Semana Santa - Bernat Fabre - E-Book

Semana Santa E-Book

Bernat Fabre

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Beschreibung

Eigentlich … war der Journalist Jan Castro an die Costa Brava gekommen, um seinen Frieden zu finden. Doch das ändert sich drastisch, als er der ebenso schönen wie geheimnisvollen ETA-Aussteigerin Montse begegnet und sie vor ihren Verfolgern in Sicherheit bringt. Danach überstürzen sich die Ereignis-se: zunächst kommen Jan und Montse einer mysteriösen Reihe von Todesfällen auf die Spur, die sich scheinbar stets zur Osterzeit ereignen. Die Spuren führen weit zurück bis zum Vorabend des 2. Weltkriegs und scheinen verstrickt zu sein mit einer alten Fehde zwischen zwei wohlhabenden katalonischen Familien. Bald stellen die beiden fest, dass auch heute noch Kräfte am Werk sind, die keine Mittel scheu-en, um die Vergangenheit ruhen zu lassen und sie müssen alles daran set-zen, das Rätsel zu lösen, um dem gnadenlosen Killer, der ihnen auf den Fersen ist, das Handwerk zu legen.

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Veröffentlichungsjahr: 2013

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Semana Santa

Tödliche Ostern

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG

ACHTUNDZWANZIG

NEUNUNDZWANZIG

DREISSIG

EINUNDDREISSIG

ZWEIUNDDREISSIG

DREIUNDDREISSIG

VIERUNDDREISSIG

FÜNFUNDDREISSIG

SECHSUNDDREISSIG

SIEBENUNDDREISSIG

ACHTUNDDREISSIG

NEUNUNDDREISSIG

EPILOG

DER BRIEF

Impressum neobooks

EINS

Die Nacht war kalt und sternenklar. Die Sichel des Monds spiegelte sich in den sanften Wellen, die an das steinige Ufer schlugen. Ich schaute mit der Trägheit, die einen nach einem guten Essen oder noch besserem Sex überfällt, über die romantische kleine Bucht. Es war kurz vor Ostern. Und ich dachte über das Sterben nach.

Nicht dass Sie jetzt glauben, ich sei ein braver Kirchgänger, der sich mit dem kalendarischen Nahen der Wiederkehr von Kreuzigung und Auferstehung des Herrn ernste Gedanken über die Vergänglichkeit des Lebens macht. Weit gefehlt. Im Gegenteil: nur zu gerne hätte ich mich mit dem Thema allegorisch, metaphorisch, spirituell oder sonst wie distanziert beschäftigt. Die Wahrheit indes war, dass mich der Gedanke sehr persönlich betraf. Krebs. Genauer gesagt Magenkrebs. ‚Sehr schade, Herr Castro, da kann man nicht viel machen. Sechs Wochen, vielleicht zehn. Machen Sie das Beste draus.’ Der Nächste bitte.

Nun saß ich im besten Restaurant der Welt, dem El Bulli über der kleinen Bucht Cala Montjoy, im äußersten Nordosten der iberischen Halbinsel, wo die Küste das Adjektiv „wild“ noch verdient und sich die Pyrenäen in das Mittelmeer stürzen, als hätten auch sie ein unerträgliches Schicksal, dem sie ein Ende machen wollten. Eigentlich ist es unmöglich, im El Bulli einen Tisch zu bekommen. Es heißt, die Zahl der Reservierungsanfragen sei pro Jahr siebenstellig – Tendenz steigend. Ich hatte eine ganze Reihe Tickets einlösen und etliche große Scheine opfern müssen, um doch Einlass in die heiligsten Hallen der Küchenkultur zu finden, vermutlich als einer der letzten Gäste, kurz bevor das Restaurant ab dem Sommer für lange Zeit seine Pforten schließen sollte. Also hatte ich mir von Ferrán Adria, dem mein Vater noch vor vielen Jahren als Jungkoch Trinkgeld gegeben hatte, das Degustationsmenü mit zwanzig Gängen kredenzen lassen. Sie mögen jetzt Bilder des Großen Fressens vor Augen haben, aber keine Sorge: der Maestro serviert Ikebana auf dem Teller einschließlich eines Tütchens voll Orangenblütenduft, damit die Nase auch was zum Entspannen hat. Anschließend hätte ich gut und gerne noch einen Big Mac einwerfen können; mit Fritten natürlich.

Wo war ich stehen geblieben? Ach ja, der Mond, die Bucht, die Wellen und die Schmerzen, die mich am kommenden Morgen wieder wecken würden. Eine Weile erwog ich, mir nach dem vorzüglichen Rotwein noch eine klasse Zigarre zu gönnen. Ich verwarf den Gedanken wieder, schließlich schadet Tabakqualm der Gesundheit. Außerdem bin ich zeitlebens Nichtraucher gewesen, warum auf die alten Tage damit anfangen? Rauchen ist allerdings das einzige Laster was mir abgeht. Folglich ging ich die Alternativen durch: Essen und Trinken hatten wir schon, Spielen macht mir keinen Spaß, was dann folglich schnurstracks die Gedanken auf das weibliche Geschlecht bringt. Frauen. Guter Gedanke. Der limbische Teil meines Gehirns zauberte unmittelbar Vorstellungen von üppigen Blondinen vor mein geistiges Antlitz, die verführerisch gewandet auf hochhackigen Pumps vor mir flanierten und die Strapse blitzen ließen. Tja, eben Männerphantasien – leicht zu durchschauen und mental einfach gestrickt. Andererseits zeigte die Uhr deutlich an, dass es zügig auf Mitternacht zuging und Männer meines Alters nun eigentlich Pyjama und Zipfelmütze ergreifen sollten. Andererseits, wenn Du merkst, dass die Lebensuhr nicht mehr länger langsam tickt, sondern die Zahlen mit der Geschwindigkeit eines Ventilators rückwärts laufen, dann bekommen Begriffe wie „später“ und „schlafen“ eine ganz andere Bedeutung. Bekanntlich gilt, wer früher stirbt ist länger tot.

Also zahlte ich die stattliche Zeche und begab mich zu meinem fahrbaren Untersatz, der aus der Summe der Nobelklassekarossen und Sportwagen im Ferrari-Look herausragte, wie Pferdescheiße aus Dagobert Ducks Goldspeicher. Zugegeben, ich hätte den Hummer H3 wenigstens waschen können, aber inzwischen setzte sich meine anarchistische Ader immer stärker durch und mir machte es Spaß, den Erwartungen meiner Umwelt gerade nicht zu entsprechen. Also startete ich den Motor, ließ die Batterie Flakscheinwerfer aufleuchten und rollte bedächtig vom Parkplatz, wobei der Hummer eine Lautstärke entfachte, die auch einem anrückenden Panzerbatallion alle Ehre gemacht hätte. Wie bitte? So eine Kiste verbraucht doch eine Unmenge Benzin? Allerdings. Grob gerechnet, würde mich das Teil binnen Jahresfrist verarmen lassen, aber nach den aktuellen Perspektiven musste ich mir darüber wohl keine Sorgen machen. Und was die globale Erwärmung anging, hatte ich derzeit andere Sorgen. Retten wir die Welt mal im nächsten Leben. Problematischer in diesem Augenblick waren zwei ganz andere Dinge: Die Strecke vom El Bulli zurück in die Stadt ist kurvig wie ein Alpenpass und dabei völlig unbeleuchtet. Meine Promille eingerechnet also eine gute Gelegenheit, den Sensenmann auf die Schippe zu nehmen und noch ein bisschen eher die Seiten zu wechseln. Abgesehen davon stellte sich die ganz praktische Frage, welches Sündenbabel denn noch zu dieser nachtschlafenden Stunde dem sexhungrigen Manne Entspannung bieten könnte. Ich ging gedanklich die Liste der Möglichkeiten durch, welche selbst in der Hochsaison erstaunlich kurz ist. Die nächste Location wäre das Tucan in Castello de Ampurias gewesen, wenn die Guardia es nicht vor einem halben Jahr hoch genommen hätte. Drogen hieß es – vielleicht auch nur schlechtes Karma. Also blieb nur das Moonglow übrig, ein komfortabler Puff direkt gegenüber der Autobahnauffahrt Richtung französische Grenze. Das war gut und gerne 40 Minuten zu fahren, also gab ich Stoff.

ZWEI

Lassen Sie mich eins klar stellen: Ich bin weder ein Wüstling noch ein regelmäßiger Puffgänger. Mit meinen eins-neunzig und einer halbwegs durchtrainierten Figur muss ich mich auch nicht in der Geisterbahn verstecken. Aber nach der Trennung von Ingrid und der heraufziehenden Scheidung war mein Interesse an einer neuen dauerhaften Bindung ungefähr so groß wie an einer Darmspiegelung und für One-Night-Stands ist zugegeben mein Flirtfaktor nicht groß genug. Dann lieber ein sauberer Deal: Sex gegen Cash.

Es war kurz vor eins als ich auf den Parkplatz des Moonglow einbog. Erstaunlich, wie viele Nachtschwärmer unterwegs waren. Es wimmelte von Kennzeichen aus der Provinz Girona, aber auch viele Fahrzeuge mit französischen und deutschen Nummernschildern waren vertreten. Ich entschied mich aus einer Laune heraus gegen den Parkplatz und parkte den Hummer in einer Nebenstraße unter einer Straßenlaterne, die ihren Dienst offenbar nur unwillig versah und blinkte wie ein Weihnachtsstern. Nachdem mich zwei muskelbepackte Glatzköpfe für hinreichend zahlungskräftig und wenig stunkverdächtig eingestuft hatten, was ihre beiden Gehirnzellen wohl für den Rest der Nacht an die Kapazitätsgrenze getrieben haben dürfte, konnte ich endlich das Vestibül des schmucken Etablissements betreten, welches schon bessere Zeiten gesehen haben musste und den dezenten Charme der Siebziger Jahre des vergangenen Jahrtausends atmete. Nichts Böses ahnend wollte ich mir den Weg durch plüschige Vorhänge aus Pseudosamt bahnen, als sich mir eine zarte Hand um die Hüfte legte. Die Freude über die charmante Begrüßung verging indes wie eine Erektion im Angesicht von Queen Elisabeth, als ich die Eigentümerin des in rot lackierten Krallen endenden Greifinstruments als spätes Mädchen identifizieren musste, die ihr Verfallsdatum schon zu Zeiten des 2. Weltkriegs überschritten haben durfte. Die Zombiedame nötigte mir jedenfalls 15 Euros ab und drückte mir als Zeichen freundlichen Entgegenkommens eine schmuddelige Papierserviette in die Hand, die man mit ausreichend viel Phantasie als Verzehrgutschein interpretieren konnte. Nun sollte meinem Besuch im Reich der Sinne nichts mehr entgegenstehen.

Und ich war nicht einmal enttäuscht. Unter dem trägen Licht einer Diskokugel (auf welchem Flohmarkt mochte man die wohl ausgegraben haben), räkelten sich an die zwanzig leicht bekleidete Damen auf leicht verschlissenen Barhockern oder lümmelten sich in den mit rotem Samt ausgeplüschten Séparées, teilweise in männlicher Begleitung, teils auch miteinander beschäftigt. Erst mal die Lage checken, lautet die Devise der erfahrenen Partylöwen. Also lehnte ich mich locker mit dem Rücken an die Bar, wobei mein professioneller Gesichtsausdruck nur dadurch etwas litt, dass ich in einer Bierpfütze ausglitt und um ein Haar mit dem Hinterkopf den Tresen geknutscht hätte. Was natürlich zu einem gesammelten Heiterkeitsausbruch führte. Nicht schlecht für den Beginn einer Comedyshow. Ziemlich blöd für den heutigen Abend. Es konnte eigentlich nicht schlechter beginnen. Doch, konnte es. Abermals tasteten die bekannten Gic htgriffel nach mir und ich musste erkennen, dass besagte Dame inzwischen zur Barkeeperin mutiert war. Im dezenten Licht des Barbereichs musste ich auch eine Korrektur der Altersbestimmung vornehmen: zweiter Weltkrieg war unmöglich zu halten, Dreißigjähriger Krieg wesentlich wahrscheinlich. Ich fragte mich kurz, ob die Dame einer Radiokarbonbestimmung überhaupt zugänglich war.

Nachdem mein bevorzugter Weißwein bedauerlicherweise nicht zur Verfügung stand („Bedaure, der Importeur hat derzeit Schwierigkeiten mit dem Zoll“), einigten wir uns schließlich auf den Ausschank einer Flasche Bier -da kann selbst so ein Schuppen nichts dran verderben. Das Glas war sogar gekühlt und auch wenn ich mir aus Gerstensaft sonst nicht viel mache, schmeckte das Zeug ganz ansprechend. Gelegenheit genug zwischen den Schlucken mal die landschaftlichen Schönheiten zu betrachten. Und da gab es einiges zu tun. Blonde, Brünette, Schwarzhaarige. Keine kleiner als eins-fünfundsiebzig (na ja, mindestens 10 cm musste man für die Stilettos wohl abziehen). Sorgfältig geschminkt, dezent gekleidet, d.h. in diesen Breiten nicht vollständig nackt. Eine Dame führte akrobatische Verrenkungen an einer Turnstange durch, die gynäkologische Einblicke erlaubten. Ich schätze, dass keines der Mädels älter als 25 war. Für meinen Geschmack erheblich zu jung, ich bin doch nicht pädophil veranlagt; viele der jungen Frauen waren allenfalls ein, zwei Jahr älter als meine eigene Tochter. Das ging nun gar nicht.

„Na, junger Mann, wie wäre es denn mit unserer Alexandra, einer waschechten Ärztin aus der Ukraine, da liegen Sie garantiert richtig.“ Augenkneifen. Wiederholung. Etwa ein Kilo Gips bröckelte aus dem Bereich zwischen Augenbrauen und Nasenflügel des Barzombies. Ich würde den Stuckateur wechseln.

„Oder hier Magda, unsere Amazone aus den Tiefen des brasilianischen Dschungels. Zum ersten Mal in Europa. Sie kann Ihnen Dinge zeigen, von denen Sie gewiss noch nie geträumt haben“. Garantiert. War die überhaupt echt?

Ich trank mein Bier aus und wollte den Abend schon unter „unerfüllte Leidenschaften“ abhaken, als ich sie sah. Hätte sich nicht gerade ein Freier erleichtert und die Tür zur Toilette offen gelassen, so dass der Schein der einsamen Glühbirne in die Nische fiel, mein Leben hätte einen anderen Verlauf genommen. Ich weiß nicht was mich in diesem Moment mehr anzog: die schlanke wohlgeformte Gestalt in dem klassisch geschnitten schwarzen Kleid, die schulterlangen blonden Haare oder das schmale Gesicht, das in einer Pose wie bei Rodin fest auf ein Buch gerichtet war. Ja, Sie haben richtig gehört. Die Frau las in einem Buch. Ich gebe zu, dass ich bis zu diesem Augenblick davon ausgegangen war, dass bücherlesende Prostituierte ungefähr so zahlreich auf diesem Planeten sind, wie Nonnen mit Brustwarzenpiercings.

Der Hausmumie war mein Interesse an ihrer bildungshungrigen Mitarbeiterin nicht verborgen geblieben, versuchte mein Augenmerk jedoch auf andere Bodenakrobatinnen zu lenken.

Vergeblich. Wer mich kennt, weiß, dass es einfacher ist, einen Supertanker eine Haarnadelkurve schwimmen zu lassen, als mich von einem Ziel abzubringen. Insbesondere wenn Hirn und Schwanz ausnahmsweise einer Meinung sind. Ich orderte ein weiteres Bier und ein Glas des Blubberwassers, das in spektakulärer Übertreibung als „Champagner Hausmarke“ bezeichnet wurde. So bewaffnet steuerte ich mein Zielobjekt an und fragte in meinem feinsten Britisch, ob sie Lust hätte mit mir ein Glas zu trinken.

Nur sehr widerwillig konnte sich die Schöne der Nacht von ihrer Lektüre lösen und auch mein charmantes Lächeln führte offensichtlich nicht zu einer sofortigen positiven Antwort. Vielmehr rückte sie die schmale Lesebrille auf ihrer entzückenden Stupsnase zurecht und musterte mich aus ihren unergründlichen schwarzen Augen. Einen Augenblick konnte ich mich des Gefühls nicht erwehren, auf dem Seziertisch zu liegen. Immerhin schien ich schließlich doch Gnade gefunden zu haben, denn mit einer anmutigen Geste gebot mir die Prinzessin zu ihrer Rechten Platz zu nehmen. Es wurde Zeit für meinen Eröffnungszug.

„Ich heiße Miles.“

Glänzender Einstand, Phantasiefaktor bei mindestens 10 %. Meine Eltern haben mich übrigens auf den schönen Namen Jan getauft, aber aus irgendeinem dämlichen Grund hielt ich es für geschickter, an diesem Ort eine anonyme Persönlichkeit zu sein.

„Olga.“

Wir reichten uns artig die Hand, als hätten wir uns gerade in der Kongressbibliothek bei der Betrachtung der Unabhängigkeitserklärung kennen gelernt. Obschon Olga dort besser hingepasst hätte, als an diesen Ort. Sie hatte ein fein geschnittenes Gesicht, volle Lippen und ein kleines Kreuz schmiegte sich in die Falte zwischen ihren Brüsten. Diese Frau war schön. Wie alt mochte sie sein? 30? 35? Jedenfalls deutlich älter und für mich deutlich attraktiver als der Kindergarten an der Bar.

„Können wir uns auf Englisch unterhalten?“

Mein Vater war gebürtiger Katalane, meine Mutter kam aus Amsterdam. Und nachdem ich einen guten Teil meiner Jugend in Barcelona verbracht hatte, ist mein Castellano eigentlich fließend, aber so einen Sprachvorteil gibt man ja nicht gerne gleich aus der Hand – oder?

„Natürlich. Ich habe ein paar Jahre Englisch auf der Schule gehabt.“

Es muss eine gute Schule gewesen sein, denn ihre Aussprache war ohne jenen süßen Akzent, den Slawinnen gewöhnlich an den Tag legen, wenn sie sich in fremden Sprachen versuchen.

„Was machst Du hier?“

Abermals packte ich ein Alter Ego aus, das ich für solche Gelegenheiten entwickelt hatte. Ich erzählte ihr, dass ich Art Director sei und das Lay-out für eine Reihe von Modezeitschriften mache. Das kommt immer gut an. Frauen mögen Männer, die sich mit Mode auskennen und trotzdem nicht schwul sind – auch wenn sich das erfahrungsgemäß häufig ausschließt. Ich beschrieb meinen Tagesablauf, den Stress mit Redakteuren, die nicht pünktlich ihre Arbeiten ablieferten, Photographen, denen die Kontaktabzüge verloren gegangen sind, Models, die herumzicken, weil der Schampus zwei Grad zu warm war – kurz: ich haute so richtig auf die Kacke. Tatsache ist, dass die Geschichten gar nicht weit von der Realität waren, schließlich hatte ich zwei Semester an der Designhochschule in Amsterdam studiert und in der Moderedaktion von Cosmopolitan volontiert. Wenn das keine gute Basis für einen kleinen Hochstapler ist.

Wir machten noch ein wenig Small Talk, leerten die Gläser und ich ließ meine Hand testweise über ihre Schenkel streichen. Dann wurde es Zeit für die Fragen aller Fragen:

„Was hältst Du davon, wenn wir es uns auf Deinem Zimmer etwas gemütlich machen?“

„Warum nicht. Wie lange möchtest Du Dich denn verwöhnen lassen?“

Die Stimme war ein Gurren, eine Verlockung. Hier wurden des Mannes Samenstränge unter vollständiger Umgehung sämtlicher noch funktionsfähigen Gehirnzellen unmittelbar angeregt. Wie viele Scheinchen dürfen´s denn sein? Ich stammelte etwas von einer dreiviertel Stunde und Olga nannte einen Preis, der für den Kauf eines Kleinwagens sicher angemessen gewesen wäre. Ohne Nachzudenken wechselten verschiedene größere Scheine ihren Besitzer. Mit einem Hüftschwung, wie ihn nur Frauen in hochhackigen Pumps zu Stande bringen, stöckelte Olga zur Bar und kehrte mit dem Schlüssel zum Paradies in der Hand zurück. Ihrem bezaubernden Lächeln hatte ich nichts mehr entgegenzusetzen und wahrscheinlich folgte ich ihr mit hechelnder Zunge, wie ein Schoßhündchen auf dem Weg zum Lieblingsknochen.

Doch ganz so einfach sollte es nun doch nicht werden. Kaum hatten wir die Schleuse in den Bereich des Etablissements hinter uns gelassen, der den horizontalen Freuden vorbehalten war, war abermals Maut zu entrichten. Diesmal in Form eines Mütterchens aus dem fernen Russland, welches in Zellophan eingeschweißte Bettlaken und Handtücher anzubieten hatte. Olga übersetzte aus irgendeinem Transuraldialekt:

„7 Euros“

„He, ich dachte, das sei jetzt all-inclusive“ versuchte ich aufzubegehren.

„Das war vor der Globalisierung, Schätzchen. Heute hat die Geschäftsleitung den Wäscheservice outgesourced. Subunternehmer, verstehst Du? Gib ihr zehn Euros, sie muss davon leben.“

Widerstrebend wechselte erneut ein Schein seinen Besitzer. Mit einem weiteren hinreißendem Hüftschwung stöckelte meine Belle de Nuit den resopalgepflasterten Flur entlang und steuerte auf unser Liebesnest zu, das den verheißungsvollen Titel „Arte de Seducción“ trug, was wohl so viel wie Kunst der Verführung bedeuten sollte. Tatsächlich machte die Kemenate nicht einmal den erwarteten plüschig-muffigen Eindruck: stabiles Wasserbett, ein kleiner Jacuzzi in der Ecke, wenngleich die stattliche Kollektion von Dildos, Peitschen und Handschellen neben einem Andreaskreuz an der Wand vermuten ließ, dass das Türschild auf der Rückseite vermutlich noch die Aufschrift „Folterkammer“ aufwies und ein weiteres Arbeitsgebiet des Unternehmens abdeckte. Olga verriegelte die Tür und ich wollte mich sogleich an die Entriegelung ihres kleinen Schwarzen machen, da mein Vizepräsident schon zu voller Bedeutung angewachsen war, als sie sich abrupt umwandte und meine Hände ergriff. Jegliches Interesse, alle Verführung war aus ihrem Blick gewichen, stattdessen schauten mich zwei außerordentlich ernste schwarze Augen an. Mir schwante: das läuft anders als erwartet.

„Ich brauche Deine Hilfe“

„Oh, Schätzchen, ich bin sehr gerne hilfsbereit, wenn es darum geht, die Bedürfnisse einer schönen Frau zu befriedigen. Vielleicht fangen wir damit an, dass ich Dich aus Deinen Kleidern befreie …“

Kläglicher Versuch, den Zug wieder auf das richtige Gleis zu setzen. Vor allem vollends vergebens und nicht mal komisch. Mit dem Blick den ich erntete hätte man eine Kompanie Zinnsoldaten schock­gefrieren können.

„Burro! Könnt ihr Kerle mal mit etwas anderem als Eurem Schwanz denken? Ich meine es verdammt ernst. Ich stecke in der Scheiße – problemas enormes, comprendes? Du siehst ehrlicher aus als der Rest der Typen, die hier sonst abhängen und deshalb brauche ich Dich.“

„He, das ist gut und schön, aber ich habe die 200 Piepen nicht für eine Samariternummer bezahlt.“ Witziges Wortspiel, wie geht denn diese Stellung?

„Dein Geld bekommst du wieder, aber jetzt geht es um Leben und Tod und Du als echter caballero wirst doch eine hilflose Frau nicht schutzlos ihrem Schicksal überlassen? Du nicht, das sehe ich Dir an …“

Schmollmund. Augenaufschlag, leichtes Vorbeugen, um den mehr als ansehnlichen Balkon ins rechte Licht zu rücken – großes Kino, Applaus für die Hauptdarstellerin. Hat diese Masche eigentlich in den letzten tausend Jahren einmal nicht funktioniert? Scheiße, keine Nummer. Geld futsch und dafür darf Jan Castro jetzt den Beschützer der Dirnen und Waisen geben. Na großartig.

„Also gut. Wo ist das Problem?“

„Ich muss hier raus.“

„Definitiv kein Problem. Da ist die Tür, den Gang bis zum Ende, dann den Schildern „Exit“ folgern.“

„Definitiv sehr wohl ein Problem, denn ich bin weder freiwillig hier, noch kann ich hier einfach heraus spazieren. Und ich muss hier weg!“

„Hm, also einfach dieses gastliche Etablissements zu verlassen kommt bei der Geschäftsleitung eher schlecht an?“

„So kann man es auch sagen. Vor allem die beiden Gorillas am Eingang könnten schlagkräftige Gegenargumente haben.“

Ich dachte kurz nach: Die Kameraden mögen sich zwar eine Gehirnzelle teilen müssen, die Fäuste hatten jedoch das Format von Vorschlaghämmern und spontan kam mir der Gedanke, dass ich doch nur die Tür aufmachen, bona nit sagen und mit meinem Hummer verschwinden könnte. Allein, aber heil, wohlgemerkt. Stattdessen musste meine vernunftbegabte linke Gehirnhälfte entgeistert mit ansehen, wie ihre Kollegin von der anderen Seite begann, alternative Fluchtpläne zu entwickeln.

„Ich könnte Dich in einen Teppich einwickeln und heraustragen.“ Sehr unauffällig, außerdem hätte man in der Badematte nicht mal eine Liliputanerin verstecken können. „Nein, besser – Du täuschst einen Herzanfall vor oder wir legen Feuer …“

Aus dem Umstand, dass Olga die Augen spektakulär zur Decke verdrehte und dabei vermutlich bei einer himmlischen Macht nachfragte, warum sie ihr geraden einen angetrunkenen Vollidioten als weißen Ritter geschickt hatte, gelangte ich zu dem Schluss, dass meine Fluchtplanvariationen wohl eher auf wenig Gegenliebe stießen.

„Nein, wir nehmen einfach den Hinterausgang.“

Klar, natürlich, das wäre auch eine Möglichkeit. Nun wagte ich aber einen Einwand.

„Mit Verlaub, Prinzessin, da ist doch bestimmt ein Haken dabei. Wer bewacht denn diesen Ausweg? King Kong, Godzilla, gibt es Fallgruben, wilde Tiere … gibt es vielleicht etwas, das ich wissen sollte?“

„Nein, es ist einfach das Klo. Aber es gibt ein Fenster auf halber Höhe und das führt in den Hof. Kein Problem.“

„Schön zu hören, aber wenn die Nummer so einfach ist, warum bist dann immer noch hier.“

„Zwei Gründe: wohin und womit.“

Das Problem wurde größer. Jan Castro befreit nicht nur versklavte Zwangsprostituierte, sondern steuert auch noch das Fluchtfahrzeug. Wahrscheinlich würde ich die Dame auch noch außer Landes bringen, mit einer neuen Identität ausstatten und mit einer hinreichenden Menge kleiner Dollarscheine versorgen müssen, damit sie ein neues Leben in Buenos Aires anfangen kann. Na ja, sage noch einer ich hätte an diesem Abend nichts zu erleben gehabt … Mein Name ist Bond, Jan Bond.

„Komm, wir müssen uns beeilen, Deine Zeit läuft bald ab.“

Wie wahr, wie wahr. Auf dem Flur herrschte rote Notstrombeleuchtung. Die Rummsmusik aus der Bar drang nur gedämpft hinüber. Auch unsere Subunternehmerin hatte sich zurückgezogen – ich hoffte nur, dass sie nicht gerade eine Zigarettenpause auf dem Klo einlegte. Aber die Luft war rein (na ja) und so hatte ich nach langer Zeit wieder einmal das Vergnügen, eine Damentoilette in weiblicher Begleitung aufzusuchen. Das Ergebnis war ähnlich akrobatisch wie in früheren Tagen, denn bumsen auf dem Klodeckel hat eigentlich nichts Romantisches. Meine Kletteraktion war eher nicht bühnenreif – es sei denn man schwärmt für Slapstick: mit Kopf und Händen voran und gekrönt durch einen Hundehaufen, in dem ich zielsicher meine Landung machte. Junge, dir klebt die Scheiße an den Fingern – wie wahr, wie wahr …

Entweder hatte Olga die Nummer schon ein paar Mal geübt, wahrscheinlicher war jedoch, dass ihr graziler Körperbau die Pluspunkte ausmachte, jedenfalls landete sie geschmeidig in den erwartungsvollen Armen ihres Ritters. Zu meiner großen Freude durfte ich dabei feststellen, dass das Manöver auch bei ihr Spuren hinterlassen hatte. Ein Träger ihres Kleides war abgerissen und gewährte nun Einblicke auf Dinge, von denen ich vor wenigen Minuten noch gehofft hatte, sie mehr als nur in Augenschein nehmen zu dürfen.

Während ich noch drüber nachdachte, wie man wohl die Redewendung „machen wir uns vom Acker, aber pronto“ in passendes Englisch übersetzen kann, hatte Olga schon resolut meine Hand ergriffen (gottlob die saubere) und zog uns aus dem Lichtkegel der altersschwachen Funzel, die den Hof des Sündenpfuhls mäßig erhellte.

„Wo steht Deine Karre?“

Nun war es endlich an mir, die Führung zu übernehmen. Also lotste ich uns zu meinem Hummer, den ich nach kurzer Panikattacke schließlich da fand, wo ich ihn abgestellt hatte. Bei dem Versuch, die Türen mit Hilfe der Fernbedienung zu öffnen, entglitten mir die Schlüssel, die ich erst aus einer benzintriefenden Pfütze fischen musste. Dieses kleine Missgeschick quittierte mein fahrbarer Untersatz damit, dass er statt die Schlösser zu entriegeln die Diebstahlsicherung aktivierte. Sollte es noch irgendjemand wegen akuter Schwerhörigkeit entgangen sein, dass sich gerade zwei Gestalten mitten in der Nacht hier in aller Heimlichkeit vom Ort des Geschehens entfernen wollten, dann musste uns dies den Rest gegeben haben. Dachte ich jedenfalls. Immerhin gelang es mir die Kiste gleich beim ersten Versuch zu starten, worauf die wohl versehentlich eingebaute Flugzeugturbine mit entsprechendem Gebrüll zum Leben erwachte. Vor Aufregung legte ich dann noch versehentlich den Rückwärtsgang ein und schoss ein paar Mülltonnen durch die Nacht. Kurz: abgesehen davon, dass ich nicht auch noch die Sirene eingeschaltet hatte, hatte ich nichts unversucht gelassen, um uns so auffällig wie möglich fort zu bringen. Wenn ich Olgas Blick richtig deutete, dann fragte sie sich wohl gerade, ob ich mit ihren Gefängniswärtern unter einer Decke steckte. Verleiden konnte ich ihr’s nicht.

Irgendwann und irgendwie gelang es mir dann doch, den Hummer vom Hof zu bugsieren und wollte gerade auf die Nationalstraße nach Figueres abbiegen, als mich meine charmante und bis dahin schweigsame Begleitung unmissverständlich zu einer Kursänderung bewegte.

„Wir fahren nach Llers.“

„Hallo, Augenblick mal, das ist um die Ecke, da können wir gleich hier bleiben. Ich dachte, Du willst so schnell wie möglich Abstand zwischen Dich und diesen Puff bringen. Dann ist das die falsche Richtung.“

„Ich muss noch meine Sachen holen.“

„He, falls Du ein Lieblingskuscheltier hast oder Deine Wimperntusche vermisst, dann vergiss es. Ich gebe jetzt Gas, denn ich habe das verdammte Gefühl, wir sollten hier ganz fix verschwinden.“

„Burro. Darum geht es nicht. Ich muss meine Lebensversicherung holen – ohne die kann auch gleich hier bleiben.“

Diesmal war es an mir, die oberen Instanzen anzurufen und zu fragen, was ich angestellt hatte, um dies hier zu verdienen. Das einzige Gute daran, ohnehin schon fast tot zu sein, ist, dass man sich nicht darum sorgt, ganz tot zu sein. Also tauchte ich in das Gewirr der Gassen von Llers ein. Zwischen alten Höfen mit Bruchsteinfassaden, aus denen Trompetenblumen und Bougainvilleas krochen, schmucken Neubauten reicher „Residentes“ und Wiesen tauchte schließlich ein Plattenbau auf, der selbst in der ehemaligen DDR noch eine goldene Zitrone für bemerkenswerte Hässlichkeit erhalten hätte – ohne Zweifel musste das unser Ziel sein.

„Halt an. Zwei Minuten - länger brauche ich nicht. Und wenn doch, solltest Du besser schnell abhauen.“

Und schon war Olga im schmutzigen Hauseingang verschwunden. Zwei Minuten. Welche Frau ist in der Lage, Ihre Habseligkeiten in zwei Minuten zusammen zu raffen? Was meinte sie überhaupt mit „Lebensversicherung“? Ich schaute abwechselnd aus dem Fenster und auf meine Uhr. Inzwischen würde man im Moonglow wohl festgestellt haben, dass man einer geschätzten Mitarbeiterin verlustig gegangen war. Was mochte das bedeuten? Würde nun die bewaffnete Kavallerie ausrücken? Durchkämmten Bluthunde die Umgebung? War die Autobahn gesperrt worden? Viele Fragen, aber keine Antwort. Die zwei Minuten waren längst verstrichen. Mir wurde allmählich mulmig. Mein schlechtes Bauchgefühl wurde auch sofort bestätigt, als im Grandhotel die Lichter angingen und laute Stimmen zu hören waren. Was hatte Olga gesagt, sollte ich tun, wenn sie nicht rechtzeitig zurück wäre? Motor starten, Gas geben, abhauen. Was hatte ich auch mit der Nutte zu tun? Das war jedenfalls mein erster – vernünftiger – Impuls. Allerdings ließ mein angeborener Ritterinstinkt diese Option nicht zu. Und da es mich ja ohnehin nur das Leben kosten konnte … ich glaube, das erwähnte ich schon.

Also murmelte ich mierda und legte die kurze Distanz zum Empfangsbereich der einladenden Nobelherberge im Schweinsgalopp zurück. Die Tür ließ sich widerspruchslos öffnen und lud zum Besuch des Treppenhauses ein. Dort verschlug es mir buchstäblich den Atem, denn allem Anschein nach diente es auch gleichzeitig als Kloake, was einen tief schürfenden Einblick in die sozialen Beziehungen der Belegschaft gewährte. So geräuschlos wie möglich arbeitete ich mich nach oben, bedacht darauf Exkrementen und Müll so gut es ging auszuweichen. Die Stimmen wurden lauter und nun konnte ich den sanften Tonfall meiner hinreißenden Abendbekanntschaft ausmachen. Die Szene, die sich mir Sekundenbruchteile später enthüllte, hatte etwas von „King Kong und die weiße Frau“: Olga tobte vor Wut und schrie sich die Stimme aus dem Hals, was vermutlich darauf zurückzuführen war, dass sie ein muskelbepackter Gorilla mit mongolischen Gesichtszügen und unfeinen Manieren von hinten umklammerte. Während Olga in unterschiedlichen Sprachen passende Vergleiche zwischen den Vorfahren ihres Peinigers und der einheimischen Tierwelt zog, war ein zweiter Halbaffe – offenbar schien es hier ein Nest zu geben – damit beschäftigt, seine Wunden zu lecken. Jedenfalls verzierten fünf blutrote Streifen sein liebreizendes Antlitz – offensichtlich hatte ihm die Tigerin ihre Krallen durch die fiese Visage gezogen. Auch wenn Olga die beiden Herren bei einer Partie Bridge oder dem Studium der London Times gestört haben sollte, so verhalten sich keine Gentlemen. Mein unerwartetes Erscheinen führte zu einer kurzzeitigen Einstellung aller Kampfhandlungen, in der die beiden halbdebilen Muskelprotze sich darüber klar zu werden versuchten, was dies denn nun wieder zu bedeuten hatte. Ich beschloss, die Analyse etwas zu beschleunigen. Dazu versetzte ich dem Gorilla einen Aufwärtshaken, der auch Mike Tyson Ehre gemacht hätte – mit dem Unterschied allerdings, dass dieser danach nicht das Gefühl gehabt hätte, sich alle fünf Finger gebrochen zu haben. Dabei machte ich mir die geistige Notiz, dass ich wieder etwas getan hatte, was ich mir mein ganzes Leben gewünscht hatte: einem echten Arschloch die Fresse zu polieren. Immerhin führte dies dazu, dass der Ärmste nun jegliche Vorsicht fahren ließ und sich völlig ungeschützt in die Reichweite einer wütenden Version von Lara Croft begab. Olga nutzte die Situation jedenfalls eiskalt, lehnte sich in den Armen ihres Peinigers zu dessen Überraschung zurück, nur um Schwung zu holen und die Spitze ihres Stilettos mit Wucht auf der 12 jenes Bedauernswerten zu platzieren, der schon ihre Krallen und meine Faust zu kosten das Vergnügen gehabt hatte. Man hörte förmlich wie seine Eier bis zu den Mandeln geschossen wurden und diese Musik zauberte ein zufriedenes Lächeln auf Olgas aufgeplatzte Lippen. Dieser Baum war gefällt. Inzwischen war Gorilla 1 unter dem Druck der Ereignisse zu dem Entschluss gekommen, seine Gefangene kurzfristig sich selbst zu überlassen und sich einem leichteren Opfer – also mir – zuzuwenden. Drehe keiner Frau den Rücken zu, besonders dann nicht, wenn sie schlechter Stimmung ist. Und Olga war definitiv nicht gut gelaunt. Zwei wuchtigen Schwingern konnte ich noch mehr aus Zufall als durch Geschicklichkeit ausweichen. Dann stolperte ich in der Rückwärtsbewegung über den Typen, den Olga kurz zuvor entmannt und auf die Bretter geschickt hatte. Ich sah schon mein letztes Sekündchen gekommen, als der Halbaffe zum finalen Hieb ausholte. Stattdessen aber wurde sein Blick von einem Augenblick zum anderen glasig und er knickte mit unterirdischem Grunzen ein, um seinem unsanft entschlummerten Kumpel Gesellschaft zu leisten. Hinter ihm stand Superwoman und prüfte die Unversehrtheit der gusseisernen Bratpfanne mit der sie ihr zweites Opfer des Tages erlegt hatte.

Olga war somit bester Laune als wir diesmal vergleichsweise geräuschlos das Weite suchten. Ihr Blick erinnerte mich jedenfalls verdächtig an meinen Kater, wenn er wieder einmal die Wurst vom Frühstückstisch stibitzt hatte.

„Hast Du Deinen Kram?“

Olga klopfte auf ihr Handtäschchen und antwortete:

„Ja. Nichts wie weg von hier.“

Nichts lieber als das. Einer Eingebung folgend, wahrscheinlich aber nur aufgrund der Aufregung, vergaß ich die Scheinwerfer einzuschalten. Ansonsten wäre das im Anmarsch befindliche Überfallkommando wohl gewarnt gewesen und hätte uns den Weg versperrt. So aber schoss der Hummer wie Nightrider auf die Straße und hätte die beiden Vans gerammt, die nun mit quietschenden Reifen auswichen, umdrehten und die Verfolgung aufnahmen.

Jetzt wurde es wirklich eng. Angeblich sollte der Hummer 220 km/h bringen – Zeit das auszutesten. Die Ausfallstraße nach Figueres war schnurgerade – die entgegengesetzte Richtung zur französischen Grenze schien mir die schlechtere Wahl zu sein – also gab ich Gummi und rückte das Gaspedal durch, bis das Bodenblech Beulen bekam. Einen der Vans konnte ich rasch abhängen, doch der andere klebte an unserem Hintern wie Fliegen an einem Pferdeapfel. Plötzlich gab es einen Knall und der Seitenspiegel löste sich in einem Splitterregen auf. Diese Arschlöscher schossen auf uns.

„Nun tu doch was!“

Auch Olga war nun dabei, ihre Gelassenheit zu verlieren.

„Und was?“

„Woher soll ich das wissen? Du bist doch der Mann.“

Typisch Frau.

„Entschuldigung, aber ich muss mich gerade daran gewöhnen, dass auf mich geballert wird. Das ist eine neue schwerwiegende Erfahrung.“

Allmählich wurde auch ich ziemlich sauer. Wie entkommt man einer Hochgeschwindigkeitsverfolgungsjagd? Was hätte Bruce Willis jetzt getan? Mir viel nichts Besseres ein, als voll auf die Bremse zu treten. Olga und ich wurden in die Sicherheitsgurte gepresst, unser Verfolger krachte auf das Heck und die Anhängerkupplung des Hummers drang dicht oberhalb der Stoßstange in die Innereien des Motors ein, wie Olgas Stilettos in die Hoden des Gorillas kurz zuvor. Der Erfolg war vergleichbar: Der Hummer wurde zwar zum fliegenden Fisch, landete nach einigen Meter jedoch wieder sicher auf allen vier breiten Rädern, unser Verfolger geriet indes ins Schleudern, der Pistolero wurde vom explodierenden Airbag durch das Seitenfenster gequetscht, und schließlich landete der ganze Van im Straßengraben. Ich gab wieder Gas und eine Minute später verschwanden wir im Gewirr der mittelalterlichen Gassen von Figueres.

„Du kannst das Licht jetzt einschalten“

war Olgas ganzer lakonischer Kommentar. Nun ja, James Bond konnte sich jetzt auf den Weg nach Hause machen.

DREI

Trotz des heftigen Aufpralls hatte der Hummer kaum Schaden genommen. Die meiste Energie hatte die Anhängerkupplung des H3 aufgefangen. Außer dem Seitenspiegel hatte nur ein Rücklicht dran glauben müssen. Das ließ sich verschmerzen. Es geht doch nichts über solide Bauweise – Abgaswerte hin oder her. Es war zwar unwahrscheinlich, dass man uns gefolgt war, aber leider nur zu wahrscheinlich, dass man uns suchen würde. Der Hummer ist das Gegenteil eines unauffälligen Fortbewegungsmittels und deshalb war ich froh, den Wagen in der Garage eines Nachbarn abstellen und neugierigen Blicken entziehen zu können. Die nächsten Tage würde ich mich nach einem anderen Gefährt umsehen müssen.

In den 70er Jahren, als die Costa Brava vom Tourismus entdeckt wurde, war Mas Oliva als eine künstliche Siedlung aus dem Boden gestampft worden, die nur in der Ferienzeit zum prallen Leben erwachte und dann von Oktober bis April in einen umso tieferen Dornröschenschlaf versank. Irgendwann zog die Touristenkaravane weiter und wie das auch im Dschungel der Kleinstadt so ist, wurde das freiwerdende Territorium von nachrückenden Einheimischen besetzt, die nun inmitten von Olivenhainen ein neues Zuhause fanden. In den letzten Jahren war dann das bislang letzte Kapitel aufgeschlagen worden: freiwerdende Wohnungen fanden auf einmal keine Nachmieter mehr, die bereit waren, die explodierenden Mieten zu zahlen. Da zog man doch lieber gleich in die schmucken neuen Plattenbauten, die zwar auch nicht billiger waren, aber einen höheren Komfort und eine bessere Anbindung an die Stadt boten. So betrachtet war ich ein Dinosaurier und einer der letzten meiner Art, der sich mit Wehmut an die wie üblich nicht nur gute, sondern wesentlich bessere Zeit erinnern mochte, als ich noch an den Wochenende die weißen Segelboote auf dem blauen Spiegel des Meeres zählen konnte, bevor mir rotbraune Hochhäuser die Sicht nahmen. Auch auf diese Weise kann man blind werden. Die kleine 3-Zimmerwohnung, die ich mein Eigen nannte, war immer meine Zuflucht gewesen, wenn ich Abstand von den Dingen brauchte oder einfach nur abschalten wollte. Es war nur logisch, dass ich sie als Refugium gewählt hatte, um das letzte Kapitel meines Lebens abzuschließen – ein Kapitel, das sich anschickte noch kürzer als erwartet zu werden.

Ich hasse es, in ein dunkles Haus zurückzukehren. So sehr ich die Dunkelheit liebe, weil sie gnädig mit allem umgeht, was das Tageslicht brutal enthüllt, steht sie doch auch für Einsamkeit und Verlassenheit. Aus diesem Grunde begrüßte uns gedämpftes Licht aus dem Wohnzimmer, als ich die Wohnungstür aufschloss. Obwohl ich eigentlich todmüde sein sollte, hielt mich eine Überdosis Adrenalin immer noch aufrecht und unter Strom. Olga feuerte ihre Pumps in die Ecke und fragte nach dem Badezimmer. Kurz darauf hörte ich das vertraute Stottern der etwas altersschwachen Dusche und ich hoffte, dass es ihr gelingen würde, möglichst viel Dreck wenigstens von der Oberfläche abzuspülen.

Ich entkorkte eine Flasche Prado Rey, zündete ein paar Kerzen im Wohnzimmer an und legte Keith Jarrett’s „Köln Concert“ auf. Die Szene hatte etwas Surreales: nach gelungener Flucht, überstandener Schlägerei, Schusswechsel und Verfolgungsjagd gehen Jan und Olga zum romantischen Teil des Abends über. Die befreite Schönheit verfällt dem Charme ihres Retters und gibt sich ihm in verführerischen Dessous gewandet hin … irgendetwas sagte mir, dass das so nicht laufen würde. Inzwischen hatte die Dusche durch ein letztes Gurgeln kundgetan, dass der Reinigungsprozess abgeschlossen war. Ich goss mir erst mal ein Glas Wein ein, solange er noch kühl war und nahm einen tiefen Schluck. Dann wandte ich mich praktischen Überlegungen zu.

„So wie die Gangster in Dich verliebt sind, werden sie Dich wohl zur Fahndung ausschreiben. Ich finde Du solltest so schnell wie möglich Deinen Typ verändern. Die Haare abschneiden, andere Farbe …“

Olga tauchte aus dem Badezimmer auf. Aus dem Schrank hatte sie sich ein uraltes T-Shirt meiner Tochter gefischt. Wie zum Hohn lautete die Aufschrift „Life is too short to have bad sex.“. Ich nahm noch einen Schluck aus meinem Glas. Und das weniger, um meine unbefriedigten Triebe abzulenken, sondern weil die Veränderung im Outfit meiner Schönen doch extrem war: war Olga noch vor fünf Minuten eine langhaarige Blondine gewesen, stand mir jetzt eine Brünette mit Pagenschnitt gegenüber. Die Sache mit dem Friseur hatte sich jedenfalls erledigt. Offenbar war mir meine Verblüffung auf die Stirn tätowiert worden.

„Ja, ja. Ich weiß. Aber Männer stehen nun mal auf Blondinen und lange Haare, das ist gut fürs Geschäft, cariño. Du brauchst gar nicht so zu gucken. Ohne Perücke wird mich so schnell kein Mensch erkennen. Oh mein Gott, wie habe ich diesen Flohteppich gehasst.“

„Ich verstehe. Hast Du sonst noch Überraschungen parat? Gibt es etwas, das ich vielleicht wissen sollte?“

Hätte Olga geantwortet, sie sei eigentlich ein Alien von Alpha Centauri, ich glaube nicht, dass mich das in diesem Moment noch allzu sehr aus der Bahn geworfen hätte. Sie sah mich einen Moment prüfend an und meinte schließlich.

„Du hast Recht. Ich glaube, wir sollten reden. Immerhin hast Du meinen Arsch gerettet und das hätte sicher nicht jeder Freier getan. Du darfst mir übrigens auch ein Glas Wein anbieten.“

Ich kramte ein Glas aus dem Schrank und schenkte ihr ein.

„Es ist eine lange Geschichte.“

„So fängt es immer an. Ich habe heute viel Zeit.“

Olga versenkte ihren Blick in das Weinglas, das sie mit beiden Händen festhielt, als sei es für eine Hand zu schwer. Mit den kurzen brünetten Haaren sah sie weit weniger tough, sondern wesentlich verletzlicher, dafür aber doppelt so attraktiv aus.

„Es fängt damit an, dass ich nicht Olga heiße. Mein Name ist Montse. Montse Puig.“

Ein schöner Name. Doswedanja Olga, benvinguts Montse.

„Weshalb gibt sich eine Spanierin in Spanien als Russin, Rumänin oder meinetwegen Ukrainerin aus?“

„Katalanin in Katalonien – wenn ich bitten darf. Alle Mädchen in dem Puff kommen aus Osteuropa und haben einen „Künstlernamen“. Da wird aus Natasha eine Carmen, aus Ilona eine Maria …“

„… und umgekehrt aus einer Montse eine Olga. Wozu das alles?“

Olga, pardon Montse, nahm einen tiefen Schluck und dachte einen Moment nach.

„Psychologie. Selbstschutz. Keine Frau liebt diese Arbeit oder ist gar stolz darauf. Die Mädchen werden von irgendeiner russischen Mafia hierhin geschleust, haben kein Geld, keinen Pass, verstehen kein Wort Spanisch. Sie haben geglaubt hier als Putzfrau oder Kellnerin mehr Geld als in ihrer Heimat verdienen zu können und werden stattdessen prostituiert. Da hilft es der Selbstachtung, wenn man wenigstens nicht man selbst ist. Nicht Natasha macht die Beine breit, es ist Núria oder Isabél.

Soviel zu dem unter Männer weit verbreiteten Traum, in den Puffs dieser Welt gäbe es doch wenigstens ein paar Nutten, die dieser Arbeit nachgehen, weil sie von Sex mit Kerlen wie mir nicht genug bekommen. Ein Ruhmesblatt für das männliche Geschlecht sieht vermutlich anders aus.

„Ich bin nicht weit von hier geboren, in Vilamaniscle, einem winzigen Flecken mit ein paar Bauernhöfen, einer Kirche und einer Kneipe am Fuße der Sierra de Albera. Mein Vater ist nach meiner Geburt abgehauen – scheint wohl eine Art Familientradition zu sein. Meine Mutter ist früh gestorben und so bin ich bei meiner Großmutter aufgewachsen. Damals besuchten Mädchen keine Schule. Mädchen heirateten, bekamen Kinder und kümmerten sich um ihre Männer. Für das Schulgeld hätte es eh’ nicht gereicht, aber meine abuela hat alles herangeschafft, was man nur lesen konnte, von der Tageszeitung aus der letzten Woche bis zu den Gedichten von Josip Pla – ich habe alles verschlungen, vor mir war nichts sicher.“

Noch ein tiefer Schluck, ich schenkte ihr nach.

„Tja … und dann kam er. Es gibt immer einen „er“ – nicht wahr? Philippe war Student der Literaturwissenschaften in Montpellier. Reiche Eltern im Baskenland. Weit gereist. Erzählte ständig von der Revolution in Kuba, Ché Guevara und dem Untergang des Kapitalismus, dem man nur den letzten Stoß geben müsse. Mein Gott, sah er gut aus, wenn er sich in Rage redete. Wir diskutierten nächtelang über Sartre und seinen Freundeskreis im Deux Margot, als hätten wir irgendwie dazu gehört. Dabei kann ich Paris kaum auf der Landkarte finden.“

„Die große Liebe also.“

Olga zuckte die Schultern. „Ja, dachte ich jedenfalls. Eines Tages war er fort. Kein Abschiedsbrief, keine Lebewohl. Er hatte sich mit meiner Unschuld einfach davon gemacht.“

„Das könnte jetzt das Ende der Geschichte sein … ist es aber wohl nicht, oder?“

„Nein. Im Gegenteil, es ist gerade mal der Anfang. Ich habe meiner Großmutter ein paar tausend Peseten gestohlen und bin nach Montpellier getrampt. Ich war wütend, ich war verletzt, ich wollte ihn zur Rede stellen. Er sollte mir ins Gesicht sagen, dass er mich nicht liebt. Und als ich ihn schließlich gefunden hatte, bekam ich kein Wort heraus und habe mich ihm einfach in die Arme geworfen. Ich war so eine dumme Kuh.“

„Hört sich ganz so an. Aber auch unter Frauen soll es ein paar Idioten geben.“

„Stimmt. Aber ich habe die Hitliste angeführt.“

„Hat er Dich zurück geschickt?“

„Nein, warum sollt er? Es war doch so … praktisch. Eine Frau im Haus, die kocht, putzt, wäscht, die Klappe hält und jede Nacht willig die Beine breit macht.Hombre,damals habe ich mich wirklich selbst zur Nutte gemacht. Und irgendwann habe ich gemerkt, dass ich nicht nur praktisch, sondern nützlich war.“

„Wie das?“

„Philippe hatte nach seinem Studium einen kleinen Buchladen in Montpellier aufgemacht. Das Geschäft lief nicht besonders und ohne die monatlichen Schecks seiner Eltern wären wir schon nach drei Monaten pleite gewesen. Dann kamen immer öfter zwielichtige Typen zu uns, mit denen Philippe um die Ecken zog oder im Hinterzimmer verschwand. Und auf einmal war am Ende des Monats Geld übrig, ohne das auch nur ein Buch mehr verkauft worden wäre.“

„Philippe hat Geld gewaschen.“

„Wenn es nur das gewesen wäre. Es hat lange gedauert, bis ich gemerkt habe, dass die Typen nicht einfach nur ein paar kleine Gauner waren. Sie waren weit schlimmer, schwadronierten ständig davon, dass man das System radikal verändern muss und dass das ohne Gewalt nicht möglich sei. Philippe war bald einer von ihnen. Erst hat er Geld gewaschen, dann war er tagelang fort und wenn er wiederkam, hatten wir Geld – viel Geld.

„Mafia?“

„ETA. Philippe hatte sich den baskischen Terroristen angeschlossen und bekämpfte nun das System seiner Eltern, ohne deren Almosen wir nicht hätten überleben können. Ich weiß, dass er bei verschiedenen Banküberfällen dabei war. Er hatte auch Sprengstoff im Keller. Gott allein weiß, welches Unheil er sonst noch angerichtet hat.“

„Und trotzdem bist Du bei ihm geblieben?“

Montse schüttelte den Kopf. „Ja. Weil Liebe blind macht, Weil ich verrückt war, weil … ich weiß auch nicht.“

„Du hättest zur Polizei gehen können,“ wandte ich ein. „Du kannst es immer noch tun.“

Sie schenkte mir ein mitleidiges Lächeln, ungefähr so, wie die Mutter den kleinen Sohn anlächelt, wenn er erzählt, die Erde sei eine Scheibe.

„Wenn ich heute zur Guardia gehe, bin ich morgen tot.“

„Und was hindert diese Terroristen daran, Dich auch ohne Visite bei der Polizei aus dem Wege zu räumen?“

Diesmal war Montses Lächeln listig. Sie leerte ihr Glas mit einem kräftigen Schluck. Zeit für eine neue Flasche.

„Weil ich meine Lebensversicherung habe.“ Und schon tauchte sie in die unergründlichen Tiefen ihrer Handtasche ab. Warum Frauen einen unstillbaren Hang zu transportablen Aufbewahrungsbehältnissen haben, die entweder das Ausmaß eines Müllcontainers oder einer Streichholzschachtel haben – Zwischengrößen nicht vorhanden – gehört zu den großen ungelösten Rätsel der Menschheit. Nachdem ihre Suche außer den bekannten Verschönerungsmitteln wie Lippenstift, Puder und Tuschkasten auch einen Akkuschrauber, einen halben Kasten stilles Wasser und einen aufziehbaren Plüschhasen zum Vorschein gebracht hatte, kramte sie schließlich ein abgegriffenes blaues Büchlein hervor, dass sie mir triumphierend reichte.

„Das ist Deine Lebensversicherung?“ meinte ich ungläubig. „Dafür haben wir die Prügel riskiert? Eine Kurzausgabe von Platon’s „Thaitetos“?“ Machte einen extrem gefährlichen Eindruck.

„Schlag’s auf.“

Also blätterte ich mich durch den bedeutungsschweren Dialog zwischen Eukleides und Terpsion. Der Text hätte auch in Sanskrit abgefasst sein können, jedenfalls erinnerte ich mich dunkel daran, schon in der Schule einen möglichst großen Bogen um die einschlägigen griechischen Philosophen gemacht zu haben. Schwere Kost, bleischwer. Jedenfalls bis Seite 25. Danach wurde die Lektüre zumindest abwechslungsreicher. Nun war nur noch jede zweite Seite bedruckt und die freien Seiten mit langen handschriftlichen Reihen von Zahlen, Daten und Namen beschrieben. Hier hatte sich jemand ausgesprochen viel Mühe gegeben.

„Es ist ein Fehldruck, den ich als besonderes Notizbuch zweckentfremdet habe.“

„Nicht schlecht. Wer vermutet in einem solchen Schinken schon einen brisanten Inhalt. Der Inhalt ist doch brisant, oder?“

Montse schnaufte verächtlich.

„Natürlich ist er das. Die meisten dieser Affen haben noch nicht einmal eine Bibel in der Hand gehabt, geschweige dann ein anderes Buch. Wahrscheinlich ist die Mehrheit von ihnen nicht mal in der Lage, unfallfrei eine Banane zu pellen.“

„Gut, aber was sind das für Information?“

„Schau her.“

Die machte es sich auf der Lehne meines Sessels gemütlich. Mein Gott, hatte die Frau eine süße Figur.

„Hier: das ist eine Liste der gesamten Sektionsmannschaft mit Decknamen und Angabe der sicheren Häuser, in denen sie sich oft aufhalten. Hier lagern Waffen und Sprengstoff. Und das sind potentielle Ziele, die sie in der letzten Zeit ausgespäht haben.“

Montse hatte Recht. Das Tagebuch war reines Nitroglycerin und mich beschlich das Gefühl, dass meine schöne Abendbekanntschaft, die ich so heldenhaft aus den Klauen der osteuropäischen Mädchenmafia gerettet hatte, noch einiges mehr zu berichten hätte. Das Buch mochte ihre Lebensversicherung sein, genauso gut konnte es aber auch ihr Todesurteil besiegeln.

„Wenn Du damit zur Staatsanwaltschaft gehst, besorgt man Dir einen Platz in einem Zeugenschutzprogramm.“

„Ja, ja, und danach ein anonymes Begräbnis. Du schaust zu viele amerikanische Krimiserien. Erst muss ich zwanzig Kilo zunehmen, dann bekomme ich ein neues Gesicht und dann erwischt mich eines Abends dann doch eine Kugel zwischen die Augen. Die ETA hat verdammt gute Kontakte bis in die Guardia und in die Politik. Da kannst du nicht einfach verschwinden. Die finden Dich früher oder später. Da hilft nicht mal eine Geschlechtsumwandlung.“

Ein schwerwiegendes Argument und Montse als Mann wollte ich mir nun wirklich nicht vorstellen. Aber ich war trotzdem nicht überzeugt.

„Deine Lebensversicherung taugt nur dann etwas, wenn die wissen, dass Du brisante Informationen hast. Wenn sie es aber wissen, dann jagen sie Dich erst recht.“

„Im Gegenteil, wenn sie es nicht wüssten, hätte man mich längst in Beton gegossen und im nächsten See versenkt. Warum glaubst Du wohl, haben sie mich an die Russen-Mafia ausgeliehen und in diesen puti club gesteckt? Weil sie selbst nicht wissen, was sie mit mir machen sollen.“

Mein normalerweise brillantes Auffassungsvermögen hatte sich wahrscheinlich längst zur Ruhe begeben, denn die Logik ihrer Argumentation blieb mir verborgen. Wenn diesen hart gesottenen Terroristen doch klar war, dass dieses Vögelchen besser niemals singen sollte, warum hatten sie sie dann nicht einfach umgebracht, statt in einem drittklassigen Bordell einzusperren. Abermals nahm Montse einen tiefen Schluck – auch die zweite Flasche neigte sich gefährlich zur Leere – und betrachtete mich mit dem gleichen zufriedenen Lächeln, das mein Kater aufsetzt, wenn er genau weiß, dass ihm die Maus nicht mehr entwischen kann.

„Ich habe ihnen gesagt, dass ich die Informationen bei einem Freund gelassen habe und er sie an die Polizei weitergibt, wenn ich auf einmal verschwinden oder mir etwas zustoßen sollte.“

„Hm, wer hat den jetzt von uns beiden zu viele Krimis geguckt? Und den Scheiß haben Sie Dir abgenommen?

Montse setzte eine Miene auf, die irgendwo zwischen trotzig und beleidigt angesiedelt war und meinte sehr entschieden:

„Ja, diesen Scheiß, wie Du meinst, haben sie mir abgenommen. Und jetzt bin ich müde. Gute Nacht.“

Damit stand sie auf und gewährte mir noch einen Blick auf ihre entzückende Kehrseite, wo der Slip unter dem Rand des T-Shirts hervor blitzte und mich an den eigentlichen Sinn des Abends erinnerte. Montse verschwand im Gästezimmer, ich seufzte, nahm Keith Jarrett sein Piano fort und überließ die Gläser dem heraufziehenden Morgen. Als ich das Fenster weit öffnete und die Aprilkälte herein flutete, kuschelte ich mich unter die Decke und dachte einen Augenblick daran, dass in schlechten Filmen nun die Schöne nackt das Zimmer betritt, sich in die Arme ihres Retters wirft und ihn mit leidenschaftlichem Sex belohnt. Dies schien aber offenbar ein guter Film zu sein, denn die Tür blieb zu und ich schlief ein – allein.

VIER

Wenige Stunden später weckte jämmerliches Jaulen von jenseits der Straße. Es musste gegen 9.00 Uhr sein, genau die Zeit in der der zottelige Labrador von Gegenüber seine Alphatierchen zu einem Spaziergang zu animieren pflegt. Das passte hervorragend zu dem Kater, der sich hinter meiner Denkerstirn breit gemacht hatte. Es war ein kühler Frühlingstag, die Sonne stand niedrig am Himmel, die ersten Schwalben machten vor dem Fenster Jagd auf vorwitzige Insekten. Der Hund hatte aufgehört zu bellen und friedliche Stille machte sich breit. Eigentlich ein Morgen geschaffen für gute Laune, Frühstück im Bett, Croissants mit viel Marmelade, aber die Stiche in der Magengegend erinnerten mich düster daran, dass ich wohl nicht mehr allzu viele Tagesanbrüche würde feiern können. Nun ja, Krümel im Bett mag ich nicht, Croissants machen nur dick und für gute Laune gab es bei Licht betrachtet auch nicht viel Anlass. Ich warf eine Aspirin und zwei Malaaxil ein, in der Hoffnung, dass die Schmerzen auch dieses Mal wieder rasch verschwinden würden, und überlegte, wie ich den Tag beginnen sollte. Joggen gehen? Man sagt ja, Sport fördere die Abwehrkräfte des Körpers. Aber bei meinen bisherigen Trainingsprogrammen hätte ich dann ein Anrecht auf ein Alter von mindestens 102 Jahren haben müssen. Wozu also die Quälerei? Kurz bevor ich mich endgültig dem Selbstmitleid hingeben konnte, wurde mir bewusst, dass ich ja Damenbesuch hatte. Höchst attraktiven Damenbesuch sogar, der mir im Übrigen noch 200 Piepen für nicht erbrachte Dienstleistungen schuldete. Was soll’s? Wenn man es mal objektiv betrachtete, hatte ich gestern einen kinoreifen Abend verbracht, einschließlich Schlägerei, Verfolgungsjagd und Schusswaffengebrauch. Da war der Preis doch wohl angemessen. Kann man zynischer sein?