Selfie - Michael Beilharz - E-Book

Selfie E-Book

Michael Beilharz

0,0

Beschreibung

Selfie spielt im Berlin der Gegenwart und handelt von Malte Lichtermann, einem Hacker, der per QR-Code einen Trojaner in Handys einschleust. Dieser Trojaner sendet ihm von jedem erstellten Selfie eine Kopie plus Audioaufzeichnungen. Auf einer dieser Audioaufzeichnungen hört er unfreiwillig einen Mord an einer Hostess, und während seiner Recherchen stirbt eine weitere Hostess. Er erkennt ein Muster und versucht einen dritten Mord zu verhindern. Als dies misslingt, wendet er sich an die junge Staatsanwältin Jantina Alfering. Er zeigt ihr alle seine Recherchen und gesammelten Beweise und muss ihr dabei offenbaren, wie er zu all den Daten gekommen ist. Um ihr alles erklären zu können, müsste er sich allerdings als Hacker outen. Es kommt zum Showdown in der Berliner Waldbühne. Selfie führt den Leser zu einem sehr überraschenden Ende und informiert darüber, was heutzutage technisch möglich ist, um nahezu unerkannt an die intimsten Geheimnisse eines Mitmenschen zu gelangen.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 166

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Michael Beilharz

Selfie

... jeder hat eine Schwachstelle

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Selfie

So viel Zeit muss sein

Prolog

Staatsanwaltschaft Alfering

Galilei

§ 202a

42

Darknet

Lara

Bots

Zufall

Entitäten

DDR-Museum

Bernhard Schöneau

Maltes Nachricht

Status quo

Drei Köder

BKA

Dennis Reinhard

Generalbundesanwalt

Rettungswagen

Motivationen

Aber das bleibt unter uns

Dilemma

Copperfield-Show

Überirdisch

Pavel und Niku

Epilog

Impressum neobooks

Selfie

… jeder hat eine Schwachstelle

© Michael Beilharz 2016

So viel Zeit muss sein

Für meine Eltern, Manou, Tim, Marius, Michelle und Emma

Dieses Buch wäre niemals ohne die be­dingungslose Unterstützung meiner Frau entstanden, die mich immerzu ermutigte, mein erstes Buch zu vollenden, und ich darf diese Gelegenheit einfach nicht verstreichen lassen, um ihr von ganzem Herzen zu danken.

Weiterhin danke ich meinem Lektor Dr. Peter Henkelmann für seine Geduld und seine immerwährende Unterstützung.

Meine Arbeitsumgebung:Betriebssystem: Linux Mint®Programme: FocusWriter®PatchWork® LibreOffice®

Prolog

Was ist Schuld?

Ab welchem Punkt hat man sich schuldig gemacht?

Was wiegt schwerer im Sinne von Schuldig­sein: wenn ich im vollen Bewusstsein etwas tue oder etwas unterlasse – tätig oder untätig bin?

Was ist schlimmer und damit härter zu be­strafen: jemanden in einen Fluss mit starker Strömung zu werfen oder zuzuschauen, wie dieser Jemand um sein Leben kämpft und diesen Kampf verliert?

Was Schuld ist und was Schuld nicht ist, ist immer von den Voraussetzungen des ver­meintlich Schuldigen abhängig. Wie war seine moralische und ethische Erziehung? In welcher kulturellen Umgebung ist er aufgewachsen? Wie sieht es mit seiner momentanen psychischen Verfassung aus? Wie ist es um seine körperliche Verfassung bestellt?

Egal, welche Faktoren an der Schuldfähigkeit eines jeden Einzelnen beteiligt sind, letzten Endes wird Schuld, sofern es dazu kommt, vor einem Gericht diskutiert, verhandelt, definiert, entschieden und festgelegt. Es liegt am Geschick einer Staatsanwaltschaft, an der Raffinesse einer Verteidigung und der Tages­form des Gerichts, ob es zu einem Schuldspruch kommt und wie viel Zeit man bekommt, um sich in einer Justizvollzugs­anstalt über seine Schuld Gedanken zu machen.

Malte Lichtermann fühlte sich schuldig. Seit Tagen spürte er die ständig wachsenden Schuldgefühle, die immer schwerer auf seine Seele drückten und von seinen Gedanken Besitz ergriffen, indem sie Malte an nichts anderes mehr denken ließen. Immer mehr erdrückte ihn diese Last und machte seinen Alltag unerträglich.

Malte Lichtermann musste handeln!

Staatsanwaltschaft Alfering

»Ich verstehe es immer noch nicht!«, unterbrach die Staatsanwältin Jantina Alfering Maltes Versuch, alles zu erklären. Jantina Alfering, die junge, ehrgeizige Staatsanwältin im zweiten Jahr, wirkte mit ihren sportlich durchtrainierten 1,60 und ihrem modischen Kurzhaarschnitt eher wie ein Teenager, der darauf bedacht war, cool und hip zu wirken, denn als eine Staatsanwältin.

»Was verstehen Sie denn nicht? Es ist doch alles klar und deutlich!«, widersprach ihr ein inzwischen genervter Malte.

Malte machte auf Jantina Alfering einen undefinierbaren Eindruck, eine Mischung aus einem viel zu jungen Spätachtundsechziger, einem Ökofanatiker und einem Bank­angestellten. Malte war schlank, aber wirkte nicht sportlich oder athletisch, eher wie ein Vegetarier oder gar ein Veganer – ›hager‹ wäre das treffende Wort gewesen. In Ver­bindung mit seinen 1,85 machte Malte eher einen leicht kränklichen Eindruck als einen gesunden. Sein Haarschnitt war nicht modisch, aber er passte zu seinem Gesicht, der Dreitagebart war keine Absicht, sondern wohl eher Zufall. Er war das krasse Gegenteil eines Label-Hunters, an seiner Kleidung war nirgends auch nur andeutungsweise eine Herstellerlogo zu erkennen. Am meisten fielen der Staatsanwältin seine Schuhe auf. Jantina Alfering litt an der – wie sie sich immer dafür entschuldigte – ›typischen Frauenkrankheit‹: dem Schuhfetischismus. Sie schaute ihrem Gegenüber immer zuerst auf die Schuhe und bescheinigte sich dabei selbst eine gewisse Kompetenz zum Thema Schuhe, aber Maltes Schuhe hatte sie noch nie gesehen. Sie hätte ihn so gerne nach diesen Schuhen gefragt, nur um ihre persönliche Enzyklopädie zu vervollständigen, aber sie fand es, zumindest zum jetzigen Zeitpunkt, unpassend. Sie konnte das Material der Schuhe einfach nicht definieren.

»Es sind Schuhe aus Hanf!«, hörte sie Malte Lichtermann ziemlich fassungslos sagen. »Anscheinend interessieren Sie sich mehr für meine Schuhe als für mein Anliegen. Oder wie soll ich Ihr ›Gestarre‹ auf meine Schuhe deuten?«

Die Staatsanwältin fuhr erschrocken hoch: »Bitte entschuldigen Sie vielmals, ich war … na ja … kurz abwesend, Entschuldigung! Zurück zu Ihnen: Sie haben mich warum ausgesucht? Und … wie haben Sie es geschafft, anonym E-Mails an mich zu schicken?«

»Nicht schon wieder! Wir verlieren Zeit! Wichtige Zeit!« Maltes Nerven lagen blank. Die momentane Situation war alles andere als angenehm oder einfach für ihn. Er war der festen Überzeugung, dass er seine Schuld­gefühle nur dadurch loswerden konnte, dass er dabei half, Schlimmeres zu verhindern und die Täter so schnell wie möglich dingfest zu machen.

Jantina Alfering blieb gelassen: »Bevor ich mir aber nicht sicher bin, dass Sie kein Spinner sind, werde ich rein gar nichts unternehmen oder veranlassen. Überzeugen Sie mich!«

Verzweifelt antwortete Malte: »Das versuche ich bereits seit zwei Stunden! Was soll ich denn noch machen?«

Jantina schaute Malte lange an – sie hätte so gerne diesen bestimmten durchdringenden, kühlen Blick gehabt, der ihrem Gegenüber die Knie weich werden ließ. Doch der entsetzte Blick Maltes mit einem fragenden »Was? Was ist?« holte sie auf den Boden der Tatsachen zurück … an dem Blick musste sie noch arbeiten.

»Am besten von vorne.«

»Bitte? Noch mal? Spreche ich Kisuaheli? Herrgott noch mal, das darf doch alles nicht wahr sein!«

Sie spürte, dass Malte – sollte sie zu weit gehen oder es übertreiben – zerbrechen könnte. Malte war sensibel und hatte eine filigrane Psyche, die gerade dabei war, zu zerbrechen.

»O. K., Jantina«, überlegte sie, »verlier ihn nicht! Vielleicht musst du es anders angehen? Beruhige ihn!«

»Malte«, begann sie ruhig, und soweit sie es konnte, mütterlich, »du musst auch mal mich verstehen: Woher weiß ich, dass du zum Beispiel kein Stalker bist? Kein Halbstarker, der seinen Kumpels etwas beweisen muss? Du sagst, dass du mich ›ausgesucht‹ hast – warum mich? Du hast mich mit anonymen Mails kontaktiert. Ich glaube fast, dass du von mir mehr weißt, als ich es erahne, und mit Sicherheit mehr, als ich von dir. Und deine Geschichte … du erzählst von Morden, von Senatoren, von hohen Polizeibeamten, von Richtern … also, für mich ist das schon eine ziemlich extreme Geschichte, von der du mich da überzeugen möchtest!«

Malte senkte den Kopf und versank ein wenig auf dem Stuhl, auf dem er seit über zwei Stunden saß. Mit ruhelosem Blick starrte er auf den Boden vor sich und verfolgte die Muster der Holzmaserungen im Parkett. Seine unruhigen Finger schienen nach etwas zu suchen, und seine rechte Ferse sprang nervös auf und ab. Und doch … er beruhigte sich etwas.

»Bitte verzeih, dass ich dich so einfach geduzt habe, aber ich denke, dass wir uns so einfacher miteinander unterhalten können – was meinst du dazu?« Jantina fühlte sich wie bei einem Blind Date, bei dem sie den Anfang machen musste. Sofort musste sie an ihr katastrophales Liebesleben denken, sofern man die völlige Abwesenheit einer Beziehung oder auch nur von so etwas Ähnlichem als Liebesleben bezeichnen konnte. Ihr letztes Date war mit einem Thorsten und lag sechs Monate zurück – und war schrecklich! Thorsten hörte sich am Telefon nicht schlecht an, er hatte zumindest eine angenehme Stimme … viel mehr Ansprüche stellte sie inzwischen schon nicht mehr: Stimme, Humor, intelligent und im Bett kein Totalausfall. Sie fragte sich immer wieder, ob dies denn so viel verlangt wäre? Aber selbst diese wenigen ›wichtigen Merkmale‹ schienen anmaßend zu sein, denn sie fand diese bei nicht einer ihrer letzten Verabredungen. Das Date mit Thorsten war grauenhaft; am Telefon noch o. k., war Thorsten, als sie sich trafen, nur noch peinlich. Er war ein Nerd, ein hundert­prozentiger Nerd! Nur Computer, Gears, Apps und Spiele im Kopf … Auf ihre Frage, welches sein Lieblingsbuch sei, antwortete er nur, dass er doch nicht im ›Off‹ leben würde und Bücher so was von ›unawesome‹ wären. ›Un­awesome‹ – ein schrecklicheres Wort hatte Jantina noch nie gehört! ›Awesome‹ ist ja o. k., aber ›unawesome‹? Zum einen gab es das Wort nicht und zum anderen: Warum konnte er nicht sagen, dass Bücher in Zeiten von E-Books überholt wären oder dass Bücher etwas für Romantiker wären? ›Un­awesome‹ war einfach nur schlimm! So wie Thorsten eben – er sprach hauptsächlich in der Nerd-Sprache: LOL, awesome, AFK, THX usw. Nein! Das ging auf gar keinen Fall! Aber sie hatte schon ewig keinen Sex mehr, und da sie unter falschem Namen – Thorsten hätte es wohl Avatar genannt – unterwegs war, wollte sie zumindest einen Quicky auf ihrer Haben­seite des Abends verbuchen können. Doch die 30 Sekunden in seinem Ford Ka waren mit Abstand das Schlimmste in Sachen Sex, was sie jemals erlebt hatte!

»Ja, ist o. k.«, unterbrach Malte ihren Tag­traum.

»Wa … was?«, stotterte Jantina, die überhaupt nicht wusste, was Malte wollte, und sich erst wieder orientieren musste.

»Ja! Duzen ist in Ordnung!«, wiederholte Malte mit einem verwunderten Blick in Richtung Jantina.

»Schön … ich bin Jantina!« Die Staats­anwältin war nun wieder im Hier und Jetzt.

»Weiß ich.«

»Freundlichkeit ist nicht dein Ding, oder?«

»Sorry … ich … weiß noch nicht, wie ich Ihnen … dir … alles erklären kann, damit du mich verstehst, und ich habe Angst, dass wir Zeit verlieren und dass noch mehr geschieht.«

»Was geschieht?«

»Wieder ein Mord!«

»Wieder?«

»Ja, es gab schon drei!«

Malte stand auf, stampfte mit kräftigen Schritten zur Wand, stieß seine Stirn ein paarmal gegen das Mauerwerk, drehte sich um und rutschte an der Wand entlang nach unten. Er saß nun auf dem Boden, schloss die Arme um seine angezogenen Knie, auf die er seine von den Stößen rot gewordene Stirn senkte, und weinte.

»Ich bin schuld«, schluchzte er.

»Woran bist du schuld?«, wollte Jantina wis­sen.

»Wenn ich schnell genug zu dir gekommen wäre, dann könnte eine der drei Frauen vielleicht noch leben. Aber ich wollte alles alleine hinbekommen. Ich hab Scheiße ge­baut. Wie hätte ich denn das alles erklären sollen, ich wollte nicht auffliegen und …«

»Auffliegen? Womit denn?«, hakte die Staats­anwältin nach.

»Scheiße! Verdammte Scheiße! Ich bin so ein gottverdammtes Arschloch!«

»Malte, so kommen wir nicht weiter. Wenn ich dir helfen soll, dann musst du dich konzen­trieren und dich beruhigen. Schaffst du das?«

»Weiß nich’ …«

»Wie wäre es, wenn ich dir erst einmal Fragen stelle? Ich bin richtig gut im Fragenstellen. Ist mein Job!«

Malte hob seinen Kopf und schaute Jantina mit tränengefüllten, roten Augen an: »Könnte ich vorher einen Kaffee bekommen? Schwarz?«

»Klar kannst du einen Kaffee bekommen, ich hole dir einen.«

»Danke.«

Jantina Alfering ging kurz aus ihrem Büro und holte für Malte und sich selbst einen Kaffee, beide schwarz.

Wieder zurück, reichte sie Malte seine Tasse. Malte saß immer noch auf dem Boden und an die Wand gelehnt; er nahm die Tasse, be­dankte sich und stellte sie neben sich auf den Boden.

»Möchtest du dich nicht an den Schreibtisch setzen?«, fragte Jantina.

»Im Moment nicht, danke.«

»Muss auch nicht sein. Es ist ein wenig ungewöhnlich, aber nicht gegen das Gesetz!«

Als Jantina keine Regung bei Malte feststellen konnte, fügte sie hinzu: »Das sollte ein Witz sein …« Und mit fragenden, weit geöffneten Augen schaute sie Malte an.

»Oh, ein Witz. Verzeih bitte, mir ist nicht sonderlich zum Lachen oder so.«

»O. K., keine Sache! Malte, wir machen es so: Ich will dir zeigen, dass ich dich ernst nehme und dem, was du mir zu sagen hast, die Aufmerksamkeit und Professionalität ent­gegenbringe, die mein Amt verlangt. Daher möchte ich unser Interview offiziell auf­zeichnen und es später als Protokoll abtippen lassen. Ist das o. k. für dich?«

Malte zeigte keine Regung, er saß immer noch mit gesenktem Kopf auf dem Boden an der Wand.

»Malte? Hast du mich verstanden?«

»Ja … was ist mit Dingen, mit denen ich mich selbst in die Pfanne hauen würde?«

»Du meinst, wenn du dich mit Aussagen selbst belasten würdest?«

»Das meine ich.«

»Das musst du nicht … und solltest du auch nicht!«

»Hmm … dann sollte ich wohl besser auf­passen, was?«

»Ja. Wenn du so weit bist, können wir an­fangen.«

»Wir können …«

»Noch eins, Malte: Das alles ist kein Spiel! Wenn ich dir helfen soll, muss ich dir glauben können, und um dir glauben zu können, musst du mir die Wahrheit sagen. Ich werde Deine Aussage überprüfen, d. h., ich werde Details verifizieren. Sollte es zu Unstimmigkeiten kommen, wird es für mich schwer werden, dir zu glauben und in der Konsequenz … dir zu helfen. Hast du das verstanden?«

»Klar und deutlich.«

»Dann hätte ich noch gerne deinen Personal­ausweis. Du weißt schon … Formalitäten.«

Malte gab ihr seinen Personalausweis.

Die Staatsanwältin Jantina Alfering nahm ihr Smartphone, das auf ihrem Schreibtisch lag, wählte eine App, ging um den Tisch herum, setzte sich gegenüber von Malte auf einen Stuhl, zog einen kleinen runden Tisch heran, legte das Smartphone darauf und sagte: »Heute ist Donnerstag, der 12. November 2015. Es ist 10 Uhr. Die anwesenden Personen sind Staatsanwältin Jantina Alfering und … Bitte nennen Sie mir Ihren voll­ständigen Namen …«

»Malte Lichtermann.«

»Sie sind geboren am?«

»Am 14. Mai 1987.«

»Alter?«

»28.«

»Wohnhaft?«

»Schneewittchenweg 9 in Berlin-Malchow.«

»Wie lange schon dort wohnhaft?«

»Knappe sieben Jahre.«

»Arbeiten Sie?«

»Ja.«

»Arbeitgeber?«

»Planetarium Berlin, Munsterdamm 90.«

»Als was arbeiten Sie dort?«

»Offiziell bin ich der Assistent des Adminis­trators, aber eigentlich mache ich die ganze Arbeit. Der faule Sack drückt sich ständig vor …!«

»… bitte nur auf die Fragen antworten.«

»Ich bin in der IT angestellt.«

»Verheiratet, ledig, geschieden, Kinder?«

»Nein, ja, nein und nein.«

»Herr Malte Lichtermann hat mir zuvor seinen Personalausweis gegeben, ich habe seine darauf überprüfbaren Angaben verifiziert. Sie stimmen überein.«

Jantina unterbrach die Aufzeichnung und fragte Malte: »Wie geht es dir? Ist es immer noch o. k. für dich, dass wir alles aufzeich­nen?«

»Ja, das ist in Ordnung. Ich habe aber immer noch Angst, dass wir zu viel Zeit damit vergeuden, aber … so ist es wohl das Beste.«

»Weiter?«

Malte nickte.

Jantina setzte die Aufzeichnung fort.

»Herr Lichtermann, Sie sind heute zu mir gekommen, nachdem Sie mich zunächst mit anonymen E-Mails kontaktiert hatten, in denen Sie mir mitteilten, dass Sie mich – ich zitiere: ›ausgesucht‹ hätten. Anmerkung: Kopien der E-Mails wird die Staatsanwalt­schaft Alfering der Akte hinzufügen. Herr Lichtermann, was meinten Sie mit ›ausge­sucht‹ und wieso sind Sie in der Lage, der Staatsanwaltschaft Alfering anonyme E-Mails zu schicken?« Jantina brannte darauf, endlich diese Frage stellen zu können.

»Das ist einfach«, antwortete Malte gelang­weilt. »Durch ständiges Weiterleiten einer Mail in einem Anonymisierungsumfeld, dem soge­nannten Forwarding, werden Mails von Server zu Server geschickt. Bei jedem Weiterleiten werden die Mail-Metadaten, die sogenannten Header-Informationen, verändert. Die Infor­mationen, wer was über welche Adressen versendet hat, welchen Weg die Mail ge­nommen hat, über welchen Mail-Provider oder -server die Mail gelaufen ist usw., wird damit unkenntlich gemacht.«

»Aber wenn die ursprünglichen Informationen unkenntlich gemacht wurden – wie gelangt dann die Antwort auf eine E-Mail wieder an den Absender zurück?«

»Dazu muss die Antwort auf eine Mail wieder durch das Anonymisierungssystem zurück­gesendet werden.«

»Sind diese Anonymisierungssysteme legal? Und sind die Geheimdienste nicht in der Lage, einer E-Mail zu ›folgen‹?«

Malte schaute die Staatsanwältin mit einem breiten Grinsen an: »Wir meinen schon, dass in Zeiten von NSA und allgemeiner staatlicher Verfolgung in den digitalen Welten so etwas legal ist und auch sein sollte. Und zu den Geheimdiensten … das würden die sicherlich gerne machen, aber das schaffen die nicht. Niemand kann das! Nicht einmal wir können das, und wir haben das System erschaffen.«

»Wer ist wir?«, wollte Jantina wissen.

»Eine Interessengemeinschaft von befreiten Denkern.«

»Befreite Denker? Befreit wovon?«

»Von den staatlich verabreichten Gehirn­wäschen! Die permanent durch die soge­nannten Leitmedien verabreicht werden!« Malte antwortete in aller Ruhe und Gelas­senheit. Kein Anzeichen von aufkommender Empörung oder Echauffieren. Er schaute Jantina Alfering mit einem offenen und klaren Blick an. Malte wirkte auf einmal sehr eigenartig auf die Staatsanwältin, als wären seine Ängste, die ihn noch vor ein paar Minuten in Angst und Schrecken versetzten, weggewischt. Wieso belasteten ihn seine zuvor zwanghaften Ängste nicht mehr? Jantina machte sich eine Notiz darüber – diese Frage wollte sie beantwortet wissen, jedoch erst später.

»Gut, ich muss das nicht alles gutheißen, aber meine Frage sehe ich als beantwortet an. Ich werde allerdings, da ich Ihre technischen Ausführungen nicht dahingehend beurteilen kann, ob diese einen Sinn ergeben oder korrekt sind, Ihre Angaben von Experten überprüfen lassen.« Sie sah Malte nach­denklich an. Die letzten Äußerungen Maltes machten ihr ein wenig zu schaffen, bisher hielt sie Malte für einen aufgeregten, aber harm­losen jungen Mann. Aber sofern seine gerade eben gemachten Äußerungen stimmen soll­ten, dann musste sie ihn in eine andere Kategorie einstufen: intelligent, manisch und etwas zu arrogant! In jedem Fall war Malte nicht der Harmlose, für den sie ihn hielt.

»Ihre Experten werden dem zustimmen, das alles ist nicht gerade neu … Wir haben es nur schneller und noch sicherer gemacht!«

»Wir werden sehen, was unsere Experten dazu zu sagen haben.« Jantina schaute Malte an, als ihr plötzlich eine Idee in den Sinn kam: »Haben Sie Kontakt zur sogenannten Hacker-Szene? Für mich geht das alles ein wenig über das normale Computerbenutzerwissen hinaus. Sie sagen: ›Wir haben es erschaf­fen‹ – verstehe ich Sie richtig, dass Sie zu einer Gruppe gehören, die solch ein – wie Sie es nennen – Anonymisierungssystem pro­grammiert haben?«

Maltes Gesicht erstarrte sofort, und seine Gesichtszüge wirkten wie eingefroren. Er schaute wieder in Richtung Boden, doch sein Blick war ein anderer, nicht mehr suchend und verzweifelt, sondern streng, fixierend und scharf überlegend. Jantina gab Malte ein paar Sekunden Zeit: »Malte? Haben Sie meine Frage verstanden?«

»Sie sagten, dass ich, sollte ich Gefahr laufen, mich mit meinen Antworten selbst zu belasten, nicht antworten muss. Ich habe Ihre Frage verstanden, aber ich möchte nicht darauf antworten.«

»Die Antwort auf meine Frage, ob Sie Kontakt zur Hackerszene haben oder ein Teil davon sind, könnte Sie belasten?«

»Ich möchte dazu nichts sagen.«

»Das ist Ihr gutes Recht.« Jantina ließ Malte erst einmal ein wenig in Ruhe.

»Herr Lichtermann, nur damit Sie mich richtig verstehen, dies ist kein Verhör oder Ähnliches. Es ist ein Protokoll, ein … elektronisches Ge­sprächsprotokoll, mehr nicht. Es ist aus­schließlich für meine Unterlagen, die keine Ermittlungen darstellen, gedacht. Es ist also eher privater Natur, nur möchte ich nicht mitschreiben müssen, sondern mich ganz auf das Gespräch mit Ihnen konzentrieren kön­nen.«

»Sie haben sich vorhin allerdings schriftliche Notizen gemacht! War das Ihr privater Ein­kaufszettel?«

Verblüfft und überrascht sah Jantina Malte an: »Schau mal einer an«, dachte sie, »obwohl er nicht in meine Richtung blickte, registrierte er, dass ich mir Notizen gemacht habe.«

»Nein! Ganz sicher nicht. Es sind, wie Sie bereits erkannt haben: Notizen. Offene Punkte oder Fragen, die mich noch interessieren und die ich nicht vergessen möchte. Stört Sie das?«

»Nein … ja … ich weiß nicht so recht. Irgend­wie ist es doch wie ein Verhör!«

»Wie oft wurden Sie denn schon vernom­men?«

»Noch nie.«

»Wieso kommen Sie dann darauf, dass es sich wie ein Verhör anfühlt?«

»Ist eben ein Gefühl. Vielleicht von zu vielen Krimis schauen?«

Jantina stoppte die Aufzeichnung und wandte sich sofort zu Malte: »Malte, ich verarsch dich hier nicht. Es ist nichts Offizielles! Kein Verhör! Nichts, was dich beunruhigen müsste! Ver­sprochen!«

»Und falls ich etwas sagen würde, was mich belasten könnte?«

»Du wirst ja niemanden umgebracht haben, oder?« Jantina hätte sich für diese vor­schnelle Bemerkung selbst ohrfeigen können. Vor ein paar Minuten saß Malte weinend auf dem Boden und warf sich vor, er hätte je­manden umgebracht, weil er es nicht verhin­dern konnte, und jetzt diese taktlose und hirnrissige Äußerung! – »Entschuldige bitte … ist mir so rausgerutscht.«

»Schon o. k. Sag schon! Was ist, wenn ich mich selbst belaste?«

»O. K., du willst eine Antwort. Also, bisher sehe ich unser Gespräch als privat an, das habe ich dir bereits gesagt. Ich stehe zu dem, was ich sage, und mache dir ein Angebot …« Jantina schob ihr Smartphone näher zu Malte: »Solltest du der Meinung sein, dass du mir – damit ich einen Zusammenhang besser oder überhaupt verstehen kann – für dich Belas­tendes mitteilen müsstest, dann kannst du die Aufnahme unterbrechen. Du bestimmst also, was aufgezeichnet wird und was nicht. Ist das für dich in Ordnung?«

»Ja, das ist es. Danke.«

»Meine Notizen werde ich hinterher weg­werfen, die dienen nur als Gedächtnisstützen, auf die ich allerdings nicht verzichten kann.« Jantina sah überrascht zu Malte, der die Aufnahme fortsetzen ließ. Er beugte sich etwas dem Smartphone entgegen und grinste Jantina an, als er in Richtung Smartphone sprach: »Könnten wir bitte eine kleine Pause machen? Ich müsste mal ›