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Zum Inhalt der Serie… • Eine geheime, riesige unterirdische Forschungsanlage • Ein seit Jahren herrschender Krieg in einem fernen Land • Soldaten, die eigentlich nicht existieren dürften • Eine der gefährlichsten Mafiaorganisationen Europas • Der grausame Mord an einer Frau • Die Rückkehr eines geheimnisvollen Mannes ohne Vergangenheit • Eine Mordserie in den Reihen des organisierten Verbrechens • Und die Frage für die Ermittler, wie all dies zusammenhängt
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Inhaltsverzeichnis
Siehe, ein fahles Pferd…
Zum Inhalt der Serie…
Erstes Buch
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Haftungsausschluss
Impressum
von
Haro Behrwind
…und der daraufsaß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach.
- Neues Testament –
(Offenbarung des Johannes 6,8; Luther Bibel 1912, gemeinfrei)
• Eine geheime, riesige unterirdische Forschungsanlage
• Ein seit Jahren herrschender Krieg in einem fernen Land
• Soldaten, die eigentlich nicht existieren dürften
• Eine der gefährlichsten Mafiaorganisationen Europas
• Der grausame Mord an einer Frau
• Die Rückkehr eines geheimnisvollen Mannes ohne Vergangenheit
• Eine Mordserie in den Reihen des organisierten Verbrechens
• Und die Frage für die Ermittler, wie all dies zusammenhängt
Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um eine Romanreihe, deren einzelne Bücher aufeinander aufbauen.
Die Rückführung
Military men are dumb, stupid animals to be used as pawns for foreign policy.
„Soldaten sind dumme, blöde Tiere, die man als Schachfiguren in der Welt der Außenpolitik benutzt.“
Henry Kissinger
(January - February 2003; Edition of Eagle Newsletter)
Nichts…
Und dennoch etwas.
Aber ein etwas ohne Substanz. Ohne eine greifbare Wirklichkeit.
Schmerzen…
Aber ohne definierte Körperlichkeit.
Wer war er?
Was war er?
Wo war er?
War er überhaupt?
Er verspürte Kälte, ohne zu frieren. Angst, ohne sich zu fürchten.
Er glaubte zu leben, ohne zu fühlen, dass er existierte.
Etwas zerrte an ihm.
Etwas Schwarzes.
Etwas Bedrohliches.
Etwas unaussprechlich Wahnsinniges.
Er ahnte die Anwesenheit von etwas so Dunklem, Grausamen, dass sich alles von dem, was er war oder nicht war, dagegen sträubte, sich diesem Unaussprechlichem zu öffnen. Und dennoch wusste er, dass es bereits in ihm war. Dass es viel zu spät war, um sich dagegen wehren zu können. Das Schwarze, das Bedrohliche, war bereits zu einem Teil seiner selbst geworden, obwohl er keine Ahnung hatte, was er war.
Aber er wusste, dass etwas in ihm - ein Tor? eine Tür? - in eine Welt führte, die niemals aufgestoßen werden durfte, weil sie…weil sie…
Seine Vorstellungskraft reichte nicht aus, das Unvorstellbare begreifen zu können. Diese lebendige, wallende, sich bewegende Finsternis, in der das Unaussprechliche gleichermaßen Gegenwart und Vergangenheit war. Diese erstickende Finsternis, für die es in keiner Sprache jemals einen Namen gegeben hatte.
Ich weiß nicht, wer ich bin.
Ich weiß nicht, was ich bin.
Aber ich gehöre der Finsternis.
Dort sind die Welten der Dämonen die Regionen der tiefsten Finsternis.
-Upanischaden; zwischen 700 und 200 v. Chr
Dörte Biers sah durch die etwa einen Meter breite und knapp dreißig Zentimeter hohe, aus Sicherheitsglas bestehende Scheibe, in den dahinterliegenden Raum.
Wände, Decke und Boden bestanden aus kahlem, nackten Stahlbeton, grau und rissig und an vielen Stellen schwarz verfärbt. Unregelmäßig eingebrannte Muster, die auf abstrakte Weise das Ende so vieler Versuche zeichneten, dass sie schon vor langer Zeit aufgehört hatte, sie zu zählen.
Aber nicht alle Versuche hatten als schwarze Umrisse auf dem Beton geendet. Zwei aus den ersten Versuchsreihen hatten die Anforderungen bestanden, doch die nachfolgende Versuchsreihe gestaltete sich als ungleich schwieriger, wenngleich ihr Potenzial – ihr mögliches Potential, korrigierte sie sich in Gedanken – bis dato ungeahnte Möglichkeiten versprach, auch wenn die bislang durchgeführten Versuche allesamt negativ beschieden waren.
Ungefähr in der Mitte des rechteckigen Raumes befand sich eine Art metallener Liegestuhl, der, hydraulikgetrieben, verschiedene Sitz- und Liegepositionen einnehmen konnte. Auf dem Stuhl saß ein mit stählernen Schellen an Unterarmen und Waden gefesselter, nur mit einer grünen Shorts bekleideter, muskulöser Mann. Eine weitere stählerne Schelle, die über der Brust des Mannes verlief, fixierte zudem dessen Oberkörper. Die gesamte Konstruktion des Stuhls war so massiv und wuchtig, dass selbst der Mann mit einer Körpergröße von mehr als einem Meter achtzig und einem Gewicht von annähernd zwei Zentnern darin nahezu unscheinbar wirkte. Sein kahlgeschorener Kopf sowie große Bereiche seines Oberkörpers waren mit modernsten, kabellosen Haftsensoren bedeckt, die ihre Signale direkt in den Beobachtungsraum an die zwölf Hochleistungsrechner sendeten, die sämtliche Werte in Zahlen, Grafiken, Tabellen und Kurven darstellten und gleichzeitig auf eigenen Servern abspeicherten.
Das leise Piepen der Signale hatte Dörte bereits so sehr verinnerlicht, dass sie es kaum noch zur Kenntnis nahm. Nichts weiter, als rhythmische Akustik am Rande ihres Wahrnehmungsvermögens.
Von der Anhäufung modernster Technik einmal abgesehen, bestand auch der Beobachtungsraum aus der grauen Eintönigkeit nackten Betons. Lediglich die schwarzverfärbten Stellen fehlten.
Hinter sich vernahm sie die leisen Unterhaltungen der Ärzte, Genetiker, Molekularbiologen und Techniker, die an ihren zu einem Karree zusammengestellten Arbeitsplätzen saßen, während sie abwechselnd auf ihre Monitore und die drei großen Wandbildschirme starrten, die das Innere jenes Raumes wiedergaben, in dem sich der an den Stuhl gefesselte Mann befand.
Dörte hörte, wie sich die stählerne Tür öffnete, die schräg rechts hinter ihr in die massive Betonwand eingelassen war. Sie musste ihren Blick nicht von dem gefesselten Mann abwenden, der ruhig und regungslos und mit geschlossenen Augen dalag, um zu wissen, wer den Beobachtungsraum betrat.
Lothar war jedes Mal anwesend, wenn ein fehlgeschlagenes Experiment beendet wurde. Wenn ein weiterer Misserfolg als schwarzes, gezacktes Muster auf dem Beton seine Spuren hinterlassen würde.
Das zumindest musste man ihm lassen, dachte Dörte. Er war für seine Männer da, im Leben und im Tode…und auch dazwischen. Er war wahrhaftig kein Mann bloßer Lippenbekenntnisse, sondern stand zu dem, was er tat, wodurch er sich von den meisten Menschen abhob, auch wenn viele seiner Taten nicht ihre Zustimmung fanden, obgleich sie letztendlich alle mitgetragen hatte. Trotz der ganzen Misserfolge hatten sie bereits Geschichte geschrieben, auch wenn es nur eine Geschichte war, die im Verborgenen existierte und auf unabsehbare Zeit auch dort verblieb. Und das musste sie auch, zwangsläufig, wenn sie nicht riskieren wollten, dass die Welt im Chaos versank. Und genau das würde sie tun, wenn die falschen Leute Kenntnis von dieser Geschichte bekommen würden.
Mein Gott, dachte sie, wir waren so dicht dran…
Und wie immer, wenn sie sich die Tragweite der Geschichte vor Augen führte, verspürte sie diese fast panikartige Furcht, die sich in ihr ausbreitete. Und welcher normale Mensch würde diese Angst nicht empfinden, wenn ihm klar war, dass sein Part in dieser Geschichte mit dazu beitragen konnte, dass sich die Menschheit auslöschte?
Am Anfang war es ausschließlich das Geld gewesen, das den Hauptantrieb für ihre Bereitschaft dargestellt hatte, sich auf ein Abenteuer einzulassen, das sie viel zu blauäugig angetreten hatte. Um ehrlich zu sein, hatte sie an den Erfolg niemals wirklich geglaubt, und vor allem nicht an die Konsequenzen, die den Misserfolg begleiteten. Für ein Zurück war es jedoch zu spät gewesen. Genau genommen war ein Zurück in ihr gewohntes Leben von dem Zeitpunkt an unmöglich geworden, als sie auf Lothars Angebot nach einem nur flüchtigen Überlegen mit einem schlichten ja geantwortet hatte.
Letztendlich war sie jedoch deshalb dabeigeblieben, weil die Möglichkeiten, die sich ihnen im Falle eines Erfolges boten, in ihren Auswirkungen unermesslich waren. Sogar für sie. Also stand auch sie wieder hier vor dieser Scheibe, wie bereits unzählige Male zuvor und versuchte sich einzureden, dass dieser Mann nicht mehr als ein weiterer Misserfolg war. Nur eine Nummer in einem gewaltigen, großen Spiel, die nicht von Bedeutung war. Nicht von Bedeutung sein durfte, wenn man dem großen Ganzen einen zusätzlichen Schritt näherkommen wollte.
Dörte atmete tief ein und aus. Sie hatte ihr Gewissen vor geraumer Zeit verkauft. Sie war sich nur noch nicht darüber im Klaren, ob an den Teufel oder eine strahlende, überwältigende Zukunft. Aber wie auch immer, jetzt musste sie nur noch dafür sorgen, dass es endgültig und unwiderruflich verstummte, so wie es bei Lothar der Fall war. Manchmal hatte sie den Eindruck, dass er nicht einmal mehr wusste, was der Begriff Gewissen überhaupt bedeutete.
Nachdem Lothar den Raum betreten hatte, grußlos und unnahbar, wie es seiner Art entsprach, waren sämtliche Unterhaltungen verstummt und die Männer und Frauen hinter ihr widmeten sich wieder ausschließlich ihren Monitoren. Sie musste sich nicht einmal umdrehen, um zu wissen, dass es so war. Sie hatte es schon oft genug miterlebt.
Lothar stellte sich wortlos neben sie und legte die Hände auf den schmalen Sims vor der Beobachtungsscheibe. Sie roch den dezenten Duft seines Rasierwassers, und obwohl sie ihn nun schon seit vielen Jahren kannte, war sie doch immer wieder erstaunt über jene Aura der Autorität, die ihn wie einen unsichtbaren Schild umgab und dafür sorgte, dass es kaum einen Menschen gab, der in seiner Nähe in unangemessener Weise seine Stimme hob, egal, wie wütend und ungehalten er auch sein mochte. Nicht einmal sie, und es hatte Situationen gegeben, in denen sie so dermaßen stinkig auf ihn gewesen war, dass es in keiner Sprache der Welt ausreichend kräftige Worte dafür gab, um ihre Empfindungen auch nur annährend wiedergeben zu können.
Und dennoch…
Sie kniff die Lippen zusammen und stierte durch die Scheibe, und obwohl es sie danach drängte, ihn anzusehen, vermied sie es, den Kopf zu drehen.
Plötzlich öffnete der Mann auf dem Stuhl seine Augen. Dörte wusste, dass die Beobachtungsscheibe verspiegelt war, so dass der Mann sie nicht sehen konnte, dennoch zuckte sie vor Überraschung leicht zusammen.
Der Blick des Mannes fixierte sie. So eindeutig, als wüsste er genau, wo sie stand. Als könne er sie tatsächlich sehen.
Und woher willst du wissen, dass es nicht so ist? Was, wenn er hinsichtlich seiner Fähigkeiten gelogen, ihnen nicht alles mitgeteilt hatte? Wenn sie trotz all der ihnen zur Verfügung stehenden, modernsten Technik nicht alles hatten in Erfahrung bringen können, zu was dieser Mann fähig war?
Sie versuchte, diese Gedanken zu verdrängen, aber es wollte ihr nicht so recht gelingen.
„Er weiß, dass wir hier sind und ihn beobachten“, flüsterte Dörte schließlich, ohne Lothar dabei anzusehen. Wie so oft in seiner Nähe, redete sie einfach nur um des Redens Willen. Im Gegensatz zu ihm konnte sie das Schweigen, das sich regelmäßig zwischen ihnen aufbaute, nur schwer ertragen.
Wie erwartet, berührte ihn die Stille nicht. Ruhig und reglos stand er neben ihr, den Blick durch die Scheibe starr auf den Mann gerichtet. Als sie schon nicht mehr mit einer Antwort gerechnet hatte, sagte er schließlich mit nicht ganz so leiser Stimme wie sie, aber doch noch in einem gedämpften Tonfall, so dass ihn außer ihr niemand verstehen konnte: „Natürlich weiß er es. So wie all die anderen vor ihm es auch gewusst haben. Es wäre naiv anzunehmen, dass wir von all ihren Fähigkeiten Kenntnis haben und dass sie uneingeschränkt mit uns zusammenarbeiten würden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht einer von ihnen hundertprozentig kooperiert hat.“
Abermals breitete sich nach seinen Worten Schweigen aus. Ein Schweigen, das sie in zunehmendem Maße als kalt und belastend empfand. Unpersönlich. Ein Schweigen, dem Lothar mit der ihm eigenen Gleichgültigkeit begegnete, die fast schon an Desinteresse grenzte. Als ob es ihm egal war, ob sie redeten oder sprachen. Ob sie sich wohl oder unwohl fühlte.
Vielleicht war sie sogar selber daran schuld. Schließlich ist sie es gewesen, die darauf bestanden hatte, dass sie ihre Beziehung – falls man ihre gelegentlichen Treffen überhaupt als solche bezeichnen konnte – geheim hielten. So geheim, dass sie sich in der Öffentlichkeit auch trotz ihrer jahrelangen beruflichen Bekanntschaft noch immer siezten. Vielleicht hatte sie es einfach übertrieben mit ihrem Anspruch an Professionalität und Distanz und den Aufbau einer wirklichen, echten Beziehung dadurch von Anfang an unterlaufen. Möglicherweise waren seine Gleichgültigkeit und Unnahbarkeit nur eine Reaktion auf ihr Verhalten und kein eigener Schutzmechanismus, mit dem er seinerseits Menschen auf Abstand halten wollte.
Dörte hatte einen Doktortitel in Psychiatrie und einen weiteren in Psychologie, und dennoch hatte sie manchmal das Gefühl, das sie nicht einmal ansatzweise in der Lage war, Männer wie Lothar richtig zu verstehen. Zugegebenermaßen war Lothar kein Mann wie jeder andere, sonst hätte er kaum ihr Interesse errungen, aber immerhin war er ein Mann mit einer normalen psychischen Struktur und somit kein Vergleich zu jenem Mann, der in dem Raum jenseits der Scheibe an den Stuhl gefesselt war.
Wie konnte sie sich anmaßen, eine so komplexe und außergewöhnliche geistige Struktur begreifen zu wollen, wenn sie nicht einmal den Mann verstand, mit dem sie das Bett teilte?
Sie blendete das Ärgernis dieser Frage aus und konzentrierte sich wieder auf den Mann, der vollkommen ruhig und regungslos lag, so, als hätte er sich schon vor geraumer Zeit in das Unvermeidliche ergeben. Seine ganze Haltung signalisierte lockere Entspannung, obwohl ihm sicherlich klar war, was ihn erwartete. Aber Dörte wusste auch, dass dieser Zustand trügerisch sein konnte. Sie hatte auch das gegenteilige Verhalten des Mannes erlebt, dass ihr im Nachhinein noch kalte Schauer erzeugte. Wie all die Männer vor ihm, so war auch er vollkommen unberechenbar und extrem gefährlich. Ein wildes, verletztes und in die Enge getriebenes Tier war dagegen ein Kandidat für den Streichelzoo.
„Wir sollten beim nächsten Probanden wieder verstärkt darauf achten, dass er nicht zu lange drüben war“, sagte sie in das ausgedehnte Schweigen hinein. Diesmal hatte sie in normaler Lautstärke gesprochen. Es war schließlich ein dienstlicher Hinweis. „Da waren die Ergebnisse ungleich besser und vielversprechender.“
„Sie wissen ebenso gut wie ich, dass uns nicht immer die Möglichkeit zum Selektieren gegeben ist, Frau Dr. Biers.“ Wie erwartet war seine Antwort knapp und unverfänglich und mit einem unüberhörbaren Hauch von Zurechtweisung versehen, gegen die sie von Mal zu Mal eine immer stärkere Aversion ausprägte, auch wenn er nicht ganz Unrecht hatte. Trotzdem war es nur die halbe Wahrheit. Sicherlich, nicht jeder Mann, den sie bekommen konnten, war geeignet, aber es gab auch viele, die zumindest formal geeignet wären, jedoch von Lothar zurückgewiesen wurden, was hauptsächlich daran lag, dass er mittlerweile mehr wollte, als das ursprünglich definierte Ziel. Viel mehr. Soviel mehr, dass es ihr selbst schon Angst bereitete. Und sie war sicher, dass er ihr seine wahren Absichten nicht einmal ansatzweise dargelegt hatte. Das, was sie wusste, war das, was er ohnedies nicht auf Dauer vor ihr verbergen konnte und ihr deshalb mitgeteilt hatte und das, was sie sich selbst zusammenreimte. Ausgenommen dem, was sie wissen musste, um ihre Arbeit vollumfänglich ausüben zu können, war sie zu einem großen Teil auf Mutmaßungen angewiesen, dessen war sie sich durchaus bewusst. Aber was für eine Psychologin wäre sie, wenn sie nicht auch aus dem Unausgesprochenen gewisse Rückschlüsse ziehen könnte?
Sie waren dabei, eine Tür aufzustoßen, ohne die geringste Vorstellung davon zu haben, was sich dahinter befand.
Dörte verspürte zum ersten Mal, seit sie das Projekt begleitete, wirkliche, tiefsitzende Angst. Es war, als säßen sie auf offenen Pulverfässern, während sie gleichzeitig mit lodernden Fackeln jonglierten, ohne dass Jonglieren tatsächlich zu beherrschen. Gleichsam war sie sich darüber im Klaren, dass es für Gewissensbisse und Bedenken zu spät war. Viel zu spät. Wenn dieses Projekt – aus welchen Gründen auch immer – schiefgehen würde, wenn auch nur irgendetwas von dem, was sie wirklich hier taten, diese Forschungseinrichtung verlassen würde, dann könnte es der erste Schritt hin zu einer globalen Katastrophe sein, wie sie die Menschheit noch nicht erlebt hatte.
Schon komisch, dass mir die Tragweite dieser Gedanken erst jetzt so richtig bewusst wird. Noch immer schaute Dörte dem Mann in die Augen. Irgendetwas lag in seinem Blick, das sie gefangen nahm. Das sie gleichermaßen faszinierte und abstieß. Etwas Wissendes. Etwas Warnendes. Etwas Dunkles. Aber vielleicht bildete sie sich das auch nur ein. Der Raum war zwar hell erleuchtet, aber die Distanz zwischen ihnen betrug gute vier Meter, war also viel zu groß, als dass sie in den Augen des Mannes tatsächlich etwas lesen könnte.
Aber wenn sie ehrlich zu sich selbst war – und die meiste Zeit versuchte sie auch, es zu sein -, dann musste sie sich eingestehen, dass die Faszination ihrer Forschungen die aufkeimenden Bedenken noch immer überwog.
Was für unglaubliche Möglichkeiten noch vor ihnen lagen…
„Ich wollte damit nur deutlich machen, dass wir uns wieder auf den ursprünglichen Zweck der Aufgabe konzentrieren sollten“, sagte Dörte, darum bemüht, sich ihre Verärgerung nicht anmerken zu lassen. „Ich habe das Gefühl, dass wir uns gerade in zu vielen unterschiedlichen Bereichen engagieren.“ Sie verschwieg dabei, dass es in den ganzen Forschungen nur einen einzigen Bereich gab, der sie interessierte. Alles andere waren Bereiche, die den militärischen Komplex betrafen und für sie selbst nur von rudimentärer Bedeutung waren, auch wenn sie, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, nicht minder faszinierend waren.
„Das Ziel jedweder wissenschaftlichen Forschung ist es, Antworten zu finden. Und uns bietet sich gerade die Möglichkeit, einige Fragen parallel beantworten zu können. Ich bin der Überzeugung, dass wir diese Chance nutzen sollten, auch wenn dies ein zugegebenermaßen schwieriger und intensiver Prozess ist. Außerdem wissen Sie ebenso gut wie ich, dass diese Einrichtung Ergebnisse liefern muss, wenn sie weiterhin bestehen soll. Die Leute im Hintergrund werden sich nicht ewig in Geduld üben.“
Ja, und wer immer diese Leute im Hintergrund auch sein mögen, der eigentliche Grund ist, dass du sie mit Ergebnissen hinhalten willst, die deine eigenen Ambitionen nicht tangieren, dachte Dörte. Für wie naiv hältst du mich eigentlich?
Nun, wenigstens nicht für so naiv, dass er den Faktor Geld mit ins Spiel brachte, denn auch wenn diese Forschungsstätte mit ihrer modernsten Technik und den äußerst luxuriösen Wohn- und Freizeitanlagen sowie den extrem großzügigen Gehältern und den allumfassenden Sicherheits-, Überwachungs- und Abschirmtechniken Unsummen an Geldern alleine pro Monat verschlang, war die Finanzierung in den vergangenen Jahren, die sie bereits hier tätig war, nie auch nur mit einem einzigen Wort erwähnt worden. Die einzige Grundlage für den Fortbestand dieser Einrichtung schien tatsächlich ausschließlich davon abhängig zu sein, ob die Puppenspieler im Hintergrund mit den erzielten Fortschritten in dem zugrunde liegenden Zeitfenster zufrieden waren oder nicht.
Die Sorge, die Dörte in diesem Zusammenhang hegte, war die ungeheure Machtfülle, die in den Händen dieser Leute konzentriert wäre, wenn ihre Forschungen mit Erfolg abgeschlossen würden. Eine Machtfülle, welche die bereits vorhandene noch einmal immens steigern würde.
Laut sagte sie, um einem möglichst sachlichen Tonfall bemüht, während sie Lothar von der Seite betrachtete: „Ich habe lediglich eine fachliche Einschätzung formuliert. Das gehört ja schließlich auch zu meinem Aufgabengebiet. Die emotionale Belastung der Probanden steigt exorbitant an, je länger sie drüben sind.“
Er nahm ihre Worte ohne erkennbare Regung hin, beinahe so, als habe er sie nicht gehört. Auch eine dieser Eigenarten, die sie nicht leiden konnte, ihm aber nachsah. Wie sie so vieles an seinem Verhalten ihr gegenüber ignorierte, dass sie eigentlich verletzte. Warum sind wir Frauen in solchen Belangen immer so nachsichtig, wenn uns ein Mann etwas bedeutet? Selbst dann, wenn wir uns nicht einmal sicher sind, ob unsere Gefühle überhaupt erwidert werden?
Sieh mich an, dachte sie. Bitte sieh mich an. Nur kurz. Nur für einen einzigen, winzigen Moment! Der latente Hauch emotionaler Verzweiflung, der sie plötzlich übermannte, überraschte sie selbst ein wenig. Sie wusste, dass sie überarbeitet war. Geistig und emotional ausgebrannt durch die Intensität ihrer Arbeit, während der Mann, mit dem sie zusammen war, sich ihr gegenüber so kalt und distanziert verhielt, dass er sie gefühlsmäßig nicht auffangen konnte oder wollte und einem Eisblock ähnlicher schien, als einem menschlichen Wesen. Wenn er doch nur einen kleinen Bruchteil jener Energie, die er in dieses Projekt investierte, in das Zusammensein mit ihr investieren würde, wäre sie schon zufrieden. Soweit habe ich meine Ansprüche also schon zurückgeschraubt. Ich giere nach einem kleinen bisschen Anerkennung, nach ein klein wenig Zuneigung, wie ein pubertierender Teenager in seiner ersten Verliebtheit.Du bist ganz schön tief gesunken, meine Liebe! Der Gedanke erheiterte sie im gleichen Maße, wie er sie traurig stimmte.
Vielleicht lag es ja daran, dass sie auf Mitte Fünfzig zuging und außer ihrer hervorragenden beruflichen Reputation nichts weiter vorzuweisen hatte. Von einem geradezu unverschämt hohen Gehalt einmal abgesehen. Die vergangenen elf Jahre – und nicht nur die beruflichen, sondern auch die privaten – hatte sie nur für dieses Projekt gelebt und gearbeitet. Elf Jahre, in denen sie die Männer, mit denen sie zusammen war, an einer Hand abzählen konnte und immer noch einige Finger frei hätte. Das Schicksal schien einen bösen Sinn für Ironie zu haben, dass ausgerechnet Lothar der Mann war, der dem Begriff Beziehung am nächsten kam. Vielleicht war das der Preis, den zu zahlen man bereit sein musste, wenn man die Chance bekam, an so einem Projekt mitwirken zu dürfen. Einsamkeit und emotionale Abgeschiedenheit als Folgeerscheinung des Arbeitsverhältnisses. Keine allzu tiefen familiären Bindungen, kaum Verwandte, keine wirklichen Freunde, nur flüchtige Bekanntschaften. Ein Leben an der Oberflächlichkeit menschlichen Miteinanders.
Aber wenn unseren Forschungen Erfolg beschienen ist, und vieles deutet darauf hin, dass es in nächster Zeit zu einem Durchbruch kommen könnte, dann wäre auch der Faktor Zeit etwas, das sie ein wenig großzügiger als bislang behandeln könnten. Dann wären all die investierten Jahre nur mit einem flüchtigen Wimpernschlag zu vergleichen und sie würde die Chance bekommen, Teile ihres Lebens neu gestalten zu können, die ansonsten verloren gewesen wären.
Sie verschränkte die Arme vor der Brust, während sie Lothars kantiges Profil betrachtete. In seinem sonnengebräunten und wettergegerbten Gesicht regte sich kein Muskel. Reglos wie eine Statue schaute er weiterhin unverwandt durch die Beobachtungsscheibe.
Nur ein einziger Blick, dachte sie. Nur ein einziger Blick, der mich erkennen lässt, dass dir etwas an mir liegt. Dass ich nicht nur ein angenehmer Zeitvertreib hier am Ende der Welt für dich bin.
Vollkommen starr stand er neben ihr, ein zu Stein gewordenes Abbild seiner selbst. Er fixierte den Mann auf dem hydraulischen Liegestuhl mit der gleichen Intensität, mit der dieser sie betrachtete.
Vielleicht, um mich nicht ansehen zu müssen. Dörte vermied es, über das Deprimierende, das in diesem Gedanken lag, näher nachzudenken. Auch wenn dem ersten Anschein nach Welten zwischen euch liegen, dachte sie mit leichter Verbitterung, so seid ihr euch doch ähnlicher, als du glaubst. Beide seid ihr in euren eigenen, zerstörten Welten gefangen. Der Mann auf der Liege, weil man ihm keine Wahl gelassen hatte und du, Lothar, weil du sie dir selbst erschaffen hast. Fragt sich nur, wessen Leid am Ende das größere gewesen ist.
„Wir wären dann so weit, Herr Oberst.“ – Die Stimme von Dr. Heinz Frensch klang ruhig und distanziert, eingebettet in jenen professionellen Tonfall, den Lothar als Militär so sehr schätzte. Dörte nahm an, dass der Biogenetiker inzwischen selbst schon zu einem halben Militär mutiert war, so wie alle anderen Mitarbeiter auch, obwohl er nie gedient hatte. Was ebenfalls auf alle anderen Mitarbeiter zutraf. In all den Jahren, die sie nun schon hier zusammen lebten und arbeiteten (so wie bei ihr hatte Lothar auch bei allen anderen Wert darauf gelegt, dass sie keine familiären oder sonstigen sozialen Bindungen aufwiesen; geniale Einzelgänger, denen der Begriff Einsamkeit ebenso fremd war wie Freundschaft), war es Dörte nie gelungen, zu einem anderen Mitglied des Teams mehr Verbundenheit aufzubauen, als jene lockeren, zwanglosen Gespräche, die man in der Freizeit führte, wenn man sich auf einen Kaffee oder ein gemeinsames Essen traf.
Im Gegensatz zu ihr schien Frensch sich, gleichsam wie die meisten anderen Personen, die in das Projekt involviert waren, mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen hervorragend arrangiert zu haben. Sie wusste, dass er und die meisten anderen Wissenschaftler – Männer und Frauen, wie Lothar ihr gegenüber einmal betont hatte – in Begleitung einiger Sicherheitsleute die Einrichtung verließen und in ein Sicheres Haus fuhren, in dem sie alle Bedürfnisse, die sie hatten, ausleben konnten. Und zwar ohne jedwede Einschränkung. Als Dörte ihn einmal danach gefragt hatte, welche Bedürfnisse denn im Speziellen (vom Sexualtrieb einmal abgesehen) damit gemeint wären, hatte er sie eine Weile schweigend angesehen und dann mit steinerner Miene und ausdruckslosem Tonfall gesagt: Alle. Es gibt keine Tabus und keine Gesetze, die im Wege stünden!
Das war der Moment gewesen, als ihr zum ersten Mal vollumfänglich bewusst geworden war, welche Machtfülle diese Einrichtung nicht nur innerhalb des Komplexes, sondern auch außerhalb in sich vereinigte. Sie hatte es nicht gewagt, weitere Fragen zu stellen, aus Angst vor dem, was sie vielleicht zu hören bekommen hätte. Sie wollte die möglichen Abgründe der Menschen, mit denen sie zusammenarbeitete, nicht kennen. Nicht, wenn sich Abgründe auftaten, die weit jenseits dessen lagen, mit dem sie sich aus beruflichen Gründen bereits abgeben musste.
Die Auswahl der Mitarbeiter hat mich mehr als zwei Jahre meines Lebens gekostet, hatte Lothar ihr einmal gesagt und sie dabei mit jenem Lächeln bedacht, von dem sie nie wusste, ob es ehrlich oder vorgeschoben war. Vielleicht war es auch nur eine Maske, wie so vieles an ihm. Herausragende Wissenschaftler, empathisch betrachtet jedoch völlig unterentwickelt. Nichts weiter, als emotional verkrüppelte Genies, deren einziger Lebensinhalt ihre Arbeit darstellte. Wie sonst wäre es möglich gewesen, all die Jahre über, von der Welt dort draußen abgeschottet, berufliche Höchstleistungen zu erzielen, ohne dabei durchzudrehen? Und wenn man einmal ausbrechen musste, um von dem, was sie hier taten, Abstand zu bekommen, gab es ja noch das Sichere Haus.
Einen Moment lang war Dörte versucht gewesen, ihn danach zu fragen, ob er diese Auswahlkriterien auch auf sie angewandt hatte, aber dann hatte sie sich entschlossen, nichts zu sagen. Nicht, weil sie diesen seltenen Augenblick nicht zerstören wollte, in dem Lothar über etwas sprach, das für seine Verhältnisse schon persönlichen Charakter hatte oder weil sie die Antwort fürchtete. Sie hatte geschwiegen, weil sie die Antwort bereits kannte. Sie war auch eines dieser emotional verkrüppelten Genies ohne tieferen Bezug zu den Menschen, die sie umgaben. Aber sie war es nicht, weil sie nicht anders konnte. Sie war es, weil der Großteil der Menschheit es einfach nicht wert war, dass man sich mit ihm abgab. Die Menschheit war zu einer intellektuell deformierten Rasse verkommen, befreit von jedwedem Rückgrat, zu dumm, um eine eigene Meinung zu entwickeln und zu feige, um gegen die rasant fortschreitende Einschränkung ihrer Bürgerrechte zu protestieren. Willige und billige Arbeitsdrohnen, die das System am Laufen hielten. Zu erbärmlich, um ihnen mehr als abgrundtiefe Verachtung entgegenzubringen.
Ja, ich passe durchaus in dein Schema, Lothar, aber anders, als du denkst.
„Fangen Sie an!“ Lothars ruhige, emotionslose Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Knappe und präzise Worte, deren Intonation den Soldaten offenbarte, auch wenn er, wie jetzt, in Zivil gekleidet war. Worte, die ihr klar werden ließen, dass er ihre stumme Bitte um ein flüchtiges Zeichen seiner Zuneigung nicht erhören würde.
Dörte presste die Lippen zusammen und richtete ihren Blick wieder auf den Mann jenseits der Scheibe. Sie starrte auf den haarlosen, halbnackten Körper und auf die in den Betonboden eingelassenen Rillen, die zu dem in der Mitte des Raumes befindlichen, tiefergelegten Gully führten. In diesem Moment hätte sie selbst die Medusa lieber angesehen, als Lothar.
„Die Rückführung beginnt in zehn minus eins.“ Die Stimme von Mario Sink, dem Systemtechniker, läutete den Countdown ein.
Dörte hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass Rückführung in diesen Fällen immer Auslöschung bedeutete. Als ob die Belegung des Aktes mit einem schwächeren, unverfänglicheren Wort den Vorgang erträglicher gestalten könnte. Und vor allem für wen sollte es erträglicher werden? Von ihr selbst einmal abgesehen, gab es in diesem Raum niemanden, dem das, was nun geschehen würde, auch nur für eine einzige Sekunde den Schlaf rauben würde.
Mit einem leisen Surren, das durch die installierten Mikrophone in den Beobachtungsraum übertragen wurde, entfalteten sich die zwei Hydraulikarme, die sich bislang außerhalb ihres Blickfeldes unmittelbar unter der kahlen Betondecke befunden hatten, bis sie sich zu beiden Seiten des Liegestuhls erstreckten. Beide Hydraulikarme gingen in zweieinhalb Meter lange Rohrleitungen über, die einen Durchmesser von etwa zwei Fingerbreiten aufwiesen und in denen sich jeweils ein Dutzend Düsen befanden. Als die Arme schließlich ihre endgültige Position eingenommen hatten, schloss der Mann plötzlich seine Augen.
Dörte atmete erleichtert auf, als der Blick des Mannes nicht mehr auf ihr ruhte, doch währte diese Erleichterung nur kurz.
„Zündung“, vernahm sie hinter sich die gleichgültige Stimme des Technikers, und noch bevor der Nachhall des Wortes im Beobachtungsraum verklungen war, schlugen aus allen vierundzwanzig Düsen bleistiftdicke, blau leuchtende Flammenstrahlen, die in Sekundenschnelle den gesamten Körper des Mannes einhüllten. Das fauchende Zischen der Flammen war so klar und deutlich zu hören, dass Dörte das Gefühl hatte, als stünde sie unmittelbar neben der Liege.
Sie hatte diesen Rückführungen schon so oft beigewohnt, dass sie schon vor Jahren aufgehört hatte, sie zu zählen, und auch wenn ein Teil von ihr sie immer noch als abstoßend und primitiv empfand, so war doch die Notwendigkeit, sie durchzuführen, zwangsläufig. Sie konnten, sie durften es nicht riskieren, dass die Experimente – auch wenn sie letztendlich fehlgeschlagen waren – frei herumliefen.
