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"Shirley" von Charlotte Brontë thematisiert das ländliche Yorkshire zu Beginn des 19. Jahrhunderts, einer Epoche gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Umbrüche. Im Zentrum stehen die jungen Frauen Caroline Helstone und Shirley Keeldar, deren Lebenswege sich in einer von Spannungen geprägten Gemeinschaft kreuzen. Während Caroline, die Nichte eines Pfarrers, sich nach Geborgenheit und intellektueller Anregung sehnt, gilt Shirley als eigenständige Gutsbesitzerin, die durch finanzielle Unabhängigkeit Respekt erlangt. Der Roman beleuchtet eindringlich die Folgen industrieller Neuerungen für Fabrikbesitzer und Arbeiter, deren Existenz vom technologischen Fortschritt bedroht wird. Robert Moore, ein ehrgeiziger Fabrikant, gerät in Konflikt mit Handwerkern, die in seiner Maschinenanschaffung den Verlust ihrer Arbeitsplätze sehen. Die daraus resultierende Gewalt erschüttert nicht nur das Verhältnis zwischen Moore und der lokalen Gemeinschaft, sondern berührt auch das Leben der Hauptfiguren. Zudem entfalten sich Beziehungen, deren Dynamik von Unsicherheiten und Hoffnungen getragen wird. Caroline, oftmals von Selbstzweifeln geplagt, sucht emotionale und geistige Erfüllung. Shirley hingegen verteidigt ihre Unabhängigkeit gegen traditionelle Vorstellungen, die eine patriarchalische Gesellschaft an sie heranträgt. Brontë verdeutlicht damit die Kräfte, die das Handeln der Figuren bestimmen, sowie die Einflüsse, denen sie von außen ausgesetzt sind. Die Handlung veranschaulicht auch psychologische Kämpfe, indem Carolines Wunsch nach Zuneigung und Reifung ins Licht gerückt wird. Shirley verkörpert eine Frau, die Verantwortung übernimmt und sich nicht beirren lässt. Die beiden Protagonistinnen müssen ihren Platz in einer Umgebung finden, die von Misstrauen und Konflikten geprägt ist. "Shirley" erweist sich als vielschichtige Auseinandersetzung mit Arbeitsbedingungen, Geschlechterrollen und Klassenunterschieden, die an Aktualität kaum verloren haben. Dank Brontës feinsinnigem Blick auf seelische Regungen und ihrer Darstellung weiblicher Selbstbehauptung ist dieser Roman eine präzise Beobachtung viktorianischer Verhältnisse. Gleichzeitig erschließt er historische Zusammenhänge, die mit einer zeitlosen Botschaft über Gerechtigkeit verknüpft sind. So offenbart sich seine fortdauernde Bedeutung, welche Brontës Rang als eine der wichtigsten Stimmen des 19. Jahrhunderts festigt und nachhaltig inspiriert.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
In den letztvergangenen Jahren hat sich ein wahrer Praffverwesen über den Norden England ergossen. Sie liegen dick über die Hügel ausgesäet. Jede Parochie hat einen oder einige derselben. Sie sind jung genug, um sehr tätig zu sein, und müssen daher recht viel Gutes wirken können. Aber nicht von den letztvergangenen Jahren reden wir, wir gehen zu dem Anfange unseres Jahrhunderts zurück. Letztvergangene Jahre, wie die jetzigen, sind staubig, sonnenverbrannt, heiß, trocken; wir wollen die Hitze vermeiden, sie in der Sieste sie vergessen, den Mittag im Schlummer verleben und von der Morgendämmerung träumen.
Glaubst Du nach diesem Vorspiele, dass etwas wie ein Roman für dich zugerichtet werden soll, geehrter Leser, so hast du dich gewaltig geirrt. Erwartest du Sentimentalität und Poesie und Träumerei? Hast du auf Leidenschaft, Aufreizung, Melodramatisches gerechnet? Mäßige deine Erwartungen, bringe sie auf einen niedrigen Standpunkt. Etwas Wirkliches, Kühles und Solides liegt vor dir, etwas ebenso unromantisches als ein Montagmorgen, wenn alle, die zu arbeiten haben, mit dem Bewusstsein aufwachen, dass sie aufstehen und daran gehen müssen. Wir wollen nicht bestimmt behaupten, dass du nicht vielleicht in der Mitte oder am Ende der Mahlzeit etwas Pikantes finden könntest, aber so viel ist gewiss, dass der erste Gang, der auf die Tafel gesetzt wird, so einer sein wird, den ein Katholik – ja sogar ein englischer Katholik – am Charfreitage essen kann. Kalte Erbsen und Essig ohne Öl, ungesäuertes Brot mit bitteren Kräutern und kein Lammbraten.
In den letztvergangenen Jahren also, sagte ich, hat sich ein wahrer Regenstrom von Pfarrverwesern über den Norden Englands ergossen, aber 1812 war derselbe noch nicht niedergegangen. Es gab fast gar keine dergleichen. Es gab noch keine Pastoral-Hilfe, keine Nebenhilfsverweser-Gesellschaft, welche abgebrauchten alten Rectoren und Würdenträgern eine helfende Hand ausstreckte und ihnen Mittel verlieh, einen jungen, kräftigen Kollegen aus Oxford oder Cambridge zu bezahlen. Die jetzigen Nachfolger der Apostel, Schüler des Dr. Pusey und Werkzeuge der Propaganda, wurden damals noch in Wiegenbetten gehätschelt oder erlitten ihre Wiedergeburt durch die Nottaufe im Handbecken. Du hättest durchaus nicht vermuten können, wenn dir einer derselben vor die Augen gekommen, dass die italienisch gebügelte Doppelkrause seines Haarnetzes die Augenbrauen eines präordinierten, ganz speziell geweihten Nachfolgers des heiligen Pauls, Peters oder Johannes umgebe, ebenso wenig, wie du in den Falten seiner langen Nachtjacke das weiße Chorhemd vorausgehen hättest, in welchem späterhin die Seelen seiner Parochianen aufs grausamste eingeübt und sein altmodischer Vikar völlig in die Enge getrieben werden sollte, wenn das weitärmelige Gewand hoch oben auf einer Kanzel gehandhabt wurde, das zuvor nie höher, als über das Lesepult ausgebreitete. Aber selbst in jenen Tagen des Mangels gab es dennoch Pfarrverweser. Diese kostbare Pflanze war zwar selten, fand sich aber doch. Ein gewisser begünstigter Distrikt an der Westgrenze von Yorkshire konnte sich dreier Aaronstäbe rühmen, die in einem Umfang von 20 englischen Meilen blühten. Du sollst sie sehen, Leser. Geh in das niedliche Gartenhaus an dem Ende von Whinbury, tritt in den kleinenSprechzimmer – da sitzen sie bei Tisch. Vergönne mir, sie dir vorzustellen. Mr. Donne, Pfarrverweser von Whinbury, Mr. Malone, desgleichen von Briarfield, Mr. Sweeting, ebenso von Nunnely. Dies ist Mr. Donnes Zimmer, zur Wohnung eines gewissen John Gale, eines kleinen Tuchmachers, gehörend. Mr. Donne hat seine Brüder freundlich eingeladen, mit ihm zu speisen. Du und ich, wir wollen auch dabei sein, sieh also, was zu sehen, und höre, was zu hören ist. Jetzt speisen sie aber noch und während sie dies tun, wollen wir zur Seite sprechen.
Diese Herren stehen in der Blüte der Jugend; sie besitzen alle Tätigkeit dieses interessanten Tätigkeit, die abgestumpften alten Vikare gern in den Kanal ihrer Pastoralspflichten leiten, indem sie oft den Wunsch äußern, sie durch eine sorgfältige Überwachung der Schulen und fleißige Besuche bei ihren kranken Parochianen ausgedehnt zu wissen. Die jugendlichen Leviten halten dies aber für unnütz. Sie ziehen es vor, ihre Kräfte an eine Lebensweise zu verschwenden, welche, wenn sie auch anderen Augen an Langweilige lästiger und durch Einförmigkeit unseliger als die Arbeit eines Webers an seinem Webstuhle vorkommen möchte, ihnen doch eine unabsehbare Masse von Ergötzlichkeit und Beschäftigung zu gewähren scheint.
Ich meine nämlich damit ein Rückwärts- und Vorwärts-wandern unter ihnen, aus ihren Quartieren hin und her; keine Runde, sondern ein Dreieck von Besuchen, die sie sich das ganze Jahr hindurch, Winter, Frühling, Sommer und Herbst, abstatten. Jahreszeit und Witterung machen keinen Unterschied. Mit unermüdlichem Eifer trotzen sie Schnee und Hagel, Wind und Regen, Kot und Staub, um zu einander zu gehen, Tee zu trinken und mittags und abends zu essen. Schwer möchte zu sagen sein, was sie so zueinander zieht. Freundschaft ist es nicht, denn so oft sie zusammenkommen, zanken sie sich. Religion ist es nicht, der Name kommt nie unter ihnen vor. Theologie mögen sie wohl gelegentlich besprechen, aber Frömmigkeit – nie. Auch ist es nicht Liebe zum Essen und Trinken, denn jeder könnte ebenso gut eine Hammelkeule und Pudding, ebenso starken Tee und saftigen Toast zu Hause haben, als es ihm von seinen Brüdern vorgesetzt wird. Mrs. Gale, Mrs. Hogg und Mrs. Wipp, ihre respektiven Wirtinnen, versichern, dass sie es bloß um deswillen tun, um andere Leuten zu incommodiren. Unter den anderen Leuten verstehen die guten Damen sich selbst, denn sie werden allerdings durch dieses System gegenseitiger Einlagerung in steter Unruhe gehalten.
Mr. Donne und seine Gäste sitzen also beim Mittagsessen. Mrs. Gale wartet ihnen auf, aber ein Funke heißen Küchenfeuers sprüht in ihren Augen. Sie bedenkt, dass das Vorrecht, gelegentlich zu einem Mittagsmahle ohne viele Beschwerden einzuladen (ein Vorrecht, das in die Bedingungen mit aufgenommen worden ist, unter welchen sie vermietet hat), doch zuletzt völlig hinreichend ausgeübt worden ist. In jetziger Woche ist es erst Donnerstag, und Montags schon ist Mr. Malone, der Pfarrverweser von Briarfield, zu Frühstück und Mittagsessen gekommen, Dienstag Mr. Malone und Mr. Sweeting aus Nunnely zum Tee, waren zum Abendessen geblieben, hatten das Gastbett eingenommen und sie mit ihrer Gesellschaft beim Frühstück Mittwochs Morgen beehrt und jetzt, Donnerstags, waren sie beide zu Mittag hier und Mrs. Gale fest überzeugt, sie würden die ganze Nacht über verweilen. C'en est trop! würde sie gesagt haben, wenn sie Französisch sprechen könnte.
Mr. Sweeting zerschneidet die Scheibe Roastbeef auf seinem Teller und klagt, dass sie sehr zäh sei. Mr. Donne sagt, ihr Bier sei schal. O! das ist das Schlimmste von allem. Wenn sie nur wenigstens höflich wären, so würde Mrs. Gale es nicht so genau nehmen. Wenn sie nur wenigstens mit dem zufrieden zu sein schienen, was sie bekämen, würde sie es noch hingehen lassen, aber diese jungen Leute sind so vornehm und so hochmütig, sie setzen jedermann unter sich herab, sie behandeln sie sogar geradezu unhöflich, weil sie keine Magd hält, sondern alles im Haus selbst verrichtet, wie ihre Mutter es auch getan, und dann sprechen sie auch stets Böses von den Yorkshirer Straßen und Yorkshirer Leuten, so dass Mrs. Gale eben dadurch überzeugt wird, dass keiner von ihnen ein ächter Gentleman oder von guter Herkunft sei. Der alte Pfarrer ist mehr wert, als das ganze Bündel von Schulknaben. Er weiß, was zu guten Sitten gehört, und ist freundlich gegen Hohe und Niedere.
"Mehr Brot!" schrie Mr. Malone in einem Tone, der, ob er gleich nur zu zwei Silben verlängert war, ihn doch sogleich als den Eingebornen des Landes des Klees und der Erdäpfel bezeichnete. Mrs. Gale hasst Mr. Malone mehr als jeden der anderen beiden, aber sie fürchtet ihn auch, denn er ist ein langer, kräftig gebauter Mann, mit wahrhaft irländischen Beinen und Armen und einem ebenso ächt nationalen Gesicht, nicht dem milesischen, nicht im Stile Daniel O'Connels, sondern der wilden, nordamerikanisch-indianischen Art von Gesicht, das einer gewissen Klasse der irländischen Vornehmen eigen ist und ein versteinertes und stolzes Ansehen gibt, wie es besser für den Besitzer einer Sklavenpflanzung, als den Landeigner unter freien Bauern eignet. Mr. Malones Vater nannte sich einen Gentleman, er war arm und verschuldet und albern stolz, und sein Sohn gleicht ihm vollkommen.
Mrs. Gale gab ihm das Brot.
"Schneiden Sie es, Frau!" sagte ihr Gast, und "die Frau" schnitt es auch. Wäre sie ihrer Neigung gefolgt, würde sie auch den Pfarrer geschnitten haben. Ihr Yorkshiresches Gemüt empörte sich durchaus gegen diese Art zu befehlen.
Die Herren hatten guten Appetit, und ob das Rindfleisch auch zäh war, aßen sie doch ein tüchtiges Stück davon. Sie schlucken auch eine erträgliche Masse des "schalen Biers" in sich, während eine Schüssel mit Yorkshire-Pudding und zwei mit Gemüse verschwanden, wie Blätter vor Heuschrecken. Auch der Käse bekam ausgezeichnete Spuren ihrer Aufmerksamkeit und ein "Gewürzkuchen", der als Dessert folgte, wurde unsichtbar wie eine Erscheinung und seine Spur nicht mehr gefunden. In der Küche sang Abraham, Mrs. Gales Sohn und Erbe, ein Junge von sechs Sommern, dessen Elegie. Er hatte mit der Rückkehr desselben gerechnet, und als die Mutter den leeren Teller hereinbrachte, erhob er seine Stimme und weinte bitterlich.
Während dessen saßen die Pfarrverweser und schlürften ihren Wein in sich, ein Getränk anspruchsloser Lese, mäßig erheiternd. Mr. Malone hätte allerdings lieber Whisky gehabt, aber da Mr. Donne Engländer war, so besaß er dies Getränk nicht. Indem sie zechten, disputierten sie, nicht über Politik, noch weniger über Philosophie, am wenigsten über Literatur. Diese drei Gegenstände waren ohne alles Interesse für sie. Selbst nicht über praktische oder wissenschaftliche Theologie, sondern über kleinliche Punkte der kirchlichen Disziplin, Frivolitäten, die allen anderen außer ihnen als bloße Seifenblasen vorkommen mussten. Mr. Malone, dem es glückte, zwei Gläser Wein in sich zu bringen, während seine Confratres sich mit einem begnügten, wurde nach und nach in seiner Weise lustig, das heißt, er wurde ein wenig grob, sagte rohe Dinge in anmaßendem Tone und lachte überlaut über seinen eigenen Witz.
Jeder seiner Gefährten wurde der Reihe nach sein Zielpunkt. Malone hatte eine Menge von Scherzreden zu ihren Diensten, die er bei gastlichen Gelegenheiten, wie die gegenwärtige, regelmäßig servierte, selten aber veränderte. Das war aber auch kaum nötig, da er sich selbst nie für monoton hielt, auch nie sich darum kümmerte, was andere dachten. Mr. Donne beglückte er durch Anspielungen auf dessen außerordentliche Magerkeit und Sticheleien über seine aufgestülpte Nase, besonders aber mit Sarkasmen auf einen gewissen fadenscheinigen schokoladenfarbigen Überrock, welchen dieser Gentleman gewohnt war, wenn es regnete oder regnen zu wollen schien, zu tragen, sowie mit Kritiken über einen ausgesuchten Vorrat gezierter Phrasen und Arten, die Worte auszusprechen, die Mr. Donne ganz eigen waren und wegen der Eleganz und Feinheit, die sie seinem Stile verliehen, wohl bemerkt zu werden verdienten.
Mr. Sweeting wurde wegen seines Wuchses aufgezogen. Er war ein kleiner Mann, ein wahrer Knabe an Größe und Stärke in Vergleich zu dem riesenhaften Malone. So scherzte dieser auch über dessen musikalische Kenntnisse. Er spielte die Flöte und sang Hymnen wie ein Seraph, wenigstens glaubten es einige junge Damen seiner Parochie. Ferner neckte er ihn als Liebling der Damen und schon ihn wegen seiner Mama und Schwestern, nach denen der arme Sweeting sich oftmals sehnte und von denen er, töricht genug, manchmal in Gegenwart des geistlichen Lustigmachers sprach, bei dessen Anatomie die Organe der natürlichen Zuneigung einigermaßen vergessen worden waren.
Die Schlachtopfer nahmen diese Angriffe jeder nach seiner eigenen Art und Weise auf. Mr. Donne mit einer vornehmen Selbstgefälligkeit und aufgeblasenem Phlegma, dem einzigen Zeichen seiner außerdem etwas verkrüppelten Würde, Mr. Sweeting mit der Gleichgültigkeit einer heiteren, leichten Laune, welche nie voraussetzte, dass sie irgend eine Würde aufrecht zu halten habe.
Wenn Malones Scherze gar zu derb wurden, was nicht selten geschah, so vereinten sich beide, dieselben gegen ihn zu kehren, indem sie ihn fragten, wie viele Knaben ihm "irländischer Peter" (Malones Name war Peter, der hochwürdige Peter Augustus Malone) nachgerufen hätten, als er heute hierher unterwegs gewesen, und ihn um Auskunft baten, ob es bei Geistlichen in Irland Mode sei, dass sie geladene Pistolen in den Taschen hätten und einen Prügel in den Händen, wenn sie Pastoralbesuche machten, auch sich nach der Bedeutung solcher Worte wie: vele, firrum, hellum und storrum (so sprach Malone nämlich stets veil [Schleier], firm [fest], helm [Ruder], storm [Sturm] aus) erkundigten und noch andere Methoden der Wiedervergeltung anwendeten, wie ihre angebornen Geisteskräfte es ihnen erlaubten.
Dies half aber jetzt nichts. Malone, der weder gutmütig noch phlegmatisch war, befand sich jetzt in einer gesteigerten Stimmung. Er schrie, er gestikulierte: Donne und Sweeting lachten. Er schmähte sie als Sachsen und Pöbel in den gewaltigsten Ausdrücken seiner hohen keltischen Stimme. Sie neckten ihn damit, dass er in einem eroberten Lande geboren sei. Er drohte mit Rebellion im Namen seines Vaterlandes und goss seinen Hass gegen die englische Herrschaft aus, sie aber sprachen von Lumpen, Bettlern und Pestilenz. Das kleine Zimmer war in Aufruhr; man hätte glauben sollen, auf solche gewaltigen Reden müsse ein Duell folgen; zu verwundern war es nur, dass Mr. und Mrs. Gale nicht Angst bei dem Lärmen wurde und sie nicht nach dem Constabler schickten, um Frieden zu stiften. Sie waren aber an solche Demonstrationen gewöhnt und wussten recht gut, dass die Pfarrverweser nie ohne ähnliche Übung mit einander speisten oder Tee tranken, daher sie wegen der Folgen sich völlig beruhigten, überzeugt, dass diese klerikalischen Streitigkeiten ebenso harmlos wie geräuschvoll wären, in nichts sich auflöseten und wie auch jene Herren zu Nacht auseinandergingen, sie doch gewisslich des andern Morgens als die besten Freunde wieder zusammenkommen würden.
Als nun das würdige Paar so an seinem Küchenfeuer saß und auf die wiederholten und hellklingenden Berührungen von Malones Faust mit der Mahagoniplatte des Speisetisches und folglich auf das Klirren und Klingen der Flaschen und Gläser bei jedem solchen Anfalle, sowie auf das Spottgelächter der vereinten englischen Disputanten und die stammelnde Deklamation des einzelnen Hyberniers horchten, vernahmen sie an der äußeren Tür Fußtritte und dann erklang der Klopfer rasch an ihr.
Mr. Gale ging und öffnete.
"Wer ist oben bei Ihnen im Sprechzimmer?" fragte eine Stimme, eine sehr merkwürdige Stimme, mit näselndem und abgebrochenem Tone.
"O, Mr. Helstone, sind Sie es, Sir? Ich konnte Sie in der Dunkelheit kaum erkennen. Wollen Sie nicht hereinkommen?"
"Ich muss erst wissen, ob's der Mühe wert ist. Wen habt ihr oben?"
"Die Pfarrverweser, Sir."
"Wie? Alle zusammen?"
"Ja, Sir."
"Und sie speisen hier?"
"Ja, Sir."
"Gut!"
Mit diesen Worten trat eine Person ein – ein Mann von mittlern Alter, schwarz gekleidet. Er ging gerade durch die Küche an die innere Tür, öffnete diese, streckte den Kopf vorwärts und horchte. Es gab auch etwas zu horchen, denn der Lärmen oben war eben lauter als je.
"Aha!" sprach er zu sich selbst, dann aber zu Mr. Gale gewendet: "Haben Sie oft solche Auftritte?"
Mr. Gale war Kirchenvorsteher gewesen und daher nachsichtig gegen die Klerisei.
"Es sind junge Leute, Sir! Sie wissen es ja – junge Leute!" sagte er vermittelnd.
"Jung! Sie brauchen noch Schläge. Die abscheulichen Buben! – Und wenn Sie ein Dissenter wären, John Gale, statt ein guter Anglikaner zu sein, so würden sie dasselbe tun – sie würden sich selbst preisgeben, aber ich will –"
Und als Ende dieser Phrase ging er durch jene Tür, machte sie hinter sich zu und stieg die Treppe hinauf. Hier hörte er wieder einige Minuten am oberen Zimmer zu. Als er nun ohne anzuklopfen eintrat, stand er vor den Pfarrverwesern.
Und sie waren stumm, sie waren ergriffen, und so war es der Eintretende auch. Dieser, ein von Statur kleiner, aber kräftiger Mann, der auf breiten Schultern einen Habichtskopf und dergleichen Auge und Nase trug, über welchem ein Rheoboam oder Schaufelhut saß, den er in der Gegenwart derer, vor denen er eben stand, abzunehmen oder zu lüften nicht für nötig hielt, faltete seine Arme über seine Brust und sah sich seine jungen Freunde, wenn man sie so nennen konnte, ganz nach Belieben an.
"Wie?" begann er und sprach nun nicht mehr in einem Nasen-, sondern in einem tiefen Tone – mehr als tief – einem Tone, den er absichtlich hohl und dumpf erschallen ließ: "Wie? ist das Pfingstwunder hier wieder erneuert worden? Sind die fremden Zungen wieder zurückgekehrt? Wo sind sie? Ihr Ton füllte so eben das ganze Haus. Ich hörte die 17 Sprachen in voller Tätigkeit, Parther, Meder und Elamiter, die welche in Mesopotamien wohnen und in Judäa und Kappadokien, in Pontus und Asien, Phrygien und Pamphylien, in Ägypten und in den Ländern Lybiens um Kyrene, Fremde aus Rom, Juden und Proseliten, Kreter und Araber, jeder von ihnen musste vor zwei Minuten seinen Repräsentanten in diesem Zimmer gehabt haben."
"Ich bitte um Vergebung, Mr. Helstone", begann Mr. Donne, "haben Sie die Güte sich zu setzen. Befehlen Sie ein Glas Wein?"
Seine Höflichkeiten erhielten keine Antwort. Der Habicht im schwarzen Rock fuhr fort:
"Was spreche ich denn von der Gabe der Sprache? Eine Gabe in der Tat! Ich verwechselte das Kapitel, das Buch, das Testament! Evangelium statt Gesetz, Apostelgeschichte statt Genesis, Jerusalem statt der Ebene von Schinar.
Es war nicht die Gabe, sondern die Verwirrung der Sprachen, die mich taubgeschnattert hat wie ein Pfahl. Ihr Apostel! – Ihr dreie! Wahrhaftig nicht! – Drei hochmütige babylonische Maurer – nicht mehr und nicht weniger!"
"Ich versichere Ihnen, Sir, wir haben bloß bei einem Glas Wein, nach einem freundlichen Mahle mit einander geschwatzt – die Dissenters zu bekehren."
"O! Die Dissenters bekehren! – Sie! – Malone der die Dissenters bekehrt?! Es klang mir vielmehr, als wollte er seine Mitapostel bekehren. Ihr zanktet euch untereinander und machtet – Ihr drei allein – ungefähr ebenso viel Lärmen als Moses Barraclough, der predigende Schneider, und alle seine Hörer, in ihrer methodistischen Kapelle dort machen, wenn sie dick in der Wiedererneuerung stecken. Ich weiß, wessen Fehler das ist … Ihr Fehler, Malone."
"Meiner? Sir?"
"Ja, Ihrer Sir. Donne und Sweeting waren ruhig, bevor Sie kamen und würden ruhig sein, wenn Sie gingen. Ich wünschte, dass Sie, als sie über den Kanal fuhren, Ihre irländischen Gewohnheiten hinter sich gelassen hätten. Dubliner Studenten Art taugt hier nichts. Ein Benehmen, das in einem wilden Morast und bergigen Distrikte in Connaught unbemerkt bleiben würde, ladet in einer anständigen englischen Parochie Ungunst auf diejenigen, die es sich zu Schulden kommen lassen, und was noch viel schlimmer ist, auf das heilige Amt selbst, dessen demütiges Anhängsel sie nur sind."
Es lag eine gewisse Würde in des kleinen ältlichen Mannes Art diese jungen Leute zurecht zu weisen, ob es gleich vielleicht nicht die für diese Gelegenheit geeignetste war. Mr. Helstone, aufrecht stehend wie ein Baumstamm und scharf ausschauend wie Geier, zeigte trotz seines klerikalischen Hutes, schwarzen Rocks und Gamaschen, mehr das Ansehen eines militärischen Veteranen, der seine Subalternen schilt, als eines ehrwürdigen Priesters, der seine Söhne zum Glauben ermahnt. Evangelische Milde, apostolische Güte schienen nie ihren Einfluss über dieses aufgeregte braune Gesicht ausgeübt, sondern Festigkeit die Züge versteinert und Scharfsinn seine eigentümlichen Linien darauf eingegraben zu haben.
"Ich begegnete Supplehough", fuhr er fort, "wie er in dieser feuchten Nacht durch den Kot wadete, um in der Werkstatt der Gegner in Milldean zu predigen. Ich hörte, wie ich Ihnen sagte, Barraclough mitten in einem Konventikel wie einen wütenden Stier brüllen, und finde Sie, meine Herren, bei Ihrer halben Kanne trüben Portweins sitzen und wie bissige alte Weiber zanken. Kein Wunder, dass Supplehough 16 erwachsene Konvertiten in einem Tage taufte, wie er es vor 14 Tagen tat, kein Wunder, dass Barraclough, als ein Heuchler und Feigling wie er ist, dennoch all die Webermädchen mit ihren Blumen und Bändern herbeizieht, um zu erfahren, um wie viel härter seine Knöchel sind, als der hölzerne Rand seines Kübels, und ebenso kein Wunder, dass Sie, wenn Sie sich selbst überlassen sind, ohne Ihre Pfarreren, mich, Hall und Boulthy, um Sie zuzureiten, gar zu oft das heilige Amt unserer Kirche vor leeren Bänken halten, und Ihr Stückchen eines trocknen Vortrags dem Küster, dem Organist und dem Büttel ableiern. Doch genug davon! Ich suchte Malone auf. – Ich habe einen Auftrag an Sie."
"Was betrifft er?" fragte Malone verdrießlich, "um diese Tageszeit kann es doch kein Begräbnis geben?"
"Sind Sie armiert?"
"Armiert, Sir? – Ja, und auch mit Beinen versehen", und damit streckte er seine gewaltigen Glieder aus.
"Pah! Haben Sie Waffen, meine ich."
"Die Pistolen habe ich, die Sie mir selbst gaben. Ich gehe nie ohne sie aus. Sie liegen vollkommen geladen stets auf einem Stuhl an meinem Bette bei Nacht. Auch habe ich meinen Schwarzdorn."
"Sehr gut. Wollen Sie zur Hollow-Mühle gehen?"
"Was gibt's denn dort?"
"Jetzt noch nichts, vielleicht auch später nicht, aber Moore ist allein dort. Er hat alle Arbeitsleute, auf die er sich verlassen kann, nach Stillbrö geschickt; bloß zwei Weiber sind zu Hause geblieben. Es würde für seine Gönner eine leichte Sache sein, ihm einen Besuch abzustatten, wenn sie wüssten, wie bequem ihnen der Weg dazu gemacht."
"Ich bin keiner seiner Gönner, Sir, und bekümmere mich nicht um ihn."
"O, Malone! Sie fürchten sich?"
"Dazu kennen Sie mich besser. Glaubte ich wirklich, dass dort Spektakel vorfallen könnte, so würde ich gehen, aber Moore ist ein sonderbarer, scheuer Mann, den zu verstehen ich mir nicht anmaße, um dessen angenehmer Gesellschaft allein willen ich aber auch keinen Schritt gehen möchte."
"Aber es könnte dort Spektakel vorfallen, wenn auch nicht ein offenbarer Aufruhr, wozu ich allerdings noch keine Anzeichen erblicke. Unstreitig geht diese Nacht nicht ruhig vorüber. Sie wissen, dass Moore entschlossen ist die neue Maschine zu haben, und so erwartet er denn noch heute Abend zwei Wagen voll Holz- und Eisenwerk aus Stillbrö. Der Aufseher Scott und einige Leute mit Piken holen sie.
"Sie werden sie ruhig und sicher einbringen."
"Moore sagt das auch und versichert, dass er niemandes bedürfe. Einige Personen muss er aber doch haben, sei auch nur um im Falle, wenn etwas geschähe, Zeugnis abzulegen. Er ist gar zu unvorsichtig. Er sitzt in seinem Kontor ohne die Fensterläden zu schließen. Er geht nach Einbruch der Nacht hierhin und dahin, in den Hohlweg hinauf, nach Fieldheadlane hinunter, und in den Pflanzungen herum, als ob er das Schoßkind der ganzen Nachbarschaft, oder, wie es in den Märchenbüchern heißt, 'gefeit' wäre. Er lässt sich das Schicksal von Pearson und Armitage keine Warnung sein, von denen der eine in seinem eigenen Haus, der andere in der Heide erschossen wurde."
"Aber er sollte sich warnen und zur Vorsicht bewegen lassen", unterbrach Mr. Sweeting, "und würde es auch, wenn er hörte, was ich neulich gehört habe."
"Was hörten Sie denn?"
"Sie kennen Mike Hartley, Sir?"
"Den antinomistischen Weber?"
"Ja."
"Wenn Mike einige Wochen hinter einander getrunken hat, so endet er gewöhnlich damit, bei einem Besuch in der Nunnely-Vikarei Mr. Hall ein Stückchen seiner Gedanken über dessen Predigten zu sagen, die furchtbare Tendenz seiner Lehre von den guten Werken ihm vorzuhalten und ihn zu warnen, dass er und all seine Zuhörer in der tiefsten Finsternis säßen."
"Ganz recht: das hat aber nichts mit Moore zu tun."
"Außerdem, dass er ein Antinomist ist, ist er auch ein gewaltiger Jakobiner und Gleichmacher, Sir."
"Das weiß ich. Wenn er tüchtig betrunken ist, so gehen seine Gedanken stets um Königsmord los. Mike ist nicht unerfahren in der Geschichte und es ist merkwürdig ihn die Liste von Tyrannen hersagen zu hören, von denen, wie er sich ausdrückt, "der Bluträcher Rechenschaft gefordert hat". Der Bursche hat seine größte Freude an Mordtaten, die an gekrönten Häuptern oder an anderen Personen aus politischen Ursachen verübt worden sind. Ich habe schon sagen hören, dass er eine wunderliche Sehnsucht nach Moore haben soll. Spielen Sie darauf an, Sweeting?"
"Sie bedienen sich des richtigen Ausdrucks, Sir. Mr. Hall glaubt, dass Mike keinen persönlichen Hass gegen Moore habe. Er sagt, er spreche sogar gern mit ihm, und gehe ihm nach, aber er habe eine Sehnsucht, dass ein Exempel an ihm statuiert werde. Neulich rühmte er ihm Mr. Hall als den Mühlenbesitzer – der in Yorkshire den meisten Verstand habe, und deswegen könnte er eben, sagte er, als ein Opfer ausgewählt werden, ein Opfer voll süßen Geruchs. Glauben Sie denn, dass Mike Hartley seinen vollen Verstand hat, Sir?" fragte Sweeting unbefangen.
"Das kann ich nicht sagen, ob er verrückt ist oder vielleicht bloß verschlagen – oder vielleicht etwas von beidem ist."
"Er will auch Erscheinungen sehen."
"Ei! Er ist ein wahrer Ezechiel oder Daniel in Visionen. Vorige Freitag Nacht kam er gerade, als ich zu Bett ging und beschrieb mir eine, die ihm in Nunnely-Park denselben Nachmittag offenbart worden."
"O, erzählen Sie sie uns doch!" drängte Sweeting.
"Du hast einen enormen Organ für Wunder an deinem Hirnschädel, David; Malone hat keins, wie ihr seht. Weder Mordtaten noch Visionen interessieren ihn. Seht nur, ob er in diesem Augenblicke nicht wie gewaltiger, gedankenloser Saph aussieht?"
"Saph! Wer war Saph, Sir?"
"Ich dachte mir, dass Ihr es nicht wüsstet. Ihr mögt's aufsuchen; es steht in der Bibel. Ich weiß weiter nichts von ihm als seinen Namen und Geschlecht, aber seit meinen Knabenjahren habe ich mit Saph eine gewisse Persönlichkeit verbunden. Übrigens war er redlich, schwerfällig und unglücklich. Er fiel zu Gob durch Sibbochais Hand."
"Aber die Vision, Sir?"
"Du sollst sie hören, David. Donne kaut an den Nägeln und Malone gähnt, so will ich sie denn nur dir erzählen. Mike ist unglücklicherweise arbeitslos, wie viele andere. Mr. Grame, Sir Philipp Nunnelys Verwalter, gab ihm etwas an der Priorei zu tun. Da war er nun mit Einzäunen spät nachmittags, aber noch ehe es finster wurde, beschäftigt, als er etwas hörte, das er von weitem für einen Trupp Soldaten hielt, mit Jagdhönern, Pfeifen und Trompeten. Der Ton kam vom Walde her und er wunderte sich, dass es dort Musik gebe. Da schaute er sich um und sah, dass sich etwas zwischen den Bäumen bewegte, rot wie Mohn, oder weiß wie Maiblümchen. Der ganze Wald war voll davon. Nun kamen sie vor und füllten den Park. Jetzt sah er, dass es Soldaten wären; Tausende und Zehntausende, aber sie machten nicht mehr Geräusch als ein Mückenschwarm an einem Sommerabend. Er behauptete nun, dass sie sich in Ordnung aufgestellt hätten und marschiert, Regiment auf Regiment durch den Park. Er folgte ihnen bis in die Gemeinde Nunnely selbst. Die Musik spielte noch immer sanft und in der Ferne. Dort sah er nun, wie sie eine Menge Evolutionen machten, um einen in Scharlach gekleideten Mann, der in ihrer Mitte stand und sie befehligte. Sie erstreckten sich, wie er sagte, wohl über 50 Acker Landes. Eine halbe Stunde lang waren sie im Gesicht, dann marschierten sie ganz still ab und man hörte weder Stimmen noch Schritte, nichts, als die sanfte Musik, die einen feierlichen Marsch spielte."
"Wo gingen sie denn hin, Sir?"
"Nach Briarfield zu; Mike folgte ihnen. Sie schienen durch Fieldhead zu marschieren, wo eine Rauchwolke, wie von einem Artilleriepark, geräuschlos über die Felder, die Straße und die Kommune zog und, wie er sagte, blau und trübe bis zu seinen Füßen reichte. Als sie sich wieder verzogen, blickte er sich nach den Soldaten um, sie waren jedoch verschwunden und er sah sie nicht mehr. Mike erzählte nicht nur die Vision, sondern gab als weiser Daniel auch eine Auslegung derselben. Er gab nämlich zu verstehen, dass sie Blutvergießen und Bürgerkrieg anzeige."
"Glauben Sie das, Sir?" fragte Sweeting.
"Und Sie, David? Aber, Malone, warum sind Sie noch nicht fort?"
"Ich wundere mich nur, dass Sie nicht selbst bei Moore bleiben, Sir; Sie lieben solche Sachen."
"Das würde auch geschehen sein, hätte ich nicht unglücklicherweise Boultby auf seiner Rückkehr von der Bibelgesellschaft in Nunnely zum Mittagsessen bei mir eingeladen. Ich versprach daher, Sie als meinen Substituten zu ihm zu senden, wofür er mir nicht einmal dankte, denn er hätte viel lieber mich gehabt, als Sie, Peter. Wäre aber wirklich Hilfe nötig, so käme ich doch auch noch. Läuten Sie nur mit der Mühlglocke. Also gehen Sie nur, wenn nicht" (und damit wandte er sich plötzlich an Sweeting und Donne) – wenn nicht David Sweeting und Joseph Donne es vorziehen, selbst zu gehen. Was meinen Sie dazu, Gentlemen? Der Auftrag ist ein ehrenvoller und nicht ohne den Beigeschmack einer kleinen wirklichen Gefahr, denn die ganze Gegend ist, wie Sie alle wissen, sehr aufgeregt und Moore und seine Mühle und seine Maschinen nicht eben sehr beliebt. Ich zweifle nicht daran, dass unter Ihren Westen ritterliche Gefühle und hochschlagender Mut wohnen. Vielleicht bin ich zu parteiisch für meinen Liebling Peter; der kleine David könnte wohl auch der Ritter sein, oder der untadelige Joseph. Malone, Sie sind bei alledem nur ein großgespreizter Saul, bloß dazu gut, Ihre Waffen herzugeben. Heraus also mit Ihren Pistolen, holen Sie Ihren Knittel, er steht dort im Winkel."
Malone produzierte mit einem bedeutsamen Grinsen seine Pistolen und bot sie seinen Mitbrüdern an; diese griffen aber nicht eben sehr eifrig danach. Jeder trat mit anmutiger Bescheidenheit einen Schritt von der dargebotenen Waffe zurück.
"Ich rühre sie nicht an! So etwas habe ich noch nie getan", sagte Mr. Donne.
"Ich bin Mr. Moore gänzlich unbekannt", murmelte Sweeting.
"Wenn Sie nie eine Pistole berührten, so versuchen Sie dieses Gefühl jetzt, großer Satrap von Ägypten. Was den kleinen Minstrel dort betrifft, so zieht er es zweifellos vor, die Philister mit keiner anderen Waffe als seiner Flöte zu schlagen. Geben Sie ihnen ihre Hüte, Peter; sie wollen beide gehen."
"Nein, Sir; nein, Mr. Helstone; meiner Mutter wird es nicht recht sein", entschuldigte Sweeting.
"Und ich habe es mir's zum Gesetze gemacht, mich nie in solche Sachen zu mischen", bemerkte Donne.
Helstone lächelte höhnisch; Malone überlaut. Dann nahm er seine Waffen wieder, seinen Hut und Knittel, und versicherte, dass er sich noch nie so sehr zu einer Prügelei aufgelegt gefühlt habe und nur wünschte, ein Dutzend schmieriger Tuchmachergesellen möchten heut Moore vor's Quartier rücken. Darauf sprang er mit zwei Sätzen die Treppe hinunter und warf die Haustür so gewaltig hinter sich zu, dass das ganze Gebäude krachte.
Der Abend war pechschwarz, Sterne und Mond waren in grauen Regenwolken erloschen – grau würden sie bei Tage gewesen sein, bei Nacht aber sahen sie schwarz aus. Malone war kein Mann für Beobachtungen der Natur. Ihre Veränderungen gingen größtenteils unbemerkt an ihm vorüber. Er konnte meilenweit an einem wetterwendischen Apriltage gehen und nie das schöne Neckerei von Erde und Himmel sehen, nie bemerken, wie jetzt ein Sonnenstrahl die Spitzen der Hügel küsste und sie im grünen Lichte lächeln ließ und dann ein Regenschauer über ihnen weinte und ihre Gipfel mit den tief herabhängenden, zerstreuten Locken einer Wolke bedeckte. Es fiel ihm daher nicht ein, den Himmel, wie er jetzt erschien – ein verhülltes, strömendes Gewölbe, ganz schwarz, außer wo gegen Westen hin die Öfen von Stibro's Eisenwerken einen zitternden, schwarzgelben Schimmer auf den Horizont warfen – mit demselben Himmel in einer wolkenlosen kalten Nacht zu vergleichen. Es fiel ihm nicht ein, zu fragen, wo die Planeten und Fixsterne hingekommen waren, oder die dunkelblaue Reinheit des Luftozeans zu vermissen, in der jene weißen Inselchen funkelten und welche ein anderer Ozean von schwererem und dichterem Elemente jetzt verbarg. Er ging mürrisch seinen Weg, ein wenig nach vorwärts gebeugt und den Hut auf dem Hinterkopf tragend, wie es seine irländische Manier war. Trapp, trapp ging er die Chaussee entlang, wo die Straße mit dem Privilegio einer solchen Bequemlichkeit stolzierte, patsch, patsch durch die kotgefüllten Wagengeleise, wo sich statt der Steine sanfter Schmutz zeigte. Er sah sich nur nach gewissen Landmarken um, dem Kirchturm von Briarfield und weiterhin nach den Lichtern des roten Hauses. Dies war eine Schenke, und als er ihn erreichte, hätte bald die Glut eines Feuers hinter einem halbverhängten Fenster die Vision von Gläsern auf einem runden Tisch und Zechender auf einer eichenen Bank den Pfarrverwesern von seinem Weg abgelenkt. Er dachte sehnsüchtig an einen Tummler mit Whisky und Wasser. An einem fremden Ort würde er seinen Traum sogleich verwirklicht haben, aber die in dieser Küche versammelte Gesellschaft bestand aus Mr. Helstones eigenen Parochianen. Sie kannten ihn alle. Er seufzte und ging vorüber.
Jetzt musste er die Hochstraße verlassen, da man den noch übrigen Weg zur Hollow-Mühle bedeutend durch einen Querweg über die Felder verkürzen konnte. Diese Felder waren eben und monoton. Malone ging gerade aus durch dieselben, über Hecke und Mauer springend. Nur an einem Gebäude kam er vorbei und dieses schien ihm groß und anständig, obgleich unregelmäßig. Man konnte einen hohen Giebel erblicken, dann eine lange Fronte, dann wieder einen niedrigen Giebel und zuletzt eine starke und hohe Reihe von Schornsteinen, dahinter einige Bäume. Es war finster; kein einziges Licht schien aus einem der Fenster. Ganz still war es auch. Der Regen rann aus den Dachrinnen und das ziemlich stürmische, aber doch sehr leise Flüstern des Windes um die Schornsteine her und durch die Äste war rings der einzige Laut.
Wenn man bei diesem Gebäude vorbei war, senkten sich die bis dahin flachen Felder schnell abwärts. Offenbar lag ein Tal da unten, und man konnte das Wasser durch dasselbe rauschen hören. Ein Licht flimmerte aus der Tiefe. Auf dieses Merkzeichen steuerte Malone zu.
Er gelangte an ein kleines weißes Haus – dass es weiß war, konnte man selbst durch die dichte Finsternis sehen – und klopfte an die Tür. Eine rotwangige Magd öffnete. Durch ein Licht, das sie hielt, wurde ein enger Gang sichtbar, der an einer gleichen Treppe endete. Zwei mit rotem Wollenzeuge bedeckte Türen und ein Streifen roten Teppichs die Treppen hinab stachen von den weiß angestrichenen Wänden und der weißen Diele ab, wodurch der kleine Raum hell und freundlich aussah.
"Mr. Moore ist daheim, wie ich hoffe."
"Ja, Sir, aber nicht hier."
"Nicht hier! Wo ist er denn?"
"In der Mühle, in der Rechenstube."
Hier öffnete sich eine der roten Türen.
"Sind die Wagen da, Sara?" fragte eine Frauenstimme und ein Frauenkopf ließ sich zugleich sehen. Der Kopf einer Göttin war es freilich nicht, denn ein gedrehter papierener Haarwickel auf jeder Seite der Schläfe ließen dies nicht zu; aber es war auch nicht der einer Gorgone. Dennoch schien Malone ihn im letzten Licht anzusehen. So stark und groß wie er war, schreckte er bei diesem Anblick schüchtern in den Regen zurück und eilte mit den Worten: "Ich will zu ihm gehen", in anscheinender Hast eine kurze Strecke fort über einen dunklen Hof zu einem großen, schwarzen Mühle.
Die Arbeitsstunden waren vorüber, die Werkleute fortgegangen, die Maschinerie in Ruhe, die Mühle verschlossen. Malone ging um dieselbe herum. An ihrer breiten, rußigen Seite sah er endlich ein Licht blinken. Er klopfte wieder an eine Tür, wozu er sich des dicken Endes seines Knüttels bediente und damit ein tüchtiges Geräusch machte. Ein Schlüssel wurde gedreht und die Tür geöffnet.
"Ist es Joe Scott? Wie steht's mit den Wagen, Joe?"
"Nein, ich bin es. Mr. Helstone hat mich hergeschickt."
"O, Mr. Malone!" Als die Stimme diesen Namen sprach, lag einiger Verdruss darin, doch so wenig wie möglich. Nach einer augenblicklichen Pause fuhr sie höflich, doch etwas förmlich fort:
"Haben Sie doch die Güte, hereinzukommen, Mr. Malone. Ich bedauere recht sehr, dass Mr. Helstone es für nötig erachtet hat, Sie so weit hierher zu bemühen. Es wäre gar nicht nötig gewesen. Ich sagte es ihm auch – und in einer solchen Nacht – doch kommen Sie herein!"
Malone folgte durch ein dunkles, nicht näher zu erkennendes Gemach dem Sprecher in einen hellen und glänzenden inneren Raum. Hell und glänzend kam er den Augen allerdings vor, die sich seit einer Stunde bemüht hatten, die doppelte Finsternis von Nacht und Nebel zu durchdringen; eine Lampe von elegantem Muster und hellbrennend auf einem Tisch ausgenommen, war aber alles sehr einfach. Die hölzerne Diele war ohne Teppich, die drei bis vier steiflehnigen, grüngemalten Stühle schienen ehemals in die Küche einer Pächterwohnung gehört zu haben; ein Tisch von starker, solider Form, der vorhin erwähnte, und einige eingerahmte Bilder an den steinfarbig angestrichenen Wänden, Pläne zu Gebäuden und Gärten, sowie Muster zu Maschinen u. s. w. darstellend, vervollständigten das Meublement.
So einfach es auch war, so schien es doch Malone zu befriedigen, der, als er seinen durchnässten Oberrock und Hut aufgehängt hatte, einen der rheumatisch aussehenden Stühle an den Herd zog und seine Knie fast ganz innerhalb der Stangen des roten Rostes stellte.
"Sie wohnen hier recht hübsch, Mr. Moore, und so ganz sich selbst gehörend."
"Allerdings, aber meiner Schwester würde es sehr angenehm sein, Sie zu sehen, wenn Sie lieber in das Haus gehen wollten."
"Ach nein! Die Damen sind am besten allein. Ich war nie ein großer Damenliebhaber. Sie halten mich doch nicht etwa für meinen Freund Sweeting, Mr. Moore?"
"Sweeting? Welcher ist denn das? Der Herr in dem schokoladenfarbenen Oberrock oder der kleine Herr?"
"Der kleine, der aus Nunnely, der Ritter der Misses Sykes, in welche alle sechs er verliebt ist, ha, ha, ha!"
"Besser, im Allgemeinen in alle, als im Speziellen in eine, sollte ich in dieser Beziehung glauben."
"Aber er ist auch speziell in eine verliebt; denn als ich und Donne in ihn drangen, eine Auswahl unter der schönen Heerde zu treffen, so nannte er – wen denken Sie wohl?"
Mit einem sonderbaren ruhigen Lächeln entgegnete Mr. Moore: "Dora gewiss, oder Harriet?"
"Ha, ha, ha! Sie können vortrefflich raten. Aber warum fallen Sie gerade auf diese beiden?"
"Weil sie die kräftigsten, die schönsten sind. Dora ist wenigstens die ansehnlichste, und da Ihr Freund, Mr. Sweeting, nur klein und mager ist, so schloss ich daraus, nach einer in solchen Fällen oft vorkommenden Regel, dass er seinen Kontrast vorzieht."
"Sie haben recht; Dora ist's. Aber er hat keine Aussicht, nicht wahr, Moore?"
"Was hat denn Mr. Sweeting außer seiner Pfarrverweserstelle?"
Diese Frage schien Malone erstaunlich zu kitzeln. Er lachte länger als drei Minuten und antwortete dann:
"Was Sweeting hat? Nun, David hat seine Harfe oder Flöte, was auf eines hinausläuft. Auch hat er noch eine Art von tombakner Uhr; detto einen Ring, detto eine Lorgnette. Das ist's, was er hat."
"Wie könnte er denn da Miss Sykes nur allein mit Unterröcken erhalten?"
"Ha, ha, ha! Vortrefflich! Ich frage ihn darüber, sobald ich ihn sehe. Ich will ihn wegen seiner Anmaßung schon auf den Rost legen. Aber unstreitig hofft er, der alte Christoph Sykes werde ihm etwas Erkleckliches für ihn tun. Er ist reich, nicht wahr? Er wohnt in einem großen Hause."
"Sykes leben auf einem großen Fuß."
"Daher muss er vermögend sein, Sir?"
"Daher muss er mit seinem Vermögen frei schalten können, und in diesen Zeiten würde es ebenso gut sein, Geld damit verdienen zu wollen, seinen Töchtern Ausstattungen zu geben, als wenn ich diese Hütte hier niederrisse, um mir auf ihren Ruinen ein Haus zu bauen, so groß wie Fieldhead."
"Wissen Sie, was ich neulich hörte, Moore?"
"Nein; vielleicht, dass ich im Begriff gewesen, so etwas zu tun? Ihre Briarfieldschen Klatschen sind im Stande, so etwas und vielleicht noch tolleres Zeug zu schwatzen."
"Dass Sie Fieldhead pachten wollten – nebenbei gesagt, kam es mir, als ich heute Nacht vorüberging, sehr unfreundlich vor – und dass es Ihre Absicht sei, eine Miss Sykes dort als Gebieterin einzuführen, kurz, sich zu verheiraten, ha, ha, ha! Nun, welche ist es? Dora gewiss. Sie sagten ja, dass sie die schönste sei."
"Ich möchte nur wissen, wie oft ich schon für verheiratet ausgegeben worden, seit ich nach Briarfield kam! Sie haben mir jedes heiratsfähige Frauenzimmer reihum beigelegt. Vorher waren es die zwei Misses Wynn – erst die braune, dann die blonde, dann die rothaarige Miss Armitage, ferner die sehr reife Anna Pearson. Jetzt bringen Sie mir den ganzen Stamm der Misses Sykes auf den Hals. Gott weiß, was an all dem Geschwätz Schuld ist. Ich besuche niemand – ich suche weibliche Gesellschaft ziemlich eben so eifrig auf, wie Sie, Mr. Malone. Gehe ich einmal nach Whinbury, so geschieht's bloß, um Sykes oder Pearson einmal in ihren Kontors zu besuchen, wo wir von ganz anderen Dingen als Heiraten zu sprechen und an ganz andere Sachen als Courmachen, Einrichtungen und Ausstattungen zu denken haben. Das Tuch, das wir verkaufen, die Hände, die wir anstellen, die Mühlen, die wir gehen lassen können, der verkehrte Stand der Dinge im Allgemeinen, den wir nicht ändern können, beschäftigen uns ganz und lassen uns durchaus nicht an solche Luftgebilde von Liebhaberei und dergleichen denken."
"Da bin ich ganz mit Ihnen einverstanden, Moore. Gibt's irgend eine Idee, die ich mehr hasse als alles andere, so ist es die des Heiratens. Ich meine nämlich Heiraten im gewöhnlichen Sinne als eine bloße Sache des Gefühls. Zwei bettelarme Narren verstehen sich dazu, ihre Armut durch eine fantastische Albernheit von Empfindung zu vereinen – Dummheit! Aber eine vorteilhafte Verbindung, eine solche, die man in Übereinstimmung mit würdigen Aussichten und dauernden soliden Interessen schließen kann, ist nicht so übel – he?"
"Nein!" antwortete Moore ziemlich abwesend. Der Gegenstand schien kein Interesse für ihn zu haben. Er verfolgte ihn also nicht. Nachdem er mit beschäftigter Miene einige Zeit da gesessen und ins Feuer geblickt hatte, wendete er plötzlich den Kopf.
"Horsch!" sagte er; "hörten Sie nicht Räder?"
Aufstehend ging er ans Fenster, öffnete es und horchte. Nicht lange, so schloss er es wieder. "Es ist nur das Geräusch des stärker werdenden Windes", bemerkte er, "und des etwas angeschwollenen Baches, der das Tal herab kommt. Ich erwartete die Wagen um sechs, und es ist jetzt bald neun."
"Glauben Sie wirklich, dass die Ausstellung dieser neuen Maschinerie Ihnen Gefahr bringen wird?" fragte Malone.
"Helstone scheint es zu denken."
"Ich wünschte bloß, dass die Maschinen – die Gestelle – sicher hier wären und in der Mühle selbst untergebracht. Einmal aufgestellt, trotze ich den Zerstörern. Sie mögen mir nur einen Besuch machen und die Folgen davon selbst empfinden. Meine Mühle ist mein Schloss."
"Man braucht solches Gesindel nicht zu fürchten", bemerkte Malone in tiefes Nachdenken geratend. "Ich wollte nur, dass solch eine Schaar heute Nacht bei Ihnen zuspräche! Aber die Straße schien, als ich kam, außerordentlich still. Ich sah nichts beunruhigendes."
"Sie kamen beim roten Haus vorbei?"
"Ja."
"Da konnte nichts auf der Straße zu sehen sein. Die Gefahr ist nach der Richtung von Stilbro hin."
"Sie glauben also doch von dort dass von dort an Gefahr?"
"Was diese Schurken anderen angetan haben, können sie auch mir antun. Dabei ist nur der Unterschied, dass viele Manufacturisten, wenn sie angegriffen werden, ganz außer sich zu sein scheinen. Sykes zum Beispiel tat, als sein Kleiderladen in Brand gesteckt und bis auf den Grund abgebrannt wurde, wo man die Tücher von den Rahmen riss und in Fetzen auf den Feldern liegen ließ, keinen Schritt, um die Bösewichter zu entdecken oder zu bestrafen; er gab sich ganz friedlich darein, wie ein Kaninchen unter die Zähne eines Wiesels. Ich aber, so viel ich mich kenne, würde standhaft bei meinem Handel, meiner Mühle, meiner Maschinerie stehen."
"Helstone sagt, diese drei seien Ihre Götter, die Kabinettsbefehle wären bei Ihnen gleichbedeutend mit den sieben Todsünden, Castlereagh sei Ihr Antichrist, und die Kriegspartei seine Legionen."
"Ja, ich hasse all dies, weil es mich zu Grunde richtet. Es steht mir im Weg. Ich kann nicht vorwärts, kann deshalb meine Pläne nicht ausführen, sehe mich durch dessen entgegengesetzten Einfluss in allem gehindert."
"Aber Sie sind reich und betriebsam, Moore?"
"Ich bin sehr reich an Tuch, kann es aber nicht verkaufen. Sie sollten nur einmal dort in meine Warenhäuser kommen und sehen, wie sie bis unters Dach vollgestopft sind. Roakes und Pearson sind in derselben Lage. Amerika war ihr Markt, aber die Kabinettsbefehle haben ihn abgeschnitten."
Malone schien nicht geneigt, eine solche Unterhaltung lebhaft fortzusetzen, er fing also an, die Absätze seiner Stiefeln zusammenzuschlagen und zu gähnen.
"Und dann zu denken", fuhr Mr. Moore fort, der zu sehr mit dem Fluss seiner eigenen Gedanken beschäftigt zu sein schien, als dass er die Anzeichen von seines Gastes Langeweile bemerkt hätte, "und dann zu denken, dass diese lächerlichen Klatschereien von Whinbury und Briarfield einen stets mit Heiratsgeschichten quälen! Als ob man im ganzen Leben weiter nichts zu tun hätte, als einer jungen Dame, wie sie es nennen, Aufmerksamkeit zu zeigen, und dann zur Kirche mit ihr zu gehen, und dann eine Hochzeitsreise mit ihr zu machen, und dann eine Schar von Visiten abzustatten, und dann wohl sogar – eine kleine Familie zu haben! – Soll sie der Teufel holen!" – Er brach die Verwünschung, die er mit einer gewissen Kraft noch auf den Lippen hatte, ab, und setzte ruhiger hinzu: "Ich glaube, die Frauen sprechen und denken nur von solchen Dingen und meinen also, der Männer Sinn sei nur mit dergleichen beschäftigt."
"Ja, ja, allerdings!" stimmte Malone ein, "aber geben Sie nichts darauf." Nun blickte er unruhig umher, als mangele ihm etwas. Dies bemerkte Moore und verstand recht gut, was er wollte.
"Mr. Malone", sagte er also, "nach Ihrem nassen Weg werden Sie gewiss einer Erfrischung bedürfen. Ich war recht unaufmerksam."
"O, ganz und gar nicht", entgegnete Malone, sah aber dennoch so aus, als ob jener den Nagel auf den Kopf getroffen habe. Moore stand also auf und öffnete einen Schenktisch.
"Es ist meine Gewohnheit", sagte er, "jede Bequemlichkeit bei mir selbst zu haben, um nicht von den Weibspersonen im Haus dort wegen jedes Mundvolls, was ich esse, und jedes Tropfens, den ich trinke, abhängig zu sein. Ich bleibe oft den Abend hier, esse allein und schlafe mit Joe Scott in der Mühle. Oft bin ich mein eigener Wächter. Ich brauche wenig Schlaf und wandere gern in einer schönen Nacht ein paar Stunden mit meiner Flinte im Tal herum. – Mr. Malone, können Sie Hammelrippchen braten?"
"Versuchen Sie es. Ich hab's hundertmal im College getan."
"Da sind welche, und hier der Rost. Wenden Sie sie nur schnell um. Sie kennen doch das Geheimnis, wie der Saft darin bleibt?"
"Seien Sie ohne Sorge – Sie werden sehen! Geben Sie nur Messer und Gabeln her."
Der Pfarrverweser schlug seine Aufschläge über und nahm sich eifrig des Kochens an. Der Manufakturist brachte Teller, einen Laib Brot, eine schwarze Flasche und zwei Tummler auf den Tisch. Dann nahm er einen kleinen kupfernen Kessel, ebenfalls aus dem gut ausgerüsteten Speiseschrank, füllte ihn mit Wasser aus einem großen steinernen Krug in einer Ecke, setzte ihn neben dem zischenden Rost an's Feuer und holte Zitronen, Zucker und eine kleine porzellanene Punschbowle. Während er aber den Punsch braute, rief ihn ein Schlag an der Tür davon ab.
"Seid ihr's, Sara?"
"Ja, Sir. Wollen Sie nicht zum Abendessen kommen?"
"Nein; ich komme diese Nacht nicht ins Haus. Ich werde hier in der Mühle schlafen. Schließe also nur zu, und sag eurer Frau, dass sie zu Bett gehen kann." Darauf kam er wieder.
"Sie haben Ihren Haushalt in schönster Ordnung", bemerkte Malone beifällig, als er mit seinem von den Kohlen, über die er sich beugte, hochgeröteten Gesicht die Hammelrippchen eifrig umwendete. "Sie stehen nicht unter Unterrockregierung wie der arme Sweeting. Ein Mann – o weh! – wie das Fett spritzt! – Ich habe mir die Hand verbrannt – der bestimmt ist, von Weibern beherrscht zu werden. Sie und ich, Moore – da ist eine recht braune für Sie, und recht saftig – Sie und ich werden keine grauen Stuten in unseren Ställen haben, wenn wir heiraten."
"Das weiß ich nicht – ich denke nie daran, wenn aber die graue Stute schön und verständig ist, warum nicht?"
"Die Hammelrippchen sind fertig. Ist es der Punsch auch?"
"Da ist ein Glas voll. Kosten Sie ihn. Wenn Joe Scott und seine Leutchen nach Hause kommen, sollen sie etwas davon haben, vorausgesetzt, dass sie die Sachen unangetastet mitbringen."
Malone war in der besten Laune bei dem Abendessen. Er lachte über Kleinigkeiten überlaut, machte schlechten Spaß und beklatschte sich dann selbst, kurz, er wurde unbescheiden lärmend. Dagegen blieb sein Wirt so ruhig wie zuvor.
Du aber, Leser, musst doch eine Idee von der Außenseite dieses Wirts erhalten. Ich will versuchen, sein Porträt zu entwerfen, wie er hier bei Tisch sitzt.
Er ist, wie du unstreitig bei'm ersten Blick sagen würdest, ein sonderbar aussehender Mann, denn er ist mager, braun, bleich, fremden Aussehens, mit dunklem Haar, das ihm ungeordnet über die Stirn hängt. Es scheint, als ob er wenig Zeit für seine Toilette wende, sonst würde er sie wohl mit mehr Geschmack geordnet haben. Er scheint es nicht zu wissen, dass seine Züge schön sind und eine gewisse südliche Symmetrie, Reinheit und Regelmäßigkeit in ihrem Schnitte besitzen. Auch wird, wer ihn anschaut, dessen nicht eher inne, bis er ihn genau betrachtet hat, denn ein gewisser ängstliches Wesen und eine tiefe, gewissermaßen finstere Gesichtslinie verwandeln die Idee von Schönheit in die des Kummers. Seine Augen sind groß ernst und grau. Ihr Ausdruck ist verständig und nachdenkend, mehr forschend als sanft, mehr gedankenvoll als mild. Wenn er seine Lippen zu einem Lächeln öffnet, wird seine Physiognomie angenehm, nicht dass sie selbst dann frei und freundlich wäre, doch man empfindet den Einfluss eines gewissen ruhigen, verführerischen Reizes, ob wahr oder täuschend, von einer besonnenen, ja vielleicht wohlwollenden Natur, von Gefühlen, die daheim wohltätig wirken können, geduldigen, ertragenden, wohl möglich traulichen Gefühlen. Er ist noch jung – nicht älter als dreißig. Seine Gestalt ist schlank, sein Gesicht mager. Seine Art zu sprechen missfällt; er hat einen ausländischen Akzent, der, ungeachtet einer studierten Sorglosigkeit in Aussprache und Redeweise, einem britischen und insbesondere Yorkshireschen Ohr weh tut.
Mr. Moore war in der Tat nur zur Hälfte ein Brite, und dies kaum. Er war von mütterlicher Seite her fremder Abkunft und selbst auf fremdem Boden geboren, ja zum Teil erzogen. Ein Hebride von Natur, besaß er auch unstreitig in vielen Beziehungen hebridische Gesinnungen – wenigstens in Bezug auf Patriotismus. Es ist wahrscheinlich, dass er unfähig war, sich an Parteien, Sekten, selbst Klimate und Gewohnheiten zu ketten. Ebenso besaß er wohl auch eine Hinneigung, seine Individualität von aller Gemeinschaft, wodurch sein Loos temporell geworfen werden könnte, zu entfernen, und er hielt es für die größte Weisheit, die Interessen Robert Gérard Moores zur Ausschließung philantrophischer Rücksichten auf allgemeine Interessen, mit welchen er besagten Gérard Moores als höchst unzusammenhängend betrachtete, zu betreiben. Handel war Mr. Moores ererbter Beruf. Die Gérards von Antwerpen waren seit zwei Jahrhunderten rückwärts Kaufleute gewesen, ehemals reiche Kaufleute, aber Unsicherheiten und Geschäftsverwicklungen waren auch über sie gekommen, missglückte Spekulationen hatten nach und nach die Stützen ihres Kredits gelockert, das Haus hatte ein Dutzend Jahre lang auf schwankendem Grund gestanden und war endlich beim Anstoß der französischen Revolution in gänzlichen Ruin geraten. In den Fall desselben war die englische und Yorkshireschen Firma Moores genau verwickelt worden, die mit dem Haus in enger Verbindung stand und von welcher einer der in Antwerpen wohnenden Teilnehmer, Robert Moore, Hortense Gérard mit der Aussicht, dass sie ihres Vaters, Constantine Gérard, Teil an dem Geschäft erben werde, geheiratet hatte. Sie erbte aber, wie wir sahen, bloß ihren Anteil an den Verbindlichkeiten der Firma und diese übernahm, obgleich durch eine Übereinkunft mit den Kreditoren gänzlich beseitigt, ihr obengenannter Sohn Robert seinerseits als eine Erbschaft, die er eines Tages bei denselben zu tilgen und das gefallene Haus Gérard und Moore wieder auf einen Stadtpunkt zu bringen strebte, der dessen früherer Größe wenigstens gleich käme. Man glaubte selbst, dass er sich Vergangenes sehr zu Herzen nähme, und wenn eine an der Seite einer schwermütigen Mutter unter Ahnung kommenden Unglücks verlebte Jugend, und Männerjahre durch das mitleidslose Hereinbrechen des Sturms verstört und entblättert, auf den Geist schmerzliche Eindrücke machen können, so war der seine wahrscheinlich nicht in goldenen Buchstaben geprägt.
Hatte er nun auch allerdings eine große Wiederherstellung in Aussicht, so stand es doch nicht in seinem Vermögen, große Mittel zu deren Erreichung anzuwenden. Er war genötigt, mit dem Fortschritt kleiner Dinge zufrieden zu sein. Als er nach Yorkshire kam, er, dessen Vorfahren eigene Warenhäuser in diesem Seehafen und Faktorien in der inneren Stadt gehabt hatten, sah er keinen Weg für sich offen, als eine Tuchwalke in einem abgelegenen Winkel einer abgelegenen Districts zu mieten, eine nahegelegene Hütte zu seiner Wohnung zu nehmen und als Weide für sein Pferd und Raum für seine Tuchrahmen zu seinen Besitzungen noch einige wenige Acker steilen, steinigen Landes, welches die Schlucht begrenzte, durch welche sein Mühlstrom brauste, alles dieses hatte er nur für einen hohen Pacht (denn die Kriegszeiten waren hart und alles war teuer) von den Vormündern der fieldhead'schen Besitzungen, die damals einer Unmündigen gehörten, erhalten.
Zu der Zeit, wo diese Erzählung beginnt, hatte er erst zwei Jahre in diesem District gelebt, während dessen er sich wenigstens als ein ungemein tätigen Mann gezeigt. Die schmutzige Hütte war in eine nette, geschmackvolle Wohnung verwandelt worden. Aus einem Teil des rauen Bodens hatte er Gartenland gemacht, das er mit ganz besonderer, ja, flamländischer Sorgfalt und Genauigkeit bebaute. Was die Mühle betraf, ein altes Gebäude mit alter Maschinerie, die jetzt unwirksam und unzeitgemäß geworden war, so hatte er sogleich die größte Verachtung gegen all ihre Einrichtungen und Zubehör gezeigt und sich bemüht, sie von Grund auf umzugestalten, welches er denn auch, so weit sein sehr beschränktes Kapital es verstattete, ins Werk gesetzt, und eben die Beschränktheit dieses Kapitals und eben deshalb dies Hindernis bei seinem Vorhaben war etwas, was seinen Geist sehr ängstigte und kümmerte. Moore musste immer tätig sein. "Vorwärts!" war die in seine Seele geprägte Inschrift, doch Armut beugte ihn. Manchmal schäumte er (figürlich) mit dem Mund, wenn die Zügel zu scharf angezogen wurden.
Man kann nicht erwarten, dass er bei dieser Gesinnungsweise lange darüber nachdachte, ob sein Vorwärtskommen für andere nachteilig sei oder nicht. Da er in der Nachbarschaft weder geboren, noch für lange Zeit dort heimisch war, so kümmerte es ihn nicht eben sehr, wenn die neuen Erfindungen auch die alten Werkleute außer Arbeit setzten. Er fragte sich nicht lange, woher die, denen er nicht länger den Wochenlohn bezahlte, ihren Unterhalt nähmen, und glich in diesem Unbekümmertsein bloß Tausenden, an welche der notleidende Arme in Yorkshire noch nähere Ansprüche zu haben schien.
Die Periode, von der hier die Rede, war in der britischen Geschichte und besonders in der der nördlichen Provinzen eine sehr traurige. Der Krieg war damals auf dem Höhe, ganz Europa war darein verwickelt. England war, wenn nicht ermüdet, doch durch langen Widerstand zerrüttet, ja, und doch war die Hälfte der Bevölkerung überdrüssig, und rief nach Frieden um jeden Preis. Nationalehre war ein bloßer leerer Name in vieler Augen geworden, weil ihr Blick durch Hunger umdüstert, und für ein Stück Brot würden sie ihr Geburtsrecht verkauft haben.
Die Kabinettsbefehle, welche Napoleons Dekrete von Mailand und Berlin hervorgerufen und die neutralen Mächten untersagten mit Frankreich zu handeln, hatten, indem sie Amerika beleidigten, den Hauptmarkt für den yorkshireschen Wollhandel verschlossen und diesen also an den Rand des Verderbens gebracht. Kleinere Abzüge waren überfüllt und nahmen nichts mehr an. Brasilien, Portugal, Sizilien waren für einen fast zweijährigen Verbrauch versorgt. In dieser Krise wurden gewisse Maschinerieerfindungen in den einzelnen Manufakturen des Nordens eingeführt, welche, indem sie die Zahl der benötigten Arbeiter gewaltig reduzierten, Tausende arbeitslos machten und sie der redlichen Mittel beraubten, ihr Leben zu erhalten. Dazu kam eine schlechte Ernte. Die Not stieg immer höher. Grenzenloser Mangel streckte die Bruderhand dem Anfuhr zu. Die Geburtswehen einer Art moralischen Erdbebens fühlte man unter den Hügeln der nördlichen Grafschaften sich erheben. Wie es aber in solchen Fällen zu geschehen pflegt, so achtete niemand sehr darauf. Wenn ein Nahrungsaufruhr in einer Manufakturstadt ausbrach, wenn eine Walkmühle niedergebrannt oder das Haus eines Manufakturisten angegriffen, die Gerätschaften auf die Straße geworfen und die Familie gezwungen wurde, ihr Leben durch die Flucht zu retten, wurden von den Lokalobrigkeiten keineswegs die nötigen Maßregeln getroffen. Ein Urheber wurde entdeckt, oder ihm noch öfter verstattet, der Entdeckung sich zu entziehen, Aufsätze in den Zeitungen wurden darüber geschrieben, und dabei blieb's. Was die Leidenden betraf, deren einzige Erbschaft Arbeit war, und welche diese Erbschaft verloren hatten, die nicht Arbeit bekommen konnten und daher auch keinen Lohn und daher auch kein Brot, so ließ man sie dem Elend anheim. Vielleicht unvermeidlich! Man konnte doch den Fortschritt der Erfindungen nicht hemmen, konnte der Wissenschaft nicht Nachteil zufügen, indem man ihre Verbesserung entmutigte. Der Krieg konnte nicht beendigt werden, wirksame Hilfe war nicht zu gewähren. So musste denn alles gehen, wie es nun ging, und die ungebrauchten Arbeiter blieben ihrem Schicksal überlassen, aßen ihr Brot und tranken ihr Wasser der Betrübnis.
Elend erzeugt Hass; die Leidenden hassten die Maschinen, weil sie glaubten, diese entzögen ihnen das Brot, sie hassten die Gebäude, welche die Maschinen enthielten; sie hassten die Manufakturisten, denen diese Gebäude gehörten. In dem Parochie Briarfield, mit dem wir es jetzt zu tun haben, war Hollow-Mühle der Ort, den man am meisten hasste, Gérard Moore, in seiner doppelten Eigenschaft als halber Fremder und ausgezeichneter Manufakturist, der Mann, den man am meisten verabscheute. Und es stimmte fast mit Moores Temperament zusammen, sich so gehasst zu wissen, besonders da er das, weshalb er gehasst wurde, für sein Recht und für etwas Tüchtiges hielt, und so saß er denn mit einer Art kriegerischer Aufregung auch in der heutigen Nacht im Kontor und wartete auf die Ankunft seiner Wagen mit dem Maschinenwerk. Malones Ankunft und Gesellschaft war ihm daher höchst ungelegen und er hätte weit lieber allein gesessen, denn er war zu stiller, düsterer, unheimlicher Einsamkeit geneigt. Die Flinte seines Wächters wäre für ihn Gesellschaft genug gewesen und der vollströmende Bach in der Schlucht fortwährend das beste Gespräch.
Mit der verdrießlichsten Miene der Welt hatte der Manufakturist seit zehn Minuten den irländischen Pfarrverweser bei seiner Punschheiterkeit beobachtet, als plötzlich sein starres, graues Auge sich änderte, als trete eine andere Erscheinung zwischen ihn und Malone. Er erhob die Hand.
"Chut!" sagte er auf seine französische Art, da Malone ein Geräusch mit seinem Glas machte. Er horchte einen Augenblick, stand dann auf, setzte den Hut auf und ging aus der Kontortür.
Die Nacht war still, dunkel und schwer. Nur das Wasser rauschte voll und weit. Sein Fall glich in der gänzlichen Stille fast einem Strom. Dennoch vernahm Moores Ohr einen anderen Laut – sehr entfernt, aber sehr davon verschieden – abgebrochen und rau, kurz, einen Ton von schweren Rädern auf einem steinigen Weg knarrend. In's Kontor zurückkommend, zündete er eine Laterne an, mit welcher er in den Mühlhof hinabging, um die Pforte zu öffnen. Der schwere Wagen fuhr herein. Man hörte die derben Hufe der Zugpferde in dem Kot und Wasser plätschern. Moore rief ihnen zu:
"He! Joe Scott! Ist alles richtig?"
Unstreitig war Joe noch zu weit entfernt, um diese Frage zu hören, denn er antwortete nicht.
"Ich frage, ob alles richtig ist?" erklang es wieder Seiten Moores, als die elephantengleiche Nase des Vorderpferdes fast die seine berührte.
Jemand sprang von dem vordersten Wagen auf die Straße. Eine Stimme rief: "Ja, ja, zum Teufel, es ist alles richtig! Wir haben sie zusammengeschmissen!"
Und nun gab's ein Rennen. Die Wagen standen still. Niemand war mehr dabei.
"Joe Scott!" Kein Joe Scott antwortete. "Murgatroyd! Pighills! Sykes!" Keine Antwort. Mr. Moore hob seine Laterne in die Höhe und sah in die Wagen. Weder Menschen noch Maschinerie waren darauf. Sie waren leer und verlassen.
Nun liebte aber Mr. Moore seine Maschinerie. Er hatte sein ganzes noch übriges Vermögen für den Ankauf dieser Gestelle und Scheeren gewendet, die er in der heutigen Nacht erwartete. Für ihn höchst wichtige Spekulationen hingen von den Resultaten ab, die er damit erzielen wollte; wo waren sie nun?
Die Worte: "Wir haben sie zusammengeschmissen!" tönten in seinen Ohren wieder. Wie wirkte diese Katastrophe auf ihn ein? Bei dem Licht der Laterne, die er hielt, wurden seine Züge sichtbar, die sich zu einem eigentümlichen Lächeln abspannten, einem Lächeln, wie der Mann von entschiedenem Charakter es zeigt, wenn er an eine Konjunktur seines Lebens kommt, wo sein entschlossener Geist eine Anfrage an seine Stärke fühlt, wo eine Wendung eintreten muss und die Kräfte biegen oder brechen müssen. Er aber blieb stumm und selbst regungslos, denn im ersten Augenblick wusste er weder was er sagen, noch was er tun sollte. Er stellte er denn die Laterne auf die Erde und stand mit untergeschlagenen Armen da, starr und überlegend zu Boden blickend.
Ein ungeduldiges Trampeln eines der Pferde ließ ihn die Augen aufschlagen, die nun plötzlich den Schein von etwas Weißem, das an einem Teil des Geschirres hing, erblickten. Am Licht der Laterne untersucht, zeigte es sich, dass es ein zusammengeschlagenes Papier, ein Billet war. Es trug außen keine Auf- , innerlich aber die Überschrift:
"An den Teufel von Hollow-Mühle."
Wir wollen die Orthographie, die sehr sonderbar war, nicht nachschreiben, sondern es in die Schriftsprache übertragen. Es lautete so:
