Sex Deluxe - Vanessa Del Rae - E-Book

Sex Deluxe E-Book

Vanessa Del Rae

4,9
15,99 €

Beschreibung

Sinnlich und sexy bis ins hohe Alter! Das ist für Sexcoach Vanessa Del Rae eine Selbstverständlichkeit - wenn man die zweite Lebenshälfte als Gewinn begreift, als aktiven und produktiven Lebensabschnitt, den man frei gestalten und genießen kann. In ihrem Buch macht Vanessa Del Rae anhand ihrer eigenen Geschichte Mut, sich auf die Veränderungen des Körpers einzulassen und neue Träume zu entwickeln. Authentisch, seriös und unterhaltsam behandelt sie alle Aspekte des Älterwerdens und zeigt, wie man attraktiv und anziehend bleibt - und ein erfülltes Sexualleben behält.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 336




Über die Autorin

VANESSA DEL RAE

Sex Deluxe

SINNLICH ÄLTER WERDEN

Mit Fotos von Carolin Saage

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Originalausgabe

Copyright © 2014 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Sibylle Auer, München

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Umschlagmotive und Fotos im Innenteil: © Carolin Saage, Berlin

E-Book-Produktion: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN 9783838758466

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

INHALT

EINLEITUNG

Ein neuer Anfang

Die ersten grauen Haare

Die »jungen Alten«

Sex im Alter – schickt sich das?

ALT SEIN IST EIN ALTER HUT

Sie selbst bestimmen, wie alt Sie sind

Die Best Ager kommen

MITTEN IM LEBEN

Ich will’s noch einmal wissen!

Und plötzlich sind wir Rentner

Frühling im Herbst des Lebens

Was jetzt im Leben wichtig ist

Das leere Nest – Chance auf einen Neuanfang

Vom Glück, Großeltern zu sein

Der Bund zwischen Alt und Jung

LEBENSLUST UND WOHLGEFÜHL

Die Wiedererweckung der eigenen Sinnlichkeit

Genießen Sie sich selbst

Das Outfit ist die halbe Miete

Den Körper neu entdecken: Erotische Partnermassage

Wer fit ist, hat besseren Sex

GEMEINSAM GEHT ES BESSER

Wollen wir wirklich zusammenbleiben?

Späte Eltern – in vorgerücktem Alter noch ein Kind?

Lust auf Experimente

Ein neuer Partner – wie finde ich ihn?

Der Reiz der Jugend, Teil 1: Sugardaddy – älterer Mann, junge Frau

Der Reiz der Jugend, Teil 2: Der junge Lover – ältere Frau, junger Mann

Die Renaissance der Romantik

LIEBESLEBEN

Jungbrunnen Sexualität

Sex kennt kein Alter

Im Slalom durch die Wechseljahre

Wenn Mann nicht mehr kann – erektile Dysfunktion

Die kleinen Helferlein – Viagra & Co.

Ein bisschen Zärtlichkeit – Sex im Seniorenheim

Käufliche Liebe – der letzte Ausweg?

GUTER SEX IST KEIN MYSTERIUM

Sex Toys – Spielzeug für Erwachsene

Besserer Sex durch Beckenbodentraining

Der Weg zum perfekten Orgasmus

Sex mit sich selbst – Masturbation

Die weite Welt der Stellungen

Zum Schluss: Starten Sie durch!

Bücher und Filme zum Thema

Sachregister

Personenregister

Dank

*Einleitung

EIN NEUER ANFANG

Zwei endlose Minuten stand ich vor dem Briefkasten, den Umschlag, der mein Leben von Grund auf ändern sollte, in der Hand. Ich hatte ihn wieder und wieder gewogen, die Adresse und die aufgeklebten Marken kontrolliert, obwohl ich wusste, dass alles korrekt war. Sobald ich den Brief eingeworfen hatte, würde es kein Zurück mehr geben.

Es nieselte leicht, die Wintersonne, die immer wieder durch die rasch dahinziehenden Wolken brach, warf lange Schatten. Es war nahe null Grad. Neben mir standen Leute, fröstelnd und mit hochgezogenen Schultern, und warteten auf den Bus. Keiner ahnte, dass mein Leben heute neu beginnen würde.

Ich holte Atem und gab mir einen Ruck. Wenn nicht jetzt, wann dann? Ich war schon über vierzig, und problemlos hätte alles so weitergehen können wie bisher. Nach einer Ausbildung zur Krankenschwester hatte ich viele Jahre in Krankenhäusern und in der Pflege gearbeitet, zuletzt als Leiterin eines großen Seniorenheims in Berlin. Ich bekam ein gutes Gehalt und fuhr einen Dienstwagen. Mit meinem Freund teilte ich mir eine schöne große Altbauwohnung. Wenn ich mich beschwert hätte – keiner hätte es verstanden.

Doch ich wusste: Das konnte nicht alles gewesen sein. Ich war weder ausgefüllt noch glücklich. Irgendetwas jenseits des Horizonts wartete auf mich. Etwas, wovon ich keine Ahnung hatte. Wenn ich es erfahren wollte, musste ich mein bisheriges Leben komplett hinter mir lassen und der vagen Verheißung folgen – auch wenn ich vielleicht scheiterte.

Letztlich kam der Anstoß von außen: Die Beziehung zu meinem Freund zerbrach von einem Tag auf den anderen, als ich erfuhr, dass meine beste Freundin von ihm schwanger war. Es war ein Vertrauensbruch, der mich völlig aus der Bahn warf. Ich sah mich sofort nach einer eigenen Bleibe um und fand durch einen geradezu unglaublichen Zufall eine wunderhübsche Wohnung im Berliner Bezirk Schöneberg, die mit dem gut erhaltenen Stuck und Parkett, dem kleinen, nach Westen ausgerichteten Balkon sowie den deckenhohen musealen Kachelöfen wie für mich gemacht schien. Binnen weniger Tage zog ich ein.

Allein.

Dies war der erste Schritt.

Auch in meinem Job war nicht alles eitel Sonnenschein: Ich hatte das Gefühl, dass sich mehr Routine eingeschlichen hatte, als mir guttat. Ich war mehr mit Verwalten und Organisieren beschäftigt, mit dem Aufstellen von Dienstplänen etwa, als dass ich direkten Kontakt zu Menschen hatte.

Dabei hatte ich meinen Beruf doch genau aus diesem Grund ergriffen: Ich arbeite gern mit Menschen. Ich bin neugierig auf sie und höre ihnen gerne zu, wenn sie etwas zu sagen haben. Aus dieser Offenheit entsteht nicht selten rasch ein Vertrauensverhältnis, das sich als ausgesprochen fruchtbar und beglückend erweist.

Mir wurde plötzlich klar: Wenn ich meinem Leben eine völlig neue Wendung geben wollte, dann war jetzt der richtige Zeitpunkt, auch wenn es schwerfiel. Es fordert immer Überwindung, ein wohliges, warmes Nest zu verlassen. Meine Ersparnisse waren bescheiden, und die Zukunft war, milde ausgedrückt, ungewiss.

Aber das abrupte Ende meiner Beziehung hatte mir geholfen, auch eine berufliche Entscheidung zu treffen. Ich war froh darüber. Alles war besser, als mein Leben so weiterzuführen wie bisher in den vergangenen zwanzig, fünfundzwanzig Jahren. Es war, das sah ich nun ganz klar, so fremdbestimmt und frei von Überraschungen, ohne unvermutete Weggabelungen und bar jeder Herausforderung. Als hätte ich nicht wirklich Einfluss darauf, was mit mir passierte. Als würde mein Leben von einem unsichtbaren Autopiloten gesteuert. Genau diesen Zustand wollte ich ändern.

Es war Zeit, einen Schnitt zu machen.

Mit einer entschlossenen Bewegung warf ich den Umschlag ein und hörte, wie er auf dem unsichtbaren Haufen anderer Briefe im Inneren des gelben Kastens landete. Nun war es geschehen. Dort drin lag meine Kündigung als Heimleiterin.

Sofort fühlte ich mich wie befreit, ich spürte eine Energie wie seit Monaten nicht. Ich ging den ganzen Weg nach Hause zu Fuß, trotz des nasskalten Wetters. Manchmal tänzelte ich und machte sogar einen kleinen Luftsprung. Ich hätte die Welt umarmen können.

Das Leben war schön.

»Du musst etwas mit Sex machen, Vanessa«, hatte mir ein Coach gesagt, den ich einige Monate zuvor um Rat gefragt hatte. Erst hatte ich gestutzt, aber als ich es mir genauer überlegte, stellte ich fest: Er hatte recht. Denn wenn ich ehrlich war, dann interessierte mich genau das am meisten: Sex! Was wahrscheinlich auch damit zu tun hatte, dass ich in jungen Jahren in dieser Hinsicht eher zurückhaltend gewesen war. Ich hatte den Sex erst spät entdeckt, doch dann war meine Neugier kaum zu stillen gewesen. Dies hat sich seitdem nicht geändert.

Ich nahm an einigen Seminaren zum Thema teil, doch erst, als ich meinen späteren Ausbilder bei einem Workshop kennenlernte, wusste ich, dass ich angekommen war. Ich begann eine mehrjährige Coachingausbildung in Florida, Berlin sowie auf Ibiza, die mich sehr forderte, doch mir zugleich eine völlig neue Art eröffnete, mit Menschen umzugehen. Es geht bei dieser Qualifizierung nicht um bloße Wissensvermittlung, sondern auch um die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. Nur wer mit sich selbst im Reinen ist, so der Gedanke dahinter, ist auch in der Lage, anderen zu helfen. Am Ende durfte ich mich »Coach für Kommunikation und Sexualität« nennen und gründete meine Berliner »Sensuality School«.

Nun ist es ja nicht gerade normal, dass man sich im fünften Lebensjahrzehnt – und darin befindet man sich mit Anfang vierzig – komplett neu orientiert. Aber, und darauf will ich hinaus: Es ist möglich. Zu spät ist es im Grunde nie. Es gibt Menschen, die noch mit Anfang siebzig ein Studium beginnen und es auch abschließen. Es ist nur eine Frage des Willens und der Energie, die aufzubringen man bereit ist.

Die grauen Strähnen, die ich so an mir mag und die inzwischen so etwas wie mein Markenzeichen geworden sind, hatte ich jedoch schon längst, als mein neues Leben begann.

DIE ERSTEN GRAUEN HAARE

Mein erstes graues Haar entdeckte ich mit sechsundzwanzig. Richtig Gedanken machte ich mir aber erst, als daraus, vier Jahre später, deutlich sichtbare Strähnen geworden waren, was mir schwer zu schaffen machte. Ich dachte, ich sei alt und das Leben sei vorbei. Aus den trüben Gedanken entwickelte sich eine tiefe Niedergeschlagenheit, die mich völlig aus der Bahn warf. Mehrere Monate lang konnte ich nicht arbeiten, ich war krankgeschrieben. Wenn ich nicht meine Familie und gute Freunde gehabt hätte, die mich stützten – ich weiß nicht, wie die Sache ausgegangen wäre.

Verzweifelt begann ich, meine Haare zu färben. Stunde um Stunde stand ich vor Spiegel und Waschbecken und probierte die verschiedensten Tönungen aus. Aubergine stand mir gut, doch leider nahmen die grauen Haare die Farbe nicht richtig an, sie wurden lila. Aus dem Rot, das ich als Nächstes probierte, wurde Knallorange. Das gefiel mir auch nicht. Also ließ ich das Färben und arrangierte mich notgedrungen mit Grau. Meiner natürlichen Haarfarbe, einem satten, tiefen Dunkelbraun, trauerte ich noch lange nach.

Es war, im direkten Wortsinn, das Grauen.

Doch schon nach kurzer Zeit geschah etwas Seltsames: Obwohl meine Haarfarbe und mein Alter überhaupt nicht zusammenpassten – oder vielleicht gerade deshalb –, reagierten Freunde ebenso wie Fremde ausgesprochen positiv auf meine grauen Strähnen. In einem Supermarkt ließ mich eine Frau, die wunderschöne lange, blonde Haare hatte, nicht aus den Augen. Sie fixierte mich geradezu, wann immer wir uns in einem der Gänge begegneten. An der Kasse trafen wir uns wieder. Ich bemerkte, wie sie sich ein Herz fasste.

»Haben Sie die grauen Strähnen beim Friseur machen lassen?«, fragte sie mich, während ich gerade eine Packung Milch, Äpfel und einen Salatkopf aufs Kassenband legte. »Das sieht fantastisch aus!«

Ich war sprachlos und stellte verwundert fest, dass ich nur mit Mühe meine Tränen unterdrücken konnte. Sie fand meine grauen Strähnen schön!

Dies war der Moment, in dem ich meine grauen Haare lieben lernte. Ich konnte ohnehin nichts gegen sie tun, aber von nun an akzeptierte ich sie. Und fühlte mich großartig.

Ich erzähle das, weil für viele Frauen (und Männer!) die ersten grauen Haare ein sicheres Zeichen dafür sind, dass nun das Alter unaufhaltsam naht. Es ist ein Schock, weil es die Perspektive grundlegend verändert. Eben stand die Welt noch offen, die Zukunft war scheinbar unbegrenzt, nun rückt erstmals das Ende ins Blickfeld.

Die ersten grauen Haare sind aber auch ein Zeichen dafür, dass man wirklich erwachsen geworden ist. Zumindest mir ging das so. Nicht sofort, doch spätestens mit Anfang vierzig, als meine Haarpracht in allen Grautönen schillerte. Rück- und Ausblick sind in diesem Alter gleichermaßen möglich, es ist die Mitte des Lebens. Man ist nicht mehr jung und noch nicht alt. Dies ist, alles in allem, eine ziemlich gute Position. Man steht auf dem Gipfel.

Dass es von nun an bergab geht, ist eine Meinung, die ich ganz und gar nicht teile. Weil ich es ganz anders empfinde. Heute bin ich Anfang fünfzig. Immerhin sind rund fünfundzwanzig Jahre vergangen, seit ich im Spiegel mein erstes graues Haar entdeckte. Ich weiß also, wie es weitergeht. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, sind das genaue Gegenteil der landläufigen Meinung: Mit zunehmendem Alter wird das Leben weder besser noch schlechter, sondern anders. Man muss nur lernen, damit umzugehen, und das Beste daraus machen. Ich habe erkannt: Der Vorteil, den der Zuwachs an Reife und Erfahrung bietet, wiegt das grenzenlose Ungestüm, die Energie und den ungebrochenen Optimismus, die der Jugend eigen sind, bei Weitem auf.

Nein, ich will hier keineswegs der vielzitierten Abgeklärtheit des Alters das Wort reden, dafür ist immer noch Zeit (in zwanzig, dreißig Jahren vielleicht). Ich plädiere nur dafür, die ersten Anzeichen des Alters als etwas Positives zu deuten, als Zeichen für einen Aufbruch in unbekannte Welten, die das Leben spannend machen, die voll schöner Überraschungen und sinnlicher Genüsse sind – und auf die man sich nur einzulassen braucht.

DIE »JUNGEN ALTEN«

Auch für das Alter gilt: Sex gehört zum Leben unbedingt dazu. Dass diese Auffassung immer mehr gesellschaftlich akzeptiert wird, ist die Folge einer weitgehend unbemerkten, schleichenden Veränderung, die in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem in den westlichen Ländern stattfand: dem Aufkommen der »jungen Alten«. Gemeint ist damit, dass sich die Altersgrenzen und damit das gefühlte Alter drastisch verschoben haben. Die Menschen sehen nicht nur länger jung aus, sie sind auch im Kopf jünger als vor einigen Jahrzehnten noch. Zehn Jahre im Durchschnitt, das haben Umfragen ergeben, fühlen sich Menschen jenseits der Fünfzig jünger, als es ihrem numerischen Alter entspricht.

Als ich ein Kind war, galten Menschen über sechzig als Greise – und genauso sind mir meine Großeltern und ihre Altersgenossen in Erinnerung. Sie wirkten knorrig und verschrumpelt, mit unzähligen Falten im Gesicht und schwieligen Händen, die von einem langen Arbeitsleben als Handwerker oder Bauern erzählten. Schaue ich mir Fotos von damals an, wird zwar klar, dass hier die Erinnerung und die Perspektive eines Kindes einiges verschoben haben, doch es ist unbestreitbar, dass heutige ältere Menschen wesentlich fitter, jünger und weniger vom Leben gezeichnet sind, als es die Menschen vor einigen Jahrzehnten noch waren.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Dazu gehören eine lange Friedenszeit, bessere Bildung, Hygiene und Ernährung, eine gesundheitsbewusstere Lebensweise mit weniger Zigaretten, weniger Alkohol und mehr Sport, ein höherer Lebensstandard, optimierte Gesundheitsvorsorge sowie enorme Fortschritte in der medizinischen Behandlung. Erst die Bündelung all dieser Faktoren über etliche Jahrzehnte hinweg hatte tatsächlich jene unübersehbare, geballte Wirkung, die sich inzwischen in jeder europäischen Fußgängerzone und in jedem Einkaufszentrum feststellen lässt: Die Alten sind jung geworden.

Am Äußeren oder an den Konsumgewohnheiten kann man das Alter eines Menschen heute kaum noch erkennen, die Grenzen zwischen den Altersgruppen sind fließend geworden. Nicht jeder, der alt aussieht, ist es auch, und manch einer, der jung und dynamisch wirkt, ist in Wahrheit bereits Rentner. Generell orientieren sich ältere Menschen immer mehr an kulturellen Standards, die eigentlich für Jüngere gelten. Auf der Tanzfläche des Clubs etwa, wo ich mich alle vierzehn Tage austobe, tummeln sich auch Siebzigjährige mit erstaunlicher Vitalität. Die »Würde des Alters«, eine Art umgekehrter Welpenschutz, ist im Grunde eine überholte Kategorie. Auch die Alten fordern sie kaum noch für sich ein.

Im Gegenteil: Die gesellschaftlichen Zuweisungen, die früher mit dem Alter verbunden waren, werden zu Recht immer weniger von jenen akzeptiert, die es unmittelbar betrifft. Die Alten entwickeln zunehmend ein Selbstbewusstsein, das es als massenhaftes Phänomen in dieser Form früher nicht gegeben hat. Immer mehr Menschen laufen erst im Rentenalter, wenn sie frei von beruflichen Verpflichtungen sind, zur Hochform auf und entwickeln ganz erstaunliche Aktivitäten.

Meine Mutter zum Beispiel fing an zu malen, als meine Schwester und ich aus dem Haus waren. Da war sie Mitte fünfzig. Es war eine alte Liebe von ihr, die sie nie hatte ausleben können. Heute veranstaltet sie regelmäßig Ausstellungen und findet für ihre Werke sogar Käufer. Das Malen verschafft ihr eine tiefe Befriedigung, sie fühlt sich anerkannt. Zeitgleich begann sie sich mit Computern zu beschäftigen, es war absolutes Neuland für sie. Zum fünfundsiebzigsten Geburtstag erfüllten wir ihr einen Herzenswunsch und schenkten ihr einen Tablet-Computer, den sie inzwischen ständig benutzt. Sie kommt gut damit zurecht. Ich finde das keineswegs selbstverständlich, für viele alte Menschen ist der Umgang mit Computern bekanntlich ein Buch mit sieben Siegeln.

Auch mein Vater fand, nachdem er in Rente gegangen war, eine neue Aufgabe: Er richtete sich eine professionelle Werkstatt ein und entwickelte sich zum Erstaunen aller zu einem höchst geschickten Schreiner. Er tischlerte Betten, Bänke und Regale, Treppen und ganze Einbauküchen und versorgte jahrelang Freunde, Bekannte und die Familie mit Möbeln aller Art. Darin fand er Erfüllung. Keiner hatte je damit gerechnet, schließlich hatte er jahrzehntelang in einem ganz anderen Beruf, als Agraringenieur und Landwirt, gearbeitet.

So wie meinen Eltern geht es vielen Menschen. Die Zahl der »jungen Alten«, die im Alter etwas Neues beginnen, steigt rasch. Es ist ein nicht zu unterschätzendes emanzipatorisches Potenzial, das sich hier Bahn bricht.

Dieses neue Selbstverständnis älterer Menschen hat Auswirkungen auch auf die Art, wie wir unser Alter verbringen werden. Alte Menschen bleiben länger fit, körperlich wie geistig, sie werden länger arbeiten und neue Formen des Zusammenlebens entwickeln. Diese gesellschaftliche Transformation ist längst in vollem Gang. Sie eröffnet Chancen.

Die traditionelle Großfamilie, in der alte Menschen früher ihren festen Platz hatten, gibt es dagegen kaum noch. Alleinstehende Alte, aber auch Paare gründen Wohngemeinschaften und sind im Internet aktiv, was ihre mit den Jahren unweigerlich zunehmende Immobilität zumindest teilweise ausgleicht. Moralvorstellungen wandeln sich. Auch die Sexualität besitzt einen anderen, höheren Stellenwert als früher – was ich persönlich unbedingt begrüße.

Nördlich von Berlin zum Beispiel haben mehrere Paare jenseits der siebzig eine Tantra-Wohngemeinschaft gegründet, in der sie eine freigeistige polyamore Lebensweise pflegen. Dabei ist es möglich und erwünscht, eine Liebesbeziehung mit mehreren Menschen gleichzeitig zu haben, emotional und sexuell. Die Berliner Paare gehen damit nicht hausieren, reden aber ohne Scheu und in aller Offenheit darüber, auch mit Fremden. Sie würden ihre kleine Gemeinschaft gerne vergrößern. Früher wäre so etwas undenkbar gewesen.

Was Politiker, Wissenschaftler und Medien als demografische Katastrophe ansehen, weil die Gesellschaft als Ganzes immer älter wird, besitzt damit auch viele positive Aspekte. Das Alter könnte man schließlich nicht nur als Verlust, sondern – mehr noch – als Gewinn betrachten. Als Gewinn an Erfahrung zum Beispiel, von der die Gesellschaft profitiert, als aktiven und produktiven Lebensabschnitt, den man frei gestalten und genießen kann.

Dafür gibt es ganz konkrete Initiativen. In der Schweiz etwa wurde 2006 eine gemeinnützige Stiftung gegründet, die das Ziel hat, die angesammelte, im Grunde unbezahlbare Erfahrung Älterer an die nachfolgende Generation weiterzugeben und den Älteren selbst einen neuen Lebensinhalt zu vermitteln (powerAge.ch). Erklärtes Ziel ist es, die Stärken, das Wissen und die Vorteile, über die ältere Menschen verfügen, in den Fokus zu rücken und für die Gesellschaft nutzbar zu machen. In Deutschland wiederum können Interessierte über rentarentner.de Kontakt aufnehmen mit Menschen über fünfzig, die sich in Rente oder Vorruhestand befinden, jedoch weiterhin nebenbei arbeiten wollen und über diese Plattform ihre fachspezifische und teils hoch qualifizierte Arbeitskraft anbieten. Über die Stiftung Senior Experten Service (ses-bonn.de) schließlich stellen Ruheständler aus über fünfzig Branchen ihr Wissen weltweit und ebenfalls ehrenamtlich anderen zur Verfügung. Laut Erhebungen offizieller Stellen – der Bundesagentur für Arbeit, der Deutschen Rentenversicherung sowie des Statistischen Bundesamts – stehen zwischen 800.000 und einer Million Menschen im Alter von über fünfundsechzig Jahren noch aktiv im Berufsleben.

Für fast alle Menschen bedeutet die Entdeckung, dass sie alt werden, eine Umstellung, die nicht leicht zu bewältigen ist. Spätestens Ende vierzig geht es los. An unzähligen Kleinigkeiten spüren Männer wie Frauen unmittelbar, dass sie in eine neue Lebensphase eintreten. Die ersten grauen Haare sind da noch das geringste Problem.

Körperlich passieren einschneidende Veränderungen. Bei Frauen sind es die Wechseljahre (Klimakterium), die eine deutliche Zäsur im Leben bilden. Frauen können keine Kinder mehr bekommen – ein grundlegender Unterschied zu Männern, die auch im hohen Alter noch Nachkommen zeugen können. Für viele Frauen fällt der Beginn der Wechseljahre mit der Erkenntnis zusammen: »Jetzt bin ich alt, die Blüte meiner Jahre ist vorbei.« Sie empfinden sich als weniger begehrenswert, während älteren Männern oft ein »interessantes Aussehen« zugeschrieben wird.

Doch auch der Mann hat’s nicht leicht: Was er durchmacht, heißt Klimakterium virile und bedeutet nichts anderes, als dass auch er in eine Art von Wechseljahren kommt. Am Anfang – das kann schon Mitte vierzig der Fall sein, bei manchen Männern auch erst Ende fünfzig – sind die Veränderungen fast unmerklich: Auch die Libido des Mannes geht zurück, er braucht mehr Zeit und stärkere Reize, um überhaupt erregt zu werden. Die Erektionsfähigkeit nimmt ab, die Orgasmen werden weniger intensiv, die Versagensängste größer. Hinzu kommen all jene organischen Beeinträchtigungen, die das Alter früher oder später mit sich bringt, von Bluthochdruck über Arthrose und Diabetes mellitus bis hin zur Vergrößerung der Prostata. Die Aufzählung ließe sich problemlos fortsetzen.

Im Arbeitsleben erhöht sich für Frauen wie für Männer in diesen Jahren der Druck durch die junge Konkurrenz, fast gehört man schon zum alten Eisen. Zwei Möglichkeiten gibt es, damit umzugehen: Entweder man freut sich auf die Rente oder gibt noch einmal richtig Gas.

Auch der Alltag ändert sich. Meist sind die Kinder aus dem Haus, viele Paare haben auf einmal mehr Zeit und sind nun auf sich selbst zurückgeworfen. Sie sind gezwungen, ihr Verhältnis neu zu definieren – was durchaus auch einen neuen Anfang bedeuten kann.

SEX IM ALTER – SCHICKT SICH DAS?

Sexualität wird, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung, vorwiegend mit Jugendlichkeit verbunden. Allenfalls den sogenannten »besten Jahren«, die mit Ende sechzig spätestens zu Ende gehen, wird im öffentlichen Diskurs noch eine erotische Anmutung zugestanden. Die Runzeln und Falten, Speckröllchen und weißen Haare des Alters kommen schlichtweg nicht vor, wenn über Sex geredet, und schon gar nicht, wenn er in den Medien gezeigt wird.

Mit einer Ausnahme: Wenn ein älterer Herr sich mit einer wesentlich jüngeren, attraktiven Frau zusammentut, oder vielmehr: sich mit ihr schmückt, weckt das meist Bewunderung, bei anderen Männern vorzugsweise. Es suggeriert ungebrochene Potenz, auch wenn in Wahrheit oft Geld die entscheidende Rolle spielt. Der umgekehrten Variante, bei der eine ältere Frau mit einem deutlich jüngeren Mann liiert ist, haftet hingegen fast immer etwas Peinliches und Kurioses an. Das gesellschaftliche Umfeld eines solchen Paares nimmt diese Verbindung meist nicht ernst, belächelt sie vielleicht als skurrile Verirrung.

Dabei ist Sexualität auch im fortgeschrittenen Alter – in welcher Konstellation auch immer – etwas ausgesprochen Positives. Was an physischer Vitalität und Potenz verloren geht, können Ältere durch Erfahrung, gesteigertes Einfühlungsvermögen und Raffinesse nicht selten mehr als wettmachen. Ältere Männer sind meist die besseren Liebhaber, und ältere Frauen sind nicht weniger leidenschaftlich als junge. Generationen junger Männer haben, das war nicht nur im europäischen Kulturkreis lange eine feste, unausgesprochene Tradition, ihre sexuelle Initiation meist durch ältere Frauen erfahren, was ihrem späteren Liebesleben gewiss zuträglich war.

Das Bedürfnis nach Liebe, Sex und Zärtlichkeit hört ganz sicher niemals auf und macht auch vor dem Alter nicht Halt. Viele Menschen erleben Sexualität im Alter gar als ihren »dritten Frühling«. Dass sie dies nur selten offen eingestehen, liegt an den negativen Vorstellungen, die man seit Jahrtausenden mit dieser, der letzten Lebensphase verbindet. Es ist eine unselige Tradition: Alte Menschen gelten als unleidlich, engstirnig, weitschweifig und langsam im Denken, als unattraktiv und – dies ganz besonders – als asexuell. Insgesamt hat das Alter keinen guten Ruf. Über zweieinhalbtausend Jahre abendländischer Kunstgeschichte haben ein wahres Panoptikum an hässlichen, gramgebeugten und griesgrämigen alten Menschen hervorgebracht.

Gegen diese Zumutung haben sich die Alten, und zwar zu Recht, schon immer gewehrt. In seinem Buch Cato major de senectute, einer der ganz großen philosophischen Reflexionen über das Alter, hält der römische Staatsmann und Philosoph Cicero ein leidenschaftliches Plädoyer für die Würde des Alters und legt dar, dass der Mensch erst in seinen späten Jahren Vollkommenheit und höchste Weisheit erreicht. Seine Schrift ist voll tiefer Einsichten und heute so gültig wie damals. Allerdings spricht Cicero von »Vollkommenheit« und »Weisheit« eher in einem vergeistigten Sinn, Sexualität blendet er weitgehend aus. Er ist froh, dass er, als alter Mann von gerade einmal sechzig Jahren, diesen unkontrollierbaren Begierden nicht mehr ausgeliefert ist und hält sie gar für hinderlich, wenn es darum geht, die höheren Weihen des Menschseins zu erlangen. Als Coach für Sexualität habe ich dazu, wie Sie sich denken können, allerdings eine ganz andere Meinung.

Immer mehr ältere Menschen entdecken, dass es durchaus ein erfülltes sexuelles Erleben auch jenseits der Wechseljahre geben kann, ja, dass dies doch eigentlich der Normalfall ist – oder sein sollte. In meinen Seminaren und Workshops treffe ich häufig auf Frauen, die deutlich über sechzig sind und noch nie einen Orgasmus erlebt haben, nun aber ganz genau wissen wollen, was es damit auf sich hat.

Und es dann auch ausprobieren.

Die öffentliche Enttabuisierung der Sexualität – die, nebenbei bemerkt, nicht nur positive Aspekte besitzt, denn das Bewahren von Scham ist schließlich etwas zutiefst Menschliches – hat sicherlich das Ihre dazu beigetragen, dass das Sexualleben der Generation, die heute zwischen fünfzig und achtzig und älter ist, nach und nach zum Thema wurde.

Dies gilt auch für mich. Gerade weil ich im Begriff bin, in absehbarer Zeit selbst ein Teil dieser Generation zu werden, und weil die meisten meiner Klientinnen und Klienten in diesem Alter sind, beschäftigt mich die Problematik stark. Daraus sind dieses Buch und der Film Silber sinnlich sexy entstanden.

Auch die Tatsache, dass die allgemeine Moral sich in den vergangenen Jahrzehnten gelockert hat, spielt eine Rolle dabei, dass inzwischen offener über das Thema »Sexualität im Alter« gesprochen wird. Die Maßstäbe und die Grenzen dessen, was öffentlich gezeigt werden kann, haben sich gründlich verschoben.

Die in früheren Zeiten doch recht starre Fixierung auf Ehe oder feste Beziehung hat sich seit den 1970er Jahren in der gesellschaftlichen Diskussion langsam, doch unaufhaltsam aufgeweicht. Seitdem ist es nicht mehr einzusehen, dass Älteren vorenthalten bleiben soll, was Jüngere als ihr selbstverständliches Recht reklamieren: befristete sexuelle Verhältnisse einzugehen und Sex zu haben ganz nach persönlichem Gusto. Was übrigens für Menschen jeder sexuellen Orientierung gilt, nicht nur für Heteros.

Dieser Entwicklung förderlich war es auch, dass dort, wo bisher der Wunsch der Vater des Gedankens war, mit der Entwicklung von Viagra, Cialis und Levitra (so heißen die drei wichtigsten einschlägigen Medikamente) ab dem Jahr 1998 zum Wollen auch das Können kam. Nach der Antibabypille, die 1961 eingeführt wurde, waren Viagra & Co. die wohl bedeutsamste pharmazeutische Erfindung der Moderne, was die Sexualität betrifft. Erektile Dysfunktion, also Erektionsstörung, war damit für die meisten Männer, die sich diese teuren Tabletten leisten konnten, von heute auf morgen kein Thema mehr. Das Alter selbst ist ja keine Krankheit, sondern geht vielmehr einher mit Krankheiten – für welche die erektile Dysfunktion allerdings meist nur ein Symptom ist.

Weder Männer noch Frauen verlieren im Alter prinzipiell die Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr, wohl aber manchmal die Lust daran. Häufig fehlt auch die Gelegenheit. Oder es mangelt an Mut, Grenzen zu überschreiten, Blockaden zu überwinden und sich zu seinen oft verschütteten innersten Wünschen und Gefühlen zu bekennen. Genau hier setzt dieses Buch an. Ich möchte Ihnen Mut zu machen, sich auf Ihren »dritten Frühling« einzulassen, denn:

Die zweite Lebenshälfte ist ein großer Gewinn, wenn man sie nur produktiv gestaltet;

Sie können sich sinnlich und sexy fühlen, obwohl oder gerade weil Sie zur

Silver Generation

, zur

Generation 50+

gehören;

auch in nicht mehr jugendlichem Alter können Sie eine erfüllte, befriedigende Sexualität genießen.

Dahin zu kommen, kann man lernen. Es gibt kein Allheilmittel, aber erprobte Strategien dafür. Mit Glück oder Zufall hat das nichts oder nur sehr wenig zu tun. Man kann zum Beispiel trainieren, guten Sex zu haben und einen Orgasmus zu bekommen, genauso wie man lernen kann, einen neuen Partner zu gewinnen, eine eingerostete Beziehung zu beleben oder seinen Körper neu zu spüren. Dies funktioniert in aller Regel sehr gut, wenn man es nur richtig anstellt.

Sex Deluxe möchte Ihnen zeigen, wie es geht.

*Alt sein ist ein alter Hut

SIE SELBST BESTIMMEN, WIE ALT SIE SIND

Fünfunddreißig Jahre war Karin1 – eine Klientin, die zu einer guten Freundin wurde – verheiratet, dann machte sie einen radikalen Schnitt. Es ging einfach nicht mehr, sie war todunglücklich. Ein schönes Haus, ein erwachsener Sohn, ein erfüllender Beruf, auch Geld: Alles war da. Doch letztlich war ihr Leben nur ein schöner Schein. Eine Hülle ohne Inhalt.

Auch der Sex mit ihrem Mann machte keinen Spaß mehr, er lief immer gleich ab, seit vielen Jahrzehnten schon, wenn auch immer seltener, bis er zum Schluss fast ganz versiegte. Karin wollte mehr, sie hatte Wünsche und Sehnsüchte, doch sie wusste nicht, welche. Dann begann ihr Mann, dem es letztlich genauso ging wie ihr, fremdzugehen. Irgendwann ließen sie sich scheiden, in gegenseitigem Einvernehmen, wie es so schön heißt.

Karin fiel in ein tiefes Loch. Sie fand sich alt, hässlich und verbraucht. Welcher Mann sollte sie noch ansehen? Sie war immerhin schon siebenundsechzig. Karin wurde klar: Sie musste sich komplett neu erfinden, wenn sie wieder ein glückliches Leben führen wollte.

Das war nicht einfach. Sie nahm eine Coachingstunde bei mir, und ich gab ihr einige Tipps. Mit eiserner Disziplin nahm sie zwölf Kilo ab, und sie ging zu einem richtig guten Friseur, der ihr einen tollen Schnitt verpasste. Ihre fast weißen Haare, die sie viel älter machten, als sie war, färbte er blond. In einem Kosmetikstudio ließ sie sich ein professionelles Make-up auflegen, worauf sie sich im Spiegel kaum wiedererkannte.

Und sie leistete sich ein komplett neues Outfit, in Modegeschäften, in die sie früher keinen Fuß gesetzt hätte. Sie hatte die große Auswahl in Berlin und viel Zeit. Auch Schuhe, erkannte sie, sind ungemein wichtig für ein stimmiges, attraktives Erscheinungsbild. In einem meiner Workshops lernte sie, auf High Heels zu gehen, was ihr gleich eine ganz andere Ausstrahlung verlieh. Sie merkte, wie sich ihre Wirkung auf andere veränderte – zum Besseren, Positiveren hin. Karin begann, sich wieder selbst zu lieben, ihre neu gewonnene Attraktivität auch anzunehmen. Dies war der entscheidende mentale Schritt, der ihr gelang. Solange er nicht vollzogen wird, passiert gar nichts.

Karin ging öfter in Cafés, nach einiger Zeit traute sie sich auch in Bars. Sie bemerkte, dass durchaus attraktive Männer, die fast ihre Söhne hätten sein können, ihr interessierte Blicke zuwarfen. Sie hielten sie zweifellos für jünger, als sie war, und Karin fasste das als Kompliment auf. Sie lernte, zurückzulächeln und zu flirten – etwas, das sie völlig vergessen hatte. Aber es funktionierte.

Dann lernte sie Robert kennen, einen gut aussehenden, aber überaus schüchternen und sehr einsamen IT-Fachmann von Mitte vierzig, der seine Tage und Nächte in der Gesellschaft von Monitoren, Festplatten und Chips verbrachte. Ab und zu ging er spätabends in eine Bar nicht weit von seiner Wohnung, um sich ein oder zwei Cocktails zu gönnen, damit er besser schlafen konnte.

Dort trafen sich seine und Karins Blicke. Er begehrte sie, wollte mit ihr ins Bett. Vielleicht hatte er auch schon einen Mai Tai zu viel getrunken, aber spielt das eine Rolle? Er war über zwanzig Jahre jünger als Karin, und sie machte sich Sorgen, dass ihr Körper nicht das halten würde, was ihr Aussehen versprach. Mit fast siebzig ist die Haut eben nicht mehr straff, man besitzt Falten, Runzeln, Flecken und Speckpolster, die man nicht verbergen kann. Zumindest nicht im Bett.

Doch das störte ihre neue Bekanntschaft überhaupt nicht. Karin war, zum ersten Mal seit vielen Jahren, hemmungslos und leidenschaftlich beim Sex. Sie genoss zutiefst, was sie so viele Jahre lang vermisst hatte, sie war so frei wie nie in ihrem Leben. Sie probierte – auf Initiative ihres Liebhabers, für den eine Frau wie Karin ebenfalls eine neue Erfahrung war – Sachen aus, von denen sie früher noch nicht einmal geträumt hatte. Was hatte sie zu verlieren? Über eine ungewollte Schwangerschaft musste sie sich ohnehin keine Gedanken machen, dieser Zug war längst abgefahren.

Karins erster Liebhaber war nur eine Affäre. Nach vier, fünf Nächten fand Karin es langweilig, sich bei der »Zigarette danach« Geschichten darüber anzuhören, wie man die Leistung von Computern fachgerecht zu steigern imstande ist. Es war nicht ihre Welt. Aber Robert hatte sie auf den Geschmack gebracht. Seitdem sucht sie gezielt nach Männern, mit denen sie sich vorstellen kann, Sex zu haben. Das klappt ganz gut. Es ist wohl ihre Ausstrahlung, die die Männer anzieht. Das Alter spielt dann eigentlich keine Rolle mehr, keine entscheidende jedenfalls. Zur Zeit fühlt sie sich, so sagte sie mir kürzlich bei einer Tasse Kaffee, ganz wohl in ihrer Ungebundenheit, mit ihren wechselnden Beziehungen. Doch wenn eines Tages der Richtige käme, fügte sie hinzu, würde sie bestimmt nicht Nein sagen.

Karin ist inzwischen siebzig. Ist sie deswegen alt?

Ich finde, sie ist jünger als so manche Dreißigjährige, weswegen man diese Frage eigentlich gar nicht beantworten kann. Die beste, allerdings auch unverbindlichste Antwort wäre noch der Gemeinplatz: »Man ist so alt, wie man sich fühlt.« Doch weiter bringt uns das zunächst nicht. Denn es gibt mindestens drei verschiedene Kriterien, nach denen sich das Alter bemisst: das soziale, das biologische und das gefühlte Alter. Und keines von ihnen hat etwas mit dem anderen zu tun.

Das soziale Alter lässt sich am besten am Eintritt ins Rentenalter festmachen. Früher war es ein unumstößliches Gesetz, dass man mit fünfundsechzig Jahren in die dritte, die letzte Lebensphase eintrat, indem man in Rente ging. Inzwischen sind wir bei der Rente mit siebenundsechzig, und die Rente ab siebzig wird auch schon diskutiert. Für einen begrenzten Personenkreis hingegen, für langjährig Beschäftigte, wurde ab Sommer 2014 die Rente mit dreiundsechzig eingeführt. Das soziale Alter wird also durch gesellschaftliche Übereinkunft festgelegt und ist durchaus variabel.

*TIPP: Lassen Sie sich von niemandem einreden, Sie seien alt, bloß weil Sie über fünfzig, sechzig oder siebzig sind. Viele Jüngere sind von ihrer Mentalität her wesentlich älter, auch wenn sie nicht so aussehen. Alter ist keine Frage des Aussehens, sondern der Einstellung.

Nun vollzieht sich bei uns in Mitteleuropa aber gerade ein tiefgreifender demografischer Wandel, mit dem eine Veränderung des durchschnittlichen biologischen Alters einhergeht: Die allgemeine Lebenserwartung ist seit 1840 um mehr als vierzig Jahre gestiegen, das heißt, sie hat sich ungefähr verdoppelt. Heute beträgt die Lebenserwartung in Deutschland für männliche Neugeborene achtundsiebzig Jahre, für weibliche mehr als dreiundachtzig. Und dieser Trend setzt sich fort. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock hat errechnet, dass sich die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland jedes Jahr um etwa drei Monate verlängert. Das heißt, dass heutzutage jedes zweite Neugeborene ein Lebensalter von hundert Jahren oder mehr erreichen wird.

Die Frage ist: Gibt es eine Grenze nach oben?

Ja, die scheint es zu geben. Sie ist, das vermuten Wissenschaftler, genetisch bedingt und liegt bei etwa hundertzwanzig Jahren. Viel älter kann ein Mensch kaum werden – zurzeit jedenfalls nicht. Alle gegenteiligen Behauptungen sind Science-Fiction.

Die längste jemals hieb- und stichfest dokumentierte Lebensdauer erreichte bis jetzt die Französin Jeanne Calment, die 1997 im Alter von hundertzweiundzwanzig Jahren in Arles starb. Als Kind hatte sie noch Vincent van Gogh kennengelernt. Die jeweils ältesten Menschen der Welt (die ja, das liegt in der Natur der Sache, ständig wechseln) sind immer um die hundertsechzehn oder hundertsiebzehn Jahre alt, egal, woher sie stammen. Regionale Präferenzen für ein hohes Alter gibt es nicht, probate Rezepte dafür, es tatsächlich zu erreichen, genauso wenig.

Doch die über Hundertjährigen, früher noch bestaunte Exoten, werden immer zahlreicher. Weil der Tod sich immer weiter hinausschiebt, nimmt die Zahl der alten Menschen zu, mit der Folge, dass die Bevölkerung in einem vorher nie gekannten Ausmaß altert. Da zugleich immer weniger Kinder geboren werden, verringert sich – auf lange Sicht – die Bevölkerung drastisch.

Im Jahr 2050 werden voraussichtlich nur noch siebenundsechzig Millionen Menschen in Deutschland leben. Die Zahl der Jugendlichen wird sich fast halbieren, die der Achtzigjährigen hingegen verdreifachen. Die klassische Alterspyramide wandelt sich zur sogenannten »Urnenform«, was ein wenig makaber klingt, aber den Kern der Sache ziemlich genau trifft.

*TIPP: Denken Sie nicht ans Ende, sondern leben Sie im Jetzt. Dass Sie nicht mehr endlos viel Zeit haben, wissen Sie. Handeln Sie danach!

Ich stöbere oft in Buchhandlungen, gern auch antiquarisch. Dabei fiel mir vor einiger Zeit ein Bildband mit Porträts des berühmten Fotografen August Sander in die Hände, die er vor rund hundert Jahren aufgenommen hat. Ich war fasziniert. Es war unübersehbar, dass auf diesen Fotos auch biologisch junge Menschen, also Zwanzig-, Dreißigjährige, nach unseren heutigen Maßstäben unglaublich alt aussehen. Sie machen den Eindruck, als hätten sie schon in jungen Jahren alles gesehen, alles erlebt. Das hat nicht unbedingt etwas damit zu tun, dass sie schwere körperliche Arbeiten verrichteten. Auch sozial höhergestellte Menschen sehen bei August Sander seltsam wissend und über die Maßen alt aus, so, als hätten sie ihr ganzes Leben bereits hinter sich. Ihren Gesichtszügen sind Erfahrungen eingeschrieben, die sie eigentlich noch gar nicht gemacht haben können.

Übertroffen werden diese Fotos für mich aber noch von der Zeichnung, die Albrecht Dürer vor fünfhundert Jahren von seiner damals dreiundsechzig Jahre alten Mutter Barbara angefertigt hat. Nach heutigen Maßstäben sieht sie aus wie eine Neunzigjährige. Überhaupt wirken die typischen Darstellungen alter Menschen, die sich durch zweieinhalbtausend Jahre abendländischer Kunstgeschichte ziehen, zum größten Teil geradezu erschreckend. In ihre Gesichter sind tiefe Furchen eingegraben, sie gehen gebeugt und am Stock, die Last eines langen Lebens drückt sie nieder. Mitunter sehen sie aus wie lebende Tote. Und dabei sind sie größtenteils kaum älter als Menschen, die man heute als »im besten Alter« stehend bezeichnen würde.

Auch das biologische Alter ist also variabel. Heute mag einer achtzig sein, und er geht für sechzig durch, während umgekehrt ein Mittfünfziger, der sein Leben lang körperlich hart gearbeitet hat, aussieht wie ein Mann von über siebzig. Wie jemand wirkt und sich fühlt, hängt stark von den Lebensumständen, der Ernährung, der medizinischen Versorgung, der körperlichen Fitness sowie der psychischen Befindlichkeit ab. Man sieht es – und das ist der entscheidende Unterschied zu früheren Zeiten – den Menschen schlichtweg nicht mehr an, wie alt sie wirklich sind. Gehen sie überdies einer erfüllenden Tätigkeit nach, kann dies den Alterungsprozess durchaus verlangsamen, und sie wirken deutlich jünger als Gleichaltrige.

Dirigenten, um ein Extrembeispiel zu benutzen, werden, so heißt es, erst mit siebzig Jahren richtig gut. Aus eigener Anschauung würde ich sagen: Ja, da ist was dran.

Ich gehe oft und gerne ins Konzert, denn ich liebe klassische Musik. In der Berliner Philharmonie nehme ich vorzugsweise einen Podiumsplatz. Diese Karten sind deutlich billiger als die in den anderen Blöcken, weil die Bänke vergleichsweise unbequem sind und keine Rückenlehne haben. Vor allem aber – und das ist für mich das Entscheidende – sitzt man auf der Bühne dicht hinter dem Orchester, ist also in der Mitte des Geschehens. Man kann dem Dirigenten direkt ins Gesicht sehen und seinen Handbewegungen folgen.

Immer wieder fasziniert bin ich etwa von Daniel Barenboim. Der Pianist und Dirigent ist ungemein vital und befindet sich mit über siebzig auf der Höhe seiner Schaffenskraft. Fast alle Konzerte dirigiert er auswendig. Es ist ein Erlebnis, ihm bei der Arbeit zuzusehen, zu beobachten, wie die Partitur quasi vor seinem geistigen Auge vorbeizieht.

Aber Barenboim ist bei Weitem nicht der Einzige, der im Alter seine Hochform bewahrt. Mehrmals gehört habe ich auch den großartigen Pianisten Maurizio Pollini. Mit über siebzig spielt auch er fast alle Stücke (und es sind mit die schwierigsten des Repertoires!) auswendig. Herbert von Karajan dirigierte am Ende seines Lebens, körperlich schon stark geschwächt, mit sparsamen Handbewegungen und an eine Stütze gelehnt die Berliner Philharmoniker, ohne deshalb das Mindeste von seiner Autorität und Gestaltungskraft einzubüßen. Ich schätze mich glücklich, ihn noch erlebt zu haben. Und die Rolling Stones, sämtlich um die siebzig, liefern noch heute regelmäßig eine grandiose, körperlich ungemein anstrengende Bühnenshow ab.

Wer sein Gehirn fordert und trainiert, kann auch mit hundert noch topfit sein. Der Literat und Philosoph Ernst Jünger beispielsweise schrieb bis kurz vor seinem Tod, der ihn erst im Alter von hundertzwei Jahren ereilte, an seinem Tagebuch Siebzig verweht, dem Hauptwerk seiner letzten Lebensjahrzehnte. Körperlich und geistig war er topfit. 1986, mit über neunzig Jahren, reiste er nach Kuala Lumpur, um zum zweiten Mal in seinem Leben den Halley’schen Kometen zu sehen. Die Regisseurin Leni Riefenstahl lernte Tauchen, als sie bereits Anfang siebzig war. Noch mit vierundneunzig Jahren fotografierte sie unter Wasser Haie vor Cocos Island in Costa Rica.

Die Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Alexander Kluge sowie der Philosoph Jürgen Habermas bestimmen mit weit über achtzig Jahren noch maßgeblich die intellektuellen Debatten der Republik. Luchino Visconti führte Regie, als er schon im Rollstuhl saß (Die Unschuld, 1976), und John Huston musste, als er mit einundachtzig seinen letzten Film drehte, gar mit Sauerstoff beatmet werden (Die Toten, 1987). Legendär ist Pablo Picassos Schaffenskraft und Kreativität bis ins allerhöchste Alter. Er starb mit einundneunzig.

Doch dies, es sei zugestanden, sind Ausnahmen, und kein Zufall ist es, dass es sich bei den genannten Beispielen ausnahmslos um äußerst kreative Menschen handelt. Dennoch zeigen sie, dass Menschen unabhängig von ihrem biologischen oder sozialen Alter produktiv sein und ihr Leben in vollen Zügen genießen können.

Auch Sie können das!

*TIPP: Auch wenn Sie kein Künstler oder Wissenschaftler sind2 – halten Sie sich geistig fit! Lesen Sie, spielen Sie Schach, tauschen Sie sich intellektuell mit anderen aus. Spielen Sie von mir aus Wer wird Millionär? im Internet. Lösen Sie Kreuzworträtsel. Besuchen Sie Vorträge, belegen Sie ein Seminar an einer Volkshochschule oder Uni, stöbern Sie in einer Buchhandlung. Nicht nur einmal, sondern regelmäßig. Wie Sie das machen, ist nicht so wichtig. Hauptsache, Sie machen es.

Die Zeiten haben sich geändert, fünfundsechzig ist längst »kein Alter« mehr – im Gegensatz zu früher. Als die Beatles 1967 ihr epochales Album Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band veröffentlichten, erschienen ihnen vierundsechzig Jahre noch als unheimlich alt, das Alter selbst als ein trauriger und nicht erstrebenswerter Lebensabschnitt: When I’m sixty-four