Sex ist verboten - Tim Parks - E-Book

Sex ist verboten E-Book

Tim Parks

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Beschreibung

Sex ist im Dasgupta Institut verboten. Was also macht die unglaublich attraktive Beth Marriot hier? Warum verbringt eine junge Frau, deren unwiderstehliche Vitalität und selbstbewusstes Ego einst auf Eroberung und Ruhm aus waren, jetzt einen Monat nach dem anderen als Helferin im vegetarischen Restaurant eines puristischen Buddhisten-Retreats? Beth bekämpft Dämonen. Eine Folge von katastrophalen Ereignissen hat alle ihre Hoffnungen auf Glück unterminiert. Aus diesem Trauma gibt es für sie nur einen Ausweg: die asketische Strenge einer Gemeinschaft, in der man um vier Uhr morgens geweckt wird, keinen Augenkontakt mit anderen haben darf, geschweige denn mit ihnen sprechen, und in der Frauen und Männer streng getrennt sind. Aber Neugier stirbt zuletzt. Als Beth über ein Tagebuch stolpert, muss sie es lesen und fängt an, den Mann zu beobachten, dem es gehört. Und je mehr sie sich nach der Reinheit der schweigenden Priesterin des Retreats sehnt, desto mehr begehrt sie die Priesterin selbst.

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Seitenzahl: 419

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Tim Parks

SEX ISTVERBOTEN

Roman

Aus dem Englischenvon Ulrike Becker

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Genug der weltlichen Angelegenheiten! Ich werde meinen Geist beim Meditieren sammeln und von falschen Pfaden abbringen.

DAS BODHICARYĀVATĀRA

SEX IST VERBOTEN

SEX IST IM DASGUPTA-INSTITUT VERBOTEN. Das ist einer der großen Pluspunkte, wenn man hier arbeitet. Natürlich bin ich eine freiwillige Helferin und werde nicht bezahlt, ich meine also nicht wirklich arbeiten. Offiziell heißt es, ich leiste Dhamma-Service. Harper sagt, es ist ungewöhnlich, dass jemand bei mehr als drei oder vier Retreats hintereinander Service leistet. Was einleuchtet. Die Eltern schicken einen nicht in die Schule, damit man dann sein Leben lang umsonst kocht und putzt. Sie sind ehrgeizig, sie haben Pläne für ihre Kinder. Zu enttäuschen fällt schwer.

Alle, die hier beim Service mithelfen, sind jung, oder halbwegs jung, jedenfalls befinden sie sich in einer Übergangsphase. Wenn man es sich recht überlegt, befinden sich die Menschen vermutlich ständig in einer Art Übergangsphase, anders geht es gar nicht. Aber Sie wissen schon, was ich meine. Ferienjobs, Überbrückungsjahre. Manchmal frage ich mich, zwischen was ich mich gerade befinde. Es sollte eigentlich ziemlich einfach sein, zu sagen, was hinter einem liegt, wie man hierhergekommen ist und so. Die meisten Leute sorgen sich eher um die Zukunft. Aber je länger ich im Dasgupta-Institut bin, desto unsicherer werde ich im Hinblick darauf, was vorher passiert ist. In der ersten Zeit hier, als ich dasaß und zu meditieren versuchte, dröhnte die Vergangenheit unaufhörlich in meinem Kopf. Das geht jedem so. Man setzt sich hin, macht die Augen zu, und die Gedanken fangen an zu bellen wie aufgebrachte Hunde. So war es auch bei mir, und ich habe es nicht vergessen. Ich weiß nur neuerdings nicht mehr so ganz, worauf es eigentlich hinauslief. Vielleicht haben sich die alten Gedanken durch das ständige Herumwirbeln abgenutzt. Die Qual hat nachgelassen. Vielleicht befinde ich mich hier im Dasgupta-Institut in Wirklichkeit gar nicht zwischen zwei Sachen. Vielleicht ist es gar kein Übergang, vielleicht werde ich für immer hierbleiben, oder das Dasgupta-Institut wird in mir bleiben, selbst wenn ich weggehe.

Heute Morgen war ich faul. Der Gong ertönt um vier. Die Helfer brauchen das Frühstück erst um sechs Uhr zu machen, deshalb nehme ich die ersten anderthalb Stunden meist an der Meditation teil und gehe, wenn der Gesang anfängt. Das ist eindeutig die beste Zeit des Tages. Warum? Ich weiß nicht genau. Nichts tut weh vor der Dämmerung. Man geht im Dunkeln zur Meditationshalle. Die Morgenluft ist weich, alles ist feucht und taugetränkt, und es ist ganz still. Wenn man zu den Ersten gehört, sieht man Kaninchen auf dem Rasen. Sterne stehen am Himmel; die Sterne hier sind sehr hell. Man fröstelt. Alle tragen Fleecepullover mit Kapuzen und sehen aus wie Mönche oder Gespenster. Irgendwie wirkt alles gespenstisch und wie in der Schwebe. In der Meditationshalle wird man von seinen Kissen und Decken begrüßt. Das Licht ist gedämpft. Man schließt die Augen und hört zu, wie die anderen hereinkommen, wie sie schniefen und hüsteln und herumwuseln. Das kann einen wahnsinnig machen. Eine Stimme erhebt sich im Kopf: He, ich bin nicht zu dieser nachtschlafenden Zeit aufgestanden, um mir euer Gehuste und Gefurze anzuhören, verdammt noch mal. Ich kriege genug Gestank ab, wenn ich die Klos putze. Dann wird einem klar, dass diese Geräusche etwas Anheimelndes haben. Sie beschützen einen. Das ist eigenartig. Man wird wahnsinnig, weil jemand sich ständig die Nase putzt, und gleichzeitig fühlt man sich dadurch beschützt und beschämt. Diese Person hat viel aufgegeben, um ins Dasgupta-Institut zu kommen und zu versuchen, ihr Leben zu ändern. Woher nimmst du das Recht, sie zu kritisieren? Am Ende tut es gut, beschämt zu sein und sich zu sagen: Hör auf, über das Geschniefe dieser armen Frau zu schimpfen, Beth Marriot. Du hast ja keine Ahnung, was für einen Mist sie womöglich gerade durchmacht oder in welchen schlimmen Geschichten sie gerade steckt.

Also finde ich mich mit dem Husten und Schniefen ab. Ich akzeptiere es, so wie ein Jucken oder einen Krampf, oder das Kratzen der Krähen auf dem Fertigdach. Die Krähen können ganz schön viel Krach machen. Ich liebe die Morgensitzung. Sie ist die beste. Aber heute war ich faul. Ich bin nicht aufgestanden, als der Gong ertönte. Anscheinend verändert sich gerade etwas. Anicca. Spür die Veränderung. Ahniikaaa, Ahniikaaaa, Ahniikaaaa, Ahniikaaaa. Ich mag die Art, wie Mi Nu dieses Wort mit ihrer asiatischen Singsang-Stimme sagt. Spür das Pulsieren in deinen Handgelenken, Beth, spür das Kribbeln in deinen Wangen. Veränderung. Anicca. Vielleicht ist es die gleiche Veränderung, die mich dazu gebracht hat, einen Stift in die Hand zu nehmen. Heute habe ich ganz spontan nach einem Stift gegriffen. Schreiben ist noch etwas, das im Dasgupta-Institut verboten ist. Schreiben und Sex.

Nicht, dass mir das Schreibverbot je etwas ausgemacht hätte. Die einzige Regel, die mir zu schaffen machte, als ich ins Dasgupta-Institut kam, war die »Edle Stille«. Nicht reden. Nicht singen. Für mich gibt es Augenblicke, in denen es ganz natürlich erscheint, laut Guten Morgen zusammen! zu sagen. Würden Sie bitte mal den Wasserkrug herüberreichen? He, Sie haben vergessen, Ihre Schuhe auszuziehen! – Oder Augenblicke, in denen ich gar nicht anders kann, als draufloszusingen: When the working day is done, Girls just wanna have fun. Dann muss ich einfach tanzen, die Hüften schwingen und mit den Füßen stampfen. Das Schweigen fiel mir also schwer. Das Schöne am Dhamma-Service ist, dass man ein bisschen sprechen darf, zumindest in der Küche. Vielmehr, man muss sprechen, um seine Aufgaben zu erledigen. Aber natürlich niemals mit den Meditierenden. Die Meditierenden dürfen nicht gestört werden.

Eigentlich erzähle ich hier Lügen. Das Rauchverbot hat mich auch verrückt gemacht. Ich hatte drei Schachteln mitgebracht, um über die zehn Tage zu kommen, und ich rauchte sie im Gebüsch unten am Wiesenrand. Bestimmt hat mich ab und zu jemand gesehen. Aber ich habe die Zigaretten nicht aufgeraucht. Nach acht Monaten habe ich immer noch eine halbe Schachtel. Man sollte meinen, es sei ein großes Ereignis in meinem Leben gewesen, das Rauchen aufzugeben. Ich habe es weiß Gott oft genug versucht, während Carl mir im Nacken saß. Aber jetzt weiß ich nicht mal mehr, wann es passiert ist. So ist das beim Meditieren. Wir leben hier im Dasgupta-Institut in einem Trancezustand. Einem ewigen jhāna. Ich mag dieses Wort. Eines Tages stellte ich fest, dass ich nicht mehr rauchte. Eines Tages merkte ich, dass ich aufgehört hatte zu denken. An Dad und Mum und Jonathan und Carl und Zoe. Ich hatte aufgehört, an Pocus zu denken, aufgehört, an die Zukunft zu denken. Die Dasgupta-Methode funktioniert also. Ich war im Dhamma gewachsen. Außer dass ich jetzt plötzlich hier sitze und alles aufschreibe. Ich, die sonst außer Songs nie etwas geschrieben hat. Im Grunde stört mich das Schreibverbot immer noch nicht. Ich meine, es war schön, zu rauchen, als ich nicht rauchen durfte. Ich habe nicht wegen des Verbots aufgehört. Und es ist schön, jetzt zu schreiben, obwohl ich weiß, dass ich es eigentlich nicht darf. Ich hatte deswegen heute Morgen ziemlich intensive Gefühle. Ich schien absolut ich selbst zu sein. Vielleicht verwandle ich mich gerade von einer vorbildlichen Dasgupta-Helferin in ein verrücktes, rebellisches Bad-Girl, das gegen alle Regeln verstößt. Dann werfen sie mich raus, und ich werde herausfinden, zwischen was ich mich die ganze Zeit befunden habe.

Einer der männlichen Helfer hat ein BlackBerry. Ich bin ziemlich sauer geworden, als ich es entdeckt habe. Ralph. Ein Deutscher. Beim Kochen dürfen die Helfer mit Angehörigen des anderen Geschlechts zusammen sein. Es gibt nur eine Küche, und wir kochen für alle das Gleiche, egal ob Männer oder Frauen, neue oder alte Schüler, obwohl es natürlich ein paar Sachen gibt, die alte Schüler nicht nehmen sollten, wie zum Beispiel Kuchen oder das Nachmittagsobst. Ich bin einmal ein paar Minuten zu früh zur Frühstücksschicht erschienen, und da saß Ralph auf einer der Arbeitsflächen und hatte den Kopf über seinen kleinen Bildschirm gebeugt. Ralph ist stolz darauf, Service zu leisten. Sein hübsches Gesicht wird ganz weich vor lauter Hingabe. Ihm gefällt der Gedanke, dass er Gutes tut. Ohne uns hätten die Meditierenden nicht die Freiheit, in der Stille zu leben, sie könnten ihr schlechtes Karma und ihre sankharas nicht abladen und anfangen, sich zu reinigen. Also, zuerst wollte er das Ding schnell in der Schürzentasche verschwinden lassen, aber als er sah, dass ich gesehen hatte, was er da macht, fragte er mich, ob ich meine E-Mails checken wolle. Er wollte mich zur Mittäterin machen. Fast hätte ich die Sache gemeldet. Vielleicht hätte ich es tun sollen. »Das geht echt gegen den Geist des Dasgupta-Instituts«, sagte ich. »Du solltest dich schämen. Wozu schaffen wir hier alle dieses reine Umfeld, wenn du es dann wieder verseuchst, indem du dir auf deinem BlackBerry Pornos reinziehst?«

Das hat ihn geärgert. Es war ziemlich komisch. Wie kam ich darauf, dass er sich Pornos reinzog? wollte er wissen. Er hat einen starken deutschen Akzent. »Wieso glaubst du das?« Ich musste mich zusammenreißen, um ernst zu bleiben. »Alle Männer schauen sich Pornos an«, erklärte ich. Was absolut stimmt. »Wieso hättest du es sonst verstecken wollen?«

Aber wenn ich Ralph gemeldet hätte, bei den Harpers, oder bei Mi Nu, dann hätten sie mich deswegen mehr gerügt als ihn wegen des BlackBerrys. Im Dasgupta-Institut muss man die Regeln befolgen, weil man es will. Solange niemand beim Meditieren gestört wird, brauchen Regelverstöße nicht geahndet zu werden. Vermutlich hätte ich behaupten können, Ralph hätte mich gestört, aber ich weiß nicht genau, ob die Helfer wirklich zählen. Als ehemalige Schüler sollten wir uns durch so etwas nicht stören lassen, wozu haben wir denn sonst die Methode gelernt? Es stört mich aber trotzdem. Es nervt, daran zu denken, dass er ins Netz kann, und mir vorzustellen, wie es wäre, auch mal wieder meine E-Mails zu lesen. Oder auf Facebook zu gehen. Verdammt. Vielleicht könnte ich jetzt, wo ich Stift und Papier habe, eine anonyme Nachricht schreiben. RALPH HAT EIN BLACKBERRY UND GUCKT PORNOS. Vielleicht fange ich jetzt, wo ich angefangen habe zu schreiben, auch wieder an zu rauchen. Ich könnte die letzte Schachtel aufrauchen. Dann könnte Ralph mich anschwärzen. Ich würde ihn beim Möhrenschrubben meinen rauchigen Atem schnuppern lassen. Dann würden sie mich fragen, wo ich die Zigaretten herhabe, denn ich habe das Grundstück seit Monaten nicht verlassen. Ich würde gestehen und sagen, dass es mir leidtut. Zu Mi Nu vielleicht. Mi Nu Wai. Ich hätte gern einen Grund, ihr ein paar Sachen zu gestehen. Ich könnte ihr sagen, dass ich manchmal abends heimlich in den Pub gehe. Aber ich glaube kaum, dass Ralph mich verraten würde.

Ralph mag mich. Er ist immer zur Stelle, um nach dem Mittagessen beim Abkratzen der Teller zu helfen und die schleimigen Essensreste aus dem Abfluss zu fischen. Vielleicht wollte er sogar, dass ich sein BlackBerry sehe. Ralph mag mich, aber er ist zu jung, zu süß, zu deutsch. Süße Jungs haben mich noch nie interessiert. Es gibt hier mit Sicherheit Dutzende von attraktiveren Männern. Und Frauen. Gute Idee, dass Sex im Dasgupta-Institut verboten ist. Vielleicht gibt es auch gute Gründe, das Schreiben zu verbieten.

Ich bin nicht wieder eingeschlafen, als ich heute Morgen im Bett geblieben bin. Die anderen sind mit der wunderbaren Unterwürfigkeit aufgestanden, zu der wir alle morgens bereit sind. Sie sind zur Meditation gegangen. Aber ich habe im Bett gelegen und nachgedacht. Nach ungefähr zehn Minuten kam Meredith zurück und erkundigte sich, ob ich krank sei, aber da auch die Helfer nur reden sollen, wenn es sein muss, habe ich nicht geantwortet. Meredith ist ein pummeliges Mädchen, vermutlich ziemlich hübsch. Sie hat ein hübsches Lächeln. Im Herbst fängt sie in Cambridge an zu studieren, sagt sie jedenfalls. Ich habe nicht geantwortet. Nicht mal den Kopf geschüttelt. Jetzt fragt sie sich bestimmt, was los ist oder ob sie mich verärgert hat. Mein Gott. Warum bin ich so gemein? Keine Ahnung. Es macht mir Spaß. Nett sein macht mir Spaß, und gemein sein macht mir auch Spaß. Ich finde, Meredith hat ein bisschen Gemeinheit verdient. Sie muss eindeutig abnehmen. Falls ich je eine Chance hatte, nach Cambridge zu gehen, dann habe ich sie mir schon vor langer Zeit versaut.

Ich bin also nicht wieder eingeschlafen, sondern habe dagelegen und nachgedacht. Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht. Wenn ich sonst im Bett lag und nachdachte, habe ich immer Pläne geschmiedet, Pläne über Pläne, aufgeregt und eifrig.

Ich habe im Geiste Songs geschrieben und alles Mögliche geplant und organisiert – Proben, Übungsräume, Auftritte, E-Mails, die Webseite, Geld. Aber in meiner Anfangszeit hier im Dasgupta-Institut bin ich immer so schnell wie möglich aus dem Bett gesprungen, denn die Gedanken waren furchtbar. Kaum war ich wach, ging das Pochen in meinem Kopf los. Nein, das stimmt nicht. Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte Frieden, ehe die Gedanken wie eine Lawine auf mich niedergingen und mich begruben. Dann verfluchte ich diese friedliche Sekunde, weil sie die Lawine noch viel schlimmer machte. Du musst über diese Gedanken hinwegkommen, sagte ich mir immer wieder. Du musst, du musst, du musst. Du musst diese Gedanken töten, bevor sie dich töten. Töten töten töten. Das Dasgupta-Institut ist ein sehr guter Ort, um Gedanken zu töten. Das hatte ich verstanden. Mir war sofort klar, wie froh ich sein konnte, hierhergekommen zu sein. Sonst wäre ich gestorben. Aber die Zeit ist vorbei. Verblasst. Heute Morgen bin ich nur im Bett geblieben, um über meinen gestrigen Fund nachzudenken. Ich wollte genüsslich über etwas Neues nachdenken, das geschehen war, zum ersten Mal seit Monaten. Der gestrige Fund hat mich zum Schreiben verleitet. Ich muss vorsichtig sein.

In einem der Männerzimmer habe ich ein Tagebuch gefunden. Während die Meditierenden meditieren, machen die Helfer sauber. Die männlichen Helfer putzen bei den Männern, die weiblichen bei den Frauen. Die Toiletten täglich, die Duschen und Waschbecken jeden zweiten Tag. Klopapier, Papierhandtücher, Tampons und Binden müssen nachgelegt, Handseife und Bio-Waschmittel zum Waschen von Strümpfen und Unterwäsche aufgefüllt, die Haare aus den Abflüssen geklaubt werden. Es gibt immer noch Leute, die ihre Tampons ins Klo werfen. Das alles macht mir nichts aus, so vergeht der Tag. Es ist seltsam, wie leicht man vom Meditieren zum Fußbodenwischen übergehen kann, als wäre es genau das Gleiche. Aber heute war das Desinfektionsmittel alle. Obwohl ich das natürlich nicht darf, ging ich rüber auf die Männerseite. Ich mache meine Arbeit nicht gern nur halb, und die Meditierenden waren ja alle in der Halle. Ralph und Rob jäteten gerade das Unkraut auf dem Weg. »Im Schrank hinten im Flur«, sagten sie. »Schlaftrakt A.«

Ich holte das Desinfektionsmittel, und dann, auf dem Rückweg, stieß ich eine der Türen im Flur auf, um mir anzuschauen, wie die Zimmer der Männer aussahen. Wieso mache ich solche Sachen? Jemand hätte da sein können, um allein zu meditieren, und dann hätte ich ihn mit meiner weiblichen Gestalt brüskiert. Oder um zu masturbieren! Bei Männern kann man nie wissen. Oder vielmehr, man weiß es nur allzu gut. Mrs. Harper würde einen Herzschlag kriegen.

Es war ein Einzelzimmer, also für jemand Älteren oder Behinderten bestimmt, oder für jemanden, der irgendwie wichtig ist. Ich hatte natürlich noch nie ein Einzelzimmer. Ein Koffer lag offen auf dem Bett, und er war voll mit roten Schulheften, was gegen die Regeln verstößt. Stifte waren auch dabei, ein halbes Dutzend Kugelschreiber. Ich nahm eins der Hefte in die Hand. Allein der Anblick der Handschrift war aufregend. Sie war groß und sehr schräg, so als blase ein starker Wind über die Seiten, unter dem sich die Spitzen der Buchstaben bogen und zum Rand des Blattes neigten. Ich las ein paar Worte und wusste sofort, dass der Typ in ernsthaften Schwierigkeiten steckte. Da du offenbar unfähig bist, zu bestimmen, wer du bist, kannst du ebenso gut nichts werden. Solches Zeug. Da du alle zerstört hast, mit denen du je zu tun hattest, bist du es ihnen da nicht schuldig, jetzt dich selber zu zerstören? Nein, es war besser formuliert. Ich kann mich an den genauen Wortlaut nicht erinnern. Oder hochtrabender. Auf jeden Fall ein Oldie, dachte ich. Aber vielleicht auch nicht. Was weiß ich schon? Vielleicht ein behinderter Wichtigtuer oder ein Streber. Ein Heft war erst halb vollgeschrieben und die letzten Seiten trugen das Datum von dieser Woche. Dort stand etwas über das Ankommen im Dasgupta-Institut und wie ihm zu spät klar geworden war, dass er nicht mehr zu dem Schließfach zurückkonnte, in dem er sein Handy gelassen hatte. Zehn volle Tage ohne Handy. Ich lächelte, weil es mir beim ersten Mal genauso gegangen war. Es geht allen so. Das ist einer ihrer Tricks. Warum schreibe ich so, als wäre das hier für jemand anderen bestimmt? hatte er geschrieben. Ich fand diese Worte seltsam erregend.

Ich nahm eins der Hefte mit auf die Frauenseite. Ziemlich unklug. Als die anderen heute Morgen in der Halle waren, las ich es. Ich meine, ich blätterte es durch. Die Handschrift ist furchtbar, und so sehr interessiert es mich nun auch wieder nicht. Dann, während der nächsten Stunde der Festen Entschlossenheit, als die Luft rein war, brachte ich es zusammen mit dem Desinfektionsmittel zurück, ehe ich eilig in die Halle ging. Zur Stunde der Festen Entschlossenheit müssen alle gehen, sowohl die Meditierenden als auch die Helfer. Es war unklug, denn nachdem ich es gelesen hatte, konnte ich mich nicht mehr aufs Meditieren konzentrieren. Plötzlich waren alle alten Gedanken und Erinnerungen wieder da, sie schrien und brüllten und stampften mit den Füßen, und plötzlich frage ich mich, ob mein ganzer langer Aufenthalt im Dasgupta-Institut nicht reine Zeitverschwendung gewesen ist.

VÖLLIGE HINGABE

ALLE ZEHN TAGE IST ABLÖSUNG im Dasgupta-Institut. Das Schweigegelübde wird vor dem Mittagessen aufgehoben. Die Meditierenden plappern einen Nachmittag lang wie die Wahnsinnigen, geben ihre Spenden ab, solange sie noch aufgeregt sind, und reisen am nächsten Morgen ab. Retreat beendet. Wenn ich also die nächsten acht Tage nicht zurückgehe, um in dem Tagebuch zu lesen, dann wird es zusammen mit dem, der es geschrieben hat, verschwinden, und ich werde in Sicherheit sein. Eine neue Gruppe wird ankommen, und ich werde wieder im Instituts-Trott versinken. Einen Tag habe ich schon geschafft. Ich fühle mich bereits besser, meine Gelassenheit kehrt langsam zurück. Ich erkenne das am Grad der Spannung in meinen Oberschenkeln, wenn ich sitze. Natürlich habe ich keine Möglichkeit, herauszufinden, wer es geschrieben hat, denn wenn alle in ihre Zimmer zurückkehren, kann ich schlecht auf der Männerseite sein. Und selbst dann müsste ich direkt im Flur des Schlaftrakts sein, um sehen zu können, wer durch diese Tür geht; oder draußen vor dem Zimmer, wenn er ans Fenster tritt, um die Vorhänge zuzuziehen. Ich weiß noch nicht mal, welche Frauen in welchen Zimmern sind. Wie denn auch? Es sind so viele. Während des Retreats putzen wir nicht in den Zimmern, aber wenn am Ende unter allen Betten gefegt wird, dann staunt man, was da alles zum Vorschein kommt. Zigarettenschachteln, Essenspapier, Schokoriegelpapier, Kekspackungen. Einmal sogar eine Branntweinflasche. Die Leute sehen so ernst aus, wenn sie mit ihren Kapuzen auf den gesenkten Köpfen vor dem Morgengrauen in die Meditationshalle eilen, aber fast alle haben verbotene Sachen in ihrem Zimmer.

»Was wir in den nächsten zehn Tagen von Ihnen erwarten«, sagt Harper, wenn die Leute ankommen, »ist völlige Hingabe.« Es ist das einzige Mal, dass er eine Rede hält, und er macht es nüchtern und geradeheraus. »Sie müssen sich ganz in unsere Hände begeben. Das ist der einzige Weg, Ergebnisse zu erzielen.« Die Leute blicken feierlich und zustimmend drein. Sie haben das Gelaber bereits auf der Webseite gelesen, es kommt also nicht überraschend. Aber alle halten irgendetwas zurück: eine Zeitschrift, Zigaretten, einen MP3-Player, irgendetwas von sich, an dem sie sich während der zehn Tage des Schweigens festhalten können. Einmal habe ich einen Analvibrator gefunden. Das hat mich irritiert. Ich musste lachen. Ich habe ihn Harper gezeigt. Ich werde ziemlich sauer, wenn Leute gegen die Regeln verstoßen. Man sieht es, wenn sie Blicke austauschen, obwohl sie es nicht dürfen. Edle Stille bedeutet auch kein Augenkontakt, keine Intimität, kein Gekicher. Man denkt, wozu mache ich mir die Mühe, wenn es ihnen egal ist? Aber ich muss auch darüber lächeln und freue mich, wenn sie es tun. Schließlich habe ich selber in den ersten zehn Tagen hier eine ganze Menge geredet. Bei mir im Zimmer war ein nettes französisches Mädchen, das mich umarmt und mir Pfefferminzdrops gegeben hat, wenn ich geweint habe. Sie war total süß und mitfühlend. Ich habe ihren Namen vergessen. Carl und ich haben viel über das Geben gesprochen. Er meinte, in der Liebe sei der einzige Weg der, sich völlig hinzugeben. Das wäre Liebe. Ich sagte, das sei nichts, was man einfach beschließen könne, ja oder nein. Manche Leute gaben total viel, auch wenn sie es gar nicht wollten, und andere konnten nicht geben, obwohl sie es wollten, und genauso war es mit der Musik und allem anderen, was Engagement verlangt. Man tat es oder man tat es nicht, man konnte es oder man konnte es nicht, je nachdem, je nach den Umständen. Es war keine Entscheidung, die man einfach so treffen konnte. Jetzt schaue ich mir neuerdings heimlich in der Meditationshalle die Männer an und rätsele, wer es wohl sein könnte. Wieso will ich das wissen? Vor zwei Tagen hätte ich noch Zuflucht zu den Drei Juwelen genommen. Buddham saranam gacchami. Dhammam saranam gacchami. Sangham saranam gacchami. Allein schon das Aufsagen dieser Worte war ein Vergnügen. Ich nehme Zuflucht zum Dhamma. Aber jetzt nicht. Jetzt werde ich es nicht tun. Es hat sich etwas verändert. Anicca.

Drei Zufluchten und auch drei Orte auf dem Gelände, wo man die Männer beobachten kann. Es ist erstaunlich, wie gewitzt sie im Dasgupta-Institut die Geschlechter voneinander trennen. Wenn die Neuen ankommen, mit dem eigenen Auto oder mit dem Minibus, der sie von der Bushaltestelle herbringt, dann haben sie den Eindruck, in ein gewöhnliches altes Bauernhaus zu kommen. Es gibt eine Veranda und einen Flur – alle plappern und lachen –, dann links einen Raum mit Schließfächern. Man legt seine Sachen in ein Schließfach, ähnlich wie im Schwimmbad – Geld, Bücher, Stifte, Telefon, Laptop. Dann dreht man den Schlüssel um, und er fällt einem in die Hand, man hat also nicht das Gefühl, keinen Zugang mehr zu seinen Sachen zu haben. Man hat ja den Schlüssel. Man kann jederzeit wieder hingehen. Glaubt man.

Als Nächstes kommt ein riesiger Raum, der mal eine alte Scheune gewesen sein muss, oder ein Kuhstall, mit Esstischen in langen Reihen, und die Frauen gehen nach ganz hinten rechts, um sich anzumelden, die Männer nach links. Dann, während Harper seinen Spruch über die völlige Hingabe aufsagt, wird der Raum mit den Schließfächern verschlossen und die Tür, die zurück zum Eingang und zur Außenwelt führt, zugemacht und der Zutritt verboten. Und während er zum Ende seiner Rede kommt und allen ein gutes Retreat wünscht, entfalten zwei Helfer schweigend in der Mitte des Speisesaals zwischen den Tischen für die Frauen und den Tischen für die Männer eine Trennwand und sichern sie mit Bolzen. Das war’s dann. Man kommt nicht mehr zu seinen Sachen im Schließfach und auch nicht nach draußen zur Straße, und man kann nicht mehr mit Angehörigen des anderen Geschlechts reden. Der einzige Weg aus dem Saal führt zu den Toiletten, den Schlaftrakten, der Meditationshalle und dem Erholungsgarten, die alle streng nach Männern und Frauen getrennt sind.

Manchmal, wenn Paare dabei sind, regt sich jemand auf. Sie wussten, dass sie getrennt werden würden, aber sie hatten keine Zeit, sich zu verabschieden. Ich erinnere mich an eine Schwangere, die richtig hysterisch wurde. Es ist immer mindestens ein Paar dabei, das ein Kind erwartet; immer das erste Kind. Sie möchten sich heilig und gesegnet fühlen. Sie empfinden Ehrfurcht vor der Schöpfung. Diese Frau kam angelaufen, als wir die Bolzen an ihren Platz schoben. Es macht mir ziemlichen Spaß, die Trennwand einzuziehen. Ich melde mich immer freiwillig dafür. Sie fing an zu schreien und hämmerte mit der Faust gegen die Wand. »Abschiede werden meist überbewertet«, habe ich zu ihr gesagt.

Nach dieser Trennung gibt es noch drei Orte, von denen man einen Blick auf die Männer werfen kann, oder vielmehr, von wo aus man sehen kann, wie sie versuchen, einen Blick auf die Frauen zu werfen. Der Drahtzaun, der vom Toilettengebäude bis zur Meditationshalle verläuft, ist noch nicht ganz mit Kletterpflanzen bedeckt. Es gibt ein paar Lücken. Wir sprechen hier also von Blicken durch ein Drahtnetz und Zweige von Jasmin und Hagebutten auf Mitglieder des anderen Geschlechts, die spazieren gehen, während man selber spazieren geht. Mit ein bisschen Glück kriegt man vielleicht einen netten Hippie-Typen zu sehen, aber meistens sind es trübsinnige, schlaksige Jungs oder ältere Männer mit Fettwänsten, die dort mit gesenkten Köpfen herumschlurfen. Für ältere Männer muss es im Dasgupta-Institut schwer sein. Sie hatten mehr Zeit, um schlechtes Karma und sankharas anzuhäufen. Ich wette, ihre Oberschenkel und Knöchel brennen höllisch während der Sitzungen der Festen Entschlossenheit. Mädchen machen die ganze Scheiße früher durch, schätze ich. Mit dreißig werde ich vermutlich entweder gereinigt oder tot sein.

Hinter der Halle ist ein weiterer Zaun, der die große Wiese teilt, und dahinter kommt der Wald. An diesem Zaun wächst kein Efeu oder so etwas, aber die Wege sind meilenweit voneinander entfernt, und das Gras zu beiden Seiten wird nicht geschnitten, daher ist es hoch und nass. Wenn man beim Spaziergang auf dem Feld den Kopf wendet, sieht man vielleicht einen Mann, der drüben in seinen weiten Meditationshosen und einem schäbigen T-Shirt herumschlendert. Im Dasgupta-Institut sind alle schäbig angezogen. Oder vielleicht sitzt jemand auf der Bank oben am Wiesenrand und schaut auf die Landschaft hinaus. Die Leute sitzen mit starrem Blick da, ohne wirklich etwas zu sehen. Aber das ist auch schon alles. Wenn man natürlich die ganze Wiese überquert und in den Wald hineinläuft, dann den Weg verlässt und sich durch das Brombeergestrüpp zum Zaun schlägt, dann könnte man dort theoretisch von Angesicht zu Angesicht mit einem Mann sprechen. Ich wette, einige Paare machen das. Wenn es ganz dringend ist, kann man sogar rüberklettern und sich küssen.

Der Zaun ist nicht sehr hoch. Paare müssen im Dasgupta-Institut eine spezielle Klausel unterschreiben, die besagt, dass sie während der ganzen zehn Tage des Retreats weder miteinander sprechen noch sich berühren dürfen. Aber warum denke ich jetzt daran? Das sollte ich nicht. Ich sollte nicht an Liebespaare denken, die versprechen, dass sie nicht einmal versuchen werden, einander anzuschauen. Was für ein Luxus! Stellen sie sich ein Paar vor, das verliebt ist, sie erwartet ein Baby, er verehrt sie, und sie schwören hoch und heilig, zehn Tage lang nicht miteinander zu sprechen oder sich anzufassen. Zehn kostbare Tage ihrer Schwangerschaft werden sie schweigend und unterwürfig verbringen, werden meditierend dasitzen und ihren Geist reinigen, um für die Geburt ihres Erstgeborenen bereit zu sein. Physisch sind sie sich ziemlich nah – das Dasgupta-Institut ist nicht gerade riesig –, aber sie versuchen nicht, miteinander in Kontakt zu treten, außer vielleicht im Geiste, da senden sie sich ständig geflüsterte Botschaften der Liebe und der Zuversicht: Ich liebe dich, mein Schatz, ich liebe dich wirklich sehr, bald wird unser Baby geboren, es wird stark sein und hübsch, und ich werde es umso mehr lieben, weil es unser Baby ist, ich werde dich in ihm lieben, oder in ihr, und natürlich können sich die beiden Eltern in spe absolut sicher sein, dass sie einander zwar nicht im Arm halten können, der andere sie aber auch nicht betrügen kann, das ist unmöglich, denn wie sollte irgendjemand im Dasgupta-Institut jemand anderen betrügen? Also werden sie sich die ganzen zehn Tage lang total rein fühlen, weil sie auf das Reden und das Anfassen verzichten und gleichzeitig ganz sicher wissen, dass sie, sobald sie nach Hause kommen und sich immer noch rein und heilig fühlen und über all ihre seltsamen und wunderbaren Meditationserlebnisse quatschen, sofort in die Kiste springen werden, um sich unglaublich liebevoll und genüsslich zu lieben.

Ich wusste, ich hätte nicht anfangen sollen, darüber nachzudenken. Ich hätte nicht anfangen sollen zu schreiben. Eins führt zum anderen, wenn man nachdenkt und seine Gedanken niederschreibt. Falsche, leere Fantasien, schmerzliche Gedankenformationen, sankharas. Diese Paare wissen ganz genau, zwischen was sie sich befinden, wenn sie ins Dasgupta-Institut kommen. Sie befinden sich zwischen Küssen und Zärtlichkeiten. Kein Wunder, dass sie sich nicht mit den Brombeerbüschen im Wald herumschlagen. Das würde ihnen nur den Spaß verderben, den sie haben werden, wenn sie mit ihren gereinigten Ichs oder Nicht-Ichs wieder zu Hause im Bett liegen. Ohne Kondome, denn sie trägt ja schon sein Baby im Bauch. Von wegen, sich von allen Anhaftungen lossagen. Von wegen, das Verlangen überwinden. Ich wusste, ich hätte nicht anfangen sollen, darüber nachzudenken. Wie Jonathan damals aus Australien zurückkam. O Gott. Der Geist ist Feuer. Da sagt Dasgupta etwas Wahres. Worte sind Funken. Gedanken Feuerwerkskörper. Man zündet die blaue Papierlunte an, und jedes Mal ist sie zu kurz. Die Gedankenexplosion trifft einen voll ins Gesicht. Aber ich würde ihr Glück gar nicht wollen. Wirklich nicht. Auch nicht ihr Baby. Nein, auf keinen Fall. Sie werden einander früh genug enttäuschen. Ganz sicher. Alle. Sie werden mit der Angst leben, enttäuscht zu werden, oder mit dem Grauen, selber zu enttäuschen. Oder beides. Die Liebe wartet nur auf den Verrat, egal wer von beiden schuld ist, dann kommt der Aufruhr, dann die qualvolle Leere. Von wegen, Gelassenheit. Der Typ mit dem Tagebuch weiß das. Ich will ihre Illusionen nicht. Ich will auch keine Songs darüber schreiben, weder über ihre Illusionen noch über ihre Enttäuschungen. Ein Song über das Glück ist immer auch ein Song über die kommende Enttäuschung. Je größer das Glück, umso lauter höre ich die Leute weinen. Ich will nicht über sie schreiben oder sie mir vorstellen. Auch nicht ihr Baby. Mama und Papa. Dennoch wünsche ich ihnen alles Gute. Wirklich. Ich versuche es. Mögen sie vollkommen erleuchtet werden, mögen sie von Glück und mitfühlender Freude erfüllt werden, möge ihr Kind gesund und schön heranwachsen auf dem Weg des Dhamma. Mögen alle Wesen glücklich und friedvoll sein, mögen alle Wesen frei sein, frei, frei, frei.

Der dritte Ort, wie gesagt, an dem man die Männer sehen kann, ist die Meditationshalle selbst. Sie sitzen links, wir rechts. Siebzig Matten auf ihrer Seite, in Reihen, alle mit blauen Kissen und grauen Decken darauf. Siebzig Matten auf unserer Seite mit blauen Kissen und weißen Decken, oder sagen wir cremeweißen. In der Mitte ein breiter Gang. Die Männer haben ihre eigene Videoleinwand, hoch oben an der vorderen Wand. Wir haben unsere. Unsere Blicke dürfen sich nicht kreuzen, wenn wir Dasguptas Reden verfolgen. Ein Mann bedeutet eine Ablenkung für eine Frau, und eine Frau bedeutet eine massive Ablenkung für einen Mann. Wenn man allerdings zur Stunde der Festen Entschlossenheit ein bisschen verspätet in den Saal käme, dann hätte man Gelegenheit, auf dem Weg zu seinem Platz mit einem einzigen Blick zur anderen Seite alle Männer abzuchecken. Aber meine Matte ist ziemlich weit vom Gang entfernt, und ich habe keine Ausrede, näher heranzugehen. Ich bin froh darüber. Wozu muss ich mir Männer angucken? Es sei denn, ich erfinde einen Grund, zu Mi Nu Wai zu gehen und vor ihr niederzuknien, mit einer besonderen Bitte.

Alle, die in die Meditationshalle kommen, ziehen auf der Veranda ihre Schuhe aus, die Männer links auf ihrer Veranda, wir Frauen rechts auf unserer. Dann tapsen alle barfuß oder auf Socken herein, gehen zu ihren Matten, machen sich mit ihren Kissen und Decken zu schaffen, setzen sich in Position und schließen die Augen. Keiner schaut sich um, außer den Lehrern und ihren Assistenten. Zwei männliche Assistenten, zwei weibliche. Sie kontrollieren, wer kommt. Sie haben Listen. Die Aufnahme fängt erst an, wenn alle auf ihrem Platz sitzen. Sie überprüfen auch unsere Kleidung. Einmal wurde ich zurückgeschickt, weil ich vergessen hatte, einen BH anzuziehen. Das ist schon lange her. Mein T-Shirt sei sehr eng, meinten sie. Es war mir peinlich, aber es freute mich auch. Auf dem Weg schaute ich kurz im Badezimmer in den Spiegel. Sie hatten recht. Man konnte die Brustwarzen sehen. Wie auch immer, heute habe ich kurz den Kopf gehoben und nach links geschaut, als ich durch die Kissenreihen ging. Aber weil die Assistenten der Lehrer einen ständig beobachten, kann man das andere Geschlecht nicht richtig abchecken. Sie würden es merken. Und was würde ich ohne meine Brille schon erkennen? Ich werde nicht anfangen, beim Meditieren meine Brille zu tragen. Letztendlich ist es mir egal, wer der Tagebuchschreiber ist. Nur einer von vielen Männern mit Problemen. Ein Schwein oder ein Versager. Oder beides.

Wenn ich mich auf meiner Matte in Position gesetzt habe, schaue ich nur noch Mi Nu Wai an. Mii Nuu Waaii. Sie sitzt vorne auf einem breiten, niedrigen Hocker, fast wie ein Tisch, mit einem weißen Kissen, in weiten weißen Hosen und weißer Bluse. Ihre Schultern sind so schmal wie die eines Vogels, und wenn sie sich ihr Tuch um den Hals schlägt, dann sieht es so aus, als wäre ihr dunkles Haar die Spitze eines hellen Dreiecks, das ein Stückchen über uns schwebt. Ihr Rücken ist gerade, aber nicht aufrecht, sie lehnt sich leicht nach vorne, den Meditierenden entgegen, und ihr Gesicht ist ernst und heiter nach oben gerichtet. Sie ist so still, so bleich, so zeitlos, so beinahe nicht da, dass man sie ganz unwillkürlich anstarrt, so wie man etwas am Horizont anstarrt, das gleich verschwinden wird. Ich setze mich und ziehe die Knöchel in den Schritt. Ich möchte sein wie Mi Nu Wai. Ich sehne mich nach ihrer Ruhe, ihrer Geisterhaftigkeit. Beth Marriot ist zu fleischlich und zu unruhig, mit ihren dicken Oberschenkeln und ihren großen Titten, die unter ihrem Fleecepullover in ein Bikinioberteil gezwängt sind. Du bist ein Tittengekicher, Betsy M, hat Jonathan gesagt, ein wahres Gegurgel, Gegluckse, Geglotze und Gegoogel von Titten. Bikinioberteile waren mir schon immer lieber. Ich brauche keine Stütze. Nur, um die Nippel zu verbergen. Das hat ihn verrückt gemacht. Und heiß.

Halt.

Atme.

Achte auf deinen Atem.

Das Einatmen, das Ausatmen.

Das linke Nasenloch, das rechte Nasenloch.

Atmen ist wunderbar; dieses ganz leise Hin und Her, das kaum merkliche Streichen über die Lippe.

Wie kann Mi Nu nur so still sitzen? Mit einer einzigen Bewegung setzt sie sich hin, sammelt sich und ist augenblicklich still. Nicht wie etwas, das abgeschaltet oder tot ist, eher eingeschaltet, leuchtend und lebendig. Ihre Ruhe glänzt wie der Mond. Ich spüre sie aus fünf Metern Entfernung. Mi Nu ist der Mond, wenn sie sich von ihrem erhöhten Sitz aus über mich beugt, bleich und hell und still. Ein vages Lächeln hebt ihre Mundwinkel an. Ich muss werden wie sie. Manchmal habe ich den Eindruck, sie schaukelt ein bisschen, ganz leicht, vor und zurück, so als wolle sie noch tiefer in die Stille und das Schweigen einsinken. Oder vielleicht bin ich es. Ich bin in Trance, wenn ich Mi Nu anschaue. Meine Augen sind halb geschlossen. Eine rauschhafte Zärtlichkeit wallt langsam in meiner Brust auf. Dann kann ich nicht mehr sagen, ob sie es ist, die ganz leicht schaukelt, oder ich. Wir sind aneinandergeheftet, so wie man seinen Blick nachts auf den Mond heftet, oder auf den endlosen Sternenhimmel, wenn man auf dem Rücken am Strand liegt. »Bist du mondsüchtig, oder was?«, fragte Carl. »Worüber denkst du nach, Beth? Mein Gott, sprich doch mit mir!«

Mein Blick ruht auf Mi Nu. Vergangen ist vergangen. Ich muss werden wie sie. Ich liebe ihr schwarzes Haar, das auf das cremeweiße Schultertuch fällt. Sie setzt sich ohne jedes Getue in Position. Die weiche weiße Wolle umhüllt sie und wird still. Ich mag es besonders, wenn sie ihr Haar zum Pferdeschwanz gebunden trägt. Ihre Haut und das Schultertuch verschmelzen miteinander und bekommen einen geisterhaften, sanften Schimmer. Die Luft ist ein Heiligenschein für Mi Nu. Sie ist ein Lichtkegel. Sie ist ein Kegel aus weißem Licht, sie konzentriert den Raum um ihre Stille. Aber jetzt hat bereits der Gesang begonnen. Nur noch fünf Minuten. Mi Nu hat mich eine volle Stunde lang an ihre Stille gefesselt. Ich habe kein bisschen gelitten oder gezappelt. Feste Entschlossenheit war gar nicht nötig. Meine Verehrung hat ausgereicht. Ihr Gesicht reagiert nicht auf die kehlige Stimme Dasguptas, die den Gesang eröffnet. Buddham sarana gacchami. Nicht die leiseste Regung. Das Lächeln schwebt hell und ruhig im Raum. Der Mond segelt in tiefer Stille durch die Zeit. Ich liebe Mi Nu Wai.

Dann ist die Aufnahme zu Ende, und mit einer einzigen Bewegung ist sie auf den Beinen. Das Tuch rutscht von ihrem Rücken. Mit einer einzigen schnellen und geschmeidigen Bewegung steht sie auf, wie eine Schlange, die sich in ihrem Korb aufrichtet. Keine Spur von Steifheit. Sie schaut sich um und grinst, ziemlich keck eigentlich, und wirft die schwarzen Haare zurück. Ach, ich bete sie an. Ich liebe ihre flache Brust. Ich will wie sie sein, will neben ihr sitzen, neben ihr essen, ihr gegenüber meditieren. Ich will auf der Bühne sein und mit ihr singen, meine Hüfte gegen ihre prallen lassen. Ich will meine Tage haben, wenn sie ihre hat, dasselbe Bad benutzen, im selben Bett schlafen, meine Kleider mit ihr teilen. Ich will ihren Atem riechen und ihr die Haare hochbinden. Wer schert sich schon um kranke Männer und ihre Tagebücher? Wer braucht solche Geschichten von Leid und Elend? Mi Nu hat gar keine Geschichte. Sie ist ein Strom der Stille. Nicht wie die durchgeknallte Zoe, die Pillen schluckt und jede Menge Liebhaber hat. Trotzdem werfe ich beim Aufstehen einen Blick in Richtung der Männer. Ich kann es nicht lassen. Sie schütteln die steifen Beine, recken sich und stöhnen. Um auf diese Entfernung viel zu erkennen, bräuchte ich meine Brille. Ein Typ mit einem roten Halstuch. Der ist es nicht. Ein plumper Oldie hat sich einen Armsessel aus Kissen gebaut. Aber es sind siebzig Männer da drüben. Ich will den Blick nur auf Mi Nu richten, mein Leben lang.

DUKKHA

ICH MAG LÄRM UND ICH MAG STILLE. Ich habe mein Gehör durch Kopfhörer und Verstärker geschädigt. Ich vermisse mein Klavier, meine Gitarre, mein Wah-Wah. Allerdings nicht sehr. Eigentlich ist es mir egal, was ohne mich aus der Band wird. Ich habe für die Band alles aufgegeben, und dann habe ich für nichts die Band aufgegeben. Ich habe Carl aufgegeben. Ich bin nicht nach Hause zurückgegangen und habe mich auch nicht fürs College oder bei der Universität beworben. Ich habe mich nicht bei Jonathan gemeldet. Oder mir einen Job gesucht. Mögen alle Wesen frei von Anhaftungen sein. Mögen alle Wesen befreit werden. Du bildest dir gern ein, dass du Sachen vermisst, Beth Marriot, aber das stimmt gar nicht. Du vermisst nicht mal das Singen.

Kann das wahr sein?

Heute Morgen bin ich schon um vier Uhr aufgestanden. Ich war draußen, bevor die anderen aufwachten. Ich habe mich auf der Wiese hinter der Halle ins nasse Gras gelegt. Heute werde ich noch einmal in das Tagebuch schauen. Ich habe den Entschluss nicht wirklich gefasst, aber ich weiß, dass ich es tun werde. Etwa so, wie als du dachtest, du hättest aufgehört zu rauchen, aber irgendwo im Kopf wusstest du, es stimmt nicht, du wusstest, dass du dir früher oder später wieder eine anstecken würdest. Und dann dachtest du voller Freude daran, wie sehr du diese erste Zigarette genießen würdest. Und voller Scham. Mal wieder hattest du es nicht geschafft, einen Entschluss zu fassen. Du konntest dich nicht entschließen, mit Carl zusammenzuleben, konntest dich nicht entschließen, Carl zu verlassen, konntest dich nicht entschließen, der Band alles zu geben, konntest dich nicht entschließen, die Band zu verlassen, konntest dich nicht entschließen, auf die Uni zu gehen – welche Uni? Um was zu studieren? –, konntest dich nicht entschließen, eine Stelle bei Marriot’s anzunehmen, konntest dich nicht entschließen, dir einen anderen Job zu suchen, konntest dich zu rein gar nichts entschließen. Null. Aber die erste Zigarette wird toll schmecken. Der erste Zug. Sobald dir klar wird, dass du nicht richtig aufgehört hast, schiebst du den Moment natürlich so lange wie möglich hinaus, um die Vorfreude zu genießen. Hmmm. Es ist schön, vor Morgengrauen zwischen den Maulwurfshaufen im nassen Gras zu liegen. Hier gibt es nichts zu beschließen. Die Kälte dringt in einen ein. Ich spüre, wie sie mir den Rücken hochkriecht. Das Gefühl fängt unten an der Wirbelsäule an und klettert hinauf bis zu den Schultern. Kälte kann so guttun. Der Himmel ist grau, verschleiert. Es ist noch zu früh für Vögel. Auf den Hügeln liegt Nebel. Hör mal. Die Stille heult. Ich schließe die Augen und höre Brandungsrauschen. Es ist weit weg. Die Brandung, die ans Ufer schlägt und den Kies wegschlürft. In den Wellen ist es kalt, richtig kalt.

Halt.

Atme.

EIN BADEUNFALL, JONNIE. ICH LIEGE AUF DER INTENSIVSTATION.

Halt.

BITTE KOMM HER. BITTE, JONNIE.

ICH KANN NICHT, BETH. ICH KANN JETZT NICHT KOMMEN.

Dukkha, Jonathan. Das ganze Leben ist dukkha. Leid und Unzufriedenheit. Da sagt Dasgupta etwas Wahres. Sogar das Glück ist dukkha. Ja. Es ist wahnsinnig kalt hier auf dem Rücken im nassen Gras. Mein Kopf wird langsam taub. Aber hinter mir im Gebüsch muss ein Tier sein. Es scharrt. Ein Kaninchen oder ein Igel. Der Frühling ist im Anzug. Ich werde noch einmal in das Tagebuch schauen.

Mi Nu Wai kommt erst um sechs zur Morgensitzung, wenn der Gesang beginnt. Ich setzte mich eine Stunde dazu und ging dann in die Küche, holte die Töpfe heraus, füllte sie mit Krügen voll Wasser aus den Boilern und maß die Haferflocken ab. Ich mag die Küche in der Morgendämmerung. Fünfeinhalb Kilo Haferflocken auf zwölf Liter Wasser. Das ist für die Männer. Viereinhalb zu zehn für die Frauen. Ich bewege mich gern in der Küche, schalte alles ein, in Ruhe, allein. Die Haferflocken sind weich und trocken und süß. Haferflockig. Alles ist morgens ganz es selbst. Alles ist einfach da, wartet nicht auf meine Finger, die Gasbrenner anzünden und Teller herumschieben. Einfach da. Ganz still. Der Herd, die Streichhölzer, die glänzenden Schöpflöffel, die über dem Herd hängen.

Während das Wasser heiß wurde, deckte ich im Speisesaal der Frauen den Frühstückstisch, füllte Müsli und Sonnenblumenkerne nach, öffnete die Marmeladengläser, die Töpfe mit Erdnussbutter, Honig und Hommus. Der klebrige Geruch tut bei mir jedes Mal seine Wirkung, er versetzt mich in Frühstückslaune. Milch musste geholt werden, Kuhmilch und Sojamilch. Teebeutel. Das oberste Gebot für einen Dhamma-Helfer lautet, sich nie für unentbehrlich zu halten. »Wenn du dich gestresst fühlst und nicht im Geist der Liebe arbeiten kannst, hör sofort auf.« Das ist die Vorschrift. »Geh in die Meditationshalle und meditiere.« Lieber kein Helfer als einer, der negative Energie ausstrahlt und die sankharas vervielfacht.

Nur, dass ich eben doch unentbehrlich bin. Ich bin immer vor den anderen da, egal, wer Dienst hat. Tatsache ist, Mrs. Harper überträgt mir neuerdings eine Menge Verantwortung. Ich kenne die Abläufe, die Speisepläne, die Rezepte. Die anderen kommen und gehen. Sie hat nie wortreich erklärt, dass sie die Aufgaben an mich delegiert, ich war nie offiziell die Küchenchefin, das trauen sie mir nicht zu, aber genau das hat sie getan. Der Küchenchef, der gerade zuständig ist, kann nicht mal Spiegelei machen. Und er ist ein Schwätzer. Paul die Bohnenstange. Ich kann Schwätzer nicht ausstehen.

Meredith erscheint, noch im Halbschlaf.

»Deine Schürze?«, frage ich. »Haube?«

Rob macht einen indischen Tee für sich selber.

»Hat irgendwer die Backpflaumen rausgestellt? Ist bei den Männern schon gedeckt?«

Ich bin immer unentbehrlich gewesen. In der Band, für Carl, für Dad – immer. Ohne Bossy Beth hätten wir keine Auftritte gekriegt. Wir wären nie rechtzeitig angekommen, hätten nie unser Geld bekommen. Wie hätten meine Eltern es schaffen sollen, zusammenzubleiben, wenn ich nicht da gewesen wäre, um mir anzuhören, wie sie sich übereinander beklagen?

»Es hat keinen Sinn, den Toast jetzt schon zu machen«, erkläre ich Ralph. »Bereite einfach den Ofen vor und leg das Brot auf die Bleche. Kein Mensch will kalten Toast.«

Ralph ist der einzige Helfer, der hart arbeitet. Um mich zu beeindrucken.

»Dein Rücken ist nass, Bess«, sagt er mit seinem deutschen Akzent.

Ich runzele die Stirn. Ich werde nicht antworten.

»Wieso denn, Bess?«

Rechte Rede ist normalerweise gar keine Rede. Nicht reden, kein Blickkontakt. Edle Stille. Dann setzt der Gesang ein – ananta punyamayi. Es wird Zeit, die Haferflocken ins Wasser zu tun. Ananta punyamayi. Alles befindet sich in ständigem Wandel, hat der Buddha gesagt. Anicca, anicca. Alles entsteht und vergeht. Schmerzen, Freude, Beziehungen. Alles entsteht und vergeht. Aber im Dasgupta-Institut setzt jeden Tag um Punkt sechs Uhr der Gesang ein, in der Meditationshalle und in der Küche. Sie übertragen ihn. Ananta punyamayi. In der Halle wissen die neuen Schüler mit den Sitzschmerzen dann, dass sie nur noch eine halbe Stunde durchhalten müssen, und die Helfer wissen, dass sie sich mit dem Essen beeilen müssen.

»Du musst doch frieren«, sagt Ralph.

»Ananta gunyamayi.« Ich summe gern mit. Ich habe ganze Passagen gelernt, obwohl ich keine Ahnung habe, was sie bedeuten. Wie damals, als ich mit Pocus eine Nummer auf Japanisch zum Besten gegeben habe. Die Leute fanden mich auf Japanisch sehr überzeugend.

»Was ist denn passiert?« Ralph quasselt weiter. »Du bist klatschnass, Bess.«

Klatschnass war ein Jonathan-Wort. »Du bist klatschnass, Betsy M. Du schlimmes kleines Mädchen. Klitsche-klatsche-nass und heiß.« Für Jonathan war ich nie unentbehrlich.

»Bring das Obst raus«, sage ich zu Rob. »Check noch mal, ob die Äpfel und Birnen gewaschen sind.

Ralph sagt: »Wenn du dich umziehen willst, Bess, dann mache ich den Haferbrei.«

»Du leistest zum ersten Mal Service, oder, Ralph?«

»Ja.«

Er lächelt. Er hat mich dazu gebracht, etwas zu sagen.

»Weißt du noch, was auf der Webseite steht, gleich am Anfang? Auf der Seite über den Dhamma-Service?«

Er hat wirklich ein hübsches Gesicht. Schöne volle Lippen.

»Da steht: ›Helfer zu sein ist eine Gelegenheit, im Dhamma zu wachsen, indem man anderen hilft, und nicht eine Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen.‹«

Bavatu sava mangelam.

Komisch, aber es ist mir nie gelungen, herauszufinden, wo in der Küche die Lautsprecher sind. Es klingt, als käme Dasguptas Stimme aus dem Ofenrohr oder den Abflüssen. Er ist jetzt bei der abschließenden Segnung angekommen. Aber er zieht sie gern in die Länge. Drei Mal. Jedes Mal ein bisschen länger.

Baavaatuu saavaa maaangelam.

Mögen alle Wesen glücklich sein. Noch einmal. Ich prüfte den Haferbrei in beiden Pfannen und griff nach den Topflappen.

Baaaaavaaaaatttttuuuuu saaaavaaaa ma-anageh-laaaaaaaaaaaam.

Dasgupta dehnt es ewig aus, als letzte kleine Schikane, um die Gelassenheit der Sitzenden auf die Probe zu stellen. Ich glaube, er hat Sinn für Humor. Jetzt sind sie nur noch drei langsame sadhus von der Erlösung entfernt, drei Amen trennen sie vom Frühstück.

Ralph sagte: »Diese Pfanne ist zu schwer für dich, Bess. Ich mach schon.«

»Offensichtlich nicht«, entgegnete ich.

Saaadooo.

Ich hievte den Topf für die Frauen von der Platte und knallte ihn auf einen Servierwagen.

Saaadooo.

»Und merk dir endlich: Ich heiße Beth, Ralph, Beth, th th th, nicht Bess. Kannst du denn kein ›th‹ aussprechen, verdammt noch mal?«

»Bess.«

Saaadooo.

Aus. Sie sind frei. Und hungrig.

Ich stieß den Servierwagen durch die Schwingtür in den Flur und durch die Tür zum Frauenspeisesaal, dann hievte ich die Pfanne auf den Tisch. Ich mag dabei das unvermittelte Gefühl harter Hitze an meiner Brust. Wenn man den Deckel abnimmt, quillt der Dampf heiß und heimelig duftend heraus. Ich fröstelte, meine Kleider klebten an meinem Rücken. Ich beugte mich über die Pfanne und ließ mir die Hitze ins Gesicht steigen. Aber die Leute standen bereits vor der Tür. Erst der dritte Tag, und schon hatte sich eine Gruppe von Frühankömmlingen gebildet. Sie mussten die Meditation vorzeitig verlassen haben. Sie wollen sichergehen, dass sie eine Banane abbekommen. Ich habe Mrs. Harper gesagt, dass wir, wenn wir nur für die Hälfte der Teilnehmer Bananen haben, eine Situation herbeiführen, in der manche von ihnen sich schlechtes Karma einhandeln, weil sie gierig danach greifen. Die Kiwis und die Orangen stoßen bei Weitem nicht auf so großes Interesse, und Äpfel haben wir im Überfluss. »Vielleicht sollten wir die Bananen gänzlich streichen«, schlug ich ihr vor. Man sieht Leute, die ihren Platz in der Haferbrei-Schlange aufgeben, um sich eine Banane zu schnappen, und sich dann ganz hinten wieder anstellen und mit dem Obst in der Hand bereitwillig warten. Ehe ich das Schild PRO PERSON NUR EINE BANANE aufgestellt hatte, haben manche Schüler zwei genommen.

»Warum beobachten Sie die anderen?«, fragte Mrs. Harper lächelnd. »Es steht uns nicht zu, ihr Karma zu berechnen.«

Könnte ich dieses Gespräch doch nur mit Mi Nu führen, aber sie kommt nie in den Speisesaal. Sie isst allein im Bungalow der Leiterin. Mrs. Harper ist ein wunderbarer Mensch. Sie ist langsam und voll, fast geschwollen, sehr freundlich und vage, und sie scheint sich auf Rädern zu bewegen, statt zu gehen; sie dreht sich ganz langsam in ihren weiten, knöchellangen Kleidern. Vielleicht verbergen sich dort unten tatsächlich Gummiräder, die von einem geräuschlosen Motor angetrieben werden. Mit einer einzigen Geschwindigkeitsstufe. Schneckentempo. Es ist unglaublich, wie langsam sie ist. Aber ich mag das. Nichts an ihr ist flatterig. Wenn ich Mrs. Harpers breites, blasses Gesicht mit dem selbst geschnittenen Pony anschaue, dann kommen mir Wörter wie matronenhaft oder Müttergenesungswerk in den Sinn, und wenn ich mit ihr spreche, fällt mir jedes Mal ihr Ehering auf, der in das geschwollene Fleisch ihres Fingers eingesunken ist. Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass sie ihn jemals abnimmt und ihn ihrem Mann vor die Füße wirft. »Verpiss dich, du scheinheiliger, gemeiner Lügner!« Wäre ich bei den Harpers aufgewachsen, dann wäre ich vollkommen anders. Sie sind so ruhig zusammen. Ich bezweifle allerdings, dass sie miteinander schlafen. Ich bezweifle, dass sie Kinder haben. Als ich Mr. Harper den Analvibrator gezeigt habe, trat so ein Ausdruck in sein Gesicht.

»Meinen Sie«, fragte ich Mrs. Harper, »dass die Helfer überhaupt Bananen essen sollten, ich meine, wenn nicht genug für alle Meditierenden da sind?« Sie lächelte. Sie hat einen leichten amerikanischen Akzent. »Liebe Elisabeth, wenn Sie gerne eine Banane essen möchten, dann tun Sie das ruhig. Niemand möchte, dass Sie darauf verzichten.«

Ihr Blick wirkt immer überrascht, auf eine großzügige Art. Sie spricht mit gurrender, gedehnter Stimme. Auf der anderen Seite erinnert sie uns ständig daran, dass die Helfer erst essen dürfen, wenn die Meditierenden fertig sind; wir sind da, um sie zu bedienen, wenn wir also Bananen wollten, dann müssten wir sie für uns beiseitelegen, ehe wir das Obst hinaustragen. Was nicht dem Geist des Dasgupta-Instituts entspricht, oder? Im Sinne des