Shopaholic in Hollywood - Sophie Kinsella - E-Book

Shopaholic in Hollywood E-Book

Sophie Kinsella

3,9
8,99 €

oder
Beschreibung

Becky Brandon, geborene Bloomwood, ist endlich angekommen – und das nicht nur im Leben und in der Liebe, nein, in Hollywood! Der Rodeo Drive und die Stars: Becky ist in ihrem Element. Und wie kombiniert man seine Leidenschaft fürs Shoppen mit dem Wunsch, selbst einmal über den roten Teppich zu laufen? Ganz einfach – der Shopaholic wird Stylistin für die Stars. Leichter gesagt als getan, denn die Crème de la Crème von Hollywood ist nicht gerade für jedermann offen. Doch Becky wäre nicht Becky, wenn sie nicht durch verrückte Aktionen auffallen würde. Nein, auch Hollywood kann ihr nicht lange widerstehen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 671




Buch

Becky Brandon, geborene Bloomwood, ist endlich angekommen – und das nicht nur im Leben und in der Liebe, nein, in Hollywood! Der Rodeo Drive, derWalk of Fame, die Filmstudios und die Stars: Becky ist in ihrem Element. Und wie kombiniert man seine Leidenschaft fürs Shoppen mit demWunsch, selbst einmal über den rotenTeppich zu laufen? Ganz einfach – der Shopaholic macht sich als Stylistin für die Stars selbstständig. Das ist nur leichter gesagt als getan, denn die Crème de la Crème von Hollywood ist nicht gerade für jedermann offen, und von Beckys berühmt-berüchtigten Einkaufstalenten hat in der Stadt derTräume tatsächlich noch nie jemand etwas gehört. Doch Becky wäre nicht Becky, wenn sie sich so leicht unterkriegen lassen würde. Und sie wäre auch nicht Becky, wenn ihr nicht allmählich bewusst werden würde, dass auch in Hollywood nicht alles Gold ist, was glänzt …

Weitere Informationen zu Sophie Kinsella sowie zu lieferbarenTiteln derAutorin finden Sie am Ende des Buches.

Sophie Kinsella

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Shopaholic in Hollywood

Roman

Aus dem Englischen von Jörn Ingwersen

Die Originalausgabe erschien 2014 unter demTitel »Shopaholic to the Stars«bei Bantam Press, London, an imprint ofTransworld Publishers.

1.Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung Februar 2015

Copyright © der Originalausgabe 2014 by Sophie Kinsella

Copyright © der deutschsprachigenAusgabe 2015

byWilhelm GoldmannVerlag, München,

in derVerlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNOWerbeagentur, München

Umschlagmotiv: Getty Images/Izabel Habur, Renee Keith, RunPhoto;

FinePic®, München

Redaktion: Kerstin von Dobschütz

MR · Herstellung: Str.

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-14417-3

www.goldmann-verlag.deBesuchen Sie den GoldmannVerlag im Netz

Für Patrick Plonkington-Smythe, den besten Banker derWelt

Liebe Leserinnen,

ich hoffe, euch gefällt Beckys neuestes Abenteuer! Dieses Mal verschlägt es sie nach Hollywood. Ob sie dort wohl ein filmreifes Happy End findet? Ihr werdet auch feststellen, dass sich schon in dieser Geschichte ihr nächstes Abenteuer anbahnt – und könnt euch also am Ende sicher sein: Becky ist bald wieder zurück!

Happy Reading!

Sophie Kinsella xxx

CUNNINGHAM’S

Rosewood Center · West 3rd Street · Los Angeles, CA 90048

Liebe Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihren Brief. Ich freue mich, dass Ihnen der Besuch in unserem Geschäft gefallen hat.

Leider kann ich nicht sagen, ob die Frau, die am Dienstag an der Schminktheke bezahlt hat, »Uma Thurman mit langer, dunkler Perücke« war. Daher kann ich Ihnen weder verraten, »welchen Lippenstift sie gekauft hat«, noch, »ob sie im normalen Leben genauso nett ist«, und ich sehe mich daher außerstande, Ihre Einladung weiterzuleiten, »weil sie bestimmt gern mal einen freien Abend mit einer Freundin hätte und wir uns sicher gut verstehen würden«.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für Ihren bevorstehenden Umzug nach Los Angeles. Leider muss ich Ihnen jedoch mitteilen, dass wir neuen Einwohnern von L. A. keinen Preisnachlass gewähren können, »damit sie sich hier willkommen fühlen«.

Vielen Dank für Ihr Interesse

Mary Eglantine

Abteilung Kundenservice

INNER SANCTUM LIFESTYLE SPA

6540 Holloway Drive · West Hollywood · CA 90069

Liebe Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihren Brief – ich freue mich, dass Ihnen der Aufenthalt in unserem Spa gefallen hat.

Leider kann ich nicht sagen, ob es sich bei der Frau vor Ihnen im Yogakurs um Gwyneth Paltrow handelte. Es tut mir leid, dass sie so schwer zu erkennen war, weil sie »dauernd auf dem Kopf stand«.

Somit kann ich leider weder Ihre Frage beantworten, wie sie »einen dermaßen perfekten Kopfstand hinkriegt«, noch, ob sie »spezielle Gelpacks in ihrem T-Shirt hat«. Entsprechend sehe ich mich auch außerstande, Ihre Einladung auf einen Bio-Tee mit Grünkohlkeksen weiterzugeben.

Mit Freude höre ich, dass Sie Gefallen an unserem Geschenke-und-Lifestyle-Shop gefunden haben. Und hinsichtlich Ihrer Bitte, falls ich Ihrem Mann auf der Straße begegnen sollte, seien Sie versichert, dass ich ihm nichts von Ihrem »kleinen Großeinkauf biodynamischer Unterwäsche« verraten werde.

Vielen Dank für Ihr Interesse

Kyle Heiling

Koordinatorin Fernöstliche Naturheilkunde

Beauty on the Boulevard

9500 Beverly Blvd. · Beverly Hills · CA 90210

Liebe Mrs Brandon,

vielen Dank für Ihren Brief.

Leider kann ich Ihnen nicht bestätigen, dass es sich bei der Frau, die sich die La-Mer-Auslage ansah, um »Julie Andrews mit dunkler Brille und Kopftuch« handelte.

Daher kann ich weder Ihre Frage ausrichten: »Wie sexy war Baron von Trapp im wahren Leben?«, noch Ihre Beteuerung: »Es tut mir leid, dass ich Ihnen das Lied vom einsamen Ziegenhirten vorgesungen habe, ich war nur so aufgeregt.« Ebenso wenig sehe ich mich in der Lage, Ihre Einladung auf einen »kleinen Hausmusikabend bei Apfelstrudel« weiterzureichen.

Darüber hinaus tut es mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir weder »Willkommenspartys für Zugereiste« veranstalten noch entsprechende Werbegeschenke verteilen. Auch nicht Zahnweißer-Kits, damit Sie »nicht unangenehm auffallen«. Dennoch wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihren bevorstehenden Umzug nach L. A.

Vielen Dank für Ihr Interesse

Sally E. SanSanto

Beraterin Kundenservice

1

Okay. Keine Panik. Keine Panik.

Irgendwie komme ich hier schon wieder raus. Bestimmt. Es ist ja nicht so, als wäre ich in diesem grässlichen engen Raum gefangen, hoffnungslos, für immer – oder?

So ruhig wie möglich schätze ich die Lage ein. Meine Rippen sind dermaßen eingequetscht, dass ich kaum Luft bekomme, und mein linkerArm klemmt hinterm Rücken fest. Die Erfinder dieser hochelastischen, extrem haltgebenden Synthetikfaser wussten, was sie taten. Mein rechterArm steht in genauso ungesundemWinkel ab, und wenn ich versuche, dieArme auszustrecken, schneidet mir der Stoff ins Handgelenk. Ich stecke fest. Ich kann nichts machen.

Im Spiegel sehe ich mein Gesicht, aschfahl, unglücklich. Schwarz schimmernde Bänder laufen kreuz und quer über meineArme. Sollte eins davon vielleicht einTräger sein? Gehört dieses netzartige Zeug um dieTaille?

O Gott. Ich hätte niemals Größe 34 anprobieren sollen.

»Kommen Sie da drinnen zurecht?«

Ich schrecke zusammen. Es ist Mindy, dieVerkäuferin, draußen vor der verhängten Kabine. Mindy ist groß und schlank, mit durchtrainierten Oberschenkeln. Sie sieht aus, als würde sie jedenTag einen Berg raufrennen und hätte noch nie was von KitKat gehört.

Dreimal hat sie mich schon gefragt, ob ich zurechtkomme, und jedes Mal habe ich schrill gerufen: »Alles super, danke!« Doch langsam weiß ich nicht mehr weiter. Inzwischen ringe ich seit zehn Minuten mit diesem figurformenden Schlankstütz-Langarm-Body. Ich kann die Frau nicht ewig hinhalten.

»Unglaublich, nicht?«, sagt Mindy begeistert. »Dieser Stoff gibt dreimal so viel Halt wie normales Elastan. Man verliert eine ganze Größe, stimmt’s?«

Möglich, aber außerdem verliere ich mein halbes Lungenvolumen.

»Finden Sie sich mit denTrägern zurecht?«, höre ich Mindys Stimme. »Soll ich in die Kabine kommen, um Ihnen zu helfen?«

In die Kabine kommen? Nie im Leben lasse ich zu, dass hier eine große, braun gebrannte, sportlicheAngelena reinkommt und meine Cellulitis sieht.

»Nein, es geht schon, danke!«, rufe ich schrill.

»Brauchen Sie Hilfe beimAusziehen?«, versucht sie es noch mal. »Manche Kundinnen haben damit anfangs so ihre Probleme.«

Ich sehe förmlich vor mir, wie ich mich amTresen festhalte und Mindy sich alle Mühe gibt, mich aus dem Schlankstütz-Langarm-Body zu befreien, während wir beide vorAnstrengung keuchen und schwitzen und Mindy insgeheim denkt: Ich wusste doch, dass englische Frauen fette Kühe sind!

Niemals. Im Leben nicht. Mir bleibt nur noch eine Möglichkeit. Ich muss dieses Ding kaufen. Egal, was es kostet.

Ich reiße mit aller Kraft daran und schaffe es, zwei derTräger auf meine Schultern schnappen zu lassen. So ist es besser. Ich sehe aus wie ein gefesseltes Huhn, aber wenigstens kann ich meineArme bewegen. Sobald ich wieder im Hotel bin, schneide ich mir das Ding mit der Nagelschere vom Leib und werfe es in den Müll, damit Luke es nicht finden und mich fragen kann:Was ist das? Oder: Du meinst, du hast es gekauft, obwohl du wusstest, dass es dir nicht passt? Oder irgendetwas ähnlich Provozierendes.

Luke ist mein Mann, und nur seinetwegen stehe ich hier in einem Sportbekleidungsgeschäft in L. A.Wir ziehen demnächst für seineArbeit nach LosAngeles und suchen zum nächstmöglichen Zeitpunkt ein Haus. Darum dreht sich dieseWoche alles: Immobilien, Häuser, Gärten, Mietverträge. Das volle Programm. Ich bin nur zwischen zwei Besichtigungsterminen ganz, ganz schnell mal rüber zum Rodeo Drive.

Na gut, okay. InWahrheit habe ich dafür extra einen Besichtigungstermin abgesagt.Aber es musste sein. Ich habe einen guten Grund, mir kurzfristig Sportsachen zu kaufen, weil ich nämlich morgen an einem Rennen teilnehme.An einem echten Rennen! Ich!

Ich packe meine Klamotten zusammen, schnappe mir meineTasche und trete etwas steif aus der Kabine. Mindy steht ganz in der Nähe.

»Wow!« Sie klingt entzückt, doch ihreAugen sprechen eine andere Sprache. »Das ist ja …«, sie hustet, »… enorm. Ist Ihnen der Body nicht zu … eng?«

»Nein, er passt perfekt«, sage ich und versuche mich an einem unbeschwerten Lächeln. »Ich nehme ihn.«

»Wunderbar!« Sie kann ihr Erstaunen kaum verbergen. »Dann seien Sie doch so nett, ihn auszuziehen, dann kann ich ihn scannen und einpacken …«

»Wissen Sie was?« Ich gebe mir Mühe, nonchalant zu klingen. »Ich behalte ihn gleich an. Könnten Sie meine Sachen in eineTüte packen?«

»Gern«, erwidert Mindy. Es folgt eine lange Pause. »Sind Sie sicher, dass Sie nicht lieber Größe 36 probieren wollen?«

»Nein! Größe 34 sitzt perfekt!Total bequem!«

»Okay«, sagt Mindy nach längerem Schweigen. »Wie Sie meinen. Das macht dann dreiundachtzig Dollar.« Sie scannt den Barcode auf dem Zettel, der an meinem Hals hängt, und ich taste nach meiner Kreditkarte. »Sie joggen gern, was?«

»Ich nehme sogar morgen amTen Miler teil.«

»Ach was!« Beeindruckt blickt sie auf, und ich gebe mich lässig, bescheiden. DasTen Miler ist nicht irgendein Rennen. Es ist das Rennen. Es wird jedes Jahr in L. A. veranstaltet, und berühmte Stars laufen reihenweise mit. Selbst E! berichtet darüber! Und ich bin dabei!

»Wie sind Sie an einen Startplatz gekommen?«, fragt Mindy neidisch. »Ich bewerbe mich jedes Jahr für dieses Rennen.«

»Na ja …« Ich mache eine Pause, genieße den Moment. »Ich bin imTeam von Sage Seymour.«

»Wow.« Ihr Mund bleibt offen stehen, und ich spüre einen leisenAnflug von Häme. Es stimmt! Ich, Becky Brandon (geborene Bloomwood) laufe imTeam eines echten Filmstars!Wir werden gemeinsam Lockerungsübungen machen!Wir werden dieselben Kappen tragen!Wir werden in UsWeekly sein!

»Sie sind Engländerin, stimmt’s?«, unterbricht Mindy mich in meinen Gedanken.

»Ja, aber ich ziehe demnächst hierher. Ich bin hier, um mir mit meinem Mann Häuser anzusehen. Er hat eine PR-Firma und arbeitet für Sage Seymour«, kann ich mir vor Stolz nicht verkneifen.

Mindy ist zunehmend beeindruckt. »Dann sind Sie mit Sage Seymour sozusagen befreundet?«

Ich spiele an meiner Handtasche herum, zögere dieAntwort hinaus. DieWahrheit ist, dass Sage Seymour und ich nicht wirklich befreundet sind. Ich habe sie noch nicht einmal kennengelernt.Was total unfair ist. Luke arbeitet nun schon eine Ewigkeit für sie, und ich war bereits für einVorstellungsgespräch in L. A. und bin jetzt wieder hier, um ein Haus und einen Kindergartenplatz für unsereTochter Minnie zu finden – aber habe ich Sage bisher auch nur zu sehen bekommen?

Als Luke sagte, er würde für Sage Seymour arbeiten und wir würden nach Hollywood ziehen, dachte ich, wir sehen sie jedenTag. Ich dachte, wir würden an ihrem pinkfarbenen Pool herumfläzen, dieselben Sonnenbrillen tragen und gemeinsam zur Pediküre gehen.Aber selbst Luke kriegt sie offenbar kaum zu sehen. Er hat nur den ganzenTag lang Meetings mit Managern undAgenten und Produzenten. Er sagt, er muss sich im Filmgeschäft erst zurechtfinden, und da gibt es viel zu lernen.Was ich mir gut vorstellen kann, denn bisher hat er nur Finanzfirmen und Großkonzerne beraten.Aber muss er denn dermaßen wenig Sinn für Stars und Sternchen haben?Als ich neulich nur ein kleines bisschen frustriert war, sagte er: »Meine Güte, Becky, wir tun diesen Riesenschritt doch nicht nur, um Promis kennenzulernen.«Aus seinem Mund klang dasWort Promis wie Ohrkneifer. Er begreift überhaupt nichts.

DasTolle an Luke und mir ist, dass wir uns bei fast allem im Leben einig sind, und deshalb sind wir auch so glücklich verheiratet.Aber es gibt doch ein paar Kleinigkeiten, bei denen unsere Meinungen auseinandergehen. Zum Beispiel:

Kataloge. (Die sind kein »Kram«. Sie sind nützlich. Man weiß nie, wann man eine personalisierte Schiefertafel mit einem süßen kleinen Kreideeimer brauchen kann.Außerdem blättere ich zum Einschlafen gern darin herum.)Schuhe. (Alle meine Schuhe in ihren Originalkartons aufzubewahren ist nicht albern, sondern vorausschauend. EinesTages werden sie wieder modern sein, und dann kann Minnie sie tragen. Und bis dahin muss er eben aufpassen, wo er hintritt.)Elinor, seine Mutter. (Lange, lange Geschichte.)Stars und Sternchen.

Ich meine, wir sind hier in L. A. Der Heimat der Filmstars. Die sind hier das lokale Naturphänomen. Jeder weiß, dass man nach L. A. fliegt, um Filmstars zu begegnen, so wie man nach Sri Lanka fliegt, um Elefanten zu begegnen.

Aber Luke stockte nicht derAtem, als erTom Hanks in der Lobby des BeverlyWishire sah. Er zuckte mit keinerWimper, als Halle Berry imThe Ivy dreiTische weiter saß (ich glaube, es war Halle Berry). Es berührte ihn kein bisschen, dass wir ReeseWitherspoon auf der anderen Straßenseite gesehen haben. (Ich bin mir ganz sicher, dass es ReeseWitherspoon war. Sie hatte genau dieselbe Frisur.)

Und er spricht von Sage, als wäre sie nur eine ganz normale Klientin.Als wäre sie eine Investmentbank.Angeblich weiß sie es zu schätzen, dass er mit dem ganzen Zirkus nichts zu tun hat. Und dann meint er noch, dass ich von dem ganzen Hollywood-Trara doch etwas übertrieben begeistert bin.Was total nicht stimmt. Ich bin nicht übertrieben begeistert. Ich bin genau angemessen begeistert.

Aber insgeheim bin ich auch von Sage enttäuscht. Ich meine, okay, wir kennen uns eigentlich gar nicht, aber immerhin haben wir schon miteinander telefoniert, als sie mir mit meiner Überraschungsparty für Luke geholfen hat. (Obwohl sie inzwischen eine neue Nummer hat, die Luke nicht herausrücken will.) Ich hätte ja gedacht, sie würde sich mal melden oder mich zu sich nach Hause einladen oder so.

Wie dem auch sei. Heute wird alles gut. Ich will ja nicht prahlen, aber ich habe es einzig und allein meinem flinken Geist zu verdanken, dass ich an diesemTen-Miler-Rennen teilnehme. Gestern habe ich zufällig einen Blick über Lukes Schulter auf sein Notebook geworfen, als gerade eine Rundmail von Sages ManagerAran kam. Betreff:Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dann: Liebe Freunde, aufgrund einer verletzungsbedingtenAbsage ist kurzfristig ein Platz imTen-Miler-Team frei geworden – hat jemand Interesse, mitzulaufen und Sage zu unterstützen?

Bevor mir überhaupt bewusst war, dass ich mich vorgebeugt hatte, tippten meine Finger: Unbedingt! Ich würde liebend gern mit Sage laufen! Liebe Grüße, Becky Brandon.

Okay, vielleicht hätte ich mit Luke sprechen sollen, bevor ich auf »Senden« drückte.Aber es hieß: »Wer zuerst kommt, mahlt zuerst«.Also musste ich schnell handeln.

Luke starrte mich nur an und sagte: »Bist du verrückt geworden?« Dann fing er davon an, es sei ein Rennen für echteAthleten und wer denn eigentlich mein Sponsor sei und ob ich überhaupt Laufschuhe besäße. Mal ehrlich. Er könnte mich ruhig etwas mehr unterstützen.

Obwohl er mit den Laufschuhen natürlich recht hat.

»Und sind Sie auch im Filmgeschäft?«, fragt Mindy, als sie mir die Quittung zum Unterschreiben hinlegt.

»Nein, ich bin Stilberaterin.«

»Ach so.Wo denn?«

»Bei … also bei … Dalawear.«

»Oh.« Sie wirkt betroffen. »Sie meinen diesen Laden für …«

»Ältere Frauen. Ja.« Ich hebe mein Kinn. »Ein toller Laden.Wirklich spannend. Ich kann es kaum erwarten!«

Ich bin superpositiv, was diesen Job angeht, selbst wenn er nicht genau das ist, was ich mir erträumt hatte. Dalawear verkauft »Easy Wear-Kleidung« für Damen, »die Komfort statt Stil suchen«. (So steht es allen Ernstes auf dem Plakat.Vielleicht sollte ich sie überreden, es zu ändern in: »Komfort und Stil«.) BeimVorstellungsgespräch redete die Frau ständig über elastische Bünde und waschbare Stoffe, aber kein einziges Mal über Modethemen. Oder Mode überhaupt.

DieWahrheit ist, dass in L. A. für eine frisch zugezogene Engländerin kurzfristig nicht allzu viele Jobs als Stilberaterin zurVerfügung stehen. Besonders für eine Engländerin, die möglicherweise nur drei Monate im Land bleibt. Dalawear war der einzige Laden, der überhaupt eine freie Stelle hatte, weil jemand in den Mutterschaftsurlaub geht. Das Bewerbungsgespräch habe ich gerockt – auch wenn man sich nicht selbst loben soll. Ich war dermaßen begeistert von ihren geblümten »Allzweck-Hemdblusenkleidern«, dass ich mir fast selbst eins gekauft hätte.

»Könnte ich bei Ihnen auch ein Paar Laufschuhe bekommen?« Ich wechsle dasThema. »In diesen hier kann ich ja wohl kaum antreten.« Lachend deute ich auf meine Marc-Jacobs-Kitten-Heels. (Zur Information: Einmal habe ich mit solchen Schuhen tatsächlich einen echten Berg erklommen.Aber als ich das gestern Luke gegenüber als Beweis meiner athletischen Fähigkeiten anführte, schüttelte er sich und meinte, diesenVorfall hätte er komplett aus seiner Erinnerung gelöscht.)

»Okay.« Mindy nickt. »Dafür sollten Sie zu Pump! gehen, unserem Sportfachgeschäft. Das ist gleich gegenüber. Da gibt es Schuhe,Ausrüstung, Pulsmessgeräte … Haben Sie in England eine biomechanische Untersuchung vornehmen lassen?«

Leeren Blickes starre ich sie an. Eine bio-was?

»Lassen Sie sich von den Leuten drüben beraten! Die werden Sie ausstatten.« Sie reicht mir dieTüte mit meinen Sachen. »Sie müssen ja superfit sein. Ich hab mal mit Sage Seymours Physio trainiert. Die war echt hardcore. Und man hört so einiges über das strikteTrainingsprogramm.Waren Sie dafür nicht extra inArizona?«

Dieses Gespräch fängt an, mich ein wenig zu beunruhigen. Hardcore?Trainingsprogramm? Egal, ich darf mich nicht verunsichern lassen. Ich bin absolut fit genug, um ein Rennen mitzulaufen, selbst wenn es in L. A. stattfindet.

»Ich habe nicht wirklich amTrainingsprogramm teilgenommen«, räume ich ein. »Aber selbstverständlich habe ich mein eigenes – äh … Cardio… Programm… Dingsbums.«

Es wird schon gehen. Ich soll nur rennen.Wie schwer kann das sein?

Draußen auf dem Rodeo Drive spüre ich, wie mich in der warmen Frühlingsluft ein Hochgefühl durchweht. Das Leben in L. A. wird mir gefallen, ich weiß es genau.Alles, was man sich erzählt, stimmt. Die Sonne scheint, die Leute haben strahlend weiße Zähne, und die Häuser sehen aus wie Filmsets. Ich habe mir mehrere Häuser angesehen, und alle haben einen Pool.Als wäre ein Pool so normal wie ein Kühlschrank.

Die Straße um mich herum glitzert vor lauter Glamour.Teure Läden und tadellose Palmen und reihenweise teuer aussehendeAutos.Autos sind hier etwas völlig anderes. Die Leute fahren in ihren farbenfrohen Cabrios mit offenemVerdeck herum und sehen dabei entspannt und freundlich aus, als könnte man hinüberschlendern und mit ihnen plaudern, wenn sie an derAmpel stehen, ganz im Gegensatz zu London, wo jeder in seiner versiegelten Blechkiste sitzt und den Regen verflucht.

Die Sonne spiegelt sich in den Schaufenstern und Sonnenbrillen undArmbanduhren der Leute. Draußen vor Dolce & Gabbana stopft eine Frau einen HaufenTüten in ihrenWagen, und sie sieht aus wie Julia Roberts, nur mit blonderen Haaren. Und etwas kleiner.Aber davon abgesehen genau wie Julia Roberts!Auf dem Rodeo Drive!

Gerade schleiche ich mich an, um zu sehen, was fürTüten sie hat, als mein Handy summt. Ich hole es hervor und sehe Gayle auf dem Display. Gayle ist meine neue Chefin bei Dalawear.Wir sind für morgen früh verabredet.

»Hi, Gayle!«, sage ich professionell gut gelaunt. »Haben Sie meine Nachricht bekommen? Sehen wir uns morgen?«

»Hi, Rebecca. Ja, hier bei uns ist alles in Ordnung …« Sie macht eine Pause. »Bis auf eine Kleinigkeit.Wir haben Ihre Empfehlung von Danny Kovitz immer noch nicht bekommen.«

»Ach herrje.« Mist. Danny ist einer meiner besten Freunde und ein ziemlich berühmter Modedesigner. Er hat versprochen, mir eine Empfehlung für Dalawear zu schreiben, aber das ist schon ein paarWochen her, und er hat es nicht gemacht. Gestern habe ich ihm eine Nachricht geschickt, und er hat versprochen, innerhalb der nächsten Stunde eine Mail zu schreiben. Ich kann nicht glauben, dass immer noch nichts passiert ist.

Das stimmt so eigentlich nicht. Ich kann es sehr wohl glauben.

»Ich rufe ihn gleich an«, verspreche ich. »Tut mir leid.«

Ich hätte Danny nie darum bitten sollen.Aber ich dachte, es klingt cool, wenn ich einen angesagten Modedesigner in meiner Bewerbung erwähne. Und es hat sicher auch genützt. Beim Bewerbungsgespräch wurde ich dauernd darauf angesprochen.

»Rebecca …« Gayle zögert. »Kennen Sie Mr Kovitz? Sind Sie ihm schon mal begegnet?«

Sie glaubt mir nicht?

»Natürlich kenne ich ihn! Lassen Sie mich nur machen. Ich besorge die Empfehlung. Dass sie noch nicht da ist, tut mir wirklich leid. Bis morgen.«

Ich beende denAnruf, drücke Dannys Kurzwahl und versuche, die Ruhe zu bewahren. Es hat keinen Sinn, auf Danny sauer zu sein. Er windet sich dann nur und wird ganz traurig.

»O mein Gott, Becky.« Danny klingt, als wären wir mitten im Gespräch. »Du glaubst ja nicht, was ich für diese Reise alles brauche.Wer hätte gedacht, dass es tiefgefrorene Lasagne gibt? Und ich habe einen herzallerliebstenTeekessel gefunden. So einen musst du haben!«

Deshalb ist Danny im Moment noch fahriger als sonst. Er bereitet sich auf dieTeilnahme an einer Promi-Wohltätigkeits-Expedition übers Grönlandeis vor.Alle – wirklich alle – haben ihm gesagt, dass er spinnt, aber er ist wild entschlossen. Immer wieder sagt er, dass er »etwas zurückgeben will«, aber wir wissen alle, dass er es macht, weil er auf Damon steht, den Leadsänger von BoyzAbout, der ebenfalls teilnimmt.

Allerdings weiß ich nicht so recht, wie man sich auf einer Grönlandexpedition an jemanden ranmachen will. Ich meine, kann man sich denn überhaupt küssen? Kleben die Lippen in der eiskalten Luft zusammen?Wie machen die Eskimos das?

»Danny«, sage ich ernst und reiße mich von derVorstellung zweier Eskimos los, die an ihrem Hochzeitstag zusammenkleben und verzweifelt mit denArmen rudern. »Danny, was ist mit meinem Empfehlungsschreiben?«

»InArbeit«, sagt Danny prompt. »Ich bin dabei.Wie vieleThermounterhosen sollte ich einpacken?«

»Du bist überhaupt nicht dabei! Du hast gestern versprochen, es mir zu schicken! Morgen habe ich einenTermin bei denen, und die wollen mir nicht mal glauben, dass ich dich kenne!«

»Aber natürlich kennst du mich«, sagt er, als wäre ich blöd.

»Aber das wissen sie nicht! Es ist meine einzige Chance auf einen Job in L. A., und ich brauche eine Empfehlung. Danny, wenn du nicht kannst, sag es einfach, dann bitte ich jemand anders.«

»Jemand anders?« Nur Danny kann dermaßen tödlich gekränkt klingen, wenn er im Unrecht ist. »Warum solltest du jemand anders darum bitten?«

»Weil der es vielleicht tatsächlich tut!«, seufze ich und gebe mir Mühe, nicht laut zu werden. »Hör mal, du brauchst nur eine kleine E-Mail zu schreiben.Wenn du willst, diktiere ich sie dir. Liebe Gayle, ich kann Ihnen Rebecca Brandon als Stilberaterin empfehlen. Mit freundlichen Grüßen, Danny Kovitz.Am anderen Ende der Leitung bleibt es still, und ich frage mich, ob er sich Notizen macht. »Hast du das mitbekommen? Hast du es dir aufgeschrieben?«

»Nein, ich habe es mir nicht aufgeschrieben.« Danny klingt pikiert. »Das ist die mieseste Empfehlung, die ich je gehört habe. Glaubst du, mehr hätte ich über dich nicht zu sagen?«

»Na ja …«

»Ich spreche keine persönliche Empfehlung aus, die ich nicht ernst meine.An der ich nicht ausgiebig gefeilt habe. Ein Empfehlungsschreiben ist eine Kunstform.«

»Aber …«

»Du willst eine Empfehlung? Dann komme ich und gebe dir deine Empfehlung.«

»Wie meinst du das?«, frage ich verdutzt.

»Ich werde bestimmt nicht drei lausige Zeilen per Mail schicken. Ich komme nach L. A.«

»Du kannst doch nicht extra nach L. A. kommen, nur um mich jemandem zu empfehlen!« Ich muss lachen. »Wo bist du eigentlich? New York?«

Seit Danny groß rausgekommen ist, weiß man nie, wo er sich gerade herumtreibt.Allein in diesem Jahr hat er schon drei neue Showrooms eröffnet, sogar einen im Beverly Center hier in L. A. Man sollte meinen, dass er damit genug zu tun hat, aber ständig kundschaftet er neue Städte aus oder geht auf »inspirative Recherchetrips« (Urlaub).

»San Francisco. Ich wollte sowieso rüberkommen. Ich brauche noch Sunblocker. Meinen Sunblocker kaufe ich immer in L. A. Schick mir eine SMS mit derAdresse. Ich werde da sein.«

»Aber …«

»Das wird bestimmt super. Du kannst mir helfen, einen Namen für meinen Husky auszusuchen. Jeder von uns soll die Patenschaft für einen Hund übernehmen, aber vielleicht übernehme ich die ganze Meute. Diese Erfahrung wird mein Leben verändern …«

Wenn Danny erst mal von Erfahrungen anfängt, die das Leben verändern, ist er schwer zu bremsen. Ich beschließe, ihm zwanzig Minuten über Grönland zuzuhören.Vielleicht fünfundzwanzig.Aber dann muss ich los, um mir meine Laufschuhe zu kaufen.

2

Okay, ich besitze die offiziell coolsten Laufschuhe derWelt. Sie sind silber mit orangefarbenen Streifen, und sie sind aus Mesh-Stoff und haben so Gelelemente.Am liebsten würde ich sie den ganzenTag tragen.

Dieses Sportgeschäft ist unglaublich! Hier kauft man seine Joggingschuhe nicht mal eben so. Man zieht sie nicht einfach an und läuft herum und sagt: Die nehme ich, um dann noch sechs Paar Sportsocken in seinen Korb zu werfen, weil sie imAngebot sind. O nein.Alles ist sehr technisch. Man absolviert einen speziellenTest auf einem Laufband, und dann machen sie einVideo und erklären dir alles über deinen »Gang«, und dann finden sie die perfekte Lösung für deine athletischen Bedürfnisse.

Wieso machen die so was nicht bei Jimmy Choo? Die sollten einen kleinen Catwalk haben, über den man zu cooler Musik durch ein Blitzlichtgewitter schreitet, und davon machen sie dann einVideo. Und ein Experte erklärt: Ich finde, die schwarz-weißen Stilettos passen perfekt zu Ihrem atemberaubenden Supermodel-Gang. Und dann nimmt man dasVideo mit nach Hause, um es seinen Freundinnen zu zeigen. Das muss ich denen unbedingt vorschlagen, wenn ich das nächste Mal da bin.

»Hier ist also der Pulsmesser, von dem ich Ihnen erzählt habe.« Kai, der Kundenberater, kommt mit einem kleinenArmband aus Metall und Gummi wieder. »Wie gesagt, es ist unser diskretestes Modell, ganz neu auf dem Markt. Ich bin gespannt, wie Sie es finden.«

»Cool!« Ich strahle ihn an und schnalle mir das Ding ums Handgelenk.

Kai hat gefragt, ob ich an einer Kundenstudie dieses neuen Pulsmessers teilnehmen möchte.Warum nicht? Der einzig haarige Moment war, als er fragte, welchen Pulsmesser ich momentan verwende. Ich wollte nicht »keinen« antworten, und als ich dann »Curve« sagte, fiel mir ein, dass das Lukes neues Blackberry war.

»Möchten Sie noch etwas Kokoswasser, bevor Sie anfangen?«

Noch etwas Kokoswasser. Das ist typisch L. A.Alles an diesem Laden ist typisch L. A. Kai ist wohlgeformt und braun gebrannt und hat den optimalen Dreitagebart und türkis leuchtendeAugen, was bestimmt an seinen Linsen liegt. Er sieht Jared Leto dermaßen ähnlich, dass ich mich frage, ob er mit einem Foto aus UsWeekly zum Schönheitschirurgen gegangen ist und gesagt hat: »So will ich aussehen.«

Einiges hat er bereits fallen lassen: 1. Er hat schon mal für Sports Illustrated Modell gestanden. 2. Er schreibt an einem Drehbuch über einen Sportbekleidungsberater, der zum Filmstar wird. 3. Er hat dreimal hintereinander den Preis für die schönste Männerbrust von Ohio gewonnen und sie sich extra versichern lassen. Es dauerte keine dreißig Sekunden, da hat er mich schon gefragt, ob ich im Filmgeschäft arbeite, und als ich sagte, ich nicht, aber mein Mann, gab er mir seine Karte und meinte: »Ich würde mich gern mal mit ihm treffen, um ein Projekt zu besprechen, an dem er möglicherweise interessiert sein könnte.« Bei derVorstellung, dass Kai und Luke an einemTisch sitzen und über seine Brustmuskulatur plaudern, pruste ich mein Kokoswasser aus.

»Wenn Sie dann so freundlich wären, hier heraufzukommen.« Kai geleitet mich aufs Laufband. »Ich zeichne Ihre Herzfrequenz auf, also werden wir diese mit ein paar Übungen anheben und dann mit Ruhephasen wieder absenken.Tun Sie einfach das, was das Laufband Ihnen vorgibt.«

»Wunderbar!«Als ich hinaufsteige, bemerke ich zweiVerkäuferinnen, die einen riesigen Ständer mitTrainingsbekleidung durch den Laden schieben.Wow. Die sieht ja toll aus – alle möglichen Lila- und Grautöne mit abstrakten Logos und wirklich interessanten Schnitten.

»Was ist das?«, frage ich Kai, während das Laufband langsam anfährt.

»Ach.« Ohne großes Interesse blickt er auf. »Das ist aus unserem Schnäppchenmarkt.«

Schnäppchenmarkt? Keiner hat mir gesagt, dass es hier einen Schnäppchenmarkt gibt.Wieso weiß ich nichts von dem Schnäppchenmarkt?

»Seltsam.« Er betrachtet den Computerbildschirm. »Ihre Herzfrequenz ist eben angestiegen, und dabei haben wir noch gar nicht richtig angefangen. Na, gut.« Er zuckt mit den Schultern. »Machen wir weiter.«

Das Laufband legt einen Zahn zu, und ich gehe entsprechend schneller.Aber der Kleiderständer lenkt mich ab, weil eineVerkäuferin Sonderangebotsschilder an die einzelnen Kleider hängt! Ich entdecke ein Schild mit derAufschrift »70 % billiger« und mache einen langen Hals, um nachzusehen, woran es hängt. Ist das einT-Shirt? Oder ein Minikleid? Oder …

O mein Gott, sieh dir die Strickjacke an! Unwillkürlich stöhne ich auf. Die ist traumhaft. Sie ist lang und scheint aus grauem Kaschmir zu sein, mit einem überdimensionalen pinkfarbenen Reißverschluss über die ganzeVorder- und Rückseite. EinTraum!

»Dann ruhen wir uns einen Moment aus.« Kai konzentriert sich auf seinen Bildschirm. »Bisher machen Sie sich super.«

Das Laufband wird langsamer, aber ich merke es kaum. Plötzlich überfällt mich leise Panik. Zwei Mädchen kommen an dem Ständer vorbei und stürzen sich begeistert darauf. Ich kann hören, wie sie vor Freude quieken, sich gegenseitig Sachen zeigen und sie in ihre Körbe werfen. Die nehmen alles mit! Ich kann es nicht fassen. Da drüben findet derAusverkauf des Jahrhunderts statt, kaum zehn Meter weiter, und ich stehe auf diesem Laufband herum. Solange sie nur die Strickjacke nicht finden. Im Stillen bete ich vor mich hin: Bitte nicht die Strickjacke …

»Okay, das ist seltsam.« Stirnrunzelnd starrt Kai auf seinen Bildschirm. »Halten wir denTest kurz an.«

»Tut mir leid, ich muss los!«, keuche ich, schnappe mir meine Handtasche und den Einkaufskorb. »Danke. Sollte ich einen Pulsmesser brauchen, nehme ich auf jeden Fall den hier, aber jetzt muss ich wirklich …«

»Rebecca, wurden bei Ihnen je Herzrhythmusstörungen festgestellt? Ein Herzfehler? Irgendwas in derArt?«

»Nein.«Abrupt halte ich inne. »Wieso? Haben Sie was festgestellt?« Macht erWitze? Nein, seine Miene ist ernst. Er macht keineWitze. Plötzlich packt mich dieAngst.Was habe ich? O mein Gott, ich werde mich auf der Gesundheitsseite der Daily Mail wiederfinden. Meine seltene Herzkrankheit wurde bei einem simplenTest in einem Sportgeschäft festgestellt. Shopping hat mir das Leben gerettet, sagt Rebecca Brandon …

»Ihr Herzschlag war sehr untypisch. Das Gerät hat reagiert, aber nicht in den Momenten, die ich erwartet hatte. Zum Beispiel als Sie sich ausgeruht haben.«

»Oh«, sage ich erschrocken. »Ist das schlimm?«

»Nicht unbedingt. Das hängt von mancherlei ab.Vom allgemeinen Gesundheitszustand Ihres Herzens, von Ihrer Cardio-Fitness …«

Während er redet, wandert mein Blick wieder zum Sonderangebotsständer hinüber, und entsetzt muss ich mit ansehen, dass eines der Mädchen meine Strickjacke in der Hand hält. Nein! Neeeiiin! Leg sie weg!

»Eben ist es schon wieder passiert!«, sagt Kai plötzlich aufgeregt und deutet auf den Bildschirm. »Sehen Sie? Ihr Puls spielt richtig verrückt!«

Ich starre Kai an, dann den Bildschirm und dann die Strickjacke mit dem neonpinken Reißverschluss. O Gott, ist mein Puls deswegen so hochgegangen?

Wie peinlich. Dummes, albernes Herz. Ich merke, dass ich knallrot werde, und wende mich eilig von Kai ab.

»Nun denn!«, sage ich mit zitternder Stimme. »Ich habe keinen Schimmer, was da los war. Nicht den leisesten! Mal wieder so ein Mysterium. Mysterien des Herzens. Haha!«

»Oh. Okay.« Kai macht ein Gesicht, als würde er das kennen. »Ich glaube, ich verstehe. Das habe ich schon öfter erlebt.«

»Was erlebt?«

»Okay, es ist etwas peinlich …« Er schenkt mir ein strahlendes Lächeln. »Es lag daran, dass Sie sich körperlich von mir angezogen fühlen, stimmt’s? Es muss Ihnen nicht peinlich sein. Das ist normal. Deshalb musste ich meinen Job als PersonalTrainer aufgeben. Manche Klientinnen waren geradezu … ich weiß nicht, ist verzaubert das richtigeWort?« Selbstgefällig betrachtet er sich im Spiegel. »Sie haben mich angesehen und die Kontrolle über sich verloren. Habe ich recht?«

»Eigentlich nicht«, erwidere ich ehrlich.

»Rebecca.« Kai seufzt. »Ich weiß, es ist unangenehm, so etwas zuzugeben, aber glauben Sie mir: Sie sind nicht die einzige Frau, der ich gefalle …«

»Aber ich habe Sie gar nicht angesehen«, erkläre ich. »Ich habe mir die Strickjacke angesehen.«

»Eine Strickjacke?« Kai zupft verwundert an seinemT-Shirt. »Aber ich trage doch gar keine.«

»Ich weiß. Sie ist da drüben. Sie ist reduziert.« Ich deute darauf. »Die habe ich angesehen, nicht Sie. Ich zeige sie Ihnen.« Ich nutze die Gelegenheit, kurz hinüberzulaufen und mir die Jacke zu schnappen, die das Mädchen Gott sei Dank wieder an den Ständer gehängt hat. Superweich fühlt sie sich an, und der Reißverschluss ist genial, und sie ist um 70 % reduziert! Bestimmt rast mein Herz schon wieder, nur weil ich sie in der Hand halte.

»Ist sie nicht zauberhaft?«, schwärme ich, als ich wieder zu Kai gehe. »Ist die nicht toll?« Plötzlich wird mir bewusst, dass ich nicht gerade taktvoll bin. »Ich meine, Sie sehen auch sehr gut aus«, füge ich aufmunternd hinzu. »Bestimmt würde ich mich zu Ihnen hingezogen fühlen, wäre da nicht diese Strickjacke.«

Eine kurze Pause entsteht. Offen gesagt, wirkt Kai ein wenig verdutzt. Selbst seine türkisen Kontaktlinsen scheinen nicht mehr so zu leuchten.

»Sie würden sich zu mir hingezogen fühlen, wäre da nicht diese Strickjacke«, wiederholt er schließlich.

»Selbstverständlich«, sage ich begütigend. »Vermutlich wäre ich verzaubert, genau wie diese Klientinnen von Ihnen. Es sei denn, Sie müssten mit noch anderen tollen Kleidern konkurrieren«, füge ich ehrlicherweise hinzu. »Zum Beispiel mit einem um 99 % reduzierten Chanel-Kostüm. Ich glaube, dagegen käme kein Mann an!« Ich lache auf, doch Kais Miene ist erstarrt.

»Ich musste noch nie mit Klamotten konkurrieren«, sagt er wie zu sich selbst. »Klamotten.«

Mir fällt auf, dass dieAtmosphäre nicht mehr ganz so leicht und locker ist wie vorher. Ich glaube, ich sollte einfach zur Kasse gehen und meine Schuhe bezahlen.

»Danke jedenfalls für den Herztest!«, sage ich fröhlich und lege die Manschette ab. »Und viel Erfolg mit Ihrer Brustmuskulatur!«

Ehrlich.Was für ein Fatzke dieser Kai ist. Ich weiß, er hat faszinierend türkiseAugen und einen tollen Körper, aber schließlich hat er keinen Reißverschluss, oder?Viele Männer haben faszinierend blaueAugen, aber nur eine Strickjacke hat einen coolen, überdimensionalen knallpinkfarbenen Zipper. Und wenn er glaubt, er musste noch nie mit Klamotten konkurrieren, dann haben seine Freundinnen ihn angelogen. Jede Frau auf derWelt denkt beim Sex manchmal an Schuhe. Das ist eine nachgewieseneTatsache.

Egal. Denk nicht an den blöden Kai. Schließlich besitze ich die besten, schnittigsten Laufschuhe derWelt. Okay, sie kosten 400 Dollar, was nicht wenig ist, aber ich muss sie als Investition in meine Karriere betrachten. In mein Leben.

»Ich packe sie Ihnen eben ein«, sagt dieVerkäuferin, und ich nicke gedankenverloren. Ich stelle mir vor, wie ich mit Sage am Start des Rennens stehe und sie einen Blick auf meine Füße wirft und sagt: coole Schuhe.

Ich werde sie freundlich anlächeln und lässig antworten: Danke.

Dann wird sie sagen: Luke hat mir nie erzählt, dass du so sportbegeistert bist, Becky.

Und ich werde sagen:Aber klar! Ich liebe das Laufen. (Was noch nicht so ganz derWahrheit entspricht, aber das kommt bestimmt noch. Sobald ich losgelaufen bin, setzen die Endorphine ein, und wahrscheinlich werde ich süchtig danach.)

Dann wird Sage sagen: Hey, wir sollten zusammen trainieren!Treffen wir uns doch jeden Morgen.

Und ich werde sagen: Gern, sehr nonchalant.

Dann wird sie sagen: Ich trainiere mit ein paar Freundinnen. Du wirst sie mögen. Kennst du Kate Hudson und Drew Barrymore und Cameron Diaz und …?

»Bezahlen Sie bar oder mit Karte, Ma’am?«

Ich blinzle dieVerkäuferin an und suche nach meiner Kreditkarte. »Oh. Moment. Mit Karte.«

»Und haben Sie sich eineTrinkflasche ausgesucht?«, fügt dieVerkäuferin hinzu.

»Verzeihung?«

»Zu jedem Schuhkauf bieten wir eine kostenloseTrinkflasche an.« Sie deutet auf ein Plakat.

Ah. Diese 400 Dollar scheinen mir immer lohnender.

»Ich werde mal einen kurzen Blick darauf werfen. Danke!« Ich strahle sie an und gehe zu den ausgestelltenTrinkflaschen.Wenn ich einen coolen Flachmann dabeihabe, wird Sage vielleicht auch das auffallen! Da ist eine ganzeWand voll mit den Dingern – Chrom, mattschwarz und alle möglichen Neonfarben.Als mein Blick aufwärtswandert, entdecke ich ein Label: Limited Edition. Ich kneife dieAugen zusammen, versuche es zu entziffern – aber die Dinger stehen auf dem fünften Regal von unten. Mal ehrlich.Wer stellt denn eine Limited Edition so weit nach oben?

In der Nähe steht eineTrittleiter, also ziehe ich sie heran und steige darauf. Jetzt kann ich die Flaschen richtig erkennen.Alle haben wunderschöne Retromuster. Ich kann mich kaum entscheiden – aber am Ende beschränke ich mich auf drei: eine mit roten Streifen, eine mit bernsteinfarbenen Kringeln und eine mit schwarzen und weißen Blumen. Ich beschließe, zwei davon extra zu bezahlen, um sie Minnie und Suze als Souvenir mitzubringen.

Vorsichtig stelle ich die Flaschen auf der obersten Stufe der Leiter ab und sehe mich im Laden um.Von hier oben hat man eine tolleAussicht. Ich kann alle Gänge überblicken. Ich kann sehen, dass die Frau an der Kasse dringend mal ihren Haaransatz färben müsste, und ich kann sehen, dass …

Bitte?

Moment mal.

Ungläubig sehe ich genauer hin.

Ganz hinten in der Ecke steht eine junge Frau, die mir bisher noch gar nicht aufgefallen war. Sie ist unfassbar dürr, trägt helle enge Jeans, einen grauen Hoodie mit der Kapuze auf dem Kopf und eine dunkle Sonnenbrille, die das Gesicht verbirgt.

Zutiefst schockiert muss ich mit ansehen, wie die Frau ein Paar Socken in ihre überdimensionale Handtasche (Balenciaga, aktuelle Kollektion) stopft und dann noch eins. Dann ein drittes. Dann sieht sie sich um, macht sich irgendwie klein und geht eilig zumAusgang.

Ich habe noch nie einen Ladendieb inAktion gesehen, und für einen Moment bin ich einfach nur sprachlos. Im nächsten jedoch brodelt in mir heiliger Zorn. Sie hat die Socken einfach eingesteckt! Sie hat geklaut! Das darf sie nicht! So was tut man nicht!

Was wäre, wenn wir das alle täten? Ich meine, bestimmt hätten wir alle gern kostenlose Socken, aber wir stecken sie doch nicht einfach ein, oder?Wir bezahlen dafür. Selbst wenn wir sie uns nicht leisten können, bezahlen wir dafür.

Mir will sich der Magen umdrehen, als ich sie hinausgehen sehe. Ich bin richtig wütend. Es ist nicht fair. Und plötzlich weiß ich, dass ich sie nicht einfach so gehen lassen kann. Ich muss etwas unternehmen. Ich weiß nicht was, aber irgendwas.

Ich lasse dieTrinkflaschen stehen, steige die Leiter hinab und renne zur Ladentür hinaus. Ich kann die Diebin sehen und fange an zu rennen, wobei ich einigen Passanten ausweichen muss. Je näher ich komme, desto lauter schlägt mein Herz vor ängstlicher Erwartung.Was ist, wenn sie mich bedroht?Was ist, wenn sie eineWaffe bei sich hat? O Gott, natürlich hat sie eineWaffe.Wir sind hier in L. A. Jeder hat hier eineWaffe.

Tja, Pech gehabt. Es mag ja sein, dass ich erschossen werde, aber kneifen kann ich jetzt nicht mehr. Ich strecke die Hand aus und tippe ihr an die knochige Schulter.

»Entschuldigung?«

Das Mädchen fährt herum, und ich erstarre vorAngst, warte auf dieWaffe.Aber da kommt nichts. Die Sonnenbrille ist so riesig, dass vom Gesicht kaum was zu erkennen ist, aber ich sehe ein schmales, blasses Kinn und einen dürren, mageren Hals. Plötzlich bekomme ich ein schlechtes Gewissen.Vielleicht lebt sie auf der Straße.Vielleicht ist das ihre einzige Einkommensquelle.Vielleicht will sie die Socken versetzen, um Essen für ihr cracksüchtiges Baby zu kaufen.

EinTeil von mir denkt: Dreh dich einfach um, Becky. Lass es sein. Doch der andereTeil lässt mich nicht. Denn selbst wenn da ein cracksüchtiges Baby im Spiel sein sollte, ist das nicht in Ordnung. Es ist nicht in Ordnung.

»Ich habe dich gesehen, okay?«, sage ich. »Ich habe gesehen, wie du diese Socken eingesteckt hast.«

Das Mädchen wird ganz starr und will wegrennen, aber instinktiv greife ich nach ihremArm.

»Du solltest keine Sachen klauen!«, sage ich und habe meine liebe Mühe, sie festzuhalten. »Das tut man nicht!Wahrscheinlich denkst du: Na und? Schadet doch niemandem.Aber weißt du, dieVerkäuferinnen kriegen Ärger, wenn Leute was klauen. Manchmal müssen sie dieWare von ihrem Lohn bezahlen. Ist das fair?«

Das Mädchen windet sich verzweifelt, um sich zu befreien, aber ich halte sie mit beiden Händen amArm fest.Als Mutter einer Zweijährigen lernt man so einigeTricks, wie man jemanden ruhigstellt.

»Und dann steigen die Preise«, füge ich keuchend hinzu. »Und alle haben darunter zu leiden! Ich weiß, du denkst vielleicht, du hättest keine andereWahl, aber das stimmt nicht. Du kannst dein Leben ändern. Es gibt Beratungsstellen, bei denen du dir Hilfe holen kannst. Hast du einen Zuhälter?«, frage ich und gebe mir Mühe, mitfühlend zu klingen. »Denn ich weiß, das kann ein echtes Problem sein.Aber du könntest in ein Frauenhaus ziehen. Ich hab mal eine Doku darüber gesehen, und diese Häuser sind super.« Eben will ich mich weiter darüber auslassen, als die Sonnenbrille des Mädchens verrutscht. Und ich etwas mehr von ihrem Gesicht erkennen kann.

Und plötzlich wird mir ganz flau. Mir stockt derAtem. Das ist …

Nein. Das kann nicht sein.

Doch. Doch.

Es ist Lois Kellerton.

Kein Gedanke mehr an Cracksüchtige und Frauenhäuser. Es ist unwirklich. Das kann doch nicht wahr sein. Ich muss träumen. Ich, Becky Brandon, klammere mich an denArm der berühmten Hollywoodschauspielerin Lois Kellerton.Während ich ihren unverkennbaren Unterkiefer betrachte, fangen meine Knie an zu zittern. Ich meine, Lois Kellerton! Sie ist eine Königin von Hollywood. Ich habe alle ihre Filme gesehen, und auf dem rotenTeppich habe ich sie auch schon gesehen, und …

Aber was …

Ich meine, was um alles in derWelt …

Lois Kellerton klaut drei Paar Socken? Ist hier irgendwo eine Kamera versteckt?

Einen unendlich langenAugenblick stehen wir beide reglos da und starren uns an. Ich sehe sie noch vor mir alsTess in dieser wunderbarenAdaption vonTess von den d’Urbervilles. Gott, hat sie mich zumWeinen gebracht! Und dann war da dieser Science-Fiction-Film, in dem sie am Ende auf dem Mars zurückbleibt, um ihre Kinder zu retten, die halbeAliens sind. Ich habe eimerweiseTränen geheult genau wie Suze.

Ich räuspere mich, versuche, meine Gedanken zu ordnen. »Ich … ich weiß, wer Sie …«

»Bitte«, fällt sie mir mit rauchiger Stimme insWort. »Bitte.« Sie nimmt ihre dunkle Sonnenbrille ab, und erschrocken starre ich sie an. Sie sieht furchtbar aus. IhreAugen haben rote Ränder, und ihre Haut ist ganz schuppig. »Bitte«, sagt sie zum dritten Mal. »Es … es tut mir leid. Es tut mir so leid.Arbeiten Sie für den Laden?«

»Nein, ich bin eine Kundin. Ich stand auf einer Leiter.«

»Haben die anderen mich gesehen?«

»Ich weiß nicht. Ich glaube nicht.«

Mit zitternden Händen holt sie die drei Paar Socken aus ihrerTasche und hält sie mir hin.

»Ich weiß nicht, wieso ich das gemacht habe. Ich habe zwei Nächte nicht geschlafen. Ich glaube, ich bin ein bisschen wirr. So was habe ich noch nie getan. Und ich werde es auch nie wieder tun. Bitte«, flüstert sie. »Nehmen Sie die Socken. Nehmen Sie sie an sich.«

»Ich?«

»Bitte.«

Sie klingt verzweifelt. Unbeholfen nehme ich ihr die Socken ab.

»Hier.« Sie wühlt noch mal in ihrerTasche und holt einen 50-Dollar-Schein hervor. »Geben Sie das denAngestellten.«

»Sie sehen ziemlich … äh … mitgenommen aus«, bringe ich hervor. »Ist alles okay?«

Lois Kellerton blickt auf und sieht mir in dieAugen, und plötzlich fühle ich mich an einen Leoparden erinnert, den ich mal in einem spanischen Zoo gesehen habe. Der sah auch so verzweifelt aus.

»Werden Sie es der Polizei melden?«, haucht sie so leise, dass ich es kaum hören kann. »Werden Sie es irgendwem verraten?«

O Gott. O Gott!Was soll ich tun?

Ich stecke die Socken in meineTasche, schinde Zeit. Ich sollte es der Polizei melden. Bestimmt sollte ich das.Was macht es, dass sie ein Filmstar ist? Sie hat die Socken gestohlen, und das ist verboten, und ich sollte hier und jetzt mein Jedermann-Festnahme-Recht wahrnehmen und sie abführen.

Aber ich kann nicht. Ich kann es einfach nicht. Sie sieht so zerbrechlich aus.Wie ein Motte oder eine Blume aus Papier. Und schließlich hat sie die Socken ja zurückgegeben, und sie macht eine Spende, und anscheinend war sie nur einen kleinen Moment verwirrt.

Lois Kellerton lässt den Kopf hängen. Ihr Gesicht ist unter der grauen Kapuze verborgen. Sie sieht aus, als warte sie auf ihre Hinrichtung.

»Ich werde es niemandem verraten«, sage ich schließlich. »Versprochen. Ich gebe die Socken zurück und behalte es für mich.«

Als ich sie loslasse, drückt sie mit dürren Fingern meine Hand. Ihre dunkle Brille hat sie wieder aufgesetzt. Sie sieht aus wie irgendein dürres Mädchen im Kapuzenpulli.

»Danke«, flüstert sie. »Danke.Wie heißt du?«

»Becky!«, antworte ich eifrig. »Becky Bloomwood. Ich meine, Brandon. Ich hieß Bloomwood, aber ich habe geheiratet, also heiße ich jetzt anders …«Aaaaah! Hör auf zu quasseln! »Äh, Becky«, ende ich lahm.

»Danke, Becky.«

Und bevor ich noch etwas sagen kann, hat sie sich schon umgedreht und ist gegangen.

3

Am nächsten Morgen kann ich es immer noch nicht fassen. Ist das alles wirklich passiert? Bin ich tatsächlich Lois Kellerton begegnet?

Als ich wieder zu Pump! kam, mit den Socken in der Hand, stellte sich heraus, dass ihr Fehlen noch niemandem aufgefallen war. Einen schrecklichenAugenblick lang fürchtete ich, man könnte mich beschuldigen, sie gestohlen zu haben. Dankenswerterweise machte sich ein Mitarbeiter daran, dieAufnahmen der Sicherheitskameras durchzusehen, sodass wir gemeinsam Zeugen wurden, wie ein dünnes Mädchen mit grauem Hoodie die Socken einsteckte und sich hinausschlich. Mir wurde ganz kribbelig, als ich es sah.Am liebsten hätte ich geschrien:

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