Shared desk - Laura Dickerman - E-Book

Shared desk E-Book

Laura Dickerman

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Beschreibung

Liebe kommt ins Nachwort Die neue mobile Arbeitsweise ihres Unternehmens zwingt die New Yorker Lektorin Rebecca Blume dazu, sich ihren Schreibtisch von nun an mit einem Kollegen einer anderen Abteilung zu teilen. Als die beiden um das unveröffentlichte Manuskript eines kürzlich verstorbenen Schriftstellers konkurrieren, wird das Dauer-Geplänkel um einen vernachlässigten Kaktus auf ihrem shared desk zum geringsten ihrer Probleme. Dann erfährt Rebecca, dass ihre Mutter und  die Witwe des berühmten Autors in den 1980er Jahren Kolleginnen bei seiner Literaturzeitschrift waren. Bis ein schicksalhafter Tag ihr Leben für immer veränderte …  Eine humorvolle Reise durch die Verlagsbranche, eine herzerwärmende Geschichte über Freundschaft, Liebe und Literatur.

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EPUB
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Seitenzahl: 524

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Laura Dickerman

Shared desk

Sie teilen sich Schreibtisch, Kaktus und ein Herzensprojekt

Roman

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Lena Kraus

 

Über dieses Buch

 

 

Sie müssen sich neuerdings einen Schreibtisch teilen: Die Lektorin Rebecca Blume und ihr Kollege Ben Heath kommen abwechselnd ins Büro, haben sich noch nie gesehen und hinterlassen zunächst passiv-aggressive Post-its. Als jedoch ein berühmter Autor stirbt und die Rechte an seinem Werk zu erwerben sind, eskaliert ihr Geplänkel. Beide wollen sich unbedingt den Nachlass sichern. Dann erfährt Rebecca von einer Verbindung zwischen ihrer Mutter Jane und dem Starautor. 

Vier Jahrzehnte zuvor: Jane und Rose sind zwei talentierte junge Frauen, die versuchen, sich im Literaturbetrieb zu behaupten. Doch ein schicksalsträchtiger Tag wird ihr Leben für immer verändern.

 

Eine humorvolle, herzerwärmende Reise durch zwei Generationen der Verlagsbranche, eine einzigartige, Jahrzehnte umspannende Geschichte über Freundschaft, Liebe und Literatur.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Laura Dickerman hat Anglistik und Literatur studiert und an verschiedenen Schulen als Lehrerin Englisch unterrichtet. Vor vielen Jahren war sie Praktikantin bei der Literaturzeitschrift »The Paris Review«. Während sie für kurze Zeit als Aushilfe ihres jüngsten Bruders in einem bekannten amerikanischen Verlag arbeitete, kam ihr die Idee zu ihrem Buch. Die Autorin hat zwei erwachsene Töchter und lebt mit ihrem Ehemann in Atlanta. »Shared Desk« ist ihr erster Roman.

 

Lena Kraus schreibt auf Englisch und übersetzt aus dem Englischen und Norwegischen ins Deutsche. Nach dem Studium der Anglistik und Skandinavistik strebt sie nun einen PhD in kreativem Schreiben an der Universität in Edinburgh an und arbeitet an ihrem ersten Roman. Sie lebt in Deutschland und Schottland.

Impressum

 

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Copyright © 2025 by Laura Dickerman

Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »Hot Desk« bei Gallery Books, einem Imprint von Simon & Schuster LLC, New York, NY. 

Übersetzung des Gedichts “The Snow Is White Upon the Ground”: By Kenneth Patchen,from COLLECTED POEMS OF KENNETH PATCHEN, copyright ©1943 by Kenneth Patchen.Mit freundlicher Genehmigung der New Directions Publishing Corp.

Zitat aus dem Song »BANG A GONG (Get It On)«: Words and Music by Marc Bolan,© Copyright 1971 (Renewed) Westminster Music Ltd., London, England R B Investments 1, Beverly Hills; Mit freundlicher Genehmigung von TRO-Essex Music International, Inc., New York, NY.

Zitat aus dem Lied »Let It Snow! Let It Snow! Let It Snow!«: Words by Sammy Cahn; Music by Jule Styne; © 1945 (Renewed) PRODUCERS MUSIC PUBLISHING CO., INC. and CAHN MUSIC COMPANY; All Rights for PRODUCERS MUSIC PUBLISHING CO., INC.; Administered by CHAPPELL & CO., INC.; All Rights for CAHN MUSIC COMPANY; Administered by CONCORD SOUNDS c/o CONCORD MUSIC PUBLISHING; All Rights Reserved; Mit freundlicher Genehmigung von Hal Leonard LLC.

 

Für die deutschsprachige Ausgabe:

© 2026 S. Fischer Verlag GmbH,

Hedderichstr. 114, 60596 Frankfurt am Main

Vignetten: de.freepik.com

Redaktion: Susanne Kiesow

Covergestaltung: semper smile, München

Coverabbildung: Shutterstock

ISBN 978-3-10-492182-2

 

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

 

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Inhalt

[Widmung]

KAPITEL EINS

Montag

KAPITEL ZWEI

Montag

KAPITEL DREI

Mittwoch

KAPITEL VIER

Mittwoch

JANE

New York City

KAPITEL FÜNF

Dienstag

KAPITEL SECHS

Dienstag

JANE

New York City

KAPITEL SIEBEN

Mittwoch

KAPITEL ACHT

Mittwoch

JANE

New York City

KAPITEL NEUN

Montag

JANE

New York City

KAPITEL ZEHN, TEIL EINS

Montag

JANE

New York City

KAPITEL ZEHN, TEIL ZWEI

Montag

KAPITEL ELF

Mittwoch

KAPITEL ZWÖLF

Mittwoch

KAPITEL DREIZEHN

Montag

KAPITEL VIERZEHN

Montag

JANE

New York City

KAPITEL FÜNFZEHN

Donnerstag

KAPITEL SECHZEHN

Donnerstag

JANE

New York

EPILOG

Sonntag

The New York Times

Entertainment weekly

National Public Radio

bon appétit

Page Six

DANKSAGUNG

Für Bill, natürlich.

KAPITEL EINS

Montag

Rebecca, auf der Arbeit

Rebecca musterte den Schreibtisch, den sie sich seit Neuestem teilen musste. Die Arbeitsfläche war leer, abgesehen von einem traurigen Kaktus in einem grünen Plastiktopf. Wie hatte es nur so weit kommen können? Immerhin hatte sie schon ihr eigenes Büro gehabt. Zugegeben, als sie vor fünf Jahren bei Avenue Publishing angefangen hatte, war dieses mehr schlecht als recht in einer ehemaligen Aktenkammer für sie eingerichtet worden. Aber es hatte eine Tür gehabt, die sie zumachen konnte. Und nachdem sie zwei lange Jahre lang in der Wohnung ihrer Großmutter auf der West 93rd Street gelebt und auch dort im Homeoffice gearbeitet hatte, hatte Rebecca sich tatsächlich darauf gefreut, wieder zur Arbeit zu gehen und Kolleginnen und Kollegen zu sehen, ohne sich in ihren Zoom-Hintergründen zurechtfinden zu müssen. Sie hatte sich auf Gespräche in der Teeküche gefreut und darauf, wieder schickere Klamotten zu tragen.

Doch dann hatte Leesen, der Konzern, dem Avenue, Hawk Mills und eine Handvoll weiterer Verlage gehörten, auf Großraumbüros umgestellt. Der Geschäftsführer Frank French hatte versucht, das als tollen Anreiz zum »Teambuilding« zu verkaufen. Und dann, als sie gerade angefangen hatte, sich an den Mangel an Privatsphäre zu gewöhnen, hatte Leesen die vierte Etage untervermietet, ihre Bürotage auf Montag und Dienstag beschränkt und Hawk Mills auf die Etage von Avenue verlegt, wo sie mittwochs und donnerstags arbeiten würden, und zwar an ebenden Schreibtischen, an denen jetzt sie und ihre Kollegen und Kolleginnen saßen. Rebeccas winziges Büro nannte sich jetzt »Synergieraum«. Bisher hatte sie nur gesehen, wie Paul aus der Herstellung dort seinen Caesar Salad mit Grünkohl aß – aus eigener Erfahrung wusste sie, dass der genauso schmeckte wie der Buffalo Chicken Salad.

Sie ließ ihre schwere Tasche von ihrer Schulter auf den Stuhl gleiten. Der rollte weg, als sie die Kiste mit ihren Sachen auf den Schreibtisch stellte: ihren blauen Marimekkobecher, den Firmenlaptop, einen anderen Becher mit Croissant als Henkel (ein geliebtes, furchtbar hässliches Geschenk von ihren Neffen), in dem ihre Lieblingsstifte steckten; ein gerahmtes Foto von Stella (ihrer besten Freundin vom College) und ihrer Großmutter Mimi, die ihre Sektgläser hoben; eine Tüte Schokomandeln; eine Flasche Kirschkombucha, die sie noch in den Kühlschrank verfrachten musste; ihr Julia-Child-Mousepad und eine Postkarte von The Hungarian Pastry Shop. Diese Erinnerung an ihre Lieblingskonditorei lehnte sie hinten auf dem Schreibtisch an die Wand.

Ganz im Ernst, es wussten doch wohl alle, dass der Kaktus die schlimmste aller Pflanzen war: eine hässliche, stachelige Ausrede für Leute, die Sand und Hitze und Western mochten. Man musste schon Fülle, saftiges Grün und ja, das Leben aufgegeben haben, um Kakteen zu mögen. Wenn sie, die Montag/Dienstag-Schreibtischnutzerin, jeden Dienstagabend all ihre Habseligkeiten in einem abgeschlossenen Aktenschrank verstauen musste, dann konnte Mister Mittwoch/Donnerstag ihr ja wohl seinen ätzenden Kaktus aus den Augen schaffen. Vielleicht, dachte Rebecca mürrisch, war das Büroleben ja doch nichts für sie. Sie zog den Stuhl wieder zu sich heran und ließ sich darauf fallen, um sich von dort aus einen Überblick über das Terrain ihrer neuen, definitiv unhaltbaren Situation zu verschaffen. Von hier aus sah die Arbeit im Homeoffice, selbst wenn es sich dabei um das ehemalige Kinderzimmer ihres Vaters handelte, plötzlich gar nicht so schlecht aus.

Mrs Singh aus der Personalabteilung herrschte von ihrem designierten Montag-bis-Freitag-Schreibtisch, der mit einem Wasserkocher, ihrem Tageskalender mit Inspirationssprüchen und einem wahren Dschungel aus gesunden, blütenreichen Pflanzen bestach, über das Ganze. Chloe, Rebeccas fröhliche Assistentin, wedelte wild mit den Händen, um zu signalisieren, dass sie sich – wie könnte es anders sein – in einem Zoom-Call befand. Rebecca winkte zurück und hoffte, dass Chloe und ihre Fröhlichkeit sich von ihr fernhalten würden, bis sie sich mit der Situation, die sich wie das Gegenteil von einer Beförderung anfühlte, abgefunden hatte. Es war keine Degradierung, es war einfach nur die neue Welt. Eine Welt des »agilen Arbeitens«, so hatte Frank French das genannt (igitt). Sie war erst achtundzwanzig und fühlte sich trotzdem schon jetzt alt, mürrisch und abgehängt. Hatte Chloe Crocs mit Leopardenmuster an? Warum? Waren Crocs wieder in? Sie hatte leidenschaftlich gehofft, nie wieder welche sehen zu müssen. Sie machte die oberste Schreibtischschublade auf und holte ein Päckchen neonfarbener Post-its heraus. War Neon wieder in? Was, bitte, war denn verkehrt an den guten alten blassgelben Klebezetteln? Hatte ihr »Desksharingpartner« (dein Ernst, Frank French?) die Neon-Post-its und den Kaktus mitgebracht? Sie wusste über diese Person nichts, außer dass er Ben hieß und Lektor bei Hawk Mills war – und damit ihr Erzfeind: Hawk Mills und Avenue konkurrierten direkt um dieselben Projekte: Belletristik, Memoiren und ab und zu ein Coffee-Table-Book über Tulpen für zweihundertfünfzig Dollar.

»Ich habe gehört, der Neue hat rote Haare!« Gabe, der Leiter des Marketingteams, gab Rebecca einen Kuss auf die Wange und einen in eine Serviette gewickelten Donut. Letzte Woche war das neue Desksharingleben mit einem großen Hallo eingeläutet worden: In der Küche hatte es Breakfast-Burritos gegeben und dann um vier Uhr nachmittags einen Empfang mit Salami- und Käseplatte und billigem Wein. Die Begeisterung hatte erwartungsgemäß schnell nachgelassen, und diese Woche gab es nur zwei Dutzend Donuts. Gabe lehnte sich an den Tisch, die langen Beine an den Knöcheln übereinandergeschlagen, sodass sie seine grellbunt gestreiften, zweifellos sündhaft teuren Socken bewundern konnte. Es lag vor allem an Gabe, dass Rebecca überhaupt noch gern im Büro war; sie hatten ungefähr zur selben Zeit bei Avenue angefangen und waren mittlerweile auch jenseits der Arbeit befreundet. Im letzten Jahr hatte sie auf seiner Hochzeit (mit seinem Mann, einem auf Partys spezialisierten Eventplaner, Thanapob, den alle nur Tor nannten) ein Gedicht von Kavafis vorgetragen.

»Rote Haare! Das passt ja wie die Faust aufs Auge.« Rebecca konnte sich denken, dass es sich bei Gabes geheimer Quelle um Mrs Singh handelte, deren Interesse an Büroklatsch perfekt mit seinem ineinandergriff. Mit demselben Optimismus, mit dem ihre Großmutter Mimi Rubbellose bearbeitete, biss sie in den Donut. Diesmal war es der Millionengewinn! Diesmal würde er frisch schmecken. Er schmeckte nicht frisch. Rebecca erlaubte sich eine weitere nostalgische Erinnerung an die Zeit, in der sie mit Lautsprecher telefonieren und gleichzeitig per Selfiekamera ihre Zähne checken konnte. Und ja, in der Ruhe und dem Frieden, die ihr die geschlossene Tür verschaffte, hatte sie sich tatsächlich auch auf ihre eigentliche Arbeit konzentrieren können. Sie machte eine abfällige Handbewegung, um ihre Missbilligung für den Schreibtisch und die insgesamt völlig inakzeptable Lage auszudrücken. »Rothaarige gehen gar nicht.«

»Es gibt heiße Rothaarige und Problemrothaarige.« Gabe warf einen mitleidigen Blick auf den Kaktus und schob ihn demonstrativ zur Seite.

»Das ist nicht mein Kaktus«, erklärte Rebecca. »Das ist Rothaarigendeko. Er hat ihn allen Regeln zum Trotz hiergelassen.«

»Prinz Harry zum Beispiel«, fuhr Gabe ungerührt fort, »wäre ziemlich sicher ein Problemrothaariger, wenn er kein Prinz wäre. Seine Prinzigkeit macht ihn aber objektiv gesehen sexy. Ein heißer Rothaariger.«

»Prinzigkeit?« Rebecca biss wieder in den Donut – der noch genauso enttäuschend schmeckte wie vorher. »Außerdem hatte ich gedacht, dass du dich für deine übermäßige Wut darüber, dass wir das Prinz-Harry-Buch nicht bekommen haben, in Behandlung befindest. Als würde Avenue irgendwem geheime Millionen zahlen.«

»Die waren nicht geheim! Die waren völlig transparent! Fünfundzwanzig Millionen! Jeden Penny wert, und mit Meghan hätte ich das so was von saumäßig gut vermarkten können.«

»Wie du bereits erwähnt hattest.« Rebecca schaltete ihren Computer an und schob den Kaktus an den hintersten Rand des Schreibtischs, hinter den Monitor. »Fakt: Auf der ganzen Welt gibt es keine heißen Rothaarigen, die genauso sexy wären, wenn sie keine roten Haare hätten. Was wissen wir über diesen Ben?« Ben erschien ihr nicht wirklich ein passender Name für einen Rotschopf zu sein. Rebecca stellte sich ihren Schreibtischgenossen als Prinz Harry mit Sommersprossen vor, nur nicht als Prinz und deshalb ohne den Sex-Appeal, den die Prinzigkeit ihm verleihen würde. »Ben wie Benjamin, ein adretter Blaublütiger aus Boston, der Segelschuhe trägt und Drachen steigen lässt. Halt, warte, das wäre ja Benjamin Franklin. Er ist uralt und trägt Benjamin-Franklin-Unterhosen.«

»Keine normalen Unterhosen. Kniehosen«, verbesserte sie Gabe. »Oder er heißt Ben wie Benny, ein zerraufter Junge aus Jersey, der eine Zigarettenpackung in seinem T-Shirt-Ärmel einwickelt und Autos repariert. Oder beides vielleicht… zerrauft und adrett. Adrett und zerrauft.«

Rebecca schälte einen gelben Zettel aus der Post-it-Packung. »KAKTEEN SIND DIE BESCHEUERTSTEN PFLANZEN«, schrieb sie darauf. Zu aggressiv? Sie knüllte den Zettel zusammen und zupfte einen neuen vom Block. »IST EIN KAKTUS WIRKLICH ANGEMESSEN ALS SCHREIBTISCHDEKO?« Zu passiv-aggressiv? Zerknüllt. »ICH HASSE DEINEN KAKTUS.« Zu aggressiv-aggressiv? Zerknüllt. Sie wischte den Post-it-Müll in den grauen Papierkorb unter dem Schreibtisch, der nur teilweise ihr gehörte. »Hol mich später ab. Ich habe jetzt zu tun.«

Gabe ging zu seinem ordentlichen Schreibtisch auf der anderen Seite des Büros. (Seine Schreibtischpartnerin war die unproblematische Carlotta, die bei Hawk Mills das Äquivalent zu seiner Marketingstelle hatte.) Hawk Mills war die Verlagsmarke, die sich so unverschämt in das Büro von Avenue gedrängt hatte. Regelgetreu wie immer hatte Gabe Carlotta sofort eine E-Mail mit Vorschlägen für ein paar geschmackvolle Dekogegenstände geschickt, denen sie auch gleich zugestimmt hatte. Es war ja auch kein Kaktus dabei gewesen. Carlotta musste nicht fragen, um zu wissen, dass sie das Foto vom Schulabschluss ihrer Nichte wegpacken sollte, und Gabe schloss im Gegenzug jeden Dienstagabend seine Tizio-Schreibtischlampe aus dem MoMa Design Store ein, um Carlotta davor zu »schützen«, sie versehentlich kaputt zu machen.

Rebecca klickte auf ihr E-Mail-Postfach. Sollte sie Ben schreiben und ihm klarmachen, dass der Kaktus ein absolutes No-Go war? Und dass sie ihren schwarzen Arbeitspullover ordentlich gefaltet in der untersten Schublade lassen wollte, falls die Klimaanlage mal wieder voll aufgedreht war? Sie würde den Pullover lieber nicht mit ihren Kaffeebechern in den Spind stopfen. Schluss damit! Sie hatte gerade deutlich Wichtigeres zu tun. Und hier war auch gleich der Beweis: eine E-Mail mit den letzten Korrekturen und Änderungen von Lady Paulette (nicht wirklich eine Lady, nicht wirklich eine geborene Paulette), deren Memoir über ihr Leben als Gefährtin eines weniger bekannten Philosophen des 20. Jahrhunderts unerklärlicherweise Rebeccas Boss Ami ins Auge gefallen und infolgedessen auf Rebeccas Schreibtisch gelandet war, der es damit zugefallen war, das Manuskript zur Veröffentlichung zu geleiten. »Rebecca …« Lady Paulette verwendete Skript für sämtliche Korrespondenz, was wirklich sehr nervte. »Es ist unerlässlich, dass diese Änderungen den Weg ins fertige Buch finden. Ich weiß, sie kommen spät, ich weiß, es ist scheußlich von mir. Aber das Buch wäre ohne sie ein Haufen Müll. Wenn diese Modifikationen nicht eingearbeitet werden, kann ich nicht versprechen, dass ich mich in der Lage sehen werde, hinter Die Lady und das Brain zu stehen und die abgesprochenen Werbeinterviews zu geben. Danke.« Rebecca öffnete den Anhang. Lady Paulette hatte den Namen ihrer Katze von Catherine zu Katherine geändert, was mit Suchen und Ersetzen recht schnell erledigt war. Rebecca seufzte und leitete die neue Version an Richard weiter, den leidgeprüften leitenden Redakteur. Rebecca wusste, dass er einen Wutanfall bekommen würde. Er würde ihr sagen, dass es unmöglich war, die Änderungen zu diesem Zeitpunkt noch einzuarbeiten, und es dann doch machen. Sie schickte Gabe eine kurze Mail und fragte, ob er dachte, Liberty of London würde Lady Paulette für ihre Tour mit Halstüchern ausstatten wollen. Vielleicht hatten sie ja Leopardenmuster?

Weiter unten in ihrem Postfach fand sie eine Mail von Frank French höchstpersönlich, die mit Phrasen wie »Homeoffice-Flexibilität«, »verbesserte Arbeitseffizienz« und dem höchst verdächtigen »grenzenlosen Arbeitsplatz« gespickt war und sie zur zweiten Desksharingwoche willkommen hieß.

Dann war da noch eine verlagsgruppenweite E-Mail, ebenfalls von Frank French, über den Tod des literarischen Giganten Edward David Adams, dem letzten der New Yorker Gruppe schrecklicher, aber begabter Männer, die die Welt des Schreibens lange beherrscht hatten – diejenigen, deren Eskapaden gerade noch nicht ihre brillanten Kriegsromane, preisgekrönten Beschreibungen von Affären in spießigen Vorstädten und Schinken über Schinken über ihren privilegierten weißen Kampf mit der Sterblichkeit überschattet hatten. EDA, also der Gigant, war endlich wütend in die dunkle Nacht entwichen, und Rebecca hatte auf dem College genug seiner schillernden, scharfen Sätze gelesen, um gegen ihren Willen ein wenig Respekt vor ihm zu haben. »Ein einzigartiges, hoch aufragendes Talent, dessen Lebenswerk in seinem geschriebenen Wort fortleben wird …« Um ehrlich zu sein, war das ein bisschen dick aufgetragen. Der Verlag hatte keinen der vielen Romane des Giganten veröffentlicht, sodass diese herzergreifende Gedenk-E-Mail eigentlich überflüssig war. Aber seit Frank French sie bei einer Cocktailparty (als es noch Cocktailpartys gegeben hatte) in die Enge getrieben und ihr die Geschichte aufgedrängt hatte, wusste Rebecca, dass er mit dem Giganten einmal einen berauschten Abend auf der legendären Bread Loaf Writers’ Conference verbracht hatte, einer Versammlung sämtlicher literarischer Stars, die jeden Sommer in Vermont stattfand und die ehemals als »Bed Loaf« bekannt gewesen war, nun aber eher ein Netzwerk-Event war als ein ausgelassenes Bacchanal in den Green Mountains. Der Tod des Giganten war das Ende einer Ära, so viel war sicher. Einer Ära, dachte Rebecca, deren Ende längst überfällig war.

Sie warf einen schnellen Blick auf Instagram, weil sie wissen wollte, ob das Menü für das monatliche Abendessen von salute!, dem Supper Club ihrer besten Freundin Stella, schon online war. Rebecca hatte Stella geholfen, diese Dinnerpartys auszurichten, und war begeistert, wie gut das Ganze lief. Rebecca hatte große Pläne für Stella. Sie hatte sich in Marketingstrategien eingelesen, mit dem Ziel, Stella zu Ruhm und Reichtum zu verhelfen. Pasta Primavera und Erdbeertörtchen zum Nachtisch. Rebecca legte ihr Handy mit dem Display nach unten hin, um sich nicht weiter ablenken zu lassen, wandte sich wieder ihrem Computer zu und biss hoffnungsvoll von ihrem Donut ab. Immer noch abgestanden.

Sie ging weiter ihre E-Mails durch. Die übliche Mischung aus Manuskriptvorschlägen von Agentinnen und Agenten, die sie nicht mehr zum Essen einladen sollte, seit ihr mageres Spesenbudget auf Eis gelegt wurde, solange die Verlagsgruppe sich noch nicht von der postpandemischen Wirtschaftskrise erholt hatte. Außerdem waren da Anfragen von Autorinnen und Autoren, mit denen sie gerade zusammenarbeitete. Es war sehr stressig gewesen, die stur altmodische Verlagswelt komplett ins Homeoffice zu verbannen – das Management meldete sich aus notdürftig winterfest gemachten Ferienhäusern in Maine zu Meetings, die jüngeren Mitarbeitenden aus den Kellern ihrer Elternhäuser oder aus ihren WGs in Bushwick. Alle waren überrascht, als die Verkaufszahlen sogar stiegen. Na gut, am meisten verkauften sich Malbücher für Erwachsene, aber auch in der Belletristik lief es plötzlich besser. Aber jetzt, wo sich die Leute langsam wieder hinaus in die Wirklichkeit wagten, sackten die Zahlen in den Keller. Daher auch die Untervermietung der vierten Etage, das Fehlen von Veröffentlichungspartys, Lunch-Meetings und natürlich Rebeccas Schreibtischdebakel.

Rebeccas Handy vibrierte. Es war ihre Mom, Jane, die aus Rebeccas Elternhaus in Philadelphia anrief. »Guten Morgen«, flüsterte Rebecca, damit ihre Mutter verstand, dass sie hart arbeitete, und auch damit Mrs Singh nicht bemerkte, dass sie einen privaten Anruf angenommen hatte. Einerseits war es furchtbar, an einem nicht nur ihr gehörenden Schreibtisch ohne Privatsphäre arbeiten zu müssen. Andererseits hatte Rebecca bemerkt, dass sie deutlich mehr schaffte, wenn Mrs Singh sie im Blick hatte und sie ihr beweisen wollte, dass sie nicht die Art Mensch war, der während der Arbeitszeit Hinge durchforstete, einen Augenbrauentermin machte oder nach den heißesten neuen Restaurants von Brooklyn suchte. Würde dieser Effekt anhalten? Es half, sich wenn nötig in eine der zahlreichen an der Wand aufgestellten Telefonboxen zurückzuziehen, die aussahen, als kämen sie geradewegs aus der Raumfahrttechnik. Ausnahmslos jede Person, die sie zum ersten Mal sah, sagte dasselbe: »Beam me up, Scotty!« Leute, die noch nie Star Trek gesehen hatten. Leute, die nicht wussten, dass »Beam me up, Scotty!« ein Star-Trek-Zitat war. Rebecca hatte es auch gesagt (sie könnte sich selbst in den Hintern treten dafür). Sie stieg ein und schloss die Tür des Raumschiffs.

»Guten Morgen, Liebes.« Es klang, als hätte ihre Mutter es eilig. »Ich wollte nur wissen, ob du mit den Änderungen für Lady Paulette fertig bist. Ich gehe heute Nachmittag mit Peggy aus der Bibliothek spazieren, und du weißt ja, wie anglophil sie ist.«

»Also: Du weißt schon, dass Lady Paulette nicht wirklich aus England kommt, oder?« Rebecca hatte den Verdacht, dass ihre Mutter die vom britischen Königshaus besessene Peggy nur vorschob, um sie nach ihrer Arbeit fragen zu können. Ihre Mutter begann jeden Tag mit einem Anruf, »nur, um mal zu hören«. Sie hatte sich immer auf eine Weise für Rebeccas Job interessiert, die dieser übertrieben vorkam. Das war irgendwie schräg, schließlich hatte Jane nie selbst einen Beruf gehabt. Nachdem sie die besten Jahre ihres Lebens damit zugebracht hatte, die Zwillinge großzuziehen (Rebeccas Brüder Ethan und Andrew, zehn Jahre älter als sie, mittlerweile beide glücklich verheiratet und mit einem stabilen Berufsleben, die ihre Kindheit damit verbracht hatten, Bälle zu werfen, auf Bäume zu klettern, einander in den Schwitzkasten zu nehmen und von Zimmer zu Zimmer zu schleifen, wobei sie schlammige Fußspuren hinterließen), hatte Jane ihre Aufmerksamkeit Rebecca zugewandt. Der Professor (so nannten die Jungs ihren Vater) war ein zerstreuter, sanfter Mann, der sich sehr über das Chaos, das die Jungs verursachten, und über Rebecca, das neue Projekt seiner Frau, wunderte und nicht besonders oft damit in Berührung kam.

»Sie würde sich über Details freuen, weißt du? Egal welche«, fuhr Jane fort.

»Okay. Die Katze heißt jetzt Katherine mit K.«

»Danke. Hast du dich schon wegen ihrem neuen Buch bei Alice Gottlieb gemeldet?«

»O mein Gott, Mom! Ich habe schon eine Chefin. Und ich muss jetzt auch wieder an die Arbeit. Bis später.«

»Bis später«, sagte Jane ungerührt. »Wenn du mit Alice sprichst, sag ihr, dass unser Lesekreis diesen Monat mit ihrer Trilogie anfängt.«

Rebecca verdrehte die Augen. »Hab dich lieb. Tschüss.« Sie verließ die Telefonbox, legte ihr Handy weg und beantwortete demonstrativ ein paar E-Mails.

Einige Stunden später tauchte Chloe, die bisher fröhlich vor sich hin gearbeitet und damit sicher Rebecca viel abgenommen hatte, in ihren Leopardencrocs auf. Rebecca war fest entschlossen, keine Bemerkung über das Schuhwerk ihrer Kollegin zu machen. »Ami möchte dich in ihrem Büro sehen!«

»Weißt du, warum?« Wenn Ami sie zu sich bestellte, machte sie das immer noch so nervös, wie wenn sie früher in der Schule bei einem Regelbruch ertappt wurde, der etwas mit Zigaretten oder zu weit hochgezogenen Karoröckchen zu tun hatte.

Chloe, die wie immer rein gar kein Gespür für Rebeccas Stimmungen hatte, lud einen Stapel gebundene Manuskripte auf ihrem Schreibtisch ab. »Was für ein wunderschöner Kaktus! Voll der Western-Chic. Ich habe gerade diesen tollen Poncho im Secondhandladen gefunden. Ich mache mir ein Minikleid daraus.« Wie immer fiel Rebecca keine Antwort auf Chloes unablässige Fröhlichkeit ein. Würde Chloe dieses Kleid, das zweifellos so hässlich sein würde, dass es schon wieder cool war, nächste Woche zur Arbeit anziehen? Und würde sie die Crocs dazu tragen? Verurteilte Chloe sie dafür, dass Rebecca teure Jeans trug? Gefiel Chloe der Kaktus wirklich, oder bedeutete »wunderschön«, dass sie ihn potthässlich fand? Wie konnte es sein, dass man mit achtundzwanzig schon alt war? »Vergiss das Marketingmeeting nachher nicht. Und Ami wartet auf dich.« Chloe ließ eine Brombeer-Duftwolke zurück, als sie ging.

Ami Ito, die Programmleiterin, Rebeccas Chefin, hatte es genau wie Frank French geschafft, ihr Büro zu behalten. Allerdings ließ sie in einem Anflug von flachen Hierarchien demonstrativ die Tür offen. Immer wenn Rebecca vorbeiging und neidisch einen Blick hineinwarf, klapperte Ami mit hundert Stundenkilometern auf ihrer Tastatur und sprach leise in ihr Headset. Ihr glänzendes schwarzes Haar verdeckte dabei ein Auge samt perfekt aufgetragener Wimperntusche, ihr unglaublich hoher Stöckelschuh baumelte an ihrem über den anderen Knöchel gelegten Fuß. Ami hatte eine wunderschöne Frau, eine Keramikkünstlerin, deren Vasen in Galerien verkauft wurden, und einen kleinen Hund. Er hieß Schmuckstück, und sie zogen ihm auf die jeweilige Jahreszeit abgestimmte Outfits an. Das wusste Rebecca, weil Ami einen großen digitalen Bilderrahmen so auf ihrem Schreibtisch aufgestellt hatte, dass man die Bilder sah, wenn man im Vorbeigehen in ihr Büro schaute. Auf den Bildern war meist Schmuckstück zu sehen, außerdem, dass bald Valentinstag war (pinker Pullover mit Herzchen) oder dass Mardi Gras gerade erst vorbei war (lila-grüner Zylinder und eine goldene Perlenkette). Ami murmelte weiter in ihr Headset und tippte währenddessen unablässig weiter, aber sie nickte Rebecca kurz zu und deutete auf den cremefarbenen Leder-Barcelona-Sessel, ein Überbleibsel aus einer anderen, wohlhabenderen Epoche der Verlagsgeschichte. Rebecca ließ sich nervös auf den Sessel sinken und betrachtete das neueste Foto. War es okay, wenn Hunde Cinco de Mayo feierten? Rebecca fragte sich das jedenfalls. Konnte ein halb japanischer, halb venezolanischer Hund mit der Pfote auf feierlich geschmückten Rumbarasseln der kulturellen Aneignung bezichtigt werden?

»Rebecca. Ich habe heute Morgen das absurdeste Telefongespräch überhaupt geführt. Über dich.« Ami richtete den Blick auf Rebecca. Es kam nicht oft vor, aber Rebecca war sprachlos. In ihrem Kopf war nur noch Raum für Schuldgefühle und Scham für ihre Fehltritte – welche auch immer das waren. Es tat ihr leid. Es tat ihr leid, dass sie sich bei allen, die sie kannte, so bitterlich darüber beschwert hatte, dass sie ihren Schreibtisch teilen musste. Ein geteilter Schreibtisch war besser als gar kein Schreibtisch, dachte sie traurig, als sie darüber nachdachte, wie sie ihre Habseligkeiten getreu der Freier-Schreibtisch-Regel wieder in die Kiste packte. Sie würde die Regeln jetzt auch wirklich, definitiv, ganz ehrlich durchlesen, bevor sie sich dann frisch gefeuert zum letzten Mal aus dem Büro schleppte. »Was hast du für eine Verbindung zu Edward David Adams?«, fuhr Ami fort. Rebeccas Gedanken überschlugen sich, als sie versuchte mitzukommen.

»Der Gigant? EDA? Edward David Adams? Dem Autor mit der Löwenmähne?« Ami wartete geduldig, während Rebecca weiter aufzählte. »Edward David Adams, der Schriftsteller, der gerade gestorben ist?«, fügte sie zur Sicherheit hinzu. »Ähm, na ja, ich habe für mein Masterstudium ein Seminar über ihn, Philip Roth und Norman Mailer belegt.« Rebecca konnte sich gerade noch davon abhalten, Ami zu erzählen, dass sie definitiv nur Punktabzug bekommen hatte, weil ihren Professor (ihrer Meinung nach ein Möchtegern-Apostel der Schriftsteller, die er lehrte) gestört hatte, dass sie die poststrukturalistische feministische Theorie auf die Rolle der Hausfrauen in den Romanen angewendet hatte. Rebecca dachte liebevoll an ihren temperamentvollen Abschlussabsatz zurück, in dem sie EDA und die anderen dafür zurechtwies, wie sie traditionelle Geschlechterrollen glorifizierten und wie weiße Frauen von dem System, das diese Bücher vertraten, sowohl unterdrückt wurden als sie auch davon profitierten. Ja, es war jetzt sieben Jahre her, dass sie ihren Abschluss gemacht hatte, und sie konnte diese so völlig unfair unterschätzte Hausarbeit immer noch auswendig. So stolz war sie darauf.

»Ich glaube nicht, dass das das Rätsel löst«, sagte Ami trocken. Sie machte oft solche etwas frechen, aber gutmütigen trockenen Bemerkungen. Rebecca wünschte, sie wären Freundinnen und dass Ami und Elena sie in ihre traumhafte Dachgeschosswohnung einladen und mit Canapés füttern würden. Sie würden wohlwollend lächeln, während Rebecca lustige Geschichten aus ihrem Dating- oder Partyleben erzählte. Und natürlich würde sie dabei mit Schmuckstück kuscheln. Aber sie wusste es besser. Ami lebte in einer Welt aus faltenfreier Bettwäsche, zierlichem Goldschmuck und einem Theaterabo für das Lincoln Center. »Mich hat heute Morgen Rose Adams angerufen. EDAs Witwe. Du weißt sicher, dass er nicht durch eine Agentur vertreten wurde. Er hat direkt mit seinem Lektor zusammengearbeitet, Maury Kantor?«

Rebecca wusste, wer Maury Kantor war. Er war das K von PK Publishing. Zuletzt hatte sie ihn bei den National Book Awards gesehen, wo er in einem nach Mottenkugeln riechenden Smoking und mit einer verbotenerweise rauchenden Pfeife zwischen den kakifarbenen Zähnen herumgestiefelt war. Abgesehen von seiner Beziehung zum Giganten war er dafür bekannt, dass er sich darüber beschwerte, wenn Lektorinnen keinen Lippenstift trugen.

»PK Publishing hat sich, was EDAs Lebenswerk anging, um alles gekümmert, was, wie du sicher weißt, wirklich ungewöhnlich ist. Du kannst dir also bestimmt vorstellen, dass sein Nachlass kompliziert ist. Man könnte auch sagen, es ist das reinste Durcheinander. Und Mrs Adams hat mich wissen lassen, dass vielleicht noch unveröffentlichte Kurzgeschichten vorliegen. Sie hat mir gesagt, dass sie gerne hätte, dass jemand Jüngeres, Frischeres einen Blick auf seine Werke wirft, die alten und die neuen.«

Rebecca murmelte etwas, von dem sie hoffte, dass es höflich interessiert klang. Aber was hatte das alles mit ihr zu tun?

»Maury Kantor kann seine, nennen wir es doch einfach ›ungewöhnliche Pflege‹ des Nachlasses nicht mehr weiterführen.« Ami malte mit ihren zierlichen Fingern Anführungszeichen in die Luft, als sei »ungewöhnliche Pflege« der Name einer Hipsterband, die sie nicht mochte. »Und jetzt, wo der Gigant tot ist, werden sich unweigerlich sämtliche Agenturen und Verlage darum reißen. Eine wirklich ungewöhnliche Situation. PK Publishing ist zwar weder jung noch frisch, aber Mrs Adams scheint die Meinung ihres Mannes zu Agenturen zu teilen. Es könnte also sein, dass wir eine Chance auf die Nachlasspflege haben. Du kannst dir sicher vorstellen, wie wahnsinnig wichtig das für uns sein könnte.« Ami verschränkte ihre an der Barrenstange trainierten Arme und beugte sich zu Rebecca vor. »Rebecca. Kannst du dir vielleicht vorstellen, warum Mrs Adams speziell nach dir verlangen würde, und zwar namentlich? Sie möchte sich mit dir treffen und über den Nachlass sprechen.«

Das konnte Rebecca nicht.

»Normalerweise würde ich natürlich eine erfahrenere Lektorin vorschlagen, aber Mrs Adams hat unmissverständlich darauf bestanden, sich mit dir zu treffen. Mit dir, Rebecca. Sie hat darauf bestanden. Der einzige andere Leesen-Verlag, der noch geeignet wäre, ist Hawk Mills. Wir können also sicher davon ausgehen, dass sie ebenfalls versuchen werden, den Nachlass zu ergattern. Frank French ist es vielleicht egal, wer den Deal holt – Hauptsache, er landet nicht bei Random House. Aber wie wichtig mir persönlich dieser Deal ist, muss ich dir ja hoffentlich nicht sagen, oder?« Amis Blick war so stahlhart wie ihre Arme. »Hast du eine Verbindung zu Rose Adams?«

Rebecca zermarterte sich das Gehirn. Sie dachte über diesen Ausdruck nach und fand »durchforsten« eigentlich passender. Sie durchforstete ihr Gehirn. Aber ganz vorsichtig, damit es nicht wehtat. Vielleicht mit einem dieser winzigen Rechen, die zu den japanischen Zen-Gärten gehören, die wichtige Leute früher immer auf ihren Schreibtischen hatten. Auf ihren eigenen, privaten Schreibtischen. In ihrem Haufen Edward-David-Adams-Wissen befand sich ihr unbestreitbar brillanter Aufsatz, dem sie die schlechtere Note verdankte; eine umstrittene Kurzgeschichte, die er für The New Yorker geschrieben hatte und die dann viral gegangen war, weil viele sie als verdeckte Verteidigung von Roman Polanski gelesen hatten; die glänzenden Rücken des Literaturmagazins, das der Gigant gegründet hatte, und die auf dem Bücherregal des Gästezimmers ihres Elternhauses in Philadelphia standen. Rebecca hielt inne, den winzigen Rechen fest in der Hand. Warum besaßen sie diese alten Ausgaben des East River Review? »Meine Mom war mal Praktikantin oder Assistentin beim East River Review, als sie noch jünger war. Ich glaube, sie war ein, zwei Jahre in der Stadt, das ist wirklich lange her. Den Giganten hat sie nie erwähnt oder überhaupt davon erzählt. Aber das war’s.«

»Aber du weißt von keiner Verbindung zu seiner Witwe, Rose Adams? Oder hast Grund zu der Annahme, dass deine Mutter etwas mit der Familie zu tun hatte? Oder mit dem Nachlass?« Ami tippte mit einem schimmernd manikürten Nagel auf dem Tisch herum, das einzige Zeichen ihrer Anspannung.

»Definitiv nicht«, verkündete Rebecca mit einem Nachdruck, den sie später vielleicht bereuen würde, zu diesem Zeitpunkt aber notwendig fand. War da etwas, was sie nicht über die Verbindung ihrer Mutter zu diesem Literaturmagazin wusste? Warum hatten sie nie darüber gesprochen? »Ich meine, ich kann meine Mom fragen, aber das war, bevor ich überhaupt auf die Welt kam.« Ami schaute sie aufmerksam an. Rebecca war sich sicher, dass sie darüber nachdachte, einen DNA-Test zu verlangen, um herauszufinden, ob Rebecca in Wahrheit das Kind des berühmtesten nicht-mehr-lebendigen wollüstigen Schriftstellers von Amerika war. Aber nein, sie war zu hundert Prozent die Tochter ihres Vaters: Ihr dichtes Haar ließ sich genauso wenig bändigen wie seins; Charakternase: ja; teichwassergrüne Augen: ja, nur mit Kontaktlinsen statt der Drahtgestellbrille, die er seit den frühen Sechzigern trug; die großen Brüste und breiten Füße seiner Mutter Mimi. Keine Spur vom Giganten.

»Wie seltsam.« Ami und Rebecca schauten sich an. Das einzige Geräusch war das von Amis Maniküre, die auf der Schreibtischoberfläche getestet wurde, klack, klack, klack. Dann klatschte Ami plötzlich in die Hände, was Rebecca sagte, dass sie beschlossen hatte loszulegen. »Also, Rebecca, als Lektorin hast du wirklich Talent. Deine Autorinnen und Autoren vertrauen dir. Mit der Alice-Gottlieb-Trilogie hast du wirklich beeindruckende Arbeit geleistet.« Ami dachte laut nach, vielleicht auch, um sich selbst zu überzeugen. Rebecca wünschte, sie hätte heute ihren neuen Blazer von Theory angezogen, den sie unter der scharfäugigen Aufsicht ihrer Mutter gekauft hatte, die fand, sie sollte »etwas eleganter« aussehen. Ihr Stil bewegte sich irgendwo zwischen Amis makellosem ärmellosen Lavallière-Top und Chloes Crocs und ihren sich beißenden Karomustern, weder niveauvoll chic noch selbstbewusst abgedreht. Das Beste, worauf sie hoffen konnte, war ein cooler Casuallook, und auch das nur, wenn Gabe sich ihrer annahm und mit ihr die Vintageläden durchstöberte.

Ja, sie hatte Talent! Aber vielleicht lag es gar nicht nur an ihrer Arbeitserfahrung, dass Ami so lange nachdachte. Sie mochte ihren Job. Sie mochte ihn wirklich, war dankbar für die Beziehungen zu ihren Autorinnen und Autoren (Lady Paulette ausgenommen), dafür, dass sie das Büro mit anderen teilte, denen Bücher genauso wichtig waren wie ihr (auch wenn das nicht auf ihren Schreibtisch zutraf!), die das Lesen liebten. Aber liebte sie ihren Job? So sehr, wie Gabe seine Marketingstelle liebte, wie er seine perfekten Slogans vor sich hin sang oder Ann Patchett einen tollen Debütroman in die Hand drückte, wenn er sie in ihrem Buchladen in Nashville fotografierte? Liebte sie ihre Arbeit mit demselben unnachgiebigen, feurigen Ehrgeiz von Ami, die sie auch in diesem Moment mit der Schärfe ihres Blickes geradezu auf dem Barcelona-Sessel festnagelte? Das vielleicht nicht – obwohl sie, wenn man genauer nachfragen würde, nicht einmal genau sagen könnte, warum. Lag es, wie ihre Mutter immer wieder andeutete, einfach daran, dass ihr die entsprechenden beruflichen Ambitionen fehlten? Dass sie »nicht dafür brannte«, der Ausdruck, den sie leider immer wiederholte, wenn sie über Rebeccas Karriere sprach? »Ich kann ja meine Mutter anrufen und fragen«, sagte Rebecca, und Ami nickte.

»Du musst zu ihr fahren, sobald es geht. Aber du musst noch gebrieft werden. Das kann ich anstoßen, sobald ich mit Frank French gesprochen habe.«

»Zu ihr?«

»Mrs Adams möchte dich in ihrer Villa an der East End Avenue treffen.«

Rebecca fehlten schon wieder die Worte. Jeder auch nur halbwegs kulturbewanderte Mensch in New York wusste, dass der Gigant das East River Review in der Villa – vielleicht sogar besser: dem Palast – seiner Eltern gegründet hatte, als er 1960 seinen Abschluss an der Columbia gemacht und dann Geld geerbt hatte, das er in das Magazin und die wilden Partys, mit denen jede Ausgabe gefeiert wurde, investieren konnte. Ein paar Ehefrauen, einen Sohn, dessen Name Rebecca auf der Zunge lag, der ihr aber partout nicht einfallen wollte (Huck? Holden?), und seinen großen literarischen Erfolg später hatte der Gigant die Verwaltung des Magazins einer Reihe von Herausgebern überlassen, die auch jetzt noch in der Villa arbeiteten, und sich ganz aufs Romaneschreiben konzentriert. Im Alter hatte er mehr Zeit auf dem Anwesen in den Hamptons verbracht, wo er auch vor Kurzem verstorben war, nachdem er offenbar Rebecca (Rebecca!) irgendwie in seine Angelegenheiten verwickelt hatte (aber wie?!).

»Wir werden dieses Rätsel schon noch lösen«, sagte Ami kurz. Ein altes Foto von Schmuckstück erschien auf dem Bilderrahmen. Osterhasenmütze. »Ich sage dir Bescheid, wie es weitergeht, aber du solltest dich darauf vorbereiten, demnächst dort hinzufahren. Wie müssen dir alle nötigen Infos besorgen: Wie gesagt, mehrere Parteien werden starkes Interesse an diesem Nachlass haben, und zwar innerhalb unseres Verlages, der Verlagsgruppe und aus der ganzen Stadt. Es könnte ein Vorteil für uns sein, dass Rose Adams dieses wirklich verwunderliche Interesse an dir hat, aber ich bezweifele keine Sekunde lang, dass die Konkurrenz hart wird. Ich will diesen Auftrag für Avenue, Rebecca. Aber mach dir bloß keinen Druck.«

Machte Ami Witze? »Keinen Druck«, wiederholte sie schwach. »Wirklich verwunderliches Interesse« klang ganz und gar nicht vielversprechend. Sie ging rückwärts aus Amis Büro und winkte ihr leider auch noch zu, aber Ami redete schon wieder mit gedämpfter Stimme auf ihr Headset ein. Rebecca ging auf direktem Wege zu Gabes makellosem Schreibtisch. »Du. Wirst. Nicht. Glauben. Was. Mir. Gerade. Passiert. Ist.«

Gabe schaute von seinem Bildschirm auf. »Hast du mit Max Schluss gemacht?«

»Was?« Rebecca musste erst überlegen, wer Max noch mal war: der Mann, mit dem sie zusammen war. Er war völlig in Ordnung.

»Was denn?«, fragte Gabe unschuldig.

»Ernsthaft? Was hast du gegen Max?« Rebecca mochte Max. Wirklich! Sie mochte ihn immer lieber, je mehr alle anderen ihn nicht mochten.

»Ich hab nichts gegen ihn. Ich habe, was ihn betrifft, einfach überhaupt keine Gefühle«, behauptete Gabe dramatisch.

Rebecca senkte die Stimme zu einem lauten Flüstern, damit Mrs Singh, die sie über den Rand ihrer übergroßen Lesebrille hinweg anschaute, es sicher hören würde. »Komm mit in die Küche.« Sie lächelte Mrs Singh beruhigend an – oder sie versuchte es zumindest, auf jeden Fall zeigte sie ihr die Zähne. Dann schritt sie in Richtung Küche, in der Hoffnung, dass Gabe ihr folgen würde, was er natürlich auch tat.

Es waren keine Donuts mehr da, nur noch ein paar Krümel in der Kiste. Das war auch besser so. Aus Gewohnheit machte Rebecca den Kühlschrank auf und ließ ihren Blick über den Inhalt wandern. Salate, Joghurts … Eine besonders bemitleidenswerte Person hatte sogar mit Edding ihre Initialen auf drei hart gekochte Eier geschrieben. Sie griff nach ihrem Kirschkombucha und hielt die Flasche über die Spüle, um sie vorsichtig zu öffnen. Selbst in ihrer Eile, Gabe alles zu erzählen, vergaß sie nicht das eine Mal, als sie ihren Kombucha in der ganzen Küche versprüht hatte. Natürlich hatte auch sie selbst eine Ladung abbekommen, und ihre Kleider hatten für den Rest des Tages nach Essig gestunken. Na gut, es war zweimal passiert. »Okay, also Ami hat mir gerade erzählt, dass die Witwe des Giganten, Rose Adams, sie angerufen und verlangt hat, dass ich, Rebecca, sie in der Villa im East End treffe, um mit ihr über den Nachlass zu sprechen.«

Gabe zog eine dunkle Augenbraue hoch und legte den Kopf schief. »Um mit ihr über den Nachlass zu sprechen.«

»Korrekt.« Sie trank etwas zu schnell und verschluckte sich an ihrem Kombucha.

»Du, Rebecca.«

»Ich, Rebecca.«

»Zweifellos der Titel deiner Autobiografie.« Gabe konnte nicht widerstehen.

»Natürlich.«

»Wie interessant.«

»Genau das hat Ami auch gesagt.«

»Rose Adams hat namentlich nach dir gefragt?«

Rebecca spürte, wie sich ihre Wahrnehmung der Geschichte veränderte, als Gabe seine (zugegeben sehr verständliche) Überraschung zum Ausdruck brachte. War es denn wirklich so unglaublich, dass sie eine Chance bekam? Alice Gottliebs Trilogie – jahrelange akribische Lektoratsarbeit und ebenso akribische Überzeugungsarbeit – hatte den Preis des National Book Critics Circle gewonnen. Aber jetzt musste sie, Rebecca, sich gegen wahrscheinlich so gut wie alle Lektorinnen und Lektoren New Yorks durchsetzen. Okay, es war unvorstellbar. Sie hatte keine Chance. Noch schlimmer, sie würde Ami enttäuschen und niemals in ihrer Küche aus warmem Walnussholz und Edelstahl (die sie sich natürlich nur so ausgedacht hatte) Canapés essen. »Ich mag den Giganten nicht mal! Er ist echt problematisch. Es ist wie der Kaufmann von Venedig. Klar, das ist Shakespeare, und er gibt sich auch Mühe mit der Vergebung, und trotzdem, letztendlich ist es antisemitisch. Oder Picasso. Und Hemingway war eh ein Arschloch!«

»D.H. Lawrence war homophob«, sagte Gabe verständnisvoll. »Oder vielleicht einfach nicht out? Die Wrestlingszene in Liebende Frauen hat mich als Teenager jedenfalls hart beeinflusst. Im wahrsten Sinne.«

»Konzentration!«, rief Rebecca sie beide zur Ordnung.

»Warte, warte, warte. Erzähl mir alles über dein Outfit.«

»Ich ziehe natürlich alle Register.« Rebecca warf ihre leere Kombuchaflasche in den Recyclingbehälter, wo sie laut klappernd landete. Genau in diesem Moment kam Mrs Singh herein und machte unauffällig den Schrank mit den Teebeuteln auf, als hätte sie auf ihrem eigenen Schreibtisch nicht alles, was die Königin von England für eine Teezeremonie brauchen könnte.

»Hallo, ihr Lieben«, sagte sie und tat so, als würde sie in der Box mit den Zucker- und Süßstoffpäckchen kramen. Natürlich mochte Rebecca Mrs Singh und wusste, dass es nicht ihre Schuld war, dass Rebecca ihren Schreibtisch teilen musste. Dass man sich mit der Personalabteilung gut halten musste, war Allgemeinwissen, und Mrs Singh mit ihrem heimeligen Schreibtisch und einer großen Leidenschaft für Stricken und Veganismus war eigentlich nicht schwer zu mögen. Sie hatte angeboten, Rebecca dabei zu helfen, das Geld für ihre größtenteils ungenutzte Pilatesstudiomitgliedschaft zurückzubekommen. Aber Rebecca fand, dass Mrs Singh zu viel über alle wusste, und solch große Macht verdarb doch sicher sogar eine Frau, die ihre eigenen Teekannenwärmer strickte. Außerdem ging sie manchmal mit Gabe Mittag essen und lud Rebecca nicht dazu ein.

»Sahila«, sagte Gabe. Es klang, als freute er sich, sie zu sehen. Dieser Verräter. »Du wirst nicht glauben, was Rebecca passiert ist!«

»Hat sie mit Max Schluss gemacht?« Mrs Singh hörte auf, so zu tun, als hätte sie einen Grund, in der Küche zu sein.

»Komm schon!« Rebecca warf Gabe einen finsteren Blick zu. Der tat, als würde er das nicht sehen, weil er die leere Donutkiste wegwarf und die Arbeitsfläche abwischte. »Was haben alle gegen Max?«

»Er ist einfach nicht der Richtige für dich, Liebes.« Rebecca dachte darüber nach, Mrs Singh für diesen völlig unangebrachten Kosenamen bei der Personalabteilung anzuschwärzen, aber dann fiel ihr ein, dass Mrs Singh selbst die Personalabteilung war. Rebecca und Max waren erst seit drei Monaten zusammen, aber er hatte schon Gabe, Rebeccas Großmutter und Stella kennengelernt, und jetzt wollte Rebecca ihn für nächste Woche zu Stellas Supper Club salute! einladen. Nachdem er im Eater erwähnt worden war, waren die Tickets sehr schwer zu bekommen und innerhalb von wenigen Minuten ausverkauft. Aber weil Stella die Partys in der Wohnung ihrer Großmutter Mimi veranstaltete, war für Rebecca immer Platz am Tisch. Sie war sich tatsächlich nicht sicher gewesen, ob sie Max mitbringen sollte, denn er schien sich tragischerweise nicht so sehr für gutes Essen zu interessieren, wie er sollte. Aber die Ablehnung durch Gabe und Mrs Singh hatte ihr den letzten Anschub gegeben. Sie würde ihn einladen! Er war schließlich völlig in Ordnung.

»Die Witwe von Edward David Adams will, dass Rebecca ins East End kommt und mit ihr über den Nachlass spricht, und niemand weiß, warum«, sprudelte es aus Gabe hervor. Er wich Rebeccas Blick nach wie vor aus.

»Jaaaaa«, sagte Mrs Singh langsam. »Ich weiß. Wirklich verwunderlich.« Mrs Singh wusste es also bereits (woher?!), hatte aber auch keine Informationen, die ihnen weiterhelfen konnten. »Ich habe noch vegane Lasagne übrig. Habe ich gestern Abend gemacht. Im Kühlschrank auf der rechten Seite. Bitte nehmt euch – sechzig Sekunden in der Mikrowelle.«

Rebecca wäre fast schwach geworden, zwang sich dann aber, stark zu bleiben. »Danke, aber nein danke«, sagte sie kühl. »Ich habe schon einen Donut gegessen.« Damit widerstand sie der Anziehungskraft von Mrs Singhs hausgemachter und zweifellos unglaublich leckerer Lasagne und marschierte aus der Küche. Gabe und Mrs Singh würden jetzt zweifellos die Köpfe zusammenstecken. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb Max, nur, um es ihnen heimzuzahlen.

Rebecca:

hey salute! nächste woche wäre toll wenn du mitkommst

stellas erdbeernachtisch!

englisch erbsen und schnittlauch haben saison, so spannend

ok sag mir bescheid

Max:

🙂

Na gut, Max schrieb nicht besonders gern, aber das war doch gut, oder? Er sprach lieber über FaceTime, damit sie sich sehen konnten, hatte er ihr erklärt, was ja irgendwie auch romantisch war. Emojis waren wirklich ein schwacher Ersatz für Nachrichten, wenn sie nicht mit dem nötigen Schuss Ironie oder der unerlässlichen Herz/gebrochenes-Herz-Symbolik verwendet wurden. Max war Anwalt. Er war in einem Vorort von Chicago aufgewachsen, verstand sich gut mit seinen Eltern und trug eine subtil stylishe Brille. Gabes nervigem Widerstand zum Trotz hatte Rebecca die Hoffnung, dass sie weiterhin mit ihm warm werden würde. Max war vernünftig und erwachsen, und er war sehr gut darin, ihr internationale Verträge zu erklären. Sie hatte ihm beigebracht, mit einem Lippenstift von Clinique ein Semikolon auf Barservietten zu zeichnen, und das hatte in ihrem damaligen, ziemlich betrunkenen Zustand wirklich Spaß gemacht.

»Rebecca?« Chloe tauchte so plötzlich auf, dass Rebecca ihr Handy fallen ließ. Es landete klappernd auf dem Schreibtisch, bevor sie die Nummer ihrer Mutter hatte wählen können, um darauf zu bestehen, dass sie ihr erklärte, warum Rose Adams sie zu sich in ihre Villa bestellt hatte. »Vergiss das Marketingmeeting nicht. Ich habe die Tagesordnung auf Blabber geschickt.« Sie lächelte. Sie wusste ganz genau, dass Rebecca Blabber gelöscht hatte. Blabber war die App, die jetzt für die verlagsinterne Kommunikation genutzt wurde und die wirklich niemand hatte haben wollen. Rebecca fand es besonders daneben, dass ein Buchverlag, dessen ganzer Stolz es war, guter Sprache eine Plattform zu bieten, sich eine App namens Blabber zugelegt hatte. Soweit sie wusste, bedeutete Blabber so viel wie belangloses, dummes Geschwätz.

»Ich weiß, was du jetzt brauchst.«

Chloe machte eine gewichtige Pause, und Rebecca machte sich sofort Hoffnungen, dass sie wusste, warum EDAs Witwe sie zu sich bestellt hatte. Chloe kannte schließlich auch den Zugangscode für einen Geheimclub, den man nur über die U-Bahn-Station an der 23rd Street erreichen konnte. Chloe wusste, woran man authentische vintage Diorsachen erkannte. Sie wusste, dass Crocs wieder in waren. »Ta-da!« Chloe stellte eine Papiertüte, die sie hinter ihrem Rücken versteckt gehalten hatte, auf den Schreibtisch. Nicht die Antwort, auf die Rebecca gehofft hatte, aber sie wusste, ohne nachzuschauen, dass sich in der Tüte ein Stück Focaccia von Eataly befand, und zwar mit Burrata. Ganz ehrlich, sie liebte Chloe einfach.

»Danke! Vielen Dank!« Rebecca steckte die Nase in die Tüte und atmete tief ein, um den Duft von Mrs Singhs Lasagne, der mittlerweile aus der Küche zu ihr hinübergewabert war, zu vergessen.

Chloe reichte Rebecca einen Stapel Servietten und tippte auf ihre riesige weiße Swatch-Uhr. »In zehn Minuten geht es los. Und hier ist natürlich auch noch dein Selters.« Chloe, der einzige Mensch, der wirklich wusste, was Rebecca brauchte, stellte eine beschlagene Flasche Zitronenselters auf den Tisch und schwebte von dannen. Sie war wirklich ein Engel. Rebecca paypalte ihr zwanzig Dollar. Dann rief sie ihre Mom an, die nicht abhob. Wahrscheinlich ging sie spazieren oder war am Lesen und hatte mal wieder ihr Handy ausgeschaltet. Rebecca hinterließ ihr eine Nachricht.

Sie schaffte es so gut wie pünktlich zum Marketingmeeting, in der einen Hand eine Serviette, ihr Selters in der anderen. Chloe saß schon am Konferenztisch. Ami kam mit Richard, ebenfalls aus der Programmleitung, herein und stellte ihren Laptop ab. Alles, was Richard von sich gab, klang klug und sarkastisch; er war nämlich Brite. Seine Geduld mit Lady Paulette war fast am Ende, und ihr leiernder, hochgestochener Akzent trieb ihn zur Weißglut. Er und Ami, die sonst in der Regel gut miteinander auskamen, umkreisten einander bei diesem Buchprojekt misstrauisch. Rebecca, die ihrer Meinung nach die Hauptleidtragende war – schließlich hatte sie fast täglich mit Lady Paulette zu tun –, versuchte, sie alle drei zufriedenzustellen.

Amis spindeldürrer Assistent Greg, der ohnehin nicht mehr vollständig anwesend war, seit er einen Studienplatz für seinen Master bekommen hatte, versuchte, den riesigen Bildschirm anzuschließen, der fast die gesamte Rückwand des Raumes einnahm. Nach mehreren erfolglosen Versuchen (Greg) und schrillem Quietschen (die Lautsprecher) wurden die Gesichter derjenigen, die sich von zu Hause zugeschaltet hatten, sichtbar: eine Mischung aus Vertreterinnen, Assistenten und Marketingpersonal mittleren Ranges, die aus unerfindlichen Gründen immer noch komplett im Homeoffice waren. Manche hatten die Kameras ausgeschaltet, und Rebecca analysierte ihre jeweiligen Entscheidungen. Wer die Kamera ausließ, machte sich sofort verdächtig. Beantworteten sie gleichzeitig E-Mails, waren also nicht vollständig auf dieses aktuelle Projekt (Rebeccas) konzentriert? Schrieben sie vielleicht gerade zweideutige Nachrichten, während sie den anderen Mitarbeitenden lediglich ihr langweiliges, professionelles Profilbild zeigten? Legten sie vielleicht Wäsche zusammen oder aßen Enchiladas? Zu Beginn der Pandemie hatte sich diese Geschichte über ein Online-Meeting bei Simon & Schuster verbreitet, nach der eine Assistentin unwissentlich ihre Kamera angelassen und dann vor den Augen ihrer hilflos zuschauenden Kolleginnen und Kollegen splitterfasernackt eine Reihe beeindruckend akrobatischer Yogaposen eingenommen hatte. Und was war mit denen, die es so einstellten, dass ihr Hintergrund verschwamm? Was hatten sie zu verbergen? Und dann waren da ja auch noch diejenigen, die vom allerersten Tag an einfach noch nie ihre Kamera eingeschaltet hatten. Ihre Umgebung blieb frustrierenderweise ein komplettes Mysterium. Diese Leute bewunderte Rebecca von allen am meisten. Sie hätte sich das nie getraut. Stattdessen hatte sie ihre Kollegen und Kolleginnen an dem, wie sie hoffte, ungewollt elegant aussehenden Bücherregal begrüßt, das sie mithilfe von Gabe und Stella mit den richtigen Titeln, Fotos, Vasen und vorteilhafter Beleuchtung über mehrere Stunden eingerichtet hatte.

Und wie war es überhaupt möglich, dass es jetzt, im Jahr 2022, immer noch Menschen gab, die vergaßen, die Stummschaltung aufzuheben, bevor sie etwas sagten? Trotz allem passierte das immer noch bei jedem Meeting mindestens einmal. Und zwar meistens Susan vom Vertrieb. Das ging jetzt schon zwei Jahre so, und Rebecca hatte mittlerweile den Verdacht, dass Susan vielleicht an einer Art ausgeklügelter Performancekunst arbeitete. Wenn Rebecca von zu Hause aus an einem Meeting teilnahm, hielt sie ihren Zeigefinger die ganze Zeit nervös über dem Mikrosymbol, falls jemand sie etwas fragte. Klar, das war stressig, aber die menschliche Psyche war schließlich anpassungsfähig, richtig? Und Menschen lernten doch aus ihren Fehlern, oder? Rebecca hatte außerdem mehr Katzenhintern gesehen, als sie als zumutbar betrachtete. Diese Katzen rieben ihre Hintern am Computer, während ihre Menschen im Hintergrund mit Singsangstimme halbherzig protestierten. »Tss … Er ist einfach unverbesserlich.« Alle anderen wandten schockiert den Blick ab, wenn mal wieder ein Katzenafter auf dem Bildschirm erschien. IN EINER BERUFLICHEN VIDEOKONFERENZ. Manchmal loggte Ami sich ein, obwohl sie selbst physisch im Meeting anwesend war – diese Art von Reise-Physik-Voodoo jagte Rebecca solche Angst ein, dass sie sich nicht sicher war, ob sie eventuell die Katzenhintern vorzog.

Ami leitete das Meeting ein, und Gabe legte in seiner vollsten Filmtrailerstimme los: »Die Lady und das Brain bietet eine einzigartige Perspektive zu Philosophie, Liebe und Ruhm, erzählt von einer Frau, die ihr Leben mit dem brillanten Chester Wineskin teilte.« Er hielt einen Moment gewichtig inne und fuhr dann fort: »Oder: Tauchen Sie ein in die faszinierenden Gedanken eines bekannten Philosophen, dank der außergewöhnlichen Beobachtungsgabe seiner Geliebten in der nicht zu versäumenden Biografie dieser Saison: Die Lady und das Brain. Die Mitford Schwestern, kombiniert mit Eine kurze Geschichte der Zeit. Wenn Sie Das Genie und die Göttin über Arthur Miller und Marilyn Monroe mochten …«

Lady Paulette würde sich definitiv freuen, wenn sie wüsste, dass sie mit Marilyn Monroe verglichen wurde. Einer Mitford-Schwester entsprach sie sehr viel eher, wahrscheinlich der Nazisympathisantin. Leider war Chester Wineskin tot und begraben. Seine erhabenen Theorien wurden jetzt also durch den anstandslosen Promiklatsch einer langbeinigen Ausgewanderten aus Iowa mit einem eisernen Willen und der nervtötenden Angewohnheit, in jedem Gespräch einmal »Papperlapapp« zu sagen, am Leben gehalten. Lady Paulette behandelte Rebecca, als sei sie ein etwas verwirrtes Kindermädchen: Man konnte ihr zwar die Kinder anvertrauen, sie musste aber bei allem, was nicht von Anfang an genauestens beschrieben worden war, immer wieder verbessert und angeleitet werden.

Ami konzentrierte sich voll und ganz auf Gabe. »Wie sehr wollen wir ihre Rolle als Salonnière betonen? Ich denke auch, dass ihre fast kindliche Auffassung seiner komplexesten Theorien sie auch für Lesende interessant macht, die sich eher für soziale Aspekte als für Philosophie interessieren.«

»Kommt für die Ethik, bleibt für die Ästhetik«, fasste Gabe begeistert zusammen.

»Eine gute Gelegenheit für das Schopenhauerfestival in Polen«, sagte jemand auf dem Bildschirm, und alle ignorierten den Kommentar. Lady Paulette würde sich garantiert weigern, nach Polen zu fliegen. Rebecca bemerkte, dass Susan lebhaft, aber stumm vor sich hin redete. »Um Gottes willen, gute Frau, Stummschaltung aufheben«, stieß Richard leise hervor. »Susan! Du bist auf stumm!«, schrie Gabe. Ami hatte nur gefasst und geduldig auf ihr Ohr gezeigt. Wie immer hatten jetzt alle Anwesenden die Freude, Susans Gesicht aus nächster Nähe zu betrachten, während sie ihre Brille zurechtrückte und sich auf die Suche nach dem Mikrofonsymbol machte. Schließlich drang ihre Stimme in den Konferenzsaal, mitten im Satz und ohne jegliche Entschuldigung. Sie schien es nicht für nötig zu halten, wieder von vorne anzufangen. Susan, diese Provokateurin, die einem Theaterstück von Beckett entsprungen zu sein schien, ließ ihre gewohnte Tirade über unabhängige Buchhandlungen und dass man diese auf keinen Fall vergessen dürfe, vom Stapel. Das Einzige, worauf man sich verlassen konnte, war, dass sie sich am Ende demonstrativ wieder stumm schalten und der ganze Zirkus mindestens noch einmal von vorne beginnen würde. Rebecca war jetzt schon erschöpft. Aber sie musste aufgeweckt aussehen, damit Ami keinen Grund hatte, daran zu zweifeln, dass sie in der Lage war, die neuen Werke des Giganten zu lektorieren. Sie mochte nicht die offensichtliche Ansprechpartnerin sein, wenn es darum ging, den umfangreichen und überaus komplexen Nachlass von EDA zu verwalten, aber vielleicht konnte sie sich ja damit einen Namen und Ami stolz machen. Sie könnte ihre Mutter stolz machen.

»Ich hatte gesagt: ›Rebecca, möchtest du die Leitung übernehmen, wenn Lady Paulette zu uns stößt?‹« Ami fragte offensichtlich nicht zum ersten Mal.

»Ja, gerne!« Rebecca konnte Ami schon jetzt stolz machen. Klar, sie würde ihre gesamte Geduld aufwenden müssen, um bei Lady Paulettes Forderungen standhaft zu bleiben und ihr trotzdem noch genug zu schmeicheln, damit sie nicht beleidigt auflegte oder noch schlimmer: in ihr mit Chester Wineskins Initialen besticktes Taschentuch weinte.

»Rebecca? Rebecca?« Lady Paulettes wehleidige, aber unbarmherzige Stimme – geboren inmitten der Tornados von Iowa, entwickelt auf den Bühnen der Regionaltheater von Milwaukee, bevor ihr die eleganten Straßen Kensingtons den letzten Schliff verliehen, drang in den Konferenzsaal. »Ah, da seid ihr ja! Wie wundervoll!« Nicht viel anders als ihre Großmutter fühlte Lady Paulette sich bemüßigt, bei jedem Videoanruf ein Loblied auf die Wunder der Technik zu singen. Wobei Mimi nicht jedes Mal »die andere Seite des großen Teichs« erwähnte. Greg drückte vorsichtig einen weiteren Knopf auf seinem Schaltpult, woraufhin Lady Paulettes Gesicht den gesamten Bildschirm füllte.

»Hallo! Hallo!« Lady Paulette war vorzüglicher Stimmung. Es gefiel ihr offensichtlich, dass ihr Publikum noch größer war als sonst. Sie hob eine Teetasse von einem zierlichen Unterteller und schlürfte so laut, dass es im Raum widerhallte. »Prost von der anderen Seite des großen Teichs!«

»Guten Abend, Lady Paulette. Vielen Dank, dass Sie zu uns stoßen, und herzlich willkommen in den Vereinigten Staaten. Ich glaube, Sie kennen alle, die hier sind? Wir freuen uns sehr, mit Ihnen über unsere Pläne für Die Lady und das Brain zu sprechen. Ich übergebe das Wort als Erstes an Gabe Tatlock vom Marketing. Sie sind in guten Händen. Bitte, Gabe«, sagte Rebecca. Der Rest des Meetings verstrich mit nur einer weiteren stumm geschalteten Susan, die nachfragte, wie viele Bücher sie bei Lady Paulettes Nachmittagsteeempfang bei Liberty London zu verkaufen hofften; Gabes nicht zu dämpfender Begeisterung für die kleinsten Details seiner Strategie, mit der er aus Lady Paulettes Geschichte einer Wichtigtuerin mit zweifelhafter Herkunft die einer Muse mit rosaroter Brille machen wollte, die als Amerikanerin im Ausland eine ganz besondere, unschuldige Wahrnehmung des brillanten Mannes hatte. Dann war da noch ein kurzer, furchtbarer Moment, als Catherine – streichen wir das, Katherine mit K – der ganzen Gruppe ihren uralten Hintern zeigte.

Nach dem Meeting hatte Rebecca noch in der Küche mit Gabe gesprochen, und jetzt konnte sie es kaum erwarten, nach diesem seltsamen Tag endlich nach Hause zu kommen. Sie ging ihre Tasche holen, die montagabends sehr viel leichter war als montagmorgens oder dienstagabends. Es war der eine Abend, an dem sie ihre Sachen, wie sie wollte, auf ihrem Schreibtisch verstreut liegen lassen konnte – dem Schreibtisch, der auch die ganze Nacht lang ihr gehören würde. Nicht einmal der unpassende Kaktus zwischen ihren Sachen konnte ihrer guten Stimmung etwas anhaben.

KAPITEL ZWEI

Montag

Rebecca, zu Hause

Als sich herausstellte, dass es sich bei der Pandemie nicht um eine zweiwöchige Staycation in ihrer gemütlichen WG in Cobble Hill handelte (und auch, weil die eine Mitbewohnerin eine paranoide Mysophobikerin war, die in ihren Gemeinschaftsräumen eine Maske trug, die andere eine Bekannte von der Highschool, die sich im Internet recht viele dubiose »medizinische Fakten« anlas), packte Rebecca ihre Sachen und zog in die mietpreisgebundene Wohnung ihrer Großmutter Mimi an der Upper West Side.

Es war kein bisschen seltsam, dass sie sich im Kinderzimmer ihres Vaters einnistete (wobei jegliche Spuren seiner Anwesenheit entweder übermalt oder weggeschrubbt worden waren), noch schadete es ihrem Sozialleben im Geringsten, dass sie jetzt mit einer Zweiundachtzigjährigen und ihren beiden Wellensittichen (Noodle und Pookie) zusammenlebte. Und es war auch ganz bestimmt kein Problem, dass das jetzt schon mehr als zwei Jahre her war und Rebecca sich noch nicht ernsthaft darum bemüht hatte, eine eigene Wohnung zu finden. Sie sparte wirklich viel Geld! Und sie hatte sogar ihren eigenen »Flügel«: einen Flur, ein großes Badezimmer und ein Schlafzimmer, das wirklich viel Licht abbekam. Mimi war so rücksichtsvoll, nicht mehr gut zu hören. In der Küche stand ein großer Kühlschrank. Es gab ein separates Esszimmer mit einem langen Tisch, an den ihre Freundin Stella bei ihren monatlichen Dinnerpartys zwölf fröhliche Menschen quetschte. Die Wohnung hatte noch das original Fischgrätenparkett und hübschen Stuck an den Decken. Es machte nichts, dass es keine Klimaanlage gab, dass es im Eingangsbereich nach Kohl roch und dass Tibor, der Teilzeitportier, nicht aufhören konnte zu reden. Rebecca und Mimi hatten sich schon immer nahegestanden, aber der Lockdown mit all dem Schrecklichen und all dem Schönen hatte sie erst richtig zusammengeschweißt. Es würde ihr sehr schwerfallen zu gehen – aber irgendwann musste sie es tun. Bevor sie dreißig wurde, auf jeden Fall. Denn mit dreißig bei seiner Großmutter zu leben? Das wäre definitiv ein echtes Problem.

Rebecca wusste, dass sie ihre Mutter anrufen sollte, aber als Erstes war da die U-Bahn, ein kurzer Abstecher in den Lebensmittelladen für ein Tonic Water, einen Lottoschein und Grünkohl (Mimis Einkaufszettel); Tibors Prognosen für die NBA-Playoffs; und Mimis Cocktailstündchen, das jeden Tag um 18.00 Uhr stattfand. Sie drehte den ersten Schlüssel im ersten Schloss, dann den zweiten im zweiten, öffnete die Tür, die abrupt an der Kette hängen blieb, die Mimi wie so oft vergessen hatte, und drückte dann lange genug auf die Klingel, um den Yorkshireterrier in der Wohnung gegenüber zur Weißglut zu bringen und Mimi auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen. Die Gedanken an ihren Arbeitstag schob Rebecca zur Seite. Vorerst, wenigstens. Bis sie eine Olive, einen Ritz Cracker mit einem großen Stück altem Cheddar, eine Handvoll leicht gesalzene Erdnüsse und ein paar Schluck Sapphire Gin and Tonic aus einem winzigen Glas mit hübschen Gravuren intus hatte, würde sie sämtliche Gedanken daran aus ihrem Kopf verbannen. Mimi löste nach mehreren Versuchen die Kette und hielt Rebecca ihre weiche, pergamentartige Wange für einen Kuss hin. »Und wie war dein Tag, mein Schatz? Komm rein, komm rein. Ich habe schon alles hingestellt, aber ich muss den Jungs vor dem Abendessen noch ihr Sprühbad geben.«

»Gut. Ich erzähle dir alles.« Rebecca hängte ihren Pullover an die Hutablage. »Ich muss mir nur die Hände waschen und mich umziehen.« Wenn man einmal ein Sprühbad gesehen hatte, hatte man sie alle gesehen, und es konnte immer sein, dass Noodle, der niemanden außer Mimi mochte, sie hacken würde. Pookie war definitiv der fröhlichere der beiden Vögel. Er setzte sich während der Freiflugstunde gerne auf Rebeccas ausgestreckten Finger. Er konnte zwei Wörter sagen: »Hallo, Pookie«, und das war mehr, als Noodle konnte. Alles in allem mochte Rebecca es lieber, wenn der Käfig abgedeckt war und das Gepiepse für eine Weile verstummte. Mimi hatte schon immer Vögel gehabt, immer zwei Wellensittiche, die immer Pookie und Noodle hießen; manche Pookies und Noodles lebten nur ein Jahr, der nächste Noodle oder Pookie vielleicht ein ganzes Jahrzehnt.

Nachdem Rebecca sich »frisch gemacht« hatte, wie Mimi es nannte, gesellte sie sich für das Cocktailstündchen zu Mimi ins Wohnzimmer. Rebecca saß auf dem unbequemen Sofa mit der hohen Lehne und Mimi auf dem blau geblümten Barocksessel, dessen Sitzfläche schon ganz abgewetzt war. Mimi Katz, die Tochter eines reichen Kurzwarenhändlers, hatte einen armen Medizinstudenten geheiratet – aus Liebe. Das war Rebeccas Großvater, Nathan Blume. Rebecca hatte