Siehst du mich? - Barbara Stengl - E-Book
Beschreibung

"Ich kenne meinen Vater nicht." Nur diesen einen Satz hat Nina, Ende dreißig, von ihrer Mutter gehört, als sie sich das letzte Mal begegnet sind. Nun ist die Mutter tot, und Nina kehrt in ihren Heimatort St. Georgen an der Gusen im oberösterreichischen Mühlviertel zurück, um gemeinsam mit ihrer betagten Großtante Resl eine Nacht lang Totenwache zu halten. Am Sarg der Mutter will Nina, die unter dem Schweigen und der Gefühlskälte ihrer Familie ein Leben lang gelitten hat, endlich Klarheit über ihre Herkunft. Ein Ringen um die Wahrheit entspinnt sich zwischen den beiden so ungleichen Frauen. Nach und nach entfaltet sich eine Familiengeschichte, die auf tragische Weise mit Geschehnissen aus der NS-Zeit verbunden ist. In Rückblenden erzählt Barbara Stengl die Biografien von Großmutter, Mutter und Tochter und legt dabei ein kaum beachtetes Kapitel der österreichischen NS-Geschichte offen. Beeindruckend setzt sie das Schweigen des Einzelnen in Bezug zum kollektiven Verdrängen – und beschreibt, wie das eine das andere befördert. Ein kluger, sprachlich fesselnder Roman darüber, wie weit familiäre und historische Lebenslügen ihre Schatten bis in die Gegenwart werfen und das Leben aller Beteiligten vergiften, bis sie sich aus diesen Lügen befreien.

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Seitenzahl:234

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BARBARA STENGL

SIEHST DU MICH?

Roman

Das Lied »Komm, großer schwarzer Vogel« auf S. 37 stammt von Liedermacher und Schauspieler Ludwig Hirsch.

Trotz sorgfältiger Recherche konnten nicht alle Rechteinhaber bzw. deren Rechtsnachfolger ausfindig gemacht werden. Sollten unberücksichtigte Rechtsansprüche bestehen, so sind diese beim Verlag geltend zu machen.

1. eBook-Ausgabe 2019© 2019 Barbara Stengl

Europa Verlag GmbH & Co. KG, München

Umschlaggestaltung und Motiv: Hauptmann & Kompanie

Werbeagentur, Zürich

Redaktion: Claudia Alt

Layout & Satz: Danai Afrati & Robert Gigler

Konvertierung: Bookwire

ePub-ISBN: 978-3-95890-265-7

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

Glossar

1. Kapitel

Die gepolsterten Stühle in der kleinen Kapelle. Es standen drei in einer Reihe an der Wand, etwa einen Meter vom Sarg entfernt. Nina betrachtete ihre Großtante Resl, wie sie gebeugt auf dem Stuhl hing. Ein Stuhl war zu viel. Erwartete Resl noch jemanden?

War da eine Vorahnung gewesen? Hatte irgendetwas, ein kleines Detail, sie vorbereitet?

Die paar Minuten vor und nach dem Anruf tauchten immer wieder auf. Ninas Gedanken klebten an diesen Minuten, wiederholten sich:

Müde hatte sie in den abgewetzten S-Bahn-Sesseln gesessen, hatte wahllos in den Gratiszeitungen geblättert.

Sie hatte gelesen. Gelesen, dass Benjamin Netanjahu zum israelischen Ministerpräsidenten wiedergewählt worden war, sie hatte über die bevorstehende Sitzung mit Milo nachgedacht, hatte ihre Gedanken sortiert. Wie würde ihre Zukunft in der Redaktion aussehen? Würde sie sich abmühen müssen mit banalen Aufträgen über den ersten August, den ersten April, den ersten Advent?

»Zu teuer. Wir sparen. Deine Filme sind zu teuer.«

Nina hatte nach Argumenten gegen Milos Einwand gesucht. Das waren vertraute Gedanken.

Dann hatte das Telefon geklingelt, normalerweise war es auf lautlos gestellt.

Und nur, weil es sie erstaunte, dass ihr Telefon so früh klingelte, und weil sie dachte, das könne nur Frank sein, vielleicht war irgendetwas mit Fanny, vielleicht wollte Milo die Sitzung absagen, hatte sie abgenommen. Reiner Zufall, sie hätte den Anruf auch verpassen können, den Anrufbeantworter zu spät abhören können, dann, wenn schon alles längst vorbei gewesen wäre.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung war weder die Stimme ihres Ehemanns noch Milos Stimme, trug aber Heimatklang in sich, den Nina erst zuordnen musste.

Es ging schnell, ein anderer Ton.

Österreich.

Ein anderes Koordinatensystem, ein Geruch nach Kindheit, Essen und Erde.

Braten, Mostäpfeln, Puderzucker, Vanilleschoten, gemähter Wiese. Die unmittelbare Nähe zu einem Früher, das Nina hinter sich gelassen hatte.

Diese Stimme, es war eine weibliche Stimme mit einem Namen, den Nina nicht verstand, auch nicht, nachdem sie nachgefragt hatte, übermittelte ihr nun sachlich und mit Anteilnahme und irgendwie erstaunt, dass ihre Mutter an den Folgen gestorben sei, an den Folgen von Krebs.

Warum hatte ihr ihre Mutter nichts davon erzählt?

Warum war ihre Mutter gestorben, ohne ein Wort über ihre Krankheit zu verlieren?

»Ich komme. Ja.«

Es überraschte sie, dass sie sofort zugesagt hatte.

Nach dem Anruf betrachtete sie ihre Hände, als ob ihre Hände etwas mit dem plötzlichen Tod ihrer Mutter zu tun hätten. Schwer lagen sie auf ihrem beigen Rock. Nina schaute aus dem Fenster, betrachtete die Hügel, die noch von der Dunkelheit zugedeckt an ihr vorbeizogen, nur ihre Nasen ragten hervor. Nina kamen sie wie schlafende Riesen vor. Sie erahnte ihre breite Silhouette und die Farben. Lange, hochragende, zitternde Schatten huschten an ihr vorbei, grau umrissen. Nina wusste, sie müsste jetzt anrufen, bei Frank, bei Resl, und doch saß sie einfach nur da, apathisch, ihre Hände bleiern, beinahe gelähmt. Und sie selbst kam sich so vor, als schwebte sie, und ihre Hände seien die Anker, die sie vor dem Wegfliegen bewahrten.

2. Kapitel

Ein Wort kam ihr in den Sinn. Ein Wort. Von weit weg kam dieses Wort, aus einer anderen Schicht kam es. Es war ein einfaches Wort, das da auftauchte: deshalb.

Und hier in dieser Kapelle neben ihrer Großtante Resl wurde es drängender.

3. Kapitel

Am Hauptbahnhof war sie ausgestiegen, hatte sich in die S-Bahn gesetzt, die sie zurückbrachte. Zu Hause rief sie in der Redaktion an, nahm ihre zweite Beileidsbekundung entgegen, rief dann bei Resl an. Resls Gesicht war sofort da. Ein Gesicht mit Eingrabungen, zerklüftet von den Spuren des Lebens, mit diesen blauen Augen, die alles genauestens registrierten.

Die sogar jetzt, obwohl Resl die Augen geschlossen hielt, Nina musterten und »Stöll di net so an« forderten. Resl, die ihr nie wirklich als Frau oder Mann erschienen war. Dieses Geschlechtslose hatte eine Grenze um ihre Großtante gezogen, die Nina nie übertreten hatte, die ihr einen Mantel des Alleinseins übergeworfen hatte, einen Mantel, den alle Frauen ihrer Familie trugen, und Nina wünschte sich, dass ihre Tochter ihn nicht erben müsste.

Sie hatte ein paar schwarze Kleider in einen Koffer geworfen, sich ins Auto gesetzt und war in Richtung Linz aufgebrochen. Vorher hatte sie noch zu Frank gesagt: »Pass auf, bitte pass auf Fanny auf.« Frank hatte genickt und geseufzt und ihr das Hotelzimmer im Gasthof »Zum Hirschen« reserviert. »Willst du wirklich alleine fahren?« Sie hatte bejaht und war dann einem »Deshalb« entgegengefahren, dessen Schnipsel in alle Richtungen verweht waren.

4. Kapitel

Warum hatte ihr ihre Mutter nichts gesagt?

Nina wusste sofort, wann sie ihre Mutter das letzte Mal gesehen hatte.

Bewegungslos lag dieses Treffen in ihrem Inneren.

Es war am sechsten Geburtstag ihrer Tochter Fanny gewesen. Es hatte geregnet, der Himmel hing grau und hochnebelverhangen über dem Boden. Die Blätter lagen wie ein glänzender Teppich vor dem Haus. Im Kiesweg vor der Haustür hatten sich kleine Seen gebildet. In die Fanny mit ihren Gummistiefeln hineinhüpfte.

Nina hatte in der Nacht nicht gut geschlafen. Sie hatte schlecht geträumt. Sie hatte sich einen Kaffee gekocht, den Garten und das braune, glitschige Laub betrachtet und gesehen, dass ihre Mutter bereits wach war. Geschminkt stand sie unter dem Dach des Gartensitzplatzes und rauchte. Marlboro. Schon seit Ewigkeiten diese Zigaretten in der roten Packung. Nina hatte die Terrassentür geöffnet und gefragt: »Kaffee?«

Die Mutter hatte genickt: »Schwarz.«

Zwischen ihren roten Fingernägeln stiegen weiße Fäden in die Luft. Sie rauchte die Zigaretten jedes Mal nur halb und zündete sich an jeder Zigarette die nächste an. Im Aschenbecher schwammen viele Zigarettenenden, auf jedem ein Lippenstiftabdruck. Sie sahen aus wie geküsst. Nina hatte zwei Tassen Kaffee geholt, hatte ihre warme Winterjacke mit dem Fellkragen angezogen und sich zu ihrer Mutter gestellt. Sie mussten ein lustiges Bild abgeben, hatte Nina gedacht. Sie, mit ihren hellen, wirren Haaren, Schlafanzug und gesteppter Jacke, ihre Mutter in Batikbluse, grauen Leggings, roten Ballerinas, geschminkt, angezogen, als hätte sie sich in der Jahreszeit geirrt.

»Ist dir nicht kalt?«

Die Mutter hatte den Kopf geschüttelt.

»Ich schenke Fanny Geld. Ich weiß nicht, wofür sie sich interessiert.«

Ninas Handgelenke hatten zu jucken begonnen, und sie kratzte sich.

Die Mutter fuhr sie scharf an: »Lass das!«

Nina hatte sich gebückt, um nasse Blätter aufzuheben, die ihre Haut kühlten. Ihre Hände wurden kalt und ihre Finger klamm. Die Mutter zündete sich eine weitere Zigarette an und schaute in den Himmel.

»Was für ein Wetter!«

Nina bewegte sich von einem Fuß auf den anderen, ihre Handgelenke schmerzten, und sie musste niesen.

»Ich gehe mal wieder rein.«

Die Mutter starrte vor sich hin, reagierte nicht und flüsterte leise, mehr zu sich selbst:

»Ich kenne meinen Vater nicht.«

»Was?«

»Schon gut.«

»Was hast du gerade gesagt?«

Die Mutter wandte ihr das Gesicht zu, sodass sie die Falten um die schmalen Lippen sehen konnte. Das Lippenstiftrot hatte sich darin verfangen, kleine rote Adern mäanderten um den Mund. Nina versuchte, ihrer Mutter in die Augen zu schauen.

»Glotz nicht so!«

Sie nahm ihre Kaffeetasse und trank einen Schluck. Ninas Kaffee war inzwischen kalt.

»Wieso sagst du so was?«

Die Mutter betrachtete ihre Ringe an den Händen.

»Mama.«

Das Gesicht der Mutter erstarrte, ihr Blick wurde abweisend, die Mundwinkel verhärteten sich zu einem schmalen Strich.

»Was hast du gesagt?«

Die Mutter schüttelte den Kopf. Nina sah ein junges Mädchen vor sich, in Batikbluse, mit hellen Haaren und klirrenden Armreifen.

Nina waren da die sonntäglichen Kirchgänge der Großmutter eingefallen. Und wie der Großvater, der jetzt vielleicht nicht mehr ihr Großvater war, sie betitelt hatte:

»Eine verlogene Angelegenheit.«

An diesen Sonntagen war der Großvater stets alleine zu Hause geblieben, und die Überwachung der Winkel im Haus hatte nicht stattgefunden. Die Herrscherin war mit Nina in der Kirche. Wenn sie zurückkamen, war der Großvater meistens betrunken. Resl setzte sich dann mit dem Großvater an den Plastiktischtuchtisch und trank mit ihm, bis er einschlief. Nachher weinte die Großmutter an diesem Tisch, den Kopf in den Händen. Resl war danebengestanden.

»Er war nicht dein Vater? Wer ist denn dein Vater?«

»Weiß nicht.«

»Wer hat dir das erzählt?«

Die Mutter drehte den Kopf zur Seite, nahm eine Zigarette aus der Packung und zündete sie an. Nina war damals auf ihre lange, schmale Mutter zugegangen, hatte sie an den Armen gepackt und sie geschüttelt.

»Mama!«

Ihre Mutter hatte nicht reagiert, sie hatte die Lippen fest aufeinandergepresst. Nina hatte sie abrupt losgelassen, sich abgewandt und war zurück ins Haus gegangen.

Im Haus hatte Frank am Küchentisch gesessen. Er war noch vom Schlaf zerzaust. Seine braunen Haare waren ungekämmt, und selbst sein kurzer Bart stand wirr in seinem Gesicht. Er hatte in der Sonntagszeitung gelesen. Nina erinnerte sich noch an die Schlagzeile: Jörg Haider bei Autounfall gestorben. Auf dem Titelblatt ein zertrümmerter schwarzer Wagen, der sich mehrmals überschlagen hatte. Frank hatte von der Zeitung aufgeschaut und »Na?« gesagt. Es war eine Frage, mehr nicht. Klein und harmlos.

»Was, na?«

»Ja, wie geht es deiner Mutter?«

»Wie soll es ihr schon gehen? So wie immer geht es ihr.«

Ninas Handgelenke brannten, und sie hatte sich heftig gekratzt.

»Hör auf zu kratzen, Nina.«

Nina hatte für einen Augenblick ihre rechte Hand vom linken Handgelenk genommen, doch der Drang zu kratzen war größer, und so kratzte sie weiter, bis die Stelle blutete. Sie zog ihr langärmeliges Oberteil über ihre Handgelenke und ging zum Küchenschrank, nahm die Desinfektionscreme heraus und schmierte sich die Haut ein. Der Schmerz war stechend. Sie schaute auf die offene Stelle. Dann holte sie einen Verband aus dem Schrank und umwickelte umständlich ihr Handgelenk. Die Mutter kam in die Küche, stellte die zwei Kaffeetassen auf den Tisch.

»Hat sie es dir schon erzählt?«

Frank blickte von Nina zur Mutter und wieder zu Nina. Nina hatte sich gewundert. Warum wollte ihre Mutter, dass Frank davon erfuhr?

»Ich kenne meinen Vater nicht.«

Langsam wie für ein Protokoll hatte sie diesen Satz geformt.

»Wie?« In Franks Gesichtsausdruck lag etwas Genervtes, eine Mahnung, ihn morgens nicht zu stören, und schon gar nicht mit solchen Geschichten. Er hatte mit hochgezogenen Augenbrauen in Ninas Richtung geblinzelt.

»Das ist doch nur eine deiner Geschichten. Das denkst du dir aus.« Als ob er Fliegen verscheuchen wollte. Nein. Diesmal nicht. Diesmal stimmte es.

Warum war sie so sicher, dass ihre Mutter die Wahrheit gesagt hatte?

Es lag an der Art, wie sie es gesagt hatte. Sie kannte ihn. Diesen Ton, der Träume platzen ließ.

So wie damals.

Als sie mit ihren Großeltern beim Schulleiter saß und erfuhr, warum sie nicht bei der Mutter, sondern bei den Großeltern lebte. Die Großeltern hatten nie über die Mutter geredet, und Nina hatte nie gefragt, nie.

Es war fast so, als gäbe es sie gar nicht. Ihre Mutter.

Eine Mitschülerin aus ihrer Klasse hatte während der Pause einen dummen Spruch gemacht. Sie rief über den ganzen Schulhof: »Du bist genauso narrisch wie doa Mutter!«

Nina hatte dem Mädchen mit aller Wucht gegen das Schienbein getreten. Das hatte Folgen. Sie wurde zum Schuldirektor gebeten.

Nina erinnerte sich noch, wie sie den Schuldirektor angeblickt und den Satz des Mädchens wiederholt hatte.

Es war eine Pause eingetreten, und Nina hatte draußen die Vögel zwitschern gehört. Sie stand dem Schuldirektor gegenüber und realisierte, dass sie etwas nicht wusste, was alle um sie herum wussten.

Der Direktor hatte aus dem Fenster geschaut, genickt und sie dann aus dem Zimmer geschickt mit der Bitte, auf den Wartesesseln vor der Tür Platz zu nehmen. Als sie draußen saß, dachte sie an ihre Mutter. An den Abschied. In der Küche der Großeltern.

Die Mutter hatte ihr Beautycase auf den Esstisch mit der Plastiktischdecke gestellt. Der Fernseher lief, der Großvater schaute den Musikantenstadl, und die Mutter schminkte sich.

Zuerst tupfte sie sich Creme ins Gesicht. Danach: eine Schicht Make-up, Rouge. Wimperntusche und Lippenstift zum Schluss. Nina hatte genau hingeschaut: Ihre Mutter hatte sich in eine Unbekannte verwandelt.

Eine schöne Unbekannte.

Dort vor der Tür des Direktors war auf der weißen Wand das Gesicht der Mutter erschienen. Nina sah, wie sich das Gesicht zu ihr beugte. Sie küsste und flüsterte: »Sei schön brav, mein Schatz. Oma und Opa passen jetzt ein Weilchen auf dich auf.« Dann verschwand das Gesicht.

Ihre Großeltern kamen in die Schule. Das erste Mal in all den Jahren, in denen sie bei ihnen lebte. Zu dritt wurden sie ins Zimmer des Schulleiters gerufen. Die Großeltern setzten sich gerade auf die Vorderkante der Stühle. Wie Kerzen, dachte Nina. Die Großmutter trug ihr Sonntagskleid, das sie sonst für die Kirche aufsparte. Der Großvater seinen Anzug. Nina wickelte ihre Haarsträhnen um den rechten Zeigefinger. Sie wusste, dass die Großmutter dies nicht mochte.

Der Schulleiter schaute die Großeltern an, betrachtete Nina und forderte dann: »Sie müssen es ihr sagen.«

»Was?«, platzte es aus Nina heraus. »Was müssen sie mir sagen?« Sie wusste, wenn sie erst wieder zu Hause waren in dieser durch Handlungen durchtränkten Sicherheit, würden sie es ihr nicht sagen. In dieser Großmutter- und Großvater-Zeit gab es Handlungen, keine Worte. »Sagen Sie es mir!« Der Schulleiter schaute auf seine Schreibtischpapiere. Nina rutschte auf dem Stuhl hin und her, wippte.

»Loss des!«, flüsterte die Großmutter.

Nina hörte auf, sich mit den Füßen vom Boden wegzuschieben. Sie betrachtete die weiße Wand hinter dem Schulleiter, wartete auf das Gesicht der Mutter und murmelte: »Wenn ihr es mir nicht sagt, dann bringe ich mich um.«

»Hoit die Goschn!«, sagte die Großmutter und begann zu weinen.

Ninas Schläfen pochten, ihr Kopf schien zu zerbersten. Sie spürte, dass der Schulleiter auf ihrer Seite war. Mit ihm hatte sie eine Chance.

Sie stand auf und zischte: »Sonst leg ich mich auf die Gleise.«

Der Großvater sagte mit fester Stimme: »Mir gehn.«

Der Schulleiter beschwichtigte: »Die anderen Mädchen hänseln sie deswegen. Sie müssen doch einsehen, es ist das Beste, wenn sie es weiß.«

»Wenn ich was weiß?«, drängte Nina. »Wollt ihr mich genauso loswerden wie die Mama?«

Der Großvater packte Nina am Arm. Sie befreite sich aus seinem Griff. Stieß ihn weg. Er gab ihr eine Ohrfeige.

Ihr Kopf flog zur Seite. Der Schmerz störte sie nicht. Es störte sie, dass sie auf der weißen Wand das Gesicht ihrer Mutter nicht mehr sah. Der Schulleiter war aufgesprungen und hatte sich zwischen Nina und den alten Mann gestellt. Nina zitterte. »Gehen Sie«, presste der Schulleiter heraus. Nina schaute in seine Augen. Sie waren grün mit braunen Sprenkeln. Sie setzte sich auf den Stuhl und fragte: »Wo ist meine Mutter?«

5. Kapitel

Sie hatte auf ihrer Fahrt aus der Schweiz an das Haus der Großeltern denken müssen, an die Ecken und Winkel des Hauses, die sie damals als Kind und Jugendliche auswendig kannte, an diese Ecken, die alle ihre Besitzer hatten. Die meisten gehörten ihrer Großmutter. Die Ordnung, die im Haus ihrer Großeltern geherrscht hatte. Überall saubere Ecken, in denen Kreuze hingen. Der Großvater schnitzte sie selbst, unten im Keller, neben den Kohlen, der Waschküche, dem gestapelten Holz und der Räucherkammer. Und sie hatte an St. Georgen an der Gusen denken müssen. An die feuchtigkeitsgesättigte Luft des Marktes, das Gelb einiger Häuser, als man sich noch für was Besseres hielt, als die zwei Ks noch galten, um später abzustürzen, zu zerschellen. An dieses Land und diesen Markt, kultivierte Rückwärtsgewandtheit, nicht im Jetzt angekommen, ließ nicht los an seiner Vergangenheit, behauptete noch immer, alles sei gut und alles sei bestens. »Passt scho.« Das Mantra des Marktes, der Region, ein »Passt scho«, das den Balanceakt zwischen Hängenbleiben und Vorwärtsschreiten austarierte, sodass sich nichts bewegte und alles beim Alten blieb. Sicherlich gab es noch einige unter den Bewohnern des Marktes, die den Geschichtsbüchern aus dem Jahr 1955 glaubten, als man schrieb, »er« sei gekommen und habe Österreich annektiert.

Im Auto nach St. Georgen an der Gusen war er wieder da gewesen, ihr Kindheitskeller. Sie war ihm entgegengefahren, obwohl er schon lange einer anderen Familie gehörte und schon lange nicht mehr so roch wie damals, sondern jetzt eine Sauna in sich barg und wahrscheinlich auch eine Tischtennisplatte, zumindest vermutete Nina dies. In ihrem Keller hatte es nach Sägespänen, Speck und Waschmittel gerochen. Nina war wieder eingefallen, wie sie an dem Tag, an dem sie erfuhr, warum sie nicht bei ihrer Mutter leben konnte, quer durch den Ort diesem Keller entgegengegangen war.

Schweigend war sie damals neben den Großeltern hergelaufen. Sie hatten das Musikschulgebäude passiert, die weiten gelben Felder, die von Sträuchern und Eschen gesäumt wurden. Sie liefen durch die Einfamilienhaussiedlung mit den Thujenhecken und den großen Straßenlaternen, die an eine andere Zeit erinnerten, sie liefen vorbei an den schmalen Häusern, die immer leer standen, sie liefen den Hügel hinauf, an den Höhlen vorbei, in die sich die Kinder manchmal nach der Schule hineinwagten, um Sachen zu suchen, sie liefen an der Sandgrube vorbei, in die es strengstens untersagt war hinunterzuklettern – sie taten es trotzdem –, dann ging es den Berg hinauf, und sie bogen in ihre Straße ein, in die Bernsteinstraße, in der auf beiden Seiten Häuser mit großen Gärten ragten, bis sie vor ihrem Haus standen, umgeben von einem Holzzaun, in der Mitte des Vorgartens eine große Blautanne, unter die sich Nina im Sommer manchmal verkroch.

In Ninas Erinnerung wehte an diesem Tag ein heftiger Wind durch die Zimmer des Hauses, Türen knallten, die Großmutter saß am Tisch und weinte, als ob sie großer Kummer plage, geheime Schubladen wurden auf- und wieder zugezogen.

Nina ging sofort in ihr Zimmer, schloss die Tür hinter sich, legte sich auf ihr Bett, zog die Daunendecke über sich und starrte an die Wand.

Die Daunen der Decke rutschten in eine Ecke, sodass nur ein Teil ihres Körpers gewärmt wurde. Nina versuchte erst gar nicht, die Daunen aufzuschütteln, sie wusste, es war ein Ding der Unmöglichkeit, dass sie sich gleichmäßig in der Decke verteilten.

Nina lag im Bett und hörte den Geräuschen von unten zu. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, also lauschte sie. Sie war hellwach, ihre Sinne registrierten überdimensional alle Einzelheiten. Die Geräusche, die Gerüche.

Irgendwann rief die Großmutter von unten: »Es wär zum Essn!«

Nina reagierte nicht, sie blieb weiterhin auf ihrem Bett liegen und starrte an die Decke. Sie wollte jetzt nicht an diesem Tisch sitzen und schweigend kauen. Keiner kam herauf, um sie zu holen, es folgte auch kein zweites Rufen. Sie hörte dem Geklapper des Geschirrs zu, sie sah ihre Großeltern beim Essen, ihren Großvater, wie er das Essen lobte, und die Großmutter, wie sie nickte und leicht lächelte, nie wirklich fröhlich, immer ein bisschen leidend.

Nina kannte den Rhythmus des Hauses. Ihre Großmutter würde nach dem Essen das Geschirr abwaschen, dazu würde sie das Wasser benutzen, das den ganzen Tag auf dem Holzherd warm gehalten wurde. Jeder dieser Handgriffe würde begleitet sein von einem Summen. Der Großvater würde währenddessen den Fernseher anschalten und seine Sendungen anschauen, auch um dem Summen nicht ausgesetzt zu sein.

Nina sah die Bewegungen des älteren Ehepaars vor sich, die der Großmutter rund und fließend, die des Großvaters kantig und gezielt, und sie kannte den Wortlaut der wenigen Sätze, die sie miteinander teilten. Das alles war ihr vertraut. Die üblichen Geräusche kündigten das Zubettgehen der Großeltern an: der Wasserhahn, die Klospülung, das Scharren der Tür.

Immer noch lauschend setzte sich Nina auf, schob die Decke zur Seite, setzte einen Fuß neben den anderen auf den Fleckerlteppich. Lauschte erneut: Wie atmeten die Großeltern? Schliefen sie? Sie hörte das Schnarchen des Großvaters. Leise schlich sie die Treppe hinab, hinunter in die Küche, in der es immer noch nach Essen roch. Dort stand sie unschlüssig im Dunkeln, als ob sie etwas suchte. Jetzt, ohne Ofenwärme, war es ungemütlich kalt in diesem Raum. Nina betrachtete den Fernseher und überlegte, ob sie ihn anstellen sollte. Sie ließ es bleiben, die Großeltern würden aufwachen und sie zur Rede stellen, und das wollte sie nicht. Auf dem Fernseher lag ein gehäkeltes Deckchen, und auf diesem Deckchen stand ein gerahmtes Foto von ihr und ihrer Mutter. Zwei lächelnde Menschen. Sie nahm das Bild vom Fernseher und betrachtete es. Zum ersten Mal erkannte sie die Falschheit dieses Lächelns, und sie erinnerte sich, wie dieses Foto zustande gekommen war, wie sie sich gezwungen hatte, zu lächeln und fröhlich zu wirken, wie sie sich gezwungen hatte, neben ihrer Mutter zu stehen, ihre Hand zu halten und in die Kamera zu schauen. Etwas an ihr hatte gezogen, hatte sie in eine andere Richtung gezogen. Weg von diesem Lächeln, hin zu etwas, was sie selbst nicht kannte. Jetzt leuchtete ihr die Falschheit dieses Lächelns entgegen.

Nina ging zur Kommode mit den dicken Schubladen. Ihre Großeltern bewahrten darin allerlei Erinnerungsstücke auf, die Blockflöte der Mutter lag dort. Nina nahm die Blockflöte aus der Schublade, spürte das glatte Holz in ihren Händen. »Rosenholz«, hatte der Großvater gesagt, und in seiner Stimme hatte etwas gelegen, das Nina zu verstehen gab, dass Rosenholz etwas Wertvolles war.

Sie stieg die Steinstufen in den Keller hinab. Der Temperaturunterschied war groß. Die Wohnküche war der einzige Raum des Hauses, der wirklich geheizt wurde. Ich könnte eine Lungenentzündung kriegen, dachte sie. An der Hobelbank betrachtete sie eine Holzfigur, die sie als Siebenjährige geschnitzt hatte, einen Pinocchio. Der Großvater hatte sie aufgehoben, obwohl sie nie fertiggestellt wurde. Nina wusste, er hoffte darauf, dass sie sich dieser Figur wieder zuwenden würde.

Nina nahm die Figur vom Fensterbrett und ging zum Holzklotz, in dem die Axt des Großvaters steckte.

Dort stellte sie das Bild, die Flöte und ihre Figur ab. Sie zog die Axt aus dem Holz, hob sie hoch. Sie war schwer, sie musste beide Hände nehmen, um sie zu halten. Dann schwang sie die Axt über den Kopf und schlug auf ihre Figur ein. Es fiel ihr nicht leicht, richtig zu zielen. Das Holz splitterte ein wenig, aber es war zu fest, und Nina hatte nicht genügend Kraft, um diese Figur zu zerteilen. Das Bild von ihrer Mutter und ihr fiel auf den Boden. Sie schaute auf die Blockflöte, die neben dem Pinocchio lag, und mit einem Schlag hatte sie das Instrument zerteilt. Rosenholz war ein hartes Holz.

Nina hatte die Flötenteile in den Ofen der Großmutter geworfen, zu den anderen Holzscheiten, in der Hoffnung, dass ihre Tat unbemerkt bliebe.

In dieser Nacht war sie wieder hinaufgeschlichen, zurück in ihr Zimmer. Sie hatte sich ins Bett gelegt und ihren Körper an die Daunendecke angepasst. Das Bild mit ihrer Mutter hatte sie auf den Nachttisch gestellt, es war gesprungen. Sie betete, dass niemand das Verschwinden der Flöte bemerken würde. Doch die Großeltern registrierten es bereits am nächsten Tag.

Dann war Resl gekommen und hatte gesagt, dass es an der Zeit sei. Und Nina wurde weggeschickt, in ein Internat.

6. Kapitel

Nina hatte bei Resl den Schlüssel für die Wohnung ihrer Mutter geholt, sie hatte den Totenschein ausstellen lassen, mit dem jungen Arzt ein paar Worte gewechselt und der freundlichen Schwester die Hand geschüttelt.

Sie war in die Wohnung der Mutter gefahren, hatte sie betreten, zum ersten Mal. Nina hatte Chaos erwartet, eine schmutzige Küche mit dreckigem Geschirr, ungewaschene Wäsche, Essensreste, den Geruch nach Krankheit. Aber in dem Zweizimmer-Appartement herrschte penible Sauberkeit. Das weiße Sofa, die hellen Sessel, der kleine hölzerne Esstisch und die Stühle wirkten wie Attrappen, die nur vorgaben, Möbel zu sein, die ihren vorbestimmten Zweck vergessen hatten. Es war eine Wohnung ohne Ablageflächen, keine Beistelltische, keine Kommoden, nichts, worauf sich Rechnungen, Eintrittskarten, Kassenbelege, Postkarten, Zeitungen, Erinnerungen hätten einnisten können. Ihre Mutter hatte keine Fotos und Bilder aufgehängt.

Nina fuhr mit der Hand die weiße Raufasertapete entlang und hätte gerne mit einem Bleistift »Scheiße« an die Wand geschrieben, so wie neulich ihre Tochter. Sie nahm die Hand von der Wand, wischte sie an ihrem schwarzen Kleid ab. Betrachtete diese Raufasertapete und dachte dabei an einen experimentellen Film, den sie in einer Ausstellung in Zürich mal gesehen hatte. Da waren aus so einer Raufasertapete viele kleine Gesichter hervorgetreten, Zwergengesichter mit einem verschrobenen Grinsen zwischen den Backen.

Im Schlafzimmer hatte Nina den Kleiderschrank geöffnet. Sie hatte die bunten Kleider betrachtet, die ihr wie Geister vorkamen und nicht in diese Wohnung passten. Sie hatte das rote Sommerkleid aus dem Schrank genommen, das Kleid, das ihre Mutter im Frankreichurlaub, dem einzigen gemeinsamen Urlaub, getragen hatte. Schnell war Nina aus ihrem schwarzen Blusenkleid geschlüpft und hatte das Kleid angezogen. Es war das erste Mal, dass sie ein Kleidungsstück ihrer Mutter anprobierte. Das Kleid saß etwas locker. Nina war schlanker und etwas größer als ihre Mutter, hatte schmalere Hüften und weniger Busen. Sie verknotete die Bänder hinten im Nacken, ihre Schultern frei, blass, sie stellte sich vor den Spiegel und betrachtete sich. Dieses Kleid ließ sie wie ein billiges Mädchen wirken, wie ein alterndes Mannequin. Sie schaute ihr Spiegelbild an und forschte in ihren Gesichtszügen nach sich selbst. Nina starrte in den Spiegel und merkte, dass sie sich selbst wie eine Voyeurin betrachtete, dass sie das Nagende in ihrem Gesicht nicht zuordnen konnte. In ihrem Blick lag etwas Sezierendes, etwas, das durchschnitt, trennte, aber sie wusste nicht genau, was sie wovon trennte. Es fehlte etwas, da in ihrem Gesicht.

Sie strich an ihrem Körper entlang, über den fließenden Viskosestoff des Kleides. Neben dem Schrank aufgereiht standen die Schuhe der Mutter. Die hohen Sommersandalen, die ihr Frank damals in Frankreich gekauft hatte. Nina schlüpfte hinein. Wie angegossen umschmiegten sie ihre Füße. Dann öffnete sie ihre hochgesteckten Haare, fuhr sich durch ihr helles Haar. Jetzt wäre es schwierig gewesen, sie und ihre Mutter auseinanderzuhalten. So lief sie durch diese Wohnung. Sie ging ins Wohnzimmer zurück und setzte sich auf den Stuhl und betrachtete die kahlen Wände des Appartements.

Diese weiße Wand verschlug ihr den Atem. In die Küche.

Schnell.

Dort öffnete sie Schränke, suchte nach Kapseln für die Kaffeemaschine, sie wollte, so wie ihre Mutter es getan haben musste, einen Kaffee kochen, fand Kaffeekapseln im aufgeräumten Schrank, der neben Zwieback sonst nichts mehr aufbewahrte, füllte den Wassertank der kleinen Maschine, suchte nach den Kaffeetassen, vier gab es, vier war eine zu wenig, sie waren fünf Frauen. Resl und Liesl. Schwestern. Großtante und Großmutter.

Ihre Tochter Fanny, ihre Mutter und sie. Wen hatte ihre Mutter vergessen wollen?

Nina drückte auf das Symbol mit der Tasse. Ihre Mutter trank den Kaffee schwarz. Sie setzte sich mit dem Kaffee an den runden Küchentisch und fror. Der Kaffee dampfte, sie rührte ihn nicht an. Sie stolperte ins Schlafzimmer zurück, legte sich mit Kleid und Schuhen in das Bett der Mutter. Zog die Bettdecke über sich, wälzte sich auf den Bauch, drehte sich zur Seite, umschlang ihre Beine mit den Armen, lag da in dieser embryohaften Biegung wie eine verpuppte Larve, wiegte sich hin und her, begann zu summen, irgendein altes Kinderlied.

Dr. Schuberli, ihr erster Mann, ihre erste sogenannte Liebe, ihr Psychiater, kam ihr in den Sinn. Sie sah ihn vor sich, und sie spürte die gleiche Enge in ihrem Körper jetzt, so wie damals, als es endete. Sie wollte nicht an ihn denken, doch das Bild seiner schlanken Statur, der rötlichen Haare, der Ton seiner ruhigen Stimme wich nicht von ihr. Was würde er sie jetzt fragen?