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In "Sicilische Rache" entfaltet August Schneegans ein fesselndes Drama, das die komplexen Verflechtungen von Familienbande, Ehrbegriff und Tradition im Kontext der sizilianischen Kultur untersucht. Mit einem klaren, präzisen Schreibstil, der sowohl poetische als auch nüchterne Elemente vereint, gelingt es Schneegans, die Leser in die malerische, aber oft brutale Welt Siziliens zu entführen. Die Handlung pulsiert vor Spannung und enthüllt ein Geflecht aus Rache und Gerechtigkeit, das die Grenzen von Moral und menschlichem Verhalten hinterfragt. Der literarische Kontext des Romans erstreckt sich über die Themen Macht und Identität, die in der italienischen Literatur des 20. Jahrhunderts tief verwurzelt sind. August Schneegans, ein renommierter Schriftsteller und Kritiker, bringt in "Sicilische Rache" sein umfangreiches Wissen über italienische Kultur und Geschichte ein. Aufgewachsen in einer von Geschichten geprägten Umgebung, entwickelte er bereits früh ein Interesse für die Erzähltraditionen Siziliens. Seine persönlichen Reisen und Begegnungen auf der Insel flossen in dieses Werk ein und verleihen der Erzählung Authentizität und Tiefe. Schneegans' Fähigkeit, emotionale und psychologische Dimensionen seiner Charaktere herauszuarbeiten, zeugt von seinem scharfen Verständnis menschlicher Motivationen. Dieses Buch ist eine eindringliche Lektüre für alle, die sich für die Herausforderungen der menschlichen Natur, die Macht der Traditionen und die Komplexität zwischenmenschlicher Beziehungen interessieren. "Sicilische Rache" lädt die Leser ein, über die Grenzen von Recht und Unrecht nachzudenken und die tief verwurzelten kulturellen Werte zu erkunden, die das Verhalten der Charaktere beeinflussen. Ein Muss für Literaturfreunde, die nach einem tiefgründigen und packenden Erlebnis suchen.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Die helle Sonne Siciliens glänzte von dem Frühlingshimmel herunter über Land und See. Lustig flatterten im Morgenwinde die farbigen Wimpel der im Hafen von Messina vor Anker liegenden Schiffe. Frohe, singende Scharen zogen die Marina entlang den Bergen zu.
Man zählte damals das Jahr 1847, und aus allen Gauen des sicilischen Eilandes kamen dem neapolitanischen Gouverneur in Messina beunruhigende Nachrichten zu von der immer unheimlicher drohenden Gährung im Volke, von dem immer weiter um sich greifenden Wiedererwachen des Brigantenthums, von dem immer enger sich zusammenschließenden Bunde aller Unzufriedenen zum gemeinsamen, gewaltthätigen Handeln. Nichts aber zeugte an diesem fröhlich lachenden Februarmorgen von den drückenden Besorgnissen, welche die einen, von den dumpfen Hoffnungen, welche die andern erfüllten, – nichts als etwa die von den Mauern der seeumflossenen Citadelle nach der Stadt hin gähnenden Kanonen, oder das Glitzern von den Gewehren der bis zu den äußersten Vorwerken hin- und herwandelnden Schildwachen der Schweizergarde.
Am Fuße der zu den Offizierswohnungen führenden Treppe stampfte, ungeduldig ob des langen Wartens, ein von einem berittenen Diener gehaltenes Roß. Zwei Offiziere erschienen unter der Thür.
„Also auf Wiedersehen heute abend!“ sagte der Major von Büren, indem er seinem jüngeren, durch enge Freundschaft mit ihm verbundenen Kameraden die Hand schüttelte; – „und,“ fügte er lächelnd hinzu, „nimm Dich in acht, Eckart!“
„Verfrühte Sorge!“ erwiderte heiter der Hauptmann; „soweit sind die Herren dort drüben noch nicht, und zu einer sicilianischen Vesper sind die Glocken noch nicht gegossen!“
„Du mißdeutest meine Worte, Hattwyl! Nicht vor den Sicilianern wollte ich Dich warnen, – gefährlicher sind die Sicilianerinnen für Dein junges, warmes Blut!“
„Ach!“ lachte Eckart von Hattwyl, „immer wieder meine schöne Unbekannte, der meine Reitpeitsche so wacker aus dem Gedränge half! Nun, ihretwegen, Robert, habe keine Sorge! – Ich habe sie leider nie wieder zu Gesicht bekommen.“
„Leider, sagst Du aber! Und geforscht hast Du nach ihr, als ob ohne sie das Leben nichts mehr für Dich wäre.“
„Und geträumt habe ich von ihr, das will ich nicht leugnen, als ob mit ihr das Leben zu einem Paradiese sich umwandeln würde! Nein, Robert, herrlicher strahlte noch keines Weibes Bild vor meinen Augen, tiefer grub sich noch keines in mein Herz! Wie eine aus ihrem Rahmen herausgestiegene Madonna …“
„Schwärmer!“ unterbrach ihn der Major.
„Träumer, sagtest Du besser; denn wie ein Traum war es ja, – entschwunden, verloren, wer weiß, in welche Ferne entrückt, – auf Nimmerwiedersehen!“
Ein trauerndes Sehnen klang durch die anscheinend lächelnd hingeworfenen Worte.
Still beobachtete der Major einen Augenblick seinen jungen Freund, dann fuhr er mit ernst forschendem Ausdrucke fort: „Und nun reitet der Träumer mit einer moschusduftenden Einladung dem Kloster von San Placido zu, wo unter blühenden Orangenbäumen dem Madonnasehnenden eine liebreizende Gräfin ein Stelldichein giebt!“
„Ein Stelldichein? … zusammen mit dem gräflichen Herrn Gemahl und mit dem Abbate Scaglione!“
„Thue nicht, als wüßte ich nicht, was alle Welt sich erzählt! Der schönen Gräfin von Cellamare macht Hauptmann von Hattwyl den Hof!“
„Alle Welt mag es erzählen, – so wäre alle Welt im Irrthum: der Gräfin Cellamare trage ich keine anderen Gefühle entgegen als diejenigen, die ein jeder von uns für eine liebenswürdige und – noch schöne Frau zu hegen pflegt. Sieh! ich möchte von Dir weder der Unbescheidenheit, noch eines eiteln Dünkels geziehen werden, – aber alle Welt, von der Du sprachst, kennt auch der Gräfin … ‚Eigenschaften‘; … ‚Tugenden‘ darf ich doch nicht sagen! Wenn eine Frau, deren Jugend eine lange Liebesangewöhnung und Liebesverwöhnung war, an die Schwelle der Vierziger gelangt, so pflegt die Liebesumworbene sich zur Liebeswerbenden umzuwandeln, und …“
„Ich weiß es! Die Gräfin sucht im letzten Jugendwallen die Rechte ihrer Schönheit zur Geltung zu bringen, und Du bist dieser vielleicht letzten Leidenschaft – vielleicht unbewußtes Ziel! Ob ihre Gefühle Erwiderung finden …“
„Du scherzest, Robert!“
„Ich scherze nicht. Nimm im Gegentheil ein ernstes Wort mit auf den Weg: Verschmähte Liebe ist – besonders zur Herbstzeit – ein gefährlich Ding, und in Sicilien flüchtet die verlassene Schöne nicht verzweifelt aus dem Leben, wie Dido bei Vergil.“
„Laß gut sein, Freund! Zur verlassenen Dido gehört ein ungetreuer Aeneas!“
„Und wenn Eckart von Hattwyl diesen Helden nicht zu spielen gedenkt, so möge er sich bei Zeiten vorsehen, daß die schöne Gräfin sich nicht in die Rolle der verlassenen Königin von Karthago versetzt dünke!“
„So gut der Rath gemeint, so leicht ist er auch zu befolgen. Lebe wohl!“
Mit raschem Sprunge saß Eckart im Sattel und, von seinem Diener begleitet, galoppirte er über die dröhnende Zugbrücke ins Freie.
O des jubelnden Reitens in die Lenzespracht hinein! Ein Jauchzen erfüllte Herz und Sinne des jungen Offiziers, wie er hinaussprengte aus dem finstern Thorwege der Citadelle in das offene, von glänzendem Lichte überfluthete Gelände. Gerade gegenüber, durch den breiten Hafen von der sichelförmig ins Meer hinausspringenden Landzunge getrennt, auf der sich Festung und Leuchtthurm erhoben, lag Messina mit seinen unzähligen Kuppeln und Thürmen, mit seiner herrlichen Reihe von Palästen am Ufer entlang, mit den die oberen Viertel beherrschenden langhingedehnten Klosterbauten. Was brüteten wohl hinter jenen düstern Mauern die im Kampfe gegen die Neapolitanerherrschaft verbündeten Verschwörer? Und wie lange würde es noch dauern, bis von einem jener Thürme das Zeichen zum offenen Aufruhr heruntertönte? Arme Leute! was konnten sie denn erhoffen gegen diese Kanonen und diese Festen? – Und dennoch! Hatten die alten Schweizer nicht dasselbe gethan, was diese jetzt zu thun trachteten, als dort am Vierwaldstätter See todesmuthige Männer sich zusammenscharten, um die Freiheit des Vaterlandes gegen die Fremdherrschaft zu verfechten? Rasch und kurz blitzte dieser Gedanke vor Eckarts Geiste auf; – wo war heute bei dem Drängen und Laufen und Lachen und Rufen auf den frühlingssonnigen Straßen Platz für solch trübes Denken? Mit frohem Zuruf erwiderte Eckart die Grüße der Freunde und Bekannten; Freunde durfte er ja alle, Sicilianer und Schweizer, nennen, welche ihm seit seinem kaum einjährigen Aufenthalt in Messina nahe gekommen waren; im Fluge hatte sein ritterliches Wesen, seine elegante Gestalt und der treue, fast noch kindliche Ausdruck seiner blauen Augen aller Herzen erobert, und es war nur natürlich, wenn dem sein Roß mit kräftiger Hand bändigenden und gleich einem nordischen Götterjüngling dahinjagenden blonden Reiter auch von Unbekannten Rufe der Bewunderung nachflogen.
„Wie schade, daß dieser ein Freund der Neapolitaner ist!“ konnte man den einen und den andern halblaut zum Nachbar hinflüstern hören; oder aber auch: „Ja! wenn sie alle so wären wie dieser da!“ –
Bis zu Eckarts Ohr drangen aber diese Worte nicht, und hätte er sie auch vernommen, weiter als bis zu seinem Ohre wären sie nicht gedrungen, denn nach ganz anderer Richtung hin bewegte sich sein Sinnen. In raschem Fluge war, nach des Majors letzten Worten, sein Geist zu seinen Träumen zurückgekehrt, zu jenem göttergleichen lieblichen Bilde, das sich mit so wunderbar unwiderstehlicher Gewalt in sein Herz gesenkt hatte und – warum sollte er’s zu leugnen versuchen? – das sich mit jedem Tage tiefer darin eingrub. Ein Lächeln flog über seine Lippen und er konnte ein rasches Achselzucken nicht unterdrücken, als er an seines Freundes letzte Mahnung zurückdachte. Was war denn für ihn die Gräfin von Cellamare? und wie konnte sie neben jener Unbekannten nur erwähnt werden? Dankbar hatte er ihr liebenswürdiges Zuvorkommen hingenommen, als sie den fremd inmitten dieser fremden Gesellschaft stehenden Offizier zu ihren Festen heranzog, als sie ihn – erst jetzt fiel ihm auf, in welch außergewöhnlicher Weise – vor allen andern auszeichnete und ihn durch die mannigfaltigsten und sinnigsten Gunstbezeigungen näher an sich heranzuziehen nicht müde wurde. Er dachte sich damals nichts weiter dabei, der unerfahrene, unverdorbene, mit dem südlichen Wesen und auch mit den Frauenherzen so durchaus unbekannte Weltneuling! Was wollte auch diese Frau in seinem Leben? Was drängte sie sich an sein Herz heran? Fast unwillig richtete sich Eckart in den Bügeln auf, als schüttele er ein lästiges Gewicht von den Schultern, und siehe! war es nicht, als gäbe jetzt eine sinnige Schicksalsfügung die versöhnende Antwort auf jene harten Fragen, die vor seinem Geiste aufstiegen? – Dort, an der Kreuzung jener zwei Straßen, bei jenem von einem alten, moosbedeckten Wassergott überragten Brunnen, dort war es gewesen, wo er vor kaum vierzehn Tagen das Mädchen erblickt hatte! Dort, um jene Straßenecke kam er herumgebogen, als ein Lachen und Schreien in fremder Sprache an sein Ohr schlug; ein paar betrunkene englische Matrosen drängten sich lärmend um die Stufen; eine Mädchenstimme klang durch das wüste Toben – irgend eine Magd wohl, die beim Wasserholen mit den dreisten Gesellen schäkerte oder sich ihrer derben Zudringlichkeiten erwehrte. Wie er aber näher hinzugekommen war, da entrollte sich vor seinen Augen ein ganz anderes Bild: ein Mädchen aus dem Bürgerstande, die schwarzseidene Manta über den Kopf gefaltet, lehnte an dem Brunnenpfeiler; drohend blitzten seine großen, zornentflammten Augen auf die Angreifer zu; mit beiden Händen riß es jetzt einen schweren Steinkrug vom Brunnenrande und schwang ihn gegen die lachende Horde.
„Zurück! Der erste, der mich berührt, ist des Todes!“
Das Wort war ihren Lippen noch nicht entflohen, da stand schon der Offizier an ihrer Seite, und wie in ein Rudel Hunde, so hieb er mit seiner Reitpeitsche unter die Matrosen hinein. Sie waren sechs gegen einen; der Wein tobte in ihren Köpfen, wüthend drangen sie auf den Schweizer ein; aber blutige Striemen riß ihnen die sausende Peitsche über Gesicht und Hände, und als führe er ein feuriges Schwert in der Rechten, so brachte Eckart die wilde Rotte zum Weichen und zur Flucht. Ja, wie ein Erzengel Michael, der den Drachen tödtet und dem bösen Feind den Fuß auf den Nacken stemmt, so mochte er wohl der ob dieser so unverhofften und so wunderbaren Rettung noch ganz betroffenen Jungfrau erscheinen! Unbeweglich stand sie da, den Gewaltigen anstaunend, – und an seinem Auge blieb ihr Blick wie gebannt haften, als er sich nun zu ihr wandte und mit freundlich gewinnendem Lächeln, als wäre nichts geschehen, zu ihr sagte:
„Wohin soll ich Euch geleiten?“
Was war es denn, daß er die Worte kaum zu beendigen vermochte? Es schien ihm, als flösse unter des Mädchens Blick all sein Blut in seinem Herzen zusammen, – da trat ein Mann herzu, – ein Sicilianer war es, ein Bürger, – ein Feind der Schweizer wohl, denn in ein sonderbares Gewand kleidete er den Dank, den er mit unwillig scharfem Tone dem Offizier hinwarf: „Einem Schweizer soll eine Sicilianerin keinen Dank schulden!“ und mit gebieterischer Gebärde ihre Hand in die seine fassend, zog er die Halbwiderstrebende in eine Seitengasse. An der Ecke wandte sie sich um; ihr strahlender Blick hatte wie im Fluge sein Auge wieder getroffen, dieser Blick, so warm, so weich, so kindlich rein und doch so tapfer und so sicher, – wie er in seinem ganzen Leben noch niemals einen ähnlichen erschaut! Sie hob die Hand zu ihren Lippen, als wollte sie ihm von weitem noch ihren stummen Dank zuwerfen, und dann war das Bild entschwunden, entschwunden auf Nimmerwiedersehen! Denn vergeblich waren Eckarts Nachforschungen nach dem wunderbaren Mädchen geblieben, und nirgends, nirgends hatte er die Spur der Verlorenen wiederzufinden vermocht. In seinem Herzen haftete aber jene Erscheinung, und heute noch war es ihm, als fühlte er wie damals die sonnige Wärme, die aus ihrem Auge sich durch sein ganzes Wesen ergoß. Sinnend ließ Eckart seinem Rosse die Zügel und langsamen Schrittes zog er weiter, als gäbe es weder Gräfin noch moschusduftendes Stelldichein, – und ganz in sein heimliches Denken versunken, ritt er weiter … Und wer weiß? vielleicht würde er sie dort draußen wieder finden, dort in jenem Kloster, zu dem die ganze Stadt heute hinausgezogen war, alt und jung, Adelige und Bürgerliche, zum altberühmten Volksfeste des Schutzpatrons von San Placido!
In hellen Haufen umlagerte das lustige Völkchen den inmitten eines Orangenhaines gelegenen mittelalterlichen Bau, ein massives, drei Stockwerke hohes Quadrat, mehr Festung als Kloster, mit weiten, auf breite Terrassen mündenden Erkerfenstern und mit weithin vom Meere aus sichtbarer, im Sonnenschein glänzender Kuppel. Die dienstfertigen Mönche halfen bereitwillig den Leutchen ihr ländliches Mahl zubereiten und versorgten die nimmersatte Menge mit Feigen und Orangen und mit seinem zum Klosterfeste eigens gebackenen Zuckerwerk; eine besondere Freude aber war es, zu sehen, wie sie schmunzelnden Mundes die mit duftendem schwarzrothen Weine gefüllten, rundbäuchigen Fiasconi ohn’ Unterlaß durch die Klosterpforte unter die Hunderte nach dem süßen Safte Begehrenden vertheilten: „Trinkt nur, Brüder! Dieselbe Gesundheit bringen wir ja alle aus, und derselbe Klang ertönt von Euren und von unsern Gläsern, wenn wir verständnißvoll anstoßen!“
Alle da draußen verstanden, was die Mönche mit diesen und ähnlichen räthselhaften Worten sagen wollten, und alle dort drinnen verstanden die lustigen Zecher, wenn diese den Becher erhoben und mit zwinkerndem Auge, ohne ein Wort zu sagen, in einem Zuge leerten. Keiner ließ eine Silbe von dem Geheimniß verlauten, dessen alle Herzen voll waren, aber ein jeder wußte, daß er in dem andern einen treuen Bundesgenossen hatte. Nicht das Klosterfest allein war es ja, welches das lebensfrohe Völkchen heute beschäftigte; – dort oben, in einer versteckten Klosterzelle – das wußte ein jeder, und das sagte aber keiner – dort saßen die Anführer des Volkes beisammen, die „Capo popoli“, wie sie im Volksmunde genannt wurden, und beriethen unter einander die kommenden Ereignisse; und an das, was jene dort oben trieben, dachten hier unten alle, Mann und Weib, alt und jung.
In allgemeinen, unverfänglichen, aber in ihrer Doppelsinnigkeit oder scheinbaren Harmlosigkeit jedem Sicilianer verständlichen Redewendungen theilte man sich von einer Gruppe, von einem Tisch zum andern die Nachrichten mit: „Romeo, der Tischlermeister aus Messina, kam heute früh schon herausgefahren; – seine Tochter, die schöne Felicita wohnt zum erstenmal einem Klosterfeste bei.“
„Schöneren Festen wird sie wohl nächstens beiwohnen.“
„Und wird sich freuen! Denn sie ist brav wie ihr Vater.“
„Habt Ihr Romeos Gevatter, den alten Salvatore Merlo gesehen?“
„Er kam – aber ohne seinen Sohn.“
„Weiß schon! Antonino Merlo weilt seit einer Woche in Taormina; er baut sich eine Mühle im Thal; gutes Mehl wird das dortige Wasser mahlen.“
„Man sagt ja, er werde Romeos Tochter heimführen.“
„Das sagt nur er und sein Vater, der alte Merlo; er will es mit Felicitas Mutter vor ihrem Tode ausgemacht haben, und nun sollen die Kinder den Willen der Todten ausführen! Aber Romeo huldigt diesen alten Gebräuchen nicht, und Felicitas Herz ist frei.“
„Romeo trifft immer das Richtige! Er ist ein braver Mann, der es gut meint mit seinem Kind – und mit Sicilien!“
„Aus Palermo langten gestern abend zwei Mönche an; sie brachten dem Kloster ein neues Heiligenbild.“
„Aus Erz gegossen? – wäre besser als von Gold!“
„Welches Kloster schickte sie?“
„La Gancia!“[1]
„Sicilianische Vesperfeier!“
„Nehmt Euch in acht, Nachbar!“ raunte jetzt einer dem neben ihm Sitzenden zu; „da kommt einer, der zu feine Ohren und zu scharfe Augen hat. – Guten Morgen, Don Federigo! macht Ihr Geschäfte hier oben?“
Der Angeredete, ein hagerer Mann mit einem von tausend Fältchen spinnwebenartig überzogenen Gesichte, antwortete über die Achsel, mit fremdem, augenscheinlich deutschem Accent: „Um meine Geschäfte braucht Ihr Euch nicht zu kümmern! Wünsche Euch nur, daß die Euren nicht gar zu schlecht ausfallen mögen!“
„Guten Morgen, Herr Lerche!“ riefen von weitem, halb spottend, einige unter den Italienern verlorene Deutsche, und zu ihnen wandte sich nun langsamen Schrittes der in seinen zu langen und zu weiten Kleidern herumschlotternde Don Federigo, indem ein ironisches Lächeln um seine Mundwinkel spielte.
„Don Federigo? Nachbar, warum sagtet Ihr denn, daß man sich vor ihm in acht nehmen solle? Don Federigo ist ja unser Freund; er steht auf dem besten Fuße mit Salvatore Merlo und durch ihn mit allen geheimen Gesellschaften – ist ja selber mit in der Maffia!“[2]
„Mag sein! mag sein!“ erwiderte der Angeredete, „steht auf bestem Fuße auch mit dem Gouverneur und den Neapolitanern! Aller Menschen Freund ist eines jeden einzelnen Feind!“
So flogen die Reden von einem Tische zum andern, kurz, in anscheinend harmloser, für die Eingeweihten aber inhaltsschwerer Weise.
Fern von dem Getriebe, in einer abgelegenen Ecke des Orangengartens, hatte sich eine kleine, aristokratische Gruppe zusammengefunden. Nicht der gemeine Klosterwein, sondern perlender Champagner schäumte in den hochgeschweiften, mit dem gräflichen Wappen der Cellamare geschmückten Gläsern. Um den mit feinen Speisen beladenen Tisch bewegte sich in würdevoll vertraulicher Gemessenheit ein betreßter Diener. Drei Plätze nur waren besetzt; der vierte Stuhl stand noch leer – und leicht konnte man aus dem nervösen Mienenspiel der Gräfin ersehen, daß dieser leere Stuhl allein sie beschäftigte. Es war wohl auch das erste Mal, daß eine von ihr ergangene Einladung eine solche Erwiderung gefunden hatte. Wo mochte er geblieben sein? – und kein Wort der Entschuldigung! – kein Wort des Dankes! – Schwerer noch ertrug die Gräfin diese Kränkung, weil sie sich nicht verhehlen konnte, daß von allen Kavalieren, welche die trotz ihrer achtunddreißig Jahre noch viel umworbene Schöne umflatterten, keiner sich mit solcher Gewalt ihrer Sinne bemächtigt – keiner aber auch mit solch unbezwingbarer Kühle ihren Künsten Trotz geboten hatte. Was war das? Sollte sie, die ob ihrer Siege stolze Gräfin von Cellamare, die Waffen vor der Sprödigkeit dieses Schweizers strecken? War sie nicht mehr die unwiderstehliche, schönste Frau Siciliens? Wie ein leises, aber desto fühlbareres Mahnen an der Jahre unerbittliches unaufhaltsames Walten stellte sich diese unausgesprochene, aber nicht abzuweisende Frage vor ihren Geist.
Ein drückendes Schweigen hatte sich über die kleine Gesellschaft gelagert. Mit geschäftigem Finger löste der Abbate Scaglione Mandeln aus ihrer Schale; in blitzartigem Aufzwinkern ließ er den forschenden Blick auf seine Nachbarin und dann wieder zu seinem Teller zurückfliegen; der Graf hatte sich längst in seinem Stuhle zurückgelehnt und schlief mit verschränkten Händen, als gäbe es weder Gräfin, noch schweizer Offizier.
„Sollte ihm ein Unfall zugestoßen sein?“ fuhr die Gräfin plötzlich, zu dem Abbate gewendet, auf.
„Ach, gnädigste Gebieterin,“ erwiderte der Abbate, der wohl die Frage auf seinen nächsten Nachbar bezog, „er ist ja immer so! Wer die Nacht bis zum Morgengrauen bei Spiel und Wein verbracht hat, dem kann man wohl die Siesta gönnen!“
„Ihr seid von Sinnen! Wer wird wohl hier an den Grafen denken?“
An den Grafen dachte man freilich am wenigsten in diesem gräflichen Hause – und der Herr Graf hatte sich längst sein Leben danach eingerichtet.
Eine Purpurgluth überströmte plötzlich das Antlitz der Gräfin – dort unter den Bäumen nahte eine Gestalt. Er war’s, der lang Vermißte, der heiß Ersehnte! Er kam, er hatte sie nicht vergessen! In wildem Toben kämpfte in ihrem Herzen die Freude, ihn zu sehen, und der Groll, daß sie ihn so lange hatte erwarten müssen. Ein Wort von seinen Lippen, ein reuiges Wort sollte die Lösung bringen – ein Blick aus seinen Augen, ein Blick der stummen Verehrung sollte die Freude und die triumphirende Liebe den Sieg davontragen lassen; – wie kühl aber und mit wie vollendeter, weltmännischer Eleganz verbeugte er sich vor ihr und vor dem schlummernden Grafen und dem Abbate und wie ruhig und gemessen, ohne auch nur das leiseste Erzittern unter einem wärmeren Gefühle, trafen seine Worte ihr Ohr:
„Der Dienst erlaubte mir nicht, Frau Gräfin, zur gewünschten Stunde zu erscheinen; ich bitte, mich entschuldigen zu wollen.“
Der Dienst? Was wollte er mit diesem Worte? Wußte sie doch wohl, daß er heute keinen Dienst zu versehen hatte, und hatte sie ja gerade für diesen Tag von ihrem Freunde, dem Gouverneur, die Erlaubniß für den Hauptmann von Hattwyl erwirkt, ihre Einladung anzunehmen! Was sollte diese Lüge? Was verbarg sich hinter dieser Ausflucht?
