Seventeen Years Later - J P Pomare - E-Book
SONDERANGEBOT

Seventeen Years Later E-Book

J P Pomare

0,0
12,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 12,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Sollte man die Wahrheit in Frieden ruhen lassen?

Die gewaltsame Ermordung der Familie Primrose vor 17 Jahren schockierte die Nation. Damals wurde der junge Maori Bill Kareama wegen des Mordes verurteilt. Podcasterin Sloane Abbot will für ihre Sendung den Fall noch einmal aufrollen. Gemeinsam mit dem Gefängnispsychologen TK, der sich vehement für eine Berufung einsetzte, findet Sloane Beweise, die ein neues Licht auf die Primroses werfen, und es gibt neue Verdächtige. Bills Unschuld ist damit noch lange nicht bewiesen. Können Sloane und TK die Wahrheit ans Licht bringen? Oder sind sie vielleicht schon längst selbst im Visier des Killers?

Ein fesselnder Thriller des neuseeländischen Bestsellerautors J. P. Pomare

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 567

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.


Ähnliche


Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitel ImpressumTEIL EINSTKSloanSeventeen Years LaterSloanTKSeventeen Years LaterSloanTKSeventeen Years LaterSloanTKSeventeen Years LaterSloanTKSeventeen Years LaterSloanTKSeventeen Years LaterSloanTKTEIL ZWEISeventeen Years LaterSloanSeventeen Years LaterSeventeen Years LaterSeventeen Years LaterSloanTKSeventeen Years LaterSeventeen Years LaterSeventeen Years LaterTKSeventeen Years LaterSeventeen Years LaterSeventeen Years LaterSeventeen Years LaterSeventeen Years LaterTKSloanTKSloanTKSloanTKSloanTKSloanTKSloanTKSloanTKSloanTKSloanTKSloanTKSloanEPILOG

Über dieses Buch

Sollte man die Wahrheit in Frieden ruhen lassen? Die gewaltsame Ermordung der Familie Primrose vor 17 Jahren schockierte die Nation. Damals wurde der junge Maori Bill Kareama wegen des Mordes verurteilt. Podcasterin Sloane Abbot will für ihre Sendung den Fall noch einmal aufrollen. Gemeinsam mit dem Gefängnispsychologen TK, der sich vehement für eine Berufung einsetzte, findet Sloane Beweise, die ein neues Licht auf die Primroses werfen, und es gibt neue Verdächtige. Bills Unschuld ist damit noch lange nicht bewiesen. Können Sloane und TK die Wahrheit ans Licht bringen? Oder sind sie vielleicht schon längst selbst im Visier des Killers? Ein fesselnder Thriller des neuseeländischen Bestsellerautors J. P. Pomare

Über den Autor

J. P. Pomare ist ein preisgekrönter neuseeländischer Autor. Seine Thriller stehen regelmäßig auf den neuseeländischen Bestsellerlisten, sein Buch IN THE CLEARING war die Vorlage für die Disney+ Serie THE CLEARING. SEVENTEEN YEARS LATER ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint. J. P. Pomare wohnt mit seiner Frau und seiner Tochter in Melbourne.

Titel der australischen Originalausgabe:

»Seventeen Years Later«

Für die Originalausgabe:Copyright © 2024 by J. P. Pomare

Für die deutschsprachige Ausgabe:Copyright © 2025 byBastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6–20, 51063 Köln, Deutschland

Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.

Textredaktion: René Stein, Kusterdingen

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München

Einband-/Umschlagmotiv: © Mark Owen/Trevillion Images

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7517-8422-1

luebbe.de

lesejury.de

TEILEINS

MENSREA

Detective Marsden: Können Sie uns beschreiben, was an diesem Morgen passiert ist?

Jo Blackwell: Also … Ich bin plötzlich aufgewacht. Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen hatte, aber es war noch sehr früh.

DM: Und was hat Sie aufgeweckt?

JB: Nun ja … Ähm … Ich habe die Schreie gehört, diese furchtbaren Schreie, wissen Sie? So etwas habe ich vorher noch nie gehört. Ich wusste, dass jemand in Schwierigkeiten steckt. Deshalb habe ich mich hingesetzt und Paul …

DM: Ihren Ehemann?

JB: Genau, also … ich hab ihn wachgerüttelt. Ich dachte, es gäbe einen Streit im Haus, und wollte mich eigentlich nicht einmischen. Aber die Schreie waren so laut und so animalisch, dass ich dachte, es wäre besser, die Polizei zu rufen. Nur um sicherzugehen, dass nichts Schlimmes passiert.

DM: Sie haben sofort die Polizei gerufen, als Sie die Schreie gehört haben?

JB: Hm … Ich habe höchstens eine Minute oder zwei gewartet. Paul meinte, dass ich mir die Schreie vielleicht eingebildet hätte, aber dann hat er sie auch gehört. Es ging immer weiter. Dann war es etwa zehn Minuten ruhig, bevor ich sie wieder hörte.

DM: Sie sind also nicht sicher, wie viel Zeit zwischen dem ersten Schrei, den Sie gehört haben, und dem Zeitpunkt des Anrufs vergangen ist?

JB: Nein, aber es kann nicht mehr als ein oder zwei Minuten gewesen sein. Im Grunde genommen habe ich direkt angerufen.

DM: Okay. Und was ist dann passiert?

JB: Danach gab es noch mehr Geschrei. Keine Worte, nur dieser lange markerschütternde Schrei. Ich habe meinen Morgenmantel übergeworfen, und Paul und ich sind die Auffahrt runtergegangen. Wir können das Haus von der Straße aus sehen. Wir haben das nur gemacht, um auf die Polizei zu warten, aber wir konnten die Sirenen schon näher kommen hören. Wir standen etwa ein, zwei Minuten draußen. Der Nebel war ziemlich dicht, aber wir haben einen Mann gesehen, der das Grundstück verlassen hat. Wir waren uns sicher, dass irgendwas nicht stimmt. Er hat uns nicht gesehen, obwohl er quasi an uns vorbeigelaufen ist.

DM: Können Sie mir beschreiben, wen Sie gesehen haben?

JB: Wir haben ihn beide erkannt. Er wohnt hier, und wir haben ihn hin und wieder auf seinem Skateboard gesehen. Er ist Māori. In etwa so groß wie Paul.

DM: Haben Sie noch jemand anderen gesehen? Oder irgendwelche Fahrzeuge?

JB: Nein. Nur ihn. Nur diesen Mann. Und er war von oben bis unten mit Blut besudelt. Die Hände, die Kleidung, das Gesicht. Wir waren wie erstarrt und wussten nicht, was wir tun sollten. Dann sind Sie alle aufgetaucht, und Paul ist gleich zu Ihnen rüber, aber da war der Mann schon lange weg.

TK

Das Allererste, was mir an Bill Kareama auffiel, war sein Schädel, der deutlich unter der Haut hervortrat. Man konnte eine Vertiefung an den Schläfen sehen. Der Knochen war beinah vollkommen flach, vom harten Stirnkamm bis zum rasierten Haaransatz. Es ist nicht so, dass ich ein besonderes Interesse an menschlichen Schädeln hätte – so poetisch so ein Faible bei einem Psychologen auch wäre –, aber manchmal fixiere ich mich auf die Einzelheiten, auf die Details, und verliere dabei vielleicht das Gesamtbild aus den Augen. Das Zweite, was mir an Bill Kareama auffiel, war seine Ruhe, die Art und Weise, wie er seine Emotionen regulieren und kontrollieren konnte. Mit der Zeit und durch meine psychologischen Begutachtungen kam ich zu dem Schluss, dass Bill unfähig war, extreme Emotionen zu spüren: Die äußersten Grenzen seiner emotionalen Landschaft erstreckten sich kaum über Zufriedenheit, Frustration oder Enttäuschung hinaus.

Wenn die Morde ein Verbrechen aus Leidenschaft gewesen waren – wie die Polizei, die Medien und die Staatsanwaltschaft behaupteten –, konnte Bill sie vermutlich nicht begangen haben. Jedenfalls nicht so, wie sie es darstellten, nicht im Eifer des Gefechts.

Demütigung, das war eines der Motive, die die Staatsanwaltschaft angeführt hatte. Weil er zurückgewiesen worden war, hatte sein Schamgefühl Bill dazu getrieben, jedes einzelne Mitglied der Primrose-Familie mit seinen Kochmessern abzustechen. Oder Wut: Er hatte einen Wutanfall bekommen, weil Simon Primrose ihn gefeuert und sein letztes Gehalt einbehalten hatte. Begierde: Bills Verliebtheit in Simons Tochter war zu einer Obsession geworden. Er hatte ihr anzügliche Nachrichten geschickt und konnte mit dem Wissen, dass er sie niemals haben könnte, nicht leben. Bill nahm Drogen, war labil, stahl. Emotionen waren es, mit denen die Staatsanwaltschaft arbeitete – und mit zahllosen plausiblen Motiven.

Aber ich konnte bei Bill keine Anzeichen von Wut oder einer mangelhaften Impulskontrolle feststellen. Falls er es getan hatte, war es kein Verbrechen aus Leidenschaft gewesen, sondern eines, das er geplant hatte. Warum dann das Chaos im Haus? Warum lief er nach Hause, nachdem er haufenweise Beweise hinterlassen hatte? Wenn es geplant war, warum hatte er sich vorher betrunken? Hatte er einen Plan, und er war schiefgelaufen?

Wenn man Bills Version der Ereignisse Glauben schenkt, hatte er lediglich die Leichen gefunden. Als er dann die Sirenen hörte, geriet er in Panik und floh vom Tatort. Nebelfetzen hingen über den Straßen und schlängelten sich durch die Bäume hindurch. Er nutzte den Nebel als Schutz auf dem Weg zu der Wohnung, in der er lebte. Falscher Ort, falsche Zeit.

Ich verbrachte drei Jahre mit dem Versuch herauszufinden, was wirklich passiert war, und das Ergebnis war, dass man den Fall letztlich auf zwei Tatsachen runterbrechen konnte: Erstens hatte Bill Kareama sein Leben lang schweres Asthma, und zweitens hatte Bill Kareama in der Mordnacht keinen Inhalator.

Als er vor Gericht stand, entschied die Geschworenenjury, dass die zweite Tatsache eine Lüge war, oder sie glaubte wenigstens, dass ein untrainierter Mann mit schwerem Asthma in der Lage war, in zwölf Minuten drei Kilometer ohne Inhalator zu laufen. Es gibt verschiedene Routen, die er genommen haben könnte, aber keine davon ist kürzer als drei Kilometer. Er konnte nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Es gab natürlich noch viele andere Probleme mit dem ursprünglichen Verfahren, und falls sein Verfahren jemals wiederaufgenommen werden sollte, ist es sehr wahrscheinlich, dass er es aus verschiedenen Gründen gewinnen würde: Die Polizei hatte unmittelbar nach dem ersten Prozess Beweise vernichtet und eine generelle Abneigung an den Tag gelegt, gegen andere potenzielle Verdächtige zu ermitteln. Die Zwangsbefragungstechniken von Zeugen – Bill eingeschlossen – würden einer Geschworenenjury mit der heutigen Sensibilität nicht mehr entsprechen.

Er tat weder sich selbst noch seinen Anwälten am Morgen nach den Morden einen Gefallen: Gegen sechs Uhr in der Früh ging Bill Kareama die neunhundert Meter von seiner Wohnung zur Morning-Star-Bäckerei an der Ecke der Pope Terrace, vorbei am Geldautomaten vor der Sportsbar The Pope, vorbei an der Ladenzeile und der Tankstelle. Auf dem Weg dorthin warf er einen Einkaufsbeutel voller Asche in den Container neben der BP-Tankstelle. Die Asche war einmal jene Kleidung gewesen, die er am Abend vorher getragen hatte, als er im Haus der Primroses gewesen war. Er setzte sich in die Bäckerei und aß einen Hackfleisch-Käse-Pie, während er auf die ruhige Straße starrte. Diese Tatsachen allein machen ihn noch nicht zu einem Mörder, aber sie waren für seine Verteidigung mit Sicherheit alles andere als hilfreich. Es sprach außerdem nicht gerade für ihn, dass er seine Nägel ganz kurz geschnitten, seine Haare abrasiert, die Wohnung, die er erst vor Kurzem angemietet hatte, mit Bleichmittel gereinigt und sein Handy zerstört hatte.

Die Menschen verstehen nicht wirklich, welche Auswirkungen Trauma, Erschöpfung und drogeninduzierte chemische Ungleichgewichte im Gehirn auf das Verhalten einer Person haben können. Merkwürdiges Verhalten, nachdem man extremer Gewalt, Blut, Eingeweiden ausgesetzt war, sollte nicht automatisch dazu führen, dass ein Mann fünfundzwanzig Jahre weggesperrt wird.

Heute habe ich gesehen, dass er seit siebzehn Jahren im Gefängnis sitzt. Es stand in der Sonntagszeitung meiner Eltern, sein Gesicht auf Seite drei, ein kürzlich im Gefängnis aufgenommenes Foto.

Und jetzt, als ich vom Haus meiner Eltern in Rotorua zurück zu meinem Stadthaus in Auckland fahre, spüre ich die Sogwirkung von Cambridge. Ich kann nichts dagegen tun. Ich fahre die bekannte Straße entlang, die mich zum Haus führt, und parke vor dem Eisentor. An beiden Seiten schließt eine Steinmauer an, jene Art, die man in England auf dem Land finden kann und die um das gesamte Anwesen herumführt. Die Auffahrt schlängelt sich bis zur Spitze des Hügels, der mittlerweile von verwilderten Bäumen überwuchert ist. Das Grundstück der alten Farm wurde zerteilt wie ein Weihnachtsschinken. Stück um Stück wurde versteigert, weiter bebaut. Die Vorstädte rücken immer näher an die Ausläufer des einst ruhigen Bauerndorfs heran, und nun ist das große alte Haus das Einzige, was noch vom einstigen Besitz der Primroses übrig ist. Als ich das letzte Mal hier war, konnte man das Haus durch das hohe Gras und die wilden Hecken kaum sehen. Jetzt ist alles gepflegt und ordentlich. Die neuen Besitzer haben ihre Sache gut gemacht.

Versprechen sind merkwürdige Dinge, denke ich. Man bricht eins, und der Rest scheint danach keine Rolle mehr zu spielen. Ich hatte mir selbst versprochen weiterzumachen, und ich habe die Dinge inzwischen hinter mir gelassen. Warum bin ich trotzdem hier, starre das Haus an?

Reifen auf Schotter. Ich drehe mich um. Zu spät. Ein Mitsubishi Pajero wird langsamer, biegt in die Auffahrt ein. Das Tor öffnet sich, und der Geländewagen hält an. Ich wende mich in seine Richtung, lächle, aber die Insassin lächelt nicht zurück.

»Lassen. Sie. Uns. In. Ruhe.«

Jedes einzelne Wort wurde mit einer solchen Wut ausgespuckt, dass ich einen Moment lang verstumme.

»Entschuldigung?«

»Sie haben mich verstanden.«

»Ich habe nur das Haus bewun…«

»Ich weiß, was Sie machen«, erwidert die Frau, und ich sehe die Äderchen auf ihren Wangen. Sie kann mich kaum anschauen. »Los, verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei!«

»Natürlich. Entschuldigung«, sage ich, atme aus und werfe einen letzten Blick auf das Haus. Es ist wieder perfekt. Man könnte fast glauben, hier sei niemals etwas Schlimmes geschehen. Ich ziehe die Schlüssel aus meiner Hosentasche und gehe zurück zu meinem Wagen. Warum bist du hierhergekommen, TK? Ich schüttle den Kopf. Ich erinnere mich selbst daran, dass ich Bill Kareama nichts schuldig bin. Nicht das Geringste.

Sloan

Bei jedem guten Kater erreicht man irgendwann diesen Zeitpunkt, in dem der Gedanke, wieder einen Schluck Alkohol zu trinken, schließlich akzeptabel wird. Nicht nur akzeptabel, eigentlich sogar begehrenswert. Ich denke an die vergangene Nacht zurück, zähle die Drinks. Vier Gläser Champagner, zwei Gläser Chardonnay, einen Ardbeg mit einem Freund – dem Herausgeber des Sydney Morning Herald – und zwei Gläser Wasser, bevor ich ins Bett gegangen bin. Als ob Letztere etwas gegen das Unvermeidbare hätten ausrichten können. Sie haben natürlich nichts gegen das Unvermeidbare ausgerichtet. Das Unvermeidbare erreichte mich, so unerbittlich wie das Schicksal selbst, in dem Moment, in dem ich meine Augen öffnete. Stroboskoplichtartige, dröhnende Kopfschmerzen, ein staubtrockener Mund, Übelkeit.

Ich erreiche den kritischen Punkt der Alk-Akzeptanz um die Mittagszeit herum. Ich bin immer noch im Bett, aber ich könnte fast eine Bloody Mary zu mir nehmen.

Gestern war die allererste richtig große Nacht, die ich seit Gott weiß wie langer Zeit erlebt habe, vielleicht sogar seit dem Abschluss der letzten Staffel von Legacy. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich viel trinken würde, aber auf der anderen Seite hatte ich auch nicht damit gerechnet, zu gewinnen. Bisher war der Gold Walkley Award nur einmal an einen Podcaster gegangen. Ich hatte schon ein paar Gläser intus, als der Moderator, der hitzköpfige Journalist Des Holder, meinen Namen vorlas. Ich sah mich um und vergewisserte mich angesichts der grinsenden Beisitzer an meinem Tisch, dass ich richtig gehört hatte. Alle standen auf und applaudierten mir wie trainierte Seehunde.

»Ich … ich habe gewonnen?«

Ich war so überrascht, dass ich wirklich keinen Schimmer hatte, was ich jetzt tun oder sagen sollte. Ich weiß, dass die Leute das immer behaupten, aber bei mir war es tatsächlich so. Ich brachte meine Rede hinter mich, ohne Tränen zu vergießen, dankte meinem Produzenten Esteban sowie meiner Assistentin Tara und brachte mein tief empfundenes Mitgefühl für die Opfer des Falls zum Ausdruck. Ich erwähnte, dass ich lediglich hoffte, dass mein Podcast, mein Buch und meine Arbeit dabei halfen, häusliche Gewalt zu beleuchten. Rede gehalten, das Feiern ging weiter, die Erinnerung danach ist etwas verschwommen.

Es ist immer unangenehm, mit einem mulmigen Gefühl aufzuwachen. Ich war besorgt, dass die hellen Scheinwerfer die Plattitüden in meiner Rede hervorgehoben hatten. Besorgt, dass ich zu schnell gesprochen hatte oder zu betrunken gewesen war. Besorgt, dass ich zusammenhangslos oder zu offensiv bei der After-Show-Party geplappert hatte, noch immer im Modus wegen des berauschenden Kicks durch den Award. Besorgt, dass ich einen Fauxpas begangen hatte, der heute Morgen auf den Titelseiten aller Zeitungen zu finden wäre.

Ich wälze mich in den Laken des Hotelbettes ein wenig hin und her und strecke meine Glieder. Meine Hand findet mein Handy. Es juckt mich immer noch in den Fingern, in die Social-Media-Tretmühle einzusteigen: Instagram, Twitter, E-Mail, alles aktualisieren, alles von vorne. Aber ich bin seit ein paar Monaten clean, keine Sozialen Medien mehr. Heutzutage sind wir alle Abhängige, aber ich habe es geschafft, mir das abzugewöhnen. Ich habe stattdessen meine eigenen, ganz altmodischen Laster.

Ich überfliege die E-Mails auf meinem Laptop und denke über ein fettiges Room-Service-Frühstück nach. Machen sie so spät noch Frühstück? Ich bleibe nur noch eine weitere Nacht in Sydney, bevor ich morgen früh wieder nach Melbourne zurückfliege. Eine Nachrichtenflut überrollt mich: viele Gratulanten, meine Assistentin Tara hat die heutige Ladung Verrückter, die ihren Hass verspritzt, vermutlich schon herausgefiltert. Wer hätte gedacht, dass häusliche Gewalt in diesem Land solch ein explosives Thema ist? Tara hat mir auch selbst gemailt und auf einen Artikel über einen Fall in Neuseeland hingewiesen.

Ich verfolge diesen Fall schon seit Jahren. Könnte das was sein?, hat sie in die Betreffzeile getippt.

Er kommt mir merkwürdig bekannt vor, tatsächlich erinnere ich mich noch an das Verbrechen, als es geschah. Der Fall war auch in den australischen Medien. Ein Privatkoch hatte alle Mitglieder der Familie erstochen, für die er arbeitete. Jetzt, so heißt es im Artikel, sind siebzehn Jahre seiner Gefängnisstrafe verbüßt, und es mehren sich Stimmen für ein Wiederaufnahmeverfahren. Er hat nicht einmal seine Schuld eingestanden, und der Clou an der Sache ist: Hätte er das getan, wäre er für eine anschließende Bewährungsstrafe infrage gekommen und mittlerweile vielleicht ein freier Mann.

Tara hat recht, das könnte was sein. Aber nicht für uns. Es gibt hier eine große Story, viel zu recherchieren, aber es fühlt sich nicht nach einem Legacy-Fall an.

Ich schließe den Link und öffne eine weitere Mail, diesmal von meinem Produzenten. Er hat seine eigenen Ideen und will, dass ich mir den Fall einer Familie anschaue, die in den späten Neunzigern spurlos in Adelaide verschwunden ist. Nachdem ich fünf Minuten gelesen habe, klappe ich meinen Laptop zu, weil ich mich daran erinnert habe, dass heute kein Arbeitstag ist. Heute ist ein Erholungstag. Heute, Sloan, ist ein Tag zum Feiern. Was nicht so einfach ist, wenn dein Gehirn in einem Schraubstock steckt, der sich langsam dreht. Das nächste Projekt kann warten.

»Zimmerservice«, sagt jemand am Telefon.

»Hallo. Ja. Könnte ich Eggs Benedict und einen doppelten Espresso in Zimmer 903 bekommen? Oh, und eine Bloody Mary.«

»Natürlich. Es wird nicht lange dauern.«

Ich schleppe mich aus dem Bett ins Badezimmer, halte meinen Kopf unter den Wasserhahn, bevor ich mich wieder ins Bett fallen lasse und mein Handy in die Hand nehme. Mein Spiegelbild auf dem schwarzen Bildschirm erinnert mich freundlicherweise daran, dass ich vergessen habe, mich abzuschminken, bevor ich schlafen gegangen bin.

Vielleicht bin ich eine Masochistin, denn als ich wieder im Bett liege, kann ich mich nicht zurückhalten und suche nach den schlimmsten Dingen, die Menschen online über mich geschrieben haben. Auf meinem Laptop lasse ich nebenbei eine trashige Datingshow laufen, Eiscreme fürs Gehirn, und auf meinem Handy mache ich eine Vanity-Search mit meinem Namen, nur um etwas über mich zu erfahren. Wusstest du zum Beispiel, dass Sloan Abbott die widerliche Nachgeburt von Gender-Studies-Bullshit und der Egozentrik der Millenials ist? Wusstest du auch schon, dass ich nach linker Reddit-Scheinheiligkeit mit niedrigem IQ stinke? Wusstest du, dass ich trotz der Vergewaltigungsfantasien einiger Männerrechtler eine eigentlich mittelmäßige, minderwertige Frau ohne Make-up, höchstens eine Fünf bin? Ich bin eine Betrügerin, die nur die Schuldgefühle der weißen Mittelschicht-Feministinnenanspricht, aber dieser Typ besteht darauf, dass ich nicht böse, sondern eigentlich ganz niedlich trotz des woken Getues bin. So ein Charmeur.

Niemand interessierte sich für meine Podcasts, bis ich eines Tages den fatalen Fehler beging, auf die Zahlen von häuslicher Gewalt in diesem Land hinzuweisen, und darauf, dass die Polizei nicht in der Lage war, Frauen vor ihren Ex-Partnern zu beschützen. Das war der Brandbeschleuniger für die sexuellen Gewaltfantasien und die Belästigungen. Es half nicht, dass ich öffentlich Transrechte unterstützte und mich gegen die Rape Culture unserer stolzen Hauptstadt Canberra aussprach. Wie auch immer, die Kommentare sind nur Wasser auf meine Mühlen, alle von ihnen, außer … wenn ich über ein beliebtes feministisches Forum stoße. Dann setzt mein Herz einen Schlag aus. Sloan Abbott, die Königin des performativen weißen Feminismus. Nicht draufklicken, nicht draufklicken, nicht draufklicken. Ich klicke drauf, natürlich klicke ich drauf, trotz der Säure, die sich in meiner Brust ausbreitet.

Hier sind nun die Gründe, warum wir aufhören müssen, diese Trojanisches-Pferd-Feministin zu unterstützen:

1. Sie hat vier der größten Podcast-Serien in der australischen Geschichte aufgenommen, hat Journalismus-Preise gewonnen und zahlreiche Artikel mit Kommentaren zu Kriminalfällen geschrieben. Wie viele dieser journalistischen Bemühungen haben sich auf ein Verbrechen mit einem nicht-weißen Opfer fokussiert? Richtig geraten: 0. Google: Missing White Woman Syndrome, das Vermisste-weiße-Frau-Syndrom.

Ein Anfall von Wut. Wer ist diese Person?

2. Sie ist die Definition von Privileg. Ihr Vater war ein berühmter Fotojournalist (Nepo-Baby), sie ist in Kew aufgewachsen (weiß, privilegiert, elitär), hat eine Privatschule besucht und ein Stipendium für die Monash University bekommen (das ein:e bedürftigerer:e /benachteiligterer:e/marginalisierterer:e Student:in hätte erhalten können), obwohl ihre Familie vermögend genug war, um die Kosten zu tragen. Sie ist weiß, konventionell attraktiv, wohlhabend und tut nichts, um weniger begünstigten Menschen zu helfen.

3. Schaut euch an, in wessen Begleitung sie auftaucht. Hier sind Links zu Fotos mit einigen bekannten Persönlichkeiten aus dem rechten Flügel. Extra Punkte für das Erspähen des Anti-Trans-Aktivisten.

4. Dating-Vergangenheit. Ich konnte nicht viel finden, aber aufgrund ihres Social-Media-Auftritts und ihrer Anekdoten kann davon ausgegangen werden, dass sie bisher nur weiße Männer gedatet hat. Keine Frauen, keine Schwarzen, keine Indigenen, keine People of Colour. Es ist völlig okay, straight zu sein, Babe, aber versuch das nächste Mal, deine rassistische Voreingenommenheit besser zu verstecken. Sie denkt vermutlich, sie sei eine gute kleine Feministin, da die kognitive Dissonanz ansonsten erdrückend wäre, aber Tatsache ist, dass sie Schwarze oder Braune Männer nicht attraktiv genug findet, um sie zu daten.

Ich könnte schreien. Zu meinem mulmigen Katergefühl gesellt sich Unruhe dazu, jetzt bloß keine weitaus mächtigere Hangxiety, ich spüre Galle in meinem Magen.

So funktioniert Feminismus nicht. Du solltest nicht perfekt sein müssen, um die Sache zu unterstützen. Es ist Wut. Das ist es, was ich fühle, realisiere ich. Ich hasse diese Person, ihren Alles-oder-nichts-Blick auf die Welt, dass sie sich auf der Suche nach Fehlern durch mein ganzes Leben, meine Dating-Vergangenheit und meine Karriere gewühlt hat. Damit wird ein Bild von mir gezeichnet, das mir nicht entspricht. Mit meiner Dating-Vergangenheit habe ich eigentlich jeden Kontinent abgedeckt, meine Familie war die meiste Zeit pleite, und ich habe meines Wissens kein Foto mit irgendwem gemacht, dessen grundsätzliche Einstellung ich nicht teile.

Ich lese es noch mal. Es wurde alles ohne Kontext dargelegt, nur … benutzt, um mich zu diffamieren. Ich könnte klagen und diesem Troll zeigen … Nein, das ist kein Troll. Dieser Ideologin. Was könnte ich mehr tun, um meinen Charakter und meine Ansichten zu demonstrieren? Ich atme aus, schließe einen Moment lang die Augen und zwinge mich, ganz tief einzuatmen.

Ich scrolle mich noch mal durch die Punkte und hämmere in die Tasten, als ich eine Gegendarstellung tippe.

Meine Eltern mussten sich verkleinern und das Haus in Kew verkaufen, damit meine Schwester und ich eine Privatschule besuchen konnten. Während meiner Teenagerjahre lebten wir im Arbeiterviertel Mount Waverley. Es stimmt, dass ich niemals eine Frau gedatet habe, aber diese Tatsache sollte keine Rolle spielen, wenn es darum geht, feministische Glaubwürdigkeit zu beweisen. Falls es Fotos von mir mit problematischen Männern gibt, liegt es daran, dass man Menschen aus allen Gesellschaftsschichten begegnet, wenn man jahrelang im Journalismus arbeitet, und damals wusste ich nichts über irgendwen. Du genießt ein paar Drinks auf einem Event, Fotografen bitten dich, für Bilder mit dem, der gerade neben dir steht, zu posieren. Es bedeutet nicht, dass du die Leute, mit denen du fotografiert wurdest, unterstützt oder sie verteidigst.

Ich weiß, ich kann diese Antwort nicht senden. Sie könnte Öl in ein Feuer gießen, das bisher nur klein ist und vermutlich von selbst wieder verglimmt. Ich will diese Leute, alle, die den Artikel kommentiert und gelikt haben, nicht wissen lassen, dass ich ihn gelesen habe und dass er mich getroffen hat. Randgruppe, sage ich mir selbst. Es ist die Meinung einer Randgruppe, und man kann es nicht allen recht machen. Meine Psychologin würde mir sagen, dass der Artikel meinen Wunsch triggert, zu gefallen und niemanden zu kränken. Sie würde mir sagen, dass niemand von allen geliebt und respektiert wird.

Und er hat mich getroffen. Im Gegensatz zu allem anderen tut dieser Artikel weh. Der schmerzhafteste Punkt von allen ist wahr. Es ist ein blinder Fleck, und ich sehe ihn jetzt ganz klar. Punkt Nummer eins: Ich habe nie über Verbrechen gegen nicht-weiße Opfer geschrieben oder dazu recherchiert. Aber ich arbeite mit einem Produzenten und Redakteuren zusammen, ein Medienunternehmen finanziert unsere Arbeit. Ich werde von anderen Menschen angewiesen. Ich habe meine Themen nie im Alleingang ausgewählt, es war immer eine kollektive Entscheidung … Da ist eine nörgelnde Stimme in mir. Ich kann sie nicht ignorieren. Während ich mir die Hände vor die Augen schlage, lasse ich den Gedanken zu. Weiße Verbrechen verkaufen sich, das hast du immer gewusst. Ehrgeiz, denke ich. Das ist die Sünde, die ich begangen habe. Im Wissen, dass es meiner Karriere helfen würde, hat sich mein Unterbewusstsein den Geschichten zugewandt, die podcastgeeignet sind, vermutlich ein netter Euphemismus für weiß. Es ging nie um Gerechtigkeit oder Feminismus, es ging immer nur um mich. Ich lege mein Handy weg. Die Angst wirft mich zurück, sie lässt die Augen feucht werden, verschließt die Kehle. Ich rolle mich im Bett zu einem Ball zusammen. Auf dem Bildschirm meines Laptops stoßen junge, wunderschöne Singles auf irgendeiner tropischen Insel miteinander an. Nach den ganzen gemeinen Sachen, die ich online über mich gelesen habe: Wer hätte gedacht, dass ich letztlich etwas Wahres lesen würde? Die Wut kühlt sich ab, wird scharf, schneidet ein kaltes Loch in meinen Bauch. Ich mache das, was ich immer mache, wenn ich starke Gefühle habe: Ich begrüße die narkotisierende Ablenkung durch Arbeit. Erneut öffne ich meine Mails und den Ordner mit dem Namen Hinweise. Es ist an der Zeit, den Lärm auszusperren und das nächste Projekt zu finden.

Seventeen Years Later

Jeder weiß, wie es endet: Mein großes Kochmesser landete in Simons Brust. Alle Mitglieder der Familie wurden erstochen. Die Polizei hatte einen Augenzeugen, der mich beim Verlassen des Hauses gesehen hatte. Die blutigen Abdrücke meiner Boots führten von einem Zimmer zum anderen, dann raus aus der Hintertür, über die Auffahrt und hinunter zum Tor. Ein paar Stunden später wurde ich verhaftet, und seitdem war ich nie mehr frei. Dorthin führt die Geschichte, aber nur wenige Menschen wissen, wie sie wirklich beginnt.

Alles, was ich jemals wirklich wollte, war Kochen. Es ist etwas Besonderes im Zischen, wenn Salz auf heißes Öl trifft, oder in der Art und Weise, wie der Saft aus einem reifen Pfirsich quillt, wenn man ihn aufschneidet. Das Knacken beim Aufbrechen eines Baisers und das Fauchen, wenn das Lammkotelett auf den heißen Grill geworfen wird, hat was. Alles, was ich jemals wirklich wollte, war Kochen, und das ist alles, was ich jemals getan habe.

Für die Familie Primrose zu kochen, fühlte sich damals wie Schicksal an, aber es begann mit einem schlichten Anruf. Ich wünschte, ich wäre an diesem Tag überhaupt nicht aufgestanden, wäre einfach im Bett geblieben, hätte später zurückgerufen. Mein Onkel wäre trotzdem gestorben, aber vielleicht hätte ich mich entschieden, in Australien zu bleiben. Aber so läuft es im Leben nicht. Es gibt kein andernfalls in der Vergangenheit. Es gibt nur das, was war. Es gibt nur das Unvermeidbare.

Es war fünf Uhr morgens, und ich war erst um ein Uhr nachts von der Arbeit nach Hause gekommen. Auf dem Festnetz rief nie jemand so früh an, schon gar nicht an einem Sonntag, also musste es wichtig sein. Mein Mitbewohner schlug gegen die Tür. Ich habe seinen Namen vergessen, aber er schlief auch nie viel. Ein DJ, eine Club-Ratte. Er trug extrem enge schwarze Skinny-Jeans und war der Meinung, dass alle Probleme der Welt mit MDMA gelöst werden könnten.

»Da ist jemand am Telefon«, sagte er.

Sein Kiefer bewegte sich selbst dann, wenn er nicht redete. Es stellte sich heraus, dass er noch gar nicht geschlafen hatte.

»Wer?«

»Deine Tante oder so. Schätze, es ist dringend.«

Und das war es tatsächlich. Mein Onkel, bei dem ich nach dem Tod meiner Mutter aufgewachsen war, hatte in der Nacht einen Herzinfarkt gehabt. Er stand auf der dritten Stufe der Treppe, als sein Herz den Dienst versagte, griff sich an die Brust, fiel zurück und schlug mit dem Kopf auf die Fliesen. Jetzt wurde er künstlich am Leben gehalten.

Die Nachricht vertrieb jegliche Müdigkeit aus meinem Körper. Mit zitternden Händen machte ich mir einen Kaffee. Dann ging ich zum Reisebüro in der Chapel Street und wartete, bis es um neun Uhr öffnete. Ich buchte einen Flug für den Nachmittag, weinte im Flugzeug und trank vier kleine Dosen Jim Beam mit Cola light. Tief in mir drin musste ich schon gewusst haben, dass ich nicht mehr nach Melbourne zurückkehren würde. Warum sonst hatte ich nur den Hinflug gebucht? Warum sonst hatte ich meine Kochmesser eingepackt?

Mein Onkel starb, während ich über das ungetrübte Blau der Tasmanischen See flog. Die Beerdigung fand drei Tage später statt. Als ich meinen Chef am Donnerstag anrief, sagte er mir, dass ich mir so viel Zeit nehmen sollte, wie ich brauchte, aber ich merkte schon, dass ich keine Eile hatte, zurückzukehren. Die Rechnungen für die Beerdigungen mussten bezahlt werden, meine Tante brauchte Unterstützung. Ich half mit dem bisschen Geld aus, das ich gespart hatte. Dann war ich wieder da, wo ich angefangen hatte: pleite und in einem Einzelbett in der Wohnung meiner Tante und meines Onkels in Rotorua.

In diesen ersten Tagen schrieb ich Maia, und wir haben die meiste Zeit miteinander verbracht. Trauer ist mächtiger als Amors Pfeil: Nichts eignet sich besser, um ein getrenntes Paar wieder zusammenzubringen. Maia wollte mich ebenso sehr unterstützen, wie ich nicht alleine sein wollte. Und unsere Vertrautheit war der perfekte Trost.

Wir setzten da an, wo wir aufgehört hatten, weil es mich nach Australien verschlug. Wir lagen einfach nur stundenlang im Bett und redeten. Unter dem Poster von Nelly, das seit der Highschool an ihrer Wand hing, sprachen wir über alles. Die ersten paar Monate waren wir nur damit beschäftigt, die verlorene Zeit wieder aufzuholen.

»Erzähl mir von deiner größten Angst!«, sagte ich, sprach direkt auf ihren Lippen.

Sie lachte. »Wo kommt das denn jetzt her?«

»Ich weiß nicht«, antwortete ich. »Wovor hast du am meisten Angst?«

»Vermutlich davor, zu sterben. Und dass den Menschen, die ich liebe, irgendwas zustößt«, sagte sie. »Jedes Mal, wenn Teimana in eine Prügelei gerät oder tagelang von der Bildfläche verschwindet, habe ich Angst, dass ihm etwas passiert.«

Ihr Bruder machte schon eine ganze Weile Ärger.

»Was ist mit mir? Hast du jemals Angst gehabt, dass mir etwas zustößt?«

»Nee«, sagte sie lachend und legte die Hand auf meine Wange. »Und du? Du hast keine Angst zu sterben, hm? Du bist zu tough dafür.«

»Ehrlich gesagt, habe ich am meisten Angst davor, den Verstand zu verlieren«, erwiderte ich. »Irgendetwas zu tun, das man nicht mehr rückgängig machen kann.«

Ich war mit jemandem zur Schule gegangen, der einen drogeninduzierten psychotischen Zusammenbruch gehabt hatte. Er war in den Waikato River gesprungen und ertrunken.

»Wovor noch?«

»Ich habe Angst davor, an diesem Ort festzusitzen. Für immer in dieser Stadt zu bleiben.«

»Zu gut für deine Heimat, was?«

»Nein«, sagte ich. »Das meine ich nicht.«

»Ist das der Grund, warum du mich das erste Mal verlassen hast? Auf ins große Abenteuer nach Australien?«

Ich schüttelte den Kopf, rieb meine Nase zärtlich an ihrer.

Sie war immer noch verletzt deswegen, obwohl es schon ein Jahr her war.

»Ich will einfach nur mehr erreichen.«

»Jep. Ich auch. Erinnerst du dich daran, wie viel wir gechattet haben, als wir noch in die Schule gegangen sind?«, fragte sie.

»Ich war schüchtern.«

»Warst du wirklich. Du hast meine Hand gehalten, und wir sind einfach rumgelaufen, aber du hast kaum ein Wort gesagt. Es ist merkwürdig, dass ich gerade jetzt daran denken muss. Und daran, wie wir am hinteren Teil vom Rugby-Feld rumgemacht haben.«

Ich lachte und zog ihren Körper näher, fest an meinen.

»Du wurdest viel gesprächiger, als du nach der Schule zu Hause warst. Im MSN Messenger.«

»Da haben wir angefangen zu chatten«, sagte ich und dachte daran zurück.

Ich sah mich selbst vor meinem inneren Auge, ein paar Jahre früher, in den späten Neunzigern. Saß vor dem einzigen Computer im Haus, wählte mich ins Internet ein. Wir sprachen mit einer solchen Nostalgie darüber, dass man annehmen musste, dass es weit mehr als nur wenige Jahre zurücklag.

»Ich weiß«, sagte sie. »Ich hab mich immer ein- und ausgeloggt, bis du gemerkt hast, dass ich online war.«

Die Nachricht, dass ich zurück in Rotorua war, verbreitete sich schnell, und es dauerte nicht lange, bis mich mein Onkel Mooks anrief, um mir von einem Job zu erzählen.

»Ich habe für diese Familie im Garten gearbeitet. Junge, sie haben eine verdammte Villa da draußen in Cambridge. Sie suchen einen Koch.«

»Ich bin kein Privatkoch«, sagte ich ihm.

»Das wissen die doch nicht. Einen Versuch ist es wert. Sie haben Probleme, jemanden zu finden.«

»Wollen sie keinen Lebenslauf oder so was?«

»Ich werfe dir hier einen großen saftigen Knochen hin, Bill. Du entscheidest, ob du ihn fressen willst oder nicht.«

Nach ein paar Bewerbungsgesprächen in einigen Restaurants von Rotorua wusste ich, dass ich bei Weitem nicht so viel Geld verdienen würde, wie ich es in Australien getan hatte. Es gab nicht viel Arbeit, und mein Einstiegsgehalt lag in etwa bei der Hälfte von meinem Gehalt im Noir. Ich fragte ihn, wie ich mich bewerben sollte.

»Schick einen Lebenslauf per Mail. Sag ihnen, dass du den Job in der Zeitung gesehen hast, und verrat ihnen nicht, dass du mich kennst.«

Er gab mir die E-Mail-Adresse. Wie es jeder in meiner Situation getan hätte, blähte ich meine Leistungen auf. Ich bin nicht stolz darauf, aber es ist sowieso schon schwer genug, als junger Koch einen Fuß in die Tür zu kriegen, und ohne umfangreiche Berufserfahrung ist es schier unmöglich. Ich schickte meinen Lebenslauf, und wenig später saß ich bereits in einem Bus nach Cambridge. Teimana hatte zwar angeboten, mich hinzubringen, aber er rauchte immer, während er fuhr, und ich wollte nicht wie ein Aschenbecher stinken, wenn ich dort auftauchte. Außerdem ist Teimana nicht gerade jemand, dem man einen Gefallen schuldig sein möchte.

Mooks holte mich an der Bushaltestelle ab.

»Ich denke, es ist besser, wenn sie nicht wissen, dass wir verwandt sind«, sagte er. »Ich lass dich am Tor raus und hol dich in einer Stunde wieder ab.«

»Warum?«

»Ich arbeite da nicht mehr, Neffe. Ich bin nicht nachtragend, aber sie waren nicht damit zufrieden, wie ich ihre Pflanzen gepflegt habe. Briten. Sie sind merkwürdig, wenn es um ihre Gärten geht. Ich kann gut Rasen mähen, Unkraut jäten, mich ein bisschen um die Instandhaltung kümmern. Aber ich weiß nicht, wie man einen Rosenbusch richtig beschneidet.«

»Sie haben dich gefeuert?«

Er lächelte nur. »Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich habe genug zu tun. Nächste Woche fange ich an der Highschool an.«

Irgendwann waren wir an einem Eisentor und einer Steinmauer angelangt. Ich dachte, drinnen würde sich ein Schloss befinden, und so weit war ich damit gar nicht von der Wahrheit entfernt. Das Haus war luxuriös. Zwei Etagen, fünf große Schlafzimmer, Wohnzimmer, Esszimmer, zwei Lounges, ein Billardtisch, eine Küche von der Größe einer geräumigen Ein-Zimmer-Wohnung und eine große begehbare Speisekammer.

Du willst vielleicht noch etwas über die Messer wissen. Meine Messer. Alle Familienmitglieder wurden mit meinem Messer erstochen. Das Set war ein Geschenk von meinem alten Chef in Melbourne. Nachdem ich mich im Noir vom Tellerwäscher zum Souschef hochgearbeitet hatte, gab er mir seine alten Mac-Messer und einen Wetzstahl, um sie zu schärfen. Die Küche der Primroses war bestens ausgestattet mit ihren gut geschärften Messern, aber ich habe immer nur meine eigenen benutzt und meinen eigenen vertraut. Jeder gute Koch wird dir sagen, dass wir immer unsere eigenen Messer benutzen und niemand sonst sie anfasst. Ich liebte diese Messer, besonders das große Kochmesser. In gewisser Hinsicht stand es sowohl für den Beginn als auch für das brutale Ende meiner Karriere.

Ich drückte den Knopf der Gegensprechanlage am Tor.

»Ja, hallo. Kann ich Ihnen helfen?«

Einen Akzent wie diesen hatte ich noch nie gehört. Die Hs verschwanden. Das war nicht das britische Englisch, das ich erwartet hatte, sondern die langen, kehligen Konsonanten und hervortretenden Vokale, wie man sie aus dem Französischen kennt.

»Hi! Ich bin … äh … hier für das Bewerbungsgespräch.«

»Der Koch, ja?«

»Äh … ja. Für die Stelle als Privatkoch.«

»Okay, einen Moment, bitte. Ich öffne das Tor.«

Die Scharniere quietschten, als das große Tor nach innen aufging.

»Fahren Sie hoch!«

Natürlich fuhr ich nicht, ich hatte schließlich kein Auto. Mooks’ Wagen stand auf der anderen Straßenseite, und deswegen ging ich die ganze Auffahrt zum Haus zu Fuß hinauf.

Die riesige Holztür mit dem Türklopfer aus Messing schwang in dem Augenblick auf, als ich meine Hand erhob. Vor mir stand, knapp einen Meter fünfzig groß, Fleur. Sie war älter als ich – Ende zwanzig –, mit dunklen Haaren, blasser Haut und feuerroten Lippen. Um ehrlich zu sein, hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Nanny Make-up trug, aber so war Fleur. Immer glamourös. Nun ja, fast immer.

»Also«, fragte sie, »kein Auto?«

»Nein«, antwortete ich. »Ein Freund hat mich mitgenommen.«

Sie zog eine gepflegte Augenbraue hoch. »Komm rein und setz dich!«

Als sie mich durch die Eingangshalle führte, konnte ich meine Augen nicht von ihr abwenden. Sie verfügte über eine magnetische Anziehungskraft. Etwas Exotisches und Weltgewandtes umgab sie, sie schien einem ausländischen Film entsprungen zu sein.

Ich folgte ihr zur Loungeecke und ließ mich auf der ledernen Chesterfield-Couch nieder. Mir fiel sofort etwas ins Auge, das in einem Glaskasten auf dem Kaminsims lag: ein weißer Kamm mit drei Zacken, kunstvoll gestaltet und gemustert, aus Knochen gemacht. Mir fielen auch andere Dinge auf: Kunst, Hartholzmöbel, weitere Auslagen, die von Opulenz und Vermögen zeugten. Ich erinnere mich noch an den Gedanken, dass man einen ausgestopften Fuchs nun wirklich nicht jeden Tag sieht. Ich wartete auf dieser Couch, mit meinem Lebenslauf im Schoß und meinem großen Ehrgeiz. Fleur verschwand irgendwo im Haus.

Zehn Minuten später wurde eine Tür geöffnet, und eine Frau trat heraus.

»Bill?«, fragte sie.

»Das bin ich.«

Zur Begrüßung streckte sie die Hand aus. »Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich bin Gwen. Gwen Primrose.« Ihr kleines nasekrausendes Lächeln blitzte auf.

In unserer Korrespondenz stand ihr voller Name in der E-Mail-Signatur: Gwendolyn Bethany Primrose.

»Kommen Sie mit durch!«

Ich folgte ihr in ein großzügiges Büro, das zum Garten hinausging. Die Wände waren mit Büchern gesäumt. Sie setzte sich hinter den Schreibtisch.

»Das ist das Büro meines Mannes, aber ich dachte, dieser Ort eignet sich am besten für unser Gespräch. Es ist ja schließlich etwas Offizielles.« Sie lächelte wieder, aber trotz der Wärme, die sie damit ausstrahlte, hatte ich das Gefühl, dass ihr Blick mich in die Falle zu locken schien. »Also«, sagte sie, ohne meinen Lebenslauf anzusehen, »Sie haben bisher nicht als Privatkoch gearbeitet.«

Ich schluckte. »Ähm. Nein. Die meiste Zeit habe ich für einen der besten Köche in Melbourne gearbeitet. Das Noir ist das einzige australische Restaurant, das unter den hundert besten Restaurants der Welt platziert war. Es hat drei Koch…«

»Ist das so?«, unterbrach sie mich. »Beeindruckend.«

»Ja. Und ich habe außerdem einer Cateringfirma bei Events geholfen.«

Ich erwähnte nicht, dass die Events in einem Marae, einem Versammlungsort der Māori, im Norden anlässlich von Tangis, also Beerdigungen, stattgefunden hatten. Ich erwähnte außerdem nicht, dass es unbezahlte Arbeit war und ich ein Teenager, der Sandwichs machte.

»Ich kann alles kochen, was sie möchten.«

»Alles?«, fragte sie.

Ich wollte erzählen, dass ich jahrelang für meine Familie das Essen zubereitet hatte, bevor ich Koch geworden war. Wäre es ein Klischee oder einfältig, ihr zu sagen, dass ich die Kochkunst studierte und ständig auf der Jagd nach neuen Rezepten war, versuchte, Zutaten neu zu kombinieren? Die Worte wollten meinen Mund nicht verlassen, sie waren vor Nervosität gefangen.

Stattdessen nickte ich nur. »Yeah. Ich denke schon.«

»Und Sie sind … ähm …« Sie hielt eine Hand vor das Gesicht. »Wo kommen Sie her, Bill?«

»Wo ich herkomme?«

»Sie sind nicht weiß. Welcher Ethnie gehören Sie an?«

Hitze in meinem Nacken. »Ähm …«

Wenn ich den Job nicht so dringend gebraucht hätte, hätte ich vielleicht gefragt, warum das wichtig war.

Ihr Blick verengte sich.

»Meine Mutter war Māori. Und mein Dad war offenbar Pākehā, also einer der ersten europäischen Siedler, oder Europäer.«

»Offenbar? Sie kannten ihren Vater nicht?«

Ich schüttelte den Kopf.

Ihre Mundwinkel hoben sich, ihr Kopf neigte sich zur Seite. Da war etwas wie ein bisschen Freude in ihren Augen zu erkennen.

»Nee, ich kannte ihn nicht. Meine Tante hat es mir erzählt. Ich kenne seine Familie, aber ich hatte nie etwas mit ihm zu tun.«

»Wie interessant. Das muss sehr hart gewesen sein, oder?«

»Denke schon.«

»Dann müssen Sie sich gut in der regionalen Küche auskennen.«

»Wir haben nicht so viel. Das meiste haben wir aus der britischen Küche übernommen, denke ich.«

»Aber es muss doch ein paar Gerichte geben?«

»Yeah, ein paar gibt es. Schweineknochen mit Pūhā, das ist eine in Neuseeland einheimische grüne Gemüseart, gebratenes Brot, Hāngī, also Essen, das im für die Māori typischen Erdofen gekocht wird.«

»Nun, ich wäre daran interessiert, sie zu probieren.«

Das Bewerbungsgespräch ging weiter. Ich versuchte, die Fragen bestmöglich zu beantworten, um einen guten Eindruck zu machen. Aber es fühlte sich an, als würde sie das Gespräch nur aus Höflichkeit zu Ende führen. Es hatte den Anschein, dass sie sich schon gegen mich entschieden hatte.

Schließlich fragte sie: »Und könnten Sie vor Ort wohnen? Es ist wichtig, dass Sie vierundzwanzig Stunden verfügbar wären. Wir hatten Schwierigkeiten, jemanden zu finden, der dazu bereit ist, aber wir sind der Meinung, dass die Vergütung angemessen ist.«

Ich hatte mich nicht nach dem Gehalt erkundigt und war fast zu verängstigt, es anzusprechen.

»Yeah«, antwortete ich. »Das ist kein Problem. Ich könnte hier wohnen. Und die Vergütung …?«

»Neunzigtausend Dollar«, sagte sie. »Zusätzlich ein Zimmer inklusive Nebenkosten und Essen. Wir denken, das liegt ein gutes Stück über dem Durchschnittsgehalt der Branche.«

Mein Mund, der sowieso immer ein Eigenleben führte, klappte auf wie eine Falltür.

Sie lachte, oder nein, eigentlich war es nur ein Schnauben.

Ich dachte an Maia und wusste, dass sich mir eine solche Chance nicht noch einmal bieten würde. Sie würde Verständnis haben. Berufserfahrung als Privatkoch wäre sehr gut im Hinblick auf zukünftige Stellen, und das Gehalt war fast das Dreifache von dem, was mir in Rotorua angeboten worden war. Das Haus und seine opulente Einrichtung verführten mein einundzwanzigjähriges Gehirn. Luxuriöse Betten, weiche Bettdecken und ein geräumiges Zimmer mit Blick auf den Garten kamen mir bereits in den Sinn. Ich könnte Maia das alles zeigen, sie dieser Frau vorstellen, sie in diese neue Welt einführen.

»Ist das für Sie in Ordnung?«, fragte sie ganz offensichtlich amüsiert.

»Ähm … Yeah … Yeah … absolut«, antwortete ich. »Ich kann hier wohnen und stets verfügbar sein, wenn Sie woll…«

»Großartig. Wann können Sie beginnen?«

»Wenn ich den Job bekomme, könnte ich jederzeit anfangen.«

Sie stand auf, reichte mir die Hand. »Warum fangen wir nicht morgen an?«

War das ein Test?

»Morgen morgen?«, fragte ich.

Sie lachte. »Sie sind ein witziger Mann, Bill. Ja, morgen morgen.«

Ich hatte keine Ahnung, wie naiv ich war. Mein Onkel hatte immer gesagt: Es ist nichts falsch daran, einem geschenkten Gaul ins Maul zu schauen. Vielleicht hätte ich damals schon genauer hinsehen sollen, aber die Aufregung durchfuhr mich von Kopf bis Fuß. Ich konnte sie kaum verhehlen. Ich würde die Küche inspizieren, meine Messer schärfen, Lebensmittel einkaufen. Ich würde mehr Geld verdienen, als ich es mir jemals erträumt hatte, und alles würde schon am kommenden Tag beginnen.

»Natürlich. Ja. Um wie viel Uhr? Ich kann kommen, wann immer Sie wollen.«

»Neun Uhr morgens«, antwortete sie. »Kommen Sie nicht zu spät.«

Etwas verschnürte mir die Kehle. Die Aufregung zerrte an meinen Nerven. Ich dachte an den Busfahrplan von Rotorua. Wann könnte ich frühestens hier sein? Vielleicht könnte Mooks mich noch mal fahren.

»Neun Uhr morgens. Geht klar. Danke«, sagte ich und stand auf.

Auf dem Weg nach draußen schaute ich in den Garten bis hin zu den Pinienbäumen, und in meinem Blick verhakte sich etwas. Eine junge Frau, die ihre Füße auf den Outdoor-Tisch gelegt hatte. Sie trug eine Brille und hielt ein Buch in der Hand.

»Das ist Elle, unsere Tochter«, erläuterte Gwen, als sie meinen Blick bemerkte. »Ich hoffe, Sie können großartigen Salat machen. Sie hat sich gerade dazu entschlossen, Vegetarierin zu sein.« Sie verdrehte die Augen.

In diesem Augenblick drehte Elle sich um, zog ihre Brille mit dem Zeigefinger die Nase hinunter und starrte mich an. Zum zweiten Mal an diesem Tag fühlte ich mich, als hätte mich der Blick einer Primrose-Frau in die Falle gelockt.

Sloan

Es ist jetzt schon ein paar Tage her, aber ich fühle immer noch das Brummen der Angst. Es liegt an dem Forum, vermute ich. Es sind diese Leute, meine Leute, die über mich reden. Darüber reden, was für eine schlechte Feministin ich bin. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Mein nächstes Gespräch mit meiner Therapeutin ist morgen. Sie wird mir helfen, aber jetzt werde ich mich erst mal auf meine Arbeit konzentrieren. Arbeit ist meine Sucht, und gerade jetzt habe ich ein starkes Verlangen.

Ich schreibe Tara.

Brunch?

North Café?, antwortet sie.

Bis gleich.

Auf meinem Weg durch den Princes Park höre ich mir eine weitere zufällig ausgewählte Podcast-Folge zu den Primrose-Morden an, und bevor ich im Café ankomme, google ich Aussprache Kareama und bemerke, dass der Host dieses Podcasts den Namen nicht richtig ausspricht. Ich spiele mir die richtige Betonung ein paarmal vor, denn das ist nun wirklich das Mindeste, was man wissen sollte. Ich erfahre jeden Tag etwas Neues über die Morde. In diesem speziellen Podcast geht es darum, dass Bill vorgeworfen wurde, etwas aus dem Haus gestohlen zu haben.

Tara ist bereits im Café, quirlig wie immer. Mit dem karamellfarbenen Teint, den sanften Augen und der Laufstegfigur schafft sie es irgendwie, jeden Tag und zu jeder Uhrzeit wunderschön auszusehen.

Mein Long-Black-Kaffee steht bereits ihr gegenüber auf dem Tisch.

»Tara«, sage ich und zwinge mich zu einem Lächeln.

Bevor ich mich hinsetze, hänge ich meine Tasche an die Rückenlehne des Stuhls.

Sie klappt ihren Laptop zu. »Hallo Miss Gold Walkey persönlich!« Sie steht auf, um mich zu umarmen, und aufgrund ihrer Größe fühle ich mich wie ein Kleinkind. »Was ist so dringend, dass du nicht mal ein paar Tage entspannen kannst, nachdem du den renommiertesten Preis Australiens gewonnen hast, den eine Journalistin bekommen kann?«

Wir setzen uns beide hin.

»Es ist immerhin schon ein paar Tage her. Und ich mache mir Gedanken über den nächsten Fall«, sage ich. »Ich habe ihn gefunden. Oder besser gesagt: Du hast ihn gefunden.«

»Ich?«

Ich klappe meinen Laptop auf, drehe ihn zu ihr. Sie sieht die Mail mit dem Link zu der Story über den Mehrfachmord in Neuseeland, die sie mir geschickt hatte. Die Primrose-Morde.

»Bill Kareama«, sagt sie und zieht die perfekten Augenbrauen zusammen. »Du willst dir seinen Fall ansehen?«

Ich nicke. »Der Fall ist faszinierend.«

»Der Fall ist anders.«

»Ich weiß«, erwidere ich und nehme die Unsicherheit in ihrem Gesicht wahr.

»Ähm … Hast du schon mit Esteban gesprochen? Ich bin dafür, ich weiß nur nicht …«

»… ob die Story zu uns passt?«

»Mhm«, sagt sie. »Wird das bei unseren Zuhörenden ankommen?«

Da sind sie. Die Vorurteile, die wir entwickelt haben. Bei unseren Zuhörenden ankommen. Wir kennen die demografischen Fakten: Frauen, weiß, zwanzig bis fünfzig.

»Wir sind Journalistinnen«, erinnere ich sie ebenso wie mich selbst. »Wir gehen dahin, wo die Story ist, und hoffen, dass unsere Hörerschaft mit uns kommt.«

»Yup«, sagt sie.

Ihr Mund lächelt, aber an ihren Augen erkenne ich, dass sie nicht überzeugt ist.

»Du kennst den Fall gut?«

»Natürlich. Jeder in Neuseeland kennt ihn. Es war eine riesige Story, es ist immer noch eine große Story.«

Ich führe den Kaffee an die Lippen, setze ihn wieder ab.

»Ich bin von dieser Story total geflasht. Nach alldem, was ich gelesen habe, weiß ich, spüre ich, dass der Mann nicht im Gefängnis sitzen sollte. Schuldig oder nicht, die Verteidigung war mit Sicherheit inkompetent, und er wurde am Tag der Morde festgenommen und angeklagt. Das scheint mir keine vollumfängliche Ermittlung gewesen zu sein.«

»Nein«, sagt sie. »Ich habe oft über diesen Fall nachgedacht. Es gibt so viele verschiedene Blickwinkel, und sie haben sich wirklich auf ihn eingeschossen. Aber warum dieser Fall? Warum jetzt?«

Ich zucke mit den Schultern.

»Es kam dir einfach in den Sinn?«

»Hör mal … Ich finde, dass es an der Zeit ist, dass wir uns unterschiedliche Verbrechen ansehen. Wir haben uns bisher ausschließlich mit toten weißen Frauen beschäftigt.«

»Die Opfer hier sind weiß, Sloan«, wirft sie ein.

»Ich weiß … Aber Bill …« Ich merke, dass ich ins Stolpern gerate. Ich kann es nicht in Worte fassen, nicht so, dass ich die komplexen Gefühle, die ich habe, ausdrücken könnte. »Ich glaube, dass in dieser Story auch ethnische Herkunft und Klasse eine Rolle spielen. Und falls Bill Kareama unschuldig ist, dann ist er auch ein Opfer, oder?«

Sie nickt.

»Es fühlt sich so an, als ob sich alle gegen ihn verschworen hätten. Vielleicht hat er es getan, wer weiß, aber ich spüre, dass einiges mehr dahintersteckt. Es lohnt sich, sich die Sache ein bisschen genauer anzusehen und ihr auf den Grund zu gehen. Du weißt vom Inhalator, oder?«

Ich höre schon wieder diese Worte aus dem Forum. Bin ich deswegen an diesem Fall interessiert? Spielt es eine Rolle, falls dem so ist? Ignorier es, Sloan.Fokus.

»Yup, ich stimme dir zu. Diese Laufsache hat niemals Sinn ergeben, und sie wurde während des Prozesses mehr oder weniger unter den Teppich gekehrt. Es ist nur … Ich bin mir nur nicht sicher, ob Esteban da mitziehen wird. Aber das ist ein Hindernis, das du aus dem Weg räumen kannst.«

»Darum kümmere ich mich. Bin quasi schon auf dem Weg.«

»Oh, gut. Dann verschick ich mal ein paar Mails, und wir können anfangen zu planen.«

»Ich sag Esteban Bescheid. Lass uns damit beginnen, die wichtigsten Akteure von dem Ganzen aufzuspüren. Anwälte, Polizei, Freunde und Familie. Und natürlich Kareama selbst. Fürs Gefängnis müssen wir eine gewisse Vorlaufzeit einkalkulieren und einen Besuchsantrag stellen.«

»Er spricht mit niemandem«, sagt sie. »Alle Einsprüche wurden abgelehnt. Er hat seine Schuld niemals eingestanden. Er hat jahrelang kein Interview gegeben. Wenn wir das machen, dann vermutlich ohne seine Kooperation.«

»Öffentliche Meinung in Neuseeland?«

Sie zuckt mit den Schultern. »Wenn ich großzügig schätze, würde ich sagen, halbe-halbe. Aber eigentlich ist sie durchgehend negativ. Die Leute denken: Wenn er die Morde nicht begangen hat, muss er dennoch irgendwie Dreck am Stecken haben.«

Ein Kellner kommt vorbei, nimmt unsere inzwischen leeren Kaffeebecher mit.

»Wollt ihr was essen, Ladys?«, fragt er.

»Ein Croissant wäre großartig«, bestelle ich.

»Getreidesalat, bitte«, sagt Tara.

Getreidesalat, denke ich. Natürlich. Vermutlich ist das der Grund, warum ihre Haut so einen Glow hat.

Nachdem der Kellner gegangen ist, fährt Tara fort: »Ich tue, was ich kann, um zu helfen – bevor das Baby kommt. Dann bin ich erst mal im Tanten-Modus.«

Das Baby von Taras Bruder und Schwägerin soll diese Woche zur Welt kommen.

»Er spricht also mit niemandem … Selbst, wenn wir ihm bei dem Fall helfen könnten?«

Sie schiebt den Laptop beiseite. »Ich erinnere mich, dass es mal jemanden gab, der sich vor ein paar Jahren für ein Wiederaufnahmeverfahren eingesetzt hat.«

»Wer?«

Sie lehnt sich ein bisschen näher an ihren Bildschirm heran. »Te Kuru, so heißt er. Er war der Gefängnispsychologe von Bill Kareama. Er hat den Medien ein paar Interviews gegeben, aber es kam nie zu einem Wiederaufnahmeverfahren. Wenn Bill mit irgendwem geredet hat, dann mit ihm.«

Ich nicke. »Okay. Kannst du Kontakt mit ihm aufnehmen? Und mit dem Gefängnis?«

Sie runzelt die Stirn.

»Ich habe für kommende Woche einen Flug gebucht.«

»Sloan!«, sagt sie. »Machst du Witze?«

»Ich flieg rüber und schau mir die Sache mal an«, antworte ich.

»Als deine Assistentin, Freundin, Mentee und dein Fan sage ich dir: Bitte mach erst mal eine Pause! Dieser Fall kann warten. Sieh zu, dass du ein paar Wochen lang neonfarbige Cocktails in Ubud trinkst. Du hast es dir verdient! Ich kümmere mich um die Vorbereitungen, damit du sofort anfangen kannst zu graben, wenn du zurückkommst. Dann können wir beide rüberfliegen.«

Ich atme tief durch. »Wenn es nichts wird, fliege ich zum Skifahren nach Queenstown, okay? Aber jetzt hilf mir bitte, alles für die kommende Woche vorzubereiten. Und nimm auch bitte Kontakt zu den Leuten auf, die jetzt in dem Haus wohnen, in dem die Morde geschehen sind. Ich will es sehen.«

Sie verdreht die Augen. »Klar«, sagt sie schließlich, »ich verschicke ein paar Mails, mache ein paar Anrufe. Und so weiter und so fort.«

»Was würde ich ohne dich nur machen?«

TK

Mein Tag beginnt, als der Himmel noch dunkel ist, bevor die Vögel sich aus dem Nest gerollt haben. Eine dreiminütige kalte Dusche. Dann ein heißer schwarzer Kaffee. Um fünf Uhr mache ich bereits fünf Sätze Kreuzheben, fünf Sätze Klimmzüge, Langhantelrudern, dann fünfzehn Minuten Seilspringen in der Garage meines Stadthauses. Dabei ertönen die sanften Klänge von Neil deGrasse Tysons StarTalk-Podcast aus meinen Kopfhörern.

Vor dem Frühstück dusche ich ein zweites Mal, erst heiß, fünf Minuten, dann kurz kalt zum Abschluss. Meine Overnight Oats mit Griechischem Joghurt und einen Smoothie nehme ich auf der Terrasse zu mir, während ich zuschaue, wie der Morgenhimmel erst rosa und dann immer heller wird. Anschließend schwinge ich mich auf mein Rad und fahre in meine Praxis in der Stadt. Es ist acht Uhr, als ich dort ankomme, und zunächst verschaffe ich mir in meinem Kalender einen Überblick, welche Klienten heute auf dem Plan stehen. Ich führe meine Notizen sorgfältig, und jetzt lese ich sie mir für meinen ersten Termin um zehn Uhr durch. Ich habe nicht viel Platz: ein einzelner Raum mit einem kleinen Wartezimmer über einem Kiosk in der Nähe des Central Business District, außerdem weder eine Rezeption noch eine Assistenz. Es hat drei Jahre gedauert, diese Praxis aufzubauen, und ich habe etwa fünfzehn Termine in der Woche. Die sorgen dafür, dass das Licht an bleibt und die Hypothek abbezahlt wird. Das war mehr oder weniger mein fester Ablauf in den Jahren, die vergangen sind, seit ich Bill aufgegeben habe. Feste Abläufe halten mich bei der Stange.

Ich checke meine E-Mails und entdecke etwas, das mich innehalten lässt. Betreff: Bill Kareama. Und die E-Mail-Adresse: [email protected]. Das kann nicht sein … Der Legacy-Podcast ist ein Gigant im Bereich True Crime. Ich habe alle Folgen gehört. Jede Staffel war ein Deep Dive in einen Cold Case – und die Macher konnten sogar Ergebnisse vorweisen. Beweise, die in der letzten Staffel zutage gefördert wurden, haben dazu geführt, dass die Polizei die Ermittlungen in einem jahrzehntealten brachliegenden Fall wiederaufgenommen hat. Und jetzt interessieren sie sich für Bill Kareama. Ich ziehe die E-Mail zur Seite und lasse sie über dem Papierkorb-Icon schweben. Einen Moment lang starre ich sie nur an. Ich kann nicht helfen. Ich werde nicht helfen. Es ist eine Sackgasse – für sie und für mich. Aber Neugier ist ein unerbittlicher Juckreiz, und diese Mail in den Papierkorb zu verschieben bringt keine Linderung.

In der Nachricht steht das, was ich mir schon gedacht habe. Die Macher interessieren sich für den Fall. Sie wollen mich interviewen und dass ich ihnen helfe, Kontakt zu Bill herzustellen. Die Antwort lautet Nein. Ich brauche gar nicht erst darüber nachzudenken.

Es tut mir leid, ich kann dabei nicht helfen.

Alles Gute.

Mein letzter Termin ist gegen sieben Uhr abends vorbei. Egal, wie sehr ich versucht habe, mich vollkommen auf meine Klienten zu konzentrieren, die Mail nagte an meiner Aufmerksamkeit. Ich schließe meine Praxis ab und fahre mit dem Fahrrad nach Hause.

Kate kommt mit einer Flasche Wein rüber, und ich mache uns frische Pasta, es gibt Pappardelle mit Rosmarin und Lamm. Ich date Kate nun seit ein paar Monaten, und wir sind uns nahegekommen, aber sie weiß, dass ich nichts Ernsthaftes möchte. Während ich koche, erzählt sie mir von ihrem Tag, aber meine Gedanken hängen immer noch an der E-Mail fest. Es ist genau die Sorte Enthüllungsjournalismus, von der ich einst geträumt habe, für die ich alles getan hätte.

»Was liegt dir auf dem Herzen, TK?«, fragt Kate, stellt sich hinter mich und schlingt die Arme um meine Taille.

»Ach, nur Zeug von der Arbeit.«

Ich drehe mich um und winde mich aus ihrer Umarmung heraus. Dann gieße ich die Pasta ab, rühre etwas Nudelwasser in die Soße und gebe anschließend auch die Pappardelle hinein.

Kate gießt sich ein zweites Glas Wein ein.

»Und? Lässt du mich irgendwann die Tage hier übernachten?«, fragt sie mit einem zarten Lächeln.

»Irgendwann«, sage ich.

Ich nehme eine Gabel Pasta.

Sie ist jung, hat blaue Augen, dunkles Haar. In jeder Bar der Stadt würden die Männer Schlange stehen, aber sie hat sich aus irgendeinem Grund entschieden, mich zu daten: chronisch neurotisch, emotional unzugänglich, ein sozialer Eremit, der zügig auf seine Lebensmitte zugeht – falls ich nicht schon längst dort angekommen bin. Ich liebe Jazz-Platten, und meine Kleidung ist zu achtundneunzig Prozent schwarz. Allerdings nicht, weil ich düster oder grüblerisch bin. Ich habe einfach kein Händchen für Stil, und Schwarz macht es mir leicht. Und trotz allem ist sie hier bei mir. Ich wäre ein Depp, wenn ich mit ihr schlussmachen würde, aber das ist genau das, was ich zu tun gedenke. Unsere Gefühle füreinander werden stärker, und es ist unumgänglich. Daher ist es am besten, wenn wir getrennte Wege gehen, bevor die Zuneigung noch inniger wird. Wir haben uns über einen gemeinsamen Freund kennengelernt und uns sofort gut verstanden.

»Das ist köstlich«, sagt sie. »Warum wusste ich nicht, dass du kochen kannst?«

Ich zucke mit den Schultern. Meine Gedanken drehen sich immer noch um die Mail.

Nachdem ich einen weiteren Schluck von meinem Kombucha getrunken habe, sehe ich ihr direkt in die Augen. »Ich denke, wir sollten reden.«

Und sie weiß Bescheid. Sie weiß sofort, was folgen wird, isst keinen einzigen Happen mehr und weint in meinen Armen. Alles, was ich noch tun kann, ist, sie zu halten. Sie versteht meine Gründe nicht, und ich erkläre es ihr immer und immer wieder.

»Du wirst mit jemandem wie mir nicht glücklich werden«, sage ich. »Das wirst du schnell erkennen, und du wirst jemand Neuen kennenlernen.«

Die Pappardelle auf unseren Tellern sind inzwischen kalt geworden.

»Kann ich wenigstens die Nacht noch hierbleiben?«, fragt sie. »Wir können morgen früh reden. Bitte.«

»Ja«, antworte ich und nicke.

Ich bin nicht so kaltherzig, dass ich sie rausschmeißen würde, obwohl das für sie am besten wäre.

»Okay, bleib hier. Aber ich werde meine Meinung nicht ändern.«

Als sie später in meinem Bett liegt, schlafend und mit dem Rücken zu mir, nehme ich meinen Laptop raus. Morgen muss ich Esther von der Schule abholen. Ich werfe einen Blick in meinen Kalender, dann checke ich meine Mails. Der Legacy-Podcast hat mich ein weiteres Mal angeschrieben, ich lese es nicht. Aus dem Lautsprecher des Laptops ertönt das Geräusch von zusammenknüllendem Papier, als ich die Mail in den Papierkorb verschiebe. Es ist das Einzige, was ich tun kann.

Bill Kareama ist meine Vergangenheit. Sein Fall ist ein altes Haus voller Geister und Besessenheit. Es ist ein Ort, den ich niemals mehr betreten will.

Seventeen Years Later

»Also wirst du bei ihnen wohnen? In Cambridge?«, fragte Maia.

Sie war nicht gut darin, ihre Gefühle zu verbergen, die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben, aber ihre Stimme klang fast so, als würde sie sich für mich freuen.

»Es gehört zum Job, und ich muss keine Miete zahlen«, antwortete ich. »Ich werde ein paar Wochen sparen und mir dann ein billiges Auto kaufen, damit ich kommen und gehen kann, wann ich will.«

»Neunzig Riesen? Das hast du wirklich richtig verstanden, ja?«

»Ich habe einen Vertrag. Da stehts drin. Das verändert mein Leben. Es könnte mir helfen. Danach könnte ich in jeder Küche arbeiten, überall. Nach einem oder zwei Jahren könnte ich bestimmt eine Anzahlung für ein Haus leisten. Wir müssen nur ein paar Jahre durchhalten.«

Sie dachte ein paar Augenblicke nach. Mit ihren großen braunen Augen blickte sie suchend im Schlafzimmer umher, bis sie mir schließlich wieder ins Gesicht sah. »Ich könnte mir ja auch mal Teimanas Auto leihen und dich dort besuchen kommen.«

»Yeah, das sollte gehen. Ich frag mal nach.«

»Was?«

»Ich kenne ihre Regeln nicht, aber ich denke, es wird kein Problem sein.«

Als ich nach Melbourne aufbrach, blieb sie zurück, um die Highschool zu beenden. Sie wollte zum Fernsehen und Nachrichtensprecherin werden, aber ich hatte ihr gesagt, dass Menschen wie wir es nicht in die Nachrichten schafften, wenigstens nicht, um sie zu präsentieren.