Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Für Kinder und Jugendliche Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Shadow Love - Kaylie Morgan

In einer dunklen Gewitternacht wird ein Baby auf der Flucht zurückgelassen. Jahre später führt dieses Kind, das den Namen Ava Morgan bekommen hat, offenbar ein normales Leben. Ava studiert am Elisabeth State College, wohnt in ihrem eigenen kleinen Apartment und besucht, so oft sie kann, ihre Adoptiveltern Susan und Caleb, sowie ihren Bruder Damien, den sie über alles liebt. Fortlaufend zu ihren Geburtstagen wiederkehrende Träume lassen Avas Fragen zu ihrer Herkunft nicht verblassen und ängstigen ihre ansonsten heile Welt. Das wäre auch kein großes Problem, wenn da nicht die Sache mit JJ, ihrer besten Freundin wäre, über die sie genau an ihrem 21. Geburtstag etwas erfährt, das auch auf sie selbst großen Einfluss hat. Überdies trifft sie auf ihren neuen Kommilitonen Adam, dem sie zuerst lieber aus dem Weg geht …

Meinungen über das E-Book Shadow Love - Kaylie Morgan

E-Book-Leseprobe Shadow Love - Kaylie Morgan

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright © 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Cover: Legendary Fangirl Design // Tina Köpke

Alle Rechte vorbehalten.Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-913-3

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www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Shadow Love
Impressum
Widmung
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Epilog
Kaylie Morgan
Danksagungen

Für meine Schwestern.

Ihr bringt das Licht in meine Welt.

Prolog

Die Schatten ließen den Himmel schwarz wie die Nacht erscheinen. Der Regen peitschte ihnen ins Gesicht und sie wussten, wenn sie es nicht schafften, würden sie alle sterben. Angst und Hoffnung trieben sie an. Erschöpft und durchgefroren rannten sie die Stufen zu der kleinen Kapelle hinauf.

Sie waren in Sicherheit, wenn auch nur für einen kurzen Moment.

Vorsichtig legte die Frau, nur gekleidet in ein von der Flucht zerrissenes Abendkleid, das kleine Bündel, das sie den ganzen Weg über mit ihrem Körper beschützt hatte, auf den Stufen des Altars ab und atmete erleichtert auf. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie den heiligen Boden gefunden, der ihrer Tochter Schutz bieten würde. Doch die schwerste Aufgabe stand ihr noch bevor. Sie musste sich von dem Menschen verabschieden, den sie am meisten liebte. Eine Träne lief ihr die Wange hinunter und hinterließ einen kleinen dunklen Fleck auf der Decke, die ihre Tochter vor der Kälte schützen sollte.

»Du bist ein wunderbares Kind, die Liebe meines Lebens. Wir werden dich auf deinem Weg nicht begleiten können, und das bricht mir das Herz. Doch nur so können wir dich beschützen.« Das Grollen der Schatten wurde lauter. Sie wusste, dass sie nicht viel Zeit hatten. Verzweifelt suchte sie den Raum nach ihrem Mann ab. Er stand ungeduldig und mit dem Ausdruck tiefer Trauer an der Tür.

»Schatz, wir müssen weiter«, sprach er vorsichtig, dennoch mit einer Härte in der Stimme, die keinen Widerspruch zuließ.

»Bitte gib mir noch einen Moment.«

Mit einem Nicken gab er sein Einverständnis und suchte den Horizont nach den Schatten ab. Sie konnten nicht mehr weit sein, das wusste er. Die schwarzen Wolken am Himmel waren noch dunkler geworden. Sie mussten diesen Ort schnell verlassen, um die Spur zu verwischen und ihre Tochter in Sicherheit zu wissen. Seine Augen suchten die Gefahr, doch seine Ohren lauschten den Abschiedsworten der wundervollsten Frau, die er jemals getroffen hatte.

»Mein kleiner, wunderbarer Schatz. Du hast dein ganzes Leben noch vor dir. Dein Vater und ich können dich nicht dabei begleiten. Doch es gibt ein Gefühl, das ich dir mitgeben möchte. Es wird dir, egal was auch geschieht, Stärke schenken. Liebe. Bitte vergiss niemals, wie sehr ich dich liebe. Egal was geschieht, verliere niemals den Glauben daran. Mit Liebe kannst du alles überwinden. Sie ist der Schlüssel. Scheue dich nicht davor, Fehler zu begehen und neue Welten zu entdecken. Hör einfach auf dein Herz, es wird dir den richtigen Weg weisen. Du bist etwas ganz Besonderes, auch wenn es dir jetzt noch nicht klar sein kann. Also bitte, hör auf deine Mutter und leb dein Leben.«

Sie drückte ihre Tochter fest an sich und gab ihr einen Abschiedskuss auf die Stirn. Ein letztes Mal atmete sie ihren Geruch ein.

Ein ohrenbetäubender Knall ließ sie zusammenzucken.

»Es wird Zeit, sie sind fast da. Bitte, wir müssen gehen«, drängte der Mann und zog sie auf die Beine. Seine Hand ruhte auf ihrem Herzen.

»Auch wenn wir sie nicht mehr bei uns haben, hat sie immer einen Platz in unseren Gedanken, und das können uns selbst die Schatten nicht nehmen.«

Zärtlich wischte er seiner Frau eine Träne aus dem Augenwinkel. Beide blickten noch ein letztes Mal auf das kleine Bündel, das sie auf den Stufen des Altars zurückgelassen hatten. Keiner von beiden sagte ein Wort, denn sie spürten den Verlust im Herzen. Die Hände fest ineinander verschlungen verließen sie die Kapelle. Hoffnung und die Überzeugung, richtig gehandelt zu haben, gaben ihnen die Kraft, diesen Ort hinter sich zu lassen. Nicht ahnend, dass die Schatten sie schon gefunden hatten.

Kapitel 1

Happy Birthday Ava

»Mom.«

Ein Wimmern entfuhr meinen Lippen und ließ mich aus einem unruhigen Schlaf hochschrecken. Meine Hand fest auf meine Brust gedrückt, unter der ich das Herz wild pochen spürte, versuchte ich, die Umgebung um mich herum scharf zu stellen. Da war er wieder. Dieser Traum. Jedes Jahr um dieselbe Zeit quälte er mich. Jedes Jahr aufs Neue wurde er realer. Jedes Jahr aufs Neue stieß er mich in ein Loch und ließ meine Gefühle Achterbahn fahren. Er war wie ein Wecker, der mich daran erinnern sollte, was heute für ein Tag war. Mein Geburtstag. Heute wurde ich einundzwanzig Jahre alt. Jedes andere Mädchen wäre vor Glück vollkommen ausgerastet. Endlich einundzwanzig. Legal Alkohol trinken, vor dem Gesetz als erwachsen gelten, auf dem College studieren und das ganze Leben noch vor sich haben. Sicherlich ein verlockender Gedanke. Doch nicht für mich. Für mich bedeutete es auch, dass dies der Tag war, an dem ich meine Eltern verloren hatte.

Mein Herz schlug mir noch immer bis zum Hals und mein T-Shirt klebte an der von Schweiß bedeckten Haut. Noch spürte ich die Hand meiner Mutter an meiner Wange. Dieses Mal war alles so real gewesen. Ich konnte die angespannte und von Angst erfüllte Atmosphäre, die in der kleinen Kapelle geherrscht hatte, fast greifen. Hörte den Wind, wie er gegen die Wände peitschte. Jedes kleine Detail war deutlich vor meinen Augen zu sehen gewesen. Noch nie hatte ich mich so intensiv daran erinnern können. So sehr ich diesen Traum auch hasste, so sehr sehnte ich ihn herbei. Sie vor mir zu sehen, ihre Liebe zu spüren, sei es auch nur in meiner Gedankenwelt, war mehr, als ich jemals hatte hoffen dürfen. Es war Segen und Fluch zugleich.

Noch bevor sich meine Atmung vollständig beruhigen konnte, ließ mich ein lauter Knall erneut zusammenzucken. Ein kleines quirliges Wesen betrat mein Zimmer und sprang wild auf meinem Bett herum.

»Ava. Ava! Ava!! Aufwachen! Heute ist dein Burzeltag.«

Damien. Allein seine Anwesenheit zauberte ein Lächeln auf meine Lippen. Damien war das Kind von Susan und Caleb Morgan. Die wundervollsten Menschen, die ich je in meinem Leben getroffen habe. Damien, Susan und Caleb waren für mich das, was einer Familie am nächsten kommt. Sie hatten mich im Alter von fünf Jahren adoptiert. Meine leiblichen Eltern hatte ich nie kennengelernt und alles, was ich von meiner Vergangenheit wusste, ließ sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Laut meinen Pflegeeltern hatte man mich vollkommen durchgefroren und allein in einer alten Kapelle gefunden. Nur mit einer lilafarbenen Decke bekleidet. Wanderer wurden auf mein Geschrei aufmerksam und verständigten die Polizei. Wochenlang versuchte man, meine Identität festzustellen. Doch nach unzähligen Versuchen und keiner einzigen Spur, landete ich schließlich im System. Niemand schien mich zu vermissen. So hatte man mich von einer Pflegefamilie zur Nächsten gereicht. Bis ich schlussendlich bei den Morgans gelandet war und ein sicheres Zuhause fand.

Schon früh bekamen Susan und Caleb die Nachricht, dass der Wunsch, leibliche Kinder zu bekommen, sich für sie nie erfüllen würde und so hatten sie sich dazu entschlossen, ein Kind zu adoptieren. Ich erfüllte ihren Traum vom eigenen Kind. Bis vor sieben Jahren Damien das Licht der Welt erblickte. Er war ihr verdientes Wunder und machte das Glück perfekt. Ich liebte ihn von ganzem Herzen, auch wenn er manchmal viel zu viel Aufmerksamkeit einforderte. So wie heute.

»Geschenke! Na los, komm schon Ava. Sei kein Frosch!«

So langsam wurde er ungeduldig. Vorsichtig kniete er sich neben mich. So leicht wollte ich es ihm nicht machen und verhielt mich ganz still. Mit seinen kleinen Fingern zog er eines meiner Augenlider nach oben. So sehr ich mich auch konzentrierte, ich konnte ein Lachen nicht unterdrücken. Blitzschnell zog ich ihn in meine Arme und drehte mich gemeinsam mit ihm auf die Seite. Er lachte laut auf, als ich ihn kräftig zu kitzeln begann.

»Du kleiner Quälgeist. Heißt es nicht, dass man an seinem Geburtstag ausschlafen darf?«

Erneut erfüllte Lachen den Raum. Es war wie Musik in meinen Ohren. Ich liebte ihn über alles. Allein seine Anwesenheit hatte die Macht, alle traurigen Gedanken und Gefühle zu verbannen, die mich vor kurzem noch fest im Griff gehabt hatten.

»Stopp!«, fing Damien an zu jammern. »Ich bekomme keine Luft mehr.« Sofort entließ ich ihn aus dem Kitzelgriff. Seine blonden Haare standen durch unsere kleine Schlacht wirr vom Kopf ab, seine Wangen waren rot gefärbt und seine braunen Augen strahlten vor Freude.

Mit einem Satz sprang er aus dem Bett und schaute mich erwartungsvoll an. Dabei tapste er von einem Fuß auf den anderen. So aufgeregt hatte ich ihn schon lange nicht mehr erlebt.

»Okay. Okay. Du hast gewonnen. Doch lass mich erst einmal ins Bad. Danach komme ich zu dir in die Küche und wir packen gemeinsam die Geschenke aus. Na, wie klingt der Deal für dich?«

»Dealen ist toll, Ava, aber wenn du jetzt ins Bad verschwindest, kommst du die nächsten Stunden nicht wieder raus. Dad sagt immer, dass Bäder für Frauen wie schwarze Löcher sind. Wenn sie einmal drin sind, verschwinden sie und können sich erst nach einer Ewigkeit daraus befreien.«

Für einen Moment sah ich ihn vollkommen perplex an, bevor mich ein Lachen schüttelte und mir Tränen in die Augen stiegen. Dieser verrückte Kerl. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie klug er mit seinen sieben Jahren schon war. Er wurde mir eindeutig zu schnell erwachsen.

»Nicht dealen, sondern einen Deal. Lass das bloß deine Mom nicht hören! Ich verspreche dir, ich werde mich nicht von dem schwarzen Loch gefangen nehmen lassen.«

Ich zeigte ihm mit meinen Fingern den Pfadfinderschwur, den er direkt erwiderte. Es war so eine Art Ritual zwischen uns beiden. »Du gehst schon mal runter und besorgst mir den größten Kaffee, den du finden kannst. Noch bevor der letzte Schluck in der Tasse ist, bin ich da.«

Bei meinen Worten war ich schon aus dem Bett gestiegen. Mit vorsichtigen Schritten kämpfte ich mich durch das unglaublich große Chaos meines Zimmers in Richtung Bad. Wer hätte gedacht, dass ein einziger Mensch so viele Sachen besitzen konnte. Schließlich wohnte ich seit knapp zwei Jahren nicht mehr in diesem Zimmer. Nur zu besonderen Anlässen oder wenn mich das Heimweh packte, was viel zu oft vorkam, übernachtete ich bei den Morgans. Doch in diesem Zimmer befanden sich genauso viele Klamotten wie in meiner kleinen Wohnung nahe dem College, die ich zusammen mit meiner besten Freundin bewohnte. Ich war einfach die Unordnung in Person. Ich nannte es liebevoll organisiertes Chaos. Schließlich wusste ich immer, wo sich die Dinge befanden und wenn nicht, brauchte ich nur ein paar Sekunden um sie zu finden. Susan hatte früher immer wieder versucht, mich zur Ordnung zu zwingen, es aber irgendwann aufgegeben. Chaos musste ein Strang in meiner DNS sein.

Noch einmal drehte ich mich zu Damien um, doch genauso schnell, wie er mein Zimmer betreten hatte, war er auch wieder verschwunden. Die Uhr tickte. Ich hatte genau fünf Minuten und dreiundzwanzig Sekunden. So lange würde Damien brauchen, um die größte Tasse zu finden und sie mit Kaffee aus der Maschine zu befüllen. Dieses Spiel spielten wir schon so lange, dass ich die Uhr danach stellen konnte. Wir waren schon zwei eigenartige Gestalten. Ein Herz und eine Seele. Mit Schwung schloss ich die Tür zu meiner Luxusoase. So nannte ich das kleine Bad, das Susan und Caleb mir zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt hatten. Dafür mussten sie einen Teil meines begehbaren Kleiderschrankes ausbauen lassen. Sie hatten mir in meiner Pubertät, die Privatsphäre geboten, die ich gebraucht hatte und ich war ihnen noch immer dankbar dafür.

Der große Spiegel an der längsten Wand des Bads, war das schönste im ganzen Raum. Er ließ die wenigen Quadratmeter größer und eleganter wirken. Mit flinken Griffen band ich mir meine kupferroten Haare zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen. Lange Zeit hatte ich meine Haarfarbe verflucht. Doch nach mehreren missglückten Versuchen, mir die Haare zu färben und einigen Lektionen von Susan zum Thema Steh zu dir selbst, hatte ich mich mit ihnen abgefunden. Jetzt einige Jahre später, war ich froh über diese auffällige Farbe. Selbst die gehässigen Sprüche meiner ehemaligen Mitschüler von der High School trafen mich nicht mehr. Schließlich hatte ich die High School-Zeit schon seit fast zwei Jahren hinter mir. Mit meinem guten Abschluss konnte ich einen der heiß begehrten Plätze am ESC, dem Elisabeth State College, ergattern. Ich hatte ein neues Leben begonnen und all das hinter mir gelassen, das nicht gut für mich war.

Mit einem Blick auf mein Handy wurde mir klar, dass ich schon wieder viel zu lange meinen Gedanken nachhing. Ich schnappte mir schnell meine kleine Sammlung an Schminkutensilien, legte notdürftig ein wenig Make-up auf, betonte meine smaragdgrünen Augen mit einem annähernd geraden Lidstrich, steckte meine neu erworbenen Plugs in die Ohren und begutachtete das Ergebnis im Spiegel. Nicht perfekt aber ausreichend, beschloss ich. Schnell kramte ich ein schwarzes Top, eine Jeans und meine Converse aus dem Schrank, schlüpfte hinein und warf einen letzten Blick in den Spiegel. Wie immer nichts Besonderes. Selbstbewusst sein, dachte ich. Ich straffte meine Schultern und war bereit für den Tag.

Schnell sprang ich die wenigen Stufen ins Erdgeschoss hinunter. Auch wenn ich hier nicht mehr wohnte, war es noch immer mein Zuhause. Mein erstes Ziel war die Küche. Genauer gesagt, die Kaffeemaschine. Eines wusste ich definitiv: Ich brauchte literweise Koffein, um meinen Körper in Gang zu bekommen.

Kaffee, eines meiner größten Laster Susan lachte dauernd über meine Sucht und wiederholte immer wieder, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem ich nie wieder schlaf finden würde. Irgendwie ein verlockender Gedanke. So hätte ich doch deutlich mehr Zeit zum Lernen oder auch für die nächtlichen Ausflüge mit meiner besten Freundin.

Kaum berührte mein Fuß die letzten Treppenstufen, wurde ich in eine kräftige aber herzliche Umarmung gezogen.

»Alles, alles Liebe zum Geburtstag, meine Kleine. Oh, ich kann es gar nicht glauben, dass du so groß geworden bist. Ich weiß noch, wie wir dich bekommen haben. Du warst so klein und man konnte dich ohne Probleme auf den Arm nehmen und jetzt sieh dich an.« Susan schob mich ein Stück von sich und betrachtete mich von oben bis unten. »Du bist schon so erwachsen und bald wirst du auch schon mit dem College fertig sein und dein Leben entdecken.«

Erneut schloss sie mich in ihre Arme. Mir wurde so unglaublich warm ums Herz. Es war eine liebevolle Umarmung und ich genoss diese Nähe in vollen Zügen. Susan war die beste Fast-Mom, die ich mir vorstellen konnte. Mit ihren knapp siebenundvierzig Jahren sah sie noch immer aus wie Mitte zwanzig. Ihre blonden Haare steckten in einem losen Dutt. Ein paar Strähnen rahmten ihr leicht rundliches Gesicht ein. Genau wie Damien hatte sie strahlende, haselnussbraune Augen. Doch das Beste an ihr war ihr Herz. Sie hatte das größte Herz auf der ganzen Welt. Neben ihrem Job als Anwältin engagierte sie sich in einigen gemeinnützigen Organisationen. Nichts war für sie schlimmer als Leid und Ungerechtigkeit. Mein Fast-Dad Caleb war ihr passendes Gegenstück. Er war Lehrer an der Elementary School in unserer kleinen Stadt. Er konnte streng sein, das stand außer Frage, doch falls irgendjemand seinen Liebsten etwas antun wollte, dann würde er alles unternehmen, um sie zu beschützen. Die beiden hatten sich auf einer Demo kennen und lieben gelernt. Seit ihrem ersten College-Jahr waren sie ein Paar, hatten noch während des Studiums geheiratet und mich kurz nach dem Abschluss adoptiert. So sah für mich die wahre Liebe aus.

»Ava, Kaffeeeeee!«

Damiens süße Stimme riss mich erneut aus meinen Gedanken.

»Danke, Susan.«

Ich atmete tief ein, als sie mich endlich aus der Umarmung entließ und mich mit in die Küche zog.

Damien stapfte vorsichtig mit meiner Tasse, die bis zum Rand mit Kaffee befüllt war, zu mir.

»Danke, mein Großer. Du bist wirklich ein Schatz.«

Er wischte sich mit einem vor Ekel verzogenen Gesicht über die Wange, auf die ich ihm als Dank einen Kuss gegeben hatte. Mit einer leichten Kopfbewegung lenkte Susan meinen Blick auf den rustikalen Küchentisch. Mein Platz war mit Blumen geschmückt. Ein Teller mit meinem Lieblingsbrötchen stand inmitten eines Berges von Geschenken.

»Susan, ihr sollt mir doch nichts schenken. Das Leben, das ihr mir Geschenkt habt, ist schon mehr als genug.«

Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen stieg. Mein Gesicht nahm einen deutlich sichtbaren Rotton an. »Papperlapapp, du bist unsere Tochter«, antwortete sie liebevoll. »Geschenke gehören zum Geburtstag dazu, wie Truthahn zu Thanksgiving. Also hopphopp, aufmachen!«

Noch immer peinlich berührt, griff ich zum ersten Geschenk.

Na super, da hatte ich schon meinen ersten Vorsatz über Bord geworfen. Schließlich strahlte ich alles andere als Selbstbewusstsein aus. Ich betrachtete das Geschenk in meinen Händen. Schon auf den ersten Blick war mir klar, von wem dieses kunstvoll eingepackte Päckchen stammte. Vorsichtig löste ich die erste von mindesten drei Lagen Tesafilm. Susan reichte mir, mit einem Augenzwinkern, eine Schere und ich bemerkte wie Damien neben mir vor Spannung beinahe bewusstlos wurde. Noch bevor ich das letzte Stück Papier entfernen konnte, war es mit Damiens Geduld vorüber.

»Es ist ein Bilderrahmen«, schoss es aus ihm heraus. Ich warf ihm einen belustigten Blick zu. Mit seiner flachen Hand schlug er sich gegen die Stirn.

»Ich Depp. Jetzt habe ich die Überraschung verdorben, oder?«

»Damien!«, mahnte Susan. Solche Worte hörte sie wirklich nicht gerne.

»Ja, ein bisschen«, zwinkerte ich ihm zu. »Aber ich freue mich trotzdem darüber.«

Ich betrachtete den braunen Bilderrahmen. Er war mit vielen bunten Nudeln und Glitzer beklebt. Ein wunderschönes Foto von Damien und mir steckte darin. Susan hatte es vor ein paar Wochen im Garten aufgenommen, als Damien und ich die ersten Sonnenstrahlen des Jahres genossen hatten.

»Mach das andere auf, Ava!«, sprudelte es aus Damien heraus. »Ich will wissen, was es ist.« Meine Neugierde war ebenfalls geweckt, auch wenn ich nicht glaubte, dass der Bilderrahmen noch übertroffen werden konnte. Ich zog vorsichtig die rosafarbene Verpackung auf. Ein kleines Schmuckkästchen kam zum Vorschein und es beherbergte das schönste Amulett, das ich je gesehen hatte – eine weißgoldene Herzhälfte. Feine eingravierte Linien verzierten es. In die Mitte war ein kleiner Smaragd eingearbeitet. Ich drehte es in meinen Fingern und entdeckte eine kleine Gravur auf der Rückseite. »Wenn deine Seele die Ergänzung zu meiner ist …«, las ich leise vor.

»Es ist von deinen Eltern. Das war das Einzige, was du damals bei dir getragen hast. Ich habe es all die Jahre für dich aufbewahrt. Jetzt bist du volljährig und reif genug, selbst darauf aufzupassen.«

Susan nahm meine Hand und strich zärtlich mit ihrem Daumen darüber. Ich spürte, wie mir Tränen in die Augen stiegen und versuchte sie wegzublinzeln. Der Traum kam mir wieder in die Gedanken. Das Bild meiner Mutter zeichnete sich vor meinen Augen ab. Ich hielt tatsächlich etwas in den Händen, dass sie getragen hatte. Ich fühlte mich ihr in diesem Moment sehr nahe.

Ein Zupfen an meinem Arm brachte mich in die Realität zurück.

»Ich wette mit dir, dass du gleich Geld in unser Fluchschwein werfen musst.« Damien sah mich mit einem wissenden Grinsen an. Noch bevor ich etwas erwidern konnte, folgte ich mit meinem Blick seinem Arm, der auf unsere kleine Uhr über der Küchentür zeigte.

»Oh, Scheiße. Ich komme zu spät!«

Die Uhr zeigte sieben Uhr zweiunddreißig und ich brauchte fast zwanzig Minuten bis zum College. Meine erste Vorlesung begann pünktlich um acht Uhr. Schnell drückte ich Susan ein weiteres Mal, verstaute das Amulett sicher in meiner Handtasche, gab Damien einen Schmatzer auf die Stirn, trank den letzten Schluck Kaffee, schnappte mir meine Jacke und stürmte aus dem Haus. Schneller als die Vorschriften es erlaubten, fuhr ich mit meinem kleinen roten Pick-up die Straßen durch unser Viertel Richtung Campus. Die Gegend, in der ich aufgewachsen war, wirkte eher durchschnittlich. Die Leute hatten genug, um zu leben, aber zu wenig, um sich ein bisschen Luxus zu gönnen. Doch ich liebte dieses Viertel. Die Straßen eingerahmt von Bäumen, die kleinen Häuser mit ihren liebevoll gepflegten Vorgärten, die idyllische Stille.

Kaum hatte ich den Parkplatz des Geländes erreicht und den Motor abgestellt, klopfte auch schon JJ an mein Fenster. Ihre Finger tippten ungeduldig auf die schmale Armbanduhr an ihrem Handgelenk. Ihr richtiger Name war Josephine Jenkins und sie war meine beste und einzige Freundin. Ihre Eltern hatten eine Vorliebe für historische Romane. Das hatte sie wohl dazu inspiriert, ihre jüngste Tochter Josephine zu nennen. So zumindest hatte JJ es mir erzählt, denn ihre Eltern hatte ich auch nach fast zehn Jahren Freundschaft noch immer nicht kennengelernt. Sie waren beruflich viel unterwegs und JJ schon früh auf sich alleine gestellt, was sehr viele Vorteile für uns hatte. Wer wünscht sich nicht, im Teenageralter ein ganzes Haus für sich alleine zu haben? Ich erinnerte mich zu gerne an all die Partys, Mädelsabende voller Pizza und Gesichtsmasken oder auch an mein erstes Date in JJs Wohnzimmer.

»Wo bleibst du denn? Ich warte hier mindestens schon zehn Minuten. Du willst wohl, dass uns der alte Thompson die Ohren lang zieht.«

Böse funkelte sie mich an und ich war froh, dass Blicke nicht töten konnten. Wenn JJ etwas absolut nicht mochte, war es Unpünktlichkeit. Sie liebte das College und Vorlesungen. Nur eine davon zu verpassen, würde sie in eine Sinnkrise befördern. Das hatte ich am eigenen Leib schon spüren müssen. Entschuldigend lächelte ich sie an und bemerkte schnell, dass ihre Gesichtszüge einen sanfteren Ton annahmen. »Da hilft es dir auch nicht, dass du heute Geburtstag hast. Happy Birthday übrigens. Jetzt hör auf, so schuldig zu lächeln und beweg deinen Hintern in das Gebäude. Wir haben noch exakt fünf Minuten Zeit.«

Schnell umarmte sie mich und drückte mir ein kunstvoll eingepacktes Geschenk in die Hand. Ohne es überhaupt geöffnet zu haben, wusste ich, was sich darin befand. Der neueste Bestseller. JJ verschenkte immer nur Bücher. Durch Bücher würde die Welt schöner und friedlicher werden, behauptete sie, und dem konnte ich nur zustimmen. Lächelnd bedankte ich mich bei ihr und stellte fest, dass sie mich entsetzt ansah.

»Sind das etwa Falten in deinem Gesicht?«

Vor Schreck strich ich über mein Gesicht. Im gleichen Augenblick brach JJ in schallendes Gelächter aus. Mal wieder hatte sie es geschafft, mich reinzulegen. Das tat sie jetzt seit zehn Jahren regelmäßig. Man sollte meinen, dass ich sie irgendwann durchschaut hätte, doch mit solchen Nummern schaffte sie es immer wieder. So hatte sie mir im Laufe der Zeit den Namen Sheldon verpasst. Ironie, Sarkasmus oder auch bestimmte soziale Fähigkeiten waren, genau wie bei dem fiktiven Charakter meiner Lieblingsserie, für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Mit einem leichten Schlag auf JJs Hinterkopf wollte ich mich revanchieren, verfehlte sie aber um fast vierzig Zentimeter, was uns beide in ein noch heftigeres Gelächter ausbrechen ließ. Voller Freude ergriff ich ihre Hand. Gemeinsam betraten wir das antike Gebäude der ESC. Gerade noch rechtzeitig erreichten wir den Hörsaal. Mein Hintern hatte den Stuhl gerade erst berührt, als Mr. Thompson hereinstürmte. Er war Anfang Fünfzig und definitiv keine Schönheit. Das Gerücht, dass er noch immer bei seiner Mom wohnte, hielt sich schon seit Jahren hartnäckig. Seine gestärkten Hemdkragen schauten immer perfekt aus einem Siebziger-Jahre-Pullover heraus. Eine dicke Hornbrille zierte seine krumme Nase, das leicht gräuliche Haar war in einem akkuraten Scheitel an den Kopf gelegt.

Neunzig Minuten endlose Erzählungen über Wahrscheinlichkeitstheorien lagen vor uns. Wäre ich doch heute Morgen nur in meinem Bett geblieben! Ich hatte mich dazu entschieden, zusammen mit JJ Psychologie zu studieren. Nicht, dass ich jemals als Psychologin in einer Praxis hatte arbeiten wollen, doch dieses Bedürfnis für verlorene Seelen da zu sein, genau wie es die Morgans für mich gewesen waren, wuchs immer mehr in meinem Herzen. Aber das ein Mathematik-Grundkurs und ebenso Chemievorlesungen zu diesem Studiengang gehören mussten, war mir bis heute unangenehm. Meine Motivation verließ mich nach wenigen Minuten und so zog ich es vor, aus dem Fenster zu schauen. Dieses Wahrscheinlichkeitszeugs war mir einfach unbegreiflich.

Mein Blick schweifte über den liebevoll angelegten Garten im Innenhof des Gebäudes. Im Sommer blühten dort allerlei Pflanzen, die unglaublich selten und wertvoll waren, wenn man den Worten von Jeff glauben konnte. Er war Vorsitzender des GreenRiver Nature Clubs. Wenn jemand mir den Rang des seltsamsten Menschen des College ablaufen konnte, dann er. Doch etwas passte heute nicht ins Bild. Die grüne Oase wurde durch einen schwarzen Fleck gestört. Ich kniff meine Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was sich dort draußen befand. Mit meinem Stuhl rutschte ich leise ein Stück weiter zum Fenster und dann erkannte ich es: Es war kein Es. Es war ein Er. Ein komplett in Schwarz gekleideter Mann. Er trug einen langen Mantel mit einer überdimensional großen Kapuze, die fast sein Gesicht verdeckte. Nur seine Augen waren zu erkennen und blitzten gefährlich auf. Scharf zog ich die Luft ein.

Wer war dieser Kerl und wieso starrte er mich so an?

»JJ. Kennst du diesen Mann dort draußen?«

Neugierig schaute sie an mir vorbei und suchte die Gegend ab.

»Welcher Mann, Ava?«

»Na, der unheimliche Typ dort drüben bei den Himbeersträuchern. Er ist kaum zu übersehen.

Sieh doch seine …«

Doch meine Worte blieben mir im Hals stecken. Er war verschwunden. Noch vor wenigen Sekunden hatte er dort gestanden und jetzt deutete nichts mehr darauf hin, dass er da gewesen war. Wie war das nur möglich?

»Geht es dir gut? Du bist auf einmal so blass.«

»Alles in Ordnung. Ich habe wahrscheinlich gerade mit offenen Augen geträumt.«

Unsicher zuckte ich mit meinen Schultern. War das peinlich, eine typische Ava-Aktion. Ich hatte tatsächlich Angst vor meinem eigenen Tagtraum gehabt. Ich spürte, dass JJs Blick auf mir ruhte. Mir war die Sache unangenehm genug, so dass ich diesen Vorfall nur vergessen wollte. Die bohrenden Blicke spürte ich, aber es war mir gleichgültig.

Kapitel 2

Der neue Student

– oder auch: Die nervigste Person aller Zeiten –

ist da

»Ich kann es spüren. Die Macht wird stärker. Überall kann man es riechen. Das Blut der Lux-Frischlinge. Ich kann es kaum erwarten, sie abzuschlachten!«

Die hysterische Stimme meiner Schwester hallte durch den Thronsaal. Es juckte sie in den Fingern, endlich diesem Lux-Abschaum das Leben zu nehmen.

»Zügele dich!«, tadelte Luzif sie. »Deine Zeit wird bald gekommen sein. Du wirst genügend Gelegenheiten haben, ihnen das Leben zu entziehen. Doch deine Wut muss unter Kontrolle bleiben. Du arbeitest für mich, den König der Schatten, und kannst dir keine Fehler erlauben.« Ich lauschte unberührt und gelangweilt ihren Worten und blickte erst auf, als die schwere Eichentür des Thronsaals geöffnet wurde. Ein weiterer Schattenkrieger betrat den Raum. Ich musterte sein vernarbtes Gesicht. Er war ein Soldat des Königs, die Narben in seinem Gesicht waren das Zeichen dafür. Jede davon war eine Trophäe. Je mehr Narben das Gesicht eines Soldaten zeichneten, desto stärker und mächtiger war er. In diesem Gesicht war deutlich zu erkennen, dass er mit guten Nachrichten zu uns kam. Auch ich zeigte ihn, wenn es mir gelungen war, die Lux aufzuspüren. Es war die Vorfreude darauf, ihnen das Leben zu nehmen und sie mit Schatten zu füllen. Denn das war meine Aufgabe. Ich war der rechtmäßige Thronfolger und alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich durfte keinen Fehler begehen. Fehler bedeuteten Schwäche. Als König war man nicht schwach. Als König war man stark und skrupellos. Lux zu töten, war die oberste Regel. Nur so hatten wir die Chance, die Welt zurückzuerobern und uns endlich das zu nehmen, was uns zustand. Irgendwann würde all das hier mir gehören.

Ich sollte mit meiner Vermutung recht haben und lauschte den Worten des Soldaten.

»Ich habe die Energie eines Lux-Frischlings ausfindig gemacht. Es gibt keinen Zweifel. Ich erwarte ihren Befehl.«

Mein Vater ließ sich nicht lange bitten. Mit einem einzigen aber bestimmten Nicken gab er sein Einverständnis und überließ den Soldaten seinem Schicksal.

»Wieder ein Lux weniger«, flüsterte meine Schwester fröhlich. Jedes einzelne ihrer Worte war Musik in meinen Ohren.

***

Der Vormittag verlief ohne irgendwelche Störungen. Mein Hirngespinst hatte ich vergessen und quälte mich weiter durch nicht enden wollende Vorlesungen.

Vollkommen gerädert vom Morgen, machte ich mich auf zu meinem Lieblingsort des College – der Mensa. Wenn es ums Essen ging, verstand ich keinen Spaß. Essen und Koffein waren meine Drogen.

Tief in Gedanken versunken merkte ich nicht, wohin ich ging. Die Folge war, dass ich mich unsanft auf dem Boden wiederfand. Na super, Ava. Du machst dich gerade wieder zum Gespött der Leute, schoss es mir durch den Kopf.

»Verdammt, was zur Hölle …«, fluchte ich laut, hielt aber inne, als mir eine Hand entgegengestreckt wurde. Langsam hob ich den Kopf und blickte in dunkle, fast schwarze Augen. Ich kannte den Jungen, der da vor mir stand und mir seine Hand reichte, nicht. Er war groß und seine schwarzen, kinnlangen Haare fielen ihm ins Gesicht. Seine Lieblingsfarbe musste ohne Zweifel Schwarz sein, seine Kleidung zeigte keine andere Farbe. Doch was mich an ihm faszinierte, waren seine Augen. So dunkel, so kalt. Nicht ein einziges Gefühl war darin zu lesen.

»Danke«, murmelte ich verlegen und ergriff seine Hand. Kaum hatte ich sie berührt, wurde mein Körper von einer Kältewelle erfasst. Das Kribbeln zuckte durch meine Finger bis tief in meinen Körper. So schnell es ging, ließ ich ihn wieder los. Für einen Augenblick sah ich Verwunderung in seinem Gesicht und ich war mir sicher, dass er es auch gefühlt haben musste. Bevor ich noch etwas sagen konnte, drehte er sich um. Ehe er um die nächste Ecke verschwunden war, wandte er sich mir noch einmal zu:

»Pass lieber auf, wo du hinläufst, Rotschopf. Du weißt nie, wer hinter der nächsten Ecke steht.«

»Arschloch!«, fauchte ich ihm hinterher. Unschlüssig in Bezug mein weiteres Handeln stand ich nun da. Der Appetit war mir eindeutig vergangen. Ich hasste diesen Kerl, wie mir in diesem Moment bewusst wurde. Noch nie hatte es jemand geschafft, mich vom Essen abzuhalten. Das konnte nur bedeuten, dass er das Böse in Person war. Mit diesem Typen würde ich keine Sekunde meines Lebens vergeuden, dessen war ich mir sicher.

Kapitel 3

Sport ist Mord.

Wieso müssen manche dieses Sprichwort

so wörtlich nehmen?

Sport. Ich hatte absolut kein Interesse an Sport und doch sollte dieser Nachmittag dann so enden. Was hatte ich doch wieder für ein Glück an meinem Geburtstag. Dem angeblich schönsten Tag des Jahres.

Die anderen waren alle schon lange aus der Umkleide verschwunden, ich dagegen verspürte nicht den Druck mich zu beeilen. Jede Minute, die ich von diesem Kurs verpasste, war eine gute Minute. Yoga soll laut JJ die Seele reinigen und uns die perfekte Entspannung nach einem anstrengenden Tag bieten. Ich verfluchte sie noch immer dafür, dass sie mich reingelegt hatte, um an diesem Kurs teilzunehmen. Die anderen Mädchen konnten es jedoch kaum erwarten, in ihren knappen Shorts und engen Shirts, vor den Jungs herumzuturnen.

Die Sportkurse wurden hier am College getrennt durchgeführt. Das bedeutete, wir Frauen durften Volleyball spielen oder Gymnastikübungen durchführen, währenddessen sich die Jungs beim Football die Köpfe einschlugen. Das hielt meine Kommilitoninnen nicht davon ab, diese Zeit zu nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen. Dabei war es ihnen egal, wie lächerlich sie dabei aussahen. Schließlich war jeder Blick eines Typen für diese Mädchen wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Ekel ließ meinen Körper erschaudern. Niemals würde ich es so weit kommen lassen. Ich war kein Stück Fleisch. Ich würde mich den Jungs nicht an den Hals werfen. Dafür war ich überhaupt nicht der Typ. Ich würde auf den Jungen warten, der mich wirklich liebte. Vor meinen Augen erschien das Bild des Jungen von heute Vormittag. Wieder überrollte mich das Gefühl von Kälte. Mein ganzer Körper erschauderte. Nein, dieser Typ würde niemals einen Platz in meinem Herzen finden.

Mit langsamen Bewegungen, die fast schon für das Guinness-Buch geeignet wären, knotete ich meine Schnürsenkel. Ein Poltern ließ mich aufhorchen. Langsame, schwere Schritte kamen auf mich zu. Es hörte sich nicht nach weiblichen Schritten an. Diese hier hatten nichts Leichtes an sich. Sie klangen dumpf und bedrohlich. Ein Mann in der Damenumkleide bedeutete Ärger oder Gefahr. Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. Die Luft um mich herum wurde deutlich kälter. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Es war nicht zu erklären, warum, doch ich war mir noch nie in meinem Leben so sicher gewesen, dass es besser sei, zu verschwinden – Schutz zu suchen. Mit flinken Bewegungen drückte ich mich in meinen Spind, was in Anbetracht meiner Körpergröße nicht so leicht war. Diese Spinde waren für Sportkleidung und definitiv nicht für Menschen gemacht. So leise wie möglich zog ich die Tür hinter mir ins Schloss. Nervös und mit pochendem Herzen, horchte ich auf die sich nähernden Schritte. Durch die kleinen Schlitze konnte ich nicht viel sehen, doch was ich sah, ließ mich beinahe schreien. Mit meiner linken Hand hielt ich mir meinen Mund zu, während ich mich mit der rechten in Position zu halten versuchte. Meine Hände waren nass vom Schweiß und so rutschte ich immer wieder von den kalten, glatten Wänden ab.

Ein Schatten huschte am Spind vorbei und die Schritte verstummten. Das Herz schlug mir bis zum Hals und ich hatte Angst, wer auch immer davor stand, würde es schlagen hören. Das Einzige, was ich jetzt noch hörte, war ein schweres, tiefes Atmen.

»Ich kann dich riechen. Abschaum. Nichts als Abschaum bist du. Komm heraus, damit ich dir ein Ende setzen kann.«

Mein Gefühl hatte mich nicht getäuscht. Wer auch immer dort draußen war, hatte nichts Gutes im Sinn. Jetzt bloß keine Panik Ava, betete ich mir vor.

»Du ziehst es nur unnötig in die Länge, kleine Lux.«

Ein lautes Krachen ließ mich zusammenzucken. Er hatte gegen den Schrank mir direkt gegenüber getreten. Jetzt war er in mein eingeschränktes Blickfeld gelangt.