Selection Storys – Herz oder Krone - Kiera Cass - E-Book

Selection Storys – Herz oder Krone E-Book

Kiera Cass

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Beschreibung

EIN MUSS FÜR JEDEN ›SELECTION‹-FAN! Wieder zwei spannende Storys in einem Buch: Lange bevor America Singer am Casting teilnahm, um die Hand des Prinzen von Illéa zu erobern, gab es bereits ein anderes Mädchen, das um die Liebe zu einem anderen Prinzen kämpfte. In ›Die Königin‹ erzählt Amberley, Prinz Maxons Mutter, von ihrem eigenen Casting und wie sie das Herz von König Clarkson eroberte. Marlee Tames, die zusammen mit America und 33 anderen Mädchen um die Hand von Prinz Maxon kämpfte, erzählt in ›Die Favoritin‹, wie sie ihrem eigenen Herz gefolgt ist und die Entscheidung ihres Lebens traf. Spannende und unentbehrliche Hintergrund-Informationen für alle, die mehr über die ›Selection‹-Welt erfahren wollen

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 167




Kiera Cass

Selection Storys – Herz oder Krone

Band 2

Übersetzt von Susann Friedrich

FISCHER E-Books

Inhalt

Die Königin1234567891011Die Favoritin12AnhangInterview mit Kiera CassWie leben sie heute?Kriss AmbersNatalie LucaElise Whisks

Die Königin

1

Das Casting lief erst seit zwei Wochen, und ich hatte bereits den vierten Migräneanfall. Wie sollte ich das dem Prinzen erklären? Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass fast jedes Mädchen, das noch im Rennen war, eine Zwei war. Meine Zofen mussten so tagtäglich Wunder vollbringen, um meine stark beanspruchten Hände vorzeigbar zu machen. Irgendwann würde ich ihm von den plötzlichen Übelkeitsattacken erzählen müssen, die mich ohne Vorwarnung ereilten. Wenn er überhaupt je Notiz von mir nahm.

Königin Abby saß auf der gegenüberliegenden Seite des Damensalons, als wolle sie sich absichtlich von uns Kandidatinnen abgrenzen. Sie strahlte eine gewisse Kälte aus, was mir den Eindruck vermittelte, dass wir nicht unbedingt willkommen waren.

Sie streckte einer Zofe ihre Hand entgegen, die daraufhin ihre Fingernägel der Reihe nach perfekt in Form feilte. Doch obwohl man sich so hingebungsvoll um sie kümmerte, schien die Königin gereizt zu sein. Das verstand ich zwar nicht, aber ich bemühte mich, sie nicht dafür zu verurteilen. Vielleicht würde sich mein Herz auch verhärten, wenn ich in jungen Jahren meinen Mann verlöre. Was für ein Glück, dass Porter Schreave, der Cousin ihres verstorbenen Ehemannes, sie zur Frau nahm, so dass sie die Krone behalten konnte.

Ich schaute mich im Zimmer um und betrachtete die anderen Mädchen. Gillian war wie ich eine Vier, aber eine gutsituierte. Ihre Eltern waren beide Chefköche, und wenn man ihre Kommentare zu den Speisen hörte, die uns hier im Palast aufgetischt wurden, lag der Schluss nahe, dass Gillian den gleichen Weg einschlagen würde. Leigh und Madison studierten Tiermedizin und besuchten die Ställe so oft, wie man es ihnen erlaubte.

Nova war Schauspielerin und hatte jede Menge Bewunderer, die sie gern auf dem Thron sehen wollten. Uma war Turnerin, ihre zierliche Gestalt wirkte selbst dann noch anmutig, wenn sie einfach nur still dasaß. Einige der anderen Zweier hatten bisher noch keinen Beruf ergriffen. Wenn jemand meine Rechnungen bezahlt, mich versorgt und mir ein Dach über dem Kopf geboten hätte, hätte ich mir darüber wohl auch keine Gedanken gemacht.

Ich massierte mir die schmerzenden Schläfen und spürte die rissige Haut und die Schwielen über meine Stirn reiben. Ich hielt inne und musterte meine übel zugerichteten Hände.

Er würde mich nie wollen.

Ich schloss die Augen und dachte an meine erste Begegnung mit Prinz Clarkson. Ich erinnerte mich an die Berührung seiner kräftigen Hand, die meine schüttelte. Gott sei Dank hatten meine Zofen Spitzenhandschuhe für mich aufgetrieben, sonst hätte man mich auf der Stelle nach Hause geschickt. Er war beherrscht, höflich und aufmerksam. Genau wie ein Prinz sein sollte.

Während der vergangenen zwei Wochen war mir aufgefallen, dass er nicht allzu oft lächelte. Es schien, als hätte er Angst, dafür verurteilt zu werden, die Dinge mit Humor zu nehmen. Doch wie seine Augen strahlten, wenn er es dann einmal tat! Die dunkelblonden Haare, die verwaschenen blauen Augen, die Stärke, die er ausstrahlte … Er war einfach perfekt.

Traurigerweise war ich es nicht. Dennoch musste es einen Weg geben, um Prinz Clarkson auf mich aufmerksam zu machen.

Liebe Adele,

Ich ließ den Stift einen Moment in der Luft schweben, denn ich fürchtete, ich würde kaum einen vernünftigen Satz zustande bringen. Trotzdem.

Ich habe mich sehr gut im Palast eingelebt. Es ist hübsch hier. Es ist größer und besser als »hübsch«, aber ich bezweifle, dass ich die richtigen Worte kenne, um es treffend zu beschreiben. Hier in Angeles herrscht eine andere Art von Wärme als bei uns zu Hause, aber auch das kann ich dir nicht richtig beschreiben. Wäre es nicht schön, wenn Du herkommen und alles selbst fühlen, sehen und riechen könntest? Ja wirklich, es gibt hier sehr viel zu riechen.

Was das Casting betrifft, so habe ich noch keine einzige Sekunde allein mit dem Prinzen verbracht.

In meinem Kopf pochte es. Ich schloss die Augen und atmete langsam ein und aus. Ich zwang mich dazu, mich zu konzentrieren.

Bestimmt hast Du im Fernsehen gesehen, dass Prinz Clarkson schon acht Mädchen nach Hause geschickt hat – allesamt Vierer, Fünfer und eine Sechs. Jetzt sind außer mir nur noch zwei weitere Vierer übrig und eine Handvoll Dreier. Ich frage mich, ob man von ihm erwartet, sich für eine Zwei zu entscheiden. Das wäre sicher vernünftig, aber es bricht mir das Herz.

Könntest Du mir einen Gefallen tun? Kannst Du Mutter oder Vater fragen, ob es vielleicht einen entfernten Cousin oder sonst jemanden in der Familie gibt, der einer höheren Kaste angehört? Ich hätte selbst fragen sollen, bevor ich abgereist bin. Ich glaube, eine solche Information würde mir wirklich weiterhelfen.

Jetzt verspürte ich wieder die Übelkeit, die manchmal mit den Kopfschmerzen einherging.

Ich muss Schluss machen. Hier ist viel los. Ich schreibe Dir bald wieder.

Für immer

 

Deine Amberly

Ich fühlte mich matt. Wieder rieb ich mir die Schläfen in der Hoffnung, es würde mir ein wenig Erleichterung verschaffen. Was aber so gut wie nie der Fall war.

»Ist alles in Ordnung, Amberly?«, fragte Danica.

»Aber ja«, log ich. »Wahrscheinlich bin ich nur müde. Vielleicht sollte ich einen kleinen Spaziergang machen, um meinen Kreislauf in Schwung zu bringen.«

Ich lächelte Danica und Madeline zu, verließ den Damensalon und ging in Richtung Toilette. Ein wenig kaltes Wasser im Gesicht würde zwar mein Make-up ruinieren, aber vielleicht würde ich mich dann besser fühlen. Doch noch bevor ich die Toilette erreicht hatte, wurde mir wieder schummerig. Ich setzte mich auf eine Couch im Flur, lehnte den Kopf gegen die Wand und versuchte wieder zu mir zu kommen.

Ich verstand das nicht. Es war allgemein bekannt, dass Luft und Wasser in den südlichen Landesteilen von Illeá verseucht waren. Selbst die Zweier dort hatten manchmal gesundheitliche Probleme. Aber hätte mir der Aufenthalt im Palast – in sauberer Luft, mit gutem Essen und hervorragender Betreuung – dann nicht Linderung verschaffen sollen?

Wenn das so weiterging, würde ich jegliche Chance vertun, Eindruck auf Prinz Clarkson zu machen. Was war, wenn ich es heute Nachmittag nicht zum Krocketspiel schaffte? All meine Träume schienen mir durch die Finger zu rinnen. Genauso gut konnte ich mir schon jetzt die Niederlage eingestehen. Dann würde es später weniger weh tun.

»Was tun Sie da?«

Ich löste mich abrupt von der Wand und sah, dass Prinz Clarkson auf mich herabblickte.

»Nichts, Eure Hoheit.«

»Sind Sie krank?«

»Nein, natürlich nicht«, versicherte ich ihm und sprang auf die Füße. Aber das war ein Fehler. Die Beine gaben unter mir nach, und ich fiel zu Boden.

»Miss?«, fragte er und kniete sich neben mich.

»Es tut mir leid«, flüsterte ich. »Das ist mir so peinlich.«

Er schob die Arme unter meinen Körper und hob mich hoch. »Schließen Sie die Augen, wenn Ihnen schwindlig ist. Ich bringe Sie jetzt in den Krankenflügel.«

Das würde eine lustige Geschichte für meine Kinder abgeben: Einmal hat der junge König mich durch den ganzen Palast getragen, als wäre ich so leicht wie eine Feder. Es gefiel mir, in seinen Armen zu liegen. Ich hatte mich immer gefragt, wie sie sich wohl anfühlen mochten.

»Ach du liebe Zeit!«, rief jemand. Ich öffnete die Augen und erblickte eine Krankenschwester.

»Ich vermute, sie ist ohnmächtig geworden«, sagte Clarkson. »Auf jeden Fall scheint sie nicht verletzt zu sein.«

»Setzen Sie sie bitte hier ab, Eure Hoheit.«

Prinz Clarkson legte mich auf eines der Betten, die überall im Krankenflügel verteilt standen, und zog behutsam seine Arme unter mir weg. Hoffentlich bemerkte er die Dankbarkeit in meinen Augen.

Ich rechnete damit, dass er sofort wieder gehen würde, doch er blieb stehen, während die Krankenschwester meinen Puls fühlte. »Haben Sie heute schon etwas gegessen, meine Liebe? Und genug getrunken?«

»Wir haben gerade erst gefrühstückt«, antwortete Prinz Clarkson an meiner Stelle.

»Fühlen Sie sich überhaupt schlecht?«

»Nein. Also, ja. Ich meine, das hier bedeutet gar nichts.« Ich hoffte, wenn ich meinen Schwächeanfall als Lappalie abtat, könnte ich später doch noch am Krocketspiel teilnehmen.

Die Schwester blickte gleichzeitig streng und liebenswürdig drein. »Da bin ich anderer Ansicht, denn immerhin musste man Sie hierhertragen.«

»Es passiert ständig«, brach es frustriert aus mir heraus.

»Was meinen Sie damit?«, drang die Schwester in mich.

Ich hatte das eigentlich nicht sagen wollen. Ich seufzte und überlegte, wie ich es erklären sollte. Jetzt würde der Prinz merken, wie sehr das Leben in Honduragua mir geschadet hatte.

»Ich habe oft Kopfschmerzen. Und manchmal wird mir davon schwindlig.« Ich schluckte. Was würde der Prinz nun denken? »Zu Hause gehe ich schon Stunden vor meinen Geschwistern schlafen, nur so überstehe ich dann den folgenden Arbeitstag. Hier ist es schwieriger, sich auszuruhen.«

»Mmm. Hmmm. Haben Sie noch andere Symptome außer Kopfschmerzen und Müdigkeit?«

»Nein, Ma’am.«

Clarkson trat nah an mich heran. Hoffentlich hörte er nicht, wie mein Herz klopfte.

»Wie lange haben Sie das schon?«

Ich hob die Schultern. »Ein paar Jahre, vielleicht auch länger. Es kommt mir schon ganz normal vor.«

Die Schwester wirkte betroffen. »Liegt das vielleicht in Ihrer Familie?«

»Eigentlich nicht«, antwortete ich nach einer Weile. »Aber meine Schwester hat manchmal Nasenbluten.«

»Ist etwa Ihre ganze Familie kränklich?«, fragte Clarkson mit einer Spur von Empörung in der Stimme.

»Nein«, entgegnete ich. Ich wollte mich verteidigen, gleichzeitig war mir die Erklärung unangenehm. »Ich lebe in Honduragua.«

Verstehend hob er die Augenbrauen. »Ach so.«

Es war kein Geheimnis. Im Süden des Landes war die Luft schlecht und das Wasser verseucht. Es gab dort missgebildete Kinder, unfruchtbare Frauen, und viele Menschen starben jung. Als die Rebellen durch unsere Provinz zogen, hinterließen sie mehrere an die Mauern gesprühte Botschaften. Darin forderten sie eine Erklärung, warum der Palast nichts dagegen unternahm. Es war ein Wunder, dass der Rest meiner Familie nicht genauso krank war wie ich. Oder dass es mir nicht noch schlechter ging.

Ich holte tief Luft. Was um alles in der Welt tat ich hier bloß? In den Wochen bis zum Beginn des Castings hatte sich dieses Märchen in meinem Kopf eingenistet. Doch ich konnte mir noch so viel wünschen oder erträumen, ich würde doch nie gut genug für einen Prinzen wie Clarkson sein.

Ich drehte mich weg, er sollte mich nicht weinen sehen. »Könnten Sie jetzt bitte gehen?«

Ein paar Sekunden lang herrschte Schweigen, dann hörte ich, wie sich seine Schritte entfernten. Sobald sie verklungen waren, brach ich zusammen.

»Schsch, Liebes, schon gut«, sagte die Schwester tröstend. Ich war dermaßen unglücklich, dass ich sie so fest umarmte, wie ich es sonst nur bei meiner Mutter oder bei meinen Geschwistern tat. »In einem solchen Wettbewerb zu bestehen ist sehr anstrengend, und Prinz Clarkson weiß das. Ich werde den Arzt bitten, Ihnen etwas gegen Ihre Kopfschmerzen zu geben. Das wird Ihnen helfen.«

»Ich liebe ihn, seit ich sieben bin. Jedes Jahr singe ich ihm ein Geburtstagslied. Ganz leise, in mein Kissen, damit meine Schwester mich nicht auslacht. Als ich schreiben gelernt habe, habe ich geübt, indem ich unsere Namen nebeneinandergeschrieben habe … und jetzt fragt er mich bei unserem allerersten Gespräch lediglich, ob ich krank bin.« Ich schwieg einen Moment, dann schluchzte ich auf. »Ich bin nicht gut genug.«

Die Krankenschwester unternahm keinen Versuch, mir zu widersprechen. Sie ließ mich einfach weinen. Mein Make-up verteilte sich auf ihrer Schwesterntracht.

Ich schämte mich so. Clarkson würde nie mehr etwas anderes in mir sehen als das kranke Mädchen, das ihn weggeschickt hatte. Ich war mir sicher, dass ich meine Chance, sein Herz zu gewinnen, verspielt hatte. Was sollte er jetzt noch mit mir anfangen können?

2

Wie sich herausstellte, konnten immer nur sechs Spieler beim Krocket mitmachen, was mir sehr gelegen kam. Ich saß da, verfolgte das Spiel der anderen und gab mir Mühe, die Regeln zu verstehen, falls ich an die Reihe kommen würde. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass wir uns irgendwann langweilen und das Spiel beenden würden, bevor jede von uns dran gewesen wäre.

»Mein Gott, sieh dir seine Arme an«, seufzte Maureen. Zwar hatte sie nicht mit mir gesprochen, dennoch blickte ich auf. Clarkson hatte sein Jackett ausgezogen und die Ärmel hochgekrempelt. Er sah wirklich, wirklich gut aus.

»Wie kann ich ihn bloß dazu bringen, diese Arme um mich zu legen?«, scherzte Kella. »Beim Krocket kann man schlecht eine Verletzung vortäuschen.«

Die anderen Mädchen lachten, und Clarkson schaute zu ihnen hinüber, die Spur eines Lächelns auf den Lippen. So sah es bei ihm immer aus, es war nur der Hauch eines Lächelns. Eigentlich hatte ich ihn noch nie richtig lachen sehen. Ein kurzes Schmunzeln, das ja, aber noch nie hatte ihn etwas so belustigt, dass er in herzhaftes Lachen ausgebrochen wäre. Allerdings hypnotisierte mich bereits die Andeutung eines Lächelns auf seinem Gesicht geradezu. Mehr war gar nicht nötig.

Die Mannschaften bewegten sich über das Spielfeld, und ich war mir sehr bewusst, dass der Prinz in meiner Nähe stand. Als eins der Mädchen einen recht guten Schlag ausführte, wanderte sein Blick zu mir, ohne dass er dabei den Kopf bewegte. Ich schaute zu ihm auf, doch er wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Spiel zu. Einige der Mädchen jubelten, und er trat noch näher zu mir.

»Da drüben steht ein Tisch mit Erfrischungen«, sagte er leise, wobei er jeden Augenkontakt vermied. »Vielleicht sollten Sie sich etwas Wasser holen.«

»Es geht mir gut.«

»Bravo, Clementine!«, rief er einem Mädchen zu, das erfolgreich den Schlag einer anderen abgewehrt hatte. »Trotzdem. Flüssigkeitsmangel kann Kopfschmerzen noch verschlimmern. Es könnte gut für Sie sein.«

Endlich richtete er den Blick auf mich. Da war etwas in seinen Augen. Keine Liebe, vielleicht nicht einmal Zuneigung, aber doch etwas, das ein oder zwei Stufen oberhalb von Besorgnis lag.

Eine Weigerung erschien mir sinnlos, deshalb stand ich auf und ging hinüber zu dem Tisch. Ich wollte mir gerade etwas Wasser einschenken, als mir eine Dienerin den Krug aus der Hand nahm.

»Entschuldigung«, murmelte ich. »Ich habe mich noch immer nicht daran gewöhnt.«

Sie lächelte. »Das ist doch kein Problem. Nehmen Sie sich etwas Obst. Es ist sehr erfrischend an einem solchen Tag.«

Ich stand neben dem Tisch und aß Trauben mit einer winzigen Gabel. Auch das musste ich unbedingt Adele erzählen: extra Besteck zum Obstessen.

Clarkson blickte ein paarmal in meine Richtung, er schien sich vergewissern zu wollen, ob ich auch tat, was er mir geraten hatte. Ich hätte nicht sagen können, ob es das Essen oder seine Aufmerksamkeit war, was mich aufmunterte, aber es ging mir tatsächlich etwas besser. Trotzdem beteiligte ich mich nicht an dem Spiel.

Und es vergingen drei weitere Tage, bevor Clarkson wieder mit mir sprach.

 

Das Abendessen neigte sich dem Ende zu. Der König hatte sich bald entschuldigt, und die Königin hatte schon fast eine ganze Flasche Wein geleert. Einige der Mädchen knicksten und verließen den Speisesaal, weil sie nicht Zeuge sein wollten, wie Königin Abby sich nachlässig auf einem Arm abstützte. Ich saß mittlerweile allein an meinem Tisch und war entschlossen, den Schokoladenkuchen bis zum letzten Krümel aufzuessen.

»Wie geht es Ihnen heute, Amberly?«

Ich riss den Kopf hoch. Clarkson war zu mir herübergekommen. Gott sei Dank hatte ich gerade nicht den Mund voll. »Sehr gut. Und Ihnen?«

»Ausgezeichnet, danke der Nachfrage.«

Ein kurzes Schweigen entstand, und ich wartete darauf, dass er weiterredete. Oder sollte ich das Wort ergreifen? Gab es Regeln für die Reihenfolge bei einer Unterhaltung mit dem Prinzen?

»Mir ist gerade aufgefallen, wie lang Ihre Haare sind«, bemerkte er.

»Oh.« Ich stieß ein kurzes Lachen aus und senkte den Blick. Meine Haare reichten mir mittlerweile fast bis zur Taille. »Ja. Das ist sehr praktisch für Zöpfe, die ich zu Hause gern trage.«

»Finden Sie nicht, dass es vielleicht etwas zu lang ist?«

»Äh. Ich weiß nicht, Eure Hoheit.« Ich ließ meine Finger darübergleiten. War meine Frisur vielleicht zerzaust, und ich hatte es nicht gemerkt? »Was denken Sie?«

Er legte den Kopf schief. »Es hat eine sehr schöne Farbe. Ich glaube, es würde noch hübscher aussehen, wenn es etwas kürzer wäre.« Er zuckte mit den Achseln und entfernte sich langsam. »Nur so ein Gedanke!«, rief er über die Schulter hinweg.

Einen Augenblick lang saß ich da und überlegte. Dann ließ ich den Kuchen stehen und ging auf mein Zimmer. Wie immer warteten dort meine Zofen auf mich. »Martha, könnten Sie mir die Haare schneiden?«

»Aber natürlich, Miss. Wenn ich ungefähr zwei Zentimeter abschneide, bleiben die Spitzen schön gesund«, antwortete Martha und ging schon Richtung Bad.

»Nein«, entgegnete ich. »Ich möchte es kürzer haben.«

Sie schwieg einen Moment. »Wie kurz?«

»Nun … Immer noch bis über die Schultern, vielleicht bis auf Höhe der Schulterblätter?«

»Aber das sind mehr als dreißig Zentimeter, Miss!«

»Ich weiß. Können Sie es trotzdem tun? Und zwar so, dass es auch hübsch aussieht?« Ich hielt mir die dicken Strähnen neben das Gesicht und stellte mir die gekürzten Haare vor.

»Selbstverständlich, Miss. Aber warum wollen Sie das?«

Ich ging an ihr vorbei ins Bad. »Ich glaube, es wird Zeit für eine Veränderung.«

Meine Zofen halfen mir, das Kleid auszuziehen, und legten mir dann ein Handtuch über die Schultern. Als Martha anfing, schloss ich die Augen. Ich war mir nicht ganz sicher, was ich da tat. Aber Clarkson fand, ich würde mit kürzeren Haaren besser aussehen, und Martha würde dafür sorgen, dass sie noch immer lang genug waren, um sie hochzustecken. Ich hatte also nichts zu verlieren.

Ich wagte nicht einmal einen kurzen Blick in den Spiegel, bis sie fertig war. Wieder und wieder hörte ich das metallische Schnipp der Schere. Ich merkte, wie Marthas Schnitte präziser wurden, als ob sie alles auf gleiche Länge kürzte. Wenig später war sie fertig.

»Wie finden Sie es, Miss?«, fragte sie zögernd.

Ich öffnete die Augen. Erst konnte ich überhaupt keinen Unterschied erkennen. Doch dann wandte ich leicht den Kopf, und ein Teil meiner Haare fiel über die Schulter nach vorn. Es war, als ob mein Gesicht von einem mahagonifarbenen Rahmen umgeben war.

Er hatte recht gehabt.

»Ich finde es toll, Martha!«, jauchzte ich und strich mit beiden Händen über meinen Kopf.

»Es lässt Sie viel reifer aussehen«, bemerkte Cindly.

Ich nickte. »Ja, oder?«

»Warten Sie mal kurz«, rief Emon und lief hinüber zum Schmuckkästchen. Sie nahm verschiedene Stücke heraus, suchte aber offenbar nach etwas Bestimmtem. Die Halskette, mit der sie schließlich ankam, hatte große, glänzend rote Steine. Bisher hatte ich mich nicht getraut, sie zu tragen.

Schon so oft hatte ich mir Prinz Clarkson als meinen zukünftigen Mann vorgestellt, doch noch nie hatte ich ihn als denjenigen betrachtet, der mich zur Prinzessin machen konnte. Zum allerersten Mal wurde mir klar, dass ich mir auch das wünschte. Ich besaß keine großartigen Verbindungen und war auch nicht vermögend, aber ich spürte, dass dies eine Rolle war, die ich nicht nur ausfüllen, sondern in der ich wirklich glänzen würde. Ich hatte schon immer gefunden, dass ich gut zu Clarkson passte, und vielleicht passte ich auch gut zu einem Prinzen.

Ich betrachtete mich im Spiegel und sah dabei nicht nur das Schreave am Ende meines Namens, sondern gleichzeitig das vorangestellte Wort Prinzessin. In diesem Moment wollte ich ihn, die Krone – und alles, was dazugehörte – wie nichts zuvor.

3

Am nächsten Morgen bat ich Martha, mir einen mit Edelsteinen besetzten Haarreif herauszusuchen, und ließ die Haare offen über meine Schultern fallen. Noch nie war ich beim Frühstück so aufgeregt gewesen. Ich fand mich wirklich schön, und ich konnte es kaum erwarten, herauszufinden, ob Clarkson das genauso sah.