Verlag: Conbook Medien Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Shinigami Games - Andreas Neuenkirchen

Ein hinterhältiger Polizistenmord nahe des japanischen Kaiserpalastes ist der Auftakt einer spektakulären Anschlagsserie, deren Drahtzieher nur ein Ziel verfolgt: Inspector Yuka Sato systematisch zu zermürben. Um Menschenleben zu retten, muss sie sich den Regeln des selbsterklärten Todesgottes Shinigami beugen. Um ihn zu fassen, muss sie alle Regeln brechen. »Shinigami Games« entführt Sie in ein modernes Tokio zwischen Kriminalität und Glamour. Neben eindrucksvollen Prunkbauten, lebendigen Märkten und leuchtenden Vororten treibt Sie Yuka Satos dritter Fall mitten hinein in die gefährlichen Spielchen eines Massenmörders und die dunkelsten Gassen der japanischen Hauptstadt.

Meinungen über das E-Book Shinigami Games - Andreas Neuenkirchen

E-Book-Leseprobe Shinigami Games - Andreas Neuenkirchen

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Shinigami Games

Herbst in Tokio: Yuka Sato und ihr Team folgen der Spur des Shinigami, dessen niederträchtiger Polizistenmord nur der Anfang einer ganzen Serie von Anschlägen war, die ein nie gekanntes Ausmaß annehmen.

Vom tiefsten Punkt des Tokioter U-Bahn-Netzes bis in die dichten Wälder des Berges Takao treibt der selbsterklärte Gott des Todes seine Spielchen mit der Ermittlerin und scheint dabei nur ein Ziel zu verfolgen: Sie soll an den Rand ihrer Belastbarkeit gebracht werden – und weit darüber hinaus.

Ob auf dem Tokyo Tower, dem Tsukiji-Fischmarkt, im leuchtenden Shibuya oder im dunkelsten Vorort – der Shinigami ist der Polizistin immer schon eine Nasenlänge voraus. Schließlich muss sie sich den Geheimnissen ihrer eigenen Vergangenheit stellen, um einen Massenmord zu verhindern und den gefährlichen Psychopathen dingfest zu machen.

Dramatis Personae

Yuka Sato Inspector beim Tokyo Metropolitan Police Department

Shun Nakashima Inspector Satos ehemaliger Partner beim Tokyo Metropolitan Police Department

Daisuke Kawase Oberster Leichenbeschauer beim Tokyo Metropolitan Police Department

Akio Maeda Spezialist der Spurensicherung beim Tokyo Metropolitan Police Department

Masahiro Okadaira Spezialist für Kampfmittelbeseitigung beim Special Assault Team der Landespolizei

Katsu Takagi sein Vorgesetzter und ehemaliger Kollege von Yuka Sato

Takuro Nonukawa Gelegenheitsarbeiter und ehemaliger Bereitschaftspolizist

Chin-Mae Park südkoreanischer Ermittler in Tokio

Shinji Shiraishi ehemaliger Anführer der Yakuza-Vereinigung Shiraishi-gumi

Hibiki Kosugi Anführer einer rechtsradikalen Jugendbande

Kentaro Sakamoto IT-Spezialist und Polizei-Informant

Takashi Matsuda sein Vorgesetzter

Eri Otsuka ehemalige Bedienung in einem Maid Café, später Office Lady

Fudo Kaijura Angestellter einer Hausmeisterfirma und ehemaliges Mitglied der Sekte Aum Shinrikyo

Katsuaki Yamaguchi Senior Superintendent beim Tokyo Metropolitan Police Department

Sämtliche Namen entsprechen der deutschen und nicht der japanischen beziehungsweise koreanischen Reihenfolge bei der Nennung von Vor- und Nachnamen.

Vorrunde

... in der ein Spiel vorbereitet und ein erster Verlierer bestimmt wird.

Zwischenspiel

Die Polizistin war kein leichtes Ziel. So beweglich. Immer im Laufschritt. Die Haare zu einem wippenden Pferdeschwanz gebändigt. Sie sah jünger aus, als er sie in Erinnerung hatte. Dabei hatte er sie nie so nah gesehen wie jetzt, durch das Zielfernrohr mit seiner beleuchteten Markierung.

Endlich hielt sie an. Sein Finger krümmte sich um den Abzug. Das Ziel war nun genau in der Markierung. Er schoss.

Treffer.

Das Ziel ging zu Boden.

Runde 1

... in der eine Polizistin zu Boden geht und ein Spiel mit ungewissen Regeln beginnt.

Beamtin am Boden

Das Wetter war ungewöhnlich eisig an diesem Herbstmorgen. Yuka Sato schwitzte. Masaru Iwaki gab ein anspruchsvolles Tempo vor. Wie jedes Mal, wenn die beiden ihre beinah tägliche Laufrunde um den Kaiserpalast zogen. Die Begrünung, die gemeinsam mit den hohen Palastmauern dafür sorgte, dass man ja nicht zu viel vom eigentlichen Palast sehen konnte, befand sich farblich bereits auf dem Rückzug. Rot und Gelb waren an Bäumen und Mauern unübersehbar auf dem Vormarsch. Ein malerischer Anblick. Zumindest so lange man die Augen links hielt, auf Bäumen und Gräben, und den Blick nicht nach rechts wandern ließ, zum nie endenden Kreisverkehr und den Hochhäusern von handverlesener Zweckdienlichkeit, die dort das alte Edo mit dem neuen Tokio konfrontierten.

Als sie nach einer Umrundung des Grundstücks wieder an ihrem Ausgangspunkt im Südwesten der Anlage ankamen, machten sie Halt. Das hohe Tempo war auch für Iwaki eine Herausforderung. Er kaschierte sein schweres Atmen nur unzureichend, und obwohl man auf seinem schwarzen Trainingsanzug der Bereitschaftspolizei die Schweißflecken weniger deutlich sah als auf Yukas hellgrauer Kombination, glänzten Hals und Stirn verräterisch feucht. Dennoch sah der junge Polizist seine etwas ältere Kollegin kämpferisch an. »Fünf Kilometer!«, rief er. »Das ist doch bestenfalls Aufwärmtraining. Wie wäre es, wenn wir heute noch eine Runde liefen? Mindestens.«

Yuka lächelte und hoffte, dass sich ein bisschen Nonchalance in die Erschöpfung schlich. Im Grunde musste sie ihm recht geben. Auch wenn ihre große Zeit des Dauerlaufens schon ein wenig zurücklag, war ihr eine einzige Runde um den Kaiserpalast nie genug gewesen. Sie hatte immer erst nach der zweiten angefangen zu zählen. Jetzt, nachdem sie sich ein paarmal von ihrem ungestümen Kollegen hatte breitschlagen lassen, ihr Training wiederaufzunehmen, erinnerte sich ihr Körper langsam wieder an die Freude, die diese Strapazen bereiten konnten. Dennoch war dies nicht der richtige Zeitpunkt, das Training auszuweiten. »Aufwärmen trifft es genau«, sagte sie. »Schließlich wartet noch ein ganzer Tag voller Arbeit auf uns.« Sie überlegte. »Zumindest auf mich«, ergänzte sie mit sanftem Spott.

Masaru Iwaki hatte als Einsatzleiter der Bereitschaftspolizei einen weniger streng geregelten Tagesablauf als die Inspektorin. Dass sein Beruf deshalb nicht weniger fordernd war, wussten sie beide. »Ich mag weniger Einsätze haben als Sie, aber dafür sind sie gefäh...«

Eine 51-Millimeter-Patrone unterbrach den Satz und ließ ihn für immer unvollendet. Sie riss ein blutiges Loch in Iwakis Brust, riss Iwaki von den Füßen.

Satos Reflexe übernahmen auch unter Schock die Kontrolle. Sie warf sich zu Boden, schrie den Spaziergängern in ihrer Nähe zu, es ihr gleichzutun. Sie sah sich um. Ein paar Passanten kamen in Panik ihrer Aufforderung nach. Sie sah keinen Schützen. Sie hatte keinen Knall gehört. Sie robbte näher zu Iwaki, während sie ihr Mobiltelefon aus dem Bauchbeutel nestelte und ihren Notruf durchgab.

***

Er war sich sicher, dass die Entfernung und der Straßenverkehr den Knall verschluckt hatten. Außerdem würde die einmalige Explosion kaum Aufschluss über seinen Aufenthaltsort geben. Trotzdem wollte er kein Risiko eingehen und zu lange an diesem Ort verweilen, so sehr er die Aussicht über das Palastgrundstück, die teils nüchternen, teils protzigen Behördenbauten von Kasumigaseki und die im kalten Sonnenlicht glitzernden neuen Wolkenkratzer von Marunouchi genoss. Seine schwarz behandschuhten Hände schraubten das Gewehr auseinander, legten es in den Koffer. Es war ein guter Schuss gewesen, wenn man bedachte, dass er ziemlich aus der Übung war. Er hatte auf den Kopf gezielt, aber ein Brusttreffer tat es auch. Er war abgelenkt gewesen von der Inspektorin, das musste er zugeben. Doch für sie hatte er heute keine Kugel. Für sie hatte er heute nur eine Nachricht. Er legte den Umschlag zur Tatwaffe in den Koffer und verschloss ihn.

Den Koffer ließ er an seinem Ort, als er das Dach verließ. Im Treppenhaus war niemand. Als er im 15. Stock in den Fahrstuhl wechselte, traf er ein paar Angestellte, die ihn als Kollegen freundlich grüßten. Er grüßte sie freundlich zurück. Der Fahrstuhl spielte die elektronisch aufgeweichte Version eines alten Enka-Hits.

Er fühlte sich gut, als er das Gebäude verließ. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Dabei hatte er den Auftrag nur widerwillig angenommen. ›Manchmal muss man zu seinem Glück halt gezwungen werden‹, dachte er.

Auf dem Weg zur U-Bahn-Haltestelle Sakuradamon konnte er es sich nicht verkneifen, einen Blick auf das Drama zu werfen, das sich nicht weit hinter dem Bahnhofszugang vor dem Grundstück des Kaiserpalastes abspielte. Er sah die Polizistin, sie stand inzwischen wieder auf den Beinen, obgleich diese stark zitterten. Ihr Gesicht und ihr Trainingsanzug waren rot verschmiert. Sie sprach mit uniformierten Polizisten, die den Ort der Tragödie mit gelbem Band absperrten, nach Hinweisen suchten, Passanten gleichermaßen befragten und maßregelten. Ein weißer Nissan-Rettungswagen ließ sein Rotlicht noch aufblitzen, doch die Sirene war bereits abgestellt. Hier war niemand mehr zu retten.

***

Als Daisuke Kawase den Tatort erreichte, hatten die Sanitäter bereits Iwakis Tod festgestellt. Yuka hatte beobachtet, wie der Tod sich des Mannes bemächtigt hatte. Wie seinem Blick die Aufmerksamkeit entwich, während das feuchte Röcheln aus Hals und Brust erst hektischer, dann ruhiger wurde und schließlich ganz verstummte. Sie hatte seine kalte Hand gehalten und ihm Worte zugeflüstert, an die sie sich schon Minuten später nicht mehr erinnerte. So viel musste nun ungesagt bleiben. Und ungefragt. Was war zwischen ihnen passiert? Sie hatten sich bei einem Einsatz kennengelernt, danach hin und wieder ihr Mittagessen gemeinsam in der Polizeikantine eingenommen, und plötzlich waren da diese vordienstlichen Laufrunden um den Kaiserpalast. Es war in ihren Gesprächen fast ausschließlich um körperliche Ertüchtigung gegangen, ein Steckenpferd für Yuka, eine Obsession für Iwaki. Es war nicht abzusehen, ob sich ihre Themen, ihre Treffen jemals ins Privatere verlagert hätten. Eine vorsichtige Annäherung hatte zweifellos stattgefunden, ein spielerisches Abbauen von Vorurteilen zwischen der Theoretikerin von der Kriminalpolizei und dem tatfreudigen jungen Mann von der Bereitschaftspolizei. Er hatte diese Annäherung initiiert.

Was hatte er sich davon versprochen? Nur einen neuen Sparringpartner? Berufliches Networking? Oder das Prickeln einer angehenden Beziehung mit einer vielleicht nicht alten, aber doch älteren Frau? Yuka weinte. Nicht, weil sie die Antworten darauf nie erfahren würde. Nicht, weil ihr dieser junge Mann genommen worden war. Sondern weil diesem jungen Mann selbst alles genommen worden war. Genau in der Lebensphase, in der man das Gefühl hatte, das Leben würde jetzt erst richtig beginnen, war es ihm binnen Sekunden geraubt worden.

Sato stand auf, wischte sich Tränen und Blut notdürftig aus dem Gesicht, bevor sie den Obersten Leichenbeschauer der Tokioter Polizei mit einer Verbeugung von ausreichend respektvoller Dauer und Tiefe begrüßte. Daisuke Kawase erwiderte die Begrüßung etwas knapper, seinem Alter und seinen höheren Befugnissen an diesem Ort entsprechend. Obwohl Yukas Gedanken um Iwaki kreisten, fiel ihr auf, dass Kawases Schädel weiterhin rasiert war. Obwohl er im Sommer betont hatte, dass diese Frisur, die mit seinen kantigen Gesichtszügen natürlicher harmonierte als die vorherige Überkämmfrisur, lediglich den höheren Temperaturen geschuldet war. Er trug heute einen grauen Anzug und ein weißes Hemd, nicht den an Tatorten üblichen, weißen Overall. Als hätte er ihre Gedanken erraten, sagte Kawase: »Die Kollegen haben mir den Fall geschildert. Todesursache und Zeitpunkt scheinen ja einigermaßen eindeutig. An derart öffentlichen Orten müssen wir schnell arbeiten, da wollte ich keine Zeit mit Umziehen vergeuden.«

»Ich danke Ihnen, dass Sie persönlich gekommen sind, Kawase-sensei.«

Er winkte ab. »Wenn es bei den Verstorbenen um Polizisten im Dienst geht, werde ich immer persönlich angerufen.« Er sah auf die Leiche, die zum Schutz vor fallendem Laub und anderen Umwelteinflüssen mit einer transparenten Plane bedeckt worden war. »Er sollte hier nicht mehr lange liegen. Er sollte seine Ruhe haben.« Kawase beugte sich herab, sah sich das Loch in Iwakis Brust an. »Ist die Leiche bewegt worden?«

»Nein, selbstverständlich nicht«, erwiderte Sato.

Er zog sich weiße Kunststoffhandschuhe über, die er seinem Arbeitskoffer entnahm, entfernte einen Teil der Plane und legte einen Finger in die Brust des Toten. Das Oberteil seines Trainingsanzugs hatten die Sanitäter bereits aufgeschnitten und ausgezogen. »Wurde das Projektil entfernt?«

Sato berichtete, dass das Geschoss den Körper durchschlagen hatte. Ein Beamter hatte es sichergestellt und es ihr in einem Plastiktütchen übergeben. Sie zeigte es Kawase. An der matt goldfarbenen Außenhülle des länglichen, inzwischen lädierten Projektils schimmerten vereinzelte Blutstropfen.

»Präzisionsschützenmunition?«, fragte er.

»Ja, militärisch. 7,62 mal 51 Millimeter. Das offizielle NATO-Kaliber. Wird allerdings auch von der Polizei verwendet.«

Unter den gegebenen Umständen verzichtete Kawase auf die süffisante Nachfrage, seit wann Inspector Sato denn so viel von Schusswaffen verstand. Wie aufs Stichwort sahen beide über die nahe Straßenkreuzung zum Hauptquartier der Tokioter Polizei auf der anderen Straßenseite, dem weißen, keilförmigen Bau mit 15 Stockwerken, in dem Yuka Sato ihr Büro hatte.

»Sie denken, was ich denke«, sagte eine Stimme hinter ihnen. Beide drehten sich um, rechtzeitig für die höfliche und begeisterte Verbeugung von Akio Maeda, Professor für Kriminaltechnik an der Meiji-Universität und Experte für Spurensicherung beim Tokyo Metropolitan Police Department. Er war ein bisschen älter als Sato, doch sein vibrierender Enthusiasmus und sein schwunghafter Scheitel, dem ein Eigenleben innezuwohnen schien, ließen ihn jugendlicher wirken. Zugleich signalisierten seine altmodische Kleidung und die unmodische Brille, dass er es kaum erwarten konnte, tatsächlich so alt zu werden, wie es die Allgemeinheit von einem Professor erwartete.

»Was denken wir denn, Maeda?«, fragte Kawase, nachdem alle drei sich begrüßt hatten.

»Dass die Kugel aus dem 14. oder 15. Stock des Hauptquartiers abgefeuert wurde. Oder etwa nicht?« Er kniete sich neben der Leiche nieder. »Sehen Sie hier!« Er deutete mit einem Kugelschreiber, den er mit spitzen Fingern seiner Hemdtasche entnahm, als handele es sich dabei bereits um ein sensibles Beweisstück, auf die Wunde in Iwakis Brust. Er erzählte vom Winkel des Eintritts der Kugel, sprang auf, demonstrierte, wie das Opfer gestanden haben musste – was Inspector Sato bestätigte –, und deutete mit einem Absacken des eigenen Körpers an, wie der Getroffene schließlich gefallen war. Für einen kurzen Moment hatte Sato die Befürchtung, Maeda würde sich komplett zu Boden werfen, um sich zur Veranschaulichung totzustellen. Die Furcht war unbegründet.

»Vielen Dank, Maeda-sensei, dass Sie persönlich und so schnell gekommen sind.«

Er winkte ab. »Wenn Polizisten die Opfer von Gewaltverbrechen werden, ruft man mich immer dazu. Und ich dachte mir, an einem solchen Ort muss es schnell gehen. Aber wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt ganz gern noch den Tatort zeichnen.« Sein Block lugte bereits aus seiner ramponierten Ledertasche heraus.

»Selbstverständlich.«

Maeda setzte sich auf eine Bank und begann mit seiner Arbeit. Er wirkte nicht angespannter als jemand, der von dieser oder jeder anderen Parkbank aus Vögel fütterte.

Yuka Sato rief mit ihrem Smartphone zweimal im Revier von Kasumigaseki an. Sie wies das Sicherheitspersonal an, die Kontrollen an allen Ein- und Ausgängen zu verschärfen. Ihr eigenes Team wies sie an, alle Stockwerke zu durchkämen, oben angefangen. Dann rannte sie selbst los.

***

Dank ihrer eigenen Anweisungen kam Yuka Sato kaum ins Gebäude hinein. Der Sicherheitsbeamte hatte die Hände schon an dem langen Holzstock, als er sie im verschwitzten und blutigen Sportlerzivil angerannt kommen sah. Der Stock diente ihm als Stütze während der langen Schichten im Stehen, als Abschreckung und notfalls auch als Waffe.

Sato zeigte ihren Dienstausweis, erläuterte die Lage und rauschte in ihr Großraumbüro auf einer der mittleren Etagen. Nur ein Mann hielt dort die Stellung, während alle anderen einen Mörder suchten. Der Officer stand mit dem Rest des Teams im Kontakt und unterrichtete Sato vom Fortschritt des Einsatzes.

»Gar nichts?«, fragte sie zurück.

»Nein. Keine Spur. Keine aufgebrochenen Türen, das System hat keine unbefugten Zutritte gemeldet. Alle Überwachungsaufnahmen konnten wir selbstverständlich noch nicht auswerten. Wir haben die Suche im 15. Stock begonnen und uns runtergearbeitet.«

Sato überlegte. »Was ist mit dem Dach?«

Der Officer machte ein langes Gesicht. »Das weiß ich leider nicht. Bitte verzeihen Sie.« Er verbeugte sich.

Sato sah nicht mehr, wie er sich nach der Verbeugung wieder aufrichtete. Sie war auf dem Weg zum Dach.

***

Ihr Geisteszustand war ein Nebel aus Wut und Trauer. Die Fahrstuhlmusik lichtete ihn nicht. Im 15. Stock wechselte Sato vom Fahrstuhl ins Treppenhaus. Dort bemerkte sie nichts Verdächtiges. Das Dach selbst beherbergte den Hubschrauberlandeplatz der Polizeizentrale. Ein hellblauer AgustaWestland stand dort immer zum Abflug bereit, so auch heute. Doch außer ihr selbst war hier keine Menschenseele.

Dann sah sie den Koffer.

Es war ein Aluminiumkoffer, akkurat an der Nordostseite des Dachs abgestellt. Also genau gegenüber vom Tatort.

Yuka verfluchte sich, weil sie kein Einsatzset mitgenommen hatte. Doch ihre Neugier war zu groß, um den Fehler zu korrigieren. Sie ging zum Koffer und öffnete ihn ohne Handschuhe. Später dankte sie den Schutzgöttern, die über Schwachsinnige und Traumatisierte wachten. In ihrer hyperaktiven Nervosität hatte sie nicht einmal in Betracht gezogen, dass der Koffer etwas Gefährliches enthalten könnte, einen Sprengsatz, ein Gift. Sie hatte sich lediglich Sorgen darüber gemacht, die eigenen Fingerabdrücke an ihm zu hinterlassen. Maeda würde schimpfen.

Der innen grau gepolsterte Koffer barg durchaus etwas Gefährliches. Dafür war er da. Sato fand ein auseinandergenommenes Präzisionsschützengewehr, ein PSG1A1 von Heckler & Koch, sowie das serienmäßig mitgelieferte Dreibeinstativ von Garbini. Das Gewehr war ein relativ modernes Modell, zumindest moderner als die, mit denen die Präzisionsschützen vom TMPD bislang ihren Dienst verrichteten. Die Waffen wurden gerade ausgetauscht.

Sie wusste das, weil Iwaki davon geschwärmt hatte.

Und da war noch etwas. Ein weißer Standardbriefumschlag. Yuka Sato nahm ihn an sich. Sie las die Vorderseite:

An: Inspector Yuka Sato

Betrifft: Runde 1 von 7

Sie wusste, dass es vermutlich klüger war, mit dem Öffnen zu warten, bis sie von Spezialisten umringt war. Spezialisten für Spurensicherung, Spezialisten für Gifte und Bomben, Spezialisten fürs Briefeöffnen. Doch sie hatte jetzt keinen Sinn für Klugheit und keine Zeit für Spezialisten.

In dem Standardkuvert steckte eine Nachricht auf Briefpapier in Standardgröße. In geschwungener Schrift, allerdings schnöde vom Computer gedruckt.

Das Papier hatte auf den ersten Blick eine edle Anmutung, entpuppte sich aber bei genauerer Betrachtung als kitschige Dutzendware aus der Kaufhausschreibwarenabteilung.

Sehr geehrte Frau Sato,

wenn Sie diese Nachricht lesen, ist die erste Runde des Spiels bereits entschieden. Nicht zu Ihren Gunsten, wie ich annehmen muss. Dafür entschuldige ich mich. Sie hatten einen unfairen Nachteil, denn Sie wussten noch gar nicht, dass wir ein Spiel spielen. Jetzt wissen Sie es.

Selbstverständlich bleiben Sie im Nachteil. Machen wir uns nichts vor – egal, was Regelwerke, Taktiker und Pädagogen beteuern: In fast jedem Spiel ist der Spieler im Vorteil, der den ersten Zug macht. Daran wird sich bis zum Schluss nichts ändern. Er wird das Spiel bestimmen. Aber ich gebe Ihnen von jetzt an eine faire Chance: Ich werde Sie täglich über meinen nächsten Zug informieren. Ihre Aufgabe wird es sein, meine Züge zu vereiteln. Mit jeder gewonnenen Runde retten Sie ein Leben. Mindestens eines. In der letzten von sieben Runden können Sie Ihr eigenes Leben retten.

Runde 1 geht also an mich. Gehen Sie nach Hause, schlafen Sie sich gut aus. Morgen früh spielen wir weiter.

Auf ein gutes Turnier!Shinigami

Nachdem Yuka Sato die Nachricht gelesen hatte, las sie sie ein weiteres Mal und ein drittes Mal. Dann starrte sie so lange auf den Zettel, dass ein Beobachter es für lesen hätte halten können. Dabei war ihr Blick so leer wie ihr Kopf.

Schließlich schüttelte sie sich aus der Starre, faltete das Stück Papier wieder zusammen und steckte es zurück in den Umschlag. Sie nahm ihr P-Phone, ein speziell für den Polizeieinsatz konzipiertes Smartphone, und rief die Kollegen von der Spurensicherung. Dann informierte sie ihren Vorgesetzten.

***

Sato trug noch ihre verschwitzte und blutverschmierte Laufkleidung, als sie das Büro von Senior Superintendent Katsuaki Yamaguchi in einem der höheren Stockwerke des Polizeireviers von Kasumigaseki betrat.

Zum ersten Mal, seit sie sich kannten, hatte sie nicht das Gefühl, dass der ältere, wohlgenährte und stets etwas unsichere Mann sie mit seinen Blicken auszog.

»Inspector Sato! Sie müssen das sofort ausziehen!«, blaffte er sie mit fester Stimme an, auf eine Begrüßung verzichtend.

»Verzeihung, Senior Superintendent. Ich ...« Sie fummelte an ihrem Trainingsanzug.

»Doch nicht hier!« Der Gedanke einer vergleichsweise jungen, durchtrainierten, nackten Frau in seinem Büro schien ihn plötzlich mit Schrecken zu füllen. »Ich meine ... das sind Beweisstücke. Geben Sie sie einem Kollegen. Oder einer Kollegin, wenn Sie sich dabei besser fühlen.«

›Ich glaube nicht, dass sich meine Gefühlslage so einfach bessern lässt‹, dachte sie. »Das werde ich tun«, versicherte sie.

»Was haben Sie als Nächstes vor? Ich meine, nachdem Sie sich ausgezogen haben? Ich meine, die Beweisstücke abgelegt haben. Abgegeben haben.«

»Duschen.«

»Sehr gut! Und dann?«

»Dann werde ich einen shinigami fangen.«

Yamaguchi richtete sich und vor allem seine Brust stolz auf. »Das wollte ich hören! Freut mich, dass Sie so schnell über die Sache hinweggekommen und wieder auf der Spur sind! Sie tragen es wie ein Mann!«

Sie war auf gar keiner Spur, war über nichts hinweg, und der Rest stimmte auch nicht. Trotzdem korrigierte sie ihn nicht. Sie war froh, dass es keine Diskussion über Zuständigkeiten, Befugnisse und Befangenheiten gab. Dieser Fall war ihrer. Ohne Kampf. Der einzige Triumph eines wenig triumphalen Morgens.

Shinigami

Nach einer kurzen Dusche im Revier und ein paar mahnenden Worten an ihr Spiegelbild war Inspector Sato ansatzweise bereit, die Ermittlungen aufzunehmen. Dennoch saßen ihr der Schock und die Trauer nach wie vor tief in den Knochen. Sie war zu nervös, um selbst ein Fahrzeug zu fahren, deshalb nahm sie die Marunouchi-U-Bahnlinie, die sie in neun Minuten von Kasumigaseki nach Ochanomizu brachte. Von dort ging sie zu Fuß zum Surugadai-Campus der Meiji-Universität.

In einem der modernen Gebäude, das auf den Namen Global Front hörte, unterhielt Akio Maeda sein Institut für Kriminalistik und sein forensisches Labor. Das Global Front hatte 17 Stockwerke, doch Maedas Büro lag im Keller, was ihn nicht kümmerte. Eher im Gegenteil, hier konnte kein von außen hereinscheinender Einfluss seine Ordnung stören. Inmitten der blitzblanken technischen Geräte und ebenso gewienerten Glasbehälter teils bonbonfarbiger, teils fauliger Inhalte fühlte man sich wie im Labor eines wahnsinnigen Wissenschaftlers. Vorausgesetzt ein ausgeprägter Ordnungswahn war Teil des Wissenschaftlers Wahnsinns.

»Shinigami?«, fragte der Professor, nachdem Inspector Sato ihm die Nachricht gezeigt hatte.

»Eine Art Gott des Todes«, erläuterte Sato unnötigerweise. Selbstverständlich wusste Maeda, dass die shinigami so etwas wie dämonische Todesboten in der shintoistischen Mythenwelt waren.

»Ich weiß natürlich, was ein shinigami ist. Das weckt einige Assoziationen.« Er schien fast begeistert.

»Bei mir weckt es nur eine Assoziation: Wir haben es mit einem größenwahnsinnigen Irren zu tun, der gerade erst anfängt.«

»Wir sollten unsere Datenbanken prüfen, ob es andere Fälle gibt, in denen dieses Stichwort vorkommt.«

»Sie haben recht.« Sato notierte das, obwohl sie nicht glaubte, dass es sie schnell genug weiterbringen würde. Der Täter wollte schon morgen seinen nächsten Mord begehen, davon musste man nach seiner Nachricht zumindest ausgehen. Außerdem war der Shinigami-Mythos so weit verbreitet und gerade durch allerlei Manga- und Anime-Serien so populär, dass es fast erstaunlich wäre, wenn sie in den polizeilichen Datenbanken keinen anderen Hinweis auf dieses Stichwort fänden. Ein Zusammenhang zu diesem Fall wäre allerdings noch erstaunlicher. »Aber jetzt erzählen Sie mir erst mal, was Sie über die Waffe herausgefunden haben.«

Er führte sie zu einem ausladenden, flachen, weißen Tisch, auf dem die Waffe in ihre Einzelteile zerlegt angerichtet war, symmetrisch wie ein fabrikneuer Modellbausatz, kleinteiliger noch als in ihrem Koffer. »Das Gewehr stammt aus dem Polizeibestand, wie Sie schon vermutet haben. Fingerabdrücke konnte ich keine finden, außer Ihren.«

»Das tut mir leid.«

Er schüttelte den Kopf. »Das muss es nicht. Der Täter hat offensichtlich Handschuhe benutzt. Sie können nichts zerstören, was nie da gewesen ist.«

»Wissen Sie, wann das Gewehr entwendet wurde?«

»Leider nein. Es sieht so aus, als hätte man da in der Buchhaltung sehr geschlampt.« Maeda massierte sich verlegen den Nacken, als wären die Fehler der polizeilichen Buchhaltung seine eigenen, was sie nicht waren. »Es könnte seit Tagen oder Monaten fehlen.«

Sato schüttelte den Kopf. »Allzu lange nicht. Das ist ein ganz neues Modell.«

»Sie haben bereits recherchiert?«

»Nein, das weiß ich von ...« Sie konnte den Satz nicht zu Ende bringen.

»Oh.«

»Ja.«

»Von Ihrem ...«

»Genau.« Sie hatte keinerlei Besitzansprüche an Iwaki, niemals gehabt, deshalb wäre fast jede Formulierung, mit der Maeda seinen Satz hätte beenden können, unzutreffend. Doch sie war nicht in der Verfassung, in dieser Sache in diesem Moment Erbsen zu zählen. »Eine Frage finde ich ohnehin interessanter als die, wann das Gewehr entwendet wurde: Warum wurde es am Tatort zurückgelassen?«

»Vielleicht, weil es zu gefährlich war, es durchs Polizeigebäude hinauszuschmuggeln.«

»Das ist möglich, aber unwahrscheinlich. Der Täter hatte offenbar einen Weg gefunden, es hinein und hinauf aufs Dach zu schmuggeln. Vielleicht wollte er sein Schicksal nicht unnötig ein weiteres Mal herausfordern. Das glaube ich allerdings nicht. Er brauchte es ganz einfach nicht mehr. Und das gibt mir zu denken.«

Maeda dachte dasselbe wie Sato. »Das Spiel soll schließlich weitergehen.«

»Genau. Offenbar ohne die Tatwaffe. Das heißt, der nächste Mord, wenn es einen nächsten Mord gibt, wird ganz anders verübt werden. Es sei denn, der Täter hat ein ganzes Arsenal an Präzisionsgewehren im Schrank.« Sie überlegte. »Gar nicht so undenkbar bei unserer Buchhaltung. Wir sollten überprüfen, ob ...«

»Das habe ich bereits getan. Die Tatwaffe ist die einzige, die in unseren Kammern fehlte.«

»Vielen Dank, Maeda-sensei. Ich weiß nur nicht, ob das ein gutes, oder ein schlechtes Zeichen ist.«

»Weder noch würde ich sagen. Wir sollten uns jetzt die Aufnahmen der Überwachungskameras ansehen.«

»Die haben Sie bereits?«

»Selbstverständlich!« Sein Blick besagte, dass es ihm unverständlich war, wie jemand das nicht selbstverständlich finden konnte. Er ließ die Aufnahmen auf seinem Laptop laufen. Sie waren recht ereignisarm, weiße Tür in weißem Treppenhaus.

Sato sah in die rechte Ecke des Bildschirms, in der der Zeitcode der Aufnahme in Sekundenbruchteilen voran tickte. »Der Täter wusste, wo er Iwaki erwischen würde. Und er wusste, von welchem Ort er schießen musste«, dachte sie laut. »Um das Risiko, entdeckt zu werden, zu minimieren, wird er erst kurz vor der Tat das Dach betreten haben. Er musste das Gewehr zusammenbauen ...« Sie rechnete im Kopf nach. »Sehen wir uns die Aufnahmen ab zehn Minuten vor der Tat an.«

»Ich würde eine halbe Stunde veranschlagen. Der Täter konnte schließlich nicht genau wissen, wann Sie an der Position auftauchen würden, die für sein Vorhaben ideal war.«

»Auch wahr.«

Sie ließen die Aufnahme vorlaufen, bis tatsächlich Bewegung in das Treppenhaus kam. Eine uniformierte Person mit einem Koffer öffnete die Tür zum Dach und trat hindurch. Sie benutzte eine elektronische Zugangskarte.

»Er trägt eine Uniform der Bereitschaftspolizei«, sagte Sato mit zitternder Stimme. Dieser Umstand erfüllte sie mit noch heißerem Zorn gegen den Täter, als sie ihn ohnehin bereits verspürte. Hatte jemand aus den eigenen Reihen Iwaki auf dem Gewissen? Oder jemand, der ihn verhöhnen wollte? Wer immer dieser Kerl war – er musste gewusst haben, dass er von Kameras festgehalten wurde. Diese Uniform konnte einfache Tarnung sein, genauso gut konnte sie eine Botschaft sein. Oder einfach seine übliche Dienstkleidung.

»Und es sieht so aus, als hätte er das Dach mit einer authentischen Zugangskarte geöffnet.«

»Leider konnten wir sein Gesicht nicht sehen.«

»Vielleicht, wenn er das Dach wieder verlässt.«

Sie ließen die Aufnahme vorlaufen.

»Tja, der wusste, was er tat«, sagte Maeda.

Sato kniff die Augen zusammen und ging näher an den Bildschirm, als würde so ihr Röntgenblick aktiviert. »Zu dumm, dass er den Helm trägt.«

»Glauben Sie, wenn Sie ganz nah an den Bildschirm gehen, können Sie durch den Helm hindurchsehen?«

Sie lehnte sich wieder zurück. »Nein. Aber ich möchte mir diese Person ganz genau ansehen. Was verraten uns die Aufnahmen, trotz der Uniform und des Helms?«

Maeda überlegte. »Die ungefähre Größe des mutmaßlichen Täters ... Rechtshänder oder Linkshänder ... das Geschlecht ... annähernd das Alter.«

»Wirklich? Ich sehe hier eindeutig nur, dass die Person rechtshändig ist, solange sie uns in dieser Hinsicht nicht bewusst täuschen will. Und an der Art, sich zu bewegen, kann ich sagen, dass es kein Kind, kein Jugendlicher und kein Greis ist.«

»Ich sagte ja: annähernd.«

»Aber bei der Größe wird es schon schwieriger.«

Maeda runzelte die Stirn. »Gerade die Größe ist leicht zu bestimmen, wenn wir sie in Beziehung zu der Umgebung setzen.«

»Die absolute Größe, ja. Ich kann aber nicht sehen, ob die Person überdurchschnittlich groß oder klein ist.«

Maeda sah genauer auf die Aufnahme, die jetzt zum Standbild gefroren war. »Durchschnittlich, würde ich sagen.«

»Weil Sie von einem Mann ausgehen.«

»Sie nicht? Sie haben doch selbst gesagt: Er trägt eine Uniform der Bereitschaftspolizei.«

»Ein erster Reflex. Sehen Sie noch mal hin.«

Sie ließen die entscheidenden Sekunden der Aufnahme ein weiteres Mal laufen.

»Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Die Bewegungen sind etwas weicher und federnder als bei einem durchschnittlichen Mann. Das könnte auf eine Frau hinweisen. Könnte allerdings ebenfalls daran liegen, dass Sie mich verunsichert haben. Und es laufen ja nicht alle Männer wie Toshiro Mifune.«

»Ich bin mir ebenfalls nicht mehr sicher. Allerdings war ich anfangs überzeugt, dass es sich um eine große Frau handelt, nicht um einen durchschnittlich großen Mann.«

»Solche Verbrechen werden so gut wie nie von Frauen begangen.«

»Solche Verbrechen werden sowieso so gut wie nie begangen. Wir müssen hier mit einem erhöhten Aufkommen an Unwahrscheinlichkeiten rechnen.«

Sie sahen sich die Sekunden noch ein paar Minuten lang an.

»Es ist wirklich nicht sehr eindeutig«, fand Maeda.

»Wirklich nicht.«

»Er ... lassen wir es vorerst bei ›er‹ ... trägt eine Uniform für Männer.«

»Gerade das könnte eine bewusste Irreführung sein. Oder es waren gerade keine Uniformen für Frauen verfügbar. Frauen haben bei der Bereitschaftspolizei keine hohe Priorität.« ›Bei der restlichen Polizei auch nicht‹, dachte sie.

»Kann eine Frau diese Männeruniformen problemlos tragen?«

Sato nickte. »Das musste ich auch schon. Zwickt an gewissen Stellen, geht aber.«

»Wo zwickt es denn?«

»An gewissen Stellen.«

»Ich muss das ja auch nicht wissen.«

»Gehen wir davon aus, dass die Uniform gestohlen ist. Vielleicht bringen uns die Daten der verwendeten Zugangskarte weiter. Wir sollten sie uns besorgen.«

»Moment mal ... wir haben die Daten ja bereits.« Maeda tippte auf seinem Laptop herum. »Hm ... ich fürchte, das macht die Sache eher mysteriöser als klarer.«

»Lassen Sie mich raten: Die Daten von genau dieser Tür zu genau dieser Zeit sind verschwunden.«

»Nein, nein. Es ist nur so ... dass es Iwakis Daten sind.«

»Dann hat er selbst die Tür geöffnet?«

»Das war zeitlich nicht möglich, er war schließlich mit Ihnen zusammen. Aber es sieht so aus, als hätte jemand seine Zugangskarte benutzt.«

»Eine Uniform wie die, die Iwaki trägt. Und seine Zugangskarte.«

»Scheinbar seine Karte. Denn vermutlich hatte er sie doch bei sich, als er ermordet wurde. Es war schließlich kurz vor Dienstbeginn.«

Sato schüttelte den Kopf. »Eher nicht. Beim Laufen bewahrt er alle Dinge, die nicht in fremde Hände geraten dürfen, in seinem Spind auf.« Sie schluckte. »Bewahrte.«

»Dann würde ich vorschlagen, wir schauen uns diesen Spind mal an.«

»Genau das habe ich vor. Sie wollen mitkommen?«

»Wenn ich darf?«

Er schien sich so zu freuen, sie konnte ihm den Wunsch nicht ausschlagen. Obwohl sie sich fragte, wie er so viel Zeit von seiner eigentlichen Arbeit an der Universität für seinen beinahe inoffiziellen Nebenberuf opfern konnte. »Also gut, wenn Sie schon alle Hausarbeiten Ihrer Studenten ... korrigiert haben, können Sie mich gern begleiten.«

»Einen Moment, ich hole nur schnell meine Brechstange.«

***

Sie mussten Iwakis Spind nicht aufbrechen. Sie fanden ihn bereits aufgebrochen. Die malträtierte, offene Tür klaffte wie eine Wunde in der akkuraten Reihe intakter schwarzer Blechtüren im Quartier der Bereitschaftspolizei. Inspector Sato überfielen auch Assoziationen an ein geschändetes Grab. Dabei musste es zu dieser Schändung gekommen sein, als der Besitzer des Spinds noch am Leben gewesen war.

»Seit wann ist dieser Schrank schon aufgebrochen?«, fragte sie den Polizisten, der sie zu den Spinden geführt hatte.

Er sah sie an, als wäre das eine seltsame Frage. »So genau kann man das nie sagen. Ich schätze, zwischen dem gestrigen Feierabend und dem heutigen Dienstbeginn.«

Sie sah ihn an, als wäre das eine seltsame Antwort. »So genau kann man das nie sagen? Kommt es denn öfter vor, dass Spinde hier einfach so aufgebrochen werden?«

»Ja.«

»Ach ja? Und warum?«

»Zu viel Testosteron.«

Da war wohl etwas dran. Iwaki selbst produzierte es auch das eine oder andere Mal im Überfluss. Hatte es im Überfluss produziert. »Überwachungskameras gibt es hier wohl keine?«

Er schaute erschrocken. »Das will ich nicht hoffen. Das hier ist schließlich die Umkleide. Aber es gibt welche an den Ein- und Ausgängen. Die Aufnahmen werden wir Ihnen sofort zur Verfügung stellen.«

»Wissen Sie, wie der Spind aufgebrochen wurde?«

Ehe der Polizist mit der Schultern zucken konnte, sagte Maeda: »Bevor der Schrank aufgebrochen wurde, hat jemand erfolglos versucht, ihn aufzuschließen.« Er zeigte auf entsprechende Spuren am Schloss. »Jemand hatte einen ähnlichen Schlüssel, aber nicht genau den richtigen.«

»Diese Spuren sind frisch?«, fragte Sato.

Maeda bejahte. »Stunden bis Tage. Angesichts der Sachlage würde ich Stunden vermuten.«

»Ich auch.« Sie wandte sich wieder an den Kollegen von der Bereitschaftspolizei. »Wie wird hier mit Schlüsseln und Schlössern verfahren, wenn Kollegen den Dienst quittieren oder neue hinzukommen? Werden die Schlösser komplett ausgetauscht?«

»Nein, die Schlösser rotieren von Spind zu Spind. Da wird öfter mal gewechselt. Es gibt aber nur drei Arten von Schlössern und Schlüsseln.«

»Wenn man also alle drei Schlüssel hat, kann man jedes Schloss öffnen?«

»So ist es.«

»Wenn man nur einen Schlüssel hat, kann man immer noch ein Drittel aller Schlösser öffnen.«

»So ist es.« Der Polizist trat in einer Mischung aus Verlegenheit und Ungehaltenheit auf der Stelle. Er empfand es eindeutig als ungerecht, dass er Hausmeisterfragen für eine Kollegin aus einer anderen Abteilung beantworten musste.

»Ist das hier allgemein bekannt?«

»Es ist zumindest kein Geheimnis. Das hier ist eine Umkleide, kein Hochsicherheitsbereich. In den Spinden wird hauptsächlich Kleidung aufbewahrt. Wertsachen auf eigene Gefahr, Waffen gar nicht.«

»Die schaffen es aber trotzdem ganz gut, abhanden zu kommen.«

»Wie bitte?«

»Ach nichts, ich habe nur laut gedacht.«

»Hätten Sie sonst noch Fragen, Inspector Sato?«

»Nur die wichtigste.«

»Und die wäre?«

»Was wurde aus dem Schrank entwendet?«

Er sah auf den Bericht auf dem Klemmbrett, das er bei sich trug. »Alles.«

***

Professor Maeda und Inspector Sato tranken einen Kaffee in einer nahegelegenen Doutor-Filiale, bevor sie an ihre jeweiligen Arbeitsplätze zurückkehren mussten. Sie setzten sich an einen Nichtraucher-Zweiertisch nahe des Raucherbereichs und der im Moment ungenutzten Kinderkrabbelecke. Hier waren sie verhältnismäßig ungestört.

Sato fragte: »Die Spuren am Spind, die konnten Sie wirklich so eindeutig sehen? Die Schlüsselspuren?«

Maeda bestätigte das.

»Aber wenn jemand mit einem falschen Schlüssel einfach nur ein Schloss zu öffnen versucht, fällt das doch bestimmt mit bloßem Auge nicht weiter auf. Ich verwechsle ständig all die Schlüssel, die ich mit mir herumtrage, und trotzdem sind alle meine Schlösser noch blitzblank.«

»Wenn jemand wie ein Wahnsinniger wieder und wieder versucht, das Schloss mit dem falschen Schlüssel zu öffnen, hinterlässt das schon Spuren.«

»Wie ein Wahnsinniger.«

»Sie sagen es.«

»Dann war er überzeugt, dass sein Schlüssel passen musste. Als er einsah, dass das nicht der Fall war, brach er den Schrank gewaltsam auf.«

»Es ist also jemand mit einem Schlüssel zu einem Spind der Bereitschaftspolizei, der zu manischem Verhalten und entsprechenden Wutausbrüchen neigt. Was sagt uns das?«

»Klingt sehr nach einem ehemaligen Bereitschaftspolizisten, der mit dem Job nicht klargekommen ist. Es wäre noch nicht mal allzu sehr aus der Luft gegriffen davon auszugehen, dass er in seiner aktiven Zeit Iwakis Spind hatte.«

»Vielleicht hatte Iwaki ihm beruflich etwas genommen, zumindest in seiner Wahrnehmung, und er wollte sich rächen.«

Sato zögerte. »Möglich. Aber sein Schreiben richtet sich an mich. Gegen mich. Nicht gegen Iwaki.«

»Vielleicht ein Ablenkungsmanöver, eine bewusst gelegte falsche Fährte. Vielleicht hören wir nie wieder von ihm.«

»Ich schätze, das werden wir morgen erfahren.« Sie sah auf die Uhr. »Jetzt muss ich dringend zurück ins Büro.«

Das dämonische Büro

Als Yuka Sato zurück zu ihrem Großraumbüro in Kasumigaseki kam, fand sie die Tür geschlossen vor. Das war ungewöhnlich, doch es war nicht der Grund für den gehörigen, heiß-kalten Schreck, der durch ihren ganzen Körper fuhr. Der Grund dafür waren die Zeichen, die jemand in blutroter Schrift an die Tür geschrieben hatte:

Shinigami.

Sie zögerte. Obwohl ihr auf dem Weg vom Eingang durch den Empfang und den Fahrstuhl und den Korridor zu dieser Tür nichts verdächtig vorgekommen war, hatte sie plötzlich die Befürchtung, hinter der Tür erwarte sie ein Blutbad. Ihr Team, abgeschlachtet von einem Gegner, der sich nicht an seine eigenen Regeln hielt und dem sie nicht gewachsen war.

Die Tür sprang auf.

Sato machte einen Satz zurück, nahm eine Defensivstellung ein, die sie durch ihre regelmäßigen Selbstverteidigungskurse verinnerlicht hatte.

Der modisch frisierte Kopf eines jungen Polizisten lugte aus der Tür. Ein Mitglied ihres Teams, ganz eindeutig am Leben. »Inspector Sato?«, sagte er. »Gut, dass Sie hier sind. Wir haben schon ohne Sie angefangen.«

Sato sammelte sich wieder. »Das sehe ich.«

»Haben Sie mein Schild bemerkt?«

»Durchaus.«

Selbstverständlich hatte niemand shinigami mit Blut an die Tür geschrieben. Die Schrift stand lediglich auf einem Blatt Papier an der Tür. Es besagte, dass dahinter ausschließlich der Fall shinigami bearbeitet wurde. Diese Art von Ausschilderung hatte bei der Polizei Tradition. Es war eine der Traditionen, auf deren Wahrung Inspector Sato bislang wenig Wert gelegt hatte. Ihr Team wusste in der Regel auch ohne Türschild, woran es arbeitete.

Sie fragte: »Musste es unbedingt in roter Farbe sein?«

Der Kollege senkte das Gesicht gen Boden. »Wir hatten keine andere, und es war Eile geboten.«

»Kein Problem. Schöne Handschrift. Sehr assoziativ.«

»Vielen Dank, Inspector. Kann ich das dann ab jetzt immer machen?«

»Meinetwegen. Aber das nächste Mal bitte nicht in Rot.«

»Habe verstanden! Bitte verzeihen Sie vielmals!« Er verbeugte sich und ließ sie hinein.

Die Suche nach dem Vorbesitzer des Spinds zeitigte tatsächlich Erfolge, wenn auch keinen entscheidenden Durchbruch. Der Mann war durchaus etwas unrühmlich aus dem Dienst ausgeschieden, aber er konnte Iwaki nicht gekannt haben, ihre beruflichen Laufbahnen hatten keinerlei Überschneidungen. Er passte außerdem nicht recht in das Bild, das Maeda und Sato vom Täter hatten. Sein derzeitiger Aufenthaltsort war unbekannt. Jetzt wurde nach ihm gefahndet. Sato ahnte allerdings, dass er, wenn überhaupt, nur ein Teil des Puzzles sein konnte.

Sie konnte nicht aufhören, den Täter als eine Frau zu sehen.

Sato fühlte sich so allein wie niemals zuvor. Sie warf einen Blick auf den Schreibtisch, an dem einst ihr Freund und Partner Shun Nakashima gesessen hatte. Das schien so lange her. Allerdings war es noch nicht so lange her, dass die Stelle bereits neu besetzt worden wäre. Zunächst hatte es so ausgesehen, als würde Nakashima wieder hier sitzen, nachdem er für eine Weile ins Revier Azabu versetzt worden war, wo er Sato besser bei den Ermittlungen im Roppongi-Ripper-Fall hatte helfen können. Doch in letzter Sekunde hatten beide eingesehen, dass sie Abstand voneinander brauchten. Nakashima hatte damals keineswegs nur geholfen, sondern durch grobes Fehlverhalten fast den Erfolg der Ermittlungsarbeiten vereitelt. Er hatte sich erklärt, hatte sich entschuldigt, sie hatten sich ausgesprochen. Und dennoch mussten sie feststellen, dass es zwischen ihnen nicht mehr war wie früher. Nakashima blieb freiwillig in Azabu, wo er sich dem Vernehmen nach nicht schlecht machte. Sato war erleichtert über diesen Schritt. Doch je länger er dort war, desto mehr vermisste sie ihn. Nicht nur als Kollegen, auch als Freund. Vor allem als Freund.

Nakashima hatte eine Lücke hinterlassen. Eine ziemlich große. Nicht nur wegen seiner Leibesfülle, und nicht nur im Büro.

Ein Schnaps ist einsamer als zwei

Am Abend nahm Yuka in Kasumigaseki die Hibiya-U-Bahnlinie, die sie in einer Minute nach Hibiya brachte. Dort stieg sie um in die Mita-Linie, die sie nach 14 Minuten in Sugamo verließ. Sie hätte zwei Minuten früher aussteigen können, in Sengoku. Das war nicht nur eine kürzere Fahrt, sondern auch ein kürzerer Weg zu ihrer Wohnung. Doch so erleichtert sie war, ihrem dämonischen Büro entkommen zu sein, so wenig attraktiv war der Gedanke, wieder ganz allein in ihrem kleinen Apartment zu sitzen. Beim Spaziergang von Sugamo konnte sie nicht nur diese Situation noch ein bisschen hinauszögern und verhältnismäßig frische Herbstluft atmen, die nach dem stickigen Sommer wie eine Befreiung war, eine Neubewertung des Atmens an sich. Sie kam so auch am Schnapsladen vorbei.

Wenn sie alleine trank, gönnte sie sich normalerweise nichts Stärkeres als Bier. Doch als sie an diesem Abend das Zeichen auf dem purpurnen Schild der Ladenkette Kakuyasu sah, war es ihr genau das: ein Zeichen.

Sake. Alkohol. Das Zeichen hatte etwas Einladendes, also ließ sie sich einladen.

»Irasshaimase!«, rief die beleibte Verkäuferin täuschend aufrichtig, ohne dabei von ihrem Rätselheft aufzusehen.

Eng an eng standen die Regale, darin eng an eng die Flaschen, Dosen und Tetrapacks. Bier, happoshu, Mixgetränke und Softdrinks in beleuchteter Kühlung, shochu, Wein, Whisky, Saft und einiges mehr ungekühlt. Die Verpackungen und Etiketten mal selbstbewusst dezent nur mit den Namen der Erzeugnisse versehen, mal sich mit Maskottchen, Prominenten und Farbgewitter verzweifelt und aggressiv zum Kauf aufdrängend. Yuka schnappte sich einen der orangefarbenen Plastikkörbe am Eingang und steuerte ohne eine bewusste Entscheidung getroffen zu haben direkt auf das Shochu-Regal zu. Sie quetschte sich vorbei an Einkäufern, die auf ihre Kaufentscheidung mehr Muße verwendeten, als sie es vorhatte. Sie wollte zwar nicht unbedingt auf dem schnellsten Wege nach Hause, aber sie wollte sich ebenso wenig in diesem Laden länger als nötig aufhalten.

Sie griff nach einer Flasche Iichiko. Ein Gersten-Shochu, eine Allerweltsmarke, die Kennern womöglich zu gewöhnlich war. Damit konnte sie leben. Für heute hatte sie genug vom Ungewöhnlichen.

Als sie die einsame Flasche in ihrem Korb sah, störte sie etwas an diesem Bild. Eine Flasche Shochu als einziger Einkauf sah sehr danach aus, als ob sie sich betrinken wollte. Nicht, dass ihr das peinlich vor der Verkäuferin mit ihrem Rätselheft wäre. Es war ihr peinlich vor sich selbst. Sie dachte an Kaito Matsuyama, den letzten Mann, den man mit sehr viel gutem Willen als so etwas wie einen Liebhaber hatte bezeichnen können. Er war einer dieser Shochu-Kenner gewesen, die man wahrscheinlich nie mit einer Flasche Iichiko erwischt hätte. Der Mann hatte einen teureren Geschmack. Der Mann war außerdem ein jähzorniger Alkoholiker, wenn auch nach eigener Aussage inzwischen trocken und weniger jähzornig. In den letzten Monaten hatte sie kaum noch an ihn gedacht. Jetzt brauchte es nur den Anblick einer einzelnen Flasche, um die unangenehme Erinnerung aufzufrischen.

Sie legte eine zweite Flasche in den Korb. Zwei Flaschen Shochu waren unverdächtiger als eine. Bei zwei Flaschen bestand nicht der Verdacht, dass diese bleiche traurige Frau, die sie im gewölbten Überwachungsspiegel über dem Shochu-Regal sah, sie heute Abend alleine austrinken würde. Wer eine Flasche kaufte, war ein Säufer. Wer zwei kaufte, füllte den Vorrat auf oder bereitete eine Party vor. Nicht, dass sie sich erfolgreich einreden konnte, sie würde sehr bald in Partystimmung sein.

Yuka war sicher, dass Matsuyama sein Konsum- und Kaufverhalten ähnlich rechtfertigte.

Ehe sie noch weitere Gedanken an Matsuyama verschwendete, ging sie zur Kasse. Die Kassiererin tippte Yukas Einkäufe ein und benannte sie noch einmal einzeln mit Preis, damit es kein Vertun gab. Dann stellte sie die Flaschen in eine blaue Plastiktüte und passte mit großer Vorsicht, als handele es sich um eine komplizierte Operation, ein kleines Stück Pappe zwischen die Flaschen ein, damit sie auf dem Heimweg nicht gegeneinanderschlugen.

Das kleine Stück Pappe war eine dieser Eigenheiten japanischer Dienstleistung beim Spirituosenkauf, die Yuka für selbstverständlich nahm, die ihre australische Freundin Sam jedoch immer wieder entzückten.

Mit Sam hätte sie jetzt gern gesprochen. Ein oder zwei Flaschen geleert.

Aber Sam war nicht mehr da.

War auch nicht mehr da.

Eingeschränkte Sicht

Noch bunter und vollgestellter mit Groß- und Kleinstwaren als der Schnapsladen war der Drogeriemarkt der Kette Papasu an der großen Kreuzung, an der Yuka nach rechts zu ihrem Wohnhaus abbiegen musste. Sie kaufte sich eine große Packung Kopfschmerztabletten der Marke Bufferin. Zum einen hatte sie bereits den ganzen Tag lang Kopfschmerzen. Zum anderen konnte man mit zwei Flaschen Shochu im Gepäck nicht vorsichtig genug sein. Selbst wenn Kenner behaupteten, wer nur Shochu tränke, bekäme keine Kopfschmerzen.

Wegen Bauarbeiten war es etwas schwieriger zu ihrer Haustür zu kommen als noch vor ein paar Monaten. Obwohl nicht so schwierig, wie die Baugesellschaft augenscheinlich annahm. Drei Arbeiter in Overalls und Schutzhelmen waren lediglich dazu abgestellt, den Fußgängern 24 Stunden am Tag mit Gesten, Leuchtstäben und Verbeugungen den Weg um die Baustelle herum zu weisen, obgleich der Weg reichlich selbsterklärend war. Viele machten die Yakuza dafür verantwortlich, dass ständig überall in der Stadt gebaut wurde und jede Baustelle völlig überbesetzt war. Tatsächlich war das Baugewerbe eines der hauptsächlichen Scheingeschäfte des organisierten Verbrechens.

›Wenn sie nur Häuser bauen und Arbeitsplätze schaffen würden, wäre die Sache halb so wild‹, dachte Yuka, während sie den drei wegweisenden Männern nacheinander nett zunickte.

Die Wohnhäuser in ihrer Straße bekamen Zuwachs. Auf der anderen Seite entstand das Objekt, das Yuka am meisten ein Dorn im Auge war, beinahe wortwörtlich. Le Maison Comforte. Wie alle Gebäude mit modernen, kompakten Stadtwohnungen trug es einen klangvollen ausländischen Namen, der vermutlich irgendetwas bedeutete. Yuka wohnte selbst in einem dieser Gebäude, das von einem vergoldeten Schild als Relax Good Times Mansions ausgewiesen wurde. Was sie an Le Maison Comforte störte, war, dass es ihr jetzt schon die Sicht stahl, obwohl es noch gar nicht fertiggestellt war. Die Sicht auf den Berg Fuji, den man vom Außengang zu ihrer Wohnung an sehr guten Tagen mit sehr viel Konzentration ein bisschen am Horizont sehen konnte. Meistens nahm sie sich die Zeit eh nicht, doch es ging hier ums Prinzip. Man mochte es schon beinah für unheilvoll bedeutsam halten, was hier passierte: Das japanische Wahrzeichen Nummer eins musste einem weiteren Hochhaus mit überteuerten Wohnwaben weichen.

Wer es ganz verbittert sah, würde vermutlich hinzufügen: einem weiteren Hochhaus mit ausländischem Namen.

So verbittert war Yuka allerdings nicht. Nichtsdestotrotz kannte sie in dieser Hinsicht einige Kandidaten.

Yuka ganz allein im Haus

Taro-san war so ein Kandidat gewesen. Der ehemalige Portier ihres Hauses. Alles Ausländische war ihm suspekt gewesen, deshalb glich sein Dienst in einem Gebäude mit ausländischem Namen wohl am ehesten dem Zustand der Dauernervosität. Zu allem Überfluss wohnte in diesem Haus auch noch mindestens eine echte Ausländerin, Yukas australische Freundin Samantha Lodge. Sam hatte Yuka allerdings erzählt, dass Taro-san ihr am Tag seiner sehr überraschenden und fristlosen Kündigung doch noch ein paar ausnehmend nette Worte gesagt hatte, was genauso seltsam war wie sein plötzliches Verschwinden.

Einen Ersatz hatte es für Taro-san nicht gegeben. Es hatte sich herausgestellt, dass das Haus und seine Bewohner gut auf einen Portier verzichten konnten. Dieser Auffassung war Yuka von Anfang an gewesen. Dennoch hatte es den unangenehmen Beigeschmack der Herabstufung, angesichts all der neu entstehenden Wohnhäuser um sie herum. Einige von ihnen bekamen bestimmt Portiers.

Das bedeutete noch lange nicht, dass die Relax Good Times Mansions vor die Hunde gingen. Auch ohne Wachpersonal war die Lobby aus Glas und schwarzem Marmor blitzblank und gaukelte dem Besucher so ein reichlich übertriebenes Bild von den Apartments vor, die sich darüber stapelten. Diese waren ebenso gepflegt wie das Haus um sie herum und noch dazu mit allerlei technischen Annehmlichkeiten ausgestattet. Doch sie waren auch sehr klein. Klein war genau das Wort, das Yuka die längste Zeit benutzt hatte, wenn sie von ihrer Wohnung sprach, die sie die längste Zeit trotz ihrer Kleinheit durchaus gemocht, wenn nicht geliebt hatte. Eng war das Wort, das sie in letzter Zeit immer häufiger verwendete. Immer häufiger dachte sie nun außerdem daran, für dasselbe Geld oder weniger eine größere, weniger enge Bleibe zu finden. In einem Vorort womöglich. Kam sie wirklich schon ins Vorort-Alter?

Einsam war ein anderes Wort, das ihr in den Sinn kam, als sie durch die Lobby zu dem kleinen Fahrstuhl ging, dessen Abmessung wohl schon auf die Abmessungen der Wohneinheiten einstimmen sollte. Wenn man ins Vorort-Alter kommt, sollte man nicht mehr einsam sein.

Seltsam. Irgendwie vermisste sie Taro-san.

***

»Tadaima!«, rief sie, als sie ihren genkan betrat, wo sie alle drei Schlösser der Tür verriegelte und ihre Halbstiefel auszog.

Sie erwartete kein »Okaeri!«, und es kam keines. Zum Glück kam auch sonst keine Antwort.

In der Nacht, in der ein geistig verwirrter Gangsterboss sich Zugang zu ihrer Wohnung verschafft hatte, hatte Yuka beschlossen, sich nicht mehr lauthals anzukündigen, wenn sie nach Hause kam. Im Idealfall hörte es ja eh niemand. Im schlimmsten Fall hörte es jemand, der hier auf der Lauer lag und ihr an den Kragen wollte.

Sie hatte sich ungefähr zwei Tage lang an die neue Vorsicht gehalten. Dann hatte sie befunden, dass das Öffnen und Schließen aller Schlösser schon laut genug war, um ihre Ankunft jedem anzukündigen, der sich in der Wohnung aufhielt, ob eingeladen oder nicht. Und das laute »Tadaima!« war ihr ins Blut übergegangen. Es sich nicht mehr verkneifen zu müssen, war eine größere Erleichterung, als sie es erwartet hatte. Früher hatte sie gefunden, der Gruß an niemanden hatte etwas Trauriges. Jetzt fand sie, dass es sich nicht um einen Gruß an niemanden handelte. Dieser Gruß gehörte nicht nur zu ihr, sondern war auch an sie gerichtet.

Sie stellte die Shochu-Flaschen in den Kühlschrank, was ein Kenner wohl als Todsünde gewertet hatte, doch auf Kennermeinungen pfiff sie heute. Am Kühlschrank hing die letzte Postkarte von Sam. Sie hatte letztlich eingesehen, dass sie eine Auszeit brauchte. Nachdem sie zweimal dem Roppongi Ripper, den Yuka eigentlich nicht mal in Gedanken bei seinem reißerischen Spitznamen nennen wollte, nur knapp von der Klinge gesprungen war, schien sie zwar oberflächlich weiterhin so fröhlich und unbeschwert wie eh und je. Doch die Alpträume wollten nicht aufhören. Gegen sie half nur die Schlaflosigkeit. Wenn man allerdings erst mal zu viel Zeit schlaflos verbracht hatte, kamen die Alpträume auch ohne Schlaf. Also hatte Sam beschlossen, dass ein Tapetenwechsel nötig war, zumindest eine Zeit lang. Ein Rückzug an einen Ort, an dem sie nichts an den Ripper erinnerte. Ein Rückzug in die Heimat. Also war sie zurück nach Melbourne gegangen. Über diese Heimat zog sie zwar liebend gern her, aber hinter den Frotzeleien war immer eine komplexe, nostalgische Liebe zu erkennen. Irgendwann wollte sie zurück nach Tokio kommen. Sie zahlte weiterhin die Miete, sie hatte als Star-Hostess, gelegentliche Fernsehprominente und begehrte Englischlehrerin einige Vermögenswerte angehäuft. Bislang war das Rückflugticket allerdings nicht gelöst. Immerhin klangen ihre Postkarten nicht nur jedes Mal zuversichtlicher, sondern sogar jedes Mal glaubhafter in ihrer Zuversicht.

Im geräumigen Gefrierfach lagen einige Hähnchenteile, die Yuka in den vergangenen Monaten auf dem Nach-Hause-Weg im örtlichen KFC gekauft und dann nicht sofort gegessen hatte. Sie überschätzte häufig die Tiefe von Pappeimern. Sie war nicht hungrig und glaubte nicht, dass sie es in diesem Leben noch einmal werden würde. Doch die Stimme der Vernunft, die heute weitaus leiser sprach als an anderen Tagen, riet ihr zum Essen. Zur Not auch Fast Food. Außerdem brauchte man eine Unterlage, wenn man zwei Flaschen Schnaps im Kühlschrank hatte.

Zu ihrer eigenen Überraschung kam der Hunger mit dem Geruch, nachdem die Mikrowelle ihr elektronisches Liedchen geflötet und Yuka die Tür geöffnet hatte. Nach ihrem Geist erinnerte sich nun auch ihr Körper, dass sie den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Sie holte dies mit großer Eile, ohne Genuss und mit geringem Gefühl für Tischmanieren nach.

Yuka stellte den Fernseher an, sah das Polizeirevier von Kasumigaseki, blutrot gefärbt hinter gelbem Absperrband, eine reißerische Fotomontage, hörte den aufgeregten Bariton des Nachrichtensprechers, stellte den Fernseher wieder aus und aß weiter.

Dann war es Zeit für ihre zwei neuen Freunde aus dem Schnapsladen. Sie drückte auf die Eiswürfeltaste an der Kühlschranktür, es rumpelte im Inneren der Maschine und die Würfel klirrten in das Glas, das Yuka in das Ausgabefach gestellt hatte. Sie nahm es heraus und ließ den Shochu hinein, bis zum oberen Rand, wie es Sitte war.

Der erste Schluck war wunderbar, gleichzeitig samtweich und leicht stechend. Schon dieser Schluck brachte sie zur Besinnung. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht? Alkohol war ein Genussmittel, zumindest für sie, kein Schmerzmittel. ›In erster Linie ist Alkohol nichts anderes als Gift‹, hätte Doktor Kawase wohl gesagt, wie er es so gerne tat, auf jeder Betriebsfeier, so er diesen überhaupt beiwohnte. ›Die innere Anwendung ist immer schädlich. Immer. Auch in geringen Mengen.‹ Dann, während die anderen mit schlechten Gewissen in ihre Gläser sahen, hätte er selbst ein Glas eines sehr ausgewählten Tropfens zu sich genommen, und es bei diesem einen Glas belassen.

Der Gedanke an Daisuke Kawase brachte ihre Gedanken auf die seltsame Einladung, die er kürzlich ausgesprochen hatte. Eine Einladung zu einem Abendessen. Bei ihm zu Hause. Ein bisschen widerwillig hatte die Einladung geklungen. Als Yuka Sam davon erzählte, war diese sicher gewesen, dass sich hinter der Widerwilligkeit nur Schüchternheit verbarg und es romantische Absichten waren, die den Gerichtsmediziner umtrieben. Yuka hatte laut gelacht, konnte inzwischen aber nicht mehr abstreiten, dass Sams absurde Theorie sich in ihren Gehirnwendungen eingegraben hatte. Sie hatte Kawase selbstverständlich nach dem Anlass gefragt, worauf er eine unwirsche Nicht-Antwort gegeben und darauf hingewiesen hatte, dass noch andere Kollegen kommen würden. Namen nannte er keine. Yuka hatte zugesagt, die Neugier war zu stark gewesen, außerdem ging Kawase der Ruf als guter Koch voraus.

Dieses Abendessen wäre in wenigen Tagen gewesen. Heute, als sie Kawase blutverschmiert gegenübergestanden hatte, hatte er es abgesagt. Verschoben. Aus Gründen der Pietät, und wohl auch, weil in den kommenden Tagen mit einem erhöhten Arbeitsaufkommen für alle zu rechnen war.

Yuka trank dieses eine Glas Shochu aus, stellte die Flasche zurück in den Kühlschrank, das Glas in die Spüle, putzte sich oberflächlich die Zähne, befreite sich von Hose und sonstiger Kleidung und ließ sich ins Bett fallen. Sie brauchte morgen einen klaren Kopf. Die Ereignisse des heutigen Tages und das Glas Shochu würden ihr die nötige Bettschwere verleihen, um früh einzuschlafen und früh wieder aufstehen zu können.

***

Sie hatte sich geirrt. An Schlaf war nicht zu denken. Eher: Sie konnte an nichts anderes als an Schlaf denken. Und je mehr sie daran dachte, desto mehr entzog er sich ihr.

Also schaltete sie den Fernseher an, den sie vom Bett aus sehen konnte, wenn auch nur mit verrenktem Hals. Die Fernbedienung hatte sie wie immer neben ihr Kopfkissen gelegt, zu der Fernbedienung für Licht und der für die Klimaanlage und ihre beiden Mobiltelefone. Jetzt, tief in der Nacht, zeigte das Fernsehen den üblichen Mix aus Eisenbahnstrecken, Dauerwerbesendungen und südkoreanischen Kostümdramen. In den Nachrichtenunterbrechungen immer wieder das rote Kasumigaseki und das gelbe Absperrband.

Sie schaltete ab und starrte die nachtgraue Zimmerdecke an.

Irgendwann wurde sie morgengelb.

Runde 2

... in der eine alte Freundschaft neu geschlossen wird und eine Bombe explodiert.

Leere

Die U-Bahn der Mita-Linie, die Yuka Sato früh morgens in 13 Minuten von Sengoku nach Hibiya brachte, war fast leer. Ein alter Trick aus ihren beruflichen Anfangstagen. Einfach früher aufstehen als alle anderen Arbeiter der Stadt und der morgendlichen Qual des Sardinenverkehrs zuvorkommen. Ein Trick für Menschen mit dem unbedingten Willen, früh aufzustehen. Dieser Wille war bei Yuka Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat poröser geworden, bis er gänzlich gebrochen war. Inzwischen war ihr ihr Schlaf wichtiger. Ihre Fälle profitierten ohnehin von einer ausgeschlafenen Inspektorin, also musste sie nicht mal ein schlechtes Gewissen haben.