Shit - Jörg Schmitt-Kilian - E-Book

Shit E-Book

Jörg Schmitt-Kilian

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Beschreibung

"Wie hätte man dies verhindern können?", lautet die zentrale Frage in diesem berührenden Buch über die zerstörerische Kraft des Drogenkonsums, neue Drogen, falsche Freundschaften und die Ohnmacht der Eltern, Lehrer und Erzieher. Der ehemalige Drogenfahnder Jörg Schmitt-Kilian erzählt auf Basis authentischer Fälle eine spannende Story, tastet sich dabei dicht an die Gefühlswelten der Jugendlichen heran und bietet dem Leser einen Blick hinter die Kulissen eines Rauschgiftkommissariats. "Shit" regt zum Nachdenken an und eignet sich als Lektüre für suchtpräventive Projekte mit Jugendlichen.

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Dieser Jugendroman wurde nahe an der Realität und dicht an den Gefühlswelten der Menschen geschrieben, die der Autor bei seinen Ermittlungen als Rauschgiftfahnder kennengelernt hat.

Dennoch wäre jede Ähnlichkeit mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig. Namen und Orte wurden verändert und wahre Begebenheiten miteinander vermischt.

Der Autor hat sich allerdings die schriftstellerische Freiheit erlaubt, aus den Charakteren von existierenden Personen verschiedene Romanfiguren „zum Leben zu erwecken“.

Jörg Schmitt-Kilian,

Kriminalhauptkommissar und ehemaliger Drogenfahnder, ist Autor zahlreicher Bücher und bietet mit seinem Konzept IMPULSE den Schulen Projekte und Studientage zur Sucht- und Gewaltprävention an.

Sein Buch VOM JUNKIE ZUM IRONMAN über die unglaubliche Lebensgeschichte des Triathleten Andreas Niedrig stand 16 Wochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurde mit Uwe Ochsenknecht, Max Riemelt und Axel Stein als LAUF UM DEIN LEBEN verfilmt.www.schmitt-kilian.de

edition zweihorn GmbH & Co. KG

Riedelsbach 46

D-94089 Neureichenau

Tel: +49 (0) 8583 2454, Fax: +49 (0) 8583 91435

E-Mail: [email protected]

Internet: www.edition-zweihorn.de

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Copyright © 2011 edition zweihorn GmbH & Co. KG, NeureichenauUmschlaggestaltung: Andreas Brosche, Friedberg (Bayern)ISBN: 978-3-935265-87-4eISBN: 978-3-943199-80-2

Hallo,

es freut mich, dass Du dieses Buch lesen möchtest.

Da ich auf meiner Homepage nichts über mein Privatleben veröffentliche, aber viele Jugendliche für den Unterricht weitere Infos über den Autor recherchieren sollen, hier einige Antworten auf die am meisten gestellten Fragen.

Ich bin mit einer Lehrerin verheiratet. Wir haben drei erwachsene Söhne und wohnen in einem kleinen Dorf im Westerwald. In meiner Freizeit entspanne ich beim Radfahren, auf dem Tennisplatz, beim Kartenspiel mit Freunden und als Gitarrist und Sänger bei den Proben mit meiner Rock-Band BOP, mit der ich Benefiz-Konzerte für Menschen am Rande unserer Gesellschaft veranstalte.

Inzwischen habe ich 18 Bücher veröffentlicht, ein Musical geschrieben und 4 Filmprojekte begleitet. Mein Jugendkrimi DIE DEALERIN UND DER KOMMISSAR wurde als TV-Film JENNY im Fernsehen ausgestrahlt und ist als DVD erhältlich. Der Jugendroman GREGORS GEHEIMNIS thematisiert die Gewalt unter Jugendlichen und in ICH MACH EUCH FERTIG beschreibe ich methodische Schritte, wie Erwachsene mit Jugendlichen in einen vertrauensvollen Dialog eintreten und kritische Entwicklungen rechtzeitig erkennen. Zu diesem Thema hat der Regisseur Berny Abt den Film „WHY – denn wir wissen nicht, was sie tun“ gedreht.

Unter dem Titel LAUF UM DEIN LEBEN ist nach meinem Buch VOM JUNKIE ZUM IRONMAN die Lebensgeschichte des Weltspitze-Triathleten Andreas Niedrig als Kinofilm mit Uwe Ochsenknecht, Axel Stein, Max Riemelt und anderen bekannten Schauspielern produziert worden. Der Film ist als DVD erhältlich und wird von Schulen oft als Einstieg in suchtpräventive Projekte eingesetzt.

Neben der „Begegnung mit dem Autor“ bei Jugendbuchwochen biete ich individuell konzipierte Klassenprojekte und Studientage für Lehrer an und berate schulische Krisenteams über zeitnahe und konsequente Reakionen sowie Möglichkeiten der Vorbeugung. Eure Lehrerinnen und Lehrer können bei mir kostenlose Unterrichtsmaterialien anfordern.

Meine aktuellen Krimis SPURENLEGER und LEICHENSPUREN basieren ebenfalls auf einer wahren Begebenheit: dem Mord an einer jungen Polizistin, einer mysteriösen DNA-Spur und der Jagd nach dem Phantom.

Weitere aktuelle Infos findest Du auf meiner hompepage www.schmitt-kilian.de oder bei facebook.de.

Ich freue mich über jede Rückmeldung [email protected]

Jörg Schmitt-Kilian, im Juli 2011

Anmerkung: Ich habe bewusst kein Drogen-Glossar erstellt.Unbekannte Wörter kannst Du im Internet recherchieren.

Jörg Schmitt-Kilian

SHIT

Vorwort des Autors

Drogen kennen weder gesellschaftliche Schranken noch regionale Grenzen. In allen gesellschaftlichen Schichten habe ich soziale Verelendung und kriminelle Verstrickungen junger Drogenabhängiger hautnah erlebt und viele verzweifelte Eltern und hilflose Lehrer kennengelernt.

Viele meiner Begegnungen mit der alltäglichen Ohnmacht habe ich in diesem Buch niedergeschrieben und authentische Erlebnisse in dieser Geschichte miteinander verknüpft.

Ich möchte erzählen, wie Menschen sich in solchen Situationen fühlen und mit der Spiegelung meiner Begegnungen einen Blick hinter die Kulissen wagen.

Manche Situationen mögen klischeebehaftet erscheinen, aber das Klischee ist (leider) zu oft die Realität.

Prolog

Nur das Ticken der Uhr an der grauen Wand über der Tafel durchbricht die Stille im Klassenraum der 10a des Schiller-Gymnasiums. Eine fast unheimliche Stille, wie sie sich in diesem Raum in den letzten Jahren nur bei der Schweigeminute nach dem schrecklichen Amoklauf an der Schule in Winnenden ausgebreitet hatte.

An die Namen der getöteten Schüler und Lehrer des Amoklaufs in Winnenden kann sich niemand erinnern, aber die Namen von zwei Mitschülern werden sich auf immer und ewig in ihr Gedächtnis einbrennen.

Die Ereignisse der letzten Monate werden sie nie mehr im Leben vergessen und dabei hatte alles so harmlos angefangen.

Niemand konnte ahnen, dass es in einer Tragödie enden würde. Oder doch?

1.

Endlich Wochenende.

Sturmfreie Bude.

Melanie hatte ihre Freundinnen eingeladen:

Anja, die bestimmt stundenlang an ihrem Outfit gebastelt und ihre langen blonden Haare geglättet hatte; Mary, die sich um all das nicht scherte, aber trotzdem immer unverschämt fantastisch aussah.

Andy und seine besten Kumpel Kai und Marco wollten auch kommen. Marco würde bestimmt wieder den großen Schweiger abgeben, aber seine Freunde waren dafür umso lauter.

Die sechs waren der harte Kern der 9a des Schiller-Gymnasiums.

Diejenigen, denen Melanie vertrauen konnte.

Keine Schwätzer, die nichts für sich behalten und auf facebook, wkw oder sonst wo Gerüchte verbreiten, Geheimnise oder Peinlichkeiten verraten, an die Pinnwand posten und keine Sekunde darüber nachdenken, wie stark sie andere dadurch verletzen. Ein erniedrigendes Wort im Internet kann schlimmer sein als tausend Schläge, so etwas Ähnliches hatte Mary mal gesagt, als irgendein Idiot sie auf der Internetseite Ishare-gossip beleidigt und Schlampe genannt hatte.

Auf dieser Internetseite – auf Deutsch „Ich verbreite Klatsch“ – werden die Jugendlichen von den Betreibern aufgefordert, andere aufs Übelste zu beschimpfen. Und derjenige wird dann auch noch namentlich genannt, sogar mit Adresse und Handynummmer.

Nein, Typen, die nur Mut haben, andere auf diese Art fertigzumachen – alles natürlich anonym! –, würde Melanie niemals einladen.

Auch nicht die Streber, denen gute Noten immer das Wichtigste waren.

Nicht die Schleimer, die am liebsten in den verlängerten Rücken der Lehrer gekrochen wären.

Und erst recht nicht diese Typen, die nie was riskieren wollten: diese ätzend Angepassten, die schon als Greise auf die Welt gekommen waren und altkluge Sprüche klopften. Sprachrohre ihrer Eltern, die immer in der Spur laufen.

Nein, mit denen wollten sie nichts zu tun haben.

Viele witzelten über den geplanten Fußgängerüberweg vor dem Lehrerzimmer. Böse Zungen behaupteten, in dem breiten Flur des Verwaltungstrakts plane der Schulleiter für alle Schleimer eine sichere Überquerung, damit die Arschkriecher nicht von den Radfahrern überrollt wurden und Direktor Schmidt weiterhin Informationen über „problematische“ Schüler erhalten konnte.

Wer ist schon einfach? Ha, ha!

Kai, Andy und Marco hatten mehrere Sixpacks, einige Flaschen Wodka und Kleiner Feigling im Supermarkt besorgt. Jugendschutz-Bestimmungen hin oder her – das war gar kein großes Problem gewesen. Die Verkäuferin hatte die Jungen nicht nach ihrem Alter gefragt, obwohl an der Kasse in großer Schrift ein Auszug aus dem Jugendschutzgesetz angebracht war: in fetten Buchstaben die Erklärung, dass man in diesem Supermarkt die gesetzlichen Bestimmungen des Jugendschutzes genau beachte.

Verlogene Gesellschaft.

Papier ist halt geduldig.

Jeder weiß doch, wie es läuft.

Hauptsache, die Artikel werden verkauft und die Kasse stimmt.

Alle hatten sich auf diesen Abend gefreut.

Melanie servierte zur Begrüßung ein Gläschen Sekt.

Andy und Kai hatten schon einige Dosen Bier getrunken.

Harmloses Vorglühen.

Kaum hatten sie das erste Glas Sekt geleert, klingelte es an der Haustür.

„Wen hast du denn noch eingeladen?“, fragte Mary.

„Lasst euch überraschen!“, grinste Melanie und lief zur Tür. Dann betrat Conny das Haus.

Die anderen blickten ihm überrascht entgegen.

Angenehm überrascht.

DER Conny aus der Elf.

Ein echt irrer Typ.

Hatte schon zweimal eine Ehrenrunde gedreht.

Schon über achtzehn.

Volljährig.

Seit drei Monaten stolzer Besitzer eines Führerscheins.

Fährt ein Golf-Cabrio.

Zwar nur den Golf III, aber immerhin.

Conny trägt meistens Lederklamotten. Mit dem bunten Stirnband und seinem schlaksigen Gang kann man ihn bereits kilometerweit erkennen.

Sie nennen ihn den „Indianer“.

Conny zeigt Lehrern die Zähne, macht Zoff, ist einfach nur obercool.

Über den „Indianer“ redet die ganze Schule.

Alle kennen Conny.

Viele bewundern ihn.

Wären gerne so mutig wie er.

Vor zwei Monaten wurde Conny von Herrn Dröge während einer Klassenarbeit erwischt, als er abschreiben wollte. Der Physiklehrer hatte es nicht gewagt, Conny das Buch unter der Bank wegzunehmen. Als „der kleine Feigling“ – wie Dröge seitdem von den Schülerinnen und Schülern genannt wurde – Conny eine Sechs verpasste, hatte dieser sich bei Direktor Schmidt beschwert.

„Waren Sie nicht in der Lage, diesem Rotzlöffel das Buch wegzunehmen?“, soll Direktor Schmidt gefragt haben. Dröge musste die Arbeit korrigieren und die Leistung auf dem Blatt benoten.

Immerhin eine Drei. So hatte Conny es zumindest erzählt.

Conny war einfach nur geil.

Als er noch keinen Führerschein besaß, war er immer mit dem Bus in die Innenstadt gefahren. Damals lebte noch sein Hund Zorro. Conny hatte für Zorro immer eine Karte gelöst und den Hund auf einem Sitz Platz nehmen lassen.

Einmal hatte Conny sich mit einem älteren Herrn gestritten. Dieser hatte ihn aufgefordert, der Hund solle sofort den Platz für ihn frei machen. Conny hatte sich geweigert und argumentiert, er habe für den Hund schließlich bezahlt und Tiere seien auch Lebewesen mit Rechten. Und dann hatte er den älteren Herrn gefragt, wie alt er denn sei. Siebzig, hatte der geantwortet. „Mein Hund ist elf Jahre alt, mal sieben Hundeleben macht siebenundsiebzig. Also hat mein Bello mehr Jahre auf dem Buckel. Sie sind doch sicherlich mit mir einer Meinung, dass man das Alter ehren sollte!“, hatte Conny schlagfertig reagiert. Der alte Herr war sprachlos und stieg an der nächsten Haltestelle aus.

Andy dachte in diesem Moment an den Dealer, der seinen Cousin Bernd mit Heroin versorgt hatte. Der hieß auch Zorro.

Bernd war damals erst sechzehn.

Inzwischen war er zwanzig und in Therapie.

Damals hatte sich ein kleiner Junge auf dem Kinderspielplatz an einer frisch benutzten Heroinspritze verletzt. Andy hatte der Polizei den entscheidenden Tipp zur Festnahme von Zorro geben können.

Nun verbreitete sich in der Stadt erneut das Gerücht, ein junger Mann aus Koblenz würde Drogen verkaufen.

War Conny etwa in Zorros Fußstapfen getreten?

Nach dem Sektempfang gingen alle hinunter in den Keller. In dem bunt angemalten Raum lagen alte Matratzen. Überall flackerten Kerzen und Teelichter. Aus den Lautsprechern erklangen ihre Lieblingssongs. Sie saßen und lagen im Kreis, zogen sich die Musik und ein Sixpack nach dem andern rein.

Während sie ihre Haare zu einem lockeren Zopf band, blickte Melanie gedankenverloren zu Conny hinüber. Sie war so froh, dass sie ihn eingeladen hatte! Klar, er war ein Macho und vielleicht war es dumm von ihr, aber sie hatte sich nun mal in diesen Typen verliebt. Das wusste aber niemand. Sonst hätte irgendein Idiot bei facebook, wkw oder gar auf Isharegossip ihre heimliche Liebe verraten.

Andy erklärte das erste Spiel des Abends.

„Jeder nimmt sich eine Flasche Kleiner Feigling, dreht den Deckel ab und legt ihn auf die Nasenspitze. Dann klemmt ihr das Fläschchen zwischen die Zähne. Auf Kommando wird es ex und hopp geleert. Derjenige, dessen Deckel zuerst auf den Boden fällt, muss einen Euro abdrücken. Kleiner Feigling schmeckt nur, wenn ihr ihn ex trinkt!“

„Was schmeckt denn gut daran?“, fragte Mary.

„Besonders im Winter ist es super, wenn er hier so schön warm runterläuft“, lächelte Kai und kreiste mit der Faust über seine schmale Hühnerbrust.

Andy gab das Startzeichen und Mary musste einen Euro in den Teller werfen.

Dann öffnete Conny die erste Wodkaflasche.

Die Stimmung wurde ausgelassener.

Und nun geschah das, worauf sie fast alle heimlich gewartet hatten. Conny zog aus der Gesäßtasche seiner hautengen Lederhose einen in Stanniolpapier eingewickelten Würfel Haschisch. Er entfernte das Papier und brannte den kleinen Brocken mit einem silbernen Sturmfeuerzeug an.

„So nun bringen wir uns noch mal richtig in Stimmung, bevor ihr nach Hause müsst“, flüsterte Conny.

Andy nickte.

Der Tag geht, Jonny Walker kommt! Yeah!

Red Bull verleiht dir Flügel!

Warum denn nicht auch: Es geht doch nichts über einen Joint mit einem guten Freund!

Conny zerbröselte den erwärmten Brocken Haschisch, vermischte die Stückchen mit Tabak und drehte geschickt einen großen Joint. Dann zündete er die kelchförmige Haschischzigarette an.

Ein würziger, süßlicher Geruch verbreitete sich in dem kleinen Kellerraum und stieg in ihre Nasenflügel.

„Riecht ja wie das Weihrauchfass aus meiner Messdienerzeit“, bemerkte Andy.

Dann steckte Conny den Joint zwischen Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand, führte ihn langsam zum Mund, faltete beide Hände wie einen Ballon zusammen, inhalierte ganz tief, hielt den Atem lange an und atmete genussvoll aus.

„Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie geil das ist. Tierisch grelle Töne hörst du nur beim Kiffen“, flüsterte er.

Dann drehte er die Musik am CD-Player auf volle Lautstärke und reichte den qualmenden Joint an Melanie weiter.

„Hey, das wird dir guttun. Dein Bewusstsein wird sich erweitern!“

Aus den Lautsprechern ertönte Stefan Raabs Stimme. Er sang seinen Song vom Kiffen.

Melanie nahm den Joint zwischen ihre Hände, lehnte sich nach hinten und sog ebenfalls den Rauch tief und gierig ein. Beim Ausatmen stöhnte sie lustvoll vor sich hin. „Echt geil!“

Anja lag neben Melanie auf der Matratze. Wie sollte sie reagieren? Klar, sie war neugierig. Aber sie hatte auch Angst. Die warnenden Worte ihrer Mutter hatte sie noch sehr genau im Ohr:

Anja! Wenn du Haschisch rauchst, musst du dich bestimmt von oben bis unten bekotzen. Dir wird übel, drei Monate später spritzt du Heroin und in einem Jahr setzt du dir den goldenen Schuss und bist tot. Willst du mir das antun?

Mama warnte sie oft vor Drogen und dem, was sie mit einem machen konnten.

Noch während Anja darüber nachdachte, drückte Melanie ihr den qualmenden Joint in die Hand. Anja drehte sich um und führte langsam den Joint zum Mund. Aber sie inhalierte nicht, sondern wartete nur einen kurzen Moment, bevor sie ihn an Kai weiterreichte. Alle anderen zogen gierig an der Haschischzigarette. Heute Abend wollten die anderen es scheinbar wissen, ob man mit Haschisch das Tor zu einer grandiosen Erlebniswelt öffnen konnte, so wie Conny es beschrieben hatte.

Andy war inzwischen so besoffen, dass ihm die Warnungen seiner Eltern im wahrsten Sinn des Wortes shit-egal waren. Er dachte auch nicht mehr an seinen Cousin Bernd. Und er erinnerte sich auch nicht mehr daran, dass er seiner Mutter damals versprochen hatte, niemals zu kiffen, als Bernd nach einer Überdosis Heroin ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Er glaubte Connys Versprechungen: Du kannst Musik noch intensiver wahrnehmen. Der Bass dröhnt tierisch geil in deinen Ohren.

Das klingt deutlich besser als die Warnungen der Erwachsenen, dachte Andy. Die knallen sich abends ihr Bier vor dem Fernseher rein oder schlucken Tabletten, wenn es ihnen beschissen geht. Und uns wollen sie so was Harmloses wie Shit verbieten. Absolut verlogen. Was kann denn schon passieren, wenn ich einen Joint rauche? Die Alten haben einfach keinen blassen Schimmer, was abgeht. Gemeinsam mit den Freunden zu kiffen, ist doch ein unbeschreiblich geiles Gefühl.

Der Joint drehte nun schon zum zweiten Mal die Runde. Niemand reagierte. als Mary die Hand vor den Mund presste und zur Toilette lief. Und keiner bemerkte, dass Anja wieder nur so getan hatte, als ob sie kiffte. Die Zeit verging wie im Flug und irgendwann mussten alle nach Hause.

„Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen“, verabschiedete Conny die anderen. „Mich natürlich ausgeschlossen“, fügte er grinsend hinzu und legte einen Arm um Melanie.

2.

Montagmorgen traf sich die Clique in der großen Pause im hinteren Bereich des Schulhofs unter dem Kastanienbaum

„Wer von euren Alten hat denn was geschnallt?“, fragte Andy.

Kai zuckte mit den Schultern.

„Meine Eltern waren schon in der Kiste. Vater hat gerufen, ich soll nicht so einen Krach machen. Sonntag habe ich bis elf geschlafen. Dann das Übliche. Sie haben gefragt, wie es war. Aber eigentlich interessiert es sie nicht. Sie fragen halt nur so, weil es sich gehört oder was weiß ich“, erzählte er.

„Meine Mutter kann nie einschlafen, wenn ich abends weg bin. Sie kam die Treppe herunter, hat mir in die Augen gesehen und gefragt: Junge, was hast du denn für rote Augen? Damit ich dich besser fressen kann, habe ich geantwortet. Dann hat sie gelacht und ich habe gesagt, dass wir ein bisschen Bier getrunken hätten. Sie war total erleichtert und hat Ruhe gegeben“, berichtete Andy.

„Und du?“, fragte er Melanie. „Hast du noch schön sauber gemacht?“

„Jaja, das war schon okay. Aber meine Eltern haben auch ganz schön rumgenervt. Kaum waren sie wieder da, wollte meine Mutter nämlich genau wissen, was an dem Abend gelaufen ist. Das kann ich echt gar nicht haben. Also hab ich bloß gefragt: Ist das etwa eine Vernehmung oder was? Das hat sie total irritiert und dann habe ich gesagt, sie würde wohl zu viel fernsehen und irgendwann war sie beruhigt.“

„Und lag kein GANZ SPEZIELLER Geruch mehr in der Luft?“, fragte Kai grinsend.

„Nein, Conny hat doch Räucherstäbchen abgebrannt. Da hast du immer eine gute Ausrede!“

„Und wo war sein Stäbchen Samstagnacht?“, fragte Andy.

Melanie errötete, grinste verlegen und drehte sich um. „War bei dir alles okay, Mary?“, wechselte sie rasch das Thema.

„Außer, dass ich gekotzt habe, kein Problem“, sagte Mary lächelnd.

„Mama vertraut mir. Sie sagt aber immer, ich soll auf mein Getränk aufpassen. Dealer würden da was reinmischen oder mich verführen wollen oder was weiß ich was. Bla bla bla und ...“

„Meine Eltern waren überhaupt nicht zu Hause“, unterbrach Marco sie. „Sie hatten mir einen Zwannie für ein Essen bei Mc Doof in die Schublade gelegt und sind erst am Sonntagabend zurückgekommen. Ja, meine Alten legen mir ihre elterliche Fürsorge in die Schublade, damit ich nicht verhungere“, erklärte Marco mit einem gespielten Lächeln, welches seine Enttäuschung jedoch nicht überdecken konnte.

„Ihr glaubt nie, was meine Eltern gefragt haben!“, meinte da Anja kichernd. „Die wollten wissen, ob ich Leute kennen würde, die ‚Drogen konsumieren‘. Ich wäre jetzt in einem ‚gefährlichen Alter‘.“

„Au weiah!“

Kai klopfte sich kichernd auf die dünnen Oberschenkel. „Haben deine Eltern Angst vor dir? Anja – unsere neue Lisbeth Salander, die Kult-Heldin aus Stieg Larssons Filmen. Brandgefährlich, was?“

„Ach Kaiii.“ Anja zog das I lang und rollte nur genervt mit den Augen. „Du bist ja SO witzig, hast wohl mal wieder `nen Clown zum Frühstück verschluckt. Du weißt doch ganz genau, was ich meine.“

Sie war eigentlich ganz zufrieden – ihre Freunde dachten, sie hätte mitgekifft, und lachten sie nicht aus. Und ihren Eltern könnte sie mit ruhigem Gewissen sagen, dass sie nichts genommen habe.

Aber irgendwie fühlte sie sich nicht wohl in ihrer Haut. Ihre Freunde wären sicher enttäuscht, wenn sie Bescheid wüssten.

Warum eigentlich?

Freunde sollten doch tolerant sein, auch wenn man etwas nicht mitmachte, das alle machten.

Und ihre Eltern?

Die wären enttäuscht, wenn sie gekifft hätte.

Aber warum?

Weil sie Angst haben oder weil sie denken, dass die Polizei ins Haus kommt?

Wen habe ich eigentlich betrogen, überlegte Anja. Einen muss ich immer betrügen. Aber hatte sie nicht auch sich selbst betrogen? Denn eigentlich wollte sie wissen, wie es ist, wenn man kifft.

„Ich habe keinen Bock mehr auf dieses Zeug“, unterbrach Mary ihre Gedanken.

„Hast du wirklich gekotzt?“, fragte Anja.

Mary nickte. „Gereihert wie ein Specht! Echt eklig!“

„Ach was!“ Kai winkte ab.

„Das erste Glas Bier schmeckt immer bitter und nach dem ersten Lungenzug wurde mir auch schlecht. Selbst ein Kleiner Feigling, falsch genossen, kann den Geschmack vermiesen. Die Dosis macht das Gift, hat mal irgendein schlauer Typ gesagt. So ist das halt. Beim ersten Mal, da tut’s noch weh.“ Er grinste Melanie an. „Oder?“

Melanies Gesicht lief rot an. Aber so unangenehm sie seine Andeutungen auch fand – sie wusste, Kai würde sie niemals im Internet bloßstellen. Nein, Kai war ein echter Freund, nicht so ein Pseudo-Freund im Internet.

Jetzt packte er Mary am Arm.

„Versuch es noch mal“, sagte er aufmunternd. „Es kann ja nichts Schlimmes passieren.“ Er konnte sich dabei nicht verkneifen, Melanie erneut einen kurzen Blick zuzuwerfen.

Doch jetzt schaltete sich Andy ein.

„Wenn sie nicht will, lass sie doch, Mann“, sagte er genervt. „Finde ich echt nicht gut, wenn du sie zulaberst. Sie hatte kein gutes Feeling. Dann war es für Mary halt scheiße mit dem Kiffen. “

„Da kommt Conny!“, flüsterte Mary ihrer Freundin Melanie ins Ohr.

Melanie errötete, als Conny aus Richtung der gegenüberliegenden Toilette auf die Gruppe zuging.

„Hey Alldah, wo warst du?“, schrie Andy und versuchte, seine Stimme tiefer klingen zu lassen.

„Ich habe auf dem Klo ’ne Zigarette geraucht. Eine richtige, wenn ihr’s genau wissen wollt.“

Conny erhob seine Hand zum Schwur und grinste.

Hatte er wirklich auf der Schülertoilette gekifft?

Den Mut hatten bislang nur einige aus der Zwölf.

Vor zwei Jahren hatte eine Zwölf im Klassenzimmer Cannabispflanzen gezüchtet und kein Lehrer hatte es bemerkt.

„Und? Wie habt ihr den ersten Joint verkraftet? War doch gut, oder?“, fragte Conny.

Alle nickten.

„Wer will, kann was bestellen. Zurzeit ist Schwarzer Marokk im Angebot. Top Qualität. Ihr müsst mir nur sagen, wie viel.“

Conny warf Melanie einen kurzen Blick zu.

Die anderen sahen sich unschlüssig an.

„Und wo sollen wir rauchen?“, fragte Mary.

„Wir?“, lachte Kai. „Woher plötzlich der Sinneswandel, meine Süße?“

Die anderen grinsten.