Septemberregen - Tina Tannwald - kostenlos E-Book

Septemberregen E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Die Vergangenheit, die dein Schicksal bestimmt, reicht manchmal sehr, sehr weit zurück ... . An einem regnerischen Septembertag kehrt Lissi nach über 15 Jahren zurück nach Hause, vollkommen mittellos. Allein das überraschende Erbe ihres Großvaters, ein altes Forsthaus, bietet die Chance für einen Neuanfang. Ganz in der Nähe ihres neuen Besitzes lebt der attraktive, aber kauzige Aussteiger Erik mitten im Wald und scheint immer dann aufzutauchen, wenn Lissi Hilfe braucht. Als sie einander näherkommen, öffnet sich nicht nur die Tür zu den Geheimnissen ihrer eigenen Vergangenheit. Auch das alte Forsthaus hat lange darauf gewartet, die Wahrheit ans Licht zu bringen. . 3.  überarbeitete Auflage 2021

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Tina Tannwald

Septemberregen

Lissi & Erik 1

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Kapitel 1 Rückkehr ins Regenland

Ich hatte geschworen, auf ihrem Grab zu tanzen.

Der Satz ging mir bereits zum x-ten Mal durch den Kopf, seit ich in Düsseldorf aus dem Flieger gestiegen war. Doch nun, wo es soweit war, ihn in die Tat umzusetzen, kam er mir lächerlich vor. Wie die trotzige Drohung eines unreifen Kindes, das ich wohl trotz allem noch gewesen war, als ich meiner Familie und Deutschland den Rücken gekehrt hatte, um in eine verrückte, rosarot verliebte Zukunft aufzubrechen.

Mit einem trockenen Schlucken starrte ich auf meine braun gebrannten Hände hinab, die sehr bald wieder so blass aussehen würden wie zuletzt vor fünfzehn Jahren. Ebenso wie das von Sonne und Salzwasser gebleichte Blond meiner Haare und das hellblaue Strahlen meiner Augen.

Nein, korrigierte ich mich, das hatte ich schon vor vier Wochen verloren, als ich Janis mit dieser jungen Rucksacktouristin in unserem Bett überrascht hatte.

Ich hob den Kopf und blickte durch das regennasse Seitenfenster des Taxis hinaus. Für Mitte September war es wirklich erstaunlich kalt und herbstlich, damit hatte ich nicht gerechnet. Neben der Landstraße tauchte der alte Segelflugplatz wie ein Dinosaurier aus der Vergangenheit auf, gesäumt von denselben alten Bäumen. Lediglich eine Neubausiedlung mit schmucken Ein- und Mehrfamilienhäusern hatte sich an ihn herangeschlichen.

„Direkt zum Friedhof?“, wollte der Taxifahrer wissen.

„Ja“, erwiderte ich tonlos.

Wir passierten die Zufahrtsstraße zu der neuen Siedlung, in der ebenfalls ein Teil meiner Vergangenheit auf mich wartete. Die Begegnung mit dem Tod schien mir momentan jedoch um einiges einfacher.

 

Nach wenigen Minuten bog der Wagen auf einen asphaltierten Platz ein und hielt vor dem schmiedeeisernen Gittertor.

„Da wären wir, macht fünfzehn Euro sechzig.“

Ich könnte diesen unseligen Besuch verschieben, schoss mir durch den Kopf. Oder ihn ganz lassen, immerhin hatte ich das Testament in der Tasche, die Grundbuchauszüge und was es sonst noch an offiziellem Kram gab. Tief Luft holend griff ich in die bunt geblümte Umhängetasche und zog mein Portemonnaie hervor.

„Stimmt so“, murmelte ich und überreichte dem bereits ergrauten Mann einen zwanzig Euro Schein, obwohl ich weit davon entfernt war, mir ein solches Trinkgeld leisten zu können.

„Soll ich vielleicht auf sie warten?“

Überrascht hob ich den Kopf und begegnete seinem besorgten Blick. Sah man mir so deutlich an, dass ich mich gerade fühlte wie ein Kind, das sich auf die abendlichen Prügel einstellt? Peinlich berührt versuchte ich ein Lächeln.

„Nein. Ich weiß noch nicht, wie lange ... .“

Was sagte man denn da, wie lange man braucht?

„Ich kann Sie später abholen, wenn Sie möchten. Hier … .“

Stumm nahm ich die Visitenkarte entgegen und nickte, dann raffte ich mich endlich auf, die Autotür zu öffnen.

„Viel Glück“, ertönte seine Stimme, während ich ausstieg und ich beugte mich noch einmal hinunter.

„Danke, ich kann es brauchen.“

Mehr als erstaunt, dass ich das so einfach zugab, warf ich die Tür zu, öffnete die hintere und zog meinen recht kleinen Koffer heraus.

Dann stand ich da, mein Blick fiel auf die kleine Friedhofsgärtnerei und für einen Moment katapultierte mich der Anblick sechzehn Jahre zurück, als der Sarg meines Vaters, der diesen gar nicht hatte haben wollen, hier hineingetragen worden war.

Mit einem Ruck schüttelte ich das Bild ab und setzte mich in Bewegung. Bei seinem Tod hatte es mir das Herz gebrochen, doch nun ging es darum, mit eigenen Augen zu sehen, dass unser aller Alptraum inzwischen neben ihm lag.

 

Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass ich mich nur vermeintlich daran erinnerte, wo das Grab lag. Mit wachsendem Zorn lief ich kreuz und quer über das Gelände und suchte die Linde, unter der mein Vater bestattet worden war, doch davon gab es inzwischen so einige. Der Friedhof war in den vergangenen Jahren großräumig erweitert worden.

Als ich erneut die hohe Hecke erreichte, die den hinteren Bereich gegen die nahen Wohnhäuser abschirmte, blieb ich schließlich stehen und sah mich hilfesuchend um.

Doch es war niemand zu sehen, der wie ein Gärtner oder Friedhofswärter aussah. Nur eine alte Dame, die trotz des Regens die Blumen auf einem Grab goss, und ein offenbar trauernder Mann, der tief gebeugt auf einer Bank saß.

Also musste ich wohl oder übel zurück zum Eingang und nachsehen, ob in dem kleinen Wirtschaftsgebäude noch jemand Dienst tat. Was an einem späten Freitagnachmittag hoffentlich der Fall war, denn ich hatte nicht die geringste Lust, noch einmal wiederkommen zu müssen.

Verärgert stapfte ich los und schalt mich stumm dafür, nicht sofort dort angeklopft zu haben.

Mein Weg führte mich an dem Mann vorbei, der, wie mir nun auffiel, ziemlich seltsam gekleidet war. Grünbraune Tarnhosen, derbe Stiefel, eine dunkelgrüne Wetterjacke und eine ebensolche Rollmütze; ein merkwürdiger Aufzug für einen Friedhofsbesuch. Dann ging mir auf, dass ich vermutlich nicht weniger seltsam wirkte, wie ich da mit meinem inzwischen recht feuchten, viel zu sommerlichen Jeansjäckchen und dem alten Koffer herumirrte.

Verlegen wandte ich den Blick ab und blieb wie angewurzelt stehen, denn auf der gegenüberliegenden Seite hatte ich sehr plötzlich das Grab meiner Eltern gefunden.

Maria Elisabeth Lensmann, las ich neben dem Namen meines Vaters, ohne den Regen noch zu spüren, geborene Grave, zwölfter Oktober 1926 bis neunter September 2016. Die Kränze lagen noch auf der nackten Erde, drei an der Zahl, die Blüten welk und matschig.

Sie war also tatsächlich tot.

Wie betäubt spürte ich das überlaute Pochen meines Herzens und das Beben meiner Knie, das sich aufwärts und abwärts zugleich ausbreitete. Abrupt wandte ich mich um und ging zu der Bank hinüber.

„Entschuldigung“, brachte ich mühsam heraus. „Darf ich?“

Der Mann hob den Kopf und hellbraune Augen sahen mich an als sei ich ein Geist, soeben einem der Gräber entstiegen. Dann nickte er und rückte zur Seite, sodass ich mich in gebührendem Abstand ans andere Ende der Bank setzen konnte.

Nach Tanzen war mir ganz und gar nicht zumute.

Stattdessen schluckte ich gegen die Tränen an und musste tief Luft holen, um nicht an dem Chaos zu ersticken, das sich in mir auszubreiten drohte.

War das etwa doch Trauer? Oh nein, nicht um diese Furie, die uns alle durch die Hölle geschickt hatte. Vielleicht um die glückliche, liebevolle Kindheit und Familie, die wir hätten haben können, wenn mein Vater nicht diese kranke Frau geheiratet hätte.

Der absurde Gedanke ließ mich schnauben, so ein Blödsinn! Und wen interessierte das noch, ich hatte sie alle seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen und mich damals für immer verabschiedet. Zumindest hatte ich das gedacht.

„Sie werden ganz nass“, ertönte eine tiefe Stimme neben mir.

Viel zu langsam drehte ich den Kopf und blickte auf den schwarzen Schirm und die kräftige Hand hinab, die ihn mir hinhielt. Dieser Trekkingtyp besaß einen Schirm? Das war beinahe so absurd wie hier zu sitzen und mit den Tränen zu kämpfen. Doch er hatte unzweifelhaft Recht, inzwischen hatte der dichte Nieselregen nicht nur meine Jacke durchdrungen, sondern begann sich durch mein Shirt zu saugen.

„Danke“, murmelte ich und sah auf, während ich danach griff.

Mochte sein Oufit auch nicht gerade vertrauenerweckend aussehen, sein Blick und das verständnisvolle Lächeln wirkten sehr wohltuend. Und mal abgesehen davon, dass er sich vermutlich seit mehreren Tagen nicht rasiert hatte, sah er ganz nett aus. Verlegen senkte ich den Blick, öffnete den Schirm und war froh, mich darunter verstecken zu können.

„Man ist überrascht, dass es doch weh tut, nicht wahr?“

Verdammt, es war ja klar, dass ich nun ein Gespräch an der Backe hatte.

„Ja“, erwiderte ich tonlos, in der Hoffnung, dass er wieder in seiner Trauer versank, wenn ich mich einsilbig gab.

Doch diese Antwort war eine glatte Lüge.

„Nein“, hörte ich mich sagen. „Eher Wut. Sie hat es nicht verdient, um sie zu trauern!“

Vorsichtig hob ich den Schirm und sah zu ihm hinüber, bereit, mich zu verteidigen. Doch der Mann musterte mich nachdenklich.

„Ihre Mutter?“

Ich nickte.

„Zorn und Trauer sind oft ein und dasselbe“, gab er leise zurück, zog sich die Mütze vom Kopf und fuhr sich durch den erstaunlich gepflegten braunen Schopf.

„Ich wusste bis vor kurzem nicht mal, wer mein Vater ist.“

Damit stand er auf und zog sich die Mütze wieder bis über die Ohren.

„Ich wünsche Ihnen viel Glück; den Schirm können Sie gern behalten.“

Damit wandte er sich um, schob die Hände in die Taschen und ging mit großen Schritten Richtung Ausgang.

Schon wieder jemand, der mir Glück wünschte, schoss mir durch den Kopf. Seltsamer Typ.

 

Als endlich das Taxi vor mir hielt, bebte ich bereits vor Kälte; daran konnte auch der Schirm nichts ändern. Erleichtert schob ich meinen Koffer in den Fußraum der Rückbank und ließ mich auf den Beifahrersitz fallen.

„Und wohin geht es nun?“, fragte mich der Fahrer. „Augenblick, ich schalte die Sitzheizung ein.“

„Halterner Straße zweihundertvierundneunzig“, nannte ich die Adresse und er sah auf.

„Zum alten Forsthaus? Aber das steht seit zwei Jahren leer.“

„Jetzt nicht mehr, ich bin die neue Eigentümerin.“

Seine Augenbrauen wanderten in die Höhe. „Sind sie etwa die Enkelin vom alten Grave?“

„Ja, die bin ich“, bestätige ich ihm und fühlte mich plötzlich wie das verlorene Aschenputtel, das überraschend heimkehrte.

Damit hätte ich rechnen müssen, mein Großvater war seinerzeit sehr beliebt gewesen, mit seiner Initiative, das alte Forsthaus zu erhalten und zu bewirtschaften.

„Na dann herzlich willkommen zu Hause“, plauderte er weiter, während wir die Straße entlangfuhren, die vor sehr langer Zeit einmal mein täglicher Schulweg gewesen war.

„Es hat immer geheißen, sie seien nach Griechenland ausgewandert.“

„Das stimmt; bis gestern“, erwiderte ich trocken und starrte stur geradeaus, denn auf der rechten Seite waren nun die Obergeschosse der Hochhäuser zu sehen, in denen ich aufgewachsen war.

„Und werden Sie die Jugendherberge wiedereröffnen?“, fragte er unbefangen und mir wurde klar, dass ich tatsächlich wieder zu Hause war.

Hier, am Rande des Ruhrgebietes, fragte man eben ganz offen und war an ehrliche Antworten gewöhnt, wie immer sie auch ausfallen mochten. Eines der sehr wenigen Dinge, die ich vermisst hatte, dort drüben in der Sonne.

„Ich weiß es noch nicht“, gab ich also zurück. „Erst mal muss ich ankommen und mich neu sortieren.“

Er schien zu verstehen, denn er blieb stumm und konzentrierte sich auf die Straße. Vor uns auf dem Bürgersteig lief ein hochgewachsener Mann mit grüner Rollmütze durch den stärker werdenden Regen.

„Könnten Sie bitte vor dem Mann dort anhalten?“

Der Taxifahrer warf mir einen skeptischen Blick zu, dann nutzte er eine freie Parkbucht und kam halb auf dem Gehweg zum Stehen. Ich öffnete die Tür und schob mich soweit aus dem Auto, das der Mann mich bemerkte und innehielt.

„Können wir sie mitnehmen? Sie werden ja ganz nass!“

Mein freundliches Lächeln erwiderte er nicht und schien einen Moment über den Vorschlag nachzudenken. Dann nickte er, kam herüber und stieg ein.

„Wo wollen Sie denn hin?“, fragte ich und wandte mich zu ihm um.

Seine wachen braunen Augen musterten mich. „Wo fahren Sie denn hin?“

Offenbar hatte er kein festes Ziel und mir schoss durch den Kopf, dass ich wohl gerade einen Wohnungslosen eingesammelt hatte.

„Wir fahren zum alten Forsthaus“, erwiderte ich mit dem leicht mulmigen Gefühl, dass er damit wusste, wo ich zu finden war.

„Das passt. Ich wollte ohnehin in die Haard.“

Die Haard, so hieß das ausgedehnte Waldgebiet, das quasi die nördlichen Ausläufer der vielen Ruhrgebietsstädte vom Münsterland trennte. Es war ein bekanntes Naherholungsgebiet in dieser Gegend und nicht weiter ungewöhnlich, dass man dort einen Spaziergang oder eine Wanderung unternahm. Allerdings nicht unbedingt bei eher nasskaltem Septemberregen.

 

Knappe zwanzig Minuten später hielt das Taxi auf dem asphaltierten Zufahrtsweg zum Forsthaus, das nicht weit entfernt hinter einigen Bäumen am Rande des Waldes stand. Wir stiegen aus und mein seltsamer Begleiter wartete, während ich die Fahrt bezahlte.

„Das Forsthaus steht leer“, bemerkte er und betrachtete mich erneut eingehend.

„Ja“, erwiderte ich matt und stellte nun, wo ich vor ihm stand, fest, dass er recht groß und breitschultrig war.

„Ich will es mir nur kurz ansehen“, log ich und hielt ihm seinen Schirm hin. „Vielen Dank nochmal, aber ich glaube, Sie können ihn besser gebrauchen, wenn sie nun noch einen Spaziergang machen wollen.“

Sein durchdringender Blick bedeutete vermutlich, dass er meine Lüge durchschaut hatte, dann schüttelte er den Kopf.

„Es war ein Geschenk, behalten Sie ihn nur.“

Er nickte mir noch einmal zu, dann ging er los, überquerte das zum Forsthaus gehörende Grundstück und verschwand zwischen den hohen Brombeerhecken.

Nun erst setzte ich mich in Bewegung und musterte das alte Backsteinhaus mit dem holzverschalten Obergeschoss.

Als Kind hatte ich stets die Ferien hier verbracht; einige glückliche Wochen im Paradies, bevor sich die bleischwere Zange des mütterlichen Terrors wieder um mich schloss.

 

Es war alles noch so wie ich es in Erinnerung hatte.

Im Hof fiel mein Blick auf den kleinen Schuppen und den gemauerten Ofen, den mein Großvater gebaut hatte, um mit uns Kindern nach uralter Art Brot zu backen. Neu war lediglich ein gar nicht so kleiner Teich, dessen Ufer dicht mit Schilfgras bewachsen waren.

Trotz der recht nahen Straße war es still und friedlich und man hatte das Gefühl, bereits mitten im Wald zu sein. Ein entferntes Klopfen gehörte sicherlich zu einem Specht und die bereits golden und rot verfärbten Blätter gaben sogar dem herabtropfenden Regen etwas Heimeliges.

Zum ersten Mal, seit ich heute Morgen angekommen war, breitete sich ein leises Glücksgefühl in mir aus. All das gehörte nun mir, auch wenn es sicherlich nicht lange dauern würde, bis meine Schwester versuchte, sich ihren Anteil einzuklagen. Ich würde allerdings mit allen Mitteln darum kämpfen; es war meine beste Chance, nach dem Desaster auf Paros noch einmal von vorn anzufangen.

 

Zu meinem großen Glück hatte das letzte Pächterpaar das Haus in einwandfreiem und sauberem Zustand hinterlassen, als sie in den Ruhestand gegangen waren. Notgedrungen, wie ich vom Notar wusste, die alten Knochen hatten der regen Betriebsamkeit der Herberge nicht mehr standgehalten.

Im Erdgeschoss erwarteten mich eine komplett eingerichtete Küche, in der immer noch der alte, mit Holz oder Briketts zu befeuernde Herd stand, ein Aufenthaltsraum, eine schmale Kammer mit einem Einzelbett, die beiden Dusch- und Toilettenräume für Mädchen und Jungen und das Kaminzimmer.

Abgesehen von der dicken Staubschicht und der abgestandenen Luft hatten Haus, Mobiliar und Bettzeug die zweijährige Schließung gut überstanden, weder Stockflecken noch Feuchtigkeit waren zu entdecken. Lediglich das Kaminzimmer war komplett leer und die Feuerstelle des gemauerten Kamins mit einem passenden Sperrholzbrett verschlossen worden.

Einem Gedanken folgend durchquerte ich die Küche, warf einen Blick in die kleine Vorratskammer und musste grinsen. Sie hatten sogar einige Konserven zurückgelassen, oder aber vergessen, deren Haltbarkeitsdatum sie als vollständig genießbar auswiesen. Und es gab sogar ein eingeschweißtes Paket Kaffee; damit war das Abendessen gerettet.

Ohne weiter nachzudenken, befreite ich mich von der nassen Jacke und dem klammen Shirt, schlüpfte in einen Sweater und riss zunächst einmal alle Fenster auf.

Dann stieg ich die recht steile Treppe ins Obergeschoss hinauf und inspizierte drei Zimmer mit Etagenbetten, ein weiteres Einzelzimmer, einen kleineren Aufenthaltsraum und schließlich das Büro.

Der alte, wuchtige Schreibtisch meines Großvaters stand immer noch am selben Fleck, ebenso wie der mit dunkelgrünem Leder bezogene Stuhl mit der hohen Lehne. An den Wänden zogen sich passende Bücherregale hin, bestückt mit Akten, die vermutlich die Abrechnungen der letzten Jahre enthielten, und einigen Märchenbüchern.

Wehmütig strich ich über Grimms Hausmärchen hinweg und erinnerte mich daran, dass mein Großvater hartnäckig daran festgehalten hatte, selbst der Generation Gameboy abends Märchen vorzulesen. Außer ihm hatte allerdings ohnehin niemand die alte Sütterlinschrift entziffern können.

Der Schmerz, ihn verloren zu haben, stach mir wie ein glühender Schürhaken ins Herz und ich wischte mir mit dem Ärmel über die Augen. Nach seinem Tod war alles noch schlimmer geworden, zu Hause, denn auf die Zurechtweisungen ihres Vaters hatte meine Mutter durchaus gehört und sich zusammengerissen; für eine Weile zumindest.

Unwillig schüttelte ich den Gedanken ab, öffnete das erste der beiden kleinen Fenster und sog tief die Waldluft ein, die sich nun merklich abkühlte. Von hier oben konnte man die Wiese überblicken, die sich an den geschotterten Hof anschloss und noch zum Forsthaus gehörte.

Gerade wollte ich mich dem zweiten Fenster zuwenden, als ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung zwischen den Bäumen am Waldrand wahrnahm.

Etwas Grünes war dort vorbeigehuscht, oder hatte ich mich getäuscht?

Atemlos Ausschau haltend spähte ich hinüber und versuchte den Gedanken an die dunkelgrüne Jacke und die dazu passende Wollmütze zu verdrängen.

Es war nichts zu entdecken.

Plötzlich ging mir auf, dass das gesamte Haus sperrangelweit offenstand und ich schoss die Treppe hinab.

 

Hastig schloss ich Tür und Fenster im Erdgeschoss und lugte dann vorsichtig durch das große Küchenfenster hinaus auf den Hof.

Es gab allerdings nicht den geringsten Anlass, mich vor dem Mann mit der grünen Jacke zu fürchten; er war weder unfreundlich gewesen, noch hatte er sich irgendwie aufgedrängt. Sein durchdringender Blick war allerdings schon ein wenig seltsam gewesen. Und seine Klamotten auch.

Allerdings musste ich mich nun daran gewöhnen, allein hier zu leben. Und es würden mit Sicherheit viele Spaziergänger vorbeikommen; das Grundstück war nicht eingezäunt.

Beruhige dich gefälligst, ermahnte ich mich selbst. Immerhin hatte ich jahrelang Wandergruppen durch die einsameren Gegenden der Insel Paros geführt, wo es nicht einmal einen flächendeckenden Handyempfang gegeben hatte. Da würde ich mich doch wohl inmitten der hochtechnisierten Zivilisation am Rande des Ruhrgebiets nicht vor einer Bewegung im Wald fürchten. Immerhin gab es hier Rehe, Wildschweine und Füchse.

Entschlossen öffnete ich die Hintertür, ging hinüber zum Schuppen und unterdrückte den Impuls, noch einmal zum Waldrand hinüberzuschauen.

Wie erhofft fand ich dort einen ganz ansehnlichen Vorrat an Feuerholz, packte mir die Arme voll und zwang mich, es gelassen in die Küche zu bringen. Das Haus besaß zwar eine Ölzentralheizung, doch es war sicher keine gute Idee, sie anzuwerfen, bevor nicht ein Fachmann die Anlage überprüft hatte.

 

Als ich den Weg zurück zum Haus zum dritten Mal ging, geriet der Mann in der grünen Jacke in den Hintergrund. Nun hatte ich genügend Holz, um den alten Herd eine Weile in Betrieb zu halten und drückte mir die Daumen, dass nicht ein Vogelnest oder etwas Ähnliches im Schornstein steckte.

Ich hatte Glück, der Rauch zog ohne weiteres ab und mit dem leisen Knacken des Fichtenholzes verbreitete sich warme Gemütlichkeit in der Küche. Der Vorratsraum beherbergte noch eine erstaunliche Menge an Kerzen, Streichhölzern und Teelichtern und mir fiel ein, dass es früher ein besonderes Highlight für uns Kinder gewesen war, wenn der Strom ausfiel und sich das Haus im Kerzenschein in die Märchenwelt zu verwandeln schien, von der uns mein Großvater aus den alten Büchern vorlas.

Ich verteilte sie nun in der Küche, dann öffnete ich in ihrem sanft flackernden Licht das Päckchen Kaffee und schnupperte daran; er schien sich beinahe ebenso gut gehalten zu haben wie der Rest des Hauses.

 

Einige Zeit später saß ich mit einem dampfenden Becher Kaffee neben dem alten Herd und aß die mit Frühstücksfleisch und grünen Bohnen gemischten eingemachten Kartoffeln direkt aus der Pfanne. Einen Tisch gab es hier nicht und es widerstrebte mir, mich ganz allein in den großen Aufenthaltsraum zu setzen.

Inzwischen war es Abend geworden und der Hof, soweit ich ihn von meinem Platz aus sehen konnte, verschmolz langsam mit dem Wald und der zunehmenden Dunkelheit. Angesichts der nahen Straße und der Tatsache, dass die nächsten Städte und Dörfer kaum zehn Autominuten entfernt lagen, fand ich es doch erstaunlich still um mich herum.

An Einsamkeit und Stille war ich durchaus gewöhnt, sie hatte sich bei jedem Saisonende gegen Ende Oktober über die kleine Kykladeninsel gesenkt und alle, die den Winter dort verbrachten, hatten sie nach dem sommerlichen Trubel sehr genossen.

Und doch ging mir durch den Kopf, ob ich die Nacht tatsächlich im Forsthaus verbringen oder mich in ein Hotelzimmer einmieten sollte, bis ich am Montag das Gröbste regeln und besorgen konnte, um mich hier häuslich niederzulassen. Zumal ich mein gesamtes Vermögen, genau eintausend Euro, in der geblümten Tasche mit mir herumtrug.

Mehr hatte Janis nicht herausrücken wollen und mich damit unter Druck gesetzt, dass eine Klage unweigerlich dazu führen würde, die Hälfte der Schulden übernehmen zu müssen, die die Weiterführung der kleinen Pension in den vergangenen, wirtschaftlich chaotischen Jahren verursacht hatte.

Mir war jedoch sehr klar gewesen, dass er Recht hatte. Und dass ich als seine Gomina, wie die Griechen die Frauen nannten, mit denen man sich zwar vergnügte oder sogar zusammenlebte, aber nicht vor den Traualtar trat, den Vorteil besaß, einfach gehen zu können.

Genau das hatte ich getan; ich war ebenso Knall auf Fall verschwunden wie ich damals nach unserer Urlaubsromanze bei ihm aufgetaucht war, um zu bleiben.

Nein, entschied ich und erhob mich. Ich würde nicht ins Hotel gehen, sondern mein Portemonnaie schonen und bleiben. Dann ging ich hinüber in das Einzelzimmer, hievte mit einiger Mühe die Matratze aus dem Bett und schleifte sie in die Küche.

 

Mit einem dumpfen Gefühl im Kopf öffnete ich die Augen, die einigermaßen verquollen waren und nur widerwillig ihren Dienst aufnahmen. Die alte, verstaubte Deckenlampe brachte die Erinnerung zurück und ich begriff, woher der Kopfschmerz rührte. Von einer sehr unruhigen Nacht neben dem viel zu warmen Küchenherd im alten Forsthaus.

Meinem Forsthaus … .

Dass meine verrückte Mutter es mir allein vermacht hatte, erstaunte mich immer noch. Vermutlich war es ihr also doch wichtig gewesen, es nicht zu verkaufen, was meine Schwester sicher augenblicklich getan hätte.

Ächzend krabbelte ich unter der Decke hervor und streckte mich, obwohl es eindeutig zu kalt war, um barfuß und in Unterwäsche auf dem Fliesenboden herumzustehen. Trotzdem öffnete ich sofort die Befeuerungsklappe des Herdes, rüttelte vorsichtig an dem eingebauten Sieb und war froh, als sich die glühenden Reste der Holzscheite zeigten. Im Stillen dankte ich meinem Großvater, der allen Kindern beigebracht hatte, wie man den alten Herd anzündete und so unterhielt, dass er nicht ausging.

Also schob ich einige Späne und Holzscheite nach, stieg in Socken, Jeans und T-Shirt und leerte die Ascheschublade in den dafür vorgesehenen Eimer. Und weil sowieso dringend gelüftet werden musste, zog ich auch gleich meine Sneakers an, um den Eimer draußen zu entleeren.

 

Zu meiner Überraschung schien die Sonne und die Luft duftete frisch, erdig und waldig. Ich hatte den ersten Schritt die kleine Treppe hinab noch nicht getan, als mein Blick auf eine Papiertüte fiel, die an ihrem Fuß lag, neben einem Margarinetopf und einem Marmeladenglas.

Unwillkürlich hob ich den Kopf und sah mich suchend um. Es gab nur zwei Menschen, die mir dieses Frühstück gebracht haben konnten; entweder der Taxifahrer von gestern, oder … .

Mein Puls beschleunigte sich, doch ich ging beherzt hinunter und stellte den Eimer ab.

„Hallo? Ist da jemand?“

Meine Stimme klang so laut durch die Stille des unbestreitbar noch sehr frühen Morgens, dass ich erschrak. Doch es schien sich niemand angesprochen zu fühlen.

„Vielen Dank für das Frühstück!“, rief ich dennoch. „Aber wenn Sie noch da sind, kommen Sie bitte heraus, ich mag solche Scherze nicht!“

Diesmal ließ mich ein platschender Laut aufschrecken, dann begriff ich, dass ich offenbar einen Frosch aufgescheucht hatte, dessen Sprung ins Wasser nun ringförmige Wellen hinterließ.

Also gut, dann war mein Gönner wohl längst wieder fort. Einen Moment sah ich unschlüssig auf die Lebensmittel hinab, dann beschloss ich, sie dem netten Taxifahrer zuzurechnen, der gestern auf einer Tour vielleicht noch den Kerzenschein bemerkt und daraus geschlossen hatte, dass ich über Nacht blieb.

 

Während ich die frischen Brötchen genoss, ließ ich Tür und Fenster demonstrativ offenstehen, zwang mich jedoch, meine Gedanken darauf zu richten, was dringend erledigt werden musste. Zunächst einmal brauchte ich einige Lebensmittel für das Wochenende. Die würde ich per Bus besorgen, denn es gab eine Haltestelle an der Zufahrt zum Haus. Taxifahrten waren also ab sofort gestrichen.

Am Montag würde ich mich dann aufmachen zum Rathaus, um mich als Bürgerin zurückzumelden, mitzuteilen, dass ich als neue Besitzerin des alten Forsthauses nun hier wohnen würde und beabsichtigte, es auch wieder in Betrieb zu nehmen.

Ich wusste allerdings noch nicht, in welcher Form. Für eine Jugendherberge schien es mir inzwischen viel zu klein, die würde mir vermutlich nicht die Existenz sichern, auch wenn ich gerade dafür reichlich praktische Erfahrung aus Griechenland mitbrachte, wo Janis Eltern die kleine Pension betrieben.

Dann musste ich wohl auch gleich am Montag Sozialhilfe beantragen, zumindest vorerst. Ob ich die allerdings bekommen würde, als frischgebackene Besitzerin eines Hauses mit großem Grundstück, war mehr als fraglich.

Seufzend schob ich die dunklen Gedanken beiseite und beschloss, mich mit dem zu beschäftigen, was ich am besten konnte. Die Dinge anpacken, eines nach dem anderen, und das Beste daraus machen.

 

Knappe zwei Stunden später stieg ich zufrieden wieder aus dem Bus, beladen mit zwei Plastiktüten eines Discounters, den ich mithilfe der freundlichen Auskunft einer alten Dame auf der Hinfahrt problemlos gefunden hatte. Neben den Lebensmitteln besaß ich nun einen warmen Troyer und eine Regenjacke, die zwar kaum modisch zu nennen waren, mich jedoch fürs Erste warmhalten würden.

Ich hatte den vorderen Hauseingang noch nicht erreicht, als Stimmen an mein Ohr drangen; im Hof schienen sich mindestens zwei Leute zu unterhalten.

Während ich noch zu entscheiden versuchte, ob ich mich im Haus verkriechen oder nachsehen sollte, wurde der Tonfall der einen, offenbar weiblichen Stimme immer aufgebrachter und schriller, bis ich sie schließlich erkannte. Mein Herz tat einen rumpelnden Schlag; sie hatte mich bereits aufgestöbert!

Augenblicklich kroch mir die Angst in die Glieder und mischte sich mit dem Zorn, dass ich selbst nach so vielen Jahren immer noch zögerte, ihr mutig gegenüber zu treten. Ich gab mir einen deutlichen Ruck, schloss die Haustür auf, ließ die Taschen fallen und lief direkt zur Hintertür.

 

Als ich sie aufriss, verstummte sie mitten im Satz und ihre Augen wurden tellergroß. Tief Luft holend blieb ich auf der Schwelle stehen und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Darf ich fragen, was du hier willst?“

Den Typen, den sie da mitgebracht hatte, kannte ich natürlich nicht, doch die Situation erinnerte mich sofort an eine andere, die lange zurücklag. Damals hatte sie einen ihrer schnell wechselnden Freunde als Verstärkung mitgebracht, um mich ungestört verprügeln zu können.

Offenbar hatte ich die Situation jedoch falsch interpretiert, denn das verblüffte Staunen meiner Schwester zeigte deutlich, dass sie mich hier nicht erwartet hatte.

Ich hätte mich im Haus verstecken sollen, schoss mir durch den Kopf, doch nun war es zu spät. Also zog ich mein Handy aus der Jackentasche und hielt es in die Höhe.

„Ich schlage vor, ihr verlasst augenblicklich das Gelände und haltet euch fern, sonst sehe ich mich gezwungen, die Polizei zu rufen.“

Augenblicklich verfärbte sich ihr blasses Gesicht unter dem blond gefärbten Haar feuerrot, das unbestreitbar alt geworden war und irgendwie leer aussah.

„Das sieht dir ähnlich!“, begann sie zu keifen. „Alles unter den Nagel reißen und dann gleich auf dicke Hose machen! Mir steht mindestens die Hälfte zu! Und die darf ich mir ja wohl in Ruhe ansehen!“

„Wenn du das meinst, geh‘ zum Anwalt und fechte das Testament an“, erwiderte ich möglichst gelassen. „Aber hier wirst du dir gar nichts ansehen und mich in Ruhe lassen!“

„Klar darfst du dir hier alles angucken, Mausi!“, gab ihr Begleiter zum Besten. „Das Testameng is‘ für’n Arsch, voll gelogen!“

Hatte er tatsächlich Testameng gesagt? Unter der von einer Halbglatze gekrönten Fokuhila-Frisur schien ja ein ganz ausgefuchster Verstand zu hausen.

„Dat Mädel heb‘ ich ma‘ eben aus den Klotschen!“

Der Satz ließ mich nach Rückwärts taumeln, doch bevor ich noch die Türklinke gefunden hatte, fiel mein Blick auf den Mann mit der grünen Wetterjacke, der zielstrebig auf den Glatzköpfigen zuging.

Meine Schwester fuhr herum, während er bereits dicht vor ihrem Schatzi stehen blieb und auf ihn herunterblickte, denn er war mehr als einen Kopf größer.

„Noch kannst du allein verschwinden“, sagte er mit seiner tiefen Stimme. „Gleich brauchst du einen Krankenwagen!“

Ohne jede Hast öffnete er den Reißverschluss seiner Jacke, zog sie aus und zum Vorschein kamen muskulöse Oberarme.

Der Ausgefuchste wich einen Schritt zurück, dann drehte er sich um und machte sich davon, ohne meiner verwirrt dreinblickenden Schwester auch nur einen Wink zu geben. Deren Gesicht drohte vor Scham und Wut schier zu platzen, doch als mein Retter sich ihr zuwandte, setzte auch sie sich schleunigst in Bewegung.

Während er seine Jacke aufhob und hineinschlüpfte, ließ ich mich auf der Treppe nieder und stellte fest, dass mir Knie und Hände zitterten wie verrückt.

„Da kannst du einen drauf lassen, dass ich zum Anwalt gehe!“, schallte es zu uns herüber, während der Mann mich besorgt musterte.

„Danke“, brachte ich heraus und hob hilflos die Hände. „Kann ich …. kann ich Sie vielleicht auf einen leicht muffigen Kaffee einladen?“

 

 

 

Kapitel 2 Der grüne Mann

Humor schien nicht gerade seine Stärke zu sein, denn er verzog keine Miene und schien unentschlossen.

„Keine Sorge“, beeilte ich mich hinzuzufügen, „ich habe gerade frischen Kaffee gekauft, war nur ein Scherz.“

„Also gut“, erwiderte er schließlich, kam zögernd näher und wartete, bis ich mich aufgerappelt hatte und vorausging.

„Setzen Sie sich ruhig in die Küche, ich hole nur eben meine Einkäufe“, bat ich und eilte durch den Flur zum Vordereingang.

Dort hatten sich einige Äpfel aus den Tüten heraus gestohlen und waren über den Boden gekullert, doch bevor ich mich bücken konnte, erklang seine Stimme hinter mir.

„Lassen Sie mich das machen.“

Ein wenig irritiert trat ich beiseite und mein Blick fiel auf sein breites Kreuz, während er das Obst auflas. Vermutlich hätte man die zurzeit bessere Hälfte meiner Schwester tatsächlich auf einer Trage wegbringen müssen, wenn er seine Drohung wahrgemacht hätte.

Unwillkürlich musste ich schlucken, denn meine Kehle war plötzlich wie ausgedörrt. Er erhob sich inzwischen, sah mich fragend an und mir fiel auf, dass er die Mütze abgenommen hatte und sein Haar tatsächlich erst vor kurzem von einem recht talentierten Friseur geschnitten worden sein musste.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte er leise und runzelte die Stirn.

„Äh, nein“, fiel mir ein, dann schickte ich ein Lächeln hinterher, wandte mich um und er folgte mir.

 

Kaum fiel mein Blick auf die Matratze, die immer noch vor dem Herd lag, blieb ich stehen.

„Oh, tut mir leid … . Ich habe, ich meine, ich muss noch die Matratze… .“

„Ich kann sie gern zurückbringen“, bemerkte er und stellte die Tüten ab. „Ich hätte es genauso gemacht; in unbekannter Umgebung sollte man alles in Reichweite haben.“

Darauf fiel mir keine Erwiderung ein und so sah ich ihm dabei zu, wie er die Matratze samt Kissen und Decke packte und damit hinausging.

Und ein erstaunter Blick in den Flur offenbarte, dass er wusste, wo sie hingehörte.

Mein Hals schien sich plötzlich zusammenzuziehen als stecke er in einer Schlinge. War er etwa gestern Abend doch hier herumgeschlichen und hatte beobachtet wie ich sie in die Küche geschafft hatte? Und war dann etwa das Auftauchen meiner Schwester eher ein harmloser Witz im Vergleich zu dem Besucher, den ich nun selbst hereingebeten hatte?

Abrupt ging ich zu den Einkaufstaschen hinüber und begann, sie mit fahrigen Fingern auszupacken. Ich war viel zu vertrauensselig, verdammt nochmal! Schließlich lebte ich nun nicht mehr in Marpissos, dem kleinen Dorf im hügeligen Hinterland von Paros, in dem zumindest im Winter niemand die Haustüren verschloss und jeder jeden kannte!

„Hier hat sich nichts verändert“, sagte er hinter mir und ich fuhr erschrocken herum.

„Ich war als Kind hier, in den Ferien ….“ Wieder runzelte er die Stirn. „Es ist wohl besser, wenn ich gehe. Ich will Ihnen keine Angst machen.“

Ohne Zögern griff er nach der Wollmütze, die er auf der Arbeitsplatte abgelegt hatte.

„Nicht doch, bitte!“, brachte ich heraus und schämte mich plötzlich entsetzlich. „Es ist nur … . Meine Schwester; vor der habe ich richtig Angst!“

Er hielt inne und zum ersten Mal geriet sein Gesichtsausdruck ein wenig durcheinander.

„Das eben war Ihre Schwester?“

„Leider“, bemerkte ich und streckte ihm mit einem entschuldigenden Lächeln die Hand hin. „Ich bin Lissi Lensmann, Sie können mich gern Lissi nennen. Und vielen Dank nochmal für Ihre Hilfe.“

Das war natürlich genau so vertrauensselig, wie ihn zum Kaffee einzuladen, doch so hielt man es in Marpissos mit freundlichen Helfern. Und im Ruhrgebiet auch, wie mir einfiel. Er ergriff sie vorsichtig und schien Übung damit zu haben, schmale Frauenhände nicht zu Brei zu quetschen.

„Ich heiße Erik. Und nichts zu danken.“

Ein ungewöhnlicher Vorname, fand ich, und stellte fest, dass sein Händedruck angenehm warm war. Und dass er seinen Nachnamen wohl nicht preisgeben würde.

„Ja, ähm, dann setze ich uns mal einen Kaffee auf.“ Leicht verlegen ließ ich seine Hand los. „Leider habe ich noch keinen Strom, ich hoffe sie mögen auch Prüttkaffee?“

Er nickte und sein Blick fiel auf die Holzscheite, die neben dem Herd lagen.

„Ich kann dir gern noch etwas Holz hacken“, bot er an und das Du schien ihm sehr leicht über die Lippen zu gehen.

„Oh, das ist nicht nötig, im Schuppen gibt es einen großen Vorrat an Feuerholz“, teilte ich ihm über die Schulter hinweg mit, während ich einen Topf mit Wasser füllte.