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Niemand weiß, wer sie ist, woher sie kommt, was damals geschah. Du weißt nur: Sie ist wunderschön. Ein Engel, den du besitzen willst. Doch ihre Seele ist so schwarz wie der Tod und wenn du sie wirklich haben willst, musst du ihr alles geben. Dafür wird sie dein Lieblingsmädchen sein. Jetzt und für immer. Bist du bereit, dich ihrem Willen zu beugen? Bist du bereit für die Dunkelheit? Dann folge dem Engel in die Hölle! Hast du Kinder? Liebst du sie? Würdest du alles für sie tun? Wirklich alles? Dan Meller lebte einst in einem heruntergekommenen Trailerpark, alkoholkrank, drogensüchtig und kaum in der Lage, sich um seine kleine Tochter Selina zu kümmern. Heute ist Dan clean und hat es scheinbar geschafft: Zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern lebt er in einem hübschen Haus am Stadtrand, hat einen Job und nur die besten Absichten. Das kleine Mädchen von damals ist jetzt fast erwachsen. Eine hübsche junge Frau. Daddys ganzer Stolz. Und natürlich tut er alles, um wiedergutzumachen, was er in den ersten Jahren ihres Lebens vermasselt hat. Doch Selina sieht die Dinge ein bisschen anders. Hinter ihrer strahlenden Fassade verbirgt sich ein düsterer Abgrund, denn im Grunde ihrer kaputten Seele ist sie noch immer das verwahrloste Kleinkind von damals. Sie braucht ihren Daddy. So sehr! Und Dan? Er wird alles tun, um seine geliebte Tochter glücklich zu machen. Wirklich alles!
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Veröffentlichungsjahr: 2023
REDRUM
Selina’s Way
2. Auflage
Copyright © 2018 dieser Ausgabe bei
REDRUM BOOKS, Berlin
Verleger: Michael Merhi
Lektorat: Marion Mergen
Korrektorat: Jasmin Kraft/Silvia Vogt
Umschlaggestaltung und Konzeption:
MIMO GRAPHICS unter Verwendung einer
Illustration von Shutterstock.
ISBN: 978-3-75792-990-9
E-Mail: [email protected]
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Simone Trojahn
Selina’s Way
Zum Buch:
Hast du Kinder? Liebst du sie? Würdest du alles für sie tun?
Wirklich alles?
Dan Meller lebte einst in einem heruntergekommenen Trailerpark, alkoholkrank, drogensüchtig und kaum in der Lage, sich um seine kleine Tochter Selina zu kümmern.
Heute ist Dan clean und hat es scheinbar geschafft: Zusammen mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern lebt er in einem hübschen Haus am Stadtrand, hat einen Job und nur die besten Absichten.
Das kleine Mädchen von damals ist jetzt fast erwachsen. Eine hübsche junge Frau.
Daddys ganzer Stolz.
Und natürlich tut er alles, um wiedergutzumachen, was er in den ersten Jahren ihres Lebens vermasselt hat.
Doch Selina sieht die Dinge ein bisschen anders.
Hinter ihrer strahlenden Fassade verbirgt sich ein düsterer Abgrund, denn im Grunde ihrer kaputten Seele ist sie noch immer das verwahrloste Kleinkind von damals.
Sie braucht ihren Daddy.
So sehr!
Und Dan?
Er wird alles tun, um seine geliebte Tochter glücklich zu machen.
Wirklich alles!
DIESES MÄDCHEN WILLST DU NICHT ZUM FEIND HABEN!
»The favorite Girl«
Niemand weiß, wer sie ist, woher sie kommt, was damals geschah.
Du weißt nur: Sie ist wunderschön.
Ein Engel, den du besitzen willst.
Doch ihre Seele ist so schwarz wie der Tod und wenn du sie wirklich haben willst, musst du ihr alles geben.
Dafür wird sie dein Lieblingsmädchen sein.
Jetzt und für immer.
Bist du bereit, dich ihrem Willen zu beugen?
Bist du bereit für die Dunkelheit?
Dann folge dem Engel in die Hölle!
Zur Autorin:
Simone Trojahn schreibt erschreckend realistisch, tiefgründig und absolut schonungslos. Ihre Geschichten sind gnadenlos authentisch. Die Ausnahme-Autorin arbeitete viele Jahre im sozialen Bereich und kennt die Schattenseiten des Lebens. In einzigartiger Weise zeigt sie auf, was mit uns geschieht, wenn wir selbst zu einer Person werden, die wir vielleicht nie sein wollten.
Weitere Titel:
Mörderherz
Das Kinderspiel
Kellerspiele
Wutrauschen
Blutbrüder
Hexensaft
Selina’s Way
Kontakt:
facebook.com/simonetrojahn
›Simone Trojahn Fans‹ bei Facebook
Simone Trojahn
Hardcore-Psychothriller
She tied you to a kitchen chair
She broke your throne and she cut your hair
And from your lips she drew the Hallelujah
(Leonard Cohen)
Die folgende Geschichte ist rein fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind unbeabsichtigt und basieren auf Zufall.
REDRUM BOOKS weist darauf hin, dass Simone Trojahns teils sehr drastischer und extremer Schreibstil für sensible Personen ungeeignet sein könnte.
Das Lesen ihrer Bücher erfolgt auf eigene Gefahr.
Inhalt
Selina´s Way
Vorwort:
Ein Hauch von Nichts
Schluck FUEr Schluck
Das Erwachen
Kate
Am Arsch
Der Knoten ist geplatzt
Familienbande
Schlimmer geht immer
Am Angelhaken des Teufels
Spielchen
Rollentausch
Epilog: Selina oder was UEBrig bleibt
The favorite Girl
Nachwort und Danksagung
Thematisches Nachwort des Verlages
Verlagsprogramm
Im Jahr 2016 sah ich die erste Staffel der amerikanische Dramaserie ›Secrets and Lies‹, in der ein Familienvater die Leiche des Nachbarjungen beim Joggen im Wald entdeckt und kurz darauf als Hauptverdächtiger gejagt wird. Sein bisheriges scheinbares Familienidyll wird dadurch auf eine harte Probe gestellt und der Blick in den Abgrund bestimmt plötzlich sein Leben. Am Ende fndet er heraus, dass seine eigene Tochter für den Tod des Jungen verantwortlich ist: Und es war kein Unfall.
Für den Familienvater beginnt ein Albtraum, während sich die Staffel langsam dem Ende neigt. Ihm wird klar, dass seine Tochter unter einer psychischen Störung leidet. Emotionen wie Mitleid oder Reue sind ihr fremd. Doch anstatt sich professionelle Hilfe für sein Kind zu suchen, tut dieser Vater am Ende etwas, das mich auf die Idee zu dem Roman ›Die Prinzessin‹ brachte: Um sein Kind zu schützen, nimmt er die Schuld auf sich und geht ins Gefängnis. Und das trotz des Wissens, dass sie immer eine Gefahr für andere, vielleicht sogar die eigene Familie sein könnte.
Aus Liebe zu seiner Tochter bringt er also nicht nur sich selbst, sondern auch den Rest seiner Familie in eine verzweifelte und gefährliche Lage. Am Ende will er nur sein Mädchen schützen, verliert dabei aber jeglichen Blick für die Realität.
Diese ebenso selbstlose wie auch fehlgeleitete Vaterliebe brachte mich zum Nachdenken: Hätte ich selbst genauso gehandelt?
Tun gute Eltern nicht alles Menschenmögliche für ihre Kinder?
Aber wo sind die Grenzen?
Wofür würde ich mich im Ernstfall entscheiden?
Was würdet ihr tun?
Im Film geht dieser Mann nun für Jahrzehnte in den Knast, nur damit seine Tochter unbescholten weiterleben kann. Wie man in der zweiten Staffel erfährt, verliert er dort am Ende sogar sein Leben.
Und das, obwohl er zu dem Zeitpunkt weiß, dass sie eine Psychopathin ist, die eigennützig und berechnend einen Menschen getötet hat.
Würde eure Liebe für eure Kinder so weit gehen?
Oder ist das gar keine echte Liebe?
Würden nicht alle Eltern behaupten, dass sie alles für ihre Kinder tun würden?
Durch die Hölle und zurück?
So sollte das sein, nicht wahr?
Oder kann man es auch übertreiben?
Aus diesen Überlegungen heraus entstand die Idee zu ›Die Prinzessin‹.
Auch Selina ist eine Psychopathin ohne Mitgefühl für andere. Auch sie würde alles tun, um ihren Willen zu bekommen und ihre eingebildete heile Welt zu schützen.
Und ihr Vater?
Nun, der tut alles, um ihr das zu ermöglichen. Genau wie der Familienvater in der Serie verliert auch er den Blick für sich selbst und alles in seiner Umgebung. Nur dass Selina noch etwas vehementer und brutaler vorgeht, um ihren Vater für sich zu gewinnen.
Das war dann leider auch das Problem in der Ursprungsversion von ›Die Prinzessin‹. Ich stieß dabei auf ein Tabuthema, das in unserer Gesellschaft leider oft verdrängt wird. Die meisten sehen lieber weg, als sich damit auseinanderzusetzen. Echte Täter werden nicht selten mit lächerlichen Strafen abgespeist oder es gibt erst gar keine Handhabe gegen sie.
Wenn man sich aber eine fiktive Geschichte ausdenkt, ist das wohl für diejenigen ein Aufreger, unter deren Teppich inzwischen kein Platz mehr ist.
Dabei wurden die Weichen zu Selinas Verhalten bereits in frühester Kindheit gestellt, als sie Opfer von Missbrauch wurde und ihr Vater sie im Stich ließ.
So entstehen nicht nur kaputte Kinderseelen, sondern auch psychopathisches und soziopathisches Verhalten, wie die frühreife Selina es an den Tag legt. Also nicht nur Fiktion, keine ausschweifende Gewaltfantasie einer Autorin, sondern düstere Realität – verborgen, verdrängt, weggesperrt.
Da davon aber viele nichts wissen wollen, durfte das Buch nicht länger verkauft werden.
In der neuen Version haben wir nun eine ebenso gestörte und frühreife Selina, die allerdings erst mit achtzehn so weit ist, ihren Vater nach allen Regeln der Kunst zu verführen. Was nicht heißt, dass sie davor zahmer war.
Die Menschen, die den Schmutz gern unter den Teppich kehren, sind damit bestimmt auch nicht zufrieden, aber das ist mir egal. Denn wer gern verdrängt, der sollte ohnehin die Finger von meinen Büchern lassen.
Wir alle wissen, wie hässlich die Realität sein kann.
Die Medien berichten täglich davon.
Wer eine fiktive Geschichte braucht, um das zu realisieren, tut mir ein bisschen leid. Vor allem ist das sehr schade für die vielen realen Opfer von Gewalt und Missbrauch, denen nicht damit geholfen ist, dass ihre Umgebung so tut, als wäre nichts passiert.
Ihnen zuliebe werde ich weiter hinschauen und mir Geschichten ausdenken, die genauso furchtbar sind wie die Realität, in der wir nun mal leben.
Aus ›Die Prinzessin‹ wurde ›Selina’s Way‹, doch die Botschaft bleibt dieselbe: Seht hin, fühlt mit und versteht!
Es gibt keine prägendere Zeit als die Kindheit und alles, was da verbockt wird, kommt früher oder später wie ein Bumerang zurück. Das Resultat sind zerstörte Seelen und verrohte Menschen.
›Selina’s Way‹ ist wohl kaum der richtige Weg, aber für Menschen wie Selina vielleicht manchmal doch der einzig mögliche. Denn unsere Welt hält nicht für jeden dieselben Chancen bereit und der falsche Start ins Leben kann manchmal auch den ganzen Rest versauen.
Das sollten wir nie vergessen, bevor wir unser Urteil fällen.
Simone Trojahn, im November 2018
Er liebte diese Momente am frühen Morgen, kurz vor dem Aufstehen, wenn er noch nicht richtig wach war, aber auch nicht mehr wirklich schlief, und einfach so dalag, um den Geräuschen im Haus zu lauschen.
Den Geräuschen in seinem Haus.
Geräuschen von seiner Frau und seinen Kindern.
Am Ende hatte sich doch alles zum Guten gewendet. Hatte seine Mutter es ihm nicht stets prophezeit? Alles würde gut werden. Irgendwann und irgendwie. Nur die Hoffnung durfte man nicht aufgeben. Hoffnung war das Einzige, was einem Menschen in seinen dunkelsten Stunden blieb. Man musste daran festhalten, und wenn es das Letzte war, das man tat oder zu tun in der Lage war. Seine Mom hatte recht gehabt.
Hatte er sich je dafür bedankt?
Dan war sich nicht sicher.
Doch während er sich von der Seite auf den Rücken drehte und verschlafen gegen das stumpfe graue Tageslicht anblinzelte, beschloss er, es ganz bald zu tun.
Er würde sie anrufen.
Heute Abend oder spätestens morgen.
Dan machte sich eine Notiz in seinem Kopf und hoffte, dass er es nicht wieder vergessen würde. Das Leben hatte es in letzter Zeit besonders gut mit ihm gemeint, was aber auch bedeutete, dass er alles Mögliche um die Ohren hatte. Sein Leben war jetzt genauso schön wie anstrengend. Er hatte eine Familie und einen Job. Verpflichtungen, von denen er noch vor ein paar Jahren kaum zu träumen gewagt hätte. Dadurch blieb ihm zwar weniger Zeit für sich selbst, doch diesen Preis bezahlte er mit einem Lächeln, denn er hatte nun Kate, seine Frau, die er über alles liebte.
Noch vor drei Jahren hätte er nicht geglaubt, je wieder lieben zu können.
No, Sir!
Bestimmt nicht.
Doch jetzt war alles gut.
Seit sechs Monaten waren sie nun Eltern eines wundervollen kleinen Mädchens. Wenn Dan seine Leila im Arm hielt und ihr kleines feines Gesicht betrachtete, wurde er manchmal so sehr von seinen Gefühlen überwältigt, dass ihm die Tränen in die Augen schossen. Dieses wunderbare Mädchen war die Krönung einer wunderbaren Beziehung und das Highlight dieses wunderbaren Lebens, das so plötzlich über ihn gekommen war wie warmer Regen im August.
All das Wunderbare hatte ihn eiskalt erwischt, und er würde niemals aufhören, dankbar zu sein. Dankbar nicht nur um seinetwillen, sondern auch wegen Selina, seiner süßen Prinzessin. Selina war inzwischen achtzehn Jahre alt und eigentlich kein kleines Mädchen mehr, auch wenn es sich für Dan noch immer so anfühlte. Vielleicht lag das daran, dass er viel verpasst hatte, als sie tatsächlich klein gewesen war. Den größten Teil ihrer Kindheit war er zwar anwesend, aber nicht wirklich da gewesen.
Heute machte ihn diese Tatsache traurig.
Selina stammte aus Dans früherer Beziehung, sofern man das Hausen in einem heruntergekommenen Trailer mit einer drogensüchtigen Freizeitnutte als ›Beziehung‹ bezeichnen wollte. Allerdings war Dan seinerzeit keineswegs fehlplatziert gewesen in diesem fragwürdigen Ambiente. Wenigstens hatte er (im Gegenteil zu seiner damaligen Freundin Clara) niemals gedrückt, was ihm einen kleinen Vorsprung an hellen Momenten verschaffte, der allerdings niemals ausreichend gewesen war, um die angemessene Versorgung eines kleinen Kindes zu gewährleisten. Während Clara die meiste Zeit im Dämmerzustand mit anderen Süchtigen auf den ausrangierten Polstermöbeln vor dem Trailer herumhing, versuchte Dan, sich im Inneren des Wohnwagens zwischen Pot, Meth und Alk um die kleine Selina zu kümmern. Anders als Clara hatte er sich zumindest ein Grundverständnis dessen bewahrt, was ein Säugling zum Überleben brauchte. Er legte die Kleine trocken (auch wenn er sie nicht selten in Handtücher wickeln musste, weil keine Windeln da waren) und er gab ihr alle paar Stunden (mehr oder weniger regelmäßig) ein Fläschchen. An Milchpulver zu kommen, war nicht immer einfach, vor allem in einem Haushalt, wo das wenig vorhandene Geld die leidige Angewohnheit hatte, sich in Windeseile zu verflüssigen. Manchmal stahl Dan eine Packung im nahegelegenen Supermarkt. Manchmal bekam die kleine Selina auch nur lauwarmes Zuckerwasser. Zwei bis drei Joints, eine Flasche Fusel oder ein paar Nasen Meth (am besten etwas von allem) ließen das schlechte Gewissen schrumpfen. So ungern Dan es sich zugestand, gab es aber auch Tage, an denen er stundenlang mit Clara und den anderen vor dem Trailer abhing, während sich sein armes Mädchen drinnen die Seele aus dem Leib schrie. Die Musik und die Stimmen waren laut genug, um das Babygeschrei dumpf und unwichtig erscheinen zu lassen. Und wenn sich Clara auf seinen Schoß setzte und ihm die Zunge in den Hals schob, während sie sanft seinen Schritt massierte und er unter ihrem Minirock schon die feuchte heiße Stelle spürte, die selten von einem Slip verdeckt wurde, dann vergaß er (selten, aber manchmal doch) für einige Stunden komplett, dass da ein Säugling im Wäschekorb lag, der gestern das letzte Mal gewickelt worden war und schon viel zu lange kein Fläschchen mehr bekommen hatte.
Dennoch war sie seine kleine Prinzessin und Dan liebte sie mit aller Inbrunst, die ein abgehalfterter Junkie aufbringen konnte. Und das, obwohl er (damals wie heute) nicht wusste, ob sie überhaupt seine leibliche Tochter war. Clara war zwar nicht im herkömmlichen Sinne fremdgegangen, hatte die Beine aber gern und oft für jeden breitgemacht, der etwas im Gegenzug zu bieten hatte. Geld, Drogen, Alkohol. Sie blies Schwänze für ein paar Dollar und ließ sich für einen Schuss in den Arsch ficken. Manchmal verschwand sie mit irgendeinem stinkenden Dealer im Trailer, während Dan draußen saß, rauchte und versuchte, nicht zu denken. Da er selbst nicht viel zu bieten hatte, wusste er, dass er ihre Eskapaden tolerieren musste, wenn er sie nicht verlieren wollte.
Und das wollte er nicht, weil er sie liebte.
Warum auch immer.
In dieser Zeit wäre ein Leben ohne Clara für ihn unvorstellbar gewesen. Die Gründe verstand Dan bis heute nicht. Inzwischen schrieb er sein damaliges Fehlverhalten aber seiner Drogen- und Alkoholsucht zu.
Irgendetwas musste ja schuld sein.
Oder irgendwer.
Als Clara schwanger wurde, freute er sich wie verrückt, ohne auch nur einen einzigen Gedanken an notgeile Dealer zuzulassen. Für Dan stand von Anfang an fest, dass Selina seine Tochter war.
Seine kleine Prinzessin.
Sie musste einfach von ihm sein.
Alles andere wäre einfach nicht fair gewesen.
Clara hatte von Anfang an kein großes Interesse an dem kleinen Mädchen gezeigt, das da aus ihr herausgeschlüpft war.
Sie machte einfach weiter wie bisher.
Ungeniert und gnadenlos.
Drei lange Jahre ging das so, und dass Selina am Ende überlebte, hatte sie wohl eher einem Wunder als der Fürsorge ihrer Eltern zu verdanken. Dan hatte immer wieder versucht, ihr ein annehmbarer Vater zu sein, doch mehr als ein Versuch war nie daraus geworden.
Dann erstickte Clara an ihrer eigenen Kotze, was sich als wahrer Glücksfall herausstellte. Wahrscheinlich hatte Selina diesem tragischen Umstand sogar ihr Leben zu verdanken.
Eines Morgens war Dan im gemeinsamen Bett (und damals war das Aufwachen nicht annähernd so angenehm gewesen wie heute) mit dem sauren Geruch von Erbrochenem in der Nase und dem Geschmack von verfaultem Fleisch im Mund aufgewacht. Er hatte stöhnend den Kopf gedreht und dabei festgestellt, dass er mit seinem Gesicht in einer halbgetrockneten Lache Kotze lag. Zu dicht und fertig, um Ekel zu verspüren, dachte er im ersten Moment, es wäre seine eigene. Vage geisterte bereits die Idee einer Dusche (sie machten das draußen mit einem Schlauch) durch sein benebeltes Hirn, als er sich aufgesetzt und einen genaueren Blick auf die leblose Frau neben sich geworfen hatte. Claras nackter Körper stank erbärmlich. Die Haut hatte sich bereits gräulich verfärbt und war übersät mit dunklen Flecken unterschiedlichster Größe. Sie hatte auf dem Rücken gelegen, der offene Mund mit Kotze gefüllt. Einige Spritzer bedeckten auch ihr Gesicht und die bleichen schlaffen Brüste. Auf dem Kissen unter ihrem Kopf hatte sich ein großer Fleck gebildet, über den Fliegen krochen und in dem Dan eben noch geschlafen hatte. Langsam war doch so etwas wie Ekel in ihm aufgestiegen.
Oder war es Entsetzen?
Damals hätte er es nicht unterscheiden können.
Das Laken unter Claras Körper war getränkt mit Urin und flüssigen Fäkalien. Zwischen ihren gespreizten Beinen krochen Fliegen herum. Dan hatte einen Schrei unterdrückt und war angewidert aus dem Bett gesprungen.
Wie lange hatte er hier mit ihr gelegen?
Was war überhaupt passiert?
Und, am wichtigsten, wann war es passiert?
Wie lange war er weggetreten gewesen?
Und wo, großer Gott, war die kleine Selina?
Gehetzt hatte sich Dan in dem müllübersäten Wohnwagen umgesehen.
Keine Spur von der Kleinen.
Splitternackt und außer sich vor Panik war er nach draußen gestürzt und fand seine Tochter, die auf der versifften Couch vor dem Trailer saß und mit ihrer Puppe spielte. Das kleine Mädchen war schmutzig gewesen und hatte verfilzte Haare gehabt. Selina hatte ausgesehen wie eine größere Version der schmuddeligen Puppe in ihren Armen. Dan hatte das Mädchen hochgehoben und fest an sich gedrückt.
Dann kamen die Tränen.
Nachbarn hatten schließlich die Polizei und einen Krankenwagen verständigt. Bis zur Klärung der Todesursache wurde Dan in Gewahrsam genommen. Selina brachte man weg, ohne ihm irgendeine Auskunft zu geben. Da half auch kein Betteln und Heulen. Am Ende wurde er still und tat, was sie wollten. Nach zwei Tagen hatte man ihn gehen lassen. Sie sagten ihm, Selina wäre noch im Krankenhaus. Sie wäre mangelernährt und stark dehydriert. Nach dem Krankenhaus sollte sie in eine Pflegefamilie kommen. Dan hatte auf Knien gefleht, sie wenigstens kurz sehen zu dürfen.
Man hatte ihn nicht gelassen, sondern stattdessen ›nach Hause‹ in den Trailer geschickt, der nach Claras Leiche stank. Er sollte sich in Therapie begeben, was Dan damals nicht verstand. Weshalb? Clara war tot und seine Prinzessin hatten sie ihm weggenommen.
Er war allein.
Statt eine Therapie zu machen, ballerte er sich tagelang mit allem weg, was er finden konnte. Nachdem sämtliche Drogen- und Alkoholvorräte aufgebraucht waren, kam er langsam wieder zu sich und stellte fest, dass er noch lebte. Stundenlang hatte er weinend auf der Couch vor dem Wohnwagen gelegen, den er nie wieder betreten wollte.
Schließlich hatte er das verdammte Ding niedergebrannt und wieder rief irgendwer die Bullen. Die Flammen drohten, auf andere Trailer überzugreifen.
Na und?
Dan wurde erneut festgenommen. Dieses Mal ließen sie ihn nicht so schnell gehen. Ein Verfahren wegen gefährlicher Brandstiftung wurde eingeleitet. Immer wieder hatte er nach seiner Tochter gefragt, aber keine Antworten erhalten – außer einem lapidaren Satz: Es geht ihr gut, mehr müssen Sie nicht wissen.
Schließlich hatte er damals zum ersten Mal wieder an seine Mutter gedacht, mit der er sich einst überworfen hatte, weil sie gegen die Beziehung mit Clara gewesen war. Sie hatte gewusst, was diese Verbindung aus ihrem Sohn machen würde.
Und recht behalten.
Er hatte sie gehasst und nie wiedersehen wollen.
Damals.
Fünf Jahre hatte Funkstille geherrscht, in denen seine Mutter nicht einmal wusste, dass Dan eine Tochter hatte.
Ihre Enkelin!
Seine Mutter war so ganz anders als Clara. Sie hatte sich als Alleinerziehende gut um ihn gekümmert und versucht, ihm trotz aller finanziellen Einschränkungen ein gutes Leben zu ermöglichen. Er hätte einen Beruf lernen und ein anständiges Mitglied der Gesellschaft werden können, so wie sie es ihm stets vorgelebt hatte. Stattdessen war er früh auf die schiefe Bahn geraten und all ihre Bemühungen waren ins Leere gelaufen. Als dann auch noch Clara in sein Leben getreten war, schien sein Schicksal endgültig besiegelt zu sein. Seine Mutter hatte ihn aufgegeben und wohl mit ihm abgeschlossen. Was sonst hätte sie tun sollen? Er hatte sich wie das letzte Arschloch benommen und alle Brücken zu ihr niedergerissen.
Dennoch war sie damals seine letzte Chance gewesen. Dan hatte sie aus dem Gefängnis angerufen und gebettelt wie ein kleines Kind, als sie nicht mit ihm sprechen wollte. Dan hatte geheult, sich entschuldigt und um Hilfe gebeten. Sie sollte versuchen, Selina zu sich zu nehmen.
Sein Stolz war ihm dabei egal gewesen. Er wollte nur, dass es seiner Tochter gutging. Wirklich gutging! Im Gegenzug hatte er versprochen, eine Therapie zu machen. Er hätte alles getan, solange sie ihm half, seine kleine Prinzessin zurückzubekommen.
Und weil Nora Mellers Herz weich war und sie heimlich wohl immer auf die reumütige Rückkehr ihres Sohnes gewartet hatte, versprach sie ihm ihre Hilfe. Seine Mutter hatte alle Ersparnisse zusammengekratzt, um seine Kaution zu bezahlen, und ihn dann direkt in eine Entzugsklinik gesteckt. Eine staatliche Einrichtung, in der es alles andere als zimperlich zuging. Während Dan dort gegen seine Sucht kämpfte, hatte Nora alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Sorgerecht für die kleine Selina zu erstreiten. Am Ende war ihre Beharrlichkeit ein Segen. Sie bekam tatsächlich Recht und schließlich verwandelte sich der Albtraum in ein schönes Märchen: Dan schaffte es, clean zu werden und kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Er zog wieder zu seiner Mutter (das war eine der Auflagen gewesen), bei der seine kleine Prinzessin sich bereits gut eingelebt hatte. Sie ging in den Kindergarten und war ein ganz normales, gesundes kleines Mädchen. Die Puppen, mit denen sie jetzt spielte, sahen immer noch aus wie sie, doch nun trugen sie hübsche Kleider und hatten glattes, duftendes Haar, das in der Sonne glänzte.
Dan gelang es, ihr Vertrauen zurückzugewinnen. Genau wie das seiner Mutter. Dafür kämpfte er wie ein Tiger. Er hatte sich wirklich geändert, jeder konnte das sehen. Am besten er selbst, wenn er in den Spiegel schaute. Das hagere, graue Junkie-Gesicht war irgendwann verschwunden. Stattdessen blickte ihm ein gutaussehender, junger Mann entgegen, der das Leben noch vor sich hatte.
Ein hartes Stück Arbeit lag hinter ihm. Er würde nie wieder einen Tropfen Alkohol trinken oder auch nur den kleinsten Joint rauchen dürfen, weil die Sucht sonst zurückkommen würde. Und mit ihr der Abstieg in eine Hölle, die er nie wieder betreten wollte. Dafür war er bereit, mit diesen Einschränkungen zu leben, solange es nur seiner Tochter an nichts fehlte und er sie täglich um sich haben durfte. Ein größeres Geschenk für seine Mühen hätte es nicht geben können. Die Schuld an dem, was Selina die ersten Jahre ihres Lebens hatte durchmachen müssen, würde für immer bleiben, doch er war bereit, sie anzunehmen.
Selina wurde älter und Dan hoffte, dass sie ihm irgendwann verzeihen könnte.
Die Jahre vergingen, in denen sich Dan beruflich qualifizierte, einen Lastwagenführerschein machte und einen Job in einer Spedition fand. Selina sah er nur an den Wochenenden, dann überschüttete er seine kleine Prinzessin mit Liebe und Geschenken. Sie durfte bei ihm im Bett schlafen, die dünnen Arme so fest um seinen Hals geschlungen, dass es ihm fast die Luft abschnürte. Doch das war in Ordnung so. Sie brauchte es wohl. Musste ihn halten und spüren, um sicher zu sein, dass er sie nie mehr verlassen würde. Dan hätte ihr niemals einen Wunsch abschlagen können. Statt an seinen freien Abenden auszugehen und neue Leute kennenzulernen, blieb er zu Hause und war für seine Prinzessin da. Sie wich keine Minute von seiner Seite, saß beim Essen auf seinem Schoß und schlief in seinem Bett, als sie eigentlich längst zu alt dafür war. Wenn er morgens mit den Händen seiner vierzehnjährigen Tochter auf seinem Körper aufwachte, fühlte sich das nicht immer richtig an. Sie hatte inzwischen Brüste und rasierte sich die Beine. Wenn sie sich an ihn drückte, war das kein Kinderkörper mehr. Doch was hätte er ihr sagen sollen? Diesem armen kleinen verlorenen Kind, das seinetwegen hätte sterben können? Sollte er sie etwa ermahnen oder gar wegstoßen?
Unmöglich!
Undenkbar!
Niemals hätte er seine Prinzessin so behandeln können.
Und so blieb alles, wie gehabt.
All die Jahre lang, in denen aus der kleinen eine große Prinzessin wurde.
Und Dan? Nun, der hatte irgendwann beinahe vergessen, dass er nicht nur Vater, sondern auch Mann war. Seit Clara hatte er keine Freundin mehr gehabt.
Wenn er mit dem Truck unterwegs war, las er manchmal Prostituierte auf Rastplätzen auf. Für die schnelle unpersönliche Nummer.
Weil er eben doch ein Mann war.
Wenn Dan am Wochenende neben dem warmen Körper seiner Teenagertochter im Bett lag, dachte er an diese Frauen. An ihre feuchten roten Münder und die ausgeleierten Muschis, in die er mehr der Wärme als der Lust wegen schlüpfte.
Wärme.
Zu Hause drückte Selina ihre kleinen Brüste an seinen Bauch. Manchmal legte sie beim Schlafen ein Bein über ihn oder streichelte seinen Oberschenkel, bis nicht nur der, sondern auch Dans Körpermitte glühte.
Es war falsch.
Irgendwie. Doch Selina wollte es so.
Sie brauchte das.
Brauchte ihn.
Wenn es warm war, schlief sie nur in ihrer Unterwäsche und an kalten Tagen drängte sie sich unter der Decke so dicht an ihn, als wollte sie in ihm verschwinden.
Und Dan?
Er ließ es zu.
Als Selina ein kleines Mädchen war und auch später mit vierzehn, fünfzehn und sechzehn.
Manchmal fragte er sich, ob sie inzwischen einen Freund hatte. Doch sie sprach nie über das Thema und ging nicht aus, wenn Dan zu Hause war.
Genau wie er.
Das frigide Vater-Tochter-Gespann.
Verrückt!
Irgendwie.
Seiner Mutter fiel diese enge Nähe natürlich auf und sie hatte Dan auch mehrfach darauf angesprochen. Doch er tat ihre Vorwürfe lediglich mit einem Achselzucken ab. Selina war seine Tochter und solange sie ihn brauchte, würde er auch für sie da sein. Schließlich verband sie eine ganz besondere Vergangenheit, die sich nicht einfach wegwischen ließ.
Ob seine Mutter das nun für richtig hielt oder nicht, kümmerte Dan herzlich wenig. Immerhin war Selina ein liebenswürdiges und intelligentes Mädchen. Sie hatte gute Noten und würde sich wahrscheinlich sogar für ein College-Stipendium qualifizieren. Außerdem verbrachte sie ihre Zeit unter der Woche keineswegs ständig zu Hause. Sie traf sich mit Freunden im Einkaufszentrum oder zum Sport und war durchaus beliebt.
Es gab also keinerlei Anlass zur Sorge, außer dass sie die Wochenenden lieber zu Hause verbrachte, was sich die meisten Eltern doch von ihren pubertierenden Kindern wünschten.
Diese Zeit gehörte Vater und Tochter.
Warum zum Teufel sollte das falsch sein?
Sie liebten einander und standen sich sehr nahe.
Was war daran verwerflich?
Dass Selina den nackten Oberkörper ihres Vaters manchmal mit Küssen übersäte?
Dass beim Gute-Nacht-Küsschen manchmal ihre Zunge herausspitzte?
Dass Dan nicht selten mit einer Erektion neben seiner halbnackten Teenie-Tochter erwachte?
Welcher Mann hatte denn keine Morgenlatte?
Außerdem änderte sich einiges, als Selina sechzehn wurde. Sie schlief zwar immer noch bei ihrem Vater, aber wenn sie nun weit nach Mitternacht zu ihm ins Bett kroch, roch sie oft nach Alkohol und manchmal auch nach Jungs.
Damals hatte Dan überlegt, mit ihr über das Thema Verhütung zu sprechen, es jedoch nicht über sich gebracht. Er fand auch hierfür Erklärungen, die sein Gewissen beruhigten. Selina würde schon wissen, was sie tat. Sein Mädchen war schließlich nicht dumm.
Und Dan?
Seine Gefühle schwankten nun zwischen Erleichterung und Eifersucht.
Natürlich wäre es ihm längst möglich gewesen, sich eine Frau zu suchen, auf Partys zu gehen oder in Bars. Doch mit fast vierzig fühlte er sich dafür zu alt. In diesen Tagen beschlich ihn die Befürchtung, wohl ein bisschen zu lange gewartet zu haben.
Selina zuliebe.
Seine Uhr schien abgelaufen zu sein.
Wenn seine Tochter neben ihm lag und nach Sex roch, hatte er manchmal geweint.
In jenen Nächten hoffte er, sie würde für immer seine kleine Prinzessin bleiben. Dafür schämte er sich, aber er hatte auch Angst vor der Einsamkeit. Selina hatte sich verändert. Sie war erwachsen geworden und ihre Küsse töchterlicher.
Je öfter seine kleine Prinzessin an den Wochenenden unterwegs war, desto mehr sehnte er sich nach einem beständigen Leben. Er wollte seine Zeit nicht mehr auf den Highways verbringen, wo Dunkelheit und Einsamkeit auf der Tagesordnung standen. Er konnte keine Rastplätzte mehr sehen und der Geruch, den die Nutten in seinem Führerhaus hinterließen, widerte ihn nur noch an.
Wenn er jetzt nach Hause kam, war oft nur Nora da. Das Heimkehren lohnte sich nicht mehr.
Und so suchte Dan nach einem neuen Job und fand eine Anstellung in einem ansässigen Supermarkt. Die Bezahlung war schlecht, doch nun würde er jeden Abend zu Hause sein. Er würde wieder mehr am Leben seiner Tochter teilhaben können.
Selina schien sich darüber zu freuen. Sie hatte ihren Daddy umarmt und ihm einen dicken, nach Pfefferminz schmeckenden Schmatzer auf die Wange gedrückt, der ein heißes Rauschen durch Dans Körper jagte.
Falsch?
Natürlich!
Aber gegen Gefühle war man eben machtlos und bestimmt lag es auch nur daran, dass er sich so freute, endlich mehr Zeit für seine Tochter zu haben.
Oder?
Lange würde sie nicht mehr zu Hause wohnen. Selina war mittlerweile siebzehn und in ihrem vorletzten Jahr auf der Highschool. Wenn sie erst mal aufs College ging, würde er sie nur noch während der Semesterferien zu Gesicht bekommen.
Wenn überhaupt.
Dans Mutter hatte nicht verstanden, warum er den Job wechselte und sich damit finanziell verschlechterte. Nora Meller verstand so vieles nicht.
Für Dan hingegen war nur wichtig, dass es seiner kleinen Prinzessin gutging. Dafür litt er auch gern, wartete nächtelang allein im Bett. Irgendwann zwang er sich, endlich einzusehen, dass Selina ihre eigenen Wege ging. Spätestens, als sie nicht bei ihm schlief.
Und eines Tages ging er sogar in eine Bar, hatte einen unbedeutenden Flirt. Dann noch einen. So schlecht wie gedacht schien er gar nicht anzukommen. Womöglich hatte er seine Wirkung auf das andere Geschlecht im Laufe der Jahre zu unterschätzen gelernt. Er war einfach aus der Übung und musste erst mal wieder warmlaufen.
Die meisten Abende verbrachte er dennoch allein oder mit seiner Mutter. Bis das Schicksal sich endlich doch mal wieder milde zeigte.
An einem sonnigen Herbsttag ließ eine hübsche junge Frau auf dem Supermarktparkplatz eine riesige Tüte mit Einkäufen fallen. Fluchend begab sie sich daraufhin auf die Knie, um das Ganze wieder einzusammeln. Ein Milchkarton war aufgeplatzt, mehrere Eier waren zu Bruch gegangen. Mitten in diesem schleimigen Schlamassel lagen nun sämtliche ihrer Einkäufe verstreut. Dan, der damit beschäftigt gewesen war, einige Einkaufswagen zurück an ihren Platz zu schieben, war sofort herbeigeeilt, um der Frau zu helfen. Sie war eine wahrhaftige Schönheit mit langen braungebrannten Beinen und denselben weizenblonden Haaren wie seine Selina.
Ihre Wangen waren gerötet und sie blickte mit funkelnden Augen zu Dan auf. »So ein Mist!«
Dan hatte ihr zugelächelt, während er neben ihr in die Hocke gegangen war. »Das haben wir gleich.«
Er hatte Äpfel, einen Salatkopf, eine Schachtel Tampons und diverse Konserven aus der Eier-Milch-Pampe gesammelt und diese abwechselnd an seinem Hemd und seiner Hose abgewischt.
Die Frau war beeindruckt gewesen von seiner Hilfsbereitschaft. Ihre Arme hatten sich berührt, als er die aufgesammelten Einkäufe in ihr Auto stellte. Dan hatte gelächelt. Er war von oben bis unten mit Milch und Ei beschmiert gewesen und hatte wohl ausgesehen wie der größte Idiot aller Zeiten.
Die Frau hatte zurückgelächelt.
Es war wie in einem dieser Liebesfilme gewesen. Dan hatte gesagt:
»Warten Sie, ich bin gleich wieder da«, und war in den Supermarkt geeilt, wo er ihr eine neue Packung Eier und sogar zwei Milchkartons holte. Und sie war noch dagewesen, als er damit auf den Parkplatz zurückkam.
Ja, sie hatte auf ihn gewartet, Dan angelächelt und ihm ihre Telefonnummer gegeben.
Sie hieß Kate, war siebenundzwanzig, Grundschullehrerin und schon seit längerem solo. Sie stammte aus einer durchschnittlichen Mittelklassefamilie und führte selbst ein ganz ähnliches Durchschnittsleben.
Bei ihrem ersten Date waren sie ins Kino gegangen, später noch etwas trinken. Dan erzählte ihr erst Monate später von seiner Vergangenheit, worauf Kate mit viel Verständnis und Einfühlungsvermögen reagiert hatte.
Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen.
Für beide.
Ein Wunder!
Kate schien die perfekte Frau zu sein. Sie war humorvoll, bildhübsch, liebevoll, intelligent und sie verstand sich großartig mit seiner Mutter.
Mit Kate lernte Dan eine Sexualität kennen, die auf Liebe und Vertrauen basierte, nicht auf Wahnsinn und Abhängigkeit. Und weil dies ein Märchen ohne böse Trolle und hässliche Hexen war, wurde es sogar noch besser: Kates Großmutter hinterließ ihrer Lieblingsenkelin ein kleines Häuschen in einem beschaulichen Vorort. Sie verliebten sich auf der Stelle in das hübsche Haus mit dem dazugehörigen kleinen Garten. Und weil das Glück ihnen auch weiterhin zur Seite stand, fanden Kate und Dan in der näheren Umgebung eine neue Anstellung. Kate bekam die Möglichkeit, als Vertretung in der örtlichen Grundschule anzufangen und Dan fand einen besser bezahlten Job in einem Elektrogeschäft.
Alle lebten sich gut in der neuen Umgebung ein und Selina fand schnell neue Freunde, obwohl sie anfänglich nicht gerade begeistert gewesen war.
Ein perfektes Leben, das durch Kates Schwangerschaft noch abgerundet wurde und schließlich den Höhepunkt mit Leilas Geburt erreichte.
Die Erinnerungen an seine persönliche Hölle und die Zeit in dem stinkenden Trailer mit der verrückten, drogensüchtigen Clara verblassten. Ebenso das schlechte Gewissen.
Heutzutage wachte er auf und hörte das Lachen seiner Frau und Tochter, die gemeinsam das Frühstück vorbereiteten, während die kleine Leila vergnügt in ihrem Laufstall gluckste. Da war kein übler Geschmack in seinem Mund und es roch nicht nach toter Junkie-Braut. Es gab nichts als sanftes Licht und frische, saubere Laken, an denen noch der süße Duft seiner wunderschönen Frau haftete.
Auch die Tatsache, dass seine Tochter viel zu lange diesen Platz neben ihm eingenommen hatte, machte Dan nun keine Sorgen mehr. Das war nur eine Phase gewesen. Wie so vieles im Leben. Nach ihrer traumatischen Vergangenheit hatten Selina und er einfach ein bisschen länger gebraucht, um sich voneinander abzunabeln. Ihr Verhältnis war eben intensiver als in anderen Familien, woran aber niemals etwas Schlechtes gewesen war. Es war ihm nur manchmal so vorgekommen, weil er nicht mit sich selbst im Reinen gewesen war.
Doch das alles war jetzt vorbei.
Sie hatten ihren Platz gefunden.
Das Leben war schön, es war perfekt und so sollte es auch immer bleiben. Dan hatte schlimme Zeiten hinter sich. Er hatte viele Fehler gemacht und dafür ordentlich Buße getan, doch er war auch reichlich entlohnt worden. Reichlicher, als er es zu hoffen gewagt hätte. Dan wusste, dass es ein Fehler gewesen wäre, die Dankbarkeit zu vergessen, die er auch nach all den Jahren noch empfand.
Mit einundvierzig war er nun endgültig angekommen und er fand, dass das ein sehr guter Zeitpunkt war, um zufrieden zurückzublicken.
Dies tat er am liebsten in jener kurzen morgendlichen Stille, die auf so süße Weise von den Geräuschen aus der Küche durchbrochen wurde.
Von den Menschen, die er liebte.
Dann konnte er sich am besten daran erinnern, wie schrecklich das Aufwachen einst gewesen war und Gott dafür danken, dass diese düsteren Zeiten nun der Vergangenheit angehörten.
Dan drehte sich ein letztes Mal auf die Seite und zog die Decke über seine nackten Schultern.
Noch eine Minute ...
Er hörte Stimmen. Dann Schritte auf der Treppe.
Er schloss die Augen. Gleich würde er aufstehen.
Nur noch einen Moment ...
Schon stieg ihm der Duft von frischem Kaffee in die Nase. Schritte hallten über den Flur.
Dann Stille.
Dan zog sich die Decke bis unter das Kinn. Gleich würde er wieder einschlafen.
Plötzlich durchschnitt ein Schrei die Stille. Viel zu laut und schrill, um echt zu sein. Dan ließ die Augen geschlossen. Das war wohl ein Traum ...
Wieder ein Schrei.
Kate?
Dan riss die Augen auf und starrte die geschlossene Schlafzimmertür an. Da draußen rannte jemand über den Flur.
»Dan?!«
Das war Kate.
»DAN!!!???«
Er sprang aus dem Bett. Noch gar nicht richtig wach. Gedankensegmente, Kaffeegeruch und Kates seltsame Schreie kämpften um die Oberhand in seinem Bewusstsein.
»DAN!!!«
Die Tür sprang auf.
Dan zuckte zusammen.
Das Herz schoss ihm in den Hals, wo es übel pochend stecken blieb. Von einer Sekunde auf die andere war die Spucke aus seinem Mund verschwunden. Er wollte schlucken, was nicht ging, jemand hatte seinen Gaumen mit Schmirgelpapier ausgelegt.
Kate stand in der Tür. Noch im Nachthemd, einem süßen kleinen Hauch von Nichts.
Sie hielt Leila im Arm, die in ihrem Schlafsack steckte.
Dan nahm nun zwei Dinge gleichzeitig zur Kenntnis: Kates lange Beine sahen wirklich atemberaubend aus, aber ihr Gesicht war eine Maske des Schreckens.
Irritiert ging er auf sie zu.
»Was ist denn los, Schatz? Gib mir die Kleine.« Er streckte die Arme nach dem Kind aus, doch Kate machte keine Anstalten, das Baby loszulassen. Sie presste es fest an ihren Körper. Dan konnte nur das blonde Köpfchen sehen.
Inzwischen war auch Selina in der Tür aufgetaucht. Sie sah besorgt aus, wurde in diesem Moment aber von niemandem beachtet.
»Leila!«, presste Kate mit zitternder Stimme hervor. Sie drückte das Kind wie besessen an sich, wobei sie so wirkte, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen.
»Kate, was ist denn los? Gib sie mir bitte!« Dan roch noch immer diesen verdammten Kaffee.
Warum ging das nicht weg?
Es passte doch nicht zusammen.
Nichts schien mehr zusammenzupassen.
Er streckte eine Hand nach Leila aus.
Und zuckte zurück.
Der kleine Körper in dem pinken Schlafsack war kalt.
Kalt?
Dan sah seiner Frau in die Augen. Dort las er die Antwort.
»Oh mein Gott, Dan.« Sie brach in Tränen aus.
Warum ließ sie das Kind nicht los?
Dan entriss ihr den kleinen Körper.
So kalt!
Kate kreischte und sank auf die Knie, wobei sie die Arme wie zum Gebet nach oben streckte.
Dan nahm Leila in seine Arme, so wie er sie schon oft gehalten hatte, damit sie einschlief oder ein Fläschchen trinken konnte. Er wiegte sie dann immer hin und her und sang ihr etwas vor.
Aber Leila schlief schon.
Ihre Augen waren geschlossen, die langen Wimpern warfen dunkle, fächerartige Schatten auf die unnatürlich blasse Haut. Die kleinen Lippen waren lila-blau und leicht geöffnet. Dahinter sah Dan eine Zunge, die ihm plötzlich viel zu dick vorkam.
Ob sie deshalb nicht atmen konnte?
Ohne weiter nachzudenken, schob er Daumen und Zeigefinger in den kleinen trockenen Mund und versuchte, die Zunge zu fassen zu kriegen. Er wollte sie nur ein Stück herausziehen, damit Leila wieder Luft bekam ...
»Was machst du da?!«, kreischte Kate. Sie war wie von Sinnen. Ihr Nachthemd war so weit hochgerutscht, dass man direkt zwischen ihre Beine sehen konnte.
Und sie trug keinen Slip.
Doch wen interessierte das jetzt?
Dan jedenfalls nicht. Verzweifelt versuchte er, Leilas Zunge zu erwischen, schob sie aber nur weiter nach hinten, bis sie schließlich ganz in ihrem Hals verschwunden war.
Entsetzt starrte er seinem toten Kind ins wächserne Gesicht. Er wollte es schütteln, schlagen und anschreien ... alles, damit seine kleine Tochter nur endlich aufwachte.
Am Ende tat er nichts von alledem.
Er legte den kleinen Körper auf den Boden und kniete sich daneben. Das Herz pochte in seinem Hals und überall roch es nach Kaffee.
Kate kauerte neben ihm und berührte immer wieder Leilas kaltes Gesicht, während sie laut schluchzte.
Dan dachte, dass er sie vielleicht in den Arm nehmen sollte. Er sollte sie halten und trösten und etwas sagen. Er sollte verdammt noch mal irgendetwas tun!
Doch am Ende saß er nur da.
Apathisch.
Hilflos.
Und als er irgendwann den Blick hob und in das Gesicht der stummen Selina blickte, die schon die ganze Zeit dort in der Tür gestanden hatte, glaubte er für einen kurzen Moment, sie hätte gelächelt.
Was natürlich nicht sein konnte.
Lieber Gott, warum auch?
In Wahrheit sah Selina sehr besorgt aus.
Und verstört.
Dennoch war sie es, die schließlich zu ihm ging und ihm auf die Beine half.
»Wir müssen jemanden anrufen, Dad«, sagte sie. »Wenn du willst, mach ich das für dich.«
Da brach Dan endgültig zusammen. In den Armen seiner Tochter. Und Selina hielt ihn fest. Sie war erstaunlich gefasst.
»Leila«, schluchzte er.
Kate hatte sich inzwischen auf den Boden gelegt, zusammengerollt wie ein Embryo, ihr kleines (totes) Mädchen in den Armen. Die süße Leila in ihrem pinken Schlafsack mit den weizenblonden Haaren und den wächsernen Wangen, die gestern Abend noch rosig gewesen waren. Weil sie gestern Abend noch am Leben gewesen war. Das Ganze erschien ebenso absurd wie plausibel.
Dan ließ sich von seiner lebendigen Tochter nach unten führen, während er Kate mit der toten alleinließ. Er wusste kaum, was er tat. Es roch auch viel zu stark nach Kaffee, um sich auf irgendetwas zu konzentrieren.
Nur Selina schien noch bei Sinnen zu sein.
Die Einzige in diesem Haus.
Gott sei Dank!
Sie nahm das Telefon und wählte den Notruf, während Dan stumm und steif wie ein Klotz neben ihr stand und sich in seinen Boxershorts den Arsch abfror, ohne es richtig zu merken.
Aus dem ersten Stock drangen die Schluchzer seiner Frau. Nur Leila blieb stumm. Er hätte sein Leben gegeben, um sie noch ein einziges Mal schreien zu hören.
Selina sprach ins Telefon.
Dan hörte sie und hörte sie doch nicht.
Als sie auflegte, bohrte sich sein Blick in ihr Gesicht. Er sagte aber nichts, er konnte nicht.
Selina berührte ihn am Arm.
Ihre Hand war warm.
»Du musst dir was anziehen, Daddy.«
Dan nickte, machte aber keine Anstalten.
Selina führte ihn zur Couch und drückte ihn nach unten, bis er sich setzte. Dann legte sie ihm eine Decke über die Schultern, die er festhielt, weil es wirklich verdammt kalt war.
»Gleich kommt jemand«, sagte sie. »Ich geh wieder nach oben und sehe nach Kate. Sie sollte jetzt nicht allein sein mit ... Sie sollte nicht allein sein.«
Dan nickte, fühlte sich leer und taub. Selina beugte sich über ihn und küsste seine Stirn.
»Alles wird gut, Daddy. Das verspreche ich dir.«
Dan sah sie an. Tränen schossen in seine Augen.
»Leila«, flüsterte er.
»Das wird vorbeigehen, Daddy. Ganz bestimmt«, sagte Selina, bevor sie sich abwandte.
Dan blieb sitzen. Er glaubte, dass er nie wieder aufstehen würde.
Und ein Teil von ihm hatte recht.
***
Alles, was in den darauffolgenden Stunden passierte, blieb eingehüllt in Nebel und Kaffeedunst. Der Notarzt traf ein und kurz darauf die Polizei. Während die einen nach oben gingen, um der hysterischen Kate das tote Kind zu entreißen, blieb ein Officer mittleren Alters bei Dan. Er setzte sich neben ihn auf die Couch und sprach mit ihm. Doch seine Worte verhallten in Kates Gebrüll.
Einmal wollte Dan etwas sagen, irgendetwas, doch stattdessen weinte er nur. Eine junge Beamtin kam mit Selina und Kate die Treppe herunter. Sie mussten Kate zu beiden Seiten stützen, damit sie nicht das Gleichgewicht verlor. Sie schrie und jammerte. Schließlich bugsierten sie sie neben Dan auf die Couch. Doch der saß nur steif da.
Er sah seine Frau nicht an.
Er berührte sie auch nicht.
Es war ihm nicht möglich.
Nichts war möglich.
Außer Erinnerungen ...
Er dachte an den sonnigen Tag auf dem Supermarktparkplatz. An verschüttete Milch und zersprungene Eier ...
Die Vergangenheit war so viel besser als die Realität.
Aber der Kaffeedunst war einfach zu stark, überlappte alles und jeden. Dan fühlte sich machtlos. Selina setzte sich neben ihn und legte eine Hand auf seinen Oberschenkel. Auch ihre Berührung konnte er im Moment nicht erwidern, es tat aber gut, dass sie da war. Kate war nur hysterisch und schluchzte unentwegt. In ihrem vom Schmerz verzerrten Gesicht mischten sich Tränen mit Rotz. Ihr Körper strahlte eine unangenehme Hitze aus und Dan fand, dass sie seltsam roch. Natürlich war sie ungewaschen an diesem schrecklichen Morgen. Genau wie er selbst. Die Einzige, die bereits frisch geduscht und angezogen hier auf der Couch saß, war Selina, die längst in der Schule hätte sein sollen.
Doch es war nicht der Geruch nach Schweiß und ungewaschener Haut, der Dan penetrierte. Es war etwas anderes, das ihr entströmte, etwas Tieferes. Und war es richtig, jetzt so über die eigene Frau zu denken, die beinahe erstickte in ihrem Schmerz?
Sie ist nicht die Einzige, dachte Dan dumpf. Zu mehr war er nicht in der Lage.
Selina kniff ihn sanft und er sah sie an. Jetzt lächelte sie tatsächlich. Damit wollte sie ihm wohl helfen.
Dan sah schnell weg. Es tat zu sehr weh.
Plötzlich war da auch eine Ärztin. Dan hatte sie nicht kommen sehen. Sie gab Kate eine Spritze, woraufhin sie schnell still wurde. Die Ärztin fragte Dan, ob er auch etwas zur Beruhigung bräuchte, doch er schüttelte den Kopf.
Ruhig war er ja.
Zumindest nach außen.
Selina sagte irgendetwas von wegen sie würde sich schon um ihn kümmern, was der Ärztin ein mitleidiges Lächeln auf das sonst so starre Gesicht zauberte. Dan ertappte sich dabei, wie er sich schon wieder nur mit dem Kaffeegeruch beschäftigte.
»Kann denn niemand den Kaffee wegschütten?«
Hatte er das wirklich gesagt? Laut?
Anscheinend, denn die Ärztin und der Polizist sahen ihn irritiert an. Selina jedoch tätschelte seinen Schenkel und erhob sich lächelnd.
»Ich mach das, Daddy. Keine Sorge.«
Sie verschwand in der Küche, aber als sie zurückkam, war der Kaffeedunst noch immer da. Dan wusste, dass er in seinem Kopf war und vielleicht nie mehr weggehen würde. Der Gedanke war unerträglich.
Sofort war Selina wieder an seiner Seite und berührte ihn mit ihrer zarten warmen Hand. Dan war froh, dass sie da war, denn Kate war nur noch ein vor sich hin stierendes Wrack. Und Leila?
Nun, Leila war irgendwie tot.
Das konnte man sehen und sagen, aber man konnte es nicht verstehen.
Sechs Monate alte Babys starben doch nicht einfach!
Sechs Monate alte Babys tranken Milch, aßen Brei und glucksten im Laufstall, aber sie waren nicht tot!
Nicht in einer normalen Welt.
Sehr wohl aber in einer Welt, die im Kaffeedunst versank …
Dan vernahm Geräusche an der Treppe. Er drehte sich danach um. Auch Kate sah in die Richtung, obwohl ihre Augen nur noch Schlitze waren und Rotz in ihrem Gesicht klebte.
Zwei Männer trugen etwas die Treppe herunter.
Etwas sehr Kleines in einem schwarzen Plastiksack.
Es war aber nicht richtig, dass man Leila in einen dunklen Sack packte. Da drin würde sie nicht atmen können. Sie würde Angst haben, weil es so dunkel war und sie nicht daran gewöhnt, ohne ihr Nachtlicht zu schlafen.
Dan spürte Selinas Hand auf seinem Arm. Sie versuchte, ihn zurückzuhalten, doch da war er schon auf die Füße gesprungen und zu Leila gerannt. Er wollte sie nur in den Arm nehmen und aus diesem schrecklichen Ding befreien. Er würde dafür sorgen, dass sie wieder Luft bekam. Auch wenn sie das zum Weinen brachte, weil er selbst so aufgeregt war. Es spielte keine Rolle, weil es vorbeigehen würde.
Dan erreichte den Mann, der ihm sein Baby wegnehmen wollte. Er packte den kleinen Körper und drückte ihn an seine Brust. Sofort waren da Hände, die ihn sanft aber bestimmt zurückhielten. Dan schrie etwas (seine eigenen Ohren waren taub für seine Stimme), er wehrte sich schluchzend und schlug um sich, als sie ihm Leila entrissen. Schließlich mussten sie ihn auf den Boden drücken und festhalten, bis Leila weg war. Irgendwo im Kaffee geschwängerten Hintergrund weinte Kate. Selina hielt sie im Arm und es sah so aus, als wollte sie ihre Stiefmutter trösten.
Dan hörte erst auf, sich zu wehren, als die Nadel einer Spritze in seinen Oberarm drang. Eine dumpfe Wärme breitete sich aus. Er hörte auf zu schluchzen, obwohl er das nicht wollte. Mehrere Personen hielten ihn fest und führten ihn zurück zur Couch. Dort legten sie ihm wieder die Decke über die Schultern. Er war ja noch immer nackt bis auf die Unterhose.
Und es war ein kalter Tag.
Die kleine Leila hatte sich einen kalten, grauen Tag zum Sterben ausgesucht. Damit der Himmel um sie weinen konnte. Dan dachte, dass das ganz richtig war. Dann fiel ihm wieder ein, dass nichts von alledem richtig war. Nur Selinas Hand auf seinem Bein fühlte sich noch immer so an, als würde sie dorthin gehören.
***
Die folgenden Stunden waren grau und dick und voller Kaffeedunst.
Selina hatte Nora angerufen, nachdem sie Leila weggebracht hatten. Sie rief auch in ihrer Schule an und schilderte den Sachverhalt. Man erklärte ihr, dass man trotz allen Verständnisses für die schwere Lage die Unterschrift eines Erziehungsberechtigten bräuchte, um sie vom Unterricht freizustellen. Selina setzte daraufhin ein Schreiben auf, das sie Dan zum Unterzeichnen vorlegte. Der kritzelte seine Unterschrift auf das Stück Papier, ohne es zu lesen.
Selina blieb bei ihm, saß neben ihm und streichelte seine Hand, während er leise vor sich hin weinte. Kate hatte die Knie hochgezogen und die Arme darum geschlungen. Sie stierte schweigend vor sich hin und zuckte jedes Mal zusammen, wenn jemand sie ansprach oder gar berührte.
Zwei Beamte und die Psychologin blieben im Haus, nachdem die anderen verschwunden waren. Sie stellten alle möglichen und unmöglichen Fragen, erhielten aber weder von Dan noch von Kate brauchbare Antworten. Die meiste Zeit sprach Selina.
Sie war so unglaublich tapfer.
Man zeigte sich beeindruckt.
Schließlich gingen die Beamten. Man wollte sich später wieder melden, wenn das Ergebnis der Obduktion vorlag. Bei dem Wort ›Obduktion‹ stieß Kate einen kurzen spitzen Schrei aus. Dan war nicht in der Lage, sie zu halten. Selina übernahm das, während er nur weiter dasaß, leise weinte und versuchte, sich nicht vorzustellen, was man bei einer Obduktion mit seinem süßen kleinen Mädchen anstellen würde. Er wusste aber auch, dass es wichtig war, diese durchzuführen.
Sie mussten ja wissen, was geschehen war.
Sie mussten das wissen, um es zu verstehen, auch wenn man es nie wirklich verstehen konnte.
Einige Stunden später bog Noras altersschwacher Buick in die Einfahrt ein. Selina sah sie durch das Fenster und eilte sofort zur Tür. Auch Dan erhob sich. Dumpf, ganz weit weg, verspürte er einen unangenehmen Druck auf seiner Blase. Er musste schon seit Stunden pinkeln. Aber wer wollte sich mit derart banalen Dingen wie Wasserlassen abgeben, wenn ein Baby gestorben war, das verdammt noch mal niemals hätte sterben dürfen?
Die Vorstellung, jetzt aufs Klo zu gehen, war so banal, dumm und lächerlich.
Selina öffnete die Tür und fiel ihrer weinenden Großmutter in die Arme. Nora trug Bluejeans und einen schwarzen Parka, weil es wirklich kalt geworden war. Ihre blonden Haare mit den grauen Strähnen waren ordentlich zurückgekämmt. Sie sah aus wie immer. Nur an den geröteten Augen erkannte man, dass sie geweint hatte. Wahrscheinlich die ganze Zeit auf dem Weg hierher. Nicht auszudenken, was dabei hätte passieren können.
»Mom!« Er stand da wie ein kleiner Junge, den man in der Schule verhauen hatte. Weinend und frierend, weil er nach all den Stunden immer noch nur Boxershorts trug und den Rat der Psychologin, sich etwas anzuziehen, missachtet hatte. Genau wie Kate in ihrem dünnen Nachthemd. Diesem seidenen Hauch von Nichts, das irgendwann einmal sexy gewesen war.
Nora löste sich sanft aus Selinas Umarmung und ging zu ihm. Dan streckte die Arme nach ihr aus wie ein Ertrinkender.
»Es tut mir so leid, Danny.«
Als er zu Boden sank, ging sie mit ihm auf die Knie. An ihrer Brust roch es nach Zuhause. Dan klammerte sich an sie und ließ seinen Gefühlen freien Lauf.
Auf der Couch saß Kate, deren Familie noch nicht eingetroffen war. Dan konnte ihr keinen Halt und Trost geben. Wieder musste Selina das übernehmen. Sie machte das gut und blieb dabei erstaunlich gefasst.
Ab und zu spielte ein zartes Lächeln um ihre Lippen.
Doch wem hätte es auffallen sollen?
Es war ja nur ein Hauch von Nichts.
***
Die darauffolgende Woche bestand aus nach Kaffee stinkenden Stunden, die nach Salz und Scheiße schmeckten und in Tränen und Rotz erstickt wurden.
Den Beamten gingen irgendwann die Fragen aus und die Psychologin hatte sich von den eintreffenden Familienangehörigen ablösen lassen. Kates Eltern waren etwa eine Stunde nach Dans Mutter angekommen und der war froh, dass sich nun endlich jemand um seine Frau kümmerte, damit er Selina wieder für sich haben konnte.
Ob das ein schlechtes Gewissen bei ihm auslöste?
Vielleicht.
Ob Dan sich dessen bewusst war?
Nicht jetzt.
Er blieb mit Selina und Nora im Wohnzimmer, während Kate sich mit ihren Eltern in die Küche zurückzog. Auf einmal war es, als hätten sie nie zusammengehört. Dan versuchte, an den Tag auf dem Supermarktparkplatz zu denken, doch Bilder der toten Leila mit den blauen Lippen drängten sich immer wieder dazwischen und schließlich gab er das Denken ganz auf. Wie eine Puppe ließ er sich von seiner Mutter nach oben führen. Im Schlafzimmer angekommen, starrte er das ungemachte Bett an. Hier hatte er gelegen und sich eingebildet, das Leben wäre schön, während ein paar Meter weiter seine Tochter in ihrem weißen Gitterbettchen gestorben war.
War das Ironie?
Schicksal?
Gottverdammte gequirlte Scheiße?!
Nora holte eine Jeans und ein weißes Kapuzenshirt aus dem Schrank. War das ein angemessenes Outfit für den Todestag der eigenen Tochter?
Dan starrte die Sachen an, als hätte er sie nie zuvor gesehen. Gab es passende Kleidung für einen solchen Tag?
Wahrscheinlich nicht.
Aber wenn, dann sollte sie doch wenigstens schwarz sein, oder? Würde er sich besser fühlen, wenn er etwas Schwarzes anzog?
Hatte er überhaupt schwarze Klamotten?
Wenigstens ein T-Shirt?
Sollte er etwa im weißen Kapuzenpulli bei der Beerdigung seines Kindes auftauchen?
Was machten Leute in solchen Momenten? Gingen sie schwarze Sachen einkaufen?
