielleicht dazu bringen, jeglicher Bedingung zuzustimmen, solange er sein Casting bekam.

»Verhandeln!«, flüsterte ich.

»Ganz genau.«

Ich erhob mich, packte Ahren an den Ohren und küsste ihn auf die Stirn. »Du bist mein Held!«

Er lächelte. »Für dich tue ich doch alles, meine Königin.«

Ich kicherte und versetzte ihm einen Stoß. »Danke, Ahren.«

»Mach dich an die Arbeit.« Er wies auf die Tür. Wahrscheinlich wollte er endlich seinen Brief fertigschreiben.

Ich lief zu meinem Zimmer, um mir ein paar Blätter Papier zu holen. Ich brauchte eine Strategie.

Als ich um die Ecke bog, stieß ich mit jemandem zusammen und fiel rücklings auf den Teppich.

»Au!«, beschwerte ich mich, blickte hoch und sah Kile Woodwork, den Sohn von Moms bester Freundin Marlee, vor mir stehen.

Kile und seine Familie bewohnten Zimmer auf dem gleichen Stockwerk wie wir – eine außerordentlich große Ehre. Oder ein Ärgernis, je nachdem, wie man zu den Woodworks stand.

»Ich muss doch sehr bitten«, schnappte ich.

»Ich bin nicht derjenige, der gerannt ist«, erwiderte er und hob die Bücher auf, die er fallen gelassen hatte. »Du solltest aufpassen, wo du hinläufst.«

»Ein Gentleman würde mir jetzt die Hand reichen«, erinnerte ich ihn.

Kiles Haare fielen ihm über die Augen, als er auf mich herabsah. Er hatte dringend einen neuen Haarschnitt und eine Rasur nötig, und sein Hemd war ihm zu groß. Ich wusste nicht, weswegen ich mich mehr schämte: dass er so schlampig aussah oder dass meine Familie sich mit solch einem Elend umgeben musste.

Besonders ärgerlich war, dass er auch anders konnte und gar nicht verwahrlost hätte herumlaufen müssen. Was war so schwer daran, sich mit dem Kamm durch die Haare zu fahren?

»Eadlyn, du hast mich doch noch nie für einen Gentleman gehalten.«

»Stimmt.« Ich rappelte mich aus eigener Kraft hoch und klopfte mir den Staub vom Morgenmantel.

Während der letzten sechs Monate war mir Kiles nervtötende Gesellschaft erspart geblieben. Er hatte in Fennley irgendeinen Kurs für Oberschlaue absolviert, und seit dem Tag seiner Abreise hatte seine Mutter über seine Abwesenheit gejammert. Ich wusste nicht, was er studierte, und es interessierte mich auch nicht groß. Doch jetzt war er wieder da und seine Gegenwart ein weiterer Stressfaktor auf einer ständig länger werdenden Liste.

»Und was bringt eine Lady wie dich überhaupt dazu, so zu rennen?«

»Angelegenheiten, die zu verstehen du viel zu beschränkt bist.«

Er lachte. »Richtig, weil ich ja so ein Einfaltspinsel bin. Ein Wunder, dass ich es überhaupt schaffe, mich ohne fremde Hilfe zu waschen und anzuziehen.«

Ich war kurz davor, ihn zu fragen, ob er sich überhaupt wusch, denn im Augenblick machte er eher den Eindruck, als ob er um alles einen großen Bogen machte, was einem Seifenstück auch nur im Entferntesten ähnelte.

»Ich hoffe, eines dieser Bücher ist ein Leitfaden für Etikette. Du hast wirklich eine Auffrischung nötig.«

»Noch bist du nicht Königin, Eadlyn. Schalt einen Gang runter.« Damit ging er davon, und ich ärgerte mich über mich selbst, weil ich nicht das letzte Wort gehabt hatte.

Doch dann eilte ich weiter. Ich hatte Wichtigeres zu tun, als meine Zeit mit Streitereien zu vergeuden oder mit irgendwelchem sonstigen Kram, der nicht unmittelbar damit zu tun hatte, das Casting zu beenden, noch bevor es richtig begonnen hatte.

4

»Ich möchte eines klarstellen«, sagte ich, während ich in Dads Arbeitszimmer Platz nahm. »Ich habe nicht den Wunsch zu heiraten.«

Er nickte. »Ich habe Verständnis dafür, dass du nicht gleich heute heiraten willst, aber es stand schon immer fest, dass du es eines Tages tun musst, Eadlyn. Du bist dazu verpflichtet, die königliche Linie fortzuführen.«

Ich hasste es, wenn er so über meine Zukunft sprach – als wären Sex, Liebe und Kinder keine schönen Dinge, sondern Pflichten, mit denen man sich nur befasste, um das Land zusammenzuhalten. Dabei war es doch das, worauf ich mich am meisten freute. Denn sollte das nicht das Beste an meinem Leben sein, die wahren Freuden?

Ich schüttelte die Gedanken ab und konzentrierte mich auf die vor mir liegende Aufgabe.

»Das verstehe ich ja. Und was die Wichtigkeit betrifft, so bin ich einer Meinung mit dir«, erwiderte ich diplomatisch. »Aber hast du dir während des Castings nie Gedanken gemacht, dass unter den fünfunddreißig Mädchen vielleicht gar nicht die Richtige für dich dabei ist? Oder dass die Mädchen aus den falschen Gründen teilnehmen könnten?«

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »In jedem wachen Moment und die halbe Zeit, wenn ich schlief.«

Er hatte mir ein paar vage Geschichten über ein Mädchen erzählt, das ihm so sehr nach dem Mund redete, dass er sie kaum ertragen konnte. Und dann über eine andere, die ständig versucht hatte, das Casting zu manipulieren. Ich kannte kaum Namen oder Einzelheiten, und das war mir auch recht so. Der Gedanke, Dad hätte sich möglicherweise statt in Mom in eine andere verlieben können, hatte mir nie gefallen.

»Und weil ich nun als erste Frau die Krone innehaben werde, bist du da nicht der Meinung, es sollte … einige Regeln geben, was die Männer betrifft, die am Casting teilnehmen?«

Er neigte den Kopf. »Sprich weiter.«

»Um sicherzustellen, dass es nicht irgendein Psychopath in den Palast schafft, wird man die möglichen Kandidaten doch bestimmt überprüfen, oder?«

»Natürlich.« Dad grinste, als ob dies keine berechtigte Sorge wäre.

»Ich traue trotzdem nun mal nicht jedem zu, dass er dieses Amt mit mir zusammen ausfüllen kann. Deshalb« – ich seufzte tief –, »willige ich nur dann in diese alberne Nummer ein, wenn du mir ein paar kleine Versprechen gibst.«

»Das Casting ist keine ›alberne Nummer‹. Es hat eine unglaubliche Erfolgsbilanz. Aber bitte, sag mir, was du willst.«

»Erstens: Die Teilnehmer sollen die Freiheit haben, auf eigenen Wunsch hin jederzeit abreisen zu können. Keiner soll sich verpflichtet fühlen, hierzubleiben, wenn ich oder das Leben im Palast ihm nichts bedeuten.«

»Dem stimme ich voll und ganz zu«, sagte Dad mit Nachdruck. Wie es schien, hatte ich einen Nerv getroffen.

»Wunderbar. Zweitens: Auch wenn du vielleicht gegen diese Idee bist – falls ich am Ende des Castings keinen passenden Kandidaten gefunden habe, blasen wir die Sache ab. Kein Prinz, keine Hochzeit.«

»Aha«, sagte er, beugte sich auf seinem Stuhl vor und wies anklagend mit dem Finger auf mich. »Wenn ich dir das zugestehe, wirst du sie alle am ersten Tag ablehnen. Du wirst es nicht einmal versuchen!«

Ich schwieg und überlegte. »Und wenn ich dir einen gewissen Zeitraum garantiere? Ich lasse das Casting, sagen wir, drei Monate laufen. Wenn ich danach keinen geeigneten Partner gefunden habe, werden alle Bewerber nach Hause geschickt.«

Er fuhr sich mit der Hand über den Mund und verlagerte sein Gewicht ein wenig, bevor er mich eindringlich ansah. »Eadlyn, du weißt, wie wichtig das ist, oder?«

»Selbstverständlich«, entgegnete ich, denn mir war der Ernst der Lage sehr wohl bewusst. Ich spürte: Ein falscher Schachzug, und mein Leben nahm einen Verlauf, den ich nie mehr würde korrigieren können.

»Du musst es machen, und du musst es gut machen. Zum Wohle aller. Unsere ganze Familie steht nun mal im Dienst unseres Volkes.«

Ich schaute zur Seite. Wenn überhaupt, dann hatte ich das Gefühl, als wären es Mom, Dad und ich, die sich opferten, während die anderen taten, was ihnen gefiel.

»Ich lasse dich nicht im Stich«, versprach ich ihm. »Tu du, was nötig ist. Verfolg deine Pläne, finde einen Weg, unser Volk zu besänftigen, und ich verschaffe dir die Zeit, um alles zusammenzuführen.«

Er betrachtete nachdenklich die Zimmerdecke. »Drei Monate? Und du schwörst, du wirst es versuchen?«

Ich hob die Hand. »Ich gebe dir mein Wort. Sogar schriftlich, wenn es sein muss, aber ich kann dir nicht versprechen, dass ich mich verliebe.«

»Oh, lass dich überraschen. Das geht vielleicht schneller, als du denkst«, sagte er wissend.

Aber ich war nicht er, und ich war nicht Mom. Und egal, wie romantisch er das alles fand, ich dachte an nichts anderes als an fünfunddreißig laute, unausstehliche, komisch riechende Jungs, die in mein Zuhause einfallen würden. Daran war nichts Zauberhaftes. Und erst recht nichts Romantisches.

»Dann ist das abgemacht.«

Ich stand auf, kurz davor, einen Freudentanz aufzuführen. »Wirklich?«

»Wirklich.«

Ich nahm seine Hand, und mit einem einzigen Schütteln besiegelte ich meine Zukunft. »Danke, Dad.«

Bevor er mein breites Grinsen bemerken konnte, lief ich aus dem Zimmer, wobei ich bereits darüber nachgrübelte, wie ich möglichst viele Teilnehmer dazu bringen konnte, aus freien Stücken abzureisen. Wenn es sein musste, konnte ich recht furchteinflößend wirken. Oder ich fand Mittel und Wege, den Palast in einen sehr ungastlichen Ort zu verwandeln. Und ich hatte eine Geheimwaffe, nämlich Osten, der der Durchtriebenste von uns allen war und den ich bestimmt nicht lange darum bitten musste, mir bei meinen Plänen zu helfen.

Dass ein ganz gewöhnlicher junger Mann mutig genug war, sich den Herausforderungen eines Prinzendaseins zu stellen, imponierte mir sehr. Doch niemand würde mich an sich binden, bevor ich nicht bereit dazu war, und dass würde ich diesen armen Trotteln schon mehr als deutlich machen.

 

Das Studio war stets klimatisiert, doch sobald die Scheinwerfer angingen, hätten wir genauso gut in einem Backofen sitzen können. Deshalb wählte ich schon seit Jahren nur luftige Kleidung für den Bericht. Heute Abend trug ich ein schulterfreies Kleid. Wie immer hatte ich ein klassisches Outfit ausgesucht, aber eben keins, in dem ich einen Hitzschlag erleiden würde.

»Du siehst bezaubernd aus«, bemerkte Mom und zupfte an den kleinen Rüschen an den Ärmeln.

»Danke. Du auch.«

Sie lächelte und wischte einen winzigkleinen Fussel von meinem Arm. »Vielen Dank, mein Schatz. Das ist sicher alles ein bisschen viel für dich, aber ich glaube, das Casting wird für uns alle von Vorteil sein. Du bist viel allein, und deine Hochzeit ist etwas, über das wir uns früher oder später ohnehin Gedanken machen müssten und …«

»Es wird das Volk glücklich machen. Ich weiß.«

Ich versuchte meinen Kummer, so gut es ging, zu verbergen. Zwar waren die Zeiten, in denen man Königstöchter an andere Länder verschacherte, vorbei, aber das hier fühlte sich nicht viel anders an. Kapierte sie das denn nicht?

Ihr Blick wanderte von meinem Kleid hoch zu meinem Gesicht. Irgendetwas in ihren Augen verriet mir, dass es ihr leidtat.

»Zweifellos kommt es dir wie ein Opfer vor. Und es stimmt ja auch: Wenn man sein Leben in den Dienst des Volkes stellt, tut man viele Dinge, nicht weil man sie tun will, sondern weil man sie tun muss.« Sie schluckte. »Doch auf diesem Wege habe ich euren Vater und meine engsten Freundinnen gefunden und die Erfahrung gemacht, dass ich stärker bin, als ich es je von mir selbst gedacht hätte. Ich weiß von der Vereinbarung, die du mit deinem Vater getroffen hast. Falls das Casting endet, ohne dass du den Richtigen gefunden hast, dann ist es eben so. Doch bitte sei offen für neue Erfahrungen. Und hasse uns nicht dafür, dass wir dich darum gebeten haben.«

»Ich hasse euch nicht.«

»Als wir dir die Sache vorgeschlagen haben, hast du es aber zumindest erwogen«, sagte sie mit einem Lächeln. »Habe ich nicht recht?«

»Ich bin achtzehn. Ich bin genetisch darauf programmiert, mich mit meinen Eltern zu streiten.«

»Ich habe nichts gegen einen ordentlichen Streit, solange du weißt, wie sehr wir dich lieben.«

Ich umarmte sie. »Und ich liebe euch. Versprochen.«

Ein Moment lang hielt sie mich fest, dann wich sie zurück und glättete mein Kleid, um sicherzustellen, dass ich noch immer makellos aussah. Dann ging sie Dad suchen. Ich nahm meinen Platz neben Ahren ein.

»Siehst gut aus, Schwesterherz. Wie eine Braut.«

Ich setzte mich anmutig auf meinen Stuhl. »Noch ein Wort, und ich rasiere dir den Schädel kahl, während du schläfst.«

»Ich hab dich auch lieb.«

Vergeblich verkniff ich mir das Lächeln. Ahren wusste sowieso immer, was mit mir los war.

Der Raum füllte sich mit den Mitgliedern unseres Haushalts. Weil General Leger seinen Rundgang machte, saß seine Frau Lucy allein. Mr und Mrs Woodwork hatten mit Kile und Josie hinter den Kameras Platz genommen. Weil ich wusste, wie viel Mrs Woodwork Mom bedeutete, behielt ich für mich, wie schrecklich ich ihre Kinder fand. Kile war nicht so unausstehlich wie Josie, doch in den vielen Jahren unserer Bekanntschaft hatte ich nie auch nur ein interessantes Gespräch mit ihm geführt. Sollte ich jemals unter schwerer Schlaflosigkeit leiden, würde ich ihn anheuern, damit er in meinem Zimmer saß und redete. Problem gelöst. Und Josie … Mir fehlten die Worte, um zu beschreiben, wie erbärmlich dieses Mädchen war.

Dads Berater erschienen und verbeugten sich beim Hereinkommen. Es gab nur eine Frau in Dads Kabinett, Lady Brice Mannor. Sie war hübsch und zierlich, und ich hatte keine Ahnung, wie es einer dermaßen zurückhaltenden Person gelang, in der politischen Arena zu bestehen. Noch nie hatte ich erlebt, dass sie die Stimme erhob oder wütend wurde, aber die Leute hörten ihr trotzdem zu. Mir hörten die Männer nicht zu, es sei denn, ich wurde streng.

Lady Brice’ Gegenwart brachte mich auf einen Gedanken. Was würde geschehen, wenn ich als Königin ausschließlich Frauen zu Beraterinnen machte? Das könnte ein interessantes Experiment werden.

Die Vorsitzenden und Berater lieferten ihre Mitteilungen und Berichte ab, und schließlich wandte sich Gavril an mich.

Gavril Fadayes Haare waren nach hinten geklatscht und silbergrau, aber er hatte ein sehr attraktives Gesicht. Erst kürzlich hatte er davon gesprochen, in Rente gehen zu wollen, doch angesichts des bevorstehenden großen Ereignisses würde er noch ein bisschen länger durchhalten müssen.

»Zum Abschluss unseres heutigen Programms, Illeá, haben wir noch aufregende Neuigkeiten für Sie. Und keiner wäre besser geeignet, sie Ihnen mitzuteilen, als unsere zukünftige Königin, die wunderschöne Eadlyn Schreave.«

Er wies mit großer Geste in meine Richtung, und unter höflichen Applaus schritt ich über das Podium.

Gavril umarmte mich kurz und küsste mich auf beide Wangen. »Willkommen, Prinzessin Eadlyn!«

»Danke schön, Gavril.«

»Ich will ehrlich sein: Es fühlt sich an, als sei es erst gestern gewesen, dass ich die Geburt von Ihnen und Ihrem Bruder Ahren verkündet habe. Ich kann nicht glauben, dass das schon mehr als achtzehn Jahre her ist!«

»Das stimmt. Wir sind erwachsen geworden.« Mit innigem Blick schaute ich zu meiner Familie hinüber.

»Sie stehen kurz davor, Geschichte zu schreiben. Ich denke, ganz Illeá erwartet mit Spannung, was Sie tun, wenn Sie in ein paar Jahren Königin werden.«

»Das wird bestimmt eine aufregende Zeit, aber ich bin nicht sicher, ob ich mit dem Geschichteschreiben wirklich so lange warten will.« Ich versetzte ihm einen scherzhaften Stoß in die Rippen, und er täuschte Überraschung vor.

»Nun, warum erzählen Sie uns nicht, was Sie im Sinn haben, Eure Hoheit?«

Direkt vor Kamera C straffte ich die Schultern und lächelte. »Über die Jahre hat sich unser großartiges Land sehr verändert. Allein zu Lebzeiten meiner Eltern haben die Rebellen ihren Widerstand fast vollständig aufgegeben. Und obwohl wir noch immer vor Herausforderungen stehen, erfährt Illeá nicht länger eine imaginäre Teilung durch das Kastensystem. Wir leben in einer Ära außergewöhnlicher Freiheit, und mit Freude erwarten wir, dass unsere Nation sich weiterentfaltet.«

Ich dachte daran, zu lächeln und deutlich zu sprechen. In jahrelangem Unterricht hatte man mir die nötigen Techniken eingetrichtert, mir beigebracht, wie man ein Publikum ansprach. Also traf ich genau den richtigen Ton, als ich die Neuigkeit verkündete.

»Und das ist großartig … Aber ich bin trotzdem auch noch ein achtzehnjähriges Mädchen.« Das überschaubare Publikum aus Gästen und Beratern schmunzelte. »Es wird mit der Zeit ein bisschen langweilig, wenn man die meisten Stunden des Tages zusammen mit dem eigenen Vater im Büro verbringt. Nichts für ungut, Eure Majestät«, fügte ich an Dad gewandt hinzu.

»Schon gut!«, rief er zurück.

»Aus diesem Grund finde ich, dass es Zeit für eine Veränderung wird. Zeit, nach jemandem Ausschau zu halten, der nicht nur mit mir zusammen die sehr anspruchsvolle Aufgabe des Regierens meistert, sondern der auch ein Gefährte fürs Leben ist. Und um diesen Menschen zu finden, hoffe ich, dass Illeá mir meinen sehnlichsten Wunsch gewährt: ein Casting abzuhalten.«

Die Berater schnappten nach Luft und fingen an zu tuscheln. Ich bemerkte die schockierten Gesichter der Bediensteten. Erst jetzt wurde mir klar, dass Gavril der Einzige war, der Bescheid gewusst hatte. Was mich überraschte.