Shadow Guard - Die dunkelste Nacht - Kim Lenox - E-Book

Shadow Guard - Die dunkelste Nacht E-Book

Kim Lenox

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Beschreibung

Gräfin Selene ist das einzige weibliche Mitglied der Schattenwächter. Sie opferte sich einst für die Bewohner Londons und ruht nun in einen magischen Schlaf versetzt im Tower. Doch dann erwacht sie überraschend und gerät mitten in einen Mordfall. Ihr einziger Verbündeter ist der attraktive Lord Avenage, der sich in die schöne Gräfin verliebt hat.

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KIM LENOX

Shadow Guard

Die dunkelste Nacht

Roman

Ins Deutsche übertragen von Michaela Link

Zu diesem Buch

London im viktorianischen Zeitalter: Seitdem Gräfin Selene sich opferte, um die Stadt zu retten, liegt das einzige weibliche Mitglied der Schattenwächter im Tower, wo man sie in einen magischen Schlaf versetzt hat. Bewacht wird sie von dem attraktiven Rourke, Lord Avenage, der sich insgeheim schon seit Jahrhunderten nach der schönen Selene verzehrt. Doch seine inneren Dämonen erlauben es ihm nicht, sich diesen Gefühlen hinzugeben. Als der Beschluss gefasst wird, die Gräfin aufzuwecken, ist es ausgerechnet Rourke, der sich ihrer annehmen soll. Denn die Schattenwächter misstrauen Selene und fürchten, das Böse, das einst von ihr absorbiert wurde, könne sie überwältigen. Ihre Sorge scheint berechtigt, als Selene in den Mord an einer Prostituierten verwickelt wird. Sie besitzt keine Erinnerungen an den Tathergang und hat ihre übernatürlichen Kräfte verloren. Um Selene und die Stadt zu schützen, nimmt Rourke sie mit auf seinen Landsitz, wo die einst so unnahbare Kriegerin sich ihm nach und nach öffnet. Zwischen den beiden entwickelt sich eine leidenschaftliche Beziehung, doch der Feind ist ihnen gefolgt: In der Nachbarschaft verschwindet eine junge Frau, und bald ist auch Selene selbst in Gefahr …

Für meinen »kleinen« Bruder.

Ich schreibe Abenteuer. Du lebst sie.

Prolog

Er erwachte in der Dunkelheit, die Glieder verheddert im leinenen Bettzeug, und griff mit den Händen ins Leere. Er war schweißgebadet.

Er schmeckte sie immer noch. Er hatte den Duft von Lotusblüten in der Nase, einen verführerischen Kitzel. Er sehnte sich nach ihr – oh Gott, welche Sehnsucht er hatte. Von der Intensität unbefriedigten Verlangens wurde ihm beinahe übel.

Stöhnend drehte er sich auf die Seite und rollte sich zu einer Kugel zusammen, allein in seinem Zimmer mit dem blinzelnden Raben, der auf einer Messingstange neben dem Fenster hockte. Ein Windstoß ließ die Fensterläden klappern, und vom Big Ben schlug es drei Uhr. Männerstimmen drangen an sein Ohr, betrunkene Soldaten auf den St. Katharine’s Docks warfen einander Flüche zu. Leiser Glockenklang kam von den Barkassen, die auf der nahen Themse vor Anker lagen.

Der Vogel bewegte sich und raschelte mit den Flügeln.

Hin- und hergerissen zwischen Qual und Scham schlug der Mann die Laken zurück und stieg aus dem Bett. Er riss die Tür auf und ging durch den dunklen Flur, ließ die Hände über den uralten Stein streichen.

Die Treppe.

Ein Absatz.

Zwei.

Seine Schläfen pochten fiebrig. Er schloss die Augen und beschwor seine innere Macht, sich zu verwandeln, zu einem Schatten zu werden. Eine andere Art Hitze verzehrte ihn, eine, die seine Knochen, seine Muskeln und sein Fleisch von der Mitte des Solarplexus aus versengte. Unbemerkt schlüpfte er an den beiden Brüdern vorbei, die den Nachtdienst zugeteilt bekommen hatten.

Ein großer Messingkäfig hing noch höher unter dem Deckengewölbe als der große, runde Kronleuchter, der den Raum mit behaglichem Licht erfüllte. Im Käfig hockten sechs der sieben Raben des Towers – alle bis auf seinen, der in seinem Zimmer unten blieb.

Tres, still und ernst, saß an einem langen Schreibtisch, mit blassem Gesicht konzentriert über einen ledergebundenen Band gebeugt, in den er die Ereignisse und Meldungen des Tages eintrug. Shrew, sein jüngerer Bruder, hockte am Feuer und summte ein Lied. Mit angespannten Muskeln riss er an einem Stück Kette, und ein schmales Messinggehäuse kam aus den Flammen und klirrte auf den Steinboden. Darin würde sich ein Stapel versiegelter Umschläge befinden, unversehrt von der sengenden Hitze – die Verlautbarungen der Nacht vom Rat der Ahnen und anderen innerhalb des geschützten Inneren Reichs der Unsterblichen. Dieses reine, luftige Paradies existierte als eine alternative Dimension über demselben Land und Raum wie die sterbliche Welt.

Als Teil ihrer nächtlichen Pflichten wachten die beiden Rabenkrieger außerdem über …

Türen aus dicken Holzbrettern, die von vernieteten Eisenbändern zusammengehalten wurden und daran in massiven Angeln hingen, standen offen und gewährten ihm Zutritt zu dem dunklen Turmzimmer.

Über sie.

Ein Windstoß drang durch die Fensterläden, strich erregend über seine Haut und bauschte die purpurnen Vorhänge. Eine vergoldete Statue von Hekate hing über dem Bett, so geschnitzt, als breche die Göttin durch die Wand. Schön, barbusig und mit ausgebreiteten Armen hielt sie in jeder Hand eine Laterne in Form einer flammenden Fackel.

Aber er war ein Schattenwächter, ausgestattet mit der Fähigkeit, durch unergründliche Dunkelheit zu sehen. Er brauchte ihr Licht nicht, um die Frau darunter zu erkennen.

In dieser Nacht wie in jeder vergangenen ergoss sich ihr dunkles Haar in einer glänzenden Flut über die helle Bettwäsche. Wimpern so schwarz und seidig wie Rabenflügel lagen auf ihren Wangenknochen, verbargen die dunklen Augen, die seine Träume peinigten. Auf ihrer Haut, die golden getönt statt alabastern war, schimmerte ein Abglanz von Lebhaftigkeit und Gesundheit. Mit jedem Atemzug hoben und senkten sich ihre Brüste, die kunstvolle Spitze ihrer Wäsche schwach sichtbar unter dem feinen Batistgewand, das sie trug. Ein Granat von der Größe eines ägyptischen Skarabäus schimmerte an ihrem Finger. Ein schmaler Goldreif in der Form einer Schlange zierte ihr Handgelenk.

Darauf bedacht, ihre Haut nicht zu berühren, nicht eine einzige Strähne ihres Haars, presste er die Fäuste zu beiden Seiten ihres Gesichts auf die Matratze. Er beugte sich vor, bis seine Nase direkt neben ihrer war, sodass sich ihre Lippen beinahe berührten.

Einen Moment später, wieder verwandelt in Schatten, entfloh er dem Weißen Turm durch das Fenster und sank auf die kühle Oberfläche von Kalkstein hinunter. Sobald er auf der Postern Road war, raste er los – in einem Rausch aus Geschwindigkeit und Macht. Er streifte Ziegelsteine, Holz und Pflaster und entfernte sich vom Tower von London, den Lagerhäusern am Kai und den Mietshäusern. Alles – der Gestank nach totem Fisch vom Ratcliffe Highway und die Granitbögen der Seufzerbrücke – löste sich in Nebel auf, als er vorbeischoss.

Schließlich waren da die grünen Parks, die hohen Steinmauern und Reihen von palastähnlichen, weißen Stadthäusern. Die dunklen Gestalten zu Pferd oder auf Türschwellen waren gut gekleidete Herren, die nach Hause zurückkehrten, still und diskret, aus privaten Clubs, Spielhäusern oder den Armen ihrer Mätressen.

Er fand die Zahlen, die in eine Bronzeplakette geprägt waren, und zischte unter der schwarz lackierten Tür hindurch und vorbei an dem Türsteher mit schlaffen Zügen, der schlafend auf einer Bank hockte. Kühler Marmor. Blaue Seide. Reichlich Gold.

Er huschte die Treppe hinauf und gelangte durch einen Ritz unter der Tür in den Raum. Der Windzug, den er dabei auslöste, löschte die Kerze in der Lampe und ließ die kristallenen Tränentropfen des nicht angezündeten Kronleuchters klimpern. Er materialisierte sich am Fußende ihres Betts, seine Brust hob und senkte sich schnell, und er war immer noch barfuß und trug nur seine legeren Leinenhosen.

Sie drückte sich hoch, und weißer Satin schmiegte sich um jede ihrer Kurven.

»Ich wusste, dass du kommen würdest«, flüsterte sie.

Sie lud ihn mit ausgestreckten Armen ein. Er betrachtete ihr Gesicht nicht weiter – nur ihr Haar, das genau den richtigen Blondton hatte, um ihn sich erinnern zu lassen.

Und Vergessen zu finden.

1

Rourke, Lord Avenage, hatte sich auf dem Schlachtfeld den blutrünstigsten Kriegern der Geschichte gestellt und war bis zu den Knien in Blut gewatet; die Erinnerungen daran hätten jeden anderen Mann in den Wahnsinn getrieben.

Doch jetzt, beim Anblick der Szene vor sich, begriff Englands oberster Rabenmeister, dass er in acht Jahrhunderten als amaranthinischer Unsterblicher bis heute niemals wahre Furcht erfahren hatte.

Er kniff die Augen zusammen und flüsterte ein Gebet.

Gott, möge er dies überleben – das Gartenfest der Königin.

Hinter ihm erhob sich die ruhigste und unerschütterlichste aller monarchischen Residenzen: der Buckingham Palast. Um sämtliche ausgedehnten Rasenflächen und Gärten herum schloss sich eine hohe Steinmauer, innerhalb derer etwa fünftausend geladene Gäste weilten. Das gezierte Geplapper und kultivierte Gelächter von zu vielen Stimmen erfüllte die Sommerluft. Da war außerdem der Duft von gemähtem Gras und Steinkraut. Rourke hielt sich an diese Gerüche und machte sich dadurch bewusst, dass inmitten all dieses gekünstelten menschlichen Treibens immer noch etwas Natürliches und Reales zu finden war.

Nach der Einladung des Oberhofmeisters sollte das Gartenfest von fünf bis sieben stattfinden. Rourke hatte sich um Punkt sechs eingefunden, mit der festen Absicht, den großartigen Auftritt der Königin zu umgehen und damit etwas, das sich sicherlich als eine quälend langsame Prozession durch die Versammlung bewundernder Gäste erweisen würde.

»Sie haben doch keine Angst vor ihnen, oder?«, spottete eine Männerstimme.

Rourke warf einen düsteren Blick nach rechts. Wer hatte sich so verstohlen genähert und zu ihm gesellt, dass er nichts davon bemerkt hatte?

Es gab nicht mehr viel, was ihn überraschte, aber Archer, Lord Black, den ältesten der Vollstrecker unter den Schattenwächtern neben sich zu finden, war unerwartet – und höchst unerfreulich. Das kurz geschnittene Haar in Rourkes Nacken richtete sich auf, als ihm klar wurde, wer in sein Territorium eingedrungen war.

Innerhalb der unsterblichen amaranthinischen Gesellschaft gab es die Beschützer und die Beschützten. Rourke und der Unsterbliche, der sich zu ihm gesellt hatte, gehörten zur Klasse der Krieger. Obwohl beide Schattenwächter waren und dem Rat der drei Ahnen unterstanden, waren ihre Positionen innerhalb der Organisation doch völlig verschieden.

Archer war ein Vollstrecker, ein tüchtiger Jäger, der dafür verantwortlich war, sterbliche Seelen aufzuspüren und zu eliminieren, die in ihrem Verfall dermaßen böse geworden waren, dass sie im Begriff standen, den gefährlichen übernatürlichen Zustand der Transzendenz zu erreichen, der es ihnen möglich machen würde, einer Entdeckung, der Gerechtigkeit – und selbst dem Tod zu entgehen.

Rourkes Pflichten lagen bei den Raben, einem kleineren Orden, der 1071 von den Ahnen und deren sterblichem Verbündeten, Wilhelm dem Eroberer, gegründet worden war. 1066, nur einige Jahre vor der Gründung der Raben, hatte ein unsterbliches Kriegerheer die Schlacht bei Hastings zu Wilhelms Gunsten gewendet. Als Belohnung hatte er diesen mysteriösen Bewaffneten Ländereien und Titel gewährt, und indem er das getan hatte, hatte er das Schicksal Englands und des Inneren Reichs auf ewig miteinander verknüpft.

Auf Wilhelms Entscheidung hin war Rourke als Rabenmeister eingesetzt worden. Indem er diese Ehre angenommen hatte, hatte er auch die Unsterblichkeit angenommen.

Die Verantwortlichkeit der Raben war eine zweifache: Erstens verhandelten sie als Mittelsmänner zwischen den Ahnen und dem jeweiligen britischen Monarchen und hochrangigen Regierungsbeamten in Belangen der Politik, die die amaranthinischen Interessen in der sterblichen Welt betrafen. Und zweitens sicherten sie durch Überwachung, List und wenn nötig Mord Englands Bestehen. Aus eben diesem Grund konnten sich nicht alle Monarchen der Insel der Unterstützung der Raben rühmen. Der Orden war auch verantwortlich dafür gewesen, einige Unwürdige vom Thron zu stürzen. Victoria hatte sich jedoch schon vor langer Zeit als Verbündete erwiesen.

An Archer gewandt knurrte Rourke: »Wenn eine Ihrer verwünschten transzendierten Seelen hier ist und mit der Königin Tee trinkt, dann müssen Sie mich sofort aufklären, und eine vollständige Enthüllung …«

»Ich bin nicht geschäftlich hier.« Archer, nicht gerade ein Mann, der sich den Moden des jeweiligen Jahrhunderts beugte, trug sein Haar lang bis fast auf die Schultern, aber heute hatte er es zu einem diskreten Zopf zurückgebunden. Das Champagnerglas in seiner Hand ließ darauf schließen, dass er vor Rourke bei dem Gartenfest erschienen war.

In vergangenen Zeiten wären Jahrzehnte, manchmal Jahrhunderte vergangen, bevor Rourke den Weg eines anderen Schattenwächters außerhalb der Reihen der Raben gekreuzt hätte. Von Natur aus auf Wettstreit ausgerichtet, suchten die Schattenwächter nicht die Gesellschaft anderer, es sei denn, der Rat der Ahnen befahl ihnen ausdrücklich gemeinsames Vorgehen.

Jüngste Ereignisse jedoch, namentlich die bedrohliche Flucht des uralten Feinds der Amaranthiner, Tantalos, aus seinem ewigen Unterweltgefängnis, hatten so viele Vollstrecker wie nie zuvor nach London geführt. Durch die Konzentration von Elend und Armut in der Stadt, vor allem im Bezirk Whitechapel, hatte der Dunkle Alte an Macht gewonnen und versucht, aus dem Tartaros freizukommen und London zu seiner Hochburg zu machen.

Tantalos war eine transzendierte Seele und fiel daher strikt in den Aufgabenbereich der Vollstrecker. Obwohl sich ihr eigener Aufgabenbereich mit dieser Aktion eigentlich überschnitt, waren Rourke und seine Rabenkrieger noch nicht offiziell dazu aufgefordert worden, behilflich zu sein, etwas, das seine soldatische Ehre kränkte. In den letzten Jahrhunderten waren die Angelegenheiten des Königs – oder der Königin – immer seltener eine körperliche Herausforderung gewesen. Er sehnte sich nach einem guten, langen, blutigen Kampf.

Was ihn auf Umwegen zu dem Gartenfest der Königin geführt hatte.

Archer ließ ein leises, gutturales Lachen hören. »Sie müssen etwas sehr dringend wollen, dass Sie sich hier auf den Präsentierteller begeben.«

Es gab manche unter den Amaranthinern, die sterbliche Bälle genossen, ländliche Hauspartys, Pferderennen, und die gern Skandale anzettelten.

»Was ist mit Ihnen, Black? Sie sind nie ein Sklave dieser sterblichen Gesellschaft gewesen. Warum sind Sie hier und spielen die Rolle eines Höflings?«

»Wie Sie wäre ich nicht hier, wenn ich nicht etwas sehr, sehr dringend wollte.« Archer stellte sein noch volles Champagnerglas auf ein Tablett, das ein Diener in Perücke und Livree neben ihnen bereithielt. »Nachdem das geklärt ist, sollten wir beide besser unsere Angelegenheiten erledigen, bevor jemand an uns herantritt und wünscht, über das Wetter zu plaudern oder, schlimmer noch, die Wahl der Königin, was ihr Festgewand betrifft.«

Die bloße Gedanke daran, zu einer solchen Konversation gezwungen zu werden, versetzte Rourke in säuerliche Stimmung. Er war seit Langem außer Übung beim Verteilen von Nettigkeiten und spürte, wie sein Blut aufwallte und er ins Schwitzen kam, getrieben von dem Instinkt, sich zu verwandeln – zu werden, was für ihn das Natürliche in solchen Menschenansammlungen war: aoratos,ein Schatten.

Stattdessen stand er in einem grauen Morgenfrack, Halstuch, Hose und Zylinder auf den Stufen eines Palasts, in voller Größe sichtbar für jeden, der ihn sehen wollte. Auffällig. Entblößt. Verletzbar. Er steckte einen Finger zwischen Kragen und Kehle und zerrte am Stoff, um sich mehr Luft zu verschaffen.

Erst da bemerkte er die drei jungen Frauen, die zu seiner Linken unter einem grünen Baldachin aus belaubten Ästen standen und ihn und Lord Black mit rosigen Wangen und raubtierhaftem Interesse musterten.

»Nein, nicht mich«, sagte Black. »Ich glaube, sie sehen Sie an.«

Die Debütantinnen trugen Hüte, die reichlich mit Tüllnetzen und Wachsblumen garniert waren, und Sommerkleider, die aus Schichten um Schichten von Seide, Spitze und gefältelten Rüschen bestanden. Rourke musste zugeben, dass Black recht hatte: Ihre nicht so unschuldigen Gedanken – die er nicht umhinkonnte, mit perfekter Klarheit wahrzunehmen – konzentrierten sich auf sein kantiges Kinn, den muskulösen Hals und die maskuline Gestalt – ganz besonders auf seine Oberschenkel und seine Schultern. Verflucht, und sein …

Archer beugte sich etwas vor, und seine Lippen kräuselten sich in einem erheiterten Lächeln. »Was denken Sie, wo sie dieses Wort gelernt hat?«

Rourke schaute die Frauen direkt an. Sein Missvergnügen darüber, so zudringlich beäugt zu werden, verstärkte sich, und eine sengende Hitze drängte sich wie eine dunkle Welle aus seiner Seele hinaus durch seine Augen.

Sie erbleichten. Das Mädchen in Blau ließ seinen Schirm fallen, hob ihn rasch wieder auf und beeilte sich, zu den anderen aufzuschließen, die ziemlich schnell davonspazierten, in die den Gärten entgegengesetzte Richtung. Sie würden nichts Ungewöhnliches an ihm bemerkt haben. Keine unmenschlich glühenden Augen oder etwas Übernatürliches. Stattdessen würden sie den unerklärlichen Verdacht haben, dass ihre dunkelsten, privatesten Gedanken entdeckt worden waren.

»Ein Mann nach meinem Herzen.«

»Genug davon«, sagte Rourke. »Wo ist sie?«

Seine Frage ging ins Leere. Er stand allein auf den Stufen. Er brauchte sich nicht umzuschauen, um die Reaktion der Leute um ihn herum auf das rätselhafte Verschwinden eines Mannes aus ihrer Mitte abzuschätzen. Niemand hätte je den Wechsel des Uralten zu einem anderen Ort bemerkt. Stattdessen würde ihr Verstand sein Verschwinden auf eine flüchtige Unaufmerksamkeit oder ein geistesabwesendes Blinzeln zurückführen.

Er richtete den Blick auf den dicht bevölkerten Rasen. Obwohl er als Rabenmeister seit dem Tag ihrer Krönung ohne Wenn und Aber verantwortlich für Victorias Sicherheit war, waren Jahre vergangen, seit er und die britische Königin einander Auge in Auge gegenübergestanden hatten. Aber das war die Art der Raben. Es genügte, dass die Königin wusste, dass er und die anderen da waren, stets wachsam und darauf vorbereitet zu handeln. Es gab keine Notwendigkeit, sich sehen oder in irgendwelche gesellschaftlichen Beziehungen verstricken zu lassen. Alles in allem war es nicht klug, persönliche Bindungen zum gerade regierenden Monarchen zu knüpfen. Man wusste nie, wann man vielleicht die Order erhielt, sich seiner zu entledigen.

Rourke konzentrierte sich und filterte einen einzelnen, schmalen Faden aus einem Gewirr Tausender anderer heraus. Kein Duft und keine Farbe, sondern etwas unendlich Komplizierteres. Eine vermischte Essenz, geformt aus Körperlichkeit und Seele. Binnen Sekunden hatte er ihren deutlichen Abdruck, ihre Spur – den fragmentierten Nachweis ihrer Existenz, den sie zurückließ, während sie von hier …

Er legte den Kopf schräg.

Nach dort ging.

Sein Blick fiel auf das safrangelbe Zelt, eins der vielen, die sich im Wind kräuselten wie ein Schwarm lethargischer Quallen in der Themse. Rourke trat von der Treppe und schritt mit knirschenden Schritten über die gekieste Terrasse auf die sanft gewellte Rasenfläche. Er passierte den kleinen See, auf dem eine kleine Flotte von Ruderbooten dümpelte, die von Dienern in scharlachroter Livree bemannt waren. Vier Leibwächter aus dem sterblichen Sicherheitstrupp der Königin und acht schneidig uniformierte indische Soldaten, deren Schwertklingen glitzerten, kontrollierten den Umkreis des gegenwärtigen Aufenthaltsorts der Königin.

Ein junger Wachmann trat energisch vor, als wolle er Rourkes Näherkommen hinterfragen, aber ein älterer Mann mit grauem Haar und verwitterten Zügen hielt den jungen Mann mit einer blitzschnellen Handbewegung und einem leisen Wort auf.

Rourke nickte, als er vorbeiging. »Mr McGregor.« Ein kurzes Aufblitzen von Respekt erhellte leuchtend blaue Augen, und die gebeugten Schultern strafften sich stolz. »Euer Durchlaucht.«

Sterbliche Geister hatten Mühe, die Lebensart von Amaranthinern zu begreifen. Ihre zerbrechlichere Psyche war außerstande, Erinnerungen an Unsterbliche über eine längere Zeit aufrechtzuerhalten, eine Trübung von Gedanken, die es Alten leicht machte, sich von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt in der Gesellschaft zu bewegen, ohne dass Verdacht aufkeimte, was ihre Identität und das ausbleibende Altern betraf. Doch für administrative Zwecke wurde einer auserwählten Schar von Sterblichen in Schlüsselpositionen der Regierung, die ihr Vertrauen genossen, die Fähigkeit der Rückerinnerung gewährt. McGregor war ein solcher Sterblicher. Rourke hatte McGregor seinerzeit als milchgesichtigen jungen Mann von dreiundzwanzig Jahren kennengelernt, frisch rekrutiert für die Leibwache. Jetzt, mit vierundsechzig, war McGregor ihr ältestes Mitglied.

Schwere, quastenbesetzte Schnüre hielten die seidenen Zeltlaschen zurück, was Vorbeigehenden lediglich einen verlockenden Blick auf das Innere gewährte. Rourke nahm seinen Hut ab und bückte sich, um das Festzelt zu betreten. Er registrierte sofort eine ganze Reihe von Dingen. Erstens, dass es im Zelt von allen möglichen bedeutenden englischen und europäischen Edelleuten wimmelte – Personen, die er nicht kannte, über die alles zu wissen er sich aber wegen ihrer Nähe zu der Monarchin, die zu beschützen sein Orden der Raben geschworen hatte, zur Aufgabe gemacht hatte. An dem Fest nahmen der König von Dänemark teil, der König und die Königin von Belgien und der Großherzog Serge von Russland, um nur einige zu nennen.

Zweitens bemerkte er, dass Erik und Flynn, die beiden stahläugigen Raben, die er dem Fest zugeteilt hatte, im Schatten zu beiden Seiten der Königin gleich hinter ihr standen.

Und drittens, dass die siebzigjährige englische Monarchin, die auf einem Rattansessel saß, seine Ankunft bemerkte und in hohem Bogen scharlachrote Bowle auf den Aubusson-Teppich zu ihren Füßen spuckte.

Es war nicht die Begrüßung, auf die er gehofft hatte.

Eine elegante blonde Frau …

Blond, ja – aber nicht mit diesem speziellen Blondton.

… in einem grün gestreiften Gewand eilte ihr zu Hilfe, gefolgt von der Tochter der Königin, der Prinzessin Beatrice. Der Prinz von Wales löste sich aus einem Kreis von Herren, um sich nach dem Wohlergehen seiner Mutter zu erkundigen. Alle anderen sahen von der anderen Seite des Zelts her zu; sie standen vor einem überladenen Buffet mit tranchiertem Rindfleisch, Champagnerflaschen und Süßigkeiten, und schon machten verwirrte Fragen zu Rourkes Ankunft und der dramatischen Reaktion der Königin die Runde.

»Gut gemacht, Avenage«, murmelte eine Männerstimme neben ihm. »Es scheint, von Ihrem Auftritt ist die Königin wie vom Schlag getroffen.«

Schon wieder Archer.

Rourke nickte knapp, bevor er stumm fragte: Warum? Warum bist Du hier?

Dunkle Brauen ruckten in die Höhe. Es beglückt meine Frau, dass wir an dem Fest teilnehmen dürfen.

Lord Blacks silbriger Blick wanderte besitzergreifend zu der Blondine, die der Königin ein frisches Glas Punsch brachte. Jetzt nahm sich Rourke die Zeit, ihr Gesicht richtig zu betrachten, und er erinnerte sich, dass er sie tatsächlich schon einmal gesehen hatte. Sogar nur wenige Wochen zuvor, im Uhrenturm von Westminster, zusammen mit den Lords Black und Alexander und der Gräfin Pawlenko – und einer Heerschar schäumender, argwöhnisch umherwirbelnder transzendierter Seelen. Das war eine ganz andere Art Fest gewesen – es hatte dazu geführt, dass die Gräfin jetzt im Hauptquartier der Raben im Tower von London schlief.

Lady Black richtete den Blick ihrer zweifarbigen Augen – eins blau und eins braun – auf ihren Ehemann, und sie lächelte strahlend, ein intimer Blick voll geheimen Glücks. Sofort wusste Rourke, was es war, das Black so dringend wollte. So sehr, dass er seine einsiedlerische Natur hintenangestellt hatte und an dem alljährlichen Gartenfest der Königin teilnahm. Bei dieser Beobachtung verhärtete sich Rourkes Herz noch ein klein wenig mehr.

Die Monarchin, die immer noch saß, nahm das Glas entgegen und schenkte Lady Black ein huldvolles, aber gemäßigtes Lächeln. Im Gegensatz zu den Leuten um sie herum trug sie ein schmuckloses schwarzes Gewand und eine weiße Spitzenhaube. Trotzdem, mit ihrer imposanten Erscheinung und ihrem königlichen Stolz zog sie die Blicke aller Anwesenden auf sich.

Mit einem scharfen Blick auf Rourke murmelte sie dem Prinzen etwas ins Ohr. Er nickte.

Bertie richtete sich auf und sah Rourke fest an. »Avenage.«

Weder Rourke noch die Ahnen hatten bisher ein klares Bild von ihm.

Trotzdem senkte Rourke grüßend den Kopf. »Königliche Hoheit.«

»Ihre Majestät wünscht, mit Ihnen zu sprechen.«

Rourke trat näher. Victorias dunkle Augen spießten ihn förmlich auf, und sofort vergaß er alle anderen im Raum. Obwohl er die gespannte Aufregung spürte, die durch sie hindurchlief, untersuchte er bewusst ihre Gedanken nicht. So viel Respekt würde er ihr erweisen. Ihr diese Würde lassen.

»Eure Majestät, ich entschuldige mich dafür, dass ich Euch erschreckt habe.« Er ergriff ihre ausgestreckte Hand und führte ihren facettierten Gagatring an die Lippen. »Ich habe jedoch eine Einladung erhalten.«

Victoria spitzte die Lippen und tadelte: »Ich habe Ihnen im Laufe der Jahre viele Einladungen geschickt, Avenage. Ich kann mit Gewissheit sagen, dass dies die erste ist, die Sie jemals angenommen haben. Sie und Black, sichtbar unter demselben Zelt auf meinem Gartenfest? Ich nehme an, ich kann die Krone und das Zepter Bertie überreichen und das Leben als vollendet betrachten.«

Rourke zog die Augenbrauen hoch. »Bitte, nicht meinetwegen.«

Sie lehnte sich in ihrem Sessel zurück und lachte trocken. »Sie müssen etwas sehr dringend wünschen, dass Sie sich dem ausgesetzt haben. Sie verabscheuen solche Narreteien.«

Rourke blickte gereizt zu der Schar der wie gebannten Zuschauer hinüber. Was alle auf dem Fest scherzhaft als »Tee« bezeichneten, hatte erneut zu fließen begonnen. Grüne Flaschen wurden entkorkt und Champagner in goldenen Strömen ausgeschenkt. Von dem geistlosen Gebrabbel der Gäste und der kollektiven Neugier dröhnte ihm der Schädel.

… der Champagner, ein 74er …

… die Gräfin ist fett geworden …

… wer ist dieser Mann bei Ihrer Majestät? …

… muss es herausfinden und ihm eine Einladung zu meiner Dinnerparty schicken …

Was ist los, Avenage? Kopfschmerzen?, fragte Archer in der stummen Sprache der Amaranthiner. Er ging mit zwei Gläsern Champagner vorbei und reichte eins seiner hübschen Ehefrau.

Rourke ignorierte die Stichelei und versuchte, auch Bertie zu ignorieren, der so nahe stand, dass er jederzeit schützend eingreifen konnte.

An Victoria gewandt sagte er: »Ihr habt auf meine wiederholten Bitten um eine private Audienz nicht geantwortet.«

Ihr Blick schwankte nicht, aber Röte überzog ihre gealterten Wangen. »Es gab eine Zeit, da haben Sie auf ähnliche Bitten von mir nicht reagiert.«

Über der Linie seines säuberlich gestutzten Barts lief Berties Gesicht purpurn an.

Rourke betrachtete Erik und Flynn, die ihre Plätze hinter der Königin beibehielten, unsichtbar für alle bis auf ihn selbst und die Blacks.

Lassen Sie uns allein, befahl er.

Ein Schimmer von Licht und Schatten, den nur der darauf eingestellte Blick eines Unsterblichen wahrzunehmen vermochte, deutete an, dass sie an der anderen Seite des Zelts Position bezogen hatten.

»Dann soll der heutige Tag als der Tag in Erinnerung bleiben, an dem ich Sie aus Ihrer selbstauferlegten Abgeschiedenheit herausgeholt habe«, stellte sie mit freundlicher Jovialität fest. »Ich erkläre mich hiermit zur Siegerin in unserem kleinen Wettstreit der Willenskraft. Lassen Sie uns die Vergangenheit als Wasser unter einer Londoner Brücke betrachten.«

»Vielen Dank, Eure Majestät«, antwortete Rourke gepresst. Er hasste es, der Gegenstand eines Spaßes zu sein, ganz gleich, wie gut er gemeint war.

»Was ist es, das Sie nach all dieser Zeit von Angesicht zu Angesicht in meine Gesellschaft drängt?« Ihr Blick wanderte über seine Züge. Erinnerungen und Gedanken an ihn quollen aus ihrem Geist, bloßgelegt für seine Blicke, zugeneigter und sehnsüchtiger, als er gern anerkennen wollte. Wieder verschloss er seinen Geist gegen ihren, weil er nicht mehr zu wissen wünschte.

»Ich komme in der Angelegenheit einer schlafenden Gräfin.«

»Ah …«, sagte der Prinz, und seine Augenbrauen wanderten nach oben. Er trat noch näher und strich sich über den kurz geschnittenen Bart. Zwei Zigarren ragten aus seiner Brusttasche. »Die Gräfin Pawlenko.«

Seine Augen nahmen einen deutlich sichtbaren Glanz an.

»Bertie«, tadelte seine Mutter ihn.

»Ja?« Er nahm Habachtstellung ein.

»Hol mir noch ein Glas Bowle.«

Er runzelte die Stirn und schaute auf ihren Schoß hinab. »Sie haben das Glas in Ihrer Hand nicht angerührt.«

Sie hob es an. Die Bowle schwappte gegen das Kristall. »Dies hier ist lauwarm geworden.«

Der Prinz zog die Brauen zusammen. Victorias Nasenflügel bebten, und ihre Augen weiteten sich, ein Gesichtsausdruck, der sie von einer ältlichen Frau in einen Drachen verwandelte.

»Also schön«,gab er zurück und griff nach dem Glas. Er sah sich auf der Suche nach einem Diener oder zumindest seiner Schwester um, die die Aufgabe übernehmen könnten, doch niemand stand in der Nähe. Er verzog das Gesicht und stolzierte zur Bowle hinüber, dabei hielt er das Glas von sich wie einen schmutzigen Strumpf.

»Die Gräfin Pawlenko, ist sie wohlauf?«, fragte die Königin.

Rourke nickte. »Sie schläft.«

»Ist es nicht das, was beabsichtigt war?« Fragend zog Victoria die Schultern hoch. »Dass sie schlafen würde, bis man sie sicher wieder erwecken kann und der gefährliche Wahnsinn in ihrem Geist vollkommen eliminiert ist?«

»In der Tat … Eure Majestät.« Er mühte sich aufrechtzuerhalten, wovon er hoffte, dass es eine freundliche, unbefangene Miene war.

»Dann sagen Sie mir, mein lieber alter Freund Avenage, welche ernsten Umstände sich ergeben haben, die Sie in der Zwischenzeit danach trachten lassen, meine Gunst zu erlangen?«

Rourke begriff, dass er die Finger in die Krempe seines Huts gekrallt hatte und damit die teure Seide zerknüllte. Mit dem Hut in der Hand vor Victoria fühlte er sich mehr wie ein Bettler und weniger wie der unsterbliche Elitekrieger, der er war.

Er wählte seine Worte mit Bedacht. »Die Aufgabe, ständig über die Gräfin zu wachen, hat die Ressourcen der Raben weitgehend erschöpft.«

Victorias Lider senkten sich halb. »Also wirklich, Avenage, wie viele Probleme kann eine schlafende Gräfin verursachen?«

»Unsere erste Pflicht muss es sein, über Euch und dieses Land zu wachen. Das ist der Grund, warum der Orden der Raben geschaffen wurde.«

»Aber wir – ich und dieses Land – schulden der Gräfin Pawlenko jede erdenkliche Dankbarkeit.« Victoria beugte sich auf ihrem Stuhl vor. »Die Dunkle Braut hätte uns alle versklavt, wäre sie nicht gewesen. Glauben Sie nicht, dass sie unsere höchste Wertschätzung und unseren Schutz vor jenen verdient, die ihr Schaden zufügen würden, während sie bewusstlos und verletzlich ist?«

Archer trat neben ihren Stuhl. »Was mich betrifft, stimme ich Euch vollkommen zu, Eure Majestät.« Eine Braue wölbte sich teuflisch. Als sei seine Zunge ein Schüreisen, stieß er sie in den flammenden Stapel Feuerholz, der die Königin war. »Offensichtlich ist der Rabe nicht überzeugt.«

Rourke konterte: »Ich verstehe, dass ihr Schutz notwendig ist. Ich bitte Euch lediglich zu bedenken, wer für die Aufgabe verantwortlich sein sollte. Die Raben sind sieben an der Zahl, und jederzeit können einige den Gebieten in Übersee zugeteilt werden, um sich internationalen Sorgen zu widmen. Gegenwärtig befinden sich Clive im Sudan und Garrick in Madrid. Während der Zeit, in der die Gräfin in unserer Obhut ist, stehen zwei der verbliebenen fünf für den Schutz Eurer Majestät und des Landes nicht zur Verfügung, weil sie sich stattdessen der Gräfin widmen.«

»Was schlagen Sie als Alternative vor?«, fragte sie. »Vielleicht könnte ihr Bruder, Lord Alexander, sie in seine Obhut nehmen?«

»Ich fürchte, das ist nicht möglich«, antwortete Black. »Der Rat der Ahnen hat Lord und Lady Alexander neue Aufgaben zugeteilt. Sie sind derzeit nicht im Lande.«

Rourke schlug vor: »Dann könnte sie ins Haus Black gebracht werden. Es ist eine veritable Festung.«

Archer richtete sich auf und warf einen Blick auf seine Frau. »Das ist auch nicht möglich, aus Gründen, die ich jetzt nicht erklären werde.«

»Wie bequem – für Sie«, antwortete Rourke düster.

Archers Kiefer mahlten. »Vergessen Sie nicht, dass Tantalos trotz unserer jüngsten Siege noch nicht aufgehalten worden ist. Die Vollstrecker sind ebenfalls bis an ihre Grenzen ausgelastet und arbeiten daran, seinen nächsten Schritt vorauszusehen. Wenn ich Sie daran erinnern darf – das Auge des Pharaos ist verloren gegangen. Es muss schnell wiederbeschafft werden, damit es nicht noch einmal gegen uns benutzt werden kann. Obwohl zwei von Tantalos’ Brotoi verschwunden sind …«

Rourke nickte ungeduldig; die Worte des anderen Unsterblichen trafen auf einen bereits gereizten Nerv. »Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich ein weiteres solches Ungeheuer erhebt, um ihren Platz einzunehmen. Wenn sie es machen, halten Sie, Black, und der Rat der Ahnen mich über die gegenwärtige Situation auf dem Laufenden. Ich bin mir sicher, dass Sie Kenntnis von meinen schriftlichen Einwänden gegen den Ausschluss der Raben von den geplanten Manövern haben – einem Ausschluss zu dem einzigen Zweck, die Ammen für eine schlafende Gräfin zu spielen.«

»Ammen.« Die Königin schnappte nach Luft. Sie schüttelte vehement den Kopf und verzog die Lippen abschätzig. »Wie konnte ich nur denken, ich hätte den Raben eine große Ehre erwiesen, indem ich sie zu ihren Wächtern erwählt habe?«

Lord Black, dessen Augenbrauen sich zu einem Ausdruck der Unschuld hoben, murmelte: »Darf ich Euch daran erinnern, dass historisch gesehen Frauen niemals Zutritt zu den Quartieren der Raben im Tower von London hatten …«

Die Züge der Königin erschlafften. »Also, das ist das Thema hier.«

Röte stieg in Rourkes Wangen. »Eure Majestät, ich habe nichts darüber gesagt, dass die Gräfin eine Fr…«

Friss ihr aus der Hand, Black.

Archer lachte leise. Victoria beugte sich vor und umfasste mit beiden Händen den Löwenkopfknauf ihres Gehstocks. »Die Gräfin Pawlenko ist kein Flittchen, das zur Unterhaltung von einem ihrer Krieger durch die Hintertür eingeschmuggelt worden ist. Sie ist eine Vollstreckerin, ganz zu schweigen davon, dass sie die Tochter einer Königin ist. Und wenn ich selbst eine Petition an den Rat der Ahnen schicken muss, ich werde dafür sorgen, dass man ihr den gleichen Respekt erweist wie jeder anderen Frau ihres Rangs.«

Rourke schäumte. »Meine Bitte hat nichts mit einem Mangel an Respekt gegenüber der Gräfin zu tun.«

Ernster sagte Archer: »Wir dürfen nicht vergessen, dass die Gräfin außerdem das Potenzial hat, zu einer schrecklichen Gefahr für uns alle zu werden. Während wir sie also beschützen, müssen wir auch uns selbst gegen das Böse beschützen, zu dem sie fähig ist, falls sie unter Tantalos’ Bann gerät. Sie ist nirgendwo sicherer als im Tower.«

Rourke schloss die Augen. Archer hatte das Schicksal besiegelt, eine Tatsache, die die nächste Bemerkung der Königin bestätigte.

»Dann gibt es nichts mehr zu besprechen.« Sie platzierte ihren Gehstock auf dem Teppich und hievte sich hoch, um ihn wie eine Bulldogge anzufunkeln. Sie war eine ziemlich ehrfurchterregende Frau – selbst wenn sie ihm nur bis zur Brust reichte. »Sie wird bei den Raben im Tower bleiben, bis sie erwacht und ihre Pflichten bei den Vollstreckern sicher wieder aufnehmen kann.«

»Eure Majestät …«, versuchte er es noch einmal.

»Bertie«, blaffte sie. Sie suchte das Zelt ab, und ihr Blick fiel auf den Prinzen, der sich mit einem Becher in der Hand näherte. »Stell diese Bowle weg. Es ist sieben Uhr, und ich habe für einen Nachmittag wirklich genug Unterhaltung gehabt.«

Nachdem er das Glas auf das Tablett eines Dieners gestellt hatte, kehrte der Prinz an ihre Seite zurück, um ihr als Eskorte zu dienen. Binnen weniger Augenblicke hatte sich das Zelt geleert. Alle waren gegangen, einschließlich der Schattengestalten Eriks und Flynns. Nur ein einziger Palastdiener und die drei Unsterblichen blieben zurück. Ein sanfter Wind drückte gegen die Seiten des Zelts, und die Stimmen jener, die die Königin begleiteten, sowohl als Gefolgsleute wie auch als Leibwache, verklangen in der Ferne.

»Würden Sie mir vielleicht dieses Glas geben, guter Mann?«, erkundigte sich Archer bei dem Diener, der eine Kristallflöte ergriff und sie Archer überreichte. Indem er das tat, berührte Archer ihn am Handgelenk. Das Gesicht des Dieners verlor jeden Ausdruck, und hölzern machte er sich daran, die Gläser einzusammeln, die die Gäste des Gartenfests überall im Zelt hatten herumstehen lassen.

Nachdem er solchermaßen die Privatsphäre für ihr Gespräch sichergestellt hatte, umfasste Lord Black den Hals einer golden etikettierten, grünen Champagnerflasche und näherte sich Rourke.

2

»Lust auf einen Becher Tee, Avenage?«

»Nein danke, kein Bedarf.« Er war so verärgert, dass ihm die Haut prickelte. Ihm war danach zumute, seinen seidenen Zylinder auf den Boden zu werfen und ihn unter dem Absatz zu Fetzen zu zermalmen, so sehr fühlte er sich von diesem Miststück ausgenutzt. Er hätte seine Bitte anders formulieren sollen. Hätte versuchen sollen, etwas von der unbefangenen Beziehung, die er und Victoria vor vielen Jahren gepflegt hatten, wieder aufleben zu lassen, damals, als sie eine junge Frau gewesen war und er ihr grimmigster Beschützer.

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